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Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Die verlorene Zeit

Tag 11.

Krank sein und nicht aus dem Haus können ist doof. Was mich zuerst am meisten irritierte ist die Zeit. Nein, nicht das die sich zieht und nicht rumgeht – bekanntermaßen ist mir ja nie langweilig – sondern das Gegenteil. Nach meinem Empfinden RASEN die Tage gerade vorbei. Das kam mir nach kurzem Nachgrübeln bekannt vor, weshalb ich mal wieder in der Kiste mit den Soziologieklassikern wühlen musste.

Tatsächlich kennt man das Phänomen, das die Zeit rast, wenn man zu viel davon hat, wissenschaftlich seit den 30er Jahren. Damals wurde in der Nähe von Wien, im Örtchen Marienthal, eine Fabrik geschlossen. Die Siedlung war nur um diese Fabrik herum entstanden, und in der Folge waren ein ganzer Ort plötzlich arbeitslos.

Die Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld starteten eine bis dahin beispiellose Untersuchung. Mittels teilnehmender Beobachtung, Interviews und Zeitjournalen erforschten sie die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Bevölkerung. Die Zeitjournale waren besonders interessant. Darin sollten die Menschen am Ende eines Tages notieren, was sie wann und wie lange gemacht hatten. Dabei zeigte sich das Phänomen der verlorenen Zeit; eigentlich kurze Tätigkeiten füllten im Denken und in den Zeitjournalen der Menschen viel zu lange Zeitperioden.

Ein kurzer Gang um den Block wurde als Beschäftigung für den ganzen Vormittag angegeben, das Rauchen einer Zigarette nahm den ganzen Nachmittag ein, usw.

Grund dafür sind die fehlenden Strukturen, die sonst die Zeittaktung vorgeben. In der Folge verschwimmen die Tage zu einem diffusen Schleier, und man weiß nicht, was man eigentlich die ganze Zeit über gemacht hat.

Genau so geht es mir gerade, zumindest zum Teil. Heute? Beim Arzt gewesen. Zwei Maschinen Wäsche gewaschen. Blogeintrag geschrieben. Tag rum.

Drei Kreuze, wenn das hier vorbei ist.

 
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Verfasst von - 28. Juli 2015 in Ganz Kurz

 

Hä? Wow!

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Quelle: Internet.

 
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Verfasst von - 26. Juli 2015 in Ganz Kurz

 

Priscillas Song

Am Pfad meiner Narben ruht Deine Hand
den Sternen zuwider in Ewigkeit verbunden


Öffne die Wunden und heil sie wieder
bis sich unser Schicksals wirres Muster bildet
Am Morgen fliehst Du aus meinen Träumen

Ich spiele gerne Computerspiele. Und zwar solche, die nicht nur auf Gameplay ausgelegt sind, sondern die von einer Geschichte angetrieben werden. Stimmt die Narration, können solche Spiele zu etwas werden, was ähnlich fesselt wie ein gutes Buch oder ein guter Film. Gegenüber diesen Medien haben Videospiele aber einen entscheidenden Vorteil, denn sie können sich anderer Medien – Musik, Film, Text, etc. – bedienen, um daraus ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, wie es sonst nicht entstehen könnte, und das die Rezipienten – den Spieler oder die Spielerin – mitten ins Geschehen hineinzieht und evtl. bis dato unbekannte Dinge vermittelt.

Ricky Gervais, bspw., halte ich für einen der besten Satiriker und Stand-Up-Comedians der heutigen Zeit. Kennengelernt habe ich ihn, weil die Spielfigur in Grand Theft Auto IV (2007) als Abendbeschäftigung eine Comedyshow aufsuchen kann. Und dort spielte dann eben… Ricky Gervais!

Ein anderes Beispiel für einen gelungenen Mix findet sich im Rollenspiel “The Witcher III”. Das Spiel ist ohnehin reich an berührenden Geschichten und aktuellen Bezügen und unbedingt spielenswert, besonders ins Auge fallen aber die kunstvoll ausgearbeiteten, kleinen Szenen, in denen die Geschichte kurz innehält und durch einen Exkurs verblüfft. Wie etwa das Lied, dass die Bardin am Abend in einer Kneipe zum Besten gibt, und das… berührt. In einem solchen Moment wird aus einem Videospiel Kunst.

Oben gibt es die multilinguale Variante aus dem Trailer zu sehen, und hier die volle Version und die Lyrics auf englisch, weil ich mit dem deutschen “Stachelbeere und Flieder” nicht klarkomme:

The Wolvenstorm

These scars long have yearned for your tender caress
To bind our fortunes, damn what the stars own
Rend my heart open, then your love profess
A winding, weaving fate to which we both atone

You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep

The wolf I will follow into the storm
To find your heart, its passion displaced
Amidst the cold to hold you in a heated embrace

You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep

I know not if fate would have us live as one
Or if by love’s blind chance we’ve been bound
The wish I whispered, when it all began
Did it forge a love you might never have found?

You flee my dream come the morning
Your scent – berries tart, lilac sweet
To dream of raven locks entwisted, stormy
Of violet eyes, glistening as you weep

 
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Verfasst von - 24. Juli 2015 in Betrachtung, Ganz Kurz

 

Gesichter in Dingen

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Es gibt Sie doch, die legendäre Wassereule!

 
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Verfasst von - 24. Juli 2015 in Ganz Kurz

 

Ein Eis

Wenn man krank ist, darf, nein, MUSS man ein Eis essen.

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Das ist ein Gesetz. Oder eine alte Bulle. Vielleicht auch nur Hörensagentradition. In jedem Fall aber lecker.

 
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Verfasst von - 23. Juli 2015 in Ganz Kurz

 

Wie ich mal im Juli Geburtstag hatte

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“Viel Glück und viel Segen
auf all Deinen Wegen…”

Ich glotze Nachbarin und Vermieterin verständnislos an, wie sie da vor meiner Wohnungstür stehen und singen, in den Händen offensichtlich Geschenke. Nach einem langen Moment bemerkt die Nachbarin meinen Schafsblick und verstummt. Dann drückt sie mir ein Glas ihrer weltbesten Erdbeermarmelade in die Hand und sagt. “Alles Gute zum Geburtstag!!” und die Vermieterin überreicht eine Flasche Wein und gratuliert ebenfalls.Im Hintergund drückt sich einer der Nachbarn an den beiden vorbei und geht die Treppe hinauf.

Ich bin kurz überfordert und so fällt aus meinem Kopf nur ein “Geht es Ihnen gut? Ich habe im Februar Geburstag, das wissen Sie doch auch! Wie kommen Sie denn darauf, dass ich heute hätte?”

Die Vermieterin rückt ihr Brille zurecht und sagt: “Das hat uns ihre Mutter verraten! Die habe ich gerade getroffen!” Dabei guckt sie ganz stolz, als hätte sie was Geheimes rausgefunden. Im Hintergrund kommt der Nachbar wieder zurück und trägt einen Kasten Bier und eine Ladung Grillwürstchen die Treppe runter.

“Ich weiß nicht, WEN sie getroffen haben, aber meine Mutter bestimmt nicht”, sage ich und mache Anstalten, den beiden die Präsente zurück zu geben. Im Hintergrund trägt die Nachbarin einen Geburtstagskuchen durchs Treppenhaus.

“Och nee, behalten Sie das man. Wenn SIE heute nicht Geburtstag haben, dann bestimmt der Gewöhnliche. Und der hat das nicht verdient”, sprachs, und schon waren die beiden wieder verschwunden.

Ja, und nun habe ich hier Geburtstagskonfitüre und Geburtstagswein und werde beides benutzen, noch vor dem nächsten Februar.

 
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Verfasst von - 22. Juli 2015 in Ganz Kurz

 

Durchgestanden

Das Krankenhaus in der Morgensonne. OP-Termin 6.45 Uhr. Ist um die Zeit der Arzt überhaupt schon wach?

Das Krankenhaus in der Morgensonne. Mein Antrittstermin ist 6.45 Uhr, OP-Zeit 7.30 Uhr. Ist um die Zeit der Arzt überhaupt schon wach?

“Gleich sollte es sich komisch anfühlen”, sagt der beige Fleck. Mehr sehe ich ohne Brille nicht vom Anästhesisten. Es ist aber nicht Dr. Olungo. Wäre es Dr. Olungo, dann hätte der Fleck eine andere Farbe. Der Gedankengang wird unterbrochen, weil plötzlich jeder Nerv in meinem Körper anfängt in Wellenbewegungen hoch- und runter zu wubbeln. Ich weiß, dass Nerven nicht wubbeln können, aber so fühlt es sich an. “Jetzt fühlt es sich komisch an”, sage ich dem Anästhesiefleck. “Gut”, kommt es vom Ende des Operationsbetts, wo ich nicht mehr hinsehen kann. “Dann gebe ich Ihnen jetzt noch was anderes”.

Klick. Aus.

“Nur noch fünf Minuten”, denke ich und versinke wieder in Halbschlaf. Es ist zwei Stunden später. Zwei Stunden, die ich nicht mitbekommen habe. Alles ist warm und weich und gemütlich. Ich fühle mich gut, wie nach einer langen Nacht voller erholsamen Schlaf. Nichts tut weh, alles ist gut. Ich weiß, dass ich im Aufwachraum des Krankenhauses bin. Ich bekomme alles um mich herum mit, aber die Welt soll noch fünf Minuten ohne mich klarkommen…

Schnitt.

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“Und wenn ich nach Hause komme”, sagt Erwin, “Dann trinke ich als erstes ein Bier. Und dann… noch eins. So´n richtig schönes Weizen. Man, wie ich DAS hier vermisse.” “Hier” ist das Krankenhaus, Erwin heisst wirklich so und ist einer meiner beiden Zimmergenossen. Er ist fast siebzig, und seine lebenslange Liebe zum Bier ist ihm deutlich anzusehen. Ein gewaltiger Bauch wölbt sich unter dem Sport-T-Shirt und setzt sich in der Jogginhose fort. Das Körpergewicht in Tateinheit mit 47 Arbeitsjahren als Fleischer hat ihm “Rücken” beschert, genauso wie dem Dachdecker im Nebenbett. Beide sind an der Wirbelsäule operiert worden und schon 10 Tage im Krankenhaus. Sie sind quasi auf Expertenlevel, kennen alle Abläufe und die Schwestern beim Vornamen. Beide sind begierig hier so schnell wie möglich rauszukommen. Wenn sie über “hier” reden, klingt das, als reden sie über den Knast. So empfinden sie das auch.

Ich nicht. Ich finde es hier ganz OK. Die Zimmernachbarn nerven nicht, es gibt Service am Bett, und ich muss mich um überhaupt nichts kümmern. Aber ich bin auch 1. noch nicht so lange hier wie Erwin und der Dachdecker und 2. kann ich mich quasi ewig mit mir selbst beschäftigen, wenn ich nur was zum Lesen und oder Internet habe.

Mein rechter Fuß. Ich bin der einzige mit einem roten Verband. Das ist das Zeichen, dass ich von einem externen Arzt operiert wurde und die Schwestern da nicht dran gehen sollen.

Mein rechter Fuß. Ich bin der einzige mit einem roten Verband. Das ist das Zeichen, dass ich von einem externen Arzt operiert wurde und die Schwestern da nicht dran gehen sollen.


(Keller-) Zimmer mit Aussicht.

(Keller-) Zimmer mit Aussicht.

Mit Internet ist es hier allerdings nicht weit her, das Patienten-WLAN reicht nur nachts und bei gutem Wetter bis in Zimmer 11, und selbst dann werden keine Bilder und Stylesheets geladen. SPIEGEL Online im Quelltext lesen, das habe ich schon seit den Zeiten des 28.8er Modems nicht mehr gemacht. Also muss die Bücherei auf dem Kindle und das Spielchen “Batman” auf der Playstation Vita für Unterhaltung sorgen, während Erwin “Erstma´eine rauchen” geht und mit seinem quietschenden Rollator durch die Tür verschwindet.

Schnitt.

“Heute ist Wochenende, kommen keine regulären Patienten”, sagt Schwester Elizabeth, während sie mir ein Thermometer ins Ohr steckt. Die hübsche Frau hat afrikanische Eltern. Sie spricht sehr gut deutsch, verschluckt aber manchmal Wörter. “Sonntags nur Notfälle. Kaputte Motorradfahrer haben wir am Wochenende sehr viel”. Glaube ich gerne. Der Harz ist um die Ecke, da wird jedes Wochenende menschliches Material in mehr oder weniger intaktem Zustand aus den Felswänden gepuhlt. Im Sommer vor allem Niederländer, für die ist der Harz das nächstgelegende Gebirge. Und dann rasen die untrainierten, dicken, alten Männer auf ihren überdimensionierten Maschinen über die Straße der Selbstüberschätzung, bis sie aus der Kurve des eigenen Könnens getragen werden. Oder ein Passat im Weg ist.

Tag der Anreise: Mein Gepäck. Mit Krücken. Ich weiß, wenn ich hier rauskomme, werde ich die sechs Wochen lang brauchen.

Tag der Anreise: Mein Gepäck. Mit Krücken. Ich weiß, wenn ich hier rauskomme, werde ich die sechs Wochen lang brauchen.

Der Dachdecker und ich sehen zu Erwins Bett hinüber. Er ist gestern rausgekommen. Als sein Rollator um die Ecke verschwand, hörten wir nur noch “Weizen, ich ko-mme!!!”. Wenn wir Pech haben, wird das Bett irgendwann heute Nacht wieder von einem Notfall belegt.

Schnitt

Ich mache schon kleine Spaziergänge, an Krücken, den operierten Fuß in einem Fixierschuh. Damit laufe ich aus Station für Unfallchirurgie raus, fahre mit dem Fahrstuhl aus dem Keller, wo Station 5.01 liegt, zwei Stockwerke nach oben. Dann laufe ich durch den wirklich hübschen Park und gucke die kaputten Raucher in ihrem Pavilion an und bin wieder mal so dankbar das ich nicht mehr rauche.

Krankenhaushumor: Rundwege durch den Park. Die “Weltreise” ist 230 Meter lang, und ja, an Krücken ist das ganz schön weit.

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Oder ich stehe dann auf der Galerie, von wo aus man auf die Eingangshalle hinabsehen kann. Von dort lassen sich trefflich die Besucher und Patienten beobachten. Ihre Körper erzählen manchmal Geschichten. Wie bei dem jungen Paar, das Hand in Hand durch das Gebäude läuft. Beide haben die Venenkatheter an den Handgelenken, was auf einen Aufenthalt in der Intensivpflege oder eine kürzlich zurückliegende OP schliessen lässt. Er, ein aufgepumpter Muskeltyp, hat ein Blutergüsse an den Armen und im Gesicht. Sie, schlank und hübsch, hat Abschürfungen die ganzen Beine und Arme hinauf. Ich tippe auf einen Zweiradunfall, bei dem er einen Abgang über den Lenker gemacht hat und sie über die Straße gerutscht ist. Zumindest passen diese Anzeichen. Unfallhergänge raten. Womit man sich so die Zeit vertreibt.

Schnitt.

Die Zeit rast. Frühstück-Visite-Mittagessen-Mittagsschlaf-Kaffee-Abendessen. Und wieder ist ein Tag vorbei, ohne das ich sagen könnte, was ich eigentlich gemacht habe. Das langweilige Buch ist immer noch nicht durch, und auch Batman kommt nicht voran.

Schnitt.

Ein Golf fährt vor, während ich vor dem Haupteingang der Klinik sitze und das langweilige Buch zu Ende lese. Ein junges Paar steigt aus, sie trägt ein Mädchen von vielleicht zwei Jahren auf dem Arm. Die beiden zünden sich Zigaretten an, plaudern über Bekannte, Autos, das Wetter. Sie haben alle Zeit der Welt, vielleicht wollen sie Omma besuchen oder so.

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Ich klappe den Kindle zu und greife meine Krücken. Als ich durch die automatische Drehtür bin, folgt mir das Paar. Auf dem Weg durch die Eingangshalle beschleunigen sich ihre Schritte. An der Rezeption wird der junge Mann laut: “SCHNELL! Wo ist hier die Notaufnahme?? Meiner kleinen Tochter geht es gar nicht gut!!” Vielleicht sollten wir doch eine Eignungsprüfung für Eltern einführen.

Schnitt.

Wieder zu Hause. Wieder Internet.

In der kurzen Zeit meiner Abwesenheit hat die Rose, die ich bei der Übernahme der Wohnung auf dem Balkon gefunden habe, angefangen zu blühen.

In der kurzen Zeit meiner Abwesenheit hat die Rose, die ich bei der Übernahme der Wohnung auf dem Balkon gefunden habe, angefangen zu blühen.

Danke an alle, die an mich gedacht, die Daumen gedrückt oder sich nach meinem Befinden erkundet haben. Es ist alles gut gegangen, die OP ist gut verlaufen. Die Aussichten, dass der Fuß wieder so funktionieren wird wie normal, sind zwar nicht so dolle. Aber zumindest habe ich keine Schmerzen, zumindest so lange ich mich nicht bewege, und vielleicht klappt es ja doch. Dafür muss der Fuß jetzt sechs Wochen fixiert und am Besten hochgelegt werden. Sechs Wochen immobil. Meh. Aber die werden auch irgendwie rumgehen, und im Moment geht es mir gut, und das ist schon mal viel wert.

 
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Verfasst von - 21. Juli 2015 in Ganz Kurz

 
 
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