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Ordnungshilfe: US-Wahlkampf

26 Okt

So einiges ist für die Europäer am US-Wahlkampf absolut unverständlich, und der hiesige Qualitätsjournalismus hilft nicht wirklich bei der Erklärung, sondern trägt eher zur Verwirrung bei. Darum hier mal meine zwei Cent zur Bewertung und Einordnung aktueller Geschehnisse.

1. Zum “verlorenen” Rededuell im US-Wahlkampf
“Müde” habe der Präsident im ersten Rededuell gewirkt, er habe ständig “nach unten geschaut” und war nicht ausreichend schlagfertig, weshalb der republikanische Herausforderer Mitt Romney als klarer Sieger aus dem ersten Rededuell hervorgegangen sei. Und alle Medien so: “OMG, wie kann sowas nur passieren? Wir verstehen das nicht!! Kann Obama diesen Verlust irgendwie wieder ausgleichen??” Wie kann der rhetorisch brilliante Obama solche Fehler machen?
Tatsächlich wirkte der Oräsident abgekämpft, und seine Körpersprache war anders als sonst. War das Zufall, und hat er das Duell wirklich verloren?

Natürlich nicht. Das war kalkuliert. Dadurch, dass er Romney das erste Duell gewinnen liess, hat er ihn als ernstzunehmenden Gegner präsentiert. Hätte Obama seinen Herausforderer mit der allseits erwarteten Leichtigkeit auf die Matte geschickt und sich so überlegen präsentiert wie er ist, dann hätte das auf viele Zuschauer so wirken können, als hätte er auch den Wahlsieg schon sicher in der Tasche. Was in der Folge dazu führt, dass viele Wähler/-innen am Wahltag zu Hause bleiben – warum wählen gehen, wenn der Sieger schon klar fest steht? Am Ende hätten dann wieder ein paar Tausend stimmen gefehlt… genau dieser Effekt liess sich bei Gore gegen Bush 2000 beobachten. Alle glaubten, dass Gore den Sieg so sicher in der Tasche hat, dass man statt zur Wahl lieber an den Grill gegangen ist. Mit den bekannten Folgen.

Nein, die Strategie war brilliant und genau richtig gesetzt. Warum erkennt sowas kein Qualitätsjournalismuskommentator?

2. Zur Frage “Warum Romney”?
Der amerikanischen Mittelschicht geht es nicht gut. Sie ist im vergangenen Jahrzehnt geschrumpft, Einkommen sind gesunken. Gleichzeitig ist ein erheblicher Teil dieser Bevölkerungsschicht bereit, Mitt Romney zu wählen – jemanden, der sein Vermögen u.a. durch Geschäfte mit Private Equity-Fonds gemacht hat, bei denen Pensionsgelder vernichtet wurden. Der gleiche Mitt Romney, der ganz offensichtlich von Großkonzernen finanziert wird, der “47 Prozent der Amerikaner als vom Staat abhängig” bezeichnet und eben jener Mitt Romney, der ankündigt, er werde als erstes die Sesamstrasse wegsparen und die Militärausgaben weiter erhöhen. Ausserdem hat Romney angekündigt, er werde als erstes die gesetzliche Krankenversicherung wieder abschaffen, die unter Obama eingerichtet wurde, und die es Millionen Amerikanern erstmals ermöglichte Ärzte aufzusuchen ohne Kredite aufnehmen zu müssen.

Als Europäer steht man daneben und versteht nicht, wie man so jemanden wählen kann – der frisst doch bestimmt auch kleine Kinder? Warum hat Romney in der Mittelschicht so viele Sympathisanten, obwohl er offensichtlich Klientelpolitik für die Oberschicht und ihre Unternehmen macht? Warum würden ihn Leute wählen, an denen er sich bereichert hat?

Der Grund dafür ist der amerikanische Traum, der auch als amerikanischer Albtraum funktioniert. Stellen wir uns die Gesellschaft als Leiter vor, an der sich die Angehörigen der Schichten festklammern. Unten die Armen, in der Mitte der Leiter klammert sich die Mittelschicht fest, ganz oben hängen elegant die Bonzen. Die unteren Schichten träumen davon, den amerikanischen Traum war zu machen und sich vom Tellerwäscher die Leiter hoch zu arbeiten. Gar nicht mal bis in die Champagnerregionen, aber ein schönes Mittelschichtplätzchen hätte ja was.

Das Problem dabei: Die Leute, die gerade die Mittelschicht besetzen, haben Angst davor, dass ihnen andere bei ihrem Aufstieg auf der Leiter auf die Finger treten und sie dann selbst abstürzen, oder, genauso schlimm, dass andere sie verdrängen. Genau das ist der Grund, weshalb Mittelschichtwähler Kandidaten wählen, die eine Politik treiben, die sie für sie selbst ungünstig ist: Weil die selbe Politik für die unteren Schichten NOCH ungünstiger ist und sie am Aufstieg hindert. Ungleichheit ist OK, wenn andere noch ungleicher behandelt werden…

Dabei ist es genau diese Politik, die die Mittelschicht immer weiter erodieren lässt (angefangen während der Bush-Präsidentschaft, aber der Trend setzt sich unter Obama fort), während die Schicht der Armen (“Arm” definiert als weniger als 50% des mittleren Einkommens) immer größer wird. 2011 lebten 6,7 Prozent von 4.000 Euro oder weniger im Jahr. In manchen Vorstädten breitet sich die Armut rasch aus, Quoten bis 40 Prozent werden hier erreicht – das sind die schlimmsten Werte seit Beginn der Armutserhebungen.

Zur Amerikanischen Mittelschicht: SPON vom 23.8.12, The European vom 20.4.12, Zur Armut: SZ vom 3.11.12

3. Riiise!
Zum Abschluss ein leichteres Thema. Nächste Woche kommt Assassins Creed III weltweit raus. Diesmal spielt die Handlung während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs und beschreibt, wie sich die britischen Kolonien gegen das Empire erheben und das “Land of the Brave” gegründet wird. Es erzählt vom Pioniergeist und dem Kampfeswillen der Gründerväter, die sich gegen die großkopferten Ausbeuter zur Wehr setzen. Ein Bild, dass auch Obama in den letzten Wochen wieder und wieder verwendet.

Er erzählt gerne, dass er und die Bevölkerung den Wagen, den Bush in den Dreck gefahren hat, mit großer Anstrengung wieder aus dem Matsch schiebt, während die Republikaner daneben stehen und feixen. Und anschliessen, wenn der Wagen wieder aus dem Sumpf draussen ist, sich über Matschspritzer und die ein oder andere Beue beschweren und das als Grund nehmen, die Schlüssel des Autos einzufordern.
Was das miteinander zu tun hat? Nun, ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass wir bei den diesjährigen US-Wahlen beobachten können, wie ein Videospiel den Ausgang der Wahl beeinflusst. Der letzte AC-Teil hat sich neun Millionen mal verkauft, ein Drittel davon im US-Markt. Das sollte eine signifikante Gruppe ergeben… Also wenn ich noch aktiv an der Schnittlinie von Medien- und Politikwissenschaft unterwegs wäre, ich würde mir das sehr genau ansehen.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 26. Oktober 2012 in Betrachtung, Politik

 

Eine Antwort zu “Ordnungshilfe: US-Wahlkampf

  1. Ramon Kukla

    26. Oktober 2012 at 09:43

    Der erste Punkt deckt sich komplett mit meinem Eindruck/meiner Vermutung. Man mag da falsch liegen, aber… Es wurde auch gezeigt, dass Obama auch nur Mensch ist. Ein klasse Zug.

     

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