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Fernreisetauglich

19 Mai

“Sieh es mal so: Das Geld ist ja nicht weg. Es hat jetzt nur jemand anders”, sagt der Werkstattmeister und grinst freundlich. Der Mann ist wirklich die Nettigkeit in Person, und das nicht nur, weil er gerade sau viel Kohle von meinem Konto abgebucht hat. Nein, der ist wirklich nett, da darf der auch solche Sprüche machen. Ich muss grinsen, auch wenn die Kawasaki gerade mein Monatsbudget in den Abgrund gerissen hat. Die Inspektion war teurer als gedacht. Jetzt gibt´s den Rest des Monats nur noch Nudeln, dank wohlmeinender Menschen habe ich aber einen großen Vorrat an Soßen dazu :-)

Insgesamt ist es mit sogar ganz lieb, das jetzt noch ein paar Verschleissteile erneuert wurden. Aufmerksame Leserinnen und Leser haben bemerkt, dass ich hier gelegentlich DIE REISE erwähnt habe. Das ich die so ehrfurchtsvoll bezeichne hängt damit zusammen, dass ich wirklich Respekt davor habe. DIE REISE wird mich ein paar Tausend Kilometer kreuz und quer durch Europa führen. Ich werde DIE REISE mit dem Motorrad antreten, und zwar allein. Das hat mehrere Gründe, vor allem möchte ich einfach mal ausprobieren wie es ist, das Tempo ganz allein zu bestimmen, dort anzuhalten wo mir danach ist und solange zu verweilen wie ich will. Nicht, dass das sonst nicht gegangen wäre, aber ich habe es mir mit Rücksicht auf Reisegefährten stets verkniffen, z.B. einen interessanten Stein mit der gebührenden Aufmerksamkeit in Augenschein zu nehmen (Interessante Steine werden angemessen nicht unter einer Stunde angeglotzt).

Ich bin gerne spontan und flexibel, aber ich brauche ein gewisses Grundgerüst an planerischer Sicherheit und Vorbereitung. DIE REISE an sich ist, von Station zu Station, schon seit einem halben Jahr durchgeplant, und genauso lange bereite ich mich nun schon vor. Zum einen mich selbst, durch Fahrtrainings (so sie denn stattfinden), aber auch die Bekleidung, Ausrüstung und das Motorrad selbst wurden kompromisslos auf Fernreisetauglichkeit hochgerüstet. Die Inspektion der ZZR 600 war jetzt nur das letzte Puzzleteil. Schon in den letzten Wochen und Monaten hat die Maschine zahlreiche Veränderungen erfahren. Dabei sind einige praktische Detaillösungen entstanden – naja, was halt bei Gebastel so rauskommt, bei meinen Erbanlagen. Die möchte ich im Folgenden gerne vorstellen. Also, die Basteleien, nicht die Erbanlagen.

Vorab: Die ZZR 600 ist ein “Sporttourer”, eine Kategorie, die Kawasaki flugs erfand, nachdem auch die Marketingabteilung begriffen hatte, dass sich die Maschine nicht mehr als Supersportlerin verkaufen liess. Anfangs hatte das Label “Supersportler” noch gut gezogen, aber kurze Zeit nach der Markteinführung der ZZR 600 kamen Motorräder auf den Markt, die unter 200 Kg (und damit 20 weniger als die ZZR) wogen und irrwitzige 300 Stundenkilometer fuhren. Da kam die kleine ZZR mit ihren gemütlichen 240 hm/h Spitze nicht hinterher.

Also zog man sich die Tourensportlerkategorie aus dem Hintern, was bei genauerem Hinsehen tatsächlich weniger absurd ist als es zunächst klingt: Auf der ZZR kann man, anders als bei der neuen Generation der hochgezüchteten Supersportler, sehr aufrecht sitzen, und das auch über Stunden. Ausserdem hat die Maschine genug Befestigungspunkte um ein Koffersystem aufzunehmen. Das ist durchaus eine interessante Kombination: Ein Motorrad, was für Touren und Reisen geeignet ist, mit dem man aber auch mal die sportliche Sau rauslassen kann.

Motorradreisen sind toll, und meine ZZR (Codename Renaissance) soll konsequent auf Reise getrimmt werden. Zu meinen geheimen Superkräften gehört die Fähigkeit, sich immer und überall verfahren zu können. Und Kartenlesen während der Fahrt oder die Benutzung von Tankrucksäcken liegt mir auch nicht. Für Leute wie mich wurden Navigationsgeräte erfunden (vermutlich von Leuten wie mir), und glücklicherweise gibt es die auch für Motorräder.

Tourenscheibe
Eine höhere Tourenscheibe hatte ich gebraucht gekauft und montiert, mich aber letztlich dagegen entschieden. Grund: Ich bin 5 cm zu klein dafür – und bekomme mit der Tourenscheibe den Luftstrom direkt auf den Helm, statt darunter weg, wenn ich nicht kerzengerade aufrecht im Sattel sitze.

Heizgriffe
Noch vom Vorbesitzer, aber seit dem eiskalten Frühling mag ich die nicht mehr missen.

Crashpads
Crash- oder Sturzpads schützen bei Umfallern den Lichtmaschinen- und Kupplungsdeckel sowie die teure Plastikverkleidung. Bei Stürzen während der Fahrt schützen sie mein Bein. Die Crashpads sind direkt auf einer Trägerplatte am Motor verschraubt und durch die Verkleidung nach Außen geführt. Auf einer Stahlhülse sitzt ein Nylonpilz, der die kinetische und Abbrasionsenergie schlucken soll. Darauf sitzt nochmal eine Kappe aus weichem Kunststoff, die bei kleineren Stürzen Energie aufnimmt.

Ich bin ein großer Fan von Sturzbügeln, aber die gibt es für vollverkleidete Motorräder selten. Crashpads kommen dem noch am nächsten.

Gepäckbrücke und Topcase
Die Gepäckbrücke ist anstelle des Soziushandgriffs montiert und trägt ein Topcase. Dabei handelt es sich um einen italienischen GIVI E45 Monokey Koffer, seit Jahrzehnten ein unkaputtbarer Klassiker. Drei Koffer á 45 Litern macht insgesamt ein ordentliches Frachtvolumen. Da ich inzwischen Meister des minimalen Reisegepäcks bin, ist das wesentlich mehr als ich bräuchte. Dennoch habe ich mich für den Einsatz von Koffern und Topcase entschieden. 1. Kann man das Topcase auch als Koffer verwenden. Ein guter Ersatz, falls einer kaputt geht. 2. Möchte ich unterwegs Stadtbesichtigungen und Wanderungen machen. Dann nimmt das Topcase Helm und Handschuhe auf, ansonsten bleibt es leer (oder vielleicht wird es die Reiselounge eines gewissen Wiesels, mal sehen).
Theoretisch würde mein sonstiges Gepäck auch in einen Koffer passen – aber ungleichmäßig links und recht beladen fahren geht nicht, und wenn die Koffer links und rechts halb voll sind, muss ich bei Wanderungen doch den Helm tragen.

Kofferträger und Koffer
Fivestars Kofferträgersystem mit GIVI E45 Monokey Koffern. Weil die Kawa unter Vollast extrem heiß wird, sind unter die Koffer nachträglich Hitzeschutzbleche genietet worden. Handanfertigung, sowas gibt´s nicht zu kaufen.

“Tempomat”
Eigentlich eine Gasgriffhilfe. Ein Stück Kunststoff, das auf den Gasgriff gesteckt wird. Bei langen Autobahnetappen schläft normalerweise die rechte Hand ein, und am Ende des Tages kann man vor Schmerzen das Handgelenks nicht mehr bewegen. Durch die Gashilfe kann man die Hand locker auf den Griff legen, ohne ihn wirklich greifen zu müssen, und gibt mit dem Handballen Gas. Das ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, aber sehr entspannend.

Rechter Koffer: Ausrüstung
Der rechte Koffer enthält Ausrüstung. Dazu gehören:
- Regenkombi
- Warnweste (Pflicht in Frankreich und Italien)
- Kupplungs- und Bremshebel (Wenn die Kiste, z.B. an der Tanke, umfällt, brechen sofort die Hebel ab. Nichts ist ärgerlicher als wenn die Reise wegen so einem billigen Ersatzteil dann vorbei ist.)

Werkzeug:

Alles dabei was man brauchen kann: Ordentliche Zange, die wichtigsten Imbus- und Maulschlüssel, guter Schraubendreher mit Wechseleinsatz, Ratsche mit Einsätzen, Sicherungen, Scottoilerdüse, Crashpadkappe, Kettenspray, Reifenpilot, Blumendraht, Klebeband.

Schloß mit Kette

Das aufbohrsichere Bremsscheibenschloss kann mit der Kette verbunden werden. Das Kabel wird am Lenker befestigt und erinnert daran, dass das Vorderrad blockiert ist. Keine Ahnung ob ich das wirklich benutzen werde, aber mitnehmen schadet nicht. Ich habe ja den Platz.

Seitenfach
Hier ist nur die Füllung neu:
- Warndreieck (aus Stoff, wird über den Helm gezogen und an die Strasse gestellt)
- Parkscheinhalter (Mit Koffern brauche ich fast einen Autoparkplatz – kann also sein, dass ich mal einen Parkschein hinter die Scheibe machen muss)

Ladeanschluss
Verborgen hinter dem Luftauslass liegt ein Ladeanschluss. Damit kann man die Batterie laden oder die Maschine überbrücken ohne alles auseinanderbauen zu müssen.

Einstellbare Federbeine
Wilbers Federbeine sind quasi der Rolls Royce unter den Federelementen. Je nach Beladung lässt sich mit wenigen Klicks die Federung justieren und das Fahrwerk anpassen.

Automatisches Kettenschmiersystem
… der Marke Scottoiler, Unterdruckgesteuert, hängt direkt am Motor. Es sondert pro Minute einen Tropfen Öl ab und schmiert damit kontinuierlich die Kette. Benutzer berichten, dass dadurch die Kette bis zu sieben Mal länger hält. In der Praxis ist es eine ganz schöne Schweinerei, denn wenn es wärmer wird, wird das Öl dünnflüssig und z.T. gleich wieder von der Kette weggeschleudert, ins Schutzblech, auf die Verkleidung und hinters Nummernschild. Trotz dieses Makels ist es aber eine gute Sache, nicht dauernd selbst nachfetten zu müssen. Das vergisst man ohnehin schnell mal, und schon verschleisst der Antrieb schneller als man gucken kann.

Reifen
Tourenreifen von Pirelli, Modell Angel ST. Hatte ich HIER ja schon was zu geschrieben. Damit liegt die Kawa wie ein Brett auf der Strasse, auch bei nassem Untergrund.

Blick ins Cockpit
Links der Regler für die Heizgriffe, mittig das Navigationsgerät, ein TomTom Urban Rider.

Das Navi sitzt auf einem abschliessbarem RAM Mount Arm (Der dicke Knubbel darunter ist der abschließbare Knopf), damit niemand auf die Idee kommt, die Aktivhalterung mitzunehmen. Die wird über eine Ladesteckdose hinter der Lenkkopfbrücke und über ein abnehmbares Kabel mit Strom versorgt.


Die Steckdose ist ein Standardteil, wie es auch in Autos verbaut wird. So kann auch was anderes angeschlossen werden, z.B. ein Ladegerät fürs iPhone. Das Navi lässt sich per Bluetooth mit dem Helm koppeln und dient als Relais für das Telefon, falls nötig.

Unter der Sitzbank

Verbandstasche
Pflicht in Österreich und der Schweiz. Enthält zusätzlich eine Rettungsdecke.

Papiere
In dem winzigen Fach befindet sich der Fahrzeugschein, Kopien aller Ausweispapiere, die Grüne Versicherungskarte, ein internationaler Unfallbericht in 8 Sprachen und eine Kugelschreibermine. Außerdem ein kompletter Satz Ersatzschlüssel (bis auf den Zündschlüssel, der klebt in meinen Stiefeln), ein Reservehandy und eine Notfallkreditkarte. Der Unfallbericht ist wichtig: Wenn man ihn dabei hat, braucht man ihn nicht!

Kleines Bordwerkzeug
Die wichtigsten, kawasakispezifischen Schlüssel.

Reifenreparaturset
Klebstoff, Flicken und Werkzeug. Zudem Pressluftpatronen zum Aufpumpen.

Scottoiler
Ölreservoir des automatischen Kettenschmiersystems, reicht für ca. 2.500 Km. Ich sollte also besser Nachschub mitnehmen.

Vermutlich wird beim Lesen nun der ein oder andere denken: “Der übertreibts aber” oder “Wie kann man sich nur so hässlichen Kram ans Mopped schrauben”. Kann ich durchaus verstehen. Aber ich gehöre nun mal zu den Menschen, die sich nicht auf das Konzept “Glück” verlassen dürfen. Es gibt Phasen in meinem Leben, da geht jede Kleinigkeit schief – und wenn es mal wieder so läuft, dann ist es besser, ich habe Ressourcen und Optionen, um vernünftig handeln zu können. Oder anders ausgedrückt: Ich habe gerne das ein oder andere Ass im Ärmel.

Letztlich ist das ganze auch ein Experiment. Ich bin ganz gespannt darauf auszuprobieren wie es ist, längere Zeit alleine zu Reisen. Ich bin gespannt darauf, mit dem Motorrad Länder im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren und Leute kennen zu lernen. Ob das wirklich so toll wird, wie ich mir gerade ausmale, werde ich sehen. wie auch immer, das Motorrad ist dabei nur Mittel zum höheren Zweck: Abenteuer erleben!

Ob die ganzen Basteleien was taugen und ob das alles nötig war, werde ich auch merken. Bei einigen weiß ich es schon – auf das Navi werde ich nie wieder verzichten wollen. Bei anderen Dingen werde ich froh sein, wenn ich sie nie brauche – trotzdem ist es gut, Chrashpads oder Ersatzhebel zu haben. Nur bei einem Ding bin ich mir wirklich nicht sicher, ob das nicht Humbug ist: Die Sicherungskette. Kann durchaus sein, dass die zu Hause bleibt.
Aber der Rest kommt mit.
Albern oder nicht.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 19. Mai 2012 in Motorrad, Reisen

 

6 Antworten zu “Fernreisetauglich

  1. ruediger

    20. Mai 2012 at 09:45

    Alleine fahren. Fast schon ein jakobswegähnlicher Ansatz. Ich musste aufmerksam lesen, spannend, die Technik muss stimmen, der gesunde Mix zwischen sorgfältiger und sorgsamer Vorbereitung und “Augen zu und durch”. Würde ich Motorrad fahren wollen, mir ginge es nicht anders als Dir. :) // Musik? Bluetooth-Headset?

     
  2. Silencer

    20. Mai 2012 at 17:10

    “Jakobswegähnlich” – das stimmt sogar, bin ich noch gar nicht drauf gekommen.
    Eigentlich geniesst man die Ruhe, nur mit sich allein unter dem Helm, und lauscht allenfalls dem Fahrtwind. Es ist aber tatsächlich möglich, das iPhone direkt oder über das Navi per Bluetooth in den Helm zu linken, der hat alles fest eingebaut.

     
  3. noch ein Markus

    21. Mai 2012 at 11:45

    ohne Ahnung von Moppeds zu haben würde ich sagen das ist ein vernünftig vorbereitetes Reisemobil.
    faszinierend finde ich gerade das eingebaute Ladegerät und das – nach Tape – wichtigste Ersatzteil für Fahrzeuge, Maschinen und Geräte aller Art: Wickeldraht (bei dir Blumendraht). :)

     
  4. Silencer

    21. Mai 2012 at 17:48

    Aus Klebeband und Plastiktüten habe ich schon ganze Blinker gebaut :-)

     
  5. ssuchi

    27. Mai 2012 at 11:35

    Lass den Reifenpilot zu Hause und nimm lieber so was mit:
    http://www.polo-motorrad.de/de/bikersbest-pannenkit-fur-schlauchlose-reifen.html

    Hat uns jetzt gerade den Vogesen-Urlaub gerettet, nachdem sich ein Schotterstein durch den Reifen gebohrt hatte. Nach der Reparatur haben wir schon 400km zurückgelegt, davon 100 in den Vogesen selbst mit vollem Kurvenwetzprogramm. Bisher keinen Druckverlust, Reifen fährt sich als wäre nie etwas gewesen. :)

     
  6. Silencer

    27. Mai 2012 at 15:20

    Habe ich dabei, unter der Sitzbank. Wollte beides mitnehmen, weil ich beiden nicht traue. Bin gespannt auf deinen Bericht, die Handhabung erschien mir krökelig.

     

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