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Hände des Grauens, Platz 2: Herr Schnabel

09 Dez

Manchmal muss man sich in die Hände anderer Menschen begeben, denen man dann temporär hilflos ausgeliefert ist. Dazu gehören Friseure, aber auch Ärzte jeglicher Art.

Manchmal sind das die weichen Hände von umsichtigen, professionellen Menschen.

Manchmal sind es Hände des Grauens.
Hier Platz zwei meiner persönlichen Top 3-Liste.

“Aufi, Junge, es geht zum Putzer!”
Das war so ziemlich das Schlimmste, was mein Vater an einem Samstag Vormittag sagen konnte.

Wir befinden uns weit, weit in der Vergangenheit. Lange bevor mir Entscheidungsfreiheit in Bezug auf gewisse Dinge eingeräumt wurde und kurz bevor mein Dad seine “Jeden-Samstag-in-den-Baumarkt-Sucht” entwickelte.

Samstage waren in der Welt des kleinen Silencers etwas Wundervolles, das in dem Orangeton strahlte, dem dieser Tag in der Hörzu zugeordnet war. Beide Elternteile waren zu Hause, morgens wurde zum Kaufmann an der Ecke gegangen und der Wochenendeinkauf klargemacht. Das machten mein Vater und ich, und wenn wir mit den frischen Brötchen nach Hause kamen, hatten meine Schwester und Mutter den Frühstückstisch und den Kakao fertig. Nach dem Frühstück stand Garten oder was Spielen an, oder Oma besuchen oder was anders Schönes machen, wie…

“JUNGE! Wo bleibst Du denn? Es geht zum Putzer!”

Nun, das war NICHTS Schönes. Eben noch verspielter Welpe, gebärdete ich mich bei Sätzen, in denen “Putzer” vorkam, wie ein Hund, der spürt, das es zum Tierarzt geht: Verkriechen und Winseln.
Nützte natürlich nie was, klar.

Irgendwann war mein Widerstand gebrochen, sei es durch Bestechung, sei es durch Drohungen. Ich fand mich in unserem alten Corolla wieder, und ab ging es. Durch den Ortskern, vorbei an der Dorfkneipe mit dem großen Schild “Platz für 1000″ (und dem kleinen Schild darunter: “nach und nach” – ein Brüller!), vorbei an den Posthäusern (in denen wohnten die Postbediensteten) bis in die alte Eisenbahnersiedlung. Dort wohnten früher mal Eisenbahner, zu dem Zeitpunkt, an dem diese Geschichte spielt, wohnten da einfach alle, die nicht viel Geld hatten. Es waren mehrere, identische Wohnblöcke. Drei Stockwerke hoch, je sechs Wohnungen. Die alten Häuser stammten aus der Zeit vor der Jahrhundertwende und hatten ihre grau-schwarze Farbe wahrscheinlich noch von Dampfloks.

Die Häuser wurden unheimlicher, je näher wir auf sie zugingen. Mein Vater klingelte. Man hörte schwere Schritte, die das Treppenhaus hinabpolterten, eine Gegensprechanlage gab es nicht. Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf eine Frau in einer Kittelschürze frei, deren Frisur dem Nest eines Vogels auf schweren Drogen glich und deren Figur… nun, sagen wir es mal so: Manche Frauen in den Sechzigern sind nicht “rundlich” oder “etwas mollig”. Manche Frauen sind fett. Und hässlich.

“Ah, die Familie Silencer! Ist es schon wieder soweit?”
Ich biss mir auf die Lippen und schüttelte den Kopf so heftig, dass er fast abfiel. Mein Vater stieß sein meckerndes, falsches Lachen aus. “Ha. Haha.” Das machte er immer, wenn Fremde in der Nähe waren.
“Mein Mann kommt gleich. Ich sage ihm Bescheid.”

Wir standen im dämmrigen Treppenhaus. Es roch nach Bohnerwachs. Es gab nur winzige Fenster, und kaum eine Fliese an den Wänden des Treppenaufgangs, die nicht gesprungen war. Das Haus zitterte leicht, als in einer Entfernung von 50 Metern Luftlinie ein Zug vorbeirumpelte.

Die Treppe knirschte. Das war er.
Der Putzer.
Herr Schnabel.

Herr Schnabel war das genaue Gegenteil seiner Frau. Geradezu dürr, mit streng zurückgekämmten Haaren, die mit Pomade fixiert waren
“Folgen Sie mirrr”, schnarrte er wie eine schlechte Imitation eines transsylvanischen Adligen.
Wir folgten ihm.

Eine kurze Treppe hinab in den Kellergang. An den einzelnen Kellerabteilen der Hausbewohner vorbei. Durch eine weitere Tür und einen weiteren Gang mit gekalkten Wänden entlang, unter dessen Decke eine nackte Glühbirne ein mattes Funzeln verbreitete. Ich drückte mich an rechte Seite des Gangs, wohl wissend, dass der Kalk an den Klamotten für Schimpfe von Mutter sorgen würde. Aber auf der linken Seite befanden sich die Kaninchenställe.

Alle Kinder lieben Kaninchen? HA! Wer sowas sagt, hat dabei kuschelige Zwerghoppel vor Augen, aber nicht die 20 Kilo-Monstren, die Herr Schnabel dort unten züchtete. Solche Viecher wurde zum Essen gezüchtet, und das wussten sie auch. Ich wiederum wusste, dass die das wussten, und dass sie umgekehrt jedem Menschen den Kopf abnagen würden, wenn sie nur Gelegenheit dazu bekämen. Bis es soweit war, hielt ich mich von den Riesenkarnickeln entfernt, deren Augen dort im Dunkel glühten.

Gegen die Killerkarnickel war es fast eine Erleichterung endlich das Ziel zur erreichen: Eine Holztür mit der Aufschrift “Waschkeller”. Dahinter befanden sich nicht nur Waschmaschinen. In der Ecke stand ein alter Barbierstuhl vor einem angelaufenen Spiegel. Darum herum lagen alle möglichen Fläschchen, Kämme, Bürsten und Berge von Haaren verstreut.

“Werrrr will zuerrrst?”, fragte Herr Schnabel.
“Nehmen Sie zuerst den Jungen. Ha, Haha”, meckerte mein Vater und drückte mich in den Stuhl.
Herr Schnabel griff mit seinen langen Fingern nach einer Schere.
“Wie soll es denn sein?”, fragte er.
“Kürzer als jetzt. Ha. Haha.”, antwortete mein Vater.
“Also Fasssson”, sagte Herr Schnabel. Ich wurde nicht gefragt, aber das wäre auch egal gewesen was ich mir wünschte. Herr Schnabel konnte nämlich nur Façon schneiden.

Vorsichtig fuhr er mit dem Kamm durch meine Haare.
Ich biss mir auf die Lippen.
Herr Schnabel setzte die Schere an.
Ich kniff die Augen zusammen.

Dann kam der Schmerz.

Herr Schnabel schnitt nämlich die Haare nicht einfach.

Entweder war sein Werkzeug immer stumpf, oder es lag an seinen Bewegungen: Es fühlte sich so an, als ob er entweder die (stumpfe) Schere um ein Büschel Haare schloss und dann darin riss. Oder, während er halb geschnitten hatte, schon seine Hand abwärts bewegte. Der Effekt war derselbe: Es tat höllisch weh. Und, OK, später hatte man weniger Haare auf dem Kopf als vor dem Besuch bei Herrn Schnabel, aber man sah auch so richtig scheiße aus.

Die Schnabel-Jahre waren die Hölle. Noch heute klingen mir die Schlussworte im Ohr, wenn er mit einem Zerstäuber auf mich zukam: “Noch etwas Haarrrwasserrrr?”
“NEIN!”
“Ja, machen Sie mal. Ha. Haha.”
Die Welt versank in einer Wolke öligen Kräutergemischs. Ich hasste Haarwasser, Kaninchen, Friseure und Samstage.

Ich habe nie erfahren was Herr Schnabel eigentlich im echten Leben gemacht hat, bevor er schwarz, im Waschkeller hinter den Killerkarnickeln, anderen Leuten für ein paar Mark die Haare schnitt. Ich wusste aber eines ganz genau: Das war ungerecht. Während Vater meinen Samstag in einen grauen Höllenpfuhl voller Schmerzen und Killerkarnickel verwandelte, durfte meine Schwester was mit meiner Mutter unternehmen. Und wenn Haareschneiden anstand,  gingen die beiden natürlich nicht zu Schnabel, den sie für unfähig hielten,  sondern in den hellen, freundlichen Friseursalon im Dorf. Dem ich immer neidische Blicke zuwarf, wenn ich mit meiner beschissenen Schnabel-Façon-Chemotherapie-Frisur daran vorbei musste.

Lesen Sie in Teil III der “Hände des Grauens”: Eine wirklich gruselige Geschichte.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 9. Dezember 2008 in Historisches

 

8 Antworten zu “Hände des Grauens, Platz 2: Herr Schnabel

  1. zimtapfel

    9. Dezember 2008 at 23:01

    Uaaaah, gruselig! Ich sollte Oma vermutlich dankbar sein, das ich sie immer in “Marions Frisierstübchen” begleiten durfte…

     
  2. ruediger

    10. Dezember 2008 at 08:57

    fast schon traumatisch beschrieben – keine schöne Erfahrung.

    Soweit ich mich noch erinnere, hat bei uns eine nette Nachbarin die Haare gegen ein verträgliches Handgeld geschnitten – quasi die Block-Friseurin. Ich kann mir nur an die Sorte von Gesprächen erinnern, die man als kleiner Bub so gar nicht versteht, weil ständig von einem gesprochen wird, als wäre man gar nicht da.

    * Ach was ist er groß geworden.
    * Ist er denn brav?
    * Was macht er in der Schule?
    * Der Bub hat so tolle Haare.
    * ..

     
  3. skriegel

    10. Dezember 2008 at 11:30

    Als ich noch nicht wusste, dass Haare keine Nerven haben, hatte ich Angst vor JEDEM Friseur. Diese wiederum lobten mich immer, wie still ich doch gesessen hätte, das hätte man selten.
    Klar. War medizinisch gesehen ja auch eine simple Schockstarre…

     
  4. Donkys Freund

    10. Dezember 2008 at 21:54

    Gruselig. Ich werde immernoch zum Tier, wenn mir jemand (meistens ungefähr 8 Jahre oder alternativ ein Reißverschluss) an den Haaren zieht.

    Aber warum hieß der Mann “Putzer”?

     
  5. Schildmaid

    10. Dezember 2008 at 23:34

    @Donkys Freund: “Putzer” ist, glaube ich, so eine südniedersächsische regionalsprachliche Gegebenheit. Mein Vater sagte auch immer: “Ich muss zum Putzer.” wenn er zum Haarschneiden gehen wollte. :-D
    Vielleicht stammt das ursprünglich aus der Richtung “Putzmacherin”, also eine Frau bezeichnend, die für den “Putz” im Sinne von “Herausputzen” = “Hübsch machen” sorgte. Eine Putzmacherin war für Hüte etc zuständig. Und dementsprechend hoch angesehen und gut bezahlt, wenn sie ihren Job drauf hatte. 8-)

    @Silencer: Ein wunderbarer Beitrag ist hier Deiner Feder entsprungen! Chapeau. Dieses Gruselszenario kennen wir doch alle. *schauder*

     
  6. Donkys Freund

    10. Dezember 2008 at 23:54

    Oha, danke für die Aufklärung!

     
  7. Silencer

    11. Dezember 2008 at 00:07

    Von mir auch ein Danke! Eine so gute Erklärung hätte ich nicht gefunden.

     
  8. Raven

    11. Dezember 2008 at 13:50

    Oh ja. Kindheitserinnerungen können ja soooo schön und nachhaltig sein. ;-)
    Deine Erzählung mit Kittelschürze, Riesenkaninchen und Bohnerwachs sind wie Flashbacks zurück in meine Kindheit.

    Da könnte ich auch eine Gruselgeschichte draus machen. Was nicht heißt, ich hätte eine schlechte Kindheit gehabt, aber gründlich verkrokst war sie dennoch.
    Raven war eben anders als andere Kinder. ;-)

     

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