RSS

Archiv der Kategorie: Reisen

Reisetagebuch Paris (6): Über die Schwelle der Höllen

headerP1080749

Dienstag, 28. Oktober 2014, Paris

Neinneinnein, das hier ist nicht richtig. Das spüre ich. Irgendwas stimmt hier nicht, ganz egal was der Pförtner gerade gesagt hat. Ich bin hier nicht richtig, das weiß ich. Ein Blick auf die Uhr. Die Zeit läuft mir davon.

Dabei bin ich froh, dass ich überhaupt hier bin, denn die Zugverbindung hier raus ist kompliziert, und heute morgen sind auch noch wegen Signalstörungen Verspätungen und Zugausfälle dazugekommen.

Schon gegen halb Sieben, als es noch Dunkel war, bin ich vom Montmarte aufgebrochen. Nur wenige Menschen waren zu der Zeit unterwegs, anders als andere Großstädte schläft Paris gerne lange. Mehr als drei Stunden hatte ich da noch Zeit, eigentlich mehr als genug für einen Weg von eigentlich nur einer Stunde.

Trotzdem ist jetzt die Zeit knapp. Ich sehe noch mal auf die Uhr. Nur noch 10 Minuten, und die Schlange bewegt sich kaum.

Als ich am Morgen aufgebrochen bin war es noch dunkel. Die Beleuchtung der alten Jugendstil-Metrostationen ist  ebenso dezent wie schön.

Als ich am Morgen aufgebrochen bin war es noch dunkel. Die Beleuchtung der alten Jugendstil-Metrostationen ist ebenso dezent wie schön.

Die Metro hatte mich zum Bahnhof Invalides gebracht. Dort ging es erstmal nicht weiter. Kein Zug weit und breit. Die französische Bahn gibt sich ja, ähnlich wie die deutsche, gar keine Mühe international zu sein. Ansagen oder anzeigenauf englisch gibt es nicht, und das Schnellfeuerfranzösisch, das ein erkälteter Bahnmensch durch die Lautsprecheranlage von 1920 hustete, verstand ich nicht. Irgendwo anders, so vermutet ich nach der vierten Durchsage, gibt es wohl eine Weichenstörung, und deswegen kam hier kein Zug.

P1080868

Endlich, nach 45 Minuten Verspätung, fuhr ein Zug in den unterirdischen Bahnhof ein. Den bestieg ich und war froh, dass ich nun doch endlich unterwegs war. Zeitlich würde auch noch alles passen. Dachte ich. Dann gingen die Lichter aus, und auf Schnellfeuerfranzösisch wurde irgendwas durchgesagt. Englische Übersetzung gab´s auch hier nicht, wozu auch, die Linie wird ja nur überwiegend von ausländischen Touristen benutzt. Gerade mal zwei Stationen weit war ich gekommen, und nun musste ich wieder raus aus dem Zug und auf einen anderen warten. Der liess sich auch wieder Zeit, und als ich endlich hier ankam, musste ich schon im Laufschritt losrennen.

Häuser am Rande der Bahnstrecke.

Häuser am Rande der Bahnstrecke.

Hier, das ist übrigens das Chateau Versailles, und vor dem stehe ich jetzt gerade, um 09.15 Uhr, zusammen mit ca. 700 Leuten, und warte auf die Ticketkontrolle.

Die nächsten Häuser verschwinden im dichten Nebel.

Die nächsten Häuser verschwinden im dichten Nebel.


Es gibt mehre Haltestellen mit “Versailles” im Namen, aber nur “Versailles Chateau Rive Gauche” ist die richtige.

Ich habe eine Führung gebucht, und die beginnt bereits um 09.30 Uhr. Eine der ganz seltenen Führungen, findet nur alle paar Tage mal statt.

“Am Eingang für Individualtouren ODER am Gruppenmeetingpoint” solle man sich einfinden, sagt die Website, verschweigt dann aber geflissentlich, wo dieser Meetingpoint wohl zu finden ist. Also hatte ich mein Ticket einem Brummbär von Pförtner gezeigt. Der hatte es praktisch nicht angesehen und mit dem Arm in Richtung der langen Schlange gewedelt und gebellt, ich solle mich dort anstellen. Das sei der richtige Eingang. Aber alles in mir sagt, dass das hier nicht stimmt. Trotzdem hatte ich mich eingereiht, obwohl mir die Zeit ausgeht, denn was sollte ich anderes tun?

Chateau Versailles.

Chateau Versailles.


Read the rest of this entry »

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 23. Mai 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris (5): Männer, die betreten auf ihre Penisse starren

P1080143

Montag, 27. Oktober 2014, Paris

Im Hotel frühstücke ich schon seit dem zweiten Tag nicht mehr. Sechs Euro sind zu viel für eine Tasse Kaffee und ein Croissant. Zumal ich normalerweise eh nicht frühstücke, und einen Kaffee bekomme ich auch um die Ecke. Dort liegt das nämlich das “Café des Deux Moulins”, wo ich meinen Frühstückskaffee stilecht, im Stehen und an den Tresen gelehnt, trinke. Um mich herum sind Handwerker und Verkäufer ins Gespräch vertieft oder lesen Zeitung. Sie machen Frühstückspause, sind auf dem Weg zu Arbeit oder kommen mal eben so reingedippt, auf einen Kaffee, im Tresen, im Stehen, und dann geht es weiter.

P1080097

Es ist ein seltsames Gefühl hier zu sein. Alles sieht exakt so aus wie im Film “Amélie”, der hier gedreht wurde. Hier ist der Tisch, an dem der Mann mit dem Diktafon saß, dort der Tabaktresen von der schniefenden Verkäuferin. Aber das hier ist keine Filmkulisse, sondern ein ganz normales, in die Jahre und etwas runtergekommes Café, in dem die Einheimischen ein- und ausgehen.

P1080095

Das ist fast ein wenig surreal, und dieses Gefühl hatte ich auch schon, als ich in “Sherlocks” Stammcafé in London war. Anders als das “Speedys Sandwich Café” macht das “Des 2 Moulins” aber Werbung damit, dass es ein Drehort war. An der Wand hängen “Amélie”-Poster, und auf der Toilette ist ein kleiner Schrein eingerichtet, in dem sogar der Gartenzwerg steht. Das Wiesel hält kurz andächtig inne.

p1080093

P1080092

“Des 2 Moulins”, also “Von den zwei Mühlen” heisst übrigens so, weil es wirklich mittig zwischen zwei Mühlen liegt. Weiter oben am Berg steht die letzte von einst zahlreichen Windmühlen auf dem Montmartre. Sie beherbergt heute ein Sternerestaurant. Etwas weiter die Straße runter drehen sich die roten Flügel der zweiten Mühle, der auf dem Dach des Moulin Rouge.

Der Laden, der im Film dem unfreundlichen Gemüsehändler gehört, liegt nur zwei Straßen weiter. Heute Morgen hat er noch geschlossen.

Der Laden, der im Film dem unfreundlichen Gemüsehändler gehört, liegt nur zwei Straßen weiter. Heute Morgen hat er noch geschlossen.

Während ich am Tresen stehe, mache ich mir ein wenig Gedanken darüber, welchen Eindruck die Stadt bislang auf mich hinterlassen hat. Paris besteht gefühlt nur aus Modeläden und Cafés. Es gibt Fantastilliarden an Schuh- und Klamottengeschäften, und ganze Straßenzüge bestehen nur aus einem Café am nächsten. Mittags und Abends sind nahezu alle voll belegt. Es ist, als ob sich das Leben der Pariser außerhalb der Arbeit in Cafés abspielt. Hier trifft man sich mit Freunden und Familie. Vermutlich will niemand direkt nach Hause, weil die Wohnungen so fürchterlich winzig sind.
Read the rest of this entry »

 
10 Kommentare

Verfasst von - 16. Mai 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris 2014 (4): Im Rampenlicht

img241006c

Sonntag, 26. Oktober 2014, Paris

Es ist so, wie ich immer vermutet habe: Wenn man auf der Theaterbühne steht und alle Scheinwerfer auf einen gerichtet sind, dann sieht man fast nichts mehr. Ist irgendwie auch besser so. Dadurch kann ich mir einbilden, dass mir nicht gerade ein vollbesetzes Theater gegenübersitzt. Ich sehe nur weißes Licht und höre erwartungsvolles Schweigen von fast 600 Personen. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal in Paris in einem Theater auf der Bühne stehe. Ich atme einmal tief durch, dann beginne ich zu improvisieren.

Zwölf Stunden zuvor beginnt der Tag eigentlich ganz harmlos. Am Morgen mache ich einen kurzen Ausflug nach Notre Dame, um die Kathedrale auch mal am Tag gesehen zu haben. Leider ist der Himmel bedeckt, bei Sonnenlicht wirken die großen Buntglasfenster sicher nochmal so erhaben.

P1070712
Read the rest of this entry »

 
6 Kommentare

Verfasst von - 9. Mai 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris (3): Im Keller des kopflosen Bischofs

p1070669 (1)

Samstag, 25. Oktober 2014, Paris
Montmartre ist ein Hügel, der sich aus dem Häusermeer von Paris erhebt. Montmartre ist auch, so heisst es, ein Dorf. Eine eigene, in sich geschlossene Welt inmitten von Paris, und dennoch ganz anders. Montmarte muss man sich verdienen, heisst es. Das bezieht sich auf die steilen Treppen, die sich den Hang hinaufziehen.

Montmartre, fällt mir beim Weg den Berg hinauf auf, bietet innerhalb seines Minikosmos eine geografische Version des Querschnitts unserer Gesellschaft. Am Fuß des Berges DAS Vergnügungsviertel schlechthin, früher verrufen, mit Moulin Rouge und Chat Noir; im ersten Viertel des Berges Reihenhäuser und eine echte Windmühle; weiter oben Einfamilienhäuser aus Naturstein; und ganz oben eine der prächtigsten Kirchen überhaupt.

Seitengasse.

Seitengasse.


Morgens rauscht hier das Wasser raus und macht den Dreck der Gosse zu einem Problem der Leute weiter unten am Berg.

Morgens rauscht hier das Wasser raus und macht den Dreck der Gosse zu einem Problem der Leute weiter unten am Berg.

Die zu erklimmen (oder alternativ die steilen Gassen, die Seilbahn nehmen nur Weicheier) ist anstrengend, aber wenn man es geschafft hat, wird man reich belohnt. Oben erwartet einen ein überraschend winziges Viertel aus nur wenigen Gassen, in denen sich fast ausnahmslos Cafés befinden. Der größte Platz ist der Place du Tertre. Dessen Rand ist gesäumt von Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Werke ausstellen. Alles ist mit dabei, jede Stilrichtung vertreten: Naiv, abstrakt, modern und klassisch. Plätze am Place du Tertre werden von der Stadt vergeben und sind ebenso teuer wie begehrt. Zwischen den Ständen ziehen Portraitmaler zweifelhaften Könnens umher. Die stellen sich teilweise recht rüde Passanten in den Weg und fordern sie auf sich malen zu lassen. Wer das nicht will, wird im Weggehen schon mal als “Ohnehin zu hässlich zum Malen” tituliert.

Place du Tertre mit Künstlern.

Place du Tertre mit Künstlern.

P1070471

Read the rest of this entry »

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 2. Mai 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris (2): Das neueste Testament und die falschen Monster

p1070200header

Freitag, 24. Oktober 2014, Paris

Man kann nicht wirklich sehen ob es nun regnet oder nicht – zu eng und hoch ist der kleine Innenhof, in den das Fenster meines Hotelzimmers zeigt. Auch als ich durch die großen Scheiben des Frühstücksraums im Erdgeschoß blicke und dabei Croissant mit Marmelade und ein Stück Baguette mümmele, erschließt sich das Wetter immer noch nicht richtig. Der Himmel ist grau und dunkel, die Straße könnte nass sein – oder das Kopfsteinpflaster schimmert lediglich so, weil es uralt und glattgewetzt ist.

IMG_4740

Tatsächlich regnet es nicht, als ich mich gegen 09.00 Uhr auf den Weg mache. Um diese Zeit wacht Montmartre gerade auf, und das auch nur gaaaanz langsam. Die Obstfrau schwatzt schon mit dem Bäcker, aber der Feinkostladen daneben hat noch geschlossen. In den Cafés, die die Straße säumen, ist schon ein wenig los, aber die meisten Geschäfte werden gerade erst beliefert.

Die Metro bringt mich in einer halben Stunde zur Île de la Cité. Früher, also so 400 Jahre früher, war die Insel in der Seine die Keimzelle von Paris. Damals unterschied man zwischen Paris/Stadt (das war die Insel), Paris/Dorf (die Stadt am Ufer der Seine) und dem Pariser Umland. Die Stadt war fest in der Hand der Kirche, das Dorf wurde von den Universitäten dominiert, und das Land… das baute Kohl oder sowas an.

Bildschirmfoto 2015-04-10 um 15.28.10

Heute ist die Insel hauptsächlich von drei großen Gebäudekomplexen bedeckt: Dem Justizpalast, dem Hospital und Notre Dame. Die Kathedrale will ich mir heute ansehen, zuerst die Türme. Als ich der gothischen Kathedrale gegenüberstehe, bin ich gleichzeitig beeindruckt und ergriffen von dem überbordenden Bauwerk. Ich weiß noch, dass ich total unbeeindruckt war, als ich das erste Mal hier war. Ich dachte sowas wie “DAS Ding soll so berühmt sein? Ist doch nur eine Kirche, und eine halbfertige noch dazu, die hat ja nicht mal ein Dach!”. Und das war das. Aber damals war ich 15 oder so, heute bin ich ein anderer.

P1070152

Das Innere von Notre Dame wird von der Kirche selbst verwaltet. Der Eintritt ist kostenlos, und es gibt sogar Gratisführungen. Um 09.30 Uhr öffnet die Kirche, und noch ist erstaunlich wenig los vor dem großen Portal. Ich ignoriere das und gehe links an Notre Dame vorbei. Hier, in einer Gasse an der Seite der Kirche, ist der Eingang zu den Türmen. Die Besichtigungen werden vom Staat organisiert, weshalb sie etwas kosten. Was den Besuch auf Notre Dame so ressourcenintensiv macht ist aber weniger der Eintrittspreis als vielmehr die Wartezeit. Da es im Inneren der Türme so eng ist, das eine winzige, schmale Wendeltreppe sowohl für den Auf- als auch für den Abstieg benutzt werden muss, werden alle 10 Minuten nur ca. 20 Besucher eingelassen. Zumindest in der Theorie, tatsächlich sind es eher 15 Besucher alle 20 Minuten.

Lange Schlangen vor dem Eingang zu den Türmen von Notre Dame.

Lange Schlangen vor dem Eingang zu den Türmen von Notre Dame.

Als ich eine Viertelstunde vor der Öffnung in der Seitenstraße eintreffe, stehen dort schon ca. 40 Leute und spielen an ihren Smartphones und Kameras rum. Ich tue es Ihnen gleich, und nach rund 45 Minuten darf auch ich in den Turm eintreten und mich die Treppe hochquetschen.

Unversehens endet die nach wenigen Metern wieder, und ich stehe in einem großen Raum mit Andenken und Kinkerlitzchen. Hier kauft man ein Ticket. Es gibt eine Warteecke, in die ich mich probeweise stelle. Sofort stehe ich bis zur Hüfte in schnatternden Japanerinnen. Das gefällt mir nicht, und deshalb ignoriere ich alle “Bitte warten sie hier”-Schilder und gehe wieder ins Treppenhaus mit der engen Wendeltreppe. Ein gelangweilter Mitarbeiter reisst meine Karte ab, und ich darf in den Turm hinaufklettern. Tatsächlich sagt einem keiner, wann es mit der Warterei genug ist. Die Japanerinnen sehe ich den Rest der Tour nicht wieder, vielleicht warten die immer noch.

Die Treppe wendelt sich eng und steil im Turm empor. Keine Ahnung womit der ansonsten gefüllt ist – die Türme von Notre Dame sind doch so groß, warum muss die Treppe so schmal sein? Hinter mir schnauft eine deutsches Muttertier als würde sie gleich umkippen, hält sich aber wacker. Insgesamt muss man in Notre Dame 400 Stufen hochsteigen. Es gibt keinen Lift, nichts ist barrierefrei, das Treppenhaus ist eng und weitgehend fensterlos, und Toiletten gibt es selbstredend auch nicht.

Nach 46 Metern Höhenunterschied öffnet sich das Treppenhaus und es geht hinaus ins Licht. Hier ist die Panoramagalerie, von der aus man die Wasserspeier an der Fassade ganz aus der Nähe sehen kann. Ich finde sie genial. Ich mag die stummen Wächter, die von oben auf die Stadt blicken, Tag und Nacht, bei Sonne, Regen und Schnee. Was die wohl schon gesehen haben? Gargoyles fand ich schon immer klasse.

P1060994
Read the rest of this entry »

 
10 Kommentare

Verfasst von - 25. April 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris 2014 (1): Nachtreise in die 50er

IMG_4709

22. Oktober 2014, Göttingen

Gibt es eine elegantere und entspanntere Form des Reisens als in einem Schlafwagen? Ich nicht.
In den Zug einsteigen, hinlegen, weiterschlafen -und am nächsten Morgen, schon zu Beginn des Urlaubs, erholt und vollkommen ohne Reisestress am Ziel ankommen. Wunderbare Vorstellung, oder?

Natürlich schafft die Deutsche Bahn es, diesem Plan jegliche Eleganz zu nehmen. Das beginnt schon bei der Differenzierung zwischen dem unbezahlbaren Schlafwagen (Kabine mit Bett, Dusche und wasweißich) und dem Liegewagen. Liegewagen heisst, dass man ein normales Abteil hat, in dem aber statt sechs Sitzplätzen sechs Pritschen an die Wand geschraubt sind. Kopfhöhe 50 Zentimeter, breite 60 Zentimeter. Platzangst oder viel Gepäck darf man da nicht haben.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie, ob einem nicht alte Landkarten oder tolle Bilder vor die Flinte laufen.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Mit Geld kann man übrigens die Anzahl der Leute im Abteil reduzieren. Wenn man im Vorfeld bucht, kann man den Standardtarif nehmen, und läuft Gefahr mit sechs Personen im Abteil zu sein. Für 10 Euro mehr ist das Sechserabteil nur noch mit vier Personen belegt. Für 50 Euro mehr hat man es zu Zweit. Zumindest theoretisch. Bei der Bahn geht ja gefühlt jede zweite Reservierung verschütt. So auch heute. Im Internet habe ich gerade schon gesehen, dass der Zug heute ohne den Wagen verkehrt, in dem ich mir ein Viererabteil gebucht hatte.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Es ist kurz nach 23 Uhr, als ich am Bahnhof ankomme. Ich habe heute noch einen normalen Arbeitstag bestritten, dann ein paar Stunden geschlafen und bin dann in die Stadt gefahren. Einen kurzen Spaziergang durch die nächtliche Innenstadt mit dem Cityrucksack auf dem Rücken stehe ich auf dem Bahnsteig, an dem außer mir noch zwei alte Männer und eine jüngere Frau warten, alles Koreaner.

IMG_4710

“Fahren Sie auch nach Frankreich?“, will einer der Männer wissen und guckt mich ernst an. Der andere Mann guckt verdrießlich auf eine Stelle drei Zentimeter neben meinem linken Ohr. “Mein Bruder hier, der ist Franzose, der will auch nach Frankreich.” Der französische Koreaner starrt noch grimmiger neben mein Ohr. Die Frau stellt sich neben den weißhaarigen Mann, der mir gerade seine Verwandtschaftsverhältnisse erklärt. “Wieviel haben sie für ihr Ticket bezahlt?”, fragt sie und guckt ebenfalls ganz ernst. Ich nenne den Preis von 79 Euro und simultan machen die beiden dicke Backen, während der Franzose weiter grimmig die Luft neben meinem Ohr anstiert.

Jetzt stellen sich alle im Halbkreis auf, starren mich vollkommen ohne Mimik an und reden auf mich ein „Sie müssen die Tickets in Frankreich kaufen“, sagt der Mann. Die Frau sagt: „Da kosten sie nur 29 Euro“. Der Man ergänzt: „Wenn man liegen will 49“. Die Frau pflichtet bei: „Ja, 49. das ist viel billiger.” “Kaufen sie ihr Ticket in Frankreich“, sagt der Mann. Die Situation ist skurril. Die beiden reden als wollten sie mir was verkaufen, und dazu die vollkommen regungslosen Gesichter… Ich komme mir vor als sei ich von außerirdischen Ticketverkäufern umgeben. Ich bedanke mich für die freundlichen Hinweise und bin froh, als der Zug kommt und ich dieses seltsame Gespräch beenden kann. Später finde ich heraus, dass die französische SNCF eine deutschsprachige Website betreibt, wo man die DB-Tickets tatsächlich sehr viel günstiger und in größeren Kontingenten bekommt. Leider nützt mir dieses Wissen nichts, denn der Nachtzug nach Frankreich wird im November 2014 eingestellt, oder zumindest hält er nicht mehr in Göttingen.

Positiv ist zu verbuchen, dass der Zugbegleiter alles im Griff hat. Es gibt Liegeplätze für alle die reserviert haben, nur heute in einem anderen Wagen. Im Abteil sind wir sogar nur zu Dritt. Neben dem französischen Koreaner, der während der Erläuterungen des Zugbegleiters grimmig drei Zentimeter neben dessen linkes Ohr starrt, am Ende nickt, dann mit ernster Miene in die entgegengesetzte Richtung marschiert und kurze Zeit im Zug verloren geht, bis er wieder eingefangen werden kann, ist noch ein Armenier mit satten fünf Rollkoffern im Abteil. Sonst niemand. Read the rest of this entry »

 
9 Kommentare

Verfasst von - 18. April 2015 in Reisen, Wiesel

 

Schlagwörter:

Teaser

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 14. April 2015 in Reisen

 
 
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 40 Followern an