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Archiv der Kategorie: Historisches

Rauchen Sie?

Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, auf diese Frage mit “Nein, nicht mehr” antworten zu können. Diese Selbstsicherheit leiste ich mir heute, auf den Tag genau fünf Jahre nachdem ich am 01.06.2009 meine letzte Zigarette geraucht habe.

Fünf Jahre. Dabei war ich mir so sicher, nie ohne Zigarette sein zu können. Wie sollte das auch gehen, immerhin brauchte ich die zum Kaffee, nach dem Essen, zur Beruhigung, zum wachwerden, um besondere Momente zu zelebrieren, um mal Pause zu machen, oder einfach so. Ich habe meine Raucherkarriere sehr spät begonnen, und wie so oft aus den falschen Gründen – ich wollte einer Frau imponieren und bei der Arbeit Raucherpausen machen dürfen. Anfangs dachte ich immer, ich könnte jederzeit aufhören. Vielleicht stimmte das auch mal, aber irgendwann war der Punkt überschritten und die Sucht eingeprägt. Mehr als 10 Jahre, am Ende an schlechten Tagen um die 35 Selbstgedrehte. Nie würde ich damit aufhören können, das war eine traurige Gewissheit. Bis ich eine Zigarette rauchte, von der ich nicht wusste, dass sie meine letzte war. Nach der fasste ich nie wieder einen Glimmstengel an.

Geholfen hat mir dabei ein Selbsthilfevideo, in dem die Hintergründe und Mechanismen der Sucht erklärt wurden. Das ist eine Methode, die der Amerikaner Alan Carr erfunden hat: Ganz langsam und unaufgeregt wird erklärt, was die Sucht ist, was sie mit Körper und Geist macht und das sie eigentlich nur in unserem Kopf steckt. Die Botschaft kam an. Mein Intellekt fühlte sich beleidigt von der Erkenntnis, wie er nach Strich und Faden verarscht wurde, und schaltete die Sucht quasi von jetzt auf gleich ab. Einfach so.
Ich wusste, wie alles funktioniert, also konnte ich einen Schraubenschlüssel in die Zahnräder werfen. Knirsch, und das Rauchen war vorbei.

Schon nach einer Woche war die Gier nach einer Zigarette weg. Zugenommen habe ich nicht, weil ich nichts zu kompensieren hatte. Und immer wenn ich gefragt wurde “Rauchst Du nicht”? Sagte ich: Heute nicht. Denn ich konnte nicht ausschließen, dass ich eines Tages einen Rückfall haben würde, und ich wollte nicht an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Deshalb das bescheidene “Heute nicht”. Das zog witzigerweise Kreise. Freudin und Arbeitskollege, beide mit einer längeren Raucherkarriere als ich, hörten auch plötzlich auf. Ich bilde mir gerne ein, dass ich vielleicht ein wenig Vorbild war, nach dem Motto “Wenn der das kann…”

“Heute rauche ich nicht.” Dabei war mir sehr bald klar, dass ich nie wieder rauchen wollte. Drei Monate nach dem Ende konnte ich tiefer Atem holen. Mein Körper wurde kräftiger. Und mein Geruchssinn kehrte zurück. Es war wie die Entdeckung einer neuen Welt. Meine Nase, die Jahrelang nichts gerochen hatte, nahm schnell wieder feinste Gerüche wahre. Heute kann ich in leeren Räumen riechen, ob sich kurz zuvor ein Raucher darin aufgehalten hat, auch wenn er nicht darin geraucht hat. Ich kann Pflanzen am Geruch erkennen, auch wenn sie nicht blühen. Und so weiter.
Nach sechs Monaten war der morgendliche Husten weg und ich wusste nicht wohin mit meiner Energie. Nichtrauchen ist geil, das ist so.

Dabei hatte ich lange Zeit noch Albträume, in denen ich rückfällig wurde. Früher träumte ich, ich müsse das Abi nochmal schreiben. Nach dem Ende des Rauchens träumte ich, dass ich plötzlich eine Zigarette in der Hand hätte. Zum Glück nur Albträume. Im wachen Zustand ertrage ich es nichtmal mehr mit Rauchern in einem Raum zu sein. Ich mäkele nicht an ihnen herum – ich vermeide die Situation nur solche Situationen.

Fünf Jahre.
Das sind unfassbare 45.600 nicht gerauchte Zigaretten, über 5.700 gesparte Euro (bei den damaligen Preisen). Rein statistisch lebe ich jetzt 183 Tage länger als wenn ich noch rauchen würde. Das Risiko eines Herzinfarkts liegt noch bei 51% im Vergleich zu dem bevor ich aufgehört habe, das einer Lungenkrebserkrankung bei 75% (das ist nur die Risikoverbesserung, keine Ahnung wie hoch vorher mein Gesamtrisiko war). Noch ein paar Jahre, und es wird so sein als hätte ich nie geraucht. In diesen 5 Jahren sind statistisch gesehen 17.490.000 Menschen weltweit an rauchbedingten Krankheiten gestorben.

Fünf Jahre, und es werden mehr. Ich erlaube mir, mich darüber zu freuen.

 
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Verfasst von - 1. Juni 2014 in Historisches

 

Pitje Puck

Manchmal, wenn mein Bewusstsein beim Aufwachen aus den Niederungen des Traumreichs wieder an die Oberfläche des Hier-und-Jetzt klettert, bringt es Dinge mit. Wie eine Katze, die einem eine tote Maus vor die Haustür legt und dann stolz guckt, legt es mir manchmal irgendwelche Fragmente vor die Nase. Das sind oft Songs, gelegentlich Erinnerungen an Personen oder Dinge, an die ich schon seit Jahren nicht gedacht habe.

Heute Morgen wachte ich auf und hatte den Namen Pitje Puck im Kopf. Pitje Puck?
Hm. Das war eine Serie von Kinderbüchern, die ich gerne las als ich so ca. 8 Jahre alt war. Pitje ist ein Briefträger, der sich dadurch auszeichnet das er a. clever und b.”stets gut gelaunt” ist, was sich durch gelegentliches Reimen äußerte und bedeutet, dass er aus heutiger Sicht eine fürchterliche Nervensäge war.

pitpuc

Pitje wohnt in Kesseldorf, zusammen mit seinem Papagei Lorchen, seinem Hund Schlappohr und der Katze Dickerchen. Sein bester Freund ist der Bäcker Windbeutel, während ihn mit Wachtmeister Knurrhahn eine herzliche Abneigung verbindet.

Das hört sich alles fürchterlich altbacken an, was daran liegt, dass die ersten Bücher schon 1958 entstanden sind, also vor ca. 200 Jahren. Ja, richtig gelesen, das ist 200 Jahre her. Seitdem es Internet gibt vergeht nämlich die Zeit schneller. Aber als ich die Bücher Anfang der 80er gelesen habe, da war 1958, zumindest auf dem Dorf, erst 5 Jahre her. Solche Charaktere wie den Arzt Pillendreher, den Metzger Fleischkloß und den Kleinkriminellen Dauerklau gab es wirklich – jeder im Dorf kannte sie und in den Pitje Puck-Geschichten wurden sie mit einem Wort, nämlich ihrem Namen, absolut treffend charaktierisiert. Man muss über einen Metzger der Fleischkloß heißt nicht mehr wissen als seinen Namen. Das Bild im Kopf ist sofort da.

Pitje Puck macht dauernd irgendwelche Dinge, die man auf dem Dorf so macht. Ein ganzes Buch dreht sich nur darum das er angeln geht, ein anderes davon, wie er in die Stadt fährt und sich eine Bootsausstellung anguckt. Die hiess HoWaSpo, Abkürzung für “Hoch dem Wassersport”, das ist das einzige, an das ich mich überhaupt noch von Pitje Puck erinnern kann. Der Name einer Ausstellung.
Seltsam, wie das Gedächtnis funktioniert.

Pitje Puck in der Wikipedia

 
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Verfasst von - 20. November 2013 in Historisches

 
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Ich kann es noch

Ich kann es noch: Ein ganzes Kilo Kirschen auf einmal fressen und dann mit Bauchschmerzen in der Gegend rumliegen, aber dabei seelig sein wie ein kleines Kind.

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Gut, damalsTM habe ich die Kirschen direkt im Baum gemampft (“Eine in den Eimer, zwei in den Mund”), heute kaufe ich sie auf dem Markt. Aber glücklich machen sie mich immer noch. Kirschen sind Rumklettern im Baum, kurze Jeanshosen, aufgeschürfte Knie, der Geruch von gemähtem Gras, Sandalen, Sonne, Buden bauen, spät-reinkommen-und-noch-später-ins-Bett-gehen-weil-Ferien-sind und keine Sorge wegen nichts. Mit Kirschen geht´s mir gut.

 
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Verfasst von - 13. Juli 2013 in Ganz Kurz, Historisches

 

Engelspapst

Soso, der zurückgetretene Papst Ratzinger/Benedikt darf jetzt also in einem Klostergebäude im Vatikan wohnen, im Hinterhaus des amtierenden Papstes, sozusagen. Da kann er aber froh sein, dass in diesem Fall die Kirche mal nicht an Traditionen festhält.

Das letzte (und erste) Mal, dass ein Papst zurücktrat, war das im Jahr 1294. Damals hatte die Kurie als Nachfolger einen Mann vom Lande auserkoren, der neue Stellvertreter Christi auf Erden zu werden: Pietro de Morrone aus der Region L´Aquila in Umbrien. Eine raue Gegend, in der Pietro aufwuchs und früh Mönch wurde. Als er davon hörte das er Papst werden sollte, packte er mitten in der Nacht sein Maultier und floh. Der Gedanke, Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden, versetzte ihn in Panik. Die Kurie jedoch ließ ihn verfolgen und überredete ihn irgendwann doch, das Amt anzunehmen. Auf seinem Maultier ritt er in L´Aquila ein, wurde zum Papst ernannt und trug fortan den Namen Cölestin der Fünfte.

Ganze 20 Wochen dauerte die Amtszeit von Papst Cölestin V. Dann schmiss er hin, angewidert von den Intrigen der Kirche und der Unmoral der Geistlichen in Rom. Er legte sein Amt nieder und zog sich in ein kleines Kloster im Latium zurück. Dummerweise war sein Nachfolger im Amt der Meinung, dass die Aktion mit der Amtsniederlegung-aus-moralischen-Gründen durchaus Sympathien im gemeinen Volk weckte. “Engelspapst”, so nannte man ihn schon voller Bewunderung. Der Nachfolgepapst war kein Engel. Bonifaz der Dritte fürchtete, dass die Bewunderung des Volks für seinen Vorgänger zu einer Spaltung der Kirche führen könnte. Deshalb ließ er den alten Papst festnehmen und in der Festung Fumone einsperren.

Das ist die gleiche Festung, in hundert Jahre vorher der Gegenpapst Gregor VIII lebendig eingemauert wurde. Seitdem, so sagt man, hausen die Geister zweier Päpste in dem alten Gemäuer… ganz zu schweigen von der Schlossherrin, die hier des Nachts noch um ihren toten Sohn weint, und der Magd, die in einen Brunnen voller Messer gestossen wurde… Fumone ist ein Ort der Albträume. Wenn italienischem TV nichts mehr einfällt, sperren sie Models für eine Nacht in die Burg und filmen sie mit Nachtsichtkameras bei Panikanfällen. Kein Witz.

Zusammengefasst: Vor Ratzinger hat nur ein Papst aus eigener Entscheidung hingeschmissen, und dem erging es nicht so gut. Und in Fumone möchte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht unterwegs sein.

 
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Verfasst von - 29. Mai 2013 in Historisches

 

Das Briefmarkendesaster

Zwei Dinge habe ich nie hinbekommen, und schaffe sie bis heute nicht: Briefmarken kaufen und Filme entwickeln lassen.

Beides zieht sich durch mein Leben durch, wurde mir bewusst, als meine Schwester mir ein Fotoalbum zum Geburtstag schenkte. Darin: Bilder meines ersten Moppeds und eines Schüleraustauschs nach Paris im Jahr 1991, alle von mir selbst geknipst. Ich hatte es irendwie nur nie geschafft die Filme zur Entwicklung zu bringen, und Jahre später hatte meine neugierige Anverwandte die Dose mit dem guten Agfa 36er in meinem alten Schreibtisch in unserem Elternhaus entdeckt und entwickeln lassen, vermutlich in der Hoffnung auf belastendes Material.

Noch schlimmer ist nur meine Briefmarkenschwäche. Postkarte kaufen oder Brief schreiben bekomme ich meist noch hin, aber an den Briefmarken scheitere ich regelmäßig, und zwar richtig schlimm. Und auch das zieht sich durch. Als ich 8 oder 9 Jahre alt war, machten meine Eltern eine Butterfahrt nach Helgoland. Auf dem Weg warf ich eine Flaschenpost über die Reling des Butterschiffs, eine kleine Graniniflasche mit einem Zettel drin: “Hallo, ich bin 8 Jahre alt und meine Hobbys sind lesen und Yps. Wer diese Post findet kann mir schreiben”, dazu meine Adresse und das Datum.

Geschlagene 4 Jahre später kam ein Brief von einem 8jährigen Mädchen aus Schleswig-Holstein. Ein unheimlich lieber Brief, in dem sie schrieb, wie sie mit ihrem Vater am Strand spazieren gegangen war und dabei meine Flaschenpost gefunden hatte. Sie schrieb über ihre Hobbies und was sie gerne mochte und wie es so war, das leben an der Küste.

Ich war Baff. Vier Jahre war die Flasche unterwegs gewesen, und dann war sie doch noch gefunden worden! Ich setzte mich sofort hin und schrieb einen langen Antwortbrief an das Mädchen. Über mich, meine Hobbies, und wie toll ich das fand das sie mir geschrieben hatte und ob wir nicht Brieffreunde werden wollten. Aber dazu kam es nicht. Denn die drei eng beschriebenen Blätter in einen Briefumschlag zu packen, DAS bekam ich gerade noch hin. Allein, der Versand des Briefes scheiterte am Kauf einer Briefmarke. Noch heute liegt der Brief in einer Schublade meines alten Schreibtischs im Haus meiner Eltern.

Briefmarken und Filmentwicklung.
Meine Nemesisi. Nemesisse. Nemississes? Meine Erzfeinde.

Beides sind letztlich Probleme, die sich durch Technologie gelöst haben. Filme muss man heutzutage nicht mehr entwickeln, weil es nur noch Digitalkameras gibt. Und statt Briefen schreibt man Mails, und mein Familien- und Bekanntenkreis hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie keine Urlaubskarten von mir bekomme, oder ich sie allenfalls persönlich überreiche.

Einmal allerdings, einmal habe ich im vergangenen Jahr innerlich gequält aufgeschrien, weil ich dachte, eine meiner Nemesisse hätte mich doch noch, im Zeitalter der von mir so geliebten Mails, erwischt. In mir zog sich alles zusammen, als ich auf der Cebit an jedem zweiten Stand plakatiert sah:

“Vergessen sie die E-Mail. Jetzt kommt der e-Postbrief.”

NEEEEEEIIIIIINNNNNNNNNNNNNNNN!!!!!!!!
Vor meinem inneren Auge sah ich mich in dem Moment schon Korrespondenz von Jahren verschlüren, weil ich es nicht schaffen würde, e-Briefmarken für die e-Postbriefe zu kaufen…

 
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Verfasst von - 12. Februar 2013 in Historisches

 

Zu faul um unordentlich zu sein

Ich bin zu faul um unordentlich zu sein. Das hört sich wie ein Wiederspruch an, ist es aber nicht.

Früher, da sah es bei mir nach fünf Minuten aus wie auf dem Schlachtfeld. Alles lag kreuz und quer, Papiere wurden chronologisch in Haufen abgelegt und allein der Schreibtisch war von mehreren Sedimentschichten bedeckt. Resultat war natürlich: Sucherei. Immer. Einkommensteuererklärung vom letzten Jahr? Vielleicht in dem Haufen hinterm Bücherregal, etwa unteres Drittel. Oder woanders.

Im Laufe der Zeit habe ich aber mitbekommen, dass es viel einfacher und das Leben stressfreier ist, wenn ich Ordnung halte und alles an seinem Platz ist. Das erspart elendige Sucherei und beugt abgenutzten Nerven vor. Man könnte auch sagen: Ich habe meine beiden Schwächen, Faulheit und Unordentlichkeit, gegeneinander in Stellung gebracht und sie aufeinander losgelassen. Faulheit hat gewonnen, das Resultat ist eine aufgeräumt Wohnung.

Vielleicht stimmt es auch, was ich vor langer Zeit mal gesagt bekam: Das der Zustand der Wohnung das innere Seelenleben wiederspiegelt. Fühlt man sich chaotisch, sehen auch die eigenen vier Wände so aus. Wenn dem so ist, bin ich gerade sehr mit mir im Reinen.

Bis es soweit kam war es aber ein langer Weg. Zunächst war ich gernervt davon, dass ich ständig Dinge suchen musste. Schlüssel gehörten witzigerweise nie dazu, aber so gut wie alles andere. Ein Griff… undie Sucherei ging los. Irgendwann ging mir das so dermaßen auf den Saque, dass ich mir kleine Rituale angewöhnte, um Dinge an ihren Platz zu legen. Mit der Zeit schliffen sich diese kleinen Ordnungsabläufe ein. Heute hat alles seinen Platz, ohne überreguliert zu sein. Ich bin kein Ordnungsfetischist, brauche aber nichts lange suchen. Ich bin ein Kerl, der weiß wo sein Kram ist, wenn Sie wissen was ich meine.

Umso mehr warf es mich dann heute Morgen aus der Bahn, als ich schnell zu ebenjener musste, die Kopfhörer aber nicht an ihrem Platz in der linken Jackentasche waren. Da sind sie normalerweise immer, vor langen Zugfahrten nehme ich sie da raus und packe sie in die linke Hosentasche, damit sie griffbereit sind, während die Jacke in der Gepäckablage liegt. Und heute morgen? Ist die Jackentasche leer.

Wo habe ich die Dinger zuletzt benutzt? Hm. Fällt mir nicht ein. Sind sie im Motorradrucksack? Nee. In der Tasche mit den Netzteilen? Nee. In der Aktentasche? Ach nicht. Shitshitshit. Reservekopfhörer habe ich auch gerade keine. Mist. Das wird eine LANGE Bahnfahrt, und ohne Ohrstöpsel muss ich mir den Quark der Businesskasper anhören, die wichtig-wichtig machen.
Vielleicht sind die Kopfhörer in der anderen Jacke? Nee.
Im Citybag? Neee, auch nicht.

Mist, ich muss los.
Ab in die Bahn, ohne Entertainmentbeschallung. Den ganzen Morgen zermartere ich mir das Hirn, wo die Teile wohl abgeblieben sind.
Nachmittags stehe ich grummelnd vor der Tür eines Restaurants. Es ist kalt, ich ziehe die Schultern hoch und stecke die Hände in die Hosentaschen. Und darin sind… die Ohrhörer!

Habe ich die im Halbschlaf schon reisefertig sortiert. Offensichtlich haben sich manche Ordnungsabläufe schon so tief eingeschliffen, dass ich sie nichtmal mehr mitbekomme.

 
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Verfasst von - 24. November 2012 in Betrachtung, Historisches

 

Kein schönes Wochenende

Ich wünsche übrigens am Samstag keiner Verkäuferin, keinem Kellner und keiner Tankwartin ein schönes Wochenende. Grundsätzlich nicht. Nicht, weil ich es ihnen nicht gönnen würde oder weil ich so ein schlechter Mensch bin. Wünschen würde ich es ihnen schon, aber ich sage die Floskel deswegen nicht, weil man in Hardcore-Dienstleistungsberufen kein Wochenende hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man ständig Samstag und Sonntag arbeiten muss. Und wenn man dann ein “Schönes Wochenende” gewünscht bekommt, dann hört sich das wie Hohn an. Zumindest, wenn das von Leuten mit einem Montag-bis-Samstag-Nine-to-Five-Job kommt. Dann denkt man nur “Wochenende? Was für ein Wochenende? Mein Wochende ist Arbeit, damit DU einkaufen/essen/tanken kannst.”

Oft kann man das “Wochenende” nicht mal in der Woche nachholen, zumindest nicht in Form von zwei freien Tagen ab Stück. Die gesetzlichen Regelungen lassen sich nämlich durchaus so auslegen, dass man einen Tag frei hat, dann fast zwei Wochen am Stück arbeitet und am Ende wieder einen Tag frei hat. In der Woche drauf müsste man dann theoretisch drei Tage frei haben, aber gerade in Dienstleistungsberufen klappt sowas oft nicht.

Am geilsten fand ich ja immer die Leute, die einen Riesenterz gemacht haben, wenn entweder unsere Wochenendbesetzung mitten mal wieder durch Krankheit oder schönes Wetter etwas reduziert war und die Wartezeiten daher ein wenig länger. Da gab es dann durchaus Spezialisten, die sich lauthals beschwerten und dabei Worte verwenden wie “faules Pack”, um DANN in Auto zu steigen, an dessen Kofferaum den Gewerkschaftsaufkleber mit dem alten Slogan “Samstag gehört der Vati uns” pappte. Da Sonntags nicht gearbeitet wurde, ist in der Denke dieser Leute ja ohnehin klar. Am Sonntag arbeitet nur, wer es nicht besser verdient hat, logo. Die haben es dann auch verdient, dass sie von “hart arbeitenden Leuten” beschimpft werden. Oder höhnisch ein “schönes Wochenende” gewünscht bekommen.

 
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Verfasst von - 17. November 2012 in Historisches

 

Zeitreise in die Niveadimension

Neulich, als ich mal wieder in K. an der L. war, zog ich aus dem Müllhaufen meines Elternhauses das hier heraus:

Das ist eine Tasche, die Mitte der 90er während Reisen auf dem Motorrad montiert war. Da war so Kleinkram drin, der nicht in die Taschen der Lederjacke passten. Seit 15 Jahren ist diese Tasche nicht mehr geöffnet worden, und ich war sehr gespannt drauf, was da so drin sein mochte.

Als erstes purzelte eine Dose Pfeffer und ein Paar Schuheinlagen heraus. Die habe ich gleich entsorgt, darum keine Bilder davon. Aber es fanden sich noch andere Dinge darin:

Von oben links nach unten rechts:

Kohledrehfilter
Ja, ich habe mal geraucht.

“Los Würzos”
Von McDonalds. Das gab es währen der “Los Wochos” und funktionierte so: Pommes in eine Tüte, Gewürz dazu, Tüte zu, schütteln – ergab Pommes mit scharfen Gewürz. Ich habe das Zeug geliebt, es bestand aus Chilipulver, verschiedenen Pfeffersorten, Zwiebackpulver und Oregano. Ich habe das Kram vor allem über Nudeln gemacht. Monatelang. Wir hatten ja nix, damals, als Studis.

Kassenbon
Von 1997, über ein Päckchen Tabak für 5,80 DM. Ich glaube, das gleiche Päckchen kostet heute 7 Euro.

Zettel
Offensichtlich eine Nachricht, die offensichtlich ein weibliches Wesen aus meiner damaligen WG mir aufgrund eines verpassten Anrufes eines anderen weiblichen Wesens hinterlassen hat. Nur: Wer ist Christiane??

Außerdem gefunden:

Ein Kassenbon vom 04.08.1997. Offensichtlich habe ich damals CDs gekauft – zum Wahnsinnspreis von 29,95 DM pro Stück. Ich weiß auch, warum ich die bei Marktkauf, eigentlich einem Lebensmittelladen, gekauft habe – überall sonst waren die NOCH teurer.

Das nächste Fundstück ist aber richtig super:

Anscheinend wollte ich damals einen PC bauen. Das sollten die Teile sein:

Pentium 200 Prozessor 599,- DM
Motherboard 259,- DM
2,1 GB Festplatte 429,- DM
NoName 3D-Karte, also eine Lizenzproduktion der Voodoo-Karten oder eine S3: 109,- DM

Mach zusammen fast 1.400,- DM. Das waren bei der Euroeinführung 715 Euro.
Heute bezahlt man für solchen Kram gerade mal 400 Euro.

Und dann war in der Tasche noch DIE NIVEADOSE:

Zumindest vermute ich, dass es DIE NIVEADOSE ist. Oder sein könnte. Niveadosen trug ich damals dauernd mit mir rum, weil durch die Arbeit im Studijob bei McDonalds, wo man sich alle paar Minuten die Hände desinfizieren musste, die Haut ganz trocken war. DIE NIVEADOSE hatte ich in der Armeetasche, als ich mit dem Motorrad in den Bergen hinter Cortina unterwegs war – und es mir plötzlich das Vorderrad weghaute. Wumms, schlitterte das Motorrad auf der Seite über den Asphalt. Auf DER Seite, an der die Tasche befestigt war. Darin: DIE NIVEADOSE. Die war anschliessend nur leicht ramponiert, obwohl ein Motorrad (und der Fahrer) auf ihr lag.
In meiner Erinnerung war die aber doch noch etwas kaputter, also ist sie es vermutlich nicht. Aber egal, trotzdem war das eine lustige Zeitreise.

 
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Verfasst von - 18. August 2012 in Historisches

 

Dorfkino

Früher, da gab es nicht nur das eine Multiplexkino in der Stadt, Kilometer entfernt. Früher, da gab es diese kleinen Dorfkinos mit nur einem Saal, die teilweise nur zwei Filme pro Woche zeigten – dann aber abgesprochen mit den Kinos mit den umliegenden Dörfern. So konnte man in Bad Gandersheim “Zurück in die Zukunft” sehen, während in Einbeck “Die Farbe Lila” lief.

Ich wurde in den Residenz-Lichtspielen in Bad Gandersheim sozialisiert. Aufgewachsen bin ich in einem Nachbarort, aber nachdem ich dort 1980 “Krieg der Sterne” gesehen hatte (Ich war 5!) haben die zugemacht.

Das Kinosterben hatte damals schon begonnen, was aber zum Teil auch an den wirklich schlecht geführten Häusern lag. Wenn über Jahrzehnte nichts investiert wurde, die Lautsprecheranlage auf dem technischen Stand von 1938 hängen geblieben war und die Sitze so durchgesessen, dass einem die Federn eine Lumbalpunktion verpassten, dann wollte man da nicht unbedingt rein. Aber es gab auch die anderen, die ihr Kino mit Herz und Liebe, aber meist ohne viel Geld führten. Für die meisten Kinobetreiber war es ohnehin ein Nebenhergeschäft: Tagesüber Fleischer, Abends Kinobetreiber. Das musste nicht schlimm sein – die Leute machten Kino teilweise nicht weil sie mussten, sondern weil sie Kino liebten. Vor allem liebten Sie IHR Kino.

Ein Dorfkino, das war in der Regel ein Saal mit vielleicht 100 Plätzen vor, ganz steampunkmäßig alt (30er-50er Jahre)eingerichtet, teilweise mit Plüsch u.ä. Manchmal sogar mit Tischen und Bedienung am Platz, in manchen durfte man noch rauchen. Vor dem Film wurden 5 Minuten handcolorierte Dias von Geschäften im Ort gezeigt und ein(!) Werbespot. Im Winter für Kopfhörer, im Sommer für Langneseeis. Dann ging schon die Trailershow los. Damals hieß das nicht Trailer, sonder Vorschau. Woanders als im Kino konnte man keine Vorschauen sehen. Dann ging auch schon der Film los.

Der Filmvorführer gab sich die größte Mühe, alles aus Bild und Ton rauszuholen, während seine Mutter oder die Ehefrau im Foyer Süßigkeiten einzeln verkaufte. Und nach der letzten Vorstellung konnte man die Kinoposter mitnehmen, einfach so. Das waren Dorfkinos. Besser als Multiplexe. Leider halt aber auch Altmodisch. Als die Multiplexe aufkamen, starben viele der Dorfkinos an Altersschwäche – in moderne Speicher- und Projektionsverfahren und ordentliche Soundsysteme konnten und wollten viele Betreiber nicht investieren. As wäre aber nötig gewesen, um in der Publikumsgunst mit den modernen Multiplexen mithalten zu können. Von vielen Dorfkinos sind die Räume sogar noch erhalten, aber sie werden seit vielen Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Ich habe mir voll den Ast gefreut als ich gesehen habe, das mein Lieblingsdorfkino seit einem Jahr wieder offen hat – getragen von einem Verein der Filmfreunde. Die machen sogar 3D.
Da muss ich unbedingt hin. Was habe ich damals dieses Kino geliebt. Dort habe ich alle wichtigen Filme gesehen, von “Top Gun” über “Zurück in die Zukunft”, “Ghostbusters” bis hin zu “Cap & Capper”. Anfangs nur mit Eltern, später durfte ich allein mit dem Zug fahren (einen halben Tag unterwegs für einen Film, aber das war ABENTEUER) und irgendwann hatte ich eine Simson und konnte fahren wann ich wollte. Das habe ich weitlich ausgenutzt: Allein “Terminator 2″ habe ich bestimmt ein Dutzend mal in diesem Kino gesehen. Konnte ich mir auch leisten: 2,50 DM die Schülerkarte.

Kino ist etwas, das im Leben zählt. Wenn Liebe drin steckt. Und das Publikum nicht nur reingeht, um die Zeit bis zur Kneipe zu überbrücken, oder um die Schnalle im Nebensitz ins Bett zu kriegen.

 
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Verfasst von - 6. August 2012 in Betrachtung, Historisches

 

Katalogartikel

Früher, als es noch kein Internet gab, da konnte man absolut sicher sein, dass wirklich JEDER dörfliche Haushalt im Besitz von ca. 6 Kilo Katalogen war. Ich fand die Dinger als Kind ja doof. Die Spielzeuge waren immer nur auf wenigen Seiten, und Star Wars-Sachen sogar nur auf einer halben. Stattdessen viel zu viel Anziehsachen und merkwürdige Dinge wie “Massagestäbe” (“Entspannung pur für SIE” – hihi, ich hätte fast mal meiner Mutter einen zu Weihnachten geschenkt, weil sie immer so einen verspannten Rücken hatte. Na, DAS wäre eine Bescherung geworden).

Neckermann, Otto und Quelle gehörten einfach zum Leben dazu, denn Kaufhäuser gab es nur in der Kreisstadt, und die war eine Tagesreise entfernt und wurde nur alle paar Monate mal besucht. Oder nie, denn ich kenne tatsächlich noch Frauen (ja, ALLE waren Personen weiblichen Geschlechts), die aus diesen Katalogen lebten. Da wurde dann hemmungslos bestellt, gern auch das gleiche Kleid in 5 verschiedenen Größen und 3 Farben, dann zu Hause in Ruhe anprobiert und Probegetragen, und am Ende alles bis auf eines wieder zurückgeschickt. Oder ALLES zurückgeschickt, weil “bei dem Licht im Wohnzimmer das ganz anders wirkt als im Katalog”. Ach, aber beim Sommerfest, bei dem das Kleid getragen wurde, war das Licht OK oder wie?

Ich fand die Praxis des massenhaft bestellens-und-sieben-Achtel-zurückschickens wieder ja immer ein wenig merkwürdig. Mir liegt das nicht. Wenn ich was bestelle, bezahle und behalte ich das. Meine sechzigseitige Amazon-History (letzte 24 Monate) spricht da Bände. Dementsprechend unwohl war mir, als ich vorhin Handschuhe im Wert von über 400 Euro bestellt habe:

Natürlich brauch ich nur ein Paar, aber was soll ich machen? In den Filialen war ständig eine Größe oder ein Modell nicht da, und je nach Uhrzeit und Tagesform sind meine Finger mal dicker und mal schlanker. Also habe ich zum ersten Mal Zeugs bestellt, von dem vier Fünftel wieder zurückgehen werden. Aber die nette Dame an der Bestellhotline meinte, das sei Gang und Gäbe und sie könne nur jedem raten das so zu machen. Trotzdem: Ungutes Gefühl. Hoffentlich geht das glatt, ich habe keine Lust ein paar Hundert Euro für ein verlorenes Paket zu bezahlen.

 

Heizung an!

Und dann war da noch Runger. Den nannten wir so, weil das sein Nachname ist.
Runger fuhr, noch bis vor Kurzem, einen Golf II “Memphis”, den er Anfang der Neunziger mal von seinen Eltern geliehen und dann vergessen hatte zurück zu geben. Der Golf war ursprünglich in der Farbe “Tornadorot” ausgeliefert worden, aber wie das mit der Haltbarkeit der VW-Lacke zu der Zeit so war: Denen konnte man beim Verwittern zugucken. Als ich Runger kennenlernte war der Golf deshalb schon nicht mehr rot, sondern hatte eine hellrosa Färbung ausgenommen. Runger fuhr in einem Barbiebomber durch die Gegend.

Das störte ihn aber gar nicht, er war da sehr stoisch. Das galt auch für die anderen Macken, die der Wagen über die Zeit an den Tag legte. Runger fand immer eine Möglichkeit, sich mit den Fehlfunktionen zu arrangieren oder möglichst wenig zu investieren. Beispiel: Als bei einem verunglückten Aufbruchsversuch das Türschloss auf der Fahrerseite zerstochen wurde, stieg er halt immer auf der Beifahrerseite ein und ruckelte sich rüber auf den Fahrersitz. Als dann das Schloss auf der Beifahrerseite kaputt ging, kletterte er wochenlang durch den Kofferraum. Und als die letzte Glühbirne der Armaturenbrettbeleuchtung ihr Leben mit einem funzeligen Glimmen aushauchte und dadurch der Tacho im Dunkeln nicht mehr ablesbar war, fuhr Runger über Land nach Gehör (“Man kennt doch sein Auto”) und in der Stadt mit einer Taschenlampe, die er über ins Armaturenbrett geklemmt hatte. Diese Beispiele vermitteln einem den Kern von Rungers Charakter: Eine unerbittliche Sturheit, gepaart mit schwarzem Humor.

Er kam mit diesen Nummern irgendwie auch immer durch, dank schweinemäßigem Glück.
Bis heute legendär ist der Abend, an dem wir von der Polizei angehalten wurden. Runger hatte zu viel getrunken, die Kennzeichenbeleuchtung war nur mit einem beherzten Tritt zu aktivieren, die Reifen waren abgefahren, die Blinker auf der linken Seite funktionierten nicht und auf dem Armaturenbrett rollte die Taschenlampe hin- und her. Wie wir aus der Kontrolle nur mit der Ermahnung, uns mal um die Kennzeichenbeleuchtung zu kümmern, rausgekommen sind, weiß ich bis heute nicht.

Die Hauptmacke des Golf war aber eine andere. Die Heizung. Die, nun, sagen wir mal, roch. Auch damit hatte Runger sich arrangiert: Er benutzte sie einfach nicht. Bei Fahrten im Winter packte er sich einfach dick ein. Anorak, Winterstiefel, Skihandschuhe, und bei Minusgraden setzte er einfach eine Sturmhaube auf. So eine schwarze Vollmaske, wie sie von Verbrechern im Film bei Banküberfällen tragen. So eierte er dann bei Minusgraden in voller Verbrechervermummung, mit einer Taschenlampe hantierend, in seinem rosa Golf durch die Gegend. Das dürfte mehr als einmal zu Schrecken bei Leuten geführt haben, die an der roten Ampel zufällig rüberblickten.

Bei Temperaturen wie aktuell gerade, also zweistellig im Minusbereich, führte die Nichtbenutzung der Heizung bei anderen Fahrzeuginsassen zu Irritationen. Während der Fahrer in Vollvermummung und mit dicken Skihandschuhen da saß, fror man sich als Beifahrer sonstwas ab.

Die Situation war dann immer die gleiche:

Beifahrer: “Alter, jetzt mach die Heizung an, ich sterbe hier!”
Runger: “Bist Du da wirklich sicher?”
Beifahrer: “JAAAAA! Oder ist die kaputt?”
Runger: “Nö, die funktioniert.”
Beifahrer: “Dann MACH DAS DING AN!”
Runger: “Willst Du das wirklich, Dave?”
Beifahrer: “Ja! Jetzt hör auf “2001” zu zitieren! HEIZUNG AN!” (Zähneklapper)

Heizung an.
Schweigen.
Fünf Sekunden später:

Beifahrer: “Machst Du die Heizung bitte wieder aus?”

ALLES war nämlich besser, als diesen infernalischen Gestank des rosa Boliden zu ertragen. Auch erfrieren.
Sobald man die Heizung aktivierte, stank es im Wagen schlagartig nach verbranntem Kunststoff in Tateinheit mit verwesendem Fisch. Keine Ahnung, wie VW DAS gemacht hat, aber es war eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die keine Werkstatt beheben konnte.

Ich glaube, im Laufe der Zeit hat jeder, der bei Runger mitgefahren ist, irgendwann einmal das Einschalten der Heizung gefordert. Einfach weil man die eigenen Finger nicht mehr spürte und ALLES BESSER SEIN MUSSTE als diese verdammte Kälte! Und dann wurde man eines besseren belehrt.

Runger, der diese Nummer mit seinen Beifahrern dauernd erlebte, hatte das breiteste Grinsen überhaupt im Gesicht. Da bin ich mir sicher, auch wenn ich es durch die Sturmhaube nicht sehen konnte.

 
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Verfasst von - 2. Februar 2012 in Historisches

 

Träume aus anderen Zeiten: Die Dampfmaschin´

Wat is´n Dampfmaschin?
Da stellen wa uns ma janz dumm und sag´n: Ne Dampfmaschin, des is ne jroße, runde, schwarze Raum. Und der jroße, runde, schwarze Raum, der hat zwe Löcher. Det eene Loch, da kömmt de Dampfe rein. Und det anere Loch, des kriegn wa später.

– Die Feuerzangenbowle, 1944

Dampfmaschinen faszinieren Jungen und Männer. Oder besser: Sie taten es, früher. Da träumten die Jungen von diesen kleinen Heizkesseln, in denen man Wasser mit einem kleinen Esbitriegel erhitze und es dann zischte es und pfiff und irgendwas passierte. Als ich klein war, träumte ich nicht von Dampmaschinen. Ich war schon eine andere Generation. Aber im Spielwarenladen im Dorf, da stand noch eine im Schaufenster. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich immer fragte, was dieses ernst und würdevoll und wertig ausschauende Metallding wohl machte, das da zwischen all den billigen Plastikspielzeugen stand. Obwohl ich nicht wusste was es war, und obwohl ich nicht mehr zu der Generation von Jungen gehörte, die sich nichts sehnlicher wünschten, übte die Dampfmaschine eine Faszination aus.

Dampfmaschinen gab es in allen möglichen Größen und das Zubehör, dass man daran anschließen konnte, war äussert vielfältig. Das Schicksal wollte es, dass ich mal eine Dampfmaschine erbte. Wenn ich die Geschichte richtig in Erinnerung habe, wurde sie von Arbeitern in einem Werk von Bayer angefertigt, für einen Vorgesetzten, als der 1978 in Rente ging. So deute ich zumindest das Schild mit eingeschlagenen Buchstaben “7801”.

Diese Dampfmaschin schlummerte jahrelang im Verborgenen, weil sie so groß ist, das ich in meinen Wohnungen nie Platz dafür hatte.. Gerade gestern habe ich nun das Schmuckstück aus den zerfallenden Katakomben des einstigen Zentralarchivs, in dem meine Jugend eingelagert war, geborgen.

Die Perspektive täuscht über die Maße hinweg: Die Platte hat eine Länge von über 50 Zentimetern.


Das Herzstück: Die eigentliche Dampfmaschine mit dem Druckkessel, unter dem mit Spirituswürfeln ein Feuer entflammt wird.



Das Dings, das aus Dampf Bewegung macht: Laut Feuerzangenbowle ist es "De Kolben".


Mit dran angeschlossen über einen Transmissionsriemen: Ein kleiner Generator, der eine Taschenlampenbirne mit Strom versorgen kann.


Ebenfalls über die Transmissionsriemenbrücke verbunden: Ein Hammerwerk und ein Klopfwerk.

Wer mitspielen möchte kann vorbeikommen.

 
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Verfasst von - 29. Oktober 2011 in Historisches

 

Nummernboy

Ich mache mich ja immer über Leute lustig, die auf die Frage nach der Nummer ihres Mobiltelefons erst einmal panisch mit den Augen rollen und dann in ihrem eigenen Handy nach ihrer eigenen Rufnummer gucken müssen. Ich meine, wie peinlich ist DAS denn? Und was machen diese Leute wenn sie sich mal selbst anrufen müssen, z.B. weil sie das Telefon verlegt haben?

Also, MIR würde das ja NIE passieren. ICH kann meine Mobiltelefonnummer im Schlaf aufsagen. Ich habe die ja auch erst 14 Jahre. Damals, in den Neunzigern bekommen. Als ich noch jung war, und mir das auswendig lernen von Telefonnummern noch leicht fiel, weil man das ja immer und ständig machen musste. Ich hatte von allen Bekannten die Nummern im Kopf. Die speicherte man sonst ja auch nirgendwo, allerhöchstens schrieb man sie in dicke Organizer aus Papier rein, aber immer wenn man das Ding brauchte, hatte man es nicht dabei. Also, DAMALSTM saugte mein Hirn Nummern auf wie ein Schwamm und konnte die beliebig wieder aufspeichern.

Mittlerweile fehlt mir da aber wohl die Übung drin. Dachte ich neulich so, als ich nach meiner FESTNETZNUMMER gefragt wurde, worauf ich panisch mit den Augen rollte und erst einmal das Mobiltelefon konsultieren musste…

 
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Verfasst von - 30. September 2011 in Gnadenloses Leben, Historisches

 

Ruhe in Frieden, Talent von Amy Winehouse

Als ich 2008 das erste mal ein Stück von Amy Winehouse hörte, war ich spontan hin und weg. Das Album “Back to Black” war großartig, fast jedes stück darauf nach meinem Gusto. Dummerweise ist Frau Weinhaus unmittelbar nach Diktat ins Drogiland verreist und sehr lange nur in den Schlagzeilen gewesen, wenn sie wieder mal in aller Öffentlichkeit zusammengebrochen war. Aus der aufstrebenden Sängerin war binnem kurzem ein Methgesicht geworden, und zwar auf ekelhafteste Weise. Ich beschloss, mich über ihr bisheriges Werk zu freuen, uns ansonsten so zu tun, als sei Amy Winehouse irgendwann 2009 verstorben. Lies: Bloss nichts mehr von ihr zu erwarten.

Ich glaube, das ist die richtige Einstellung. Die Tante ist gerade auf Tour gegangen, und lt. Berichten stolperte sie beim Konzert in Belgrad auf der Bühne rum, fiel in die Kulissen und konnte sich nicht an Texte erinnern. Leider keine Erfindung der Medien, wie das folgende Video zeigt.

Ruhe in Frieden, talentierte Sängerin.

 
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Verfasst von - 19. Juni 2011 in Betrachtung, Historisches

 

Zugeparkt

Beamte und Angestellte des öffentlichen Diensts des Landkreises haben es mal wieder geschafft Herrn Silencer derart zu verblüffen, dass er das Geschehene sofort aufschreiben muss, weil er es sonst morgen selber nicht mehr glaubt.

“Bitte beachten sie unser neues Abfertigungssystem” – ja, auch im Kreishaus muss man jetzt eine Marke ziehen und dann auf einen Monitor glotzen, bis da die Nummer angezeigt wird. Neu ist, dass man schon beim Marke ziehen entscheiden muss, ob man eine KFZ- oder eine Führerscheinangelegenheit vorbringen möchte. Für Führerscheinangelegenheiten wird man dann in obskure Räume mit Phantasienummern gerufen, die irgendwo auf einer ganz anderen Etage liegen. Das sagt einem aber keiner.

In der Folge irrt dann die junge Frau mit der Nummer Z00014 auf der Suche nach Raum S028-3 zunehmend verzweifelt durch die langen Gänge mit Türen, die dick mit Zettelschichten aus verschiedenen Jahren behangen sind. Auf den Zetteln steht sowas wie “Heute nicht hier”, Wegen Krankheit heute kein Service” oder “Bin in Urlaub, Vertretung erfolgt in Raum S08-4″ oder “Sprechzeiten ungültig, rufen Sie an für Terminvereinbarung” aber ohne Angabe einer Telefonnummer.
Ja, das Kreishaus, der Ort wo der Landkreis seine Geschäfte erledigt, ist ein Ort, der normale Leute irre macht.

Mich nicht. Ich bin jetzt den dritten Tag in Folge da und kenne hier den normalen Schwachsinn. Ich bin Profi. Ich möchte gerne das Mopped ummelden. Vorgestern ging das nicht weil die EVB-Pin fehlte, gestern fehlte die TÜV-Bescheinigung (“Wie, das steht nicht auf unserer Checkliste im Internet? Muss da auch nicht stehen, sowas WEISS MAN DOCH!”), aber heute wird es klappen. Auch, wenn die neue Aberfertigungsanlage kaputt ist. Sie piept noch, aber der Monitor zeigt nur manchmal Schalternummern oder Phantasieräume an.

Nein, heute habe ich ein gutes Gefühl. Und ein leicht unruhiges. Ich habe nämlich auf dem Kreishausparkplatz geparkt und war so stolz darauf, den letzten Parkplatz, gaaaaanz hinten, am Zaun, gefunden zu haben, dass ich erst jetzt, 10 Minuten später begriffen, habe, was die vier unterschiedlichen Schilder besagen wollten. Jetzt hat mein Hirn die unterschiedlichen Infos enttüddelt, dass man dort Di und Do ab 15 und Fr ab 12 Sowie werktags ab 19 Uhr da mit Parkschein parken darf und ansonsten die Parkscheibe reicht, aber nur auf zwei Parkplätzen, und mit Parkausweis zu spnstigen Zeiten. Mit anderen Worten: Die Parkscheibe, die ich vorne ins Auto gepackt habe, und die 50 Cent für den Parkschein im Automaten waren überflüssig, weil ich da jetzt gerade trotzdem nicht parken darf. Naja, es ist kurz nach 8, da trinkt das Ordnungsamt noch Kaffee, oder? Wird schon gut gehen.

Tatsächlich habe ich nach 20 Minuten einen neuen Stempel im Fahrzeugbrief, bin um 41,- Euro (!) ärmer und eile gen Auto.
Schon aus der Ferne sehe ich, dass da was nicht stimmt. Zwar steht da kein Abschleppwagen, aber ich wurde zugeparkt! Beim Näherkommen sehe ich, das sich gleich drei Autos mit offiziellen Parkausweisen des Kreises hinter das Kleine Gelbe AutoTM gekeilt haben. Super.

Und nun? Haben die Doofbratzen mich zugeparkt, um das Corpus Delicti des Falschparkens gleichsam festzuhalten? Ist vielleicht schon ein Abschleppwagen, das Ordnungsamt oder ein SEK unterwegs? Grrrrh.

Da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie am anderen Ende des Parkplatzes ein Passatfahrer gleich drei Autos zuparkt, aussteigt und deren Windschutzscheiben beglotzt und sich dabei was notiert. Noch ein Kreisdjango, der das Parkraumrecht in eigene Hände nimmt?

“Hallo, entschuldigung”, rufe ich ihn an, “Sie gehören doch hier sicherlich dazu. Ich bin da vorne zugeparkt worden – was mache ich denn da jetzt?”
“Oh, das ist ganz einfach”, sagt der Mittvierziger mit der Nickelbrille und dem kleinkarierten Hemd freundlich, “Sehen Sie, wir haben hier alle so Parkausweise vorne drin. Da steht unsere Durchwahl drauf. Ich habe die Kollegen jetzt hier zugeparkt und notiere mir ihre Durchwahlen, damit ich sie gleich anrufen und ihnen sagen kann, dass ich sie zugeparkt habe.” Ich glotze ihn fassungslos an. “In Ihrem Fall machen Sie es anders rum: Sie gucken nach den Durchwahlen der Leute die SIE zugeparkt haben, und rufen die an. Die kommen dann und fahren Ihre Wagen weg.” Ich kann immer noch nicht glauben was ich da höre. “Ist das das ÜBLICHE System hier?”, frage ich. “Ja, es gibt halt zu wenig Parkplätze. Da vorne im Gebäude hängt ein Diensttelefon, das dürfen Sie kostenfrei benutzen.”

Wenige Minuten nach einem kurzen Anruf (“Hallo? Ich hätte da einen Parkplatz für sie, sie müssen mich nur rauslassen”) später ist Frau Poppe da und fährt ihren Golf weg, was mir ein milimeterweises rauszirkeln aus der Parklücke ermöglicht. Endlich frei erfolgt der überfällige Facepalm. Meine Güte, man stelle sich das vor: Da verbringt ein Teil der Kreisangestellten einen nicht unerheblichen Teil der Arbeistzeit damit, sich gegenseitig zuzuparken, sich anzurufen und sich über die Zuparkerei zu informieren oder einen Anruf entgegenzunehmen, um dann aufzuspringen, den Arbeitsplatz zu verlassen, zum Parkplatz zu rennen und umzuparken. Was, bei der Größe der Liegenschaft, vermutlich durchaus mal 15 bis 20 Minuten dauern kann.
Unfassbar, oder? Unglaublich, dass sowas überhaupt erlaubt ist. Noch unglaublicher, dass dies das System ist, das laut dem Kleinkarierten “vom Landrat selbst eingeführt wurde”. Unfassbar.

Das fällt in die Kategorie “Ich schreib das mal besser auf, morgen glaube ich das selbst nicht mehr”.

 
 
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