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Wiesels Reisen: Venedig (Februar 2012)

11 Mär

Silencer und das Wiesel waren in einer der bizarrsten Städte dieses Planeten unterwegs. Sie besuchten dabei die Wirkungsstätten des Kommissar Brunetti, lernten Absurditäten der Historie kennen und fanden den zweittraurigsten Ort der Welt.

Am zweiten Februar, dem Wieseltag, erwachte das Wiesel aus seinem Winterschlaf, sah seinen Schatten – und begann sofort zu nerven. Es wieselte hin und es wieselte her und es stupste mich an und machte komische Geräusche. Zunächst habe ich gar nicht kapiert was es von mir wollte.

Irgendwann hatte ich es dann verstanden. Das Wiesel hatte einen schlimmen Anfall von Reisefieber! Ziel seiner Begierde war offenbar der erstbeste Ort, den es nach dem Aufwachen auf dem Kalender in der Küche erblickt hatte.

Meine Einwände, dass ich dafür jetzt keine Zeit hätte und überhaupt, stiessen beim Wiesel auf puschelige Ohren. Es hatte sich in das Bild verliebt und wollte unbedingt dort hin. So nervte es tagein und tagaus. Wenn ich nach Hause kam, wieselte es herum. Wenn ich schlafen wollte, wieselte es unter dem Bett. Eigentlich wollte ich nach dem Zwischenfall in Stockholm, der auf das Konto des Wiesel ging, und bei dem ich mein Lieblingsradiesschen sowie einen Teil meines Humors verloren hatte, nicht mehr auf Fernreisen mit ihm gehen. Aber irgendwann war ich durch die Herumwieselei weichgekocht.

Ein schneller Blick ins Internet offenbarte zudem, dass man von Mumpfelhausen aus nur den Bus, der direkt vor des Wiesels und meiner Haustür abfährt, nehmen muss, und nach zwei Umstiegen mitten in Venedig steht. Sehr bequem also. Mal ehrlich, wer kann diesen traurigen Wieselaugen schon etwas abschlagen?

Während ich noch ein resigniertes “Na gut” seufzte, war das Wiesel schon unterwegs.

Also stiegen wir in den Bus vor unserer Haustür und fuhren los, und zwei Umstiege und vierzehn Stunden später sahen wir aus dem Fenster des Abteils, in dem wir die Nacht mit drei Postituierten verbracht hatten (fragen sie nicht, das ist eine andere Geschichte und wird hier nie erzählt werden), die Sonne über der Lagune aufgehen.

Wir trafen um halb Sieben am Morgen ein. Die Schatten zogen sich gerade aus den engen Gassen der Altstadt zurück, Wellen plätscherten an die Mauern und ausser den Mülleinsammlern (Müll wird in Venedig jeden Tag und zu Fuß abgeholt) und den Strassenfegern mit ihren Reisigbesen war niemand unterwegs.

Aaah, Venedig.
Es gibt Orte, die sind so absurd, dass sie in unserem Universum nicht existieren sollten. Venedig ist einer davon. Eine Stadt mitten ins Wasser, auf Millionen von Eichenpfählen zu bauen – wie verzweifelt, tollkühn und dickköpfig muss man dafür sein?

Wir zockelten sofort los und hatten uns in weniger Zeit, als ein Passatfahrer braucht, um “Blasenkapseln” zu denken, im Labyrinth der Gassen verlaufen. Die Stadtviertel sind hier Stadtsechstel (Sestiere), und, nur für´s Protokoll: Die Stadtteile Santa Croce und San Polo sind die Hölle. Im Ernst, ich habe mich da, später während der Reise, insgesamt zwei Stunden verlaufen, mitten in der Nacht. Die Spur, die ich dabei im Gewirr der Gassen hinterliess, und die der GPS-Tracker dokumentierte, ist mehr als bizarr. Es gibt nur zwei Dinge, die vernünftig ausgesschildert sind: Die Rialtobrücke und der Markusplatz.

Selbigen erreichten wir irgendwann, und hier war es unübersehbar, das wir am Tag nach Aschermittwoch, mithin kurz nach dem Ende des weltberühmten Carnevales, angekommen waren. Die Strassenfeger hatten alle Hände voll zu tun, Konfetti (und Schlimmeres) zu beseitigen, und überall waren Handwerker dabei, Gerüste und Tribünen abzubauen.

Der Markusplatz! Einer der schönsten Plätze in Europa. Früher das Tor zur Stadt, an dem die Schiffe aus dem ganzen Mittelmeer voller Stoffe und Gewürze anlegten und so den Reichtum der “Serenissima” mehrte, heute gesäumt von Strassencafés.

Natürlich hielt es das Wiesel nicht mehr im Rucksack aus und wollte die Sehenswürdigkeiten bewundern.

Wiesel vor dem Dogenpalast.

Wiesel vor dem Dogenpalast.

Das Wiesel vor der Basilika San Marco.

Das Wiesel vor der Seufzerbrücke. Darüber wurden Gefangene vom Dogenpalast ins angrenzende Gefängnis gebracht. Dabei erhaschten sie ein letzten Mal einen Blick auf die See und das Sonnenlicht - und seufzten laut.

Das Wiesel vor der Rialtobrücke, lange Zeit die einzige Brücke über den Canale Grande.

Womit es nicht gerechnet hatte, war, das es selbst zum Objekt der Bewunderung wurde. Wann immer es sich in der Öffentlichkeit zeigte, war es von lachenenden Kindern, Horden höflich, aber bestimmt knipsender Asiaten und grummelig-kopfschüttelnden Franzosen umgeben.

Wiesel sind sehr emotionale Tiere. Sie können Staunen, Freude und Kopfschütteln hervorrufen. Manchmal auch alles auf einmal.

Aber das kann ein Starwiesel nicht aus der Bahn werfen. Im Gegenteil, so ein Wiesel, das will hoch hinaus. Auf den höchsten Punkt der Stadt.

Das Wiesel bewundert den Campagnile, den Glockenturm von San Marco. 100 Meter hoch, 1902 in sich zusammengestürzt (passiert öfter in Venedig), 1913 wieder eröffnet.

Ebenfalls typisch Wiesel: Als es dann oben war und über die Stadt blickte, fiel ihm wieder ein, dass es eigentlich Höhenangst hat und wollte schleunigst wieder runter.

Wiesel über den Dächern von Venedig, kurz nachdem es dem Dogen auf den Kopf gespuckt hat.

Das Wiesel hatte seinen Winterschlafnest aus alten Kommissar Brunetti Romanen gebastelt, und das hat wohl abgefärbt. Brunetti, das ist dieser melancholische Kommissar der immer schlecht schläft aus den Krimis von Donna Leon, die selbst auch in Venedig wohnt. Ihre Bücher werden in Italien nicht verlegt, damit sie ihre Nachbarn weiterhin als Figuren in ihren Büchern verwenden kann und Leute ihr Dinge erzählen, die sie dann auch in ihren Geschichten verwendet. Das Wiesel wollte nun unbedingt die Orte aus den Büchern suchen.

Was soll ich sagen? Wir haben sie gefunden. Zuerst das Haus, in dem Brunetti mit seiner Familie wohnt. Kein Wunder, das der Mann schlecht schläft. Sein Haus ist eine Baustelle:

Hier wohnt Kommissar Brunetti.

Und hier ist das Polizeirevier, indem Kommissar Brunetti arbeitet. Naja, was ein schwermütiger Kommissar halt so Arbeit nennt. Meist guckt er aus dem Fenster auf die Kirche gegenüber und grübelt. Habe ich zumindest gehört, gelesen habe ich keines der Bücher.

Hier arbeitet Kommissar Brunetti. Im vierten Stock dieses dreistöckigen Gebäudes.

Dann machten das Wiesel und ich noch Ausflüge mit den Wasserbussen. Zum Beispiel nach San Michele. Das ist der zweittraurigste Ort an dem ich jemals war. Es handelt sich dabei um die Friedhofsinsel vor Venedig, auf der alle Venezianer (aus der Altstadt) bestattet werden.

Anfahrt auf San Michele, die Friedhofsinsel.

Es gibt keinen anderen Friedhof in der Stadt, und so fokussiert sich seit Jahrhunderten die gesamte Trauer aller Bewohner einer ganzen Stadt auf diesen einen Ort. Ich glaube daran, dass Ideen, Geschichte und Gefühle Orte prägen können. Emotionen können sich, wenn sie stark genug sind, mit Orten verbinden und zu einem Teil von ihnen werden. Selten spürt man das so deutlich wie auf San Michele. Auf diesen Ort richten sich die Gefühle von so vielen Menschen wie der Fokus eines Brennglases.

Die Trauer hat im Laufe der Jahrhunderte die Mauern, die Bäume, den Boden und einfach alles auf der Insel durchtränkt. Selbst am Tage und im strahlenden Sonnenschein, wenn alles freundlich und hell aussieht, ist es ein Ort, der empathische Menschen sofort in Tränen ausbrechen lässt, so konzentriert schlägt einem die Traurigkeit auf dieser Insel entgegen.

Hinter San Michele liegt Murano, die Insel der Glasbläser. Als die Venezianer nach Konstantinopel kamen, fanden sie das dortige Glaskunsthandwerk so schön, dass sie die Glasbläser kurzerhand verschleppten. Zurück in Venedig stellten sie fest, dass es nicht ungefährlich ist, mitten in einer engen Stadt, die aus viel Holz besteht, Glasöfen zu betreiben, also setzte man die ganzen entführten Glasbläser auf Murano fest und verbot ihnen zu flüchten.

Heute lebt Murano vom Verkauf von Glaszeugs an Touristen.

Eine halbe Stunde gen Osten liegt die Insel Burano. Die ist bekannt für ihre bunten Häuser und die Spitzennäherei, wobei echte Buranospitze heute so unbezahlbar ist, dass sie eigentlich keiner mehr herstellt. Stattdessen wird Chinazeugs feilgeboten. Hübsch, ja, aber halt not the real deal.

Das Wiesel und ich lebten übrigens in unserer Zeit in Venedig in der Nähe des Ghettos. Nicht eines Ghettos, sondern des ersten Ghettos überhaupt. Die Seerepublik Venedig führte jahrelang Krieg, und als man dabei war zu verlieren, suchte man nach einem Schuldigen. Den fand man in den Juden, die keinen Handel treiben durften und deshalb Geldgeschäfte machen mussten. Ein Teil der Darlehen an die Stadt hatte diese in Waffen und Schiffe investiert – klar also, dass die Juden am Krieg Schuld waren!
Man verbannte die jüdische Bevölkerung in das ehemalige Eisengiesserviertel Gettó (Guss) im Stadtsechstel Cannaregio. Das war das erste Ghetto, und ist es heute noch.

Ansonsten entdeckten wir überall tolle Sachen.

Ein Laden für Dodos, Design geklaut von Jasper Fforde. Ob der das weiß?

PIRATEN IN DER LAGUNE!!!

Alle fünf Meter werden Masken verkauft, meist billige chinesische Nachbauten.

Venedig im Februar riecht übrigens nicht. Es ist morgens und abends etwas kühl, aber tagsüber und in der Sonne hat es 15 bis 20 Grad. Man sitzt in den Café bis abends vor der Tür und sonnt sich.

Ponte della costituzione von Stararchitekt Calatrava.

Autoterminal mit Schwebebahn zum Parkhaus.

Venedig ist übrigens ausserordentlich still. Es gibt keine Autos oder Motorroller, alles passiert zu Fuß oder mit leisen Booten. Kein Wunder, dass viele Leute meinen, Venedig sei eine melancholische Stadt. Ist sie nicht. Sie ist nur nicht laut. Als Mumpfelhausener kann ich mit Stille umgehen, viele Großstadtbewohner anscheinend aber nicht – sie fühlen sich in Venedig unwohl.

Der Pimpmaster wartet in der Mittagssonne darauf, dass jemand ihn und seine Pimpgondel 9000 zum Duell fordert.

Die Uferpromenaden sind nicht umzäunt, es gibt keine Geländer und ins Wasser fallen ist nicht mal verboten. Allerdings kann man auch niemanden verklagen, wenn man es doch tut. Amerikanische Touristen überfordert das total.

Komische Statuen: Tierquäler mit Frosch.

Es bringt übrigens wirklich etwas, wenn man italienisch spricht. Ich bekam im Hotel ein besseres Zimmer und Manfredo, der Glashändler auf Murano, war so amüsiert über meine Sprachversuche, dass er mir gleich erst mal Romane erzählte, “damit ich es lerne”.

Nobelboutiquen verkaufen selbstverständlich Nobelgummistiefel.

Natürlich mussten wir unbedingt in die Dalí-Ausstellung. Wussten Sie, dass Dalí nur Dinge malte, die ihm sein Wiesel diktierte? Behauptet zumindest das Blogwiesel, das Dalí verehrt.

Unsere fünf Tage in der Stadt waren schneller rum als uns lieb war. Das Wiesel war glücklich, und bis auf den Zwischenfall mit der Mango, der mir einen Minikusanriss bescherte, hat es sich auch gut benommen (Das Knie nicht beugen können und tierische Schmerzen darin haben ist in einer Stadt, in der man alle drei Meter Treppen steigen muss, richtig Mist. Das das in der “Stadt der Fussgänger” passiert ist zudem Ironie.).

Dann bestiegen wir eines Nachts den Zug, und nach zwei Umstiegen später setzte uns der Bus wieder vor unserer Haustür in Mumpfelhausen ab. Dazwischen lagen lediglich 1066 KM und 12 Stunden mit einem rumpelnden Inder und einem staunenden Kuwaiti (fragen sie nicht).

Markusplatz bei Nacht.

Das war die Abenteuerreise vom Silencer und dem Blogwiesel im Februar 2012.

 
11 Kommentare

Geschrieben von - 11. März 2012 in Reisen, Wiesel, Wiesels große Reise

 

11 Antworten zu “Wiesels Reisen: Venedig (Februar 2012)

  1. hirnwirr

    11. März 2012 at 08:50

    schön schön!
    Wie lange waren Wiesel und Du dort?

     
  2. zimtapfel

    11. März 2012 at 13:28

    NEID!!!

     
  3. Zimtapfel

    11. März 2012 at 15:39

    Und nur zweimal umsteigen von Mumpfelhausen aus? Ich nehme an, einmal am Bahnhof von Götham-City, und wo noch?
    Ach ja, und der Campanile von Venedig ist übrigens dem Kieler Rathausturm nachempfunden. (Ok, wäre auch möglich, das es umgekehrt ist…)

     
  4. Silencer

    11. März 2012 at 20:04

    Hirnwirr: Satte 5 Tage.

    Zimt: Bestimmt haben die Veneziander Kiel kopiert ;-)
    Umsteigen muss man in Götham, dort steigt man in den ICE nach München. Von dort geht es mit dem Nachtzug direkt bis nach Venedig. Das kostet, wenn man rechtzeitig bucht, 49,- Euro.

     
  5. mittenmank

    12. März 2012 at 10:18

    Ich find das ja so cool, dass es seinen Schal noch hat und trägt. *freu*

     
  6. Silencer

    12. März 2012 at 11:26

    Ohne den Schal geht es nicht aus dem Haus. Das wäre ja, als ob Paddington ohne sein Köfferchen verreist.

     
  7. Broken Spirits

    16. Juli 2013 at 11:23

    Hier hätte ich auch mal lesen sollen, bevor ich durch diese Stadt zog. Andererseits: ein Tag hat so schon nicht gereicht. Ich glaube, ich muß da nochmal hin ;-)

     
  8. Silencer

    18. Juli 2013 at 14:23

    Ja, ich auch. Aber dann wieder im Januar/Februar. Oder im Oktober/November. Dann ist die Stadt sehr gut begehbar, ohne Massen an Menschen.

     
  9. Silencer

    18. Juli 2013 at 14:26

    Und auf den umliegenden Inseln gibt es jede Menge Lost Places, von der Gebeininsel bis hin zu den verlassenen Häusern auf den Landwirtschaftsinseln.

     
  10. Broken Spirits

    19. Juli 2013 at 15:03

    Einige der Lost Places habe ch auch vom Boot aus gesehen. Steht bei mir beim nächsten Mal auf dem Programm… braucht man aber wohl ein taxi für, oder? Offiziell fährt da wohl nix hin…

    Meinst Du das Februar gut ist? Ich habe da den Karneval im Hinerkopf und die vage Ahnung, daß das beträchtlich schlimmer ist, als es jetzt im Sommer war…:? :-O

     
  11. Silencer

    19. Juli 2013 at 15:13

    Natürlich erst nach Aschermittwoch!

     

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