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Archiv der Kategorie: Reisen

Motorradreise 2013 (19): Schöne Ecken

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am zwanzigsten Tag hat´s auch schöne Ecken, es gibt einen Schreck und das Wiesel geht einkaufen.

Freitag, 21. Juni 2013, Agriturismo Al Bagolaro, Volta Mantovana, Lombardei

Die Sonne scheint auf die Kiwifelder und die Wassersprenger klackern wieder ihren Takt. Es ist ein strahlend schöner Tag, der achtzehnte in Folge, aber zum Glück nicht mehr ganz so heiß wie gestern. Nachdem Chiara ein weiteres Grandioso-Frühstück gezaubert hat, diesmal sogar noch erweitert um Wurst und Käse, schwinge ich mich auf die Kawasaki und lade die heutige Tour ins Navi. Die ungefähren Touren für jeden Tag habe ich zu Hause am PC grob vorgeplant und im TomTom gespeichert, so dass ich sie jetzt nur noch aufrufen muss. Dadurch entfällt das Gefrickel mit der Suche nach Zielen, und auch um Parkplatzsuche brauche ich mich jetzt nicht kümmern.

Vor dem kleinen Häusschen steht die Renaissance in der Morgensonne.

Vor dem kleinen Häusschen steht die Renaissance in der Morgensonne.

Der heutige Weg führt vom Gardasee aus nach Westen, durch die satten, grünen Felder der Po-Ebene.

Dort liegt Brescia (das wird Breescha ausgesprochen), das große Industriezentrum. Der Norden Italiens ist der wirtschaftliche Motor des ganzen Landes, und die Lombardei ist die reichste der reichen Regionen – nicht nur durch Landwirtschaft, sondern vor allem durch Exportindustrie. Schlechtes, aber passendes Beispiel: In einem Vorort von Brescia stellt die Firma Beretta Handfeuerwaffen her. Ein Exportschlager.

Während das Motorrad durch die unvermeidlichen Auf-, Ein- und Umfahrten in Kreiseln, Tunneln und Brücken düst, erhebt sich Brecia Stück für Stück aus der Ebene vor mir, wie eine glitzernde Fata Morgana aus einem Kohlfeld. So eine Stadt habe ich bislang noch nicht in Italien gesehen. Ein hoher, schlanker Wolkenkratzer erhebt sich über die Stadt, und schimmert im Vormittagslicht irisierend blau. Daneben steht ein kleineres Bürogebäude, dass aussieht wie eine auf den Kopf gestellte Pyramide. Die Spitze steht auf einem kleinen Sockel, dann kommt die Pyramide, und auf derer Basis – die in den Himmel zeigt – steht das eigentliche, würfelförmige Gebäude. Solche mutigen Bauformen gibt es hier noch mehr.

Das Navi lenkt mich durch die Büroviertel hin zur Altstadt, und wenig später fährt die Renaissance eine steile Rampe hinab und verschwindet unter der Piazza Victoria. Kurze Zeit später komme ich über eine Treppe an einer ganz anderen Ecke wieder an die Oberfläche und sehe mich um.

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Die Piazza Victoria ist ein Musterbeispiel für größenwahnsinngen Bau in der Zeit des Faschismus. Ich muss zugeben, dass mich solche Gebäude sowohl wegen ihrer bombastischen und strengen, einschüchternen, ja, ihrer autoritären Art anwidern – und gleichzeitig faszinieren. Um die Piazza Vittoria anlegen zu können, haben die Faschisten einen ziemlichen Kahlschlag in der Stadt veranstaltet. Zum Glück ist aber noch genug vom Centro Storico erhalten, und das ist sogar ausnehmend angenehm.

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Geschrieben von - 19. April 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2013 (18): Ausgerechnet Verona

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am neunzehnten Tag macht ausgerechnet Verona mich fertig und das Wiesel entdeckt seine romantische Ader.

Donnerstag, 20. Juni 2013, Agriturismo Al Bagolaro, Volta Mantovana, Lombardei

Als der Wecker klingelt könnte ich ruhig noch eine Stunde Schlaf gebrauchen – dank des ausgezeichneten WLANS hier sei dank habe ich letzte Nacht bis spät mit Leuten aus Deutschland gechattet, bei denen gerade die Welt mit Unwetter und Starkregen untergeht. Hier nicht, über den Kiwifeldern des Agriturismo Al Bagolaro, rund 15 Kilometer südlich des Gardasees, strahlt die Sonne.

Im Frühstücksraum des Agriturismo wartet ein frisch gebackener Kuchen, eine Anzahl Joghurts und ein warmes Cornetto, ein Croissant, auf mich. Chiara hat all das aufgefahren, obwohl ich heute der einzige Gast auf dem Hof bin. Nach dem Frühstück schwinge ich mich auf die Kawasaki, die direkt vor dem Häuschen am Rande des Agriturismo parkt, und steuere über den Feldweg vom Haus auf die Landstraße, biege dort ein und gebe Gas.

Die Straßen sind lang und übersichtlich und ebenso einfach wie langweilig zu fahren, aber ich beklage mich nicht. Die ganze Po-Ebene ist voller grüner Felder, hier wird Wein, Reis, Kiwis, Getreide und Salat angebaut. Wassersprenger tackern auf den Feldern im Kreis und sprühen Nebel in die Luft, womit sie in der Morgensonne jede Menge Regenbögen zaubern. Wasser gibt es hier durch die Nähe zu den Alpen immer genug, und im Moment ganz besonders. Die Gräben und Kanäle sind bis zu den Oberkanten gefüllt, eine Folge der starken Regenfälle. Die übrigens vor genau zwei Wochen, als ich das erste Mal den Fuß auf italienischen Boden gesetzt habe, aufgehört haben. Das sagte auch Stefano in Siena: Acht Monate hat es in der Toskana geregnet, aber seit dem 2. Juni: Nichts mehr. Ha, das muss ich den Leuten zu Hause auf die Nase binden, die immer behaupten ICH würde das schlechte Wetter anziehen.

An dieser Stelle kein Bild von den langweiligen Straßen, stattdessen lieber Blümchen.

An dieser Stelle kein Bild von den langweiligen Straßen, stattdessen lieber Blümchen.

Ich fahre nach Verona, der Stadt Julias. Shakespeares Julia, wissen schon. Wie um alle Großstädte ist auch um Verona ein Geflecht aus Schnellstraßen, Zubringern, Kreiseln, Rampen und Tunneln gewuchert. Das Navi lotst mich da sicher durch, und schnell nähert sich das Motorrad dem Stadtzentrum. Was mich überrascht ist das Ausmaß des Fremdenverkehrs. Von Stefano weiß ich, wie man Mietwagen am Kennzeichen erkennt (die haben rechts kein Erstzulassungsjahr und keine Region eingedruckt), und davon sind hier VIELE unterwegs. Der Stadtverkehr ist sowieso sehr dicht, und die große Anzahl an ortsunkundigen und schlechten Fahrern macht die Sache nicht einfacher.

Plötzlich legt ein voll bepackter Skoda Oktavia mit Dachbox grundlos eine Vollbremsung hin und bleibt einfach mitten auf der Straße stehen. Ich hänge dem Wagen beinahe im Heck, nur ein beherzter Griff in die Bremsen verhindert Schlimmeres. Es sind Deutsche, die augenscheinlich nicht mehr weiter wissen, und deshalb einfach mal mitten auf der Straße anhalten und erstmal auf die Karte gucken. Ich mache im Geiste eine Notiz, das Fahrzeuge mit dem Kürzel WAF (Kreis Warendorf in NRW) im Kennzeichen gefährlich sind und in eine Gefahrenstufe mit EIC und ESW fallen.

Ich ziehe an den Bremsern vorbei und suche mir weiter meinen Weg durchs Verkehrsgewühl. Das ist wirklich nicht einfach, denn zusätzlich zu der unübersichtlichen Straßenführung gibt es jetzt jede Menge Baustellen, Straßensperren und Umleitungen, die das Navi natürlich nicht kennt. Außerdem ist irre viel los. Ich recke den Kopf und sehe mich um. Links, rechts, geradeaus, alles voller Autos, Roller und Radfahrer, die in dichten Knäulen voranschieben. Dazu kommt die Hitze, es ist früher Vormittag, und das Thermometer steht schon wieder bei über 30 Grad im Schatten. Um diesen Molotovcocktail aus Gedränge, Hitze, ortsunkundigen Fahrern, schlimmer Straßenführung, Baustellen und noch mehr Hitze zu entzünden und alle Verkehrsteilnehmer komplett in den Wahnsinn zu treiben gibt es in Verona: Ampeln.

Wir Deutschen können keine Kreisel. Irgendwie haben wir das Konzept nicht verstanden. Wir lieben Ampeln, aber Kreisel können wir einfach nicht. Die bauen wir entweder gar nicht, und wenn doch, dann meist zu klein, oft zu doof und manchmal sogar mit Ampeln, was das schlechteste aus allen Welten kombiniert. So wenig wie wir Kreisel können, können die Italiener Ampeln. Die Umlaufzeiten sind IMMER zu lang, zwischen 3 und 5 Minuten sind keine Seltenheit. Manchmal scheint es so, als hätte man die Ampeln aus der Verpackung genommen, an eine Kreuzung gestellt und sich nicht mal im Ansatz die Mühe gemacht die einzustellen. So stehe ich 5 Minuten bei Rot an einer Ampel. Schon nach Minute Zwei habe ich den Motor ausgestellt, weil ich sicher war, dass das hier wieder länger dauert. Mir tropft der Schweiß die Nasenspitze herab, dann wird die Ampel Grün. Ich fahre sofort los, und mit mir kommen noch zwei weitere Autos über die Kreuzung, dann ist sie für diese Richtung wieder 5 Minuten rot. Dabei ist es nicht so, als wäre die Straße nicht befahren, der Verkehr staut sich schon auf mehreren Hundert Metern.

Kurverei durch Verona

Kurverei durch Verona

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Geschrieben von - 12. April 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

London bei Nacht

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Aus der Serie “Städte bei Nacht”. Ich liebe es ja, nach Einbruch der Dunkelheit durch eine Stadt zu stromern, die Atmosphäre aufzusaugen und Leute zu beobachten. Die folgenden Bilder sind mit der kleinen Lumix Tz41 aus der Hand geschossen und nicht nachbearbeitet.

Zu früheren Teilen:
Rom bei Nacht
Florenz bei Nacht
Venedig bei Nacht

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Geschrieben von - 9. April 2014 in Foto, Reisen

 

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Reisetagebuch London 2014 (7): Der Weg nach Hause

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Im Februar 2014 verirrten sich Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche lang durchstreiften sie die uralte Metropole an der Themse und entdeckten erstaunliche Dinge, aber heute ist es an der Zeit wieder nach Hause zurückzukehren.

Mittwoch, 12. Februar 2014, London

Der Tag beginnt schon wieder ohne Würstchen. Zumindest für mich, nicht aber für das ältere Ehepaar, das entrückt lächelnd ein rundes Dutzend davon auf diversen Tellern davonbalanciert. Dafür bastele ich mir eine Bacon Roll, das ist ein Hamburgerbrötchen, in das gebratener Speck geklemmt wird. Gar nicht schlecht, wenn auch zu fettig für meinen Geschmack. Ich kann schon verstehen, dass britische Touristen regelmäßig in tiefe Verzweifelung stürzen, wenn sie nach Italien oder Frankreich kommen und dort statt des fetten Mittagessens, mit dem sie zuhause den Tag beginnen, nur einen Keks und einen Kaffee bekommen. Das muss ein echter Kulturschock sein.

Eine halbe Stunde später sind meine Sachen gepackt und ich verabschiede mich von dem Zimmerchen, dass die letzten sechs Tage mein Zuhause war.

Vor der Zimmertür wird Baumaterial gelagert.

Vor der Zimmertür wird Baumaterial gelagert.

Dann checke ich aus dem Cardiff Hotel aus, schultere den Rucksack, der sehr viel voller und schwerer ist als bei meiner Ankunft in London, und wandere den Norfolk Square hinauf zur Paddington Station.

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Das folgende Video zeigt einige Stationen des Londontagebuchs, in Zeitraffer und z.T. in Tiltshift-Optik. Alles aus der Hand mit der Lumix TZ41 gedreht.

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Geschrieben von - 9. April 2014 in Reisen, Wiesel

 

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Motorradreise 2013 (17): Bologna-Prozession

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am achtzehnten Tag geht es über die blauen Berge, nicht durch einen langen Gang und ich bekomme ein Häuschen.

Mittwoch, 19. Juni 2013, Casa Brescia, Siena, Toskana

Es ist 8.00 Uhr. Stefano ist nicht da, weil er einen Gerichtstermin in Brecia hat. Sein Vater passt so lange auf´s Haus auf, versucht aber den Kontakt zu den Gästen zu vermeiden und randaliert deshalb bereits seit einer Stunde im Garten herum, während die Australier versuchen ihre Chianti-Experimente auszuschlafen. Ich habe erstaunlicherweise gut geschlafen, und eine Inventur ergibt nur zwei neue Mückenstiche. Bene.

Ich packe die restlichen drei Sachen zusammen, trage die Koffer zur Kawasaki und begegne dabei Stefanos Vater. Für einen promovierten Arzt im Ruhestand guckt er mich ganz schön erschreckt an, aber als ich ihn auf italienisch begrüße, entspannt er sich ganz schnell wieder. Seine Abwehrhaltung ist kein Wunder, er spricht keine drei Worte englisch, und die Australier haben ihn gestern Abend mit ihrer Frage nach einem Korkenzieher nicht nur überfordert, sondern anschließend auch noch verspottet, nach dem Motto “na, ist dein erster Tag hier, was?”. Eine Unverschämtheit, die leider keine Seltenheit ist. Insbesondere deutsche und amerikanische Touristen behandeln ihre Gastgeber gerne mit Kolonialherrenattitüde.

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Ich gratuliere dem Dottore zu seinem Sohn und wie der das beste Bed and Breakfast von ganz Siena aufgebaut hat, aber Papa rümpft die Nase. “Das beste B&B? Beh! Dafür mäht er aber nicht oft genug den Rasen. Und die Hecken müssten auch schon seit einer Woche geschnitten werden.” Ich verabschiede mich mit den Worten, dass Stefano stolz auf seine Familie sein kann, die ihn so unterstützt und wichtige Dinge wie Rasenmähen teilt, dann klinke ich die Koffer ans Heck der Kawasaki ein und starte den Motor. Ein letztes Mal rollt die Renaissance die kleine Strasse auf dem Bergrücken vor Siena hinab, der zur Corona, der “Krone Sienas” gehört.

Mein erster Weg führt mich zur Tankstelle um die Ecke. Benzinaio Fausto begrüßt mich schon, als ich auf den Hof fahre. Ich öffne den Tankverschluss, und während er Benzin einfüllt, entspinnt sich ein kurzes Gespräch über das Wetter. Ja, Sonnne ist schön, und heute soll es nicht mehr so warm werden wie gestern, sondern nur noch 34 Grad. Ich werde das nicht mehr mitbekommen, denn heute ist der Tag der Abreise, sage ich. Wohin es geht, will er wissen. Mantova? Oh, da wurde das Volk über Jahrhunderte geknechtet und dumm gehalten, sagt er. Aber jetzt ist es ein kulturelles Zentrum, und schön sei die Stadt ohnehin. Hm. Irgendwas sagt mir, dass dieser Benzinao mehr drauf hat als die meisten seiner Kollegen. Nach der Bezahlung streckt er mir die Pranke hin und sagt: “Du kommst ja wieder. Bis nächstes Mal.” Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.Öh.

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Es geht direkt auf die Strada Statale, die mautfreie Autobahn. Aber nicht lange, schon hinter Monterrigioni geht es ab, dann über die grünen Hügel des Chianti nach Norden, gen Florenz, schließlich wieder durch die staubverhangene Einöde bei Empoli. Dahinter wird es etwas besser, die Straße schraubt sich in die Berge hinauf, vorbei an Berghängen voller Olivenbäume. Diese Straße habe ich zuletzt im vergangenen Oktober befahren, allerdings in einem Bus, und tatsächlich schießt die Renaissance wenig später am Ortsschild von Vinci vorbei. Sono da vinci, denke ich und kichere albern. HIER ist jeder “da Vinci”.

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Geschrieben von - 5. April 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Reistagebuch London 2014 (6): Sherlocked

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Im Februar 2014 verirrten sich Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche lang durchstreiften sie die uralte Metropole an der Themse und entdeckten erstaunliche Dinge. Am sechsten Tag dinieren sie beiden wie Sherlock und fahren Skilift in London. Verrückt.

Dienstag, 11. Februar 2014, London

Der heutige Tag will zelebriert werden! Es ist der 11. Februar, und selbst durch das miesepetrige Wetter lasse ich mir die Laune nicht verderben.

Blick aus dem Frühstücksraum des Cardiff. Es regnet.

Blick aus dem Frühstücksraum des Cardiff. Es regnet.

Ich lasse das Frühstück im Cardiff ausfallen und fahre mit der Tube zwei Stationen weiter zum Euster Square. Die U-Bahnstation Euster ist umbaut mit gläsernenden Büropalasten, aber mittendrin, wie ein anachronistisches Überbleibsel, steht ein geducktes, dreigeschossiges Gebäude mit einem Café im Erdgeschoß.

Das ist zu einigermaßen Berühmtheit gelangt, weil dieses Gebäude in der Serie “Sherlock” die Bakerstreet 221b ist, und das Café regelmäßig auftaucht. Hier nehmen Sherlock. Mycroft und Dr. Watson gerne mal einen Kaffee.

Eingerahmt von gläsernen Bürotürmen duckt sich das kleine Gebäude in der North Gower Street in die Ecke. Im Erdgeschoß: Speedys Restaurant. Für die Serie Sherlock wird die Tür rechts  ausgetauscht und das Gebäude  die Baker Street 221B deklariert.

Eingerahmt von gläsernen Bürotürmen duckt sich das kleine Gebäude in der North Gower Street in die Ecke. Im Erdgeschoß: Speedys Restaurant. Für die Serie “Sherlock” wird die Tür rechts ausgetauscht und das Gebäude zur Baker Street 221B deklariert.

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Innen erwartet mich eine Überraschung. Ich hatte erwartet, dass das Restaurant, ähnlich wie das Café aus dem Film Amelié, total überlaufen ist von Sherlock-Pilgern. Aber nichts dergleichen – am Tresen holen sich Menschen auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee oder ein Sandwich zum mitnehmen, an den wenigen Tischen und Stühlen sitzen vereinzelt Rentner über einem Tee und lesen Zeitung. Keine Spur von Touris, nur ein Foto an der Wand verrät, dass dieses Lokal ein Filmstar ist. Das Bild zeigt den Wirt zusammen mit Martin Freeman, Bendict Cumberbatch und Steven Moffat. Das hier zu den Dreharbeiten die gerade populärsten Schauspieler der Welt ein- und ausgehen hat wohl keinen Einfluß auf´s Tagesgeschäft.

Ansonsten wirkt alles sogar ein wenig schmuddelig. Die Holzverkleidung der Wände ist vielfach übergestrichen, die Fliesen des Bodens sind abgelaufen und die Stühle wackelig.
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Geschrieben von - 1. April 2014 in Reisen, Wiesel

 

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Motorradreise 2013 (16): Begegnung mit dem Sensenmann

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am siebzehnten Tag ist es sehr heiß, ich verwandele Silber in Gold und habe eine Begegnung mit dem Sensenmann.

Dienstag, 18. Juni 2013, Casa Brescia, Siena, Toskana

Der sechste Tag in Siena, und wieder strahlt die Sonne vom Himmel und verbreitet eine ohrenbetäubende Hitze. Ich bin mir schon am Morgen, als die Renaissance aus dem Tor des Casa Brescia rollt, nicht sicher, ob es eine gute Idee ist heute eine weite Tour zu unternehmen. Ich habe mir vorgenommen die Städte Montepulciano und Montalcino zu besuchen. Die berühmten Weinstädte liegen 40 Km südlich von Siena. Die wollte ich vergangenes Jahr schon besuchen, aber da gab es erst in Montepulciano keinen Parkplatz, und in Montalcino hatte ich dann spontan keine Lust mehr die Stadt anzusehen. Es ist kurz nach neun, und das Thermometer (also die offizielle Wetterstation, nicht das am Motorrad) zeigt bereits fast 30 Grad an. Im Topase im Heck der gluckern insgesamt 3,5 Liter Wasser in zwei Feldflaschen und einer zusätzlichen PET-Flasche, und ich vermute stark, dass ich alles brauchen werde.

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Es geht Richtung Süden. Erst zieht sich eine Landstraße durch eine Reihe kleiner und ziemlich hässlicher Trabantendörfer. Aber dann führt die Straße kurvenreich eine Anhöhe hinauf, und plötzlich wird die Landschaft zu dem, was man von Postkarten aus der Toskana kennt.

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Links und rechts liegen sanfte, grasbewachsene Hügel, von denen manche eine Zypressenallee und ein Bauernhaus tragen. Durch diese Landschaft gleitet die Renaissance, und ich befinde mich in einem fast meditativen Zustand. Unter dem Helm und auf der Straße ist man stets allein mit sich und seinen Gedanken, und die Weite der Landschaft trägt dazu bei den Verstand und den Geist zu öffnen.

Noch weiter südlich führt die Landstraße in einen langen Tunnel. Exakt den, den regelmäßige Leser und Gucker der Videos aus dem Vorspann der Reisevideos kennen.

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Als das Motorrad am anderen Ende wieder hinaus ins Licht schießt, sind wir tief in der Crete Senesi, dem Ödland hinter Siena. Das heisst nicht etwa so, weil es eine Wüste wäre – zumindest nicht ganz, auch wenn es tatsächlich eine kleine Wüste und sogar Sandstürme in dem Gebiet gibt – sondern weil es eine weite, sehr spärlich besiedelte Landschaft ist. In den Niederungen wird Getreide angebaut, und auf den Hügeln wächst Gras. Das ist zum Teil schon geerntet, und die gepressten Ballen liegen in der Landschaft verstreut wie Riesenspielzeug.

Ich liebe diese Gegend, und auch jetzt entlockt sie mir unter dem Helm Ausrufe der Begeisterung. Keine Ahnung, ob die Hügel hier dem goldenen Schnitt entsprechen oder woran es sonst liegt, alles hier wirkt dem Auge gefällig und begeistert die Sinne bis in die letzte Synapse. Hier ein Haus haben… ach, das wär´s.

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Geschrieben von - 29. März 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch London 2014 (5): Stonehenge

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Im Februar 2014 verirrten sich Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche lang durchstreiften sie die Hauptstadt des britischen Empires und stellten dabei dummes Zeug an. Am fünften Tag geht es auf’s Land.

Montag, 10. Februar 2014, London

Montag. Es muss Montag sein. Erst frisst das ältere Ehepaar am Frühstücksbuffet alle Würstchen auf einmal weg, dann graut mir der Morgen. Eigentlich hatte ich für Sonntag eine Tour gebucht, die der Reiseveranstalter aber verlegen wollte: Auf entweder Samstag, den 08., oder Montag, den 10. Die Mail hatte mich Ende vergangener Woche erreicht, und ich hatte mir den Montag gewünscht, in einem Anfall von geistiger Umnachtung aber “Montag den 07.” geantwortet.

Heute ist Montag, aber nicht der 07. Als ich beim Frühstück nochmal die Bestätigung checke, fällt mir das Essen aus dem Gesicht: Der Reiseveranstalter hatte den 07.02. bestätigt. Das bedeutet, dass die Fahrt, auf die ich mich die ganze Zeit freue, bereits vor drei Tagen war! Hektisch schreibe ich eine Mail und hoffe, dass sich das noch umbuchen lässt. Auf die Fahrt habe ich mich die ganze Zeit gefreut, und wenn das jetzt wegen so eines dusseligen Datumsfehlers nichts wird…

Gegen halb Zehn stehe ich vor der Westerminster Abbey, jener Kirche, in der alles wichtige in England passiert. Hier werden Königinnen und Könige gekrönt und verstorbene Berühmtheiten beigesetzt. Das Innere der Abtei ist vollgestopft mit Nebenkapellen, Gräbern und Denkmälern. Elisabeth die erste liegt in einem Flügel, ihre Rivalin Mary, Queen of the Scotts, in einem anderen. Letztere wurde von ersterer übrigens 16 Jahre gefangen gehalten und am Ende hingerichtet, und erst als Elisabeth auch abgenippelt war und der englische Thron an den Schotten James fiel, der zufällig der Sohn von Mary war, bekam sie eine würdige Beisetzung und ein Grabmal, dass Elisabeth ebenbürtig war.

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Auch ansonsten findet sich alles, was in der britischen Geschichte Rang und Namen hatte. Lange verweile ich vor dem Sarkophag von Isaac Newton. Das Grab habe ich selbst entdeckt, der Audioguide erwähnt es nicht. Passt ins Bild, denn der ist SCHLECHT. Ein guter Audioguide kommt sofort auf den Punkt und ist klar strukturiert, erzählt die wesentlichen Fakten und ordnet die in den Kontext ein. Die ein oder andere Anekdote oben drauf, fertig ist der Lack. Schlechte Audioguides Rabimmeln und Rabammeln erst einmal ewig in der Gegend rum um zu zeigen wie aufwendig sie produziert sind, bewerfen einen dann mit nebnsächlichen Personen und einer Flut von Jahreszahlen, um den Zuhörer dann mit sinnlosen Details ganz in die Wüste zu führen und ihn da stehen zu lassen. Von der Sorte ist auch der Westminster Abbey Guide, dessen Rabimmeln und Rabammeln in Gregorianischem Mönchsgejodel vor und nach jedem Point of Interest besteht. Jeweils 20 Sekunden Gregorianergestöhne, macht bei 20 Tracks rund 400 Sekunden oder sechseinhalb Minuten sinnloser Lebenszeitverplemperung. Wäre er nicht eh kostenlos, der Guide wäre das Geld nicht wert. Wobei, kostenlos stimmt ja nicht. Was ich ja faszinierend finde, ist, dass die Briten ALLES anders machen müssen als der Rest der Welt. Da ist es nur Folgerichtig, dass der Eintritt in Museen kostenlos ist, für den Besuch einer Kirche -im Rest der Welt ein kostenloses Vergnügen- aber stets um die 20 Pfund (fast 25 Euro in echtem Geld) berappt werden müssen.

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Als ich die Westminster Abbey verlasse ist eine Mail von Premiumtours eingetrudelt. Meine Umbuchung sei OK, und ich möge bitte um 12.15 an der Victoria Coach Station sein. Nichts lieber als das! Ich begebe mich zum großen Busbahnhof, und wenig später sitze ich mit nur einem Dutzend anderer Touris in einem großen Reisebus.

Ah, Belgravia ist gar kein osteuropäisches Land.

Ah, Belgravia ist gar kein osteuropäisches Land.

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Der Busbahnhof.

Der Busbahnhof.

Der Bus zuppelt durch den Stadtverkehr und jökelt dann Überland nach Westen, zwei Stunden lang.

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Geschrieben von - 26. März 2014 in Reisen, Wiesel

 

Das Phantom der Oper (2014)

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Das dritte Musical in diesem Jahr. Angestupst und in Begleitung von @FrauZimt ging es an diesem Wochenende nach Hamburg in die 2013er Auflage von Andrew Lloyd Webbers “Phantom der Oper”. Tatsächlich ist das Musical schon ziemlich alt – in Hamburg lief es von 1990 bis 2000. Seit Ende 2013 wird es wieder aufgeführt, in dem Haus, das extra dafür gebaut wurde: Der Neuen Flora.

Den Stoff kennt vermutlich jedes Kind, ich zumindest bin mit ihm schon früh in Kontakt gekommen: An der Pariser Oper des Jahres 1871 erhält die junge Sängerin Christine Daeé nächtlichen Besuch von einem Mann mit Maske, der sie heimlich in klassischem Operngesang ausbildet. Das entstellte Phantom lebt in Katakomben unterhalb der Oper und ist nicht nur Musiker, sondern auch ein genialer Techniker, Architekt und hat zudem nicht alle Latten am Zaun. Bevorzugt schreibt es Leuten merkwürdige Wünsch-Dir-Was-Zettelchen und schiebt ihnen die unter der Tür durch. Als das Phantom seinen Willen nicht bekommt wird aus dem Stalker ein Terrorist, and things escalate quickly.

Treppenhaus der Neuen Flora.

Treppenhaus der Neuen Flora.

Die Musik, zumindest das Main Theme, kennt jeder, der die letzten Jahrzehnte nicht mit Käse in den Ohren verbracht hat. Im Gegensatz zur Version aus den 80ern, die oft sehr düdelpoppig mit Synthiklängen herumspielte, hat die 2013er-Fassung eine leichte Modernisierung und Aufrüstung erfahren: Die Themen kommen durch ein größeres Orchester nun extrem bombastisch, und der Einsatz von E-Gitarren erweckt nicht nur den Eindruck von Größe, sondern erzeugt auch Gänsehaut. Insgesamt ist die neue Version härter, wie hier in der Aufführung aus der Royal Albert Hall zu hören ist:

Hier die Ouvertüre, allerdings in der Version von Nightwish und Tarja Turuunen, bei dem Papa Schlumpf den Part des Phantoms übernimmt, am Ende aber schlimmen Brechdurchfall bekommt :

Der Bühnenbau und die Technik ist überaus beeindruckend. Bühnenbilder wechseln oft in Sekunden, und mittels Hebebrücken und schwerer Technik im Bühnenboden wird die Bühne dreidimensional und über mehrere Stockwerke ausgenutzt – mit verblüffenden Effekten. Wenn das Phantom mit Christine durch einen Geheimgang flüchtet, sie durch das Labyrinth der Kellergeschosse führt und unter dem Opernhaus über einen unterirdischen See bis zu seinem Versteck rudert, dann ist das großartig in Szene gesetzt. Die Bühne IST in einem Moment das alte Gemäuer des Fundaments, im nächsten der unterirdische See und im übernächsten die schaurige Höhle. So schnell wie die Bilder wechseln ist auch die Inszenierung: Bis auf zwei Szenen, die etwas lang ausgespielt werden, ist das Pacing sehr flott. Ich habe mich in der zwei Stunden 15 langen Inszenierung keine Sekunde gelangweilt, was auch daran liegt, dass es so viel zu entdecken gibt: In nahezu jeder Szene versteckt sich irgendwo das Phanotm, auch wenn es nicht offensichtlich zu sehen ist. Aber wenn man genau hinguckt…

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Interessant ist übrigens, das es die Pariser Oper Garnier wirklich gibt, und auch der unterirdische See ist keine Erfindung. An der Stelle verläuft unterirdisch ein Arm der Seine, und im Fundament der Oper ist eine Zisterne angelegt. Auch die unterirdischen Kellerlabyrinthe sind keine Erfindung. Tatsächlich gabe es sogar merkwürdige Vorkommnisse in den 1890er Jahren: Merkwürdige Geräusche aus den Kellern und nicht zuletzt ein Unfall mit einem herabgestürzten Kronleuchter inspirierten den Schriftsteller Gaston Leroux zu einer Fortsetzungsgeschichte, die 1910 in der Zeitung abgedruckt wurde. Klassischer Fall von History-Fiction, wie ich sie sehr mag.

Perfekt wurde dieses Musical-Wochenende durch die perfekte Gastgeberin @FrauZimt und die überaus angenehme Begleitung durch die Wunderbare Welt des Wissens (Danke ihr beiden!) und das nicht minder Wunderbare Wiesel, das leider das Blogwiesel etwas vermisste, welches zur Zeit in Sonstwo rumstrolcht. Spätestens zum Weltwieseltag im August werden die beiden sich aber wiedersehen.

 
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Geschrieben von - 23. März 2014 in Event, Reisen

 

Motorradreise 2013 (15): Tomb Raider

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am sechzehnten Tag gibt es Kletterei durch Gräber und Höhlenwege.

Montag, 17. Juni 2013, Casa Brescia, Siena, Toskana

Nach dem Frühstück checke ich die Kawasaki. Die Kette des Antriebs ist zu trocken, und als ich die Sitzbank abnehme, weiß ich auch warum. Der Behälter des automatischen Kettenschmiersystems ist so gut wie leer. Ein Blick auf den Tacho verrät, dass er das auch sein darf. Bei guter Einstellung hält eine Füllung 4.500 Kilometer, die Renaissance hat in den vergangenen 16 Tagen aber schon 5.000 Kilometer runtergerissen. Ich habe eine Ersatzfüllung dabei, und nachdem der Ölbehälter aufgefüllt und entlüftet ist, reinige ich das hintere Kettenritzel und die Auslassdüse, denn beides ist mit einer dicken Schicht aus Staub und Öl verkrustet. Kein Wunder, das da nichts mehr rauskommt.

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Dann geht es erst einmal zum Tanken an die AGIP direkt um die Ecke, und hier freue ich mich, als ich Fausto wiedersehe, den alten Benzinaio mit den Stummelzähnen, der mir im vergangenen Jahr schon ein paar neue Worte beigebracht hat. Unter anderem das Wichtigste: “Pieno” für “volltanken”.

Auch heute hat er wieder gute Tips auf Lager. “Junge, das Schwierigste am Italienischen”, sagt er, “sind die verschiedenen Akzente. zum Beispiel hier: Alle Welt sagt SiEEna, mit Betonung auf dem e, richtig? Nun, nur die Leute nicht, die hier wohnen. Die nennen ihren Heimatort “Sien-A”, mit Betonung auf dem “a”. Dieser Akzentkram, der ist echt schwer zu lernen!” dann erzählt er weiter, und ich höre ihm gerne zu, denn er spricht – vielleicht wegen der Zähne, langsam und deutlich und ich verstehe alles was er sagt. Naja, fast.

Die Kawasaki gleitet die Strada Regionale entlang, eine fantastische, ganz neu geteerte Landstrasse, die genauso abwechselungsreich ist wie die landschaft. Mal führt sie in Kehren über kleine Pässe, mal schlängelt sie sich durch Felder und Wälder, mal führt sie bis zum Horizont geradeaus. Mir fällt es wirklich schwer in Worte zu fassen, wie sehr mich diese Region berührt. Mein Ausflug im vergangenen Jahr führte mich nach Pitigliano, in die Stadt auf dem Felsen, 100 Kilometer südlich von Siena. Damals war es irrsinnig heiss, und am Ende war mir vor Flüssigkeitsverlust ganz kodderig. Auch heute ist es wahnsinnig warm, schon jetzt, um vor 09.00 Uhr am Morgen. Aber jetzt bin ich besser vorbereitet, habe mehre Flaschen Wasser an Bord und mir vorgenommen die auch auszutrinken, und nicht wieder alles für schlechte Zeiten aufzuheben.

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Gegen 11.30 bin ich an den recherchierten Koordinaten. Das ist tatsächlich so dramatisch wie es sich anhört, denn hier haben die Straßen keinen Namen, und das, was ich suche, kennt hier in der Gegend zwar jedes Kind, lässt sich aber über das Internet so gut wie nicht recherchieren. Mir fehlte ja für diese Reise in einem Stadium der Planung noch ein wenig der rote Faden, und den fand ich schließlich in Form einer sehr, SEHR alten Gesellschaft: Den Etruskern.

Man weiß nicht viel über die Etrusker, und ihre Hinterlassenschaften sind spärlich, aber es gibt sie, und sie sind erstaunlich. Die Dörfchen Pitigliano, Sovana und Sorano, die hier in der Gegend auf liegen, gehen auch auf die Etrusker zurück. Allein durch ihre Lagen sind sie schon beeindruckend, denn sie sind auf hohe Tuffsteinplateaus gebaut, von denen aus sie die zerfurchte Landschaft überblicken.

Gegend um Pitigliano. Tiefe Täler durchziehen die Landschaft.

Gegend um Pitigliano. Tiefe Täler durchziehen die Landschaft.

Als wäre es nicht schon großartig genug, dass die Städtchen aussehen, als kämen sie aus der Fantasie eines Science-Fiction-Autoren, haben sie noch weitere Besonderheiten: Sie können ihre komplette Bevölkerung verschwinden lassen und Waren hin- und herbeamen.

Aber dazu später, zuerst gucke ich mir die Gräber der Etrusker an. An einem Berg in der Nähe von Sovana gibt es ein Feld voller Erd- und Luftgräber. Ich lasse das Motorrad bei 42.658012, 11.635484 auf einem kleinen Parkplatz an der Landstraße zurück. Einen Spaziergang den Berg hinauf komme ich auf ein kleines Häuschen, in dem ein Mädchen aus dem Dorf drei Euro eintritt nimmt und dafür eine Karte mit Erklärungen zu den Gräbern aushändigt. Zumindest zu einigen von ihnen, denn, so erklärt sie, die Gegend hier ist voll von Gräbern, und nur die prächtigsten werden erhalten.

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Mit meiner Karte begebe ich mich auf den Rundweg, der an verschiedenen Grabanlagen vorbeiführt. Die beeindruckendste ist die “Tomba Ildebranda”, ein Tempel auf riesigen Felsblöcken, unter dem sich eine Grabkammer befindet. Als die Anlage noch neu war, so etwa vor 2.500 Jahre, war sie farbenprächtig bemalt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, aber allein die Größe nötig immer noch Respekt ab. Ich klettere auf Stegen in der Anlage herum. Die Ruinen liegen still in der sommerlichen Hitze. Ich bin allein, außer mir gibt es gerade keine Besucher.

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Geschrieben von - 22. März 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch London (4): Albertopolis und der kleine Bär

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Im Februar 2014 verirrten sich Silencer und das Wiesel nach London. Eine Woche fuhren sie U-Bahn von A nach B und entdeckten erstaunliche Dinge. Am vierten Tag gibt es gleich mehrere Museen, mehrere Gipfeltreffen und Charles Darwin trifft auf die Krone der Evolution.

Sonntag, 09. Februar 2014, London

Der Wind fegt am Themseufer entlang. Der Himmel ist grau und bedeckt, aber es regnet nicht. Die Stadt leer, an diesem Sonntagmorgen sind wenige Menschen unterwegs, und alles fühlt sich ruhig an und entschleunigt an. Kein Wunder, die Innenstadt von London ist verhältnismäßig wenig bewohnt. Hier wird gearbeitet, und jeden Tag pendeln Millionen Menschen hier her. Jeden Tag bis auf Sonntag, weshalb alles so ruhig ist.

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Die Londoner, die tatsächlich noch in London City wohnen, liegen zum Großteil noch verkatert im Bett herum, nur die Touris, die sind um 09 Uhr schon wach und springen durch die Stadt. Ich gehöre auch zu den Touris, nur dass ich nicht springe. Ich stehe. In einer Schlange.

Die Engländer sind ja Weltmeister im Schlange stehen, denen macht in der Disziplin keiner was vor. Nicht nur, dass sie ganz ruhig und diszipliniert anstehen können, die haben auch das Anstehsystem revolutioniert. Es gibt nur eine Schlange, auch wenn mehrere Kassen geöffnet sind. Der vorderste Wartende geht immer an die Kasse, die gerade frei ist. Und wenn dann an einer Kasse mal eine Omma etwas länger nach Kleingeld kramt, stehen dahinter nicht fünfzehn Leute, die kollektiv seufzen, mit den Augen rollen und auf die Uhr gucken.

Wo das “eine Schlange, viele Kassen”-Prinzip nicht praktiziert wird, sind die Engländer auch erstaunlich diszipliniert. Wird in Deutschland eine weitere Kasse geöffnet, gibt es eine Stampede, in der Leute von hinten nach vorn stürzen. In England gehen selbstverständlich die vorn stehenden auch als erste an die neue Kasse.
Nein, wenn es eine Weltmeisterschaft im Schlangestehen gäbe, die Engländer würden sie gewinnen.

Einsteigen während der Fahrt. Nicht ganz ohne.

Einsteigen während der Fahrt. Nicht ganz ohne.

Leider besteht meine Schlange nicht aus Engländern, sondern aus Italienern, Polen und Deutschen. Trotzdem schaffen wir es irgendwie in eine Gondel des London Eye, des großen Riesenrads am Südufer der Themse, quer gegenüber von Parlament und Big Ben. Man muss nämlich während der Fahrt einsteigen, nur für Leute mit Gehbehinderungen wird das Rad angehalten. Vorher ist natürlich noch ein Sicheheitscheck, und hier kommt es zu einer blutigen Szene. Ein Wachmann sieht das Wiesel in meinem Slingpack, guckt estaunt und lacht dann “Is that real?!” während er dem Wiesel mit dem Zeigefinger ins Auge piekt und gleichzeitig mich durch die Schleuse winkt. Ich wende mich ab und schließe die Augen. Als die Schmerzesschreie verstummt sind öffne ich sie wieder. Der Wachmann wird zukünftig wohl einen anderen Finger zum Nasebohren verwenden müssen, selbst wenn die Ärzte den wieder angenäht bekommen. Das Wiesel findet seinen Weg zurück in den Rucksack, und los gehts.

Bevor es in luftige Höhe geht, guckt man sich in der Bodenstation des Rads übrigens noch ein 3D-Werbefilmchen an, das versucht einem Geburtstagsfeiern in Gondeln zu verhökern und während dessen man an passenden Stellen zur Effektverstärkung eingenebelt, angeblitzt und mit Wasser bespritzt wird. Wegen diesem Mumpitz haben die Marketingmenschen die knapp 5 minütige Show wohl ungeachtet jeglicher Raum-Zeit-Konventionen “The 4D-Experience” genannt. Die kann man sich sparen, hier gilt: Was nix kostet, taugt auch nix. Der Besuch des London Eye kostet dagegen mit rund 25 Pfund (30 Euro in echtem Geld) sehr teuer, lohnt sich aber auch. Der Ausblick ist ziemlich irre, und wenn man damit leben kann für eine halbe Stunde eine Kabine mit “Gugge Mols” und filmenden Asiaten zu verbringen, kann man sich das schon mal geben.

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Geschrieben von - 19. März 2014 in Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2013 (14): Bücherflut im Monat der Schildkröte

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am fünfzehnten Tag wird es künstlerisch wertvoll.

Sonntag, 16. Juni 2013, Casa Brescia, Siena, Toskana

Und es ist… Sonntag. Da geht in Italien mal gar nichts, nicht mal tanken. Oh, natürlich steht überall in großen Lettern “APERTO” – geöffnet – aber das hat nichts zu sagen. Das steht auch an Läden, die nachweislich seit mehreren Jahren geschlossen sind. “Aperto” steht auch an Tankstellen, was aber nur die halbe Wahrheit ist. 24-Stundenbetrieb kennt man hier nur halbautomatisch, das heißt: Die Tankstellen, selbst die meisten der großen an den Strada Statale, sind von 07.00 bis 12.00 und von 15.00 bis 19.00 Uhr besetzt. In den restlichen Zeiten muss man an einem Automaten die Zapfsäule und die Kraftstoffart und oft auch vorab die zu tankende Menge einstellen, der Betrag wird dann von einer Karte abgebucht. Exakt da beginnt mein Problem… im Beneluxraum und in Frankreich ist dieses halbautomatische Modell auch bekannt und funktioniert gut. Man steckt seine Kreditkarte in die Zapfsäule, folgt den Anweisungen auf dem Bildschirm und am Ende wird das Konto mit der getankten Menge belastet. So weit, so gut. In Italien hat man sich aber zielgerichtet von einfacher Bedienung und Kundenfreundlichkeit verabschiedet. Tanken an italienischen Automatentankstellen ist für ausländische Motorradfahrer nachgerade nicht möglich. Kreditkarten werden an den Automaten in der Regel nicht akzeptiert. Die einzigen Zahlungsmittel sind die Carta Banca und Bargeld. Die Carta Banca ist ein nationales Zahlungssystem, so ähnlich wie die deutsche EC-Karte, sowas hat kein Ausländer. Die Slots zur Annahme von Banknoten sind häufig defekt, und wenn sie mal funktionieren, ist der Mindesteinwurf 20 Euro. Selbst bei den hohen Benzinpreisen in Italien ist dieser Betrag mit einem Motorrad nicht oder nur schwer zu erreichen.

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Ich habe für heute so geplant, dass ich nicht tanken muss und trotzdem ein wenig rumkomme. Die letzte Tat am gestrigen Abend war, die Maschine bis zum Stehkragen vollzutanken. Damit hat sie eine Reichweite von ungefähr 300 Kilometern, danach kann ich noch auf den Reservetank umschalten, der nochmal 50 Kilometer halten sollte. Mehr als genug. Wobei ich, so langsam und niedertourig wie ich hier durch die Gegend eiere, mit den aktuellen Verbrauchsdaten sogar auf 420 Kilometer Maximum kommen müsste. Aber das will ich nicht ausprobieren.
Heute will ich keine Rekorde aufstellen, sondern nur ein wenig herumgondeln.

So sieht Herumgondeln am Sonntag aus: Von Siena nach Osten bis Arezzo, dann nach Westen und wieder zurück.

So sieht Herumgondeln am Sonntag aus: Von Siena nach Osten bis Arezzo, dann nach Westen und wieder zurück.

Uns so sieht Herumgondeln (und sich auf Schotterwegen verfahren) im Bewegtbild aus:


Ich fahre von Siena aus Richtung Westen, über kleine Dorfstraßen und über Bergketten, die eine fantastische Aussicht bieten und so perfekt kurvig sind, dass hier die Freizeitrennfahrer hoch und runter karriolen. Folgerichtig gibt es für Motorräder ein eigenes Tempolimit, ein deutliches Zeichen, dass sich die Kleinhirnstrategen hier gerne überschätzen. Tatsächlich sehe ich ein paar Motorradfahrer am Wegesrand herumstehen, habe aber zum Glück keine direkte Konfrontation mit so einem Möchtegernrennfahrer.

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Ich fahre Richtung Arrezzo. Das ist ein weitläufiges Oberzentrum, das ein ganzes Tal und die angrenzenden Berghänge überwuchert hat. Modnerd und ich standen da mal im Stau bzw. mussten durch einen Feierabendverkehr, der meinen Fahrer einige graue Haare gekostet haben dürfte. Am Sonntag ist es da bestimmt ruhiger, und ich will mal gucken, ob die Stadt das nicht besser kann…

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Im Kern der riesigen Wucherung liegt eine kleine Altstadt, die zumindest auf Bildern so wirkt, als könnte sie interessant sein. Ich erkunde die gleichmal auf die harte Tour und hoppele mit der Kawasaki mitten durch die Gassen. Hoppeln deswegen, weil die engen Wege mit Steinplatten ausgelegt sind, die sich gegeneinander verschoben haben und in absurden Winkeln aus dem Hang stehen. Ja, aus dem Hang. Denn wie Call-me-Jeff neulich beim Kochen mit Nonna Ciana schon so schön bemerkte: Everything looks flat on Streetview – ist es aber meistens nicht.

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Geschrieben von - 15. März 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch London 2014 (3): At World´s End

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Im Februar 2014 setzten sich Silencer und das Wiesel in einen Bus, und kurz darauf waren sie in London. Eine Woche lang durchstreiften sie die Metropole an der Themse und entdeckten erstaunliche Dinge. Am dritten Tag geht es an gut klingende Orte wie Notting Hill, Camden Town und an das Ende der Welt.

Samstag, 08. Februar 2014, London

Um genau fünf vor Acht füllt sich der Frühstücksraum, der sich im Untergeschoss des Cardiff befindet. Wie Zombies kommen Gruppen und Familien hereingeschlurft, einige Deutsche, ein paar Russen und Niederländer, viele Spanier. Kurz vor Acht, dass ist 7.55 und noch ganz schön früh. Ich werde gleich aus dem Haus sein, aber die Zombies hier… mit Sicherheit kommen die nicht vor 11 Uhr hier weg. Und warum? Weil Frauen und Kinder noch mindestens drei Stunden brauchen um sich fertig zu machen. Im Ernst! Zumindest erzählt mir das ein leidgeprüfter Familienvater mit Augenringen beim zweiten Kaffee. Da lohnt das frühe Aufstehen für ihn mal überhaupt gar nicht, aber ausschlafen lässt ihn die Familienbande natürlich auch nicht.

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Um kurz nach halb neun spuckt mich der Underground am Notting Hill Gate aus. Ich schlendere die Portobello Road entlang, die berühmte Straße mit ihren kleinen Geschäftchen und dem trubeligen Samstagsmarkt. Der wird gerade noch aufgebaut, eine Stunde später gibt es hier dann Antiquitäen, Kleidung, Obst und irgendwie alles zu kaufen.

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Geschrieben von - 12. März 2014 in Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2013 (13): Florenz verkehrt rum

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am vierzehnten Tag geht es durch´s Chianti, irgendwas ist verkehrt rum und es gibt Motorradstunts.

Immer noch Freitag, 14. Juni 2013, Nonna Cianas Haus, Siena, Toskana

Das Motorrad steuert über den Schotterweg, weg von Nonna Cianas Haus. Es ist tiefschwarze Nacht, und ich weiß, dass am Ende des Weges diese korkenzieherförmige Kurve liegt, mit starker Steigung und lockeren Kieseln. Ich atme tief durch, da taucht die Biegung bereits im Scheinwerferlicht auf. Jetzt nur keinen Fehler machen und genug Gas geben! Jetzt stehenbleiben wäre tödlich, denn wenn die Machine hier anhält, und mein Fuß sie im Gefälle nicht halten kann, stürzt sie in die Kurve hinein, und ich werde sie nicht wieder aufrichten können.

Ich gebe Gas, und die Kawasaki beginnt die Steigung emporzuklettern. Die ist nicht lang, 15 Meter vielleicht. Als ich zur Hälfte hoch bin, spuckt und stottert plötzlich der Motor, und die Maschine bockt, macht einen Satz nach vorn und kommt abrupt zum Stehen als sie ausgeht.

Durch das Gefälle tritt mein linker Fuß ins Leere, der rechte rutscht auf dem Schotter weg. Das Motorrad kippelt hin und her, während ich versuche das Gleichgewicht in dem schrägen Hang zu wahren. Dazu kommt, dass die Maschine sich bewegt; zwar greift die Vorderradbremse, aber der Hang ist so steil, dass sie mit stehendem Vorderrad rückwärts rutscht.

Ich fluche, während meine Gedanken rasen. Ich kann jetzt unmöglich auf den Startknopf drücken und mit der anderen Hand den Choke einstellen. Dafür brauche ich beide Hände, und die sind gerade beschäftigt. Ich muss die Maschine stabilisieren! Ich halte noch instinktiv die Kupplung umklammert, und jetzt löse ich langsam den Griff. Der Gang, der drin liegt, stoppt das Hinterrad des Motorrads und wir rutschen nicht mehr. Mein rechter Stiefel findet einen festen Tritt im Hang, damit habe ich zumindest etwas Gleichgewicht. Ich schlage den Lenker ein wenig ein und ziehe wieder die Kupplung. Mit einem Knirschen rutscht das Motorrad wieder rückwärts, aber dabei dreht es sich, bis es im fast im rechten Winkel zum Hang steht. In dieser Position rollt und rutscht es nicht mehr, und ich kann es stabilisieren. Vorsichtig, auf einem Fuß balancierend, stelle ich den Choke ein und drücke den Starter.

Die Kawasaki orgelt durch die toskanische Sommernacht, und nach quälenden fünfzehn Sekunden kommt der Motor langsam und startet schließlich wieder. Tief durchatmen. Jetzt nur noch anfahren. Im Hang. Im Schotter. In einer Kurve. Und Du bist so gut wie raus hier.

Ich lasse sie einen Moment warmlaufen, dann gebe ich vorsichtig Gas und fahre zügig eine Kurve im Hang. An ihrem Scheitelpunkt beschleunige ich, Steine spritzen unter dem Hinterrad weg, aber das Motorrad bleibt stabil, schneidet die Kurve, holpert über Gras am Wegesrand und ist mit einem letzten Satz wieder auf der Ebenen Straße oberhalb des Hangs. Puh, das wäre fast ein unschöner Ausgang eines schönes Tages gewesen.

Samstag, 15. Juni 2013, Casa Brescia, Siena, Toskana

Neun Stunden später blinzele ich ins Sonnenlicht, das durch das Fenster fällt. Im Frühstücksraum des Casa Brescia klappert Stefano mit den Tellern. Mein schlaftrunkenes Hirn zeigt mir nochmal die Bilder von letztern Nacht, und im Habschlaf muss ich Lächeln. Mir ist ein lautes JAAAAA! entfahren, als ich die Kawa ohne zu Stürzen aus dem Hang und der Schotterpiste heraus hatte. Seit gestern Nacht, spätestens, bin ich der Überzeugung, dass ich mit dieser Machine nahezu alles fahren kann.

4.000 Kilometer und 14 Tage bin ich jetzt auf der Strasse, und noch immer haben sich zwei Dinge nicht eingestellt, die mir im letzten Jahr schon nach einer Woche zu schaffen gemacht haben: Das Gefühl einsam zu sein, und Schmerzen im Handgelenk. Beides vermisse ich nicht.

Die Sache mit dem einsam sein… nun, das liegt auch daran, dass ich Leute wieder treffe, die ich schon kenne, und Orte sehe, die mir vertraut sind. Das ist ein wenig wie nach Hause kommen. Es liegt aber aber auch daran, dass sich meine Sichtweise im Vergleich zum letzten Jahr noch einmal geändert hat. Ich bin noch mal ein Stück offener geworden, ich weiß, was ich mit anderen teile und wie offen ich wann sein möchte. Offen bin ich, als Stefano fragt, wo ich heute hinwill. Ich muss grinsen. Heute geht es an einen Ort, dem ich erst vor knapp neun Monaten Tschüss gesagt habe. Heute geht es nach Florenz, zum ersten Mal mit einem eigenen Fahrzeug!

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Zwischen Siena und Florenz liegt das Chianti. Kennen die meisten vom Wein, den Namen, und mit dem Wein werden oft Korbflaschen aus den 70ern und schlechte Qualität assoziiert. Seit meinen *hicks* “Studien” an der Tuscany Wine School kann ich sagen: Stimmt nicht, die meisten Weine die hier produziert werden sind Spitze. Ich mag die Sangiovese Traube, mit ihrem herben und leicht bitteren Nachgeschmack. Die jungen und leichten Tafelweine mit ihrem manchmal recht hohen Säuregehalt schmecken frisch, während die Riserva mit ihren mehr als drei Jahren Lagerzeit voll und samtig sind. Das Gütesiegel ist DOCG, das garantiert das Anbaugebiet und den Traubenmix, aber leider hat das nicht viel zu sagen. Ein DOCG-Wein, den man in Italien kauft, ist Spitze. Kauft man einen DOCG-Wein bei Aldi, schmeckt der… naja. Und das, obwohl die DOCG-Qualitätsparameter bei beiden stimmen. Woher kommen dann also diese extremen Qualitätsunterschiede? Nun, im Extremfall bekommt man einmal die besten, handverlesenen Trauben im Wein – und einmal das, was ein automatischer Ernter im dritten Duchgang rausholt, inklusive Blättern und Zweigen. Einmal bekommt man evtl. einen handüberwachten Wein eines einzelnen Winzers – bei großen Ketten aber bekommt man stets das Ergebnis einer Agrargeossenschaft, und die produzieren nur auf Masse und gleichen Geschmack.

Also: Wein aus dem Chianti ist nicht schlecht. Er hat nur einen schlechten Ruf.
Das Chianti selbst ist grün und hügelig, das absolute Gegenteil zur Wüste westlich von Florenz oder zur “Crete Sienese”, dem Ödland hinter Siena. Gestern Abend, bei Nonna Ciana, sprach mich der alte Bauer des Hofes an und meinte er selbst hätte eine Motoguzzi, aber seine Reisezeiten wären seit der Familie vorbei. Dann grinste er und legte den Kopf schief, holte mit dem Arm aus und machte eine weite Bewegung über das Land um uns herum. “Dabei ist diese Gegend so genial zum Motorradfahren! Wie liegen am Tor zum Chianti und dem Eingang zur Crete. Perfekte Straßen, wenig Verkehr. Perfekt zum Spaß habe mit dem Motorrad!”

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Dem kann ich nichts hinzufügen. Ich habe Spass, als ich die Renaissance über die verschlungenen Straßen steuere. Die Maschine gleitet durch die grünen Hügel dieser menschenleeren Landschaft. Nur wenige Ortschaften gibt es hier, meist sind nur einzelne Gehöfte in die Weinberge getupft. Ich nehme mir viel Zeit. Sicher, über die Strada Statale kann man in etwas mehr als 70 Minuten von Siena aus in Florenz sein, aber dann sieht man absolut nichts von der Gegend. Die Fahrt durch die Weinberge, Wiesen und Wälder des Chianti dauert auch nur zwei Stunden und ist viel angenehmer. Nunja, bis auf die letzten 20 Kilometer vor Florenz, dort staut sich der Verkehr. Im Schrittempo geht es weiter auf die Stadt zu. Es ist Samstagvormittag um kurz vor 11, die Touristen wollen in die Stadt um Sightseeing zu machen, die Einheimischen wollen Einkaufen.

Dazu kommt, dass es bereits jetzt über 30 Grad sind. Dem Motorrad und auch mir fehlt der kühlende Fahrtwind. Die Kawa behilft sich, indem sie ihren Kühler anwirft und aus allen Abluftöffnungen heisse Luft pustet, mir genau um die Ohren. Ich habe leider keinen Kühler und leide still vor mich hin. Dann führt die Straße über den Hügel südlich von Florenz. In einem Moment war hier alles noch Vorort, aber als ich am Piazzale Michelangelo vorbeikomme, liegt plötzlich Florenz ausgebreitet im Tal des Arno vor mir, und aus der Mitte des Häusermeers erhebt sich der gewaltige Dom.

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Der Stadtverkehr ist weniger schlimm als erwartet, und nach wenigen Minuten steht die Renaissance auf einem Motorradparkplatz neben dem Torre Niccólo, 10 Minuten vom Ponte Vecchio entfernt. Ich war hier schon oft zu Fuß und habe mich vorgestellt, wie es wäre, wenn ich mein Motorrad hier hätte. Nun steht die ZZR tatsächlich hier, mitten in der Renaissancestadt. Ich schließe den Helm ein, hänge mir die Jacke über die Schulter und stiefele los.

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Mein Ziel ist der Marktplatz Santo Spirito. Dort war ich im Oktober in einen kunterbunten Ökomarkt hineingestolpert, auf dem Kunsthandwerker und Bauern aus der Region ihre Waren anboten. Ich hatte mit mildem Interesse etwas gekauft, das sich zu Hause als das weltbeste Pesto überhaupt herausstellte. Nach einiger Recherche hatte ich herausgefunden, dass dieser spezielle Markt nur an jedem dritten Wochenende im Monat abgehalten wird, und das es das Pesto nur dort zu kaufen gibt. Aber – Glückes Geschick!- heute IST das dritte Wochenende im Monat. Als ich um die Ecke des Marktplatzes biege, wird mir allerdings klar, dass die Marktveranstalter wohl anders zählen. Außer dem normalen Gemüsemarkt ist hier heute nichts.
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Geschrieben von - 8. März 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch London 2014 (2): Der Reichenbachfall und die Mormonen

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Im Februar 2014 stolperten Silencer und das Wiesel durch London. Eine Woche lang durchstreiften sie die uralte Metropole an der Themse. Am zweiten Tag gibt es Kronjuwelen, den Reichenbachfall und Mormonen.

Freitag, 07. Februar 2014, London

Um kurz nach Sieben falle ich aus dem Bett. Da in England ALLES genau anders gemacht wird als im Rest der Welt, isst man hier halt das Abendessen am Morgen, und so sitze ich wenig später im Frühstücksraum des “Cardiff” bei Rührei, Würstchen, Speck und Bohnen.

Zum Glück ist der vom Wiesel angezettelte Streik vorbei. Heute fahren wieder alle U-Bahnen, und so gelange ich schnell von Paddington zum Tower von London. Wobei die Bezeichnung eine echte Mogelpackung ist, denn beim Tower handelt es sich in Wirklichkeit gar nicht um einen Turm, sondern um eine Burg. Hinter dem Tower ragt die London Bridge und daneben The Shard auf. The Shard ist das höchste Bürohaus Europas. Wie ein Fremdkörper ragt der spitz zulaufende Wolkenkratzer aus dem umgebenden Stadtviertel heraus und wirkt damit wie ein Stachel im Fleisch von London. Die schräg gestellten Außenwände blenden in der Sonne.

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Ich wandere durch das zugige Innere des Towers, der eine Festung, komplett mit mehreren Türmen und allem was dazugehört, ist. Der Audioguide erläutert, dass der Tower früher nicht nur der Sitz des Königs war. Ein Constable war Herr der Burg und kassierte Gebühren für die Benutzung der Themse. Später war der Tower Gefängnis, heute ist er der Ort, an dem die Kronjuwelen aufbewahrt werden.

Dabei war er, und das wissen die wenigsten, auch ein Zoo. Könige, die ja irgendwie sowieso schon alles hatten, schenkten sich untereinander gerne exotische Tiere, und so wimmelte das Innere des Towers vor Affen, Löwen, Eisbären und Elefanten. Daran erinnern Skulpturen und eine Ausstellung. Die gefällt dem Wiesel, diesem edelsten und exotischsten aller Tiere.

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Geschrieben von - 5. März 2014 in Reisen, Wiesel

 
 
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