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Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Übrigens…

… heute um 18.00 Uhr passiert hier Kunst. Große. Kunst.

 
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Verfasst von - 20. Oktober 2014 in Ganz Kurz

 

TOAZ: Literaturherbst mit der Titanic Boygroup

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Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonnenborn sind ehemalige Chefredakteure des Satiremagzins Titanic. Zusammen sind sie die Titanic-Boygroup und gehen als diese seit ein paar Jahren auf Lesetour. Das diesjährige Gastspiel beim Literaturherbst war angekündigt mit “Abschiedstournee”, und nach dem ich sie all die Jahre ignoriert hatte, nahm ich nun die letzte Gelegenheit wahr, die Herren live zu sehen.

“Wir zeigen hier übrigens NICHT den Film. Wer gekommen ist um den Film “Titanic” zu sehen ist hier falsch!”

Wie es sich für die Chefs a.D. des “endgültigen Satiremagazins” (Titanic über Titanic) gehört, geschah die Lesung im prunkvollen Deutschen Theater in Göttingen.

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Um 21.00 Uhr, als die Lesung eigentlich beginnen sollte, waren die Türen noch verschlossen. Die Schlange der Wartenden war mehrere hundert Meter lang. Aber als es dann aber endlich losging, rockten die drei die Bühne.

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Oliver Maria Schmitt ließ die schönsten Titelblätter aus dreieinhalb Jahrzehnten Titanic Revue passieren, darunter solche Klassiker wie “Zonengabi: Meine erste Banane” oder “Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt”. Er zeigte auch die Titel, für die die Titanic verklagt wurde – immer wieder übrigens von der SPD, u.a. für ein Bild von Volker Beck als Problembär.

“Liebe Frau Rammelt, könnten Sie bitte eine Autorengemeinschaft mit Gisela von Hinten eingehen? Zu gerne würde wir auf einem Buchcover lesen: Rita Rammelt Gisela von Hinten”

Dann wurden “Briefe an die Leser” verlesen, ebenfalls beginnend mit Klassikern – die aber zum Teil so abgehangen waren, das sie nicht mehr zündeten (s.o.)

Thomas Gsella, angekündigt als Alterspräsident, verlas Weisheiten von Fußballreportern, die man auf Alltagssituationen münzen kann. Komplett unlustig, wurde dann zum Glück auch von einer Raucherpause unterbrochen.

“Wer hat mich hier gewählt?”

Interessanter war da schon Martin Sonneborns Tätigkeit für das ZDF, aus dem er Auszugsweise berichtetet und zu dem auch Filme gezeigt wurden – z.B. wie Sonneborn an Berliner Häusern klingelt und behauptet, das Wohnzimmer für Google Homeview fotografieren zu müssen. Oder ein Interview mit der Deutschen Bank, bei dem die Bank Fragen und Antworten vorab geschickt hatte:

Spannend war Sonneborns nüchterne Darstellung der Gründung DER PARTEI, die durch den Wegfall von Hürden im Lübecker Stadtrat sitzt (“Wahlversprechen: Eine U-Bahn für Lübeck und das Lübeck Hauptstadt von Schleswig-Holstein wird”). Große Lacher gab es bei Bildern aus dem Europawahlkampf, bei dem DIE PARTEI die Wahlplakate anderer Parteien geschickt und spaßig sabotierte. Einige der eigenen Wahlplakate musste sie entfernen (“Merkel ist doof – Wählen Sie DIE PARTEI, die ist sehr gut”), andere durften hängenbleiben (“Merkel ist dick”). Ärger gab es ebenfalls bei Werbespots: Der Spot zur Familienplanung etwa wurde von Youtube wegen zu viel Sex gelöscht. Dann habe man ihn halt auf Youporn hochgeladen. “Wir hatten erst Angst, dass er da wegen zu viel Politik gelöscht wird. Aber er ist noch da”, so Sonneborn.

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Zu seiner eigenen Überraschung ist Sonneborn ins Europaparlament eingezogen. Ein Bild zeigt ihn mit einem “DIE PARTEI”-Handtuch im Plenarsaal. “Ich war ganz früh am Morgen da, noch vor den Briten, und habe mir einen guten Platz gesichert”, sagt Sonneborn stolz. Und weiter:

“Ich habe drei Ziele für Europa:
1. Der Amazon-freie Mittwoch. Einfach um die zu ärgern.
2. Die Wiedereinführung der Gurkenkrümmungsverordnung und deren Anwendung auf deutsche Waffenexporte. Jeder Gewehrlauf soll nach Norm gekrümmt sein.
3. Die Schaffung eines Kerneuropas mit 27 Satellitenstaaten. Engländern und Schweizern verstehen sofort, wie das funktionieren soll.”

Martin Sonneborn leistet aber auch echte Arbeit, etwa bei der Befragung der designierten Kommissare der neuen Kommission. Günther Oettinger fragt er etwa danach, wie er verhindern will, dass das Internet dessen Versuch, mittelalterliche Inkunabeln zu verhökern, vergisst – und was das überhaupt sei.

Im Anschluss berichtete Oliver Maria Schmitt von seine Facebook-Freund Kai Diekmann und fantasierte darüber, was wohl bei einem Abendessen zwischen dem und dem Ehepaar Kohl passiert sei, bevor Thomas Gsella noch ein wenig Gedichte vortragen durfte.

“Es ist der Traum jedes Göttingers, ein Mal nach Berlin zu kommen. Und dann da zu bleiben.”

Nach einer kleinen Zugabe wurde der Abend geschlossen – die Boygroup blieb aber noch ein wenig, um “Dinge in Bücher reinzuschreiben. Unsere Namen. Oder auch ihren Namen, wenn sie den mal geschrieben sehen wollen”, wie Schmitt sagte. “Und danach reißen wir uns die Kleider vom Leib, bilden einen Polonäsewurm und ziehen tanzend mit ihnen durch die Gassen der Spaßmetropole Göttingen.”

Da musste ich dann doch passen, tanzen ist nicht so meins. Auch wenn nicht jeder Gag zündete: Lustig war der Abend aber allemal – und das dies wirklich die “Abschiedstour” der Titanic Boygroup war, glaube ich nicht. Es war allerdings die letzte Veranstaltung des Literaturherbsts. Für dieses Jahr.

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Verfasst von - 20. Oktober 2014 in Event, TOAZ

 

TOAZ: MPI für Sonnensystemforschung

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Im fiktiven Städtchen Eureka leben nur Wissenschaftler, von denen jeder an seinem eigenen Projekt arbeitet. So ähnlich muss man sich das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung vorstellen: Ein ganzes Haus voller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die alle an ihrem eigenen Ding arbeiten. Hier jagt einer Mikroben, ein Labor weiter wird mit einem Seismographen gemessen ob der Stadtbus pünktlich ist, in einem Nebenraum wickelt der Chef des Instituts noch selbst die Heizspulen für einen neuen Ofen, und im Hangar gegenüber arbeiten Leute in Reinraumanzügen an einem neuen Satelliten, der vielleicht später mal für ähnliche Schlagzeilen sorgen wird wie der Solar Orbiter oder Rosetta, der gerade im Moment den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko umkreist.

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Im Norden von Göttingen ist in den letzten 20 Jahren ein ganz neuer, naturwissenschaftlicher Campus entstanden. Stück für Stück ziehen die naturwissenschaftlichen Institute aus der Innenstadt auf den neuen Campus (nur die Mathematiker nicht, weil Mathematiker NIE machen was man ihnen sagt). Der neueste Zugang ist das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung.

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Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Verein, der in München sitzt und 83 Institute in ganz Deutschland unterhält. Zweck des Ganzen ist die Grundlagenforschung, die Finanzierung kommt zum Großteil von Bund und Ländern. Den Verein gibt es seit 1948. Der erste Präsident war der berühmte Chemiker Otto Hahn, der aktuelle heißt Martin Stratmann. Das Logo zeigt übrigens Minerva, die Göttin der Weisheit.

Das neue Institut in Göttingen ist ein architektonisch beeindruckender Bau, sowohl was Größe als auch Design des Innenraums angeht. Das Foyer sieht aus wie eine Mischung aus Guggenheim und Zentrale der Men in Black. Der Eindruck verstärkt sich sogar noch, wenn man weiß, was hinter der Designerfassade vor sich geht.

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Das MPI für Sonnensystemforschung residierte bis vor kurzem in Lindau. Lindau ist ein Dorf irgendwo hinter Northeim, und von dem weiß auch schon niemand wo es liegt. Was macht so ein Institut mitten im Nirgendwo?

“Das ist eine interessante Geschichte!”, sagt Herbert Kreuznacher, während hinter uns eine schwere Doppeltür zufällt und wir einen weißen, sterilen Gang entlanggehen. Der Doktor der Biologie führt eine Gruppe von Alumni der Universität Göttingen durch das Gebäude. “Das Institut hat sich ja hochgearbeitet. Erst haben wir nur Athmosphärenforschung gemacht. Das war im zweiten Weltkrieg wichtig, weil man Langstreckenfunk nutzen wollte. Dabei strahlt man Funksprüche hoch in den Himmel. An der Ionosphäre werden sie reflektiert und kommen zurück zur Erde, und zack, konnte man mit Goebbels in Afrika reden, ohne das die Alliierten mithören konnten. Die Ionosphäre verändert sich dauernd, und das Institut berechnete täglich die erforderlichen Wellenlängen und Abstrahlwinkel. ”

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Wir biegen um eine Ecke. Auch dieser Gang ist strahlend weiß, aber hier stehen überall noch unausgepackte Umzugskartons herum.

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Kreuznacher fährt fort “Das Institut wurde in Mecklenburg gegründet, aber weil es so wichtig war für die Nationalsozialisten, nach Wien verlegt. Nach Kriegsende sollten die Wissenschaftler in die britische Besatzungszone verlegt werden, aber niemand wusste, wohin. Nach langen Diskussionen riss einem General der Geduldsfaden, und er tippte blind irgendwo auf die Landkarte. Sein Finger zeigte auf Katlenburg-Lindau. Dann sollten fünf Lastwagen bereitgestellt werden, um nur das wissenschaftliche Personal nach Lindau zu bringen. Der Soldat, der die Papiere fertigmachte, vertat sich aber um eine Null. Statt 5 standen am Tag der Abreise 50 Lastwagen vor der Tür. Die Wissenschaftler konnten ihr Glück kaum fassen, denn so konnten sie alle Geräte aus Wien mitnehmen und in Lindau, quasi auf dem Acker, arbeiten.”

Kreuznacher wedelt mit seinem Schlüssel über eine Metallplatte, das Türschloß klickt, und wir betreten einen Raum, der bis unter die Decke vollgestopft ist mit Instrumenten, deren Zweck ich nicht mal raten kann. Im Hintergrund dröhnen Pumpen. Sie erzeugen in verschiedenen Kammern ein Vakuum.

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Verfasst von - 19. Oktober 2014 in Event

 

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Prag bei Nacht

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Verfasst von - 18. Oktober 2014 in Foto, Reisen

 

Warum die GDL nicht verhandelt

Neues Angebot liegt auf dem Tisch, trotzdem treikt die GDL das ganze Ferienwochenende. Verhandelt wird nicht. Warum? Weil der Führer der GDL, Claus Weselsky, zu beschäftigt damit ist, Facebookkommentatoren offene Briefe zu schreiben. Im Ernst! Kann man sich gar nicht ausdenken, sowas. Wenn er JEDEM negativen Kommentar hinterherschreibt, hat er einiges zu tun.

Mein Lieblingskommentar von der Pro Bahn Seite: “Wann können GDL-Mitglieder durch geeignete EDV ersetzt werden?”

Ja, soweit sind wir schon. Wird durch ein vergeigtes Wochenende nicht besser.

 
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Verfasst von - 18. Oktober 2014 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Prag 2014 (2): Das bimmelnde Skelett und der Golem

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Am Tag der Deutschen Einheit, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, machten Modnerd und Silencer in den Osten rüber. Einmal falsch abgebogen, und schon fanden sie sich in Prag wieder, der Stadt an der Moldau.

Samstag, 04. Oktober 2014

Familienfotos in schwarz-weiß, sepiafarbene Aufnahmen von alten Autos, Öllampen, eine gußeiserne Schreibmaschine, Kochlöffel, Schallplatten, verschiedene Sorten von Uhren, eine Gasmaske und das Innenleben eines Konzertflügels schmücken die Wände des Frühstücksraums in der Pension 15. Hier hat jemand den Inhalt seiner Rumpelkammer zum Konzept erklärt.

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Heute macht nicht die Frau Frühstück, sondern eine andere, aber gut ist es trotzdem. Eine halbe Stunde später stehen Modnerd und ich auf dem Kopfsteinpflaster des Wohnviertels und trotten Richtung Westen.

1. Nationaldenkmal, 2. Markt, 3. Messepalast, 4. Lapidarium, 5. Jüdisches Viertel, 6. Astronomische Uhr, 7. Hotel Europa und Wenzelplatz, 8. Kobra Nostalgia, 9. Pension 15

1. Nationaldenkmal, 2. Markt, 3. Messepalast, 4. Lapidarium, 5. Jüdisches Viertel, 6. Astronomische Uhr, 7. Hotel Europa und Wenzelplatz, 8. Kobra Nostalgia, 9. Pension 15

Es ist noch ein wenig diesig und mit 10 Grad auch kühl, aber das bleibt nicht so – als wir um eine Ecke biegen, grüßt über die Hausdächer schon das größte Reiterstandbild der Welt von seinem Gedenkberg herab, und dahinter: Blauer Himmel.

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Der Berg ist der Vitkov, und seine Kuppe trägt das Nationalmuseum. Von dort hat man, klar, eine tolle Aussicht:

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Der Typ auf dem Pferd ist Jan Žižka, einen Heerführer, der an dieser Stelle vor 600 Jahren Kreuzfahrer vermöbelte. Wenn man davor steht, wirkt die Pferdestatue gar nicht so groß, aber mit neun Meter Höhe und mit 16,5 Tonnen Gewicht gibt es keine von vergleichbarer Größe in der Welt.

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Umgeben sind Pferdemensch und Museum mit einem Park, in dem an diesem Morgen nur vereinzelt Leute herumjoggen. Ein gewundener Weg führt hinab in den Stadtteil nördlich des Vitkov.

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Hier ist das “normale” Prag. Touristen verirren sich nicht hierher, hier gehen nur Anwohner ihrem Leben nach. Die großen Bürgerhäuser aus der Gründerzeit sind auch hier imposant und schön anzusehen, aber weniger farbenfroh gestrichen und wenig gepflegt als im Zentrum. Die Läden sind kleiner und spezialisierter, und die Kneipen und Restaurants haben ihre Karten nur auf tschechisch in der Auslage, und nicht wie im Zentrum auch auf englisch.

Sprachlich hat man in Prag übrigens gar keine Probleme. Jeder hier spricht Englisch, viele auch Deutsch. Deutsch ist besonders bei älteren noch verbreitet, die jüngeren lernen es meist nicht mehr.

Prag war übrigens seit immer ein Sammelbecken mit einer deutschen und einer tschechischen Bevölkerung. Ich sage bewusst nicht “ein Schmelztiegel”, denn vermischt hat sich da gar nichts. Die Deutschen waren immer die mit dem Geld, die gebildete und arrogante Oberschicht. Die Tschechen stellten die Arbeiterklasse. Das änderte sich erst, als nach Ende des zweiten Weltkriegs die Deutschen aus dem Land geworfen wurden. Diese Abschiebung der “Sudentendeutschen” wird von deren Organisation gerne als Vertreibung bezeichnet. Heute liegt der deutsche Bevölkerungsanteil bei 0,2 Prozent.

Unversehens geraten Modnerd und ich in einem Markt, der die freundliche Atmosphäre eines kleinen Stadtfests oder eines Open-Air-Cafés hat. In einem Park vor einer Kirche stehen Wagen und Wägelchen, an denen Obst, Gemüse und Wurst verkauft werden. Dazu gibt es Stände, die Essen anbieten. Hier drehen sich auf großen Grills lecker aussehende Würste, dort wird selbstgebackener Kuchen verkauft. Eine sehr entspannte Atmosphäre liegt in der Luft. Die Leute schlendern über den Markt, kaufen Kartoffeln, dann setzen sie sich auf eine Wurst und einen Kaffee an die Tische. Generell ist Prag sehr angenehm locker, und hier ist es einfach nur super relaxed.

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Verfasst von - 18. Oktober 2014 in Reisen

 

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Gewerkschaft der Lokführer

Das Streikrecht ist ein hohes Gut, und wenn es darum geht, dass Arbeit so gestaltet wird, dass sie Menschen nicht kaputtmacht und man von ihr Leben kann, haben Streiks -auch wenn sie mich selbst treffen- meine uneingeschränkte Sympathie.

Wovon ich kein Fan bin: Wenn Gewerkschaften aus eher, sagen wir mal, merkwürdigen Gründen streiken und Infrastruktur lahmlegen. Verkehsinfrastruktur gehört da für mich sogar zu den kritischen Infrastrukturkomponenten, mit der vorsichtig umgegangen werden sollte. Am Mittwoch nun standen 85% aller Züge in Deutschland still. Warum? Weil die GDL die Senkung der Arbeitszeit auf 37 Stunden und 5% mehr Lohn verlangt. Aber nicht nur für ihre Mitglieder, und nicht nur für ihre Klientel – die Lokführer- sondern auch für anderes Zugpersonal.

Die Lohnerhöhung finde ich prinzipiell super. Der Bahnverkehr in Deutschland ist so schlimm, der wird nur noch vom persönlichen Einsatz und den starken Nerven der Zugbegleiterinnen und -begleiter zusammengehalten. Die haben mehr Geld, Orden und Frührente verdient. Problem dabei: Das Zugpersonal wird zum Großen Teil von einer anderen Gewerkschaft vertreten. Die Deutsche Bahn hat nach eigenem Bekunden die Senkung der Wochenarbeitszeit angeboten sowie 2% mehr Lohn, und dazu gesagt, die Gewerkschaften mögen sich jetzt bitte erst mal einigen, wer jetzt wen vertritt.

Ich finde das Verhalten der GDL aus mehren Gründen befremdlich.

  • Warum streikt die GDL, bevor eine Verhandlung überhaupt stattfindet? Normalerweise wird erst gestreikt, wenn es in Verhandlungen nicht weiter geht.
  • Findet die GDL die 37-Stunden-Woche tatsächlich noch zeitgemäß? In den 80ern konnte man für sowas auf die Straße gehen, aber heute? Wenn das Ziel der Abbau der Überstunden beim Personal ist, ist die Senkung der Regelarbeitszeit eher nicht das geeignete Instrument. Das schreibt jemand, der bei 40 Stunden Regelarbeitszeit in den vergangenen 9 Jahren über 3.000 Überstunden angesammelt hat.
  • Warum streikt die GDL für eine Klientel, die zu einem Guten Teil woanders organisiert ist? Die GDL pocht darauf, dass Tarifeinheit “ein frommer Wunschtraum der Bahn” sei, der mit nicht nicht zu machen ist. Ist natürlich aber supi, wenn Menschen, die die gleiche Arbeit machen, unterschiedlich bezahlt werden, oder wie?
  • Die GDL stellt sich auf den Standpunkt, dass sie aktuell ja nur unter schlechter Presse zu leiden habe. Die Bahn stelle sich in den Medien als die Guten dar, würde aber inhaltlich nicht gesprächsbereit sein. Hergott, das mag sein – aber dann möge die GDL doch bitte auch mal die Medien vernünftig bespielen und erklären, wie ihre Sicht der Dinge ist. Ruhig und sachlich. Stattdessen gibt sich der Führer der GDL, Claus Weselsky, in Interviews so erregt, dass man befürchtet, dass ihm gleich eine Ader platzt. Dabei verwendet er Blut- und Bodenrethorik, und antwortet nie stringent auf Fragen. Stattdessen schwafelt er nur, dass es nicht ums Was, sondern ums wie ginge, und dass das Überleben der GDL auf dem Spiel stünde, weil die Bahn nichts weniger wollte als deren Existenz auslöschen.

    Gewerkschaften sind Machtstrukturen, und Menschen an der Spitze von Machtstrukturen werden manchmal etwas… merkwürdig. Ich will noch gar nicht mal unterstellen, dass hier jemand eine Minigewerkschaft benutzt um seine persönliche Profilneurose auszuleben. Ich möchte nur feststellen, dass sich die GDL keinen gefallen tut, wenn ihr Vorsitzender sowas in stark erregt Mikros bellt, die man ihm eins hinhält. In den Medien wird das dann so verkürzt, dass es es wirkt, als wäre hier ein Verschwörungtheoretiker am Werk, der nicht mehr ganz knusper ist und der den Bahnverkehr in Deutschland lahmlegt, weil er es kann.

    Damit haben wir auch das Hauptproblem: Die Wahrnehmung der Situation. Ich bni ja nicht allein mit meinem Befremden. Schon denkt die Politik, erstaunlicherweise zuvorderst die traditionell gewerkschaftsnahe SPD, darüber nach das Streikrecht einzuschränken. Gut, vielleicht sollte Frau Nahles jemand erklären, dass wir kein eigenes Streikrecht in Deutschland haben, das leitet sich nur aus der Vereinsfreiheit des Art. 9 des Grundgesetzes ab. Aber ERNSTHAFT, das Verhalten von GDL (und aktuell noch den Piloten, die dafür streilen mit 55 in den Ruhstand zu dürfen) sorgt dafür, dass darüber nachgedacht wird, Streiks für kleine Gewerkschaften gesetzlich zu beschränken.

    Sollten solche Regelungen kommen, werden sie auch angewendet. Wenn dann das nächste mal Erzieherinnen und Altenpfleger auf die Straße gehen, um dafür zu streiken, dass sie von ihrer 60 Stunden Woche runterkommen und so bezahlt werden, dass sie davon wenigstens die Miete bezahlen können, dann werden diese Regelungen auch auf sie angewendet. Und damit hätte die GDL dann dreifachen Schaden mit ihrem Verhalten angerichtet: Den unmittelbaren, durch die Zugausfälle, den mittelfristigen, das Versielen sämtlicher Sympathien für ihre Arbeit, und langfristig eine Beschädigung der Arbeitskampfmöglichkeiten. Glückwunsch.

    Nachtrag: Der SPIEGEL ist weniger Zimperlich und titelt “Deutschlands dümmste Gewerkschaft”.

     
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    Verfasst von - 17. Oktober 2014 in Betrachtung

     

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