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Archiv der Kategorie: Betrachtung

Göttinger Blau

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Göttingen ist eine nette Stadt. Nett im Sinne von “nicht komplett doof”, was angesichts der Tatsache, dass ein Fünftel der 125.000 Einwohner Studierende sind, nicht selbstverständlich ist.

Göttinger fahren am Liebsten überall mit dem Fahrrad hin, und wer was für die Radfahrer tut, wird von ihnen gewählt. Das führt in der Lokalpolitik des öfteren zu merkwürdigen Aktionen, insbesondere wenn Wahlen in Tateinheit mit abgreifbaren Fördermitteln anstehen, die Beschaffung von Wahlstimmen also praktisch zum Nulltarif passieren kann.

Exakt diese Situation hatten wir im vorvergangenen Jahr in Südniedersachsen. Es standen Wahlen an, und zeitgleich förderte der Bund die Elektromobilität. Nun hat Göttingen mit Elektroautos nicht viel am Hut, aber eben mit Radfahrern. Aus dieser unheiligen Konstellation erwuchs der “eCycle Superhighway Göttingen”, auf Deutsch “eRadschnellweg”. Die Idee: Vom Bahnhof bis zum vier Kilometer entfernten Nordcampus der Universität wird eine vier Meter breite Radspur eingerichtet, auf der dann glückliche Studis auf Elektrorädern hin- und hersausen können. Die Elektroräder sind allerdings nicht im Preis inbegriffen. Man könne aber auch mit normalen Rädern auf dem eRadweg fahren, und damit viel schneller und sicherer als bisher durch die Stadt flitzen, teilte die Stadt Göttingen mit und fuhr mit dem Antrag eine Million Euro an Fördergeldern ein.

eCycle Superhighway.

eCycle Superhighway.

Allerdings liegt zwischen Bahnhof und Norduni ein Teil der Innenstadt und ein Wohnviertel, und Häuser abreißen wollte man für die Fahrradschnellstraße dann doch nicht. Das Resultat: Der eHighway führt nun zum Teil über alte Radwege, aber auch über Busspuren, Abbiegestreifen, Spielstraßen, im 45 Gradwinkel über eine vielbefahrene Kreuzung und schließlich auf einer stattlichen Länge von zwei Kilometern über die Gegenfahrbahn des motorisierten Straßenverkehrs.

Für einen “eCycle Superhighway” gibt es in der StVO keine Regelungen zur Kennzeichnung, und so nahm sich Göttingen einige künstlerische Freiheiten heraus. Man erfand ein neues Schild (s.o.), und ging ansonsten recht offensiv mit blauer Farbe ans Werk. Mal wurden Bordsteine blau angemalt, mal blaue Linien an Wegräder gezogen, mal ganze Flächen und Wege blau getüncht. Für eine Million Euro bekommt man VIEL blaue Farbe.

Für eine Million Euro lässt sich VIEL blaue Farbe kaufen.

Für eine Million Euro lässt sich VIEL blaue Farbe kaufen.

Etwas befremdet reagierten Anwohner einer Wohnstraße, als sie eines Morgens Bautrupps vorfanden, die ihre Straße blau anmalten. Das sei jetzt eine Fahrradstraße, erklärte man ihnen, und im übrigen sei ab jetzt hier Durchfahrt für Autos verboten. Das sorgte für einigen Unmut unter Anwohnern der Schlumpfstraße und den ansässigen Supermärkten, die sich prompt danach erkundigten, wer die Kosten für die Warenanlieferung per Fahrradkurier übernehmen würde. Daraufhin wurden Anlieferverkehr, Autos und Motorräder wieder erlaubt, was die Fahrradstraße faktisch wieder zu einer normalen Straße macht – nur blauer.

Fahrradstraße!! Aber, äh, auch für Motorräder und Autos.

Fahrradstraße!! Aber, äh, auch für Motorräder und Autos.

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Verfasst von - 6. Mai 2015 in Betrachtung, Satire

 

Maximal Unselbstständig

Ich bin ja jetzt in einem Alter, in dem ich gerne mal über die “Jugend von Heute” herziehen darf. Ich will das eigentlich gar nicht, aber manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich zumindest in Gedanken über die Next Generation lästere. Dann schäme ich mich ein wenig, aber nur ganz kurz. Denn, seien wir mal ehrlich, sie geben einem wirklich allen Grund zum Schmunzeln.

Unsere kleinen Prinzessinnen und Prinzen gehen durch die Welt und bersten vor Selbstbewusstsein, sind aber vom Elternhaus offensichtlich in überhaupt keiner Weise auf das Leben ohne Mama & Papa vorbereitet worden.

Die Highlights der letzten Wochen und Monate aus meinem persönlichen Umfeld:

  • Die neuen Hausbewohner. Studi-Pärchen Anfang 20. Verabschieden sich mit den Worten “Wir fliegen 10 Tage nach Ägypten”. Am nächsten Tag waren ER wieder da. War nicht mal in den Flieger gekommen. Er hatte nämlich allen Ernstes versucht, diese Reise mit einem abgelaufenen Personalausweis anzutreten.
  • Das junge Pärchen, die Trampeltiere, die im vergangenen Jahr hier gewohnt haben. Sind wieder ausgezogen, weil die Wohnung zu teuer war. Hat ihnen nämlich vorher niemand gesagt, dass in der Kaltmiete die Kosten für Strom und Telefon nicht mit drin sind.
  • Die Studi-WG, die nach langem Überlegen versucht hat, brennendes Fett mit Wasser zu löschen und dabei fast ein Wohnheim niedergebrannt hat.
  • Die Gewöhnlichen, die allen Müll in die Papiertonne geworfen haben. Auch ein ganz junges Paar, beide gerade 18. Die kannten Mülltrennung schlicht nicht. Die hatten keine Ahnung, wozu gelbe Säcke und diese anderen Tonnen dienen. Den Müll hatte immer Mama weggeräumt, wie Fräulein Gewöhnlich zu Protokoll gab.
  • Die Studierende, die hyperventilierend auf der Facebook-Seite ihrer Hochschule nachfragte, wann und wo sie sich denn hier für das Seminar von Prof. Meier anmelden könnte. Als sich jemand ihrer erbarmte, stellte sich raus, dass sie nicht wusste, dass es ein Internet außerhalb Facebooks gibt.

Meine. Güte. Das ist schon irgendwie niedlich, die benehmen sich wie tappsige, aber strohdoofe Welpen, die gerade aus dem Nest gekullert sind.

Nicht, dass meine Generation viel besser gewesen wäre. Uns musste man auch den Müll hinterheräumen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Wir waren nur faul, wussten aber wenigstens, wie Dinge zu handhaben sind. Die neue Generation hat grundlegende Dinge des Lebens nie beigebracht bekommen. Erzogen zu maximaler Unselbsständigkeit. Das sagt so einiges über die Eltern aus. Ich weiß nur noch nicht was.

 
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Verfasst von - 19. April 2015 in Betrachtung

 

Das Wohl eines einzelnen

„Das Wohl von vielen wiegt schwerer als das Wohl von wenigen oder eines einzelnen.”

Als Spock diesen Satz in “Der Zorn des Khan” äußerte, begründete er damit auf logische Weise seinen Tod – er opferte sich, damit alle anderen Leben könnte. Das war eine heroische Tat, und ich hätte nie im Leben gedacht, dass dieser Satz auch als Drohung ausgesprochen werden könnte. Aber nun ist es soweit.

Wie Heise berichtet ist die EU gerade dabei, die seit drei Jahren geplante Datenschutzverordnung wegzuwerfen. Bislang gilt das Gebot der Datensparsamkeit, d.h. Unternehmen und Behörden dürfen nur die wichtigsten Daten erheben und nur dann, wenn sie sie wirklich brauchen, und die Nutzer müssen dem ausdrücklich zustimmen.

Das soll im “Neuland” (Merkel über das Internet) zukünftig keine Rolle mehr spielen. Der neue Entwurf sieht vor, “dass Firmen, öffentliche Verwaltungen und sogar “Drittparteien persönliche Informationen schon dann für weitere Zwecke verarbeiten können, wenn deren legitime Interessen “schwerer wiegen” als die des Betroffenen”.

Der Vorschlag kam aus Richtung der mittlerweile abgewählten Regierung Berlusconi, der darüber klagte, dass Direktmarketingfirmen ja ihren Interessen gar nicht nachkommen könnten, wenn sie nicht wild Daten sammeln und tauschen könnten. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, das bedeutet nämlich:

“Das Wohl von Unternehmen, Behörden und Geheimdiensten wiegt schwerer als Schutzbedürfnis eines Einzelnen”

Eine heftigeren Stinkefinger in Richtung Datenschutz kann man sich kaum vorstellen. Und das soll nun eine EU-Verordnung werden, quasi ein “Anti-Datenschutzgesetz”. Unfassbar, was Lobbyorganisatonen aus Europa machen.

 
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Verfasst von - 5. März 2015 in Betrachtung

 

IBES 2015

Die 2015er Staffel von IBES: Ähnlich spannend wie die 2015er Staffel von IBES: Die Grünpflanze in meinem Büro.

Ähnlich spannend wie die 2015er Staffel von IBES: Die Grünpflanze in meinem Büro.

Ich verachte ja Unterschichtenfernsehen, bei dem es meist nur darum geht die Sendezeit durch das Vorführen unzurechnungsfähiger und unmündiger Menschen unterer sozialer Schichten zu füllen. Sowas bedient die niedersten Instinkte des Publikums, dem dadurch auch gesellschaftspolitisch eine Ruhigstellung nach dem Motto “Guck, auf die Deppen im Fernsehen kannst Du runtersehen” verpasst wird.

“Ich bin ein Star, holt mich hier raus” (Abgekürzt: Dschungelcamp oder #IBES) ist da anders. Hier sind die Opfer geltungssüchtige Selbstdarsteller, die sich sehenden Auges und weil es IHR BERUF ist vorführen lassen. IBES ist dabei kein schnell hingeschludertes Proletariats-TV, sondern eine sorgfältig geplante, sehr wertig umgesetzte und intelligent erzählte Produktion, die als Show gleich mehrfach funktioniert:
– Exhibitionismus, auf mehreren Ebenen: “Prominente” begeben sich freiwillig und sehenden Auges in ein Sozialexperiment, bei dem bestenfalls Gefühle und Brüste, Nerven und Hoden blank liegen.
– Schadenfreude: Ebenfalls auf unterschiedlichen Ebenen, vom simplen “Die Tussi fällt ins Wasser” bis hin zu “Der redet sich gerade um Kopf und Kragen und demontiert sich selbst.
– Genugtuung: Gerade wenn man die “Prominenten” nicht leiden kann, ist es geradezu kathartisch sie leiden zu sehen . entweder körperlich oder bei Clash mit anderen Teilnehmern.

So richtig funktioniert alles aber nur, wenn sich die Persönlichkeiten aneinander reiben oder, besser noch, kollidieren.
Das die 2015er-Auflage in dieser Hinsicht die vorangegangene Staffel toppen könnte hatte im Vorfeld niemand ernsthaft erwartet. Zu großartig war der Jahrgang 2014, der mit einer Vollverrückten (Larissa Marolt), einem Überpapa (Jochen Bendel), einem Größenwahnsinnigen (derdiedas Wendler) und einem grantelnden Choleriker (Winfried Glatzeder) aufwarten konnte. Star und am Ende verdiente Dschungelköninigin war die Leipzigerin Melanie Müller, die den Pragmatismus und die Cleverness einer Elektrotechnikerin, den Körper eines Pornostars und den Tonfall einer Feldwebelin mitbrachte. Sie beeindruckte mit entwaffnender Ehrlichkeit und Bodenständigkeit und war am Ende die authentischste Person im Camp. Absurd, bedenkt man, dass an der öffentlichen Figur Melanie Müller nichts echt ist, nicht mal die Brüste.

Tatsächlich ist es diese Authentizität und Ehrlichkeit, die der aktuell laufenden Staffel das Genick bricht. Die Sendung ist immer dann am Besten, wenn die Realitätsblasen, die die “Stars” um sich herum geschaffen haben, mit der Wirklichkeit kollidieren. IBES lebt davon, dass sich die “Stars” selbst demontieren und bestenfalls sogar ihrer Selbstillusion beraubt werden. In diesem Jahr passiert das nicht. Diesmal sind alle Teilnehmenden ausnahmslos von Beginn an authentisch und größtenteils illusionslos im Camp unterwegs. Walter Freiwald bettelte schon zu Beginn der Staffel öffentlich um einen Job und weiß, dass er ein abgewrackter 60jähriger ohne Karrierechancen ist. Angelina begriff recht früh, dass das Sozialexeperiment nichts für sie ist und flüchtet sich heulend in die Arme von Mutti. Sie nahm aus dem Dschungel die Erkenntnis mit, ein verwöhntes und egoistisches Mädchen zu sein. Ein vermutlich folgenloser Selbstfindungstrip ohne jeglichen Unterhaltungswert.

Das das Camp keine starken Charaktere hat ließe sich vielleicht noch verkraften, wenn die Personen wenigstens im Wettstreit um den Titel des Dschungelkönigs oder der Dschungelkönigin stünden. Melanie Müller war, bei aller Bodenständigkeit, ehrgeizig und vom festen Vorsatz beseelt die Show zu gewinnen. Die jetzige Besatzung legt keinen Funken Ehrgeiz an den Tag. Das Gewinnen interessiert die Beteiligten, mit Ausnahme von Walter, schlicht nicht. Aurelio hat keinen Bock dafür was zu tun, weil der erste Platz mit nichts anderem dotiert ist als Ruhm und Ehre.

Bei den anderen ist es ähnlich – die sitzen einfach bloß ihre Zeit ab, um am Ende die ausgehandelte Gage und die Screentime mitzunehmen. Um nichts anderes geht es den Insassen – irgendwie die Zeit rumkriegen, sich dabei möglichst wenig gegenseitig auf den Sack gehen und dann heim zu Mutti, Frauchen oder Männe. Kein Essen, weil zu doof die Prüfung anzutreten? Ach, was soll´s. Walter pöbelt rum? Egal, fünf Minuten später entschuldigt er sich. Selbst die im Vorfeld als Favoritin gehandelte Sarah Kulka hielt sich so sehr zurück, dass sie nur als “die andere Blonde, der man am liebsten den Mund mit Seife auswaschen wollte” in Erinnerung bleiben wird.

Die Campteilnehmer sabotieren damit die Show. Nun kann man es auf einer Metaebene gut finden, wenn die bestellten Tanzaffen halt nicht nach der Pfeife der Regie ihre Nummer bringen, sondern das Konzept der Sendung ins Wanken bringen. Sie tun es aber leider nicht durch aktive Rebellion, durch das Rütteln an Gitterstäben, sondern schlicht, in dem sie sich gottergeben dem System fügen. Sie machen halt das Nötigste, wenn etwas von ihnen verlangt wird, aber bloß keinen Handschlag mehr. Sie wursteln sich so durch, wollen aber eigentlich nur ihre Ruhe und ihr Auskommen.

Exakt so lebt die Mehrzahl der Menschen ihr alltägliches Leben, und bei dieser Art langweiliger Durchwurstelei ohne Unterhaltungswert würde auch keiner freiwillig zugucken, geschweige denn eine Fernsehsendung daraus machen. Auf ihre Art sind die “Stars” 2015 so unaufregend wie der Nachbar aus dem Reihenhaus, dem man beim Ansparen seines Bausparvertrags zusieht. Dabei sind sie aber unterschwellig noch unsympathischer als z.B. der Wendler, Georgina Fleur oder Helmut Berger. Die leben halt in ihrer eigenen Welt lebt, in der sie die Größten sind und es verdienen, mit Ruhm und Glanz im Rampenlicht zu stehen. In Aurelios Welt geht es nur darum, miesepetrig guckend Zeit abzusitzen, um von der Gage eine Kampfhundfarm eröffnen zu können. Würg.

Mit Walter verliess nun der einzige das Camp, der in der ganzen Staffel zumindest interessante Ansätze in Punkto grassierendem Wahn und Ambition gezeigt hat. Die verbliebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nun so egal, dass es schlicht keine Rolle mehr spielt in welcher Reihenfolge sie rausfliegen bis Maren Gilzer Dschungelkönigin wird (In schlechten Staffeln hat das Publikum ein Herz für alte Damen, ich nenne das den “Van Bergen-Bonus”).

Von daher sollte man die 2015er Staffel als egal abhaken und sich auf 2016 freuen, auf das hoffentlich wieder ehrgeizige Selbstdarsteller mit großen Egos und noch größeren Illusionen gecastet werden. Bis dahin kann man sich Staffel 8 noch einmal ansehen und die Erkenntnis mitnehmen, dass geerdete Typen in Massen dem Dschungelcamp einfach nicht bekommen.

Für Frau Zimtapfel

 
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Verfasst von - 29. Januar 2015 in Betrachtung, Medienschau

 

Rückschritt

Gerade mal wieder einen Haufen Prospekte entsorgt. Früher lagen die in der Tageszeitung oder dem örtlichen Werbeblättchen, aber seit ein paar Jahren bietet auch die Post den Service der Werbezustellung an. Unter dem Titel “Einkauf aktuell” stopft einem der Briefträger Werbeprospekte in den Briefkasten, alle eingeschweißt in Folie, wie seinerzeit die YPS-Hefte.

Dieses Plastikgelumpe ärgert mich. Dabei waren wir mal viel weiter! Ich kann mich dran erinnern, dass ich Mitte der 90er auf Konfirmandenfreizeit in Südtirol war. In den dortigen Läden war ich ziemlich erstaunt. Um viele Waren war eine Folienumverpackung, und was mich besonders faszinierte: Dort gab es Plastikeinwegflaschen. Die waren allgegenwärtig. Das kannte ich von zu Hause nicht. Ich war mit dem klassischen Pfandystem mit Getränkekisten mit Glas-Mehrwegflaschen großgeworden. Wollteste Limo, Mineralwasser oder Bier trinken, mussteste Kästen schleppen, so einfach war das. Für die schnelle Cola zwischendurch gab es mal eine Dose, aber das war selten. Und in Norditalien? Alles voller Plastikflaschen, überall. Und Plastiktüten, denn die gab es auch überall umsonst. In Deutschland kosteten die 30 Pfennig, deshalb nahm man zum Einkaufen immer einen eigenen Beutel mit.

Ich erklärte mir das damals damit, dass Deutschland halt viel weiter sei. Italien würde irgendwann auch auf eine Zivilisationsstufe mit uns kommen, und dann würde man dort auch Kästen schleppen. Dachte ich. Und heute, 20 Jahre später? Heute sind unsere Werbeprospekte folienverpackt, Briefumschläge und Versandverpackungen immer öfter aus Kunststoff, in Drogerien, Baumärkten und vielen anderen Geschäften sind die Plastiktüten umsonst und sogar einzelne Kaffeeportionen sind in Alukapseln abgepackt. Lebensmittel wie Gurken, die es gar nicht nötig hätten, sind in Folie eingewschweißt. Am allerschlimmsten aber: Die Plastikflasche hat Deutschland zurückerobert, und wie DAS passiert ist, ist echt ein Witz.

Deutschland war immer führend im Mehrwegbereich. Wir kannten Glasflaschen (supi) und Getränkedosen (böse). Dann schlichen sich Mehrwegplastikflaschen ein, die sind angeblich auch umweltfreundlich, dabei aber leichter zu tragen und “unkaputtbar”. Um den Verkauf von Dosen zu reduzieren führte die Politik ein Einwegpfand ein, mit der entsprechenden Auflage für den Handel, Rücknahmesysteme einzurichten. In der Folge verschwanden kurzfristig nahezu alle Getränkedosen aus den Geschäften.

Ziel erreicht, könnte man meinen. Leider galt das Einwegpfand auch für Plastikflaschen, und DAS bekommen wir Deutschen bis heute nicht geparst. Plötzlich ging der Absatz von Einwegflaschen durch die Decke, WEIL da ein Pfand drauf war. Wir sind nämlich groß geworden mit dem Wissen, dass Pfand umweltfreundlich und holen-austtrinken-wieder wegbringen nachhaltig ist, und deshalb haben wir ein gutes Gewissen, wenn wir den Plastikkram kaufen.

Es ist schon paradox: Das Einwegpfand wurde beschlossen, als die Mehrwegquote bei 72 Prozent lag. Eingeführt wurde es, als die Quote auf 60 Prozent gerutscht war. Das Resultat war, das schon 2008, also innerhalb von 5 Jahren, die Mehrwegquote bei alkoholfreien Getränken auf 30%, also gerade die Hälfte, gefallen war.

Ein grandioser Flop, dieses Einwegpfand. Zumindest wenn es um das eigentliche Ziel geht, nämlich den Mehrweganteil zu erhöhen. Stattdessen hat es zu so riesigen Rückschritten geführt, dass wir nun Norditalien vor 20 Jahren sind. Wir kaufen Plastikflaschen und haben unsere Gurken gerne eingeschweißt. Was für ein Scheiß.

 
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Verfasst von - 19. Januar 2015 in Betrachtung

 

Ordnungshilfe: PEGIDA, AfD, Griechenland, u.a.

Silencer erklärt die Welt und was davon zu halten ist:

PEGIDA: Steht für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes und ist genauso wirr wie es klingt. Äußert durch Montagsdemos in Dresden und anderen Städten. Die Initiative wurde begründet von einem vorbestraften Dresdner (Kokainbesitz, Diebstahl, Einbruch, Körperverletzung), der zwischendurch auch mal ein paar Jahre nach Südafrika geflüchtet war bis die Polizei ihn fand. Bei den Demos laufen Leute mit, die sich irgendwo zwischen konservativ und stramm rechts verorten lassen. Ihre Motive sind ganz unterschiedlich: Den einen geht Merkels Politik auf den Sack, andere sind offen fremdenfeindlich und wieder andere laufen nur mit um mal zu gucken ob es Freibier gibt. Der PEGIDA-Organisator fordert u.a. “Sexuelle Selbstbestimmung”, eine verschärfte Zuwanderungspolitik, die Aufnahme der “Pflicht zur Integration” ins Grundgesetz und anderes. Abgelehnt wird dafür u.a. „dieses wahnwitzige ‘Gender Mainstreaming’, auch oft ‘Genderisierung’ genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache“. Dem Faktencheck halten Behauptungen und Annahmen von PEGIDA übrigens nicht stand, wie die SciLogs hier schön aufdröseln.
Meine Meinung: Kann man getrost ignorieren. Solch einen Schwachsinn muss eine Demokratie aushalten. Die größte Gefahr liegt darin, dass Politiker sich die Positionen von Pegida im Wahlkampf zu eigen machen um Stimmen abzufischen. Die CSU versucht das schon, in noch schlimmerem Maße die

AfD: Steht für “Alternative für Deutschland” und ist eine konservative Minipartei, oft verhöhnt als Partei der Wirtschaftsprofessoren. Würde am Liebsten sofort wieder die D-Mark einführen. Da das nicht geht, verkauft sie nebenher Gold um die Parteikasse aufzubessern. Die Partei schmeisst sich gerade so dermaßen an die PEGIDA ran, dass unbedarfte Zeitgenossen schon denken, PEGIDA und AfD seien eine einzige Partei die man wählen kann. Parteichef Lucke ist in Interviews so wendig, dass es Gesprächspartnern oft nicht mal gelingt Fragen zu formulieren – tun sie es doch, und passt Lucke die Frage nicht, bricht er regelmäßig das Interview ab.
Meine Meinung: Eine Partei ewiggestriger Konservativer rechts der CDU und liberaler als die FDP. Das ist doch mal ein klares Feindbild.

Griechenland: Steht kurz vor Neuwahlen. Der Gegenkandidat zum amtierenden Präsidenten strebt einen Schuldenschnitt an. Deutschland droht, das, wenn die Griechen “verkehrt” wählen, sie aus der EU ausgeschlossen werden.
Meine Meinung: Tja, Bundesregierung, Demokratie sucks, was? Deutschland gehört zu den absoluten Gewinnern der Eurokrise, die nach wie vor anhält. Wir tragen eine erhebliche Mitschuld daran, dass die Menschen in den südlichen Ländern Europas leiden, während die Verursacher der Finanzkrise sich schon lange wieder die Rosette vergolden lassen. Der einzige Weg, Europa wieder fit zu kriegen, sind Schuldenschnitte und höhere Staatsausgaben direkt für die Bevölkerung. Die Kommentare der Bundesregierung zu Griechenlands Wahlen sind so unfassbar anmaßend und arrogant, dass ich gar wage zu vermuten was die für Drogen genommen haben.

Ölpreis: Ist aktuell so im Keller wie zuletzt vor Umpfzig Jahren, weil die erdölfördernden Länder (OPEC) den Markt überfluten. Die wollen damit die Frackingindustrie ruinieren. Zur Erinnerung: Fracking ist, wenn man giftige Flüssigkeiten in den Boden pumpt, um Erdgas herauszuquetschen. In der Folge gibt es Erdbeben und Grundwasser, dass so verseucht ist, dass es brennbar ist. Wird bislang in den USA gemacht, und ja, die Bundesregierung hat das gerade in Deutschland genehmigt. Fracking lohnt sich aber bei niedrigen Ölpreisen nicht.
Meine Meinung: Wir profitieren also gerade doppelt von der OPEC-Aktion, einmal an der Zapfsäule, einmal Umwelttechnisch. Nachhaltig ist natürlich anders.

Attentat in Frankreich: Zwei Vermummte stürmen die Redaktion eines Satiremagazins und erschiessen 12 Menschen.
Meine Meinung: Doppelt schlimm. Die Tat der beiden Bekloppten ist an sich schon schlimm, aber die Folgen werden grauenhaft sein und sind heute schon zu begutachten: Noch bevor feststeht, dass die Täter Muslime sind, werden muslimische Einrichtungen und Menschen in Frankreich attackiert. Die CSU und andere rechte Splitterparteien in ganz Europa fordern reflexhaft Gesetzesverschärfungen und Vorratsdatenspeicherung. Zudem versuchen Medien und andere Regierungen, allen voran wieder die USA, das Ereignis zum 11. September von Paris hochzustilisieren – mit den erwartbaren Konsequenzen: Mehr Überwachung.
Jetzt kann Premier Hollande zeigen was er kann. Wenn er gut ist, schafft er es – wie der Regierungsschef von Norwegen, Jens Stoltenberg nach dem Mordlauf durch Breivik – die große Nation und alle Gruppen durch besonnene Reaktionen zu einen und dadurch gemeinsam stärker aus der Tragödie hervorzugehen. Wenn er es vergurkt, wird das jetzt noch angenehm freie Frankreich zu einem Polizeistaat nach dem Vorbild von England, voller “Antiterror”-Einheiten, Kameras und verdachtsunabhängiger Rundumüberwachung.

 
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Verfasst von - 8. Januar 2015 in Betrachtung

 

Nachtzug

Die Bahn ist für mich die erste Wahl bei den Reisemitteln, zumindest innerhalb Europas. Wenn man früh genug bucht sind die Preise günstig, ich kann direkt von Göttingen aus ohne umzusteigen halb Europa erreichen, und dabei ist das ganze viel umweltschonender und zeitsparender als fliegen. Zudem ist, bei immer knapperen Ressourcen, die Bahn, um das mal dramatisch auszudrücken, das Fortbewegungsmittel der Zukunft. Leider hat das niemand Grube gesagt, der Mann, der mit Vornamen Bahnchef heißt. Die Deutsche Bahn ist die teuerste und unpünktlichste in ganz Europa, selbst die vielgescholtene Trenitalia ist besser als die DB. Das sind Hinterlassenschaften der Mehdorn-Jahre, der das Unternehmen runtergewirtschaftet hat um für Anleger attraktiv zu sein.

Für Preisbewusste gibt es jetzt eine Alternative zur Bahn: Fernbusse. Die fahren zu ähnlichen Preisen wie in anderen Ländern die Bahn, und die DB spürt die neue Konkurrenz. Leider reagiert sie in die verkehrte Richtung. Statt selbst attraktiver zu werden, versucht sie ihre Fans zu vergraulen. Dieser Tage wurde kolportiert, dass die Bahncard abgeschafft bzw. in “personalisierten Rabatten” aufgehen soll. Prima Plan, Vielfahrer damit vor den Kopf zu stoßen. Strategie Nummer zwei: Fernreisende vom fern Reisen abhalten, durch Streichung der Nachtzuglinien. Nachtzug, das ist, wenn man Abends um 23 Uhr in Götham in den Zug steigt, sich ins Bett legt um morgens um 09.00 Uhr in Paris, Venedig oder Rom ist. Man spart damit einen Anreisetag und ist sofort mitten drin im Urlaub. Und das für sagenhaft wenig Geld, Nachtzug gibt es ab 39,- Euro.

Vor sechs Wochen noch bin ich mit dem Nachtzug nach Paris gereist. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn diese Linie wird als erste eingestellt. Und zwar nicht nächstes Jahr oder irgendwann, sondern nächste Woche. Das ist nicht nur Schade, das ist eine überaus dumme Strategie von der Bahn. Statt genau solche Verbindungen auszubauen und ihre internationalen Connections zu nutzen, überlässt sie jetzt das Feld der Konkurrenz – denn Fernbusse haben zwar keine Betten, fahren aber auch über Nacht.

In Götham gibt es morgen eine Demo gegen die Einstellung der Nachtlinie nach Paris. Ich fürchte zwar, dass außer dem Organisator niemand daran teilnimmt, aber immerhin habe ich hier mal meinen Unmut geäußert: Ich bin ein Fan von Nachtzügen und möchte, dass die Bahn weiterhin als Fernreisemittel funktioniert.

 
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Verfasst von - 10. Dezember 2014 in Betrachtung

 
 
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