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Archiv der Kategorie: Betrachtung

Nachtzug

Die Bahn ist für mich die erste Wahl bei den Reisemitteln, zumindest innerhalb Europas. Wenn man früh genug bucht sind die Preise günstig, ich kann direkt von Göttingen aus ohne umzusteigen halb Europa erreichen, und dabei ist das ganze viel umweltschonender und zeitsparender als fliegen. Zudem ist, bei immer knapperen Ressourcen, die Bahn, um das mal dramatisch auszudrücken, das Fortbewegungsmittel der Zukunft. Leider hat das niemand Grube gesagt, der Mann, der mit Vornamen Bahnchef heißt. Die Deutsche Bahn ist die teuerste und unpünktlichste in ganz Europa, selbst die vielgescholtene Trenitalia ist besser als die DB. Das sind Hinterlassenschaften der Mehdorn-Jahre, der das Unternehmen runtergewirtschaftet hat um für Anleger attraktiv zu sein.

Für Preisbewusste gibt es jetzt eine Alternative zur Bahn: Fernbusse. Die fahren zu ähnlichen Preisen wie in anderen Ländern die Bahn, und die DB spürt die neue Konkurrenz. Leider reagiert sie in die verkehrte Richtung. Statt selbst attraktiver zu werden, versucht sie ihre Fans zu vergraulen. Dieser Tage wurde kolportiert, dass die Bahncard abgeschafft bzw. in “personalisierten Rabatten” aufgehen soll. Prima Plan, Vielfahrer damit vor den Kopf zu stoßen. Strategie Nummer zwei: Fernreisende vom fern Reisen abhalten, durch Streichung der Nachtzuglinien. Nachtzug, das ist, wenn man Abends um 23 Uhr in Götham in den Zug steigt, sich ins Bett legt um morgens um 09.00 Uhr in Paris, Venedig oder Rom ist. Man spart damit einen Anreisetag und ist sofort mitten drin im Urlaub. Und das für sagenhaft wenig Geld, Nachtzug gibt es ab 39,- Euro.

Vor sechs Wochen noch bin ich mit dem Nachtzug nach Paris gereist. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn diese Linie wird als erste eingestellt. Und zwar nicht nächstes Jahr oder irgendwann, sondern nächste Woche. Das ist nicht nur Schade, das ist eine überaus dumme Strategie von der Bahn. Statt genau solche Verbindungen auszubauen und ihre internationalen Connections zu nutzen, überlässt sie jetzt das Feld der Konkurrenz – denn Fernbusse haben zwar keine Betten, fahren aber auch über Nacht.

In Götham gibt es morgen eine Demo gegen die Einstellung der Nachtlinie nach Paris. Ich fürchte zwar, dass außer dem Organisator niemand daran teilnimmt, aber immerhin habe ich hier mal meinen Unmut geäußert: Ich bin ein Fan von Nachtzügen und möchte, dass die Bahn weiterhin als Fernreisemittel funktioniert.

 
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Verfasst von - 10. Dezember 2014 in Betrachtung

 

Italienische Verhältnisse

Jetzt streikt die Gewerkschaft der Lokführer also die nächsten 110 Stunden. Von heute nachmittag bis Montag Morgen legt sie den Verkehr lahm. Die letzten Gespräche, bei denen es darum ging, wie GDL, Bahn und die Gewerkschaft der Eisenbahner gemeinsam getrennte Tarifverträge aushandeln können, ließ die GDL platzen – dem Vernehmen nach kurz vor der Unterzeichnung einer Vereinbarung. Dafür krakeelt es heute von ihrer Website, dass sie das Grundrecht auf Streik in Gefahr sehe. Jaja, immer das Grundgesetz in der Tasche, dann aber das Recht soweit dehnen, dass mittlerweile selbst die gutmütigsten Menschen überlegen, ob Gesetze zur Einschränkung der Tarifpluralität nicht sinnvoll wären. Das wäre nicht passiert, würde die GDL ihr Blatt nicht so gnadenlos überreizen, mit Forderungen, die schon lange keiner mehr versteht. Aktuell wirkt GDL-Chef Weselsky ein wenig wie jemand, der einem anderen mit Gewalt die Fresse poliert und dabei brüllt “Hör auf mit Deinem Gesicht meine Faust zu verletzen!!!”

Worum geht es denn eigentlich? Um Lohnerhöhungen und Arbeitserleichterungen schon lange nicht mehr. Es geht der GDL darum, anderen Gewerkschaften Mitglieder abzuwerben. Dafür muss und kann man kein Verständnis haben. Tatsächlich verrohen die Sitten zusehends. Die BILD veröffentlichte gerade Weselskys Telefonnummer. Und Focus Online zeigte Bilder seines Hauses und setzte daneben einen Text, nach dessen Lektüre man es für normal halten konnte, bei ihm vorbeizugehen, zu klingeln und ihm mal die Meinung zu sagen. Damit verhalten sich diese Medien mindestens so widerlich und unanständig wie der gemeine Internettroll.

Da wünsche ich mir italienische Verhältnisse. In Italien ist der Streik verbrieftes Grundrecht, das oft und gerne genutzt wird. Aber: Streiks in Italien sind geradezu deutsch organisiert! Streiks müssen 10 Tage vorher angemeldet werden, damit sich alle drauf einstellen können. Es gibt einen Streikkalender, in dem alle Streiks, in der Regel lange vorher, aufgeführt sind. Angehörige einer Sparte, z.B. Lokführer und Piloten, dürfen nicht gleichzeitig streiken. Und zu hohen Feiertagen und in den Ferien darf gar nicht gestreikt werden.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 5. November 2014 in Betrachtung

 

Gewerkschaft der Lokführer

Das Streikrecht ist ein hohes Gut, und wenn es darum geht, dass Arbeit so gestaltet wird, dass sie Menschen nicht kaputtmacht und man von ihr Leben kann, haben Streiks -auch wenn sie mich selbst treffen- meine uneingeschränkte Sympathie.

Wovon ich kein Fan bin: Wenn Gewerkschaften aus eher, sagen wir mal, merkwürdigen Gründen streiken und Infrastruktur lahmlegen. Verkehsinfrastruktur gehört da für mich sogar zu den kritischen Infrastrukturkomponenten, mit der vorsichtig umgegangen werden sollte. Am Mittwoch nun standen 85% aller Züge in Deutschland still. Warum? Weil die GDL die Senkung der Arbeitszeit auf 37 Stunden und 5% mehr Lohn verlangt. Aber nicht nur für ihre Mitglieder, und nicht nur für ihre Klientel – die Lokführer- sondern auch für anderes Zugpersonal.

Die Lohnerhöhung finde ich prinzipiell super. Der Bahnverkehr in Deutschland ist so schlimm, der wird nur noch vom persönlichen Einsatz und den starken Nerven der Zugbegleiterinnen und -begleiter zusammengehalten. Die haben mehr Geld, Orden und Frührente verdient. Problem dabei: Das Zugpersonal wird zum Großen Teil von einer anderen Gewerkschaft vertreten. Die Deutsche Bahn hat nach eigenem Bekunden die Senkung der Wochenarbeitszeit angeboten sowie 2% mehr Lohn, und dazu gesagt, die Gewerkschaften mögen sich jetzt bitte erst mal einigen, wer jetzt wen vertritt.

Ich finde das Verhalten der GDL aus mehren Gründen befremdlich.

  • Warum streikt die GDL, bevor eine Verhandlung überhaupt stattfindet? Normalerweise wird erst gestreikt, wenn es in Verhandlungen nicht weiter geht.
  • Findet die GDL die 37-Stunden-Woche tatsächlich noch zeitgemäß? In den 80ern konnte man für sowas auf die Straße gehen, aber heute? Wenn das Ziel der Abbau der Überstunden beim Personal ist, ist die Senkung der Regelarbeitszeit eher nicht das geeignete Instrument. Das schreibt jemand, der bei 40 Stunden Regelarbeitszeit in den vergangenen 9 Jahren über 3.000 Überstunden angesammelt hat.
  • Warum streikt die GDL für eine Klientel, die zu einem Guten Teil woanders organisiert ist? Die GDL pocht darauf, dass Tarifeinheit “ein frommer Wunschtraum der Bahn” sei, der mit nicht nicht zu machen ist. Ist natürlich aber supi, wenn Menschen, die die gleiche Arbeit machen, unterschiedlich bezahlt werden, oder wie?
  • Die GDL stellt sich auf den Standpunkt, dass sie aktuell ja nur unter schlechter Presse zu leiden habe. Die Bahn stelle sich in den Medien als die Guten dar, würde aber inhaltlich nicht gesprächsbereit sein. Hergott, das mag sein – aber dann möge die GDL doch bitte auch mal die Medien vernünftig bespielen und erklären, wie ihre Sicht der Dinge ist. Ruhig und sachlich. Stattdessen gibt sich der Führer der GDL, Claus Weselsky, in Interviews so erregt, dass man befürchtet, dass ihm gleich eine Ader platzt. Dabei verwendet er Blut- und Bodenrethorik, und antwortet nie stringent auf Fragen. Stattdessen schwafelt er nur, dass es nicht ums Was, sondern ums wie ginge, und dass das Überleben der GDL auf dem Spiel stünde, weil die Bahn nichts weniger wollte als deren Existenz auslöschen.

    Gewerkschaften sind Machtstrukturen, und Menschen an der Spitze von Machtstrukturen werden manchmal etwas… merkwürdig. Ich will noch gar nicht mal unterstellen, dass hier jemand eine Minigewerkschaft benutzt um seine persönliche Profilneurose auszuleben. Ich möchte nur feststellen, dass sich die GDL keinen gefallen tut, wenn ihr Vorsitzender sowas in stark erregt Mikros bellt, die man ihm eins hinhält. In den Medien wird das dann so verkürzt, dass es es wirkt, als wäre hier ein Verschwörungtheoretiker am Werk, der nicht mehr ganz knusper ist und der den Bahnverkehr in Deutschland lahmlegt, weil er es kann.

    Damit haben wir auch das Hauptproblem: Die Wahrnehmung der Situation. Ich bni ja nicht allein mit meinem Befremden. Schon denkt die Politik, erstaunlicherweise zuvorderst die traditionell gewerkschaftsnahe SPD, darüber nach das Streikrecht einzuschränken. Gut, vielleicht sollte Frau Nahles jemand erklären, dass wir kein eigenes Streikrecht in Deutschland haben, das leitet sich nur aus der Vereinsfreiheit des Art. 9 des Grundgesetzes ab. Aber ERNSTHAFT, das Verhalten von GDL (und aktuell noch den Piloten, die dafür streilen mit 55 in den Ruhstand zu dürfen) sorgt dafür, dass darüber nachgedacht wird, Streiks für kleine Gewerkschaften gesetzlich zu beschränken.

    Sollten solche Regelungen kommen, werden sie auch angewendet. Wenn dann das nächste mal Erzieherinnen und Altenpfleger auf die Straße gehen, um dafür zu streiken, dass sie von ihrer 60 Stunden Woche runterkommen und so bezahlt werden, dass sie davon wenigstens die Miete bezahlen können, dann werden diese Regelungen auch auf sie angewendet. Und damit hätte die GDL dann dreifachen Schaden mit ihrem Verhalten angerichtet: Den unmittelbaren, durch die Zugausfälle, den mittelfristigen, das Versielen sämtlicher Sympathien für ihre Arbeit, und langfristig eine Beschädigung der Arbeitskampfmöglichkeiten. Glückwunsch.

    Nachtrag: Der SPIEGEL ist weniger Zimperlich und titelt “Deutschlands dümmste Gewerkschaft”.

     
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    Verfasst von - 17. Oktober 2014 in Betrachtung

     

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    Tollhaus

    Für die Nachwelt: Dieser Tage drehen wieder mal alle am Rad:
    – In Brüssel werden Kommissare vorgestellt, die offenbar nach Ungeeignetheit ausgesucht wurden: Der designierte Digitalkommissar hat keinerlei Ahnung vom Internet, der vorgeschlagene Wirtschaftskommissar keine Ahnung von Wirtschaft, und ein Großteil des Rests der Bande ist entweder fest mit der Wirtschaft ihres Nationalstaats verbandelt oder steht in dem Ruf, ein U-Boot der Amerikaner zu sein. Könnten wir bitte diese Kommission direkt vom Parlament wählen lassen?
    – In Hammelburg werden Beschmerka Päschmerga kurdische Kämpfer an deutschen Waffen ausgebildet. Wir haben überhaupt gar nichts aus der Geschichte gelernt – Geister, die man auf solche Art ruft, wird man nicht mehr los.
    – Die deutsche Presse, vor wenigen Wochen noch mehrheitlich als Kriegsbefürworter unangenehm aufgefallen, schreibt jetzt Rüstungsausgaben herbei. Täglich wird davon berichtet, wie marode doch das Bundeswehrgerät sei wie schlecht ausgerüstet die Truppe. Bei der Berichterstattung ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Politik “dem öffentlichen Druck beugt” und die Wehrausgaben erhöht. Medienleute sind sich ihrer Verantwortung halt nicht mehr bewusst.
    – Apropos Wehrausgaben: Das würde auch unsere transatlantischen “Verbündeten” freuen. Die reden aktuell wieder ganz intensiv auf alle Regierungen ein, dass doch bitte alle Länder der Welt so viel in die Rüstung stecken sollten wie die USA selbst. Und mit dem vielen Geld (2 Prozent des BIP, in Deutschland ca. 800 MILLIARDEN DOLLAR) soll man dann doch bitte direkt bei ihnen einkaufen. Ach.
    – Microsoft stellt Windows 10 vor. Die Vorgängerversion heißt 8.1. Das Muster ist deutlich: Die drücken sich um die 9. Angeblich überspringen sie die, weil der Unterschied zwischen 8.1 und dem neuen Windows so groß sei. Alles Quatsch. Tatsächlich gab es wohl früher für Programme die Referenz “Win9″ – aber damit ist Windows 95/98 gemeint. Die können ihre Nummerierung nicht durchziehen, weil sie im Vorfeld nicht nachgedacht haben. Und anstatt das zum Anlass zu nehmen und mal von der Nummerierung wieder auf fancy Namen umzuschwenken, ziehen sie sich die alberne Begründung für Windows 10 aus dem Hintern.

    Höchste Zeit den ganzen Politikquatsch zu ignorieren und sich dem TOAZ zu widmen.

     
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    Verfasst von - 2. Oktober 2014 in Betrachtung, Ganz Kurz

     

    My Blog is my Castle

    Laura ist wieder da (was mich sehr freut!), und sie macht sich in ihrem Blog HowlAtTheMoon Gedanken über “Wenigerwertbloggen”, als dass das klassische vor-sich-hinbloggen mittlerweile von manchen wahrgenommen wird. Aus einem Kommentar bei Laura ist dieser Blogeintrag entstanden, weil ich ohnehin schon länger Lust hatte, das mal aufzuschreiben.

    Es stimmt schon, die Blogszene hat sich verändert. Gefühlt, und nicht durch Fakten belegt, würde ich sagen: Vor ca. 10 Jahren probierten viele Menschen Blogs mal aus, kamen aber über ein “Hallo Welt” kaum raus. Ansonsten hatten viele Blogs Tagebuchcharakter. Sie dienten zum Festhalten von Trivialitäten. Die Masse der Bloggenden waren Teenager oder Twentysomethings. Zeiten ändern sich, und spätestens wenn Kinderkriegen, Hausbau oder Karriere ansteht, bleibt keine Zeit mehr für´s bloggen. Oder die Lust lässt nach, immer das gleiche zu machen.

    Dazu kamen Plattformen wie Studi.VZ (lacht nicht), dann Facebook, Instagram, Twitter, Tumblr, Youtube oder auch FourSquare (RIP). Die Trivialitäten des Alltags, die vorher, wenn überhaupt, in Blogs stattfanden, wurden von diesen Plattformen aufgesogen. Essensfotos zu Instagramm, “OMG ich geh ins Kino” auf FourSquare, Lebenseinträge auf Facebook, Anleitungen auf Youtube.

    Blognutzung wandelt sich, und Blogs suchen sich ihre Nischen. Dabei hat sich die Art des Bloggens geändert. Laura weist zu Recht darauf hin, dass heute wenig persönliches verbloggt wird, dafür gibt es eine große Anzahl an Blogs die “Service” bieten, oft in Form von Kosmetik- und ModeTips, und das zu monetarisieren versuchen.

    Wenn ich mir meinen Feedreader so ansehe, stimmt das absolut. Zwei Drittel aller Streams kommen aus Blogs, die sich auf irgendwas spezialisiert haben und was mich interessiert. Und das ist super. Blogger haben mehr Zeit als Journalisten. Sie beschäftigen sich gerne und über die Jahre mit einem Thema und können viel besser über ihre Nische schreiben als jeder Bezahlautor.

    Feld-, Wald- und Wiesenblogs, wie das hier, gibt es nicht mehr so häufig wie noch vor ein paar Jahren. Dabei hat auch dieses Blog Veränderungen durchgemacht. Gut, das Wiesel war von Anfang an da und geht wohl auch nicht mehr weg, aber ansonsten haben sich die Inhalte gewandelt. Begonnen hat es als reines Tagebuch im Stil von Reality-Bloggern wie dem Supermarktblog, durchsetzt mit Filmkritiken und Spaßquatsch, dann wurde es zur Anlaufstelle Nr.1 in Deutschland für alle Fragen rund um PlasticRock (so lange, bis wir PlasticRock.de gegründet haben), und in den letzten Jahren drehte sich viel um Reisen.

    Ich betrachte mein Blog als eine Art Tagebuch. Was bleibendes. Anders als Facebook, Twitter und co, die mir immer wieder wie ein reissender Fluß vorkommen: Man wirft seine Gedanken hinein, wusch, sind sie weg und irgendwie verloren, nicht mehr auffindbar. Im Blog sind sie sicher aufbewahrt. Hier werden Erinnerungen, Situationen und manchmal auch Gefühle abgelegt, so wie man sorgfältig Fotos, gepresste Blätter und ähnliches in ein Buch klebt. Und so wie ich mich ändere, ändern sich auch die Bloginhalte. Ob das andere interessiert oder nicht. Aber ein “wenigerwertbloggen”? Das gibt es nicht. Zum Glück.

     
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    Verfasst von - 10. September 2014 in Betrachtung, Meta

     

    Bumm-Bumm-Bumm

    BUMM. BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMBUMM.

    Das Haus, in dem ich wohne, ist über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zig mal umgebaut und erweitert worden. Der Westflügel meiner Wohnung, in dem das Arbeitszimmer und die Küche liegen, sind noch Bestandteil des alten Fachwerkhauses aus dem 17. Jahrhundert. Niedrige Decken, Holzfußboden, tolles Raumklima durch Lehmwände.

    BUMM. BUMM. BUMMBUMM.

    Der Ostflügel, in dem Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer ist Teil eines Neubaus aus den 1970er Jahren, zumindest zum Teil. Das Badezimmer liegt in einem Anbau aus den 1890er Jahren. Höhere Decken, andere Wände, Parkettfußboden. Die Umbauten sorgen dafür, dass alles herrlich verwinkelt ist. Alle Wohnungsteile gehen mit kleinen Stufen ineinander über, und allen ist gemein, dass ihre Decke mal das Dach war, den das Stockwerk über mir ist erst in den 1980ern draufgebaut worden. Die dicke Decke ist der Grund, weshalb ich von der Wohnung über mir so gut wie nichts mitbekomme. Bis jetzt.

    BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMMBUMMBUMMBUMMBUMM. SCHEPPER.

    Vor sechs Wochen sind in der Wohnung über mir neue Mieter eingezogen. Dem Vernehmen nach ein junges Paar. Gesehen habe ich sie noch nicht. Also, vielleicht schon, während des mehrtägigen und mehrnächtigen Umzugs tobten hier ein Dutzend Helfer durchs Haus, und dem ein oder anderen stand ich dann schon mal gegenüber. Da die aber nur dullig glotzten und sich nicht vorstellten, weiß ich nicht, ob einer von denen zur neuen Nachbarschaft gehört. Wie auch immer: Allein durch die Lautstärke des Umzugs und das nächtliche Möbelrücken habe ich schon einen ziemlich unguten Eindruck bekommen. Aber egal, dachte ich mir, so ein Umzug ist irgendwann vorbei, irgendwann steht auch das letzte Möbelstück an seinem Platz, und dann kehrt wieder Ruhe ein.

    BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM. BUMM-BUMM-BUMM-BUMM.

    Tja, verkehrt gedacht. ER ist nämlich ein Trampeltier vor dem Herrn. Ich habe echt gedacht ich höre nicht richtig, als ich von einer Dienstreise zurück kam, abends auf die Couch sank und wieder hoch schreckte, als es plötzlich BUMM machte und die Gläser im Schrank klirrten. Ohne scheiß – in der Wohnung über mir trat jemand so fest auf, dass ich nicht nur den Fußtritt hörte, sondern die Erschütterungen spüren konnte. Der junge Mann hat einen so dermaßen festen Tritt, als ob er den Fußboden hasst und ihn das mit jedem Schritt spüren lassen will.

    BUMMBUMMBUMMBUMM. BUMM-BUMM. BUMM-BUMM.

    Wenn er durchs Treppenhaus geht, ächzt und stöhnt das Holz der Stufen unter seinen Schritten und es klingt, als wenn gleich alles zusammenfällt. Dazu kommt noch eine andere Eigenart: Der Typ sitzt nicht still. Der kommt Abends nach Hause und beginnt in seiner Wohnung auf und ab zu laufen, und hört damit in den nächsten drei bis fünf Stunden nicht mehr auf!
    Man stelle sich das mal vor: KEINE. SEKUNDE. PAUSE.
    Immer durch die Wohnung, BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM von links nach rechts, dann wieder BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM-BUMM von rechts nach links. Was soll das? Warum macht man das?

    Mein Problem dabei: Ich konnte mich nicht dazu durchringen was zu sagen. Ist ja nicht so, dass die da oben die ganze Nacht Party machen würden. Das ist halt der normale Tritt des Typen. Vielleicht waren auch die Vormieter einfach besonders leise und ich daher von Ruhe verwöhnt? Obwohl… selbst durch die Gegend springende Kinder waren da oben nicht zu hören. Ich war im Zweifel… Kann man das echt bringen, zu klingeln und zu sagen: “Hallo, ich bin ihr Nachbar, und können´se mal aufhören hier rumzutrampeln wie ein Geistekranker?” Vielleicht würde ich mich ja auch dran gewöhnen, dachte ich.

    Über die letzten Wochen ist dann was ganz erstaunliches passiert. Ich wurde porös. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Ich entwickelte mich zu einem buckligen, bösartigen Nachbarnhasser. ALLES an den neuen Nachbarn nervte mich. Das Auto, ein oft geflickter Polo aus den 80ern, das direkt vor dem Haus parkt? Eine rollende Asikiste, und die Fahrer sind zu faul drei Schritte zu Fuß zu gehen. Die Restmülltonne voller Alkopop-Flaschen? Versoffenes Pack, dem noch niemand das Konzept der Mülltrennung erklärt hat. Die Fleischreste in der Biotonne? Widerliche fleischfressende Vollidioten, die Ratten für erstrebenswerte Haustiere halten. Die laute Waschmaschine, die gerne mal um kurz vor 22 Uhr angestellt wurde? Zu bequem das Ding richtig hinzustellen, und von Nachtruhe haben die auch nicht nichts gehört.

    Dazu kamen die ausgedehnten Öffnungszeiten der Trampelbude, denn das Tier arbeite wohl im Schichtdienst und schlief tagsüber. Damit blieb mehr Zeit um Nachts bis um halb Eins, Morgens dann wieder ab 05.30 Uhr rumzutrampeln.

    Es war, als hätte das dauernde Getrampel nicht nur an meinen Nerven gesägt, sondern auch jegliche Verständnis und Toleranz aus mir rausgeschüttelt und einen hässlichen Prinzipienreiter in mir geweckt. Ich konnte die Leute nicht ausstehen, und dabei hatte ich sie noch nichtmal gesehen, geschweige denn kennengelernt! Das machte mir selbst ein wenig Angst, und so beschloß ich die Mördergrube, die mein Herz mittlerweile war, zu öffnen. Vorgestern war es soweit. Ich hatte tagelang überlegt wie ich es formulieren sollte, und hatte am Ende eine leicht verständliche, nicht sarkastische und freundliche Variante von “Hörense auf rumzutrampeln wie ein Elefant” gefunden. Trotzdem war ich ein wenig nervös, aber der Vorsatz stand: Ich musste das jetzt ansprechen, sonst würde ich noch an meinen eigenen, giftigen Gedanken ersticken. Oder zu einem Blockwart oder ähnlich schlimmen mutieren.

    An der Haustür fing mich an diesem Abend meine Vermieterin ab. Die alte Dame hatte eine Trauermiene aufgesetzt. Im ersten Moment dachte ich, dass etwas mit ihrem schwerkranken Mann sei. “Nein, mit dem ist alles in Ordnung”, sagte sie. “Aber haben sie es noch nicht gehört? Die von oben, die ziehen wieder aus.” Ich starrte sie mit offem Mund an.
    “Die hatten noch nie davon gehört, dass zur Miete auch Nebenkosten kommen, und jetzt stellt sich raus, dass sie sich das nicht leisten können. Stattdessen ziehen sie wieder zu ihren Eltern”, sagte die Vermieterin und schüttelt den Kopf. “Manche denken auch nicht für zehn Pfennig nach. Und ich habe jetzt den Ärger mit dem Mieterwechsel, ach, ach, ach.”

    Vielleicht bin ich wirklich ein schlechter und verbiesterter Mensch. Vielleicht bin ich nicht besser als die kleinkarierten Knöllchenhorsts dieser Welt. Vielleicht steckt das aber in jedem von uns, und es ist die Kunst, den inneren Blockwart und Paragrafenreiter im Zaum zu halten. Wie auch immer. In dem Moment, als ich diese Nachricht hörte, tat mein Herz einen kleinen Freudensprung. Seitdem habe ich unkontrolliert gute Laune, und wenn es wieder BUMM-BUMM-BUMMert, lächele ich still vor mich hin und denke: Nicht mehr lange…

     
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    Verfasst von - 7. September 2014 in Betrachtung, Gnadenloses Leben

     

    Machiavelli bei der Arbeit

    Sig_machiavelli

    (Herr Silencer macht sich leicht melancholische Gedanken über den Stand der Dinge und stellt fest, dass er ein ewiggestriger ist, weil er den 90ern hinterhertrauert.)

    Über die Geschichte der Stadt Florenz wissen wir heute auch deswegen so genau Bescheid, weil Niccolò Macchiaveli sie im 15. Jahrhundert aufschrieb. Zu der Zeit war der Intellektuelle schon ins politische Abseits geraten, er hatte sich einmal zu oft mit den Medici angelegt. Aber auch beim Verfassen eines Geschichtsbuchs konnte er es nicht lassen sarkastische Seitenhiebe unterzubringen. Eine der erstaunlichsten Beobachtungen des Renaissancedenkers findet sich versteckt zwischen historischen Daten:

    „Die Länder pflegen zumeist bei ihrer Veränderung von der Ordnung zur Unordnung zu kommen und dann von neuem von der Unordnung zur Ordnung überzugehen. Es ist von der Natur dem Menschen nicht gestattet, still zu stehen. Wie sie daher ihre höchste Vollkommenheit erreicht haben und nicht mehr steigern können, müssen sie sinken. Ebenso, wenn sie gesunken sind, durch die Unordnungen zur tiefsten Niedrigkeit herabgekommen, und also nicht mehr sinken können, müssen sie notwendigerweise steigen. So sinkt man stets vom Guten zum Übel und steigt vom Übel zum Guten.”

    Was Machivelli damit sagen will liegt auf der Hand: Geschichte wiederholt sich. Immer und immer wieder. Krisen ziehen Gesellschaften und Staaten in den Abgrund. Dann erwacht in den Menschen das Virtù, die Flamme des Willens, und sie arbeiten und erschaffen, bis zu einem neuen Höhepunkt, um dann wieder zu straucheln und zu stürzen.

    Die Idee des Virtù ist faszinierend. Natürlich ist es nicht greifbar, und wissenschaftlicher Betrachtung hält es überhaupt nicht stand – es hat einen Grund, dass es 51 Übersetzungen für den Begriff gibt, wobei das deutsche “Tugend” mit Sicherheit die verkehrteste ist. Virtù ist wie Floggiston. Es erklärt Dinge mit gesundem Menschenverstand, dabei ist jedem klar, dass es das nicht gibt. Trotzde,: Faszinierend. Und nehmen wir einen Moment an, Virtù wäre wirklich.

    Das prägendste Jahrzehnt in meinem Leben waren die 90er. Die Zeit zwischen 15 und 25, in der ich vom Kind zum Erwachsenen wurde, war auch für die Welt eine Phase des Umbruchs. Der Kalte Krieg endete. Abrüstung fand statt. Der Ostblock zerfiel. Die Grenzen wurden geöffnet. Wir atmeten Freiheit und spürten, dass die Angst vergangener Jahrzehnte überwunden werden konnte.

    Eine neue Ära brach an. Grenzen fielen, auch dort, wo sich vorher nicht unversöhnliche Feinde, sondern Nachbarn gegenüberstanden. Die Idee von Europa wurde Wirklichkeit, weil viele Leute an sie glaubten und mit Virtù daran arbeiten. Es war eine Generation von Menschen, die den zweiten Weltkrieg entweder noch miterlebt oder seine Folgen gespürt hatten. Diese Generation hatte eine Ahnung davon, wie kostbar politischer Zusammenhalt war und wie wertvoll und Frieden ist.

    Im Bezug auf Europa erlebten wir nach der Jahrtausendwende eine politische Stagnation. Partikularinteressen wund Nationalpolitik wurde auf Kosten der Europäischen Union betrieben. Das Virtù war erloschen. Wir waren, nach Macchiavelli, auf dem Höhepunkt angekommen, und da der menschliche Geist nicht still zu stehen vermag, geht es seitdem abwärts.

    Ich kann mich daran erinnern, wie die Welt Freiheit atmete.
    Wenn ich die Welt heute betrachte, sehe ich die einstigen Blöcke, und alte, kalte Krieger, die sich wie Zombies erheben, beseelt von der Gewissheit, dass die alten Feindbilder wieder gültig sind. Ich sehe Regierungen, die im Namen der Freiheit Gefängnisse für ihre Völker errichten. Konzerne, die mit Handelsabkommen ganze Staaten um des Profites Willen ruinieren. Ich sehe eine Welt, in der jede Verschwörungstheorie wahr geworden ist.

    Macchivellis Hauptwerk war “Der Fürst”, dessen eine Lehre ist: Nichts macht so gefügig wie Angst – und gemeinsame Feinde. Wir haben eine Regierung, deren Politik zwischen zwei Weltblöcken und innerhalb Europas festgefahren und isoliert ist. Merkels Sparvorgaben, die Austerity-Politik, ruinieren ganze Länder. Das Freihandelsabkommen mit den Amerikanern, das eigentlich geheim verhandelt werden sollte, steht in der Kritik. Und gegen den millionenfachen Grundrechtsbruch, der durch die globale Überwachung der Geheimdienste passiert, will die Regierung nichts tun und steht dafür ebenso in der Kritik wie die USA, die es geschafft haben, innerhalb weniger Jahre vom gelobten Land zum Terrorstaat zu werden.

    Wenn man einem sehr kreativen Politikberater diese Situation vorsetzen würde, und die Frage stellen würde “Wie bekommen wir die Bevölkerung wieder auf Kurs?” Er würde vermutlich dazu raten, ein einendes Feindbild zu finden, egal ob es bis dahin existierte oder nicht. Befindet man sich erst wieder im Krieg, kann man Kritiker schneller mundtot machen.

    Ich will nicht sagen, dass dem so ist. Und ich hoffe, dass wir nicht gerade Macchiavellis Law bei der Arbeit erleben. Ich komme nur nicht umhin zu bemerken, dass aktuell wenig Virtù zu finden ist, und auch keine Ambizione das Necessitè zu tun.

    In einer Welt, in der alle Verschwörungstheorien wahr sind, muss man sich an die Lehren der Vergangenheit klammern, um ein wenig Licht in die Schatten zu bringen. Auch, wenn diese Lehren 500 Jahre alt sind.

     
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    Verfasst von - 1. September 2014 in Betrachtung

     
     
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