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Überreizt: Warum die Märkte im Roten drehen

10 Aug

Herrn Silencer hat mal interessiert, warum eigentlich die Märkte aktuell keinen Mustern mehr zu gehorchen scheinen. Er hat eine sehr gute Antwort gefunden und Leute dabei erwischt, die gerade dabei sind die Welt kaputt zu spielen.

Nanex ist eine Firma, die Software zur Darstellung von Kursveränderungen an den Börsen entwickelt. Und Kursveränderungen gibt es eine Menge. Im sog. Hochfrequenzhandel (High Frquency Trade, HFT) werden in Sekundenbruchteilen An- und Verkäufe getätigt – von Bots, also Computerprogrammen, die nach nicht-öffentlichen Algorithmen handeln. Kaufen und Verkaufen in Millisekunden – oft für nur Bruchteile von Cent Gewinn. Aber im HFT macht es die Masse: Bis zu 4,500,000 HFT-Transaktionen PRO SEKUNDE verzeichnet der US-Optionsmarkt (OPRA) aktuell in Spitzenzeiten. Obwohl Hochfrequenhandel nur von 2% der über 20.000 Börsenhändler betrieben wird, sorgt er für mehr als 70% des Handelsvolumens.

Die Transktionen laufen so schnell ab, dass kein Mensch kontrollieren kann, was da genau passiert. Das führt unter Umständen zu absurden Situationen: Wenn ein Algorithmus verkauft, kann es durchaus sein, dass auch der nächste Bot sein Paket abstösst. Und er nächste. Und so weiter.

Dazu kommt noch ein weiteres Problem: High Frequency Quoting, in dem ein potentieller Käufer so tut, als wolle er viel kaufen und auf Aktionen und Optionen bietet, dann aber doch nicht kauft. Diese Art der bewussten Lüge, ebenfalls in Millisekunden von Programmen getätigt, verdreht die Preise, bis sie mit der Realität nichts zu tun haben, und wird die Märkte über kurz oder lang zerreissen.

Die Folge: Teilweise unkontrollierte Spiralen in die höchsten Höhen und die niedersten Tiefen, sprich: Abstürzende Börsen oder hochfliegende Märkte, teils vollkommen entkoppelt vom gesunden Menschenverstand oder selbstregulierenden Marktmechanismen.

Davon profitieren die üblichen verdächtigen: Große Geldhäuser und Hedgefonds, allen voran die Bande von Goldman-Sachs, die, so wird geschätzt, schon 2009 für rund ein Fünftel des weltweiten Hochfrequenzhandels verantwortlich waren und damit rund 4 Milliarden Euro im Jahr verdienten, heute mit Sicherheit noch mehr.
Vier.
Milliarden.

Gewinn.

Ich will mich gar nicht darüber auslassen, dass das alles in keinem Verhältnis mehr steht. Von mir aus sollen die Geldsäcke sich gegenseitig in ihrer Börsenwelt über den Tisch ziehen – die Firma Knight Capital hat es es gerade letzte Woche erst geschafft, 440 Millionen in 40 Minuten zu verlieren. Durch einen Fehler in Ihren Algorithmen. Doof aber: Die Säcke plünmdern sich ja nicht gegenseitig aus, sondern alle. Die Eigenheimbesitzer genauso wie… ach was: JEDER ist von ihrem Treiben betroffen. Im Zweifel über die Geschäfte, die Kommunen und Länder an den Märkten laufen haben, z.B. zur Altersvorsorge.

Alle Probleme sind darin begründet, dass Hochfrequenzhandel die Märkte stört. Er funktioniert nicht nach Marktmechanismen und wird nicht reguliert. Bis zu einem Blogbeitrag in 2009 hatten die Aufsichtsbehörden und die Öffentlichkeit HFT nicht mal auf dem Schirm. Klar, manche wunderten sich schon, das die Goldman-Sachs-Mafia nur zu Öffnung der Börse und kurz vor Börsenschluss anwesend war. Dazwischen spielten die sechs Stunden lang Golf. Aber in welchem Umfang HFT stattfand und heute stattfinded, dass hatte keiner auf dem Zettel.

Und nun kommen wir wieder zu Nanex, der Auswertungsfirma. Die haben die Handelsbewegungen, sowohl trade als auch quote (wir erinnern uns, das Vorlügen man wolle etwas kaufen) analysiert und visualisiert. Dabei ist das hier rausgekommen:


Quelle: Nanex
Auf der X-Achse ist die Tageszeit abgetragen, auf der Y-Achse die Anzahl der Handelsbewegungen.Die Farben der Plots stellen unterschiedliche US-Börsen da. Das Diagramm ist animiert, es beginnt im Jahr 2007 und endet in 2012. Die Jahreszahl läuft unten links mit.

Was sieht man da? Nun, zu Beginn des Jahres 2007 war die Welt noch in Ordnung. In der Mitte des Jahres begann alles etwas zu flattern, und gegen Ende 2007 kann man Ausschläge jeweils zu Beginn und zum Ende eines Börsentags sehen. Das ist es, hier hat HFT begonnen – die Zeit, in der Hochfrequenzgeschäfte zur Öffnung un kurz vor Schluss des Börsentags gemacht wurde. Das Leben eines HFT-Bankers dah so aus: Morgens auftstehen, Rechner anmachen, BAMM, Millionen gemacht, 6 Stunden Kaffee trinken, BAMM, nochmal Millionen verdient, ab zur After Work Party und Koksnutten vögeln.

Nun können Märkte einiges ab und durchaus ein paar HFTler verkraften. Aber da muss man jetzt mal den Zeitverlauf des obigen Diagramms auf sich wirken lassen. Mittlerweile hat Hochfrequenzhandel ein Ausmass angenommen, dass alles andere weit, weit überlagert wird. Die Märkte haben keinen Bezug zur Realität mehr. Regulierungsmechanismen greifen nicht mehr, weder die klassischen Marktmechanismen noch Regulierung von Außen.

Das ist der Grund, weshalb wir dringend eine Finanztransaktionssteuer brauchen. Denn während unsere Regierungen mit Steuergeldern Banken retten, während es den Menschen in den betroffenen Ländern immer schlechter geht, treiben gewissenlose Banker mit Software die Handelsbörsen dieser Welt weit über den roten Bereich hinaus. Die Märkte drehen mit 4.500.000 Millionen Umdrehungen pro Sekunde im tiefroten Bereich, und wenn dieser Unfug nicht bald entweder reguliert oder von der Realität komplett entkoppelt wird, werden die Goldman-Sachses die gesamte, weltweite Ökonomie geschrottet haben.

___
Quellen:

http://www.nanex.net

http://de.wikipedia.org/wiki/Hochfrequenz-Handel

http://zerohedge.blogspot.de/2009/07/goldmans-4-billion-high-frequency.html

http://blogs.reuters.com/felix-salmon/2012/08/06/chart-of-the-day-hft-edition/

http://www.theregister.co.uk/2012/08/02/knight_capital_trading_bug/

http://www.zerohedge.com/news/latest-market-craze-stock-trading-robots-reacting-stories-written-robots

 
2 Kommentare

Verfasst von - 10. August 2012 in Ganz Kurz

 

2 Antworten zu “Überreizt: Warum die Märkte im Roten drehen

  1. kalesco

    10. August 2012 at 11:49

    Dass insgesamt alle Bewegungen bis 2012 extrem viel mehr werden – liegt das an der leichteren Einsetzbarkeit von SW und dementsprechend dann an sehr viel mehr Transaktionen durch die Bots? Oder dass einfach generell viel mehr über die Börsen abgehandelt wird? (die gibt’s doch schon etwas länger, warum es da steigen sollte?).

    In jedem Fall, vielen Dank für den schönen Artikel – wie man oben schon rauslesen kann, bin ich in diesem Bereich ein geistiges Nackerpatzl.

     
  2. Silencer

    10. August 2012 at 12:15

    Oh, was für ein schöner Ausdruck! Ich kenne mich in dem Bereich auch nicht aus. Ich bin nur über das Thema gestolpert und wollte einfach mal leicht verständlich aufschreiben, was ich so gefunden habe.
    Woher genau dieses Auflodern 2011/12 kommt kann ich nicht sagen. Ich vermute, dass hier mehreres zusammenkommt. Zum einen wird die Software immer besser. Zum anderen haben HFTrader vielen traditionellen Börsianern den Job weggenommen – die schulten ihrerseits auch auf HFT um und steigen dort ein. Zum anderen haben die US-Börsen in den letzten Jahren massiv ihre Datenanbindungen erhöht – mehr Kapazität heisst, mehr anfragen im Sekundentakt.

     

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