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Archiv der Kategorie: Historisches

Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

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“Lieblingsschuhe sind so eine Sache, auch bei Männern, sie werden gepflegt und wenn die ersten Alterserscheinungen auftreten, schaut man wohlwollend darüber hinweg. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo sie keinen näheren Blick mehr standhalten, aber mann ist noch nicht soweit. Und dann wird es nur noch peinlich.”

- Rüdiger, Thatblog.de

Oh, Rüdiger hat ja so recht. Meine Lieblingsschuhe sind die auf dem Bild oben. Trekkinghalbschuhe von Bama, waren vor drei Jahren ein gigantischer Glücksgriff (sieht man davon ab, dass ich sie zuerst in der verkehrten Größe gekauft habe und damit doppelt bezahlt habe). Leder,leicht, bequem, stabil und mit funktionierender Klimamembran, was bei Bama nicht selbstverständlich ist. Die graue, mit braun abgesetzte Farbe ist nicht der Brüller, aber immerhin sind sie dezent und nicht bunt. Schuhe für jedes Wetter, jede Jahreszeit und jede Gelegenheit. Egal ob Städtetour, Motorradfahrt oder Bergwanderung: Die Bamas haben es weggesteckt. Tausende von Kilometern bin ich darin gelaufem. Dabei sahen sie so dezent aus, dass ich sie auch im Alltag ständig trug.

Als die ersten Auflösungserscheinungen auftraten, passierte das in Form aufgeribbelter Nähte. Nichts, was mein persönlicher Q und Ausrüstungshersteller nicht wieder hinbekommen hätte. Insgesamt waren sie bestimmt 4 oder 5 Mal bei Meister Neda, der hochkonzentriert und mit der Zunge in den Mundwinkeln Reparaturen vornahm.

Vor zwei Wochen begannen der linke Schuh plötzlich zu zischen, und meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Die Sohle, deren Profil u.a. in den Straßen von Florenz, Rom, Barcelona und London abgelaufen wurde, hat einen Riss. Das ist definitiv irreparabel.

Also hieß es: Neue Schuhe kaufen. Vorzugsweise wieder ein fester Halbschuh, mit Membran, in Größe 41. Und weil ich immer nur ein paar Schuhe mit auf Reisen nehme, bitte wieder möglichst Dezent. Ich mag es, wenn die Schuhe zwar funktional sind, dabei aber so unauffällig, dass ich damit Notfall auch in die Oper käme.

Nun gab es zwei Probleme: 1. Ich mag es nicht, Schuhe zu kaufen. 2. Der deutsche Einzelhandel, wieder mal

Es stellte sich nämlich als schlicht unmöglich heraus, in Götham Trekking- oder Hikinghalbschuhe mit Membran und in gedeckter Farbe zum Preis von um die 100 Euro in Größe 41 zu kaufen. In zwei Wochen der Suche führte mich meine Odysee…

  • …in den Trekkingladen, der NUR Schuhe in den Größen 37/38 und 45-56 verkaufte. Quasi Rudis Resterampe.
  • …in einem Sport- und Bergwanderladen, der was leidlich ansprechendes rumstehen hatte, in dem das Personal aber lieber Stundenlang quatschend in der Ecke stand und auch auf Anfrage nicht behilflich sein wollte. Sowas toleriere ich nicht mehr, da gehe ich einfach.
  • …in einem Karstadt-Instore, dessen Aushilfsverkäuferin sich meine Anforderungen genau anhörte, um sie dann zu ignorieren und Glattlederhalbschuhe mit glatter Ledersohle zu empfehlen. Ich suche zivilisierte Wanderschuhe, sie empfiehlt Tanzschuhe.
  • …vor einer Reno-Filiale (die Bama verkaufen). Reingehen konnte ich leider nicht, wegen Umbau sind die frür vier Wochen geschlossen. Die Reno-Website wiederum ist so kaputt, dass ich nichtmal sehen kann, ob die gerade was ansprechendes im Programm haben.
  • …in einem Nobelschuhgeschäft, dass mir allen Ernstes und trotz vorher geäußerter Preisvorstellung Schuhe aus Yakleder für 260,- Euro verkaufen wollte. Immerhin: Die passten super.
  • …in einem Schuhgeschäft, in dem die Verkäuferin fragte, was eine Membran sein und was ich damit wolle. Sie hätte keine Schuhe damit, aber sie könnte mal gucken, ob man die als Zubehör extra bestellen könnte.
  • …in dem Schuhgeschäft mit dem Nummerngirl, das bei Zalando bestellt.
  • …in vielen, vielen Schuhgeschäften in denen es nur quietschbunten Scheiß gab. Vermutlich wollen Schuhdesigner ausprobieren, mit welchen Hässlichkeiten Menschen wohl noch rumzulaufen bereit sind.
  • Während dieser kleinen Odysee habe ich ernsthaft das Gefühl, dass in Schuh- und Klamottenläden mehrheitlich nummernhörige Kundenvergrämerinnen arbeiten.

    Am Ende hatte ich dank Internet meine Suche auf zwei Modelle des Herstellers Ecco eingegrenzt. Die konnte ich sogar in einem Eccoladen vor Ort anprobieren, vor den Augen einer Verkäuferin, die die meiste Zeit glotzend in der Gegend stand und sich im “Verkaufsgespräch” sichtlich keine Mühe gab. “Nä, wenn die jetzt nicht passen wird das auch nix mehr, die weiten sich nicht”, oder “Nä, in Schwarz und Größe 7 kann ich die nicht bestellen”. Trotzdem habe ich dort ein Paar “Xpedition II” gekauft. Für 13 Euro mehr als im Internet, DENN ICH WILL JA DEN LOKALEN EINZELHANDEL UNTERSTÜTZEN. Wollen mal hoffen, dass sich die Eccos noch ein wenig einlaufen und das Zwicken an der Ferse und der Druck auf dem Spann im Laufe der Zeit nachlässt. Ach, ich werde nie mehr solche Schuhe finden wie meine Bamas. Ich weiß es.

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    Obwohl. Ich glaube, die Bamas haben anfangs auch gedrückt. Von daher könnte das Nicht-Passen das Zeichen für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Oder dafür, dass ich aus schlichtem Unwillen, noch länger nach Schuhen zu suchen, gerade 125 Euro zum Fenster rausgeworfen habe.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

     

    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe kaufen

    Nicht viel besser als bei der Mauveerkundung läuft es beim Kauf von Schuhen.

    Ich will einfach nur robuste Halbschuhe, vorzugsweise mit Klimamembran, in gedeckter Farbe, Größe 41. Kein quietschbunter Bergsteigermist, sondern Schuhe, die für Städtetouren tauglich sind und mit denen ich auch ins Theater gehen kann, die aber auch mal eine Wanderung im Gelände aushalten. Je nach Hersteller sind das dann bessere Sneaker oder was aus dem Hiking- oder Trekkingsegment.

    Nachdem ich ein Dutzend Geschäfte in drei Orten abgeklappert hatte, kenne ich das Angebot auf dem Markt besser als die meisten Verkäufer/-innen. Zusammen mit ein wenig Internetrecherche weiß ich bereits, dass für mich nur eines von zwei Modellen eines bestimmten Herstellerin Frage kommen – so schlecht ist die Auswahl gerade. Im Internet bestellen wäre schell und einfach, aber nun, lokale Wirtschaft unterstützen und so, wissen schon. Und Zalando darf man nun schon mal gar nicht unterstützen, großer Konzern, Samwer-Brüder, usw.

    Also ab in den größten Schuhladen von Götham City, der laut Website zumindest den Hersteller der Schuhe von Interesse führt.”Guten Tag, ich hätte gerne Mal die Modelle “Xpedtion II” und “Light III” von Ecco gesehen”, spreche ich eine eine lächelnde, mittelalte Dame in mauvefarbenem Kleid* an.

    Sie starrt mich groß an, mit eingefrorenem Lächeln. Gut, damit habe ich gerechnet, man kann nicht voraussetzen, dass das Personal alle Modellnamen im Kopf hat.

    “Das sind so Trekkinghalbschuhe, von Ecco”, versuchte ich zu erklären.
    Jetzt kommt wieder Bewegung in die Mimik der Verkäuferin. Die Mundwinkel sacken gen Fußboden, wodurch sie ein wenig wie ein Merkel aussieht.

    “Mit diesen Fantasienamen der Hersteller können wir hier nichts anfangen”, sagt sie spitz, “Für uns sind Schuhe nur unter der Nummer des Systems bekannt”. Sie spricht das System fast ehrfürchtig aus.
    “Ja, OK”, sage ich, “Die Nummer in Ihrer Warenwirtschaft kenne ich jetzt nicht, wenn Sie mir einfach zeigen wie die Eccos stehen, ich erkenne die Modelle dann schon”.

    “Wenn sie die Nummer kennen würden, würde ihnen das auch nichts nützen. Das ist ja eine andere Nummer als die vom Hersteller”, sagt die Verkäuferin und sieht mich schräg an, “Oder von Karstadt. Es kommen ja oft Leute, die wollen die Nummer von einem Schuh wissen und den dann bei Karstadt kaufen. Dabei hat Karstadt ja ganz andere Nummern.”
    “Äh, die Nummer ist mir eigentlich egal, ich will doch nur….”, entgegnete ich ein wenig hilflos, in vollem Gewahr, das unter der explodierten Dauerwelle wohl gerade etwas ausgehakt. Ich blicke mich im Laden um und gehe ein paar Schritte auf eine Präsentationsfläche zu. Die Verkäuferin trippelt mir hinterher.

    “Unsere Nummern sind auch anders als die vom Internet, Wenn sie die bei Google eingeben, kommt da nichts”, sagt die Verkäuferin, und fast schwingt sowas wie Stolz in ihrer Stimme mit. “Und unsere Nummern sind anders als von anderen Schuhgeschäften.”
    “Ja….” “
    Nur innerhalb UNSERES Unternehmens und des Systems sind die Nummern die selben.”
    “Aha.”
    “Wissen Sie, hier habe ich im System für einen Schuh die gleiche Nummer wie unsere Filiale am Kornmarkt”
    “Aha”
    Sie legt den Kopf schief und scheit zu überlegen. “Und wie in der Filiale in Hannover. Wo immer sie hingehen in unsere Filialen, immer die gleichen Nummern.”
    “Aha”
    “Und wie…”
    “Ich bin mir sicher das SIE die schönstem Nummern haben”, unterbreche ich diese Monty Pythoneske Vorstellung der Dauerwelle, “Wo sind denn jetzt Herrenschuhe in 41?”.
    “Wenn Sie die Nummer haben wollten, kann ich ihnen die geben, aber die wird ihnen halt nichts nützen!”, sagt die Verkäuferin, jetzt leicht wütend wegen meines offensichtlichen Nummernfetischismus, den sie so gar nicht versteht.

    Mir reicht es jetzt. Ich drehe den Spieß um und spiele auch ein Zahlenspiel.
    “Außer in der Filiale am Kornmarkt”
    “Was?”
    “Sie sagten, die Nummer nütze mir nichts. Aber in der Filiale am Kornmarkt, da gilt die Nummer auch, weil die auch DAS SYSTEM haben”.
    “Ja.”
    “Und in der Filiale in Hannover gilt die doch auch?”
    “Ja,aber…”
    “Ach wissen sie”, sage ich, “Ich habe es mir überlegt. Extra nach Hannover fahren ist mir jetzt zu anstrengend. Schönen Tag noch.”

    Wir schütteln beide den Kopf und gehen in unterschiedliche Richtungen davon. Im Rausgehen sehe ich, wie Ware geliefert wird. Darunter mehrere große Kartons von…. ZALANDO!
    Oh. Mein. Gott.

    Der deutsche Einzelhandel. Steigert jetzt sogar den Umsatz der erklärten Konkurrenz, gegen die sie sich eigentlich durch Service, Fachberatung und Präsenz zur Wehr setzen müssten.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

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    * Zumindest war es wage Violett. Mit einem Schuß Curry abgesetzt. Hey, wenn man Fremdworte schon kennt, muss man se auch benutzen.

     

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve

    Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Das eine kann Kleidung und Schuhe kaufen nicht leiden und versucht diesen Vorgang auf ein Minimum zu reduzieren , deshalb juckt der Klickfinger stets in Richtung Internetbestellung. Das andere Herz möchte gerne den lokalen Einzelhandel unterstützen, weil hey, das hier ist meine Stadt und unsere Arbeitsplätze und es ist nicht gut, wenn man die kleinen Geschäfte aktiv kaputt macht, indem man alles nur noch über Internet macht.

    In Götham City gibt es 8.342 Schuhläden. Da mich Schuhe nicht interessieren, überblendet mein Hirn die Info “Hier ist ein Schuhladen” mit einem grauen Rauschen. Ich nehme die gar nicht war. Es ist, als hätte ich einen zuschaltbaren blinden Fleck, der Schuhläden einfach aus meinem Sichtfeld entfernt. Das gleiche passiert mit Modeläden, Drogerien und Kaffeeshops, weswegen die meisten Innenstädte durch meine Augen gähnend leer sind. Wenn ich dann den blinden Fleck ausschalte, weil ich halt Schuhe oder was anderes brauche, dann bin ich immer wieder überrascht, was es nicht alles für Geschäfte gibt. Noch überraschter bin ich aber davon, was in diesen Geschäften für Leuten arbeiten.

    Ich brauchte nicht nur Schuhe, sondern auch ein neues Hemd. Als ungern-Kleidungskaufer kenne ich meine Größen ganz exakt, immerhin will ich schnell wieder aus dem Geschäft raus. Was ich nicht kannte war der Farbton “Mauve” meines bevorzugten Hemdenherstellers, und den wollte ich mir im Einzelhandel mal angucken. So nahm das Drama seinen Lauf.

    “Guten Tag, ich würde in der Herbstkollektion der Luxor-Hemden gerne mal den Farbton Mauve sehen”, spreche ich die Verkäuferin an, eine Frau in den Vierzigern, im schwarzen Kostüm und glatten, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren.
    “Die Luxor gibt es nur in Modern Fit oder Comfort”, flötet Sie zurück.
    “Genau. Hätte ich gerne Mal in Mauve gesehen”, antworte ich, etwas lauter, in der Annahme, dass sie mich vorher nicht richtig verstanden hat. In Ihrem Blick liegt plötzlich Unsicherheit.
    “Wir, äh, gehen da nur nach Produktnummern und von den Herstellern bekommen wir nur Codes, so Zahlen halt.”
    Ich gucke sie verständnislos an. Sagt die Frau mir gerade, dass sie nicht weiß, was Mauve ist? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht, deshalb bin ich ja hier, im Fachgeschäft. Nunja, zumindest in der Herrenabteilung von Karstadt. Ich habe eine diffuse Vorstellung eines Violetttons im Hinterkopf, aber vielleicht ist das nur wegen der lautmalerischen Nähe von Mauve zu Malve. Aber hey, MEIN Job ist es ja auch nicht, jeden Tag Kleidung in tollen Farben zu verkaufen. Wenn er es aber wäre, dann wüsste ich schon was ein Mauve ist.

    “Ah, hier, das hier könnte Mauve sein”, sagt die Verkäuferin und zieht ein x-beliebiges Hemd aus einem Fach, das gerade in Reichweite ist.
    “Nein”, sage ich, “ich weiß zwar nicht wie Mauve aussieht, aber DAS ist Limette”. “Ja. Oder Curry”, kichert die Blonde, guckt sich dann suchend um und verschwindet, als sie nichts anderes Mauve-Verdächtiges entdecken kann, mit den Worten “Ich frage aber mal die Kollegin, Momentchen” in der Auslage.

    Als sie nach drei Minuten wiederkommt, habe ich schon was gefunden, was Mauve sein könnte. Ein Violett, halt.
    Die Blonde sagt nun sehr ernst: “Die Kollegin guckt jetzt mal. Mauve ist ja… so ein Grauton. Davon gibt´s ja mehrere.”
    “Mauve ist mit Sicherheit KEIN Grauton”, sage ich. Langsam finde ich das hier nicht mehr witzig. Soll sie halt sagen, wenn sie nicht weiß was das ist, aber mich nicht verarschen.
    “Ham wa nicht”, schrillt es plötzlich durch die Abteilung. Die Kollegin oder Vorgesetzte der Blonden kommt auf uns zugesteuert.
    “Wir ham keine Namen für die Farbtöne. Bei uns geht das nur nach Nummern. Kennense die Nummer von dem Farbton?”, fragt die Schrille. “Was?!”, entfährt es mir, “Ich will doch nur wissen wie der Farbton Mauve aussieht – ob das jetzt ein Gelb oder ein Violett oder sonstwas ist!”. “Nein”, sagt die Schrille, “Ohne Nummer können wir Ihnen nicht helfen.”

    Im Weggehen ruft mir die Blonde mit einem vorwurfsvollen Unterton hinterher: “Sagen sie mal… haben Sie kein Internet, dass sie Mauve mal googeln können?”

     

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

     
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    Verfasst von - 25. August 2014 in Historisches, Uncategorized

     

    Rauchen Sie?

    Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, auf diese Frage mit “Nein, nicht mehr” antworten zu können. Diese Selbstsicherheit leiste ich mir heute, auf den Tag genau fünf Jahre nachdem ich am 01.06.2009 meine letzte Zigarette geraucht habe.

    Fünf Jahre. Dabei war ich mir so sicher, nie ohne Zigarette sein zu können. Wie sollte das auch gehen, immerhin brauchte ich die zum Kaffee, nach dem Essen, zur Beruhigung, zum wachwerden, um besondere Momente zu zelebrieren, um mal Pause zu machen, oder einfach so. Ich habe meine Raucherkarriere sehr spät begonnen, und wie so oft aus den falschen Gründen – ich wollte einer Frau imponieren und bei der Arbeit Raucherpausen machen dürfen. Anfangs dachte ich immer, ich könnte jederzeit aufhören. Vielleicht stimmte das auch mal, aber irgendwann war der Punkt überschritten und die Sucht eingeprägt. Mehr als 10 Jahre, am Ende an schlechten Tagen um die 35 Selbstgedrehte. Nie würde ich damit aufhören können, das war eine traurige Gewissheit. Bis ich eine Zigarette rauchte, von der ich nicht wusste, dass sie meine letzte war. Nach der fasste ich nie wieder einen Glimmstengel an.

    Geholfen hat mir dabei ein Selbsthilfevideo, in dem die Hintergründe und Mechanismen der Sucht erklärt wurden. Das ist eine Methode, die der Amerikaner Alan Carr erfunden hat: Ganz langsam und unaufgeregt wird erklärt, was die Sucht ist, was sie mit Körper und Geist macht und das sie eigentlich nur in unserem Kopf steckt. Die Botschaft kam an. Mein Intellekt fühlte sich beleidigt von der Erkenntnis, wie er nach Strich und Faden verarscht wurde, und schaltete die Sucht quasi von jetzt auf gleich ab. Einfach so.
    Ich wusste, wie alles funktioniert, also konnte ich einen Schraubenschlüssel in die Zahnräder werfen. Knirsch, und das Rauchen war vorbei.

    Schon nach einer Woche war die Gier nach einer Zigarette weg. Zugenommen habe ich nicht, weil ich nichts zu kompensieren hatte. Und immer wenn ich gefragt wurde “Rauchst Du nicht”? Sagte ich: Heute nicht. Denn ich konnte nicht ausschließen, dass ich eines Tages einen Rückfall haben würde, und ich wollte nicht an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Deshalb das bescheidene “Heute nicht”. Das zog witzigerweise Kreise. Freudin und Arbeitskollege, beide mit einer längeren Raucherkarriere als ich, hörten auch plötzlich auf. Ich bilde mir gerne ein, dass ich vielleicht ein wenig Vorbild war, nach dem Motto “Wenn der das kann…”

    “Heute rauche ich nicht.” Dabei war mir sehr bald klar, dass ich nie wieder rauchen wollte. Drei Monate nach dem Ende konnte ich tiefer Atem holen. Mein Körper wurde kräftiger. Und mein Geruchssinn kehrte zurück. Es war wie die Entdeckung einer neuen Welt. Meine Nase, die Jahrelang nichts gerochen hatte, nahm schnell wieder feinste Gerüche wahre. Heute kann ich in leeren Räumen riechen, ob sich kurz zuvor ein Raucher darin aufgehalten hat, auch wenn er nicht darin geraucht hat. Ich kann Pflanzen am Geruch erkennen, auch wenn sie nicht blühen. Und so weiter.
    Nach sechs Monaten war der morgendliche Husten weg und ich wusste nicht wohin mit meiner Energie. Nichtrauchen ist geil, das ist so.

    Dabei hatte ich lange Zeit noch Albträume, in denen ich rückfällig wurde. Früher träumte ich, ich müsse das Abi nochmal schreiben. Nach dem Ende des Rauchens träumte ich, dass ich plötzlich eine Zigarette in der Hand hätte. Zum Glück nur Albträume. Im wachen Zustand ertrage ich es nichtmal mehr mit Rauchern in einem Raum zu sein. Ich mäkele nicht an ihnen herum – ich vermeide die Situation nur solche Situationen.

    Fünf Jahre.
    Das sind unfassbare 45.600 nicht gerauchte Zigaretten, über 5.700 gesparte Euro (bei den damaligen Preisen). Rein statistisch lebe ich jetzt 183 Tage länger als wenn ich noch rauchen würde. Das Risiko eines Herzinfarkts liegt noch bei 51% im Vergleich zu dem bevor ich aufgehört habe, das einer Lungenkrebserkrankung bei 75% (das ist nur die Risikoverbesserung, keine Ahnung wie hoch vorher mein Gesamtrisiko war). Noch ein paar Jahre, und es wird so sein als hätte ich nie geraucht. In diesen 5 Jahren sind statistisch gesehen 17.490.000 Menschen weltweit an rauchbedingten Krankheiten gestorben.

    Fünf Jahre, und es werden mehr. Ich erlaube mir, mich darüber zu freuen.

     
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    Verfasst von - 1. Juni 2014 in Historisches

     

    Pitje Puck

    Manchmal, wenn mein Bewusstsein beim Aufwachen aus den Niederungen des Traumreichs wieder an die Oberfläche des Hier-und-Jetzt klettert, bringt es Dinge mit. Wie eine Katze, die einem eine tote Maus vor die Haustür legt und dann stolz guckt, legt es mir manchmal irgendwelche Fragmente vor die Nase. Das sind oft Songs, gelegentlich Erinnerungen an Personen oder Dinge, an die ich schon seit Jahren nicht gedacht habe.

    Heute Morgen wachte ich auf und hatte den Namen Pitje Puck im Kopf. Pitje Puck?
    Hm. Das war eine Serie von Kinderbüchern, die ich gerne las als ich so ca. 8 Jahre alt war. Pitje ist ein Briefträger, der sich dadurch auszeichnet das er a. clever und b.”stets gut gelaunt” ist, was sich durch gelegentliches Reimen äußerte und bedeutet, dass er aus heutiger Sicht eine fürchterliche Nervensäge war.

    pitpuc

    Pitje wohnt in Kesseldorf, zusammen mit seinem Papagei Lorchen, seinem Hund Schlappohr und der Katze Dickerchen. Sein bester Freund ist der Bäcker Windbeutel, während ihn mit Wachtmeister Knurrhahn eine herzliche Abneigung verbindet.

    Das hört sich alles fürchterlich altbacken an, was daran liegt, dass die ersten Bücher schon 1958 entstanden sind, also vor ca. 200 Jahren. Ja, richtig gelesen, das ist 200 Jahre her. Seitdem es Internet gibt vergeht nämlich die Zeit schneller. Aber als ich die Bücher Anfang der 80er gelesen habe, da war 1958, zumindest auf dem Dorf, erst 5 Jahre her. Solche Charaktere wie den Arzt Pillendreher, den Metzger Fleischkloß und den Kleinkriminellen Dauerklau gab es wirklich – jeder im Dorf kannte sie und in den Pitje Puck-Geschichten wurden sie mit einem Wort, nämlich ihrem Namen, absolut treffend charaktierisiert. Man muss über einen Metzger der Fleischkloß heißt nicht mehr wissen als seinen Namen. Das Bild im Kopf ist sofort da.

    Pitje Puck macht dauernd irgendwelche Dinge, die man auf dem Dorf so macht. Ein ganzes Buch dreht sich nur darum das er angeln geht, ein anderes davon, wie er in die Stadt fährt und sich eine Bootsausstellung anguckt. Die hiess HoWaSpo, Abkürzung für “Hoch dem Wassersport”, das ist das einzige, an das ich mich überhaupt noch von Pitje Puck erinnern kann. Der Name einer Ausstellung.
    Seltsam, wie das Gedächtnis funktioniert.

    Pitje Puck in der Wikipedia

     
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    Verfasst von - 20. November 2013 in Historisches

     
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    Ich kann es noch

    Ich kann es noch: Ein ganzes Kilo Kirschen auf einmal fressen und dann mit Bauchschmerzen in der Gegend rumliegen, aber dabei seelig sein wie ein kleines Kind.

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    Gut, damalsTM habe ich die Kirschen direkt im Baum gemampft (“Eine in den Eimer, zwei in den Mund”), heute kaufe ich sie auf dem Markt. Aber glücklich machen sie mich immer noch. Kirschen sind Rumklettern im Baum, kurze Jeanshosen, aufgeschürfte Knie, der Geruch von gemähtem Gras, Sandalen, Sonne, Buden bauen, spät-reinkommen-und-noch-später-ins-Bett-gehen-weil-Ferien-sind und keine Sorge wegen nichts. Mit Kirschen geht´s mir gut.

     
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    Verfasst von - 13. Juli 2013 in Ganz Kurz, Historisches

     

    Engelspapst

    Soso, der zurückgetretene Papst Ratzinger/Benedikt darf jetzt also in einem Klostergebäude im Vatikan wohnen, im Hinterhaus des amtierenden Papstes, sozusagen. Da kann er aber froh sein, dass in diesem Fall die Kirche mal nicht an Traditionen festhält.

    Das letzte (und erste) Mal, dass ein Papst zurücktrat, war das im Jahr 1294. Damals hatte die Kurie als Nachfolger einen Mann vom Lande auserkoren, der neue Stellvertreter Christi auf Erden zu werden: Pietro de Morrone aus der Region L´Aquila in Umbrien. Eine raue Gegend, in der Pietro aufwuchs und früh Mönch wurde. Als er davon hörte das er Papst werden sollte, packte er mitten in der Nacht sein Maultier und floh. Der Gedanke, Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden, versetzte ihn in Panik. Die Kurie jedoch ließ ihn verfolgen und überredete ihn irgendwann doch, das Amt anzunehmen. Auf seinem Maultier ritt er in L´Aquila ein, wurde zum Papst ernannt und trug fortan den Namen Cölestin der Fünfte.

    Ganze 20 Wochen dauerte die Amtszeit von Papst Cölestin V. Dann schmiss er hin, angewidert von den Intrigen der Kirche und der Unmoral der Geistlichen in Rom. Er legte sein Amt nieder und zog sich in ein kleines Kloster im Latium zurück. Dummerweise war sein Nachfolger im Amt der Meinung, dass die Aktion mit der Amtsniederlegung-aus-moralischen-Gründen durchaus Sympathien im gemeinen Volk weckte. “Engelspapst”, so nannte man ihn schon voller Bewunderung. Der Nachfolgepapst war kein Engel. Bonifaz der Dritte fürchtete, dass die Bewunderung des Volks für seinen Vorgänger zu einer Spaltung der Kirche führen könnte. Deshalb ließ er den alten Papst festnehmen und in der Festung Fumone einsperren.

    Das ist die gleiche Festung, in hundert Jahre vorher der Gegenpapst Gregor VIII lebendig eingemauert wurde. Seitdem, so sagt man, hausen die Geister zweier Päpste in dem alten Gemäuer… ganz zu schweigen von der Schlossherrin, die hier des Nachts noch um ihren toten Sohn weint, und der Magd, die in einen Brunnen voller Messer gestossen wurde… Fumone ist ein Ort der Albträume. Wenn italienischem TV nichts mehr einfällt, sperren sie Models für eine Nacht in die Burg und filmen sie mit Nachtsichtkameras bei Panikanfällen. Kein Witz.

    Zusammengefasst: Vor Ratzinger hat nur ein Papst aus eigener Entscheidung hingeschmissen, und dem erging es nicht so gut. Und in Fumone möchte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht unterwegs sein.

     
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    Verfasst von - 29. Mai 2013 in Historisches

     
     
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