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Archiv der Kategorie: Reisen

Reisetagebuch Paris 2014 (1): Nachtreise in die 50er

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22. Oktober 2014, Göttingen

Gibt es eine elegantere und entspanntere Form des Reisens als in einem Schlafwagen? Ich nicht.
In den Zug einsteigen, hinlegen, weiterschlafen -und am nächsten Morgen, schon zu Beginn des Urlaubs, erholt und vollkommen ohne Reisestress am Ziel ankommen. Wunderbare Vorstellung, oder?

Natürlich schafft die Deutsche Bahn es, diesem Plan jegliche Eleganz zu nehmen. Das beginnt schon bei der Differenzierung zwischen dem unbezahlbaren Schlafwagen (Kabine mit Bett, Dusche und wasweißich) und dem Liegewagen. Liegewagen heisst, dass man ein normales Abteil hat, in dem aber statt sechs Sitzplätzen sechs Pritschen an die Wand geschraubt sind. Kopfhöhe 50 Zentimeter, breite 60 Zentimeter. Platzangst oder viel Gepäck darf man da nicht haben.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie.

Nicht sooo viel Gepäck. Aber wieder eine Dokumentenrolle. Man weiß ja nie, ob einem nicht alte Landkarten oder tolle Bilder vor die Flinte laufen.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Schwerstes Stück im Gepäck: Das Wiesel freut sich, dass es wieder losgeht. Im Hintergrund ein historischer Stadtplan von Paris, den ich in den letzten Wochen auswendig gelernt habe.

Mit Geld kann man übrigens die Anzahl der Leute im Abteil reduzieren. Wenn man im Vorfeld bucht, kann man den Standardtarif nehmen, und läuft Gefahr mit sechs Personen im Abteil zu sein. Für 10 Euro mehr ist das Sechserabteil nur noch mit vier Personen belegt. Für 50 Euro mehr hat man es zu Zweit. Zumindest theoretisch. Bei der Bahn geht ja gefühlt jede zweite Reservierung verschütt. So auch heute. Im Internet habe ich gerade schon gesehen, dass der Zug heute ohne den Wagen verkehrt, in dem ich mir ein Viererabteil gebucht hatte.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Nächtliche Wanderung durch die stillen Straßen von Göttingen.

Es ist kurz nach 23 Uhr, als ich am Bahnhof ankomme. Ich habe heute noch einen normalen Arbeitstag bestritten, dann ein paar Stunden geschlafen und bin dann in die Stadt gefahren. Einen kurzen Spaziergang durch die nächtliche Innenstadt mit dem Cityrucksack auf dem Rücken stehe ich auf dem Bahnsteig, an dem außer mir noch zwei alte Männer und eine jüngere Frau warten, alles Koreaner.

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“Fahren Sie auch nach Frankreich?“, will einer der Männer wissen und guckt mich ernst an. Der andere Mann guckt verdrießlich auf eine Stelle drei Zentimeter neben meinem linken Ohr. “Mein Bruder hier, der ist Franzose, der will auch nach Frankreich.” Der französische Koreaner starrt noch grimmiger neben mein Ohr. Die Frau stellt sich neben den weißhaarigen Mann, der mir gerade seine Verwandtschaftsverhältnisse erklärt. “Wieviel haben sie für ihr Ticket bezahlt?”, fragt sie und guckt ebenfalls ganz ernst. Ich nenne den Preis von 79 Euro und simultan machen die beiden dicke Backen, während der Franzose weiter grimmig die Luft neben meinem Ohr anstiert.

Jetzt stellen sich alle im Halbkreis auf, starren mich vollkommen ohne Mimik an und reden auf mich ein „Sie müssen die Tickets in Frankreich kaufen“, sagt der Mann. Die Frau sagt: „Da kosten sie nur 29 Euro“. Der Man ergänzt: „Wenn man liegen will 49“. Die Frau pflichtet bei: „Ja, 49. das ist viel billiger.” “Kaufen sie ihr Ticket in Frankreich“, sagt der Mann. Die Situation ist skurril. Die beiden reden als wollten sie mir was verkaufen, und dazu die vollkommen regungslosen Gesichter… Ich komme mir vor als sei ich von außerirdischen Ticketverkäufern umgeben. Ich bedanke mich für die freundlichen Hinweise und bin froh, als der Zug kommt und ich dieses seltsame Gespräch beenden kann. Später finde ich heraus, dass die französische SNCF eine deutschsprachige Website betreibt, wo man die DB-Tickets tatsächlich sehr viel günstiger und in größeren Kontingenten bekommt. Leider nützt mir dieses Wissen nichts, denn der Nachtzug nach Frankreich wird im November 2014 eingestellt, oder zumindest hält er nicht mehr in Göttingen.

Positiv ist zu verbuchen, dass der Zugbegleiter alles im Griff hat. Es gibt Liegeplätze für alle die reserviert haben, nur heute in einem anderen Wagen. Im Abteil sind wir sogar nur zu Dritt. Neben dem französischen Koreaner, der während der Erläuterungen des Zugbegleiters grimmig drei Zentimeter neben dessen linkes Ohr starrt, am Ende nickt, dann mit ernster Miene in die entgegengesetzte Richtung marschiert und kurze Zeit im Zug verloren geht, bis er wieder eingefangen werden kann, ist noch ein Armenier mit satten fünf Rollkoffern im Abteil. Sonst niemand. Read the rest of this entry »

 
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Verfasst von - 18. April 2015 in Reisen, Wiesel

 

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Verfasst von - 14. April 2015 in Reisen

 

Motorradreise 2014 (21): Der Weg nach Hause

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Drei Tage dauert der Weg nach Hause. Unterwegs gibt es Wetter, und mir haut´s die Rübe runter.

Samstag, 28. Juni 2014, Sandrigo, Region Veneto, Italien

Als ich an diesem Morgen vor die Albergo Scaldaferro trete, bin ich zugleich melancholisch als auch voller Vorfreude. Melancholisch, weil nun die letzte Etappe dieser Reise beginnt. Voller Vorfreude, weil vor mir noch eine tolle Strecke liegt. Sandrigo liegt weniger als 10 Kilometer vom Rand der Alpen entfernt, die sich heuten in grauem Dunst verbergen.

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Es sieht nach Regen aus, aber das kann sich in den Bergen ganz schnell ändern, weshalb ich auf das Anlegen der Regenkombi verzichte. Ich sattele die Kawasaki und und fahre auf einer Schnellstraße gen Norden. Hinter dem Ort Bassano del Grappa fädelt sich die Straße in die Berge ein. Das Brentatal ist dicht mit Bäumen bewachsen und windet sich in mehreren, großen Bögen Richtung Westen, wo der Gardasee liegt. Nördlich von ihm, bei Trento, läuft die Straße dann parallel zur A2, der Brennerautobahn.

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Verfasst von - 11. April 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2014 (20): Heißes Eisen

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 22. Tag geht es geht es langsam Richtung Heimat.

Freitag, 27. Juni 2014, Urbino, Marken

Um 07.30 Uhr gibt´s offiziell Frühstück, um 07.31 Uhr betreten die englischen Motorradfahrer den Frühstückraum des La Meridiana. Wie ein Rudel Hyänen auf der Jagd blicken sie sich erst suchend um, dann stürzen sie sich auf das Frühstücksbuffet.

Ich lege meine Serviette beiseite, trinke den letzten Schluck Kaffee aus und gehe – das war ein ultrakurzes Frühstück von gerade mal 5 Minuten, aber ich möchte hier weg bevor die Hyänen in die Garage einfallen.

Zudem strahlt draußen die Sonne aus allen Knopflöchern, aber das soll nicht lange so bleiben, was der zweite, noch bessere Grund ist, sich zu beeilen. Zum Dritten: Ich habe heute eine verdammt lange Etappe vor mir und muss daher schnell viel Strecke machen.

Fast immer, wenn ich an einer Rezeption einer Pension oder eines Hotels stehe, lasse ich ein paar bewundernde Worte über die Unterkunft fallen, lobe die Einrichtung oder die schöne Lage. Ich habe noch nie Personal getroffen, sei es die Besitzerfamilie oder nur ein Angestellter, die sich nicht über ein paar nette Worte gefreut haben. Oft öffnet so ein kleines Kompliment Türen: Das gebuchte Zimmer liegt plötzlich nicht mehr zur Straße, sondern zum Garten raus. Oder man bekommt vor allen anderen Frühstück. Oder ein paar Insidertips zu Sehenswürdigkeiten oder guten Restaurants, wo nicht die Touris abgezockt werden, sondern auch die Einheimischen essen.

Im heutigen Fall löst ein kleines Lob einen Sprechdurchfall beim Portier aus, der gleich mal auf Deutsch fragt woher ich komme, und dann aufzählt, dass er ja Sprachkurse in Dresden, Frankfurt, Milberg und Heidelberg gemacht hat und Deutschland mag, aber ja viiiiel zu wenige Deutsche kommen würden, anders als vor zwanzig Jahren. Heute kämen viele Engländer und Russen, und die seien… anders. Ich bin erstaunt, denn der gute Mann ist nach Alessandra in Orvieto schon der zweite, der von langen Sprachaufenthalten in Deutschland schwärmt. Und er wird nicht der letzte sein, auf weiteren Reisen werden mich sogar Bauarbeiter mit lupenreinem Deutsch überraschen. Offensichtlich gehörte für mindestens eine Generation in Italien Sprachreisen nach Deutschland zu einer gern genutzten Option.

Urbino thront auf seinem Berg. Auch in diesem Jahr komme ich nicht dazu, Nerys Lieblingseisdiele zu besuchen.

Urbino thront auf seinem Berg. Auch in diesem Jahr komme ich nicht dazu, Nerys Lieblingseisdiele zu besuchen.

Als ich die Garage betrete, wo der Fünfer BMW immer noch von 14 Motorrädern zugeparkt ist, entfährt mir ein lautes Lachen. Die handveredelte und makellos polierte Ducati mit dem englischen Kennzeichen, die gestern so scheiße über zwei Parkplätze geparkt war, das ich ganz dicht an sie ranfahren musste, steht heute morgen völlig anders und mit mehr Abstand. Das bedeutet, dass Ducati-Man letzte Nacht die Garage besucht haben muss. Ihm war wohl unangenehm, dass die straßenköterige Kawasaki auf Tuchfühlung mit seinen Hochglanzschätzchen gegangen ist, worauf er das ein Stück weggerückt hat. Hihi.

Wobei ich zugeben muss, dass die Renaissance im Moment wirklich nicht gerade gut aussieht. Sie war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, die der Starkregen gestern in ein Flecktarnmuster verwandelt hat. Zudem zieren Teerflecken die vorderen Verkleidungen, und das hintere Schutzblech ist von einem Ölfilm bedeckt, der vom Kettenschmiersystem stammt. Die ZZR 600 sieht versifft aus, als hätte sie schon einiges durchgemacht – was ja auch stimmt, seit fast drei Wochen und schon über sechstausend Kilometer sind sie und ich auf den Straßen von Deutschland, Frankreich, Spanien, Monaco, Seborga und Italien unterwegs.

Ich klippe die Koffer an das Motorrad und verlasse das La Meridiana. Statt zurück zur Küste zu fahren und dann die Autobahn nach Norden zu nehmen, was der schnellste Weg wäre, fahre ich in die Berge.

Heutige Tour: Von Urbino nach Norden, über San Marino, Imola und Bologna nach Modena, von dort bis an den Alpenrand nach Sandrigo. Rund 380 Kilometer.

Heutige Tour: Von Urbino nach Norden, über San Marino, Imola und Bologna nach Modena, von dort bis an den Alpenrand nach Sandrigo. Rund 380 Kilometer.

Vorbei geht es an Urbino und einmal quer durch die Marken. Die sehen stellenweise aus, als hätte sich jemand an einem gritty Reboot der Toskana versucht: Die Hügel sind steiler als in der Nachbarregion, alles wirkt kantiger, und überall ragen Felsspitzen aus der grünen Hügellandschaft. Hier wird dem Auge ordentlich was geboten. Leider habe ich bald keine Gelegenheit mehr die Aussicht zu genießen, denn ich muss mich voll auf die Straße konzentrieren. Die ist absurd schlecht, hat Längsrisse und windet sich in engen Kehren die Berge hinauf. Kurz hinter dem Dorf Auditore fehlt die Straßendecke gleich ganz – nur noch Schotter und tiefe Schlaglöcher sind vorhanden, dafür gibt es wirklich tolle Aussichten.

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Verfasst von - 4. April 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2014 (19): Die Papiermacher

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 21. Tag geht es um Papier, Wasserzeichen und mein erstes Katzenvideo.

Donnerstag, 26. Juni 2014, Castelluccio, Umbrien

Eine Stunde vor dem Weckerklingeln schrecke ich aus dem Schlaf hoch und lausche ins Halbdunkel. Außer einem Hund, dessen Bellen sich in der Ferne verliert, ist nichts zu hören. Das ist gut. Ich tappe zum Dachfenster, aber das ist beschlagen. Das ist nicht so gut. Offensichtlich ist es kalt draußen.

Tap-Tap-Tap. Ich öffne die Fensterläden des großen Fensters, das zur Hochebene hinausgeht, und blicke in einen grauen Morgen. Nebel treibt zwischen den Bergausläufern herum – oder sind das Wolken die sich verlaufen haben und jetzt im Tal gefangen sind? Egal, wichtig ist, was NICHT da ist: Regen und Sturm glänzen beide durch Abwesenheit. Das Wetter ist feucht und klamm, aber friedlich und weit entfernt von dem Unwetter, dass gestern über die Piana Grande hinweggefegt ist. Mit einem Lächeln auf den Lippen packe ich mich wieder ins Bett und döse noch ein wenig. Um kurz vor Acht mache ich mich auf den Weg zum Frühstück in der Gaststube des Il Guerrin Meschino. Ruckzuck ist danach die Bezahlung erledigt, die Koffer am Motorrad befestigt und die Maschine startklar.

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Es ist kühl, gerade mal 9 Grad sind es noch. Der Hausberg von Castelluccio hüllt seinen Gipfel noch in dunkle Wolken, aber um ihn herum zeigt sich sogar hier und dort mal blauer Himmel. Es weht nur ein leichter Wind. Der ist kein Vergleich zu dem Sturm gestern und wird kein Problem beim Fahren darstellen.

Ich starte das Motorrad und manövriere aus dem kleinen Ort heraus, eine gut ausgebaute Bergstraße entlang und vorbei an den sanften, grünen Hügeln mit den Linsenfeldern, die unvermittelt in große, felsige Berge übergehen. Ich werfe einen Blick zurück auf die Hochebene. Von so weit weg vergisst man leicht, WIE riesig die ist. Von hier wirkt die Piana Grande wie eine Wiese und sieht nicht aus als wäre sie sieben Kilometer lang. Allenfalls wenn ein Campingmobil über die Talstraße kommt oder eine Schafherde in Sichtweite ist, hat Auge eine bekannte Größe zum Vergleich und kann abschätzen, mit welchen Maßstäben es hier oben tun hat.

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Ich lasse das letzte Stück der Hochebene hinter mir und steuere die Kawasaki die Bergstraße hinauf und über den Pass. Der führt nicht, wie die Straße gestern, aus den Bergen heraus, sondern tiefer in sie hinein. Im Schutz der Berge geht dann durch den Parco Nationale de Monte Sibillini, über end-, aber harmlose, Serpentinen, hinab unter die Baumgrenze und dann weiter ins Tal. Die Straße führt durch dichte Wälder, schmale Täler und Tunnel über Landstraßen nach Norden.

Mein Tagesziel heute ist Urbino, die Hauptstadt der Region Marken. Ich war schon einmal in dieser Stadt, aber nur ganz kurz, und diesmal möchte ich sie mir genauer ansehen und den halben Tag dort verbringen. Vor allem will ich endlich Nerys Lieblingsgelateria besuchen. Die in Mailand lebende Waliserin hat in Urbino studiert und liebt diese Eisdiele, aber bei meinem ersten Besuch habe ich schlicht vergessen die aufzusuchen.

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Verfasst von - 28. März 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

Motorradreise 2014 (18): Episches Wetter

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 20. Tag komme ich nicht vom Fleck und es gibt kein Wiesel. Dafür episches Wetter.

Mittwoch, 25. Juni 2014, Castelluccio, Umbrien

Gegen 04.30 Uhr schrecke ich aus einem unruhigen Schlaf hoch. Regen prasselt auf das Dachfenster über meinem Bett im “Guerrin Meschino”. Erschöpft von der Kotzorgie vor einigen Stunden schlafe ich sofort wieder ein.

Als ich um 08.00 Uhr im Frühstücksraum sitze und zaghaft an einem Stück Zwieback herumknabbere, haben sich Magen und Wetter ein wenig beruhigt. Es regnet nicht mehr, und mir geht´s einigermaßen. Durch die großen Fenster vor dem Frühstückstisch kann ich über die Hochebene schauen. Rasend schnell ziehen dunkle Wolken darüber hinweg kommt. Es sieht so aus, als ob jemand den Zeitraffer eingeschaltet hat. Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, gibt es einen Lichtfleck auf der Ebene, der schnell darüber hinweg wandert. Wenn man längere Zeit die Muster auf der Ebene ansieht, sieht es aus wie der Welt größte Lavalampe.

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Das Kinn auf auf die Hand gestützt blicke ich aus dem Fenster und überlege. Soll ich mich auf´s Motorrad wagen? Es ist stürmisch, aber richtig regnen soll es erst später, und es besteht zumindest die Chance das es bis zum Nachmittag trocken bleibt. Aber will ich bei dem Wind wirklich vor die Tür? Schließlich siegt die Neugierde, und ich mache das Motorrad fertig für eine Fahrt in den, eine Stunde entfernten, Ort Ascola Pienca, der angeblich den schönsten Platz Mittelitaliens vorzuweisen hat.

Vorsichtig steuere ich die Kawasaki von dem Felsen herunter, auf dem Castelluccio liegt. Am Fuß des Berges geht der Motor aus. Zum Glück startet die Maschine gleich wieder, aber da war ich wohl zu sparsam mit dem Choke. Ein deutliches Zeichen dafür wie kalt es hier ist – das kleine Thermometer zeigt 15 Grad, vermutlich ist es aber kühler. Etwas weiter oben am Berg liegt noch Schnee, und ich trage die dicken Winterhandschuhe.

Die Renaissance zischt über die Hochebene, biegt dann nach Nordosten ab und folgt der Passtrasse aus dem Talkessel heraus. Es ist sehr windig. Wieder und wieder reißen Windböen an der Kawaski herum, die durch ihre Vollverkleidung eine breite Angriffsfläche bietet. Ich muss sehr aufpassen, aber fahrerisch lässt sich das gerade noch machbar. Das ändert sich, als die Paßstrasse durch eine Lücke in der Bergkette, die die Hochebene umgibt, führt. Kaum habe ich den ersten der schützenden Berge umfahren, wird das Motorrad von der vollen Wucht des Windes getroffen. Die Maschine wird hin- und hergeworfen, und kann nur mit Mühe den Blick nach vorn gerichtet halten, weil eine unsichtbare Kraft den Helm von links nach rechts reisst.

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An einem Aussichtspunkt kurz hinter der Bergkette halte ich an – der Ausblick in die umliegenden Täler ist ehrfurchtsgebietend, schon deshalb weil es fast senkrecht eineinhalb Kilometer in die Tiefe geht – ohne Leitplanke! Leider liegt die Kamera liegt wasserdicht verpackt im Topcase, deshalb gibt es davon kein Bild. Aber selbst wenn ich sie jetzt in Griffweite hätte, würde ich mich nicht trauen sie zu benutzen. Der Sturm hier schüttelt mich so dermaßen durch, dass ich keine Hand vom Lenker nehmen kann. Fasziniert beobachte ich die Plexiglasscheibe des Motorrads, die so schnell im seitlich einfallenden Wind vibriert, dass sie fast nur als Schemen zu sehen ist.

Vorsichtig setze ich den Weg fort. Der Sturm greift in Böen und mit Fallwinden an, und trotz des nicht ganz langsamen Tempos reisst es das Motorrad immer wieder quer über die Straße, und ich kann sie nur mit Mühe halten. So muss es sich anfühlen, wenn man auf einem bockenden Pferd sitzt.

Nein, beschließe ich, dass geht zu weit. So fahren zu müssen ist selbst auf der relativ breiten Passstrasse gefährlich, und später wird die Straße schmaler und hat wieder Kehren, und DIE bei Sturm fahren zu müssen ist extrem. Ich würde das hinkriegen, wenn ich müsste, aber das ist genau der Punkt: Heute MUSS das halt nicht sein. Auf einem Schotterplatz wende ich und fahre zurück nach Castelluccio. Auch auf der geschützen Hochebene hat der Wind zugenommen, und ich bin ganz froh, als ich die Maschine wieder vor dem Guerrin Meschino abstellen kann.

Weit bin ich heute nicht gekommen...

Weit bin ich heute nicht gekommen…

In Jeans und der Jacke der Regenkombi und wandere ein wenig um das Dorf herum. Allzuweit komme ich aber auch hier nicht, der kalte Wind schmerzt an den Ohren, und es fängt es an zu regnen. Es stürmt, und die Wolken jagen über den Bergen dahin. Wo sich eine Lücke auftut, wandern Lichtsäulen über die Piana Grande, die Hochebene. Das sieht abartig cool und einfach nur episch aus und macht deutlich, wie winzig und machtlos man als Mensch hier oben ist.


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Verfasst von - 21. März 2015 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2014 (17): Das verborgene Tal

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 19. Tag geht es in eine seltsame Welt hoch oben.

Dienstag, 24. Juni 2014, Siena, Toskana

Viele hatten diesen Ort vergeblich gesucht, aber er hatte ihn gefunden. Eine sprechende Schlange hatte ihm, den die Leute nur Il Guerrin Meschino nannten, den jämmerlichen Ritter, den Weg gewiesen. Tief in den Bergen des Apennin, unweit des Tals, in dem Pontius Pilatus seine letzte Ruhestätte gefunden hat, lag die Höhle der Sibylla am Fuße des Monte Vettore.

Die Schlange hatte ihm davon abgeraten die Höhle zu betreten, aber der Ritter wagte sich trotzdem ins Innere des Berges vor. Die Antworten die er suchte, würde er nur hier finden. Die Sibylla empfing den Ritter und zeigte ihm ihr Reich unter dem Berg. An einem magischen See lagen Schlösser und Türme, so wunderbar wie es die größten Königshäuser über der Erde nicht waren. Sie zeigte ihm auch, was mit den Menschen passierte, die ein Jahr in ihrem Reich blieben.

Diejenigen, die rein waren von Schuld wurden befreit. Sie konnten die Höhle verlassen und lebten fortan ein glückliches, zufriedenes und langes Leben. Oder Sie konnten im Königreich der Sibylla bleiben, wo sie jeden Tag die Freuden der Sinne genießen und ohne Krankheit oder Alter ewig leben konnten. Neben diesen Freuden hielt die Höhle aber auch unaussprechliches Leid für die sündigen unter den Besuchern bereit, denn diese wurden in Tiere verwandelt und waren auf ewig verdammt, wie die sprechende Schlange.

Die Sibylla selbst war die Königin der Verdammten, denn sie selbst war in Gottes Ungnade gefallen, als sie gegen die Wahl Marias protestiert und sich selbst zur Mutter Gottes hatte machen wollen. Seitdem war sie eingeschlossen unter dem Berg Vettore, und ihr unterirdisches Reich grenzte sowohl an die Ausläufer der Hölle als auch an die elysischen Felder am Rande der sieben Himmel, auf denen die Helden und Krieger ruhen und die ein Paradies sind.

Sie stellte den Ritter vor die Wahl, ein Jahr in ihrem Reich zu verweilen. Der Ritter erschrak, als er erkannte, dass das Verweilen bei der ausgestoßenenen Sibylla selbst eine Sünde in den Augen Gottes sein würde. Der Weg zu der Antwort, die er suchte, durfte nicht sündhaft sein. So floh er aus der Höhle und dem Reich der Sibylla.

Dann fängt es auch noch an zu regnen. Das passt zu meiner Laune. Heute morgen bin ich wieder müde und gerädert aufgestanden, als hätte alle Kraft meinen Körper verlassen. Als alle anderen Gäste des Casa Brescia ausgeflogen waren, hatte ich noch mit Stefano geplaudert, und dann mit sehr gedämpfter Laune und schwerem Herzen die Koffer zum Motorrad getragen. “Stesso tempo, prossimo anno!”, nächstes Jahr zur selben Zeit, hatte ich mich verabschiedet und ein muffeliges “Ich bin immer hier!” zur Antwort bekommen. Stefano hatte schlechte Laune gehabt, weil das Casa Brescia schon wieder ausgebucht war.

Mit jedem Kilometer, den sich das Motorrad nun von Siena entfernt und tiefer zurück nach Umbrien vorrückt, sinkt meine Stimmung. Ich bin müde, und eigentlich möchte ich – um es mal ganz ehrlich zu sagen – nach Hause. Ich bin seit fast drei Wochen unterwegs, ständig woanders, und habe so viel gesehen und erlebt wie andere nicht in drei Jahren. Ich sehne mich danach auszuschlafen, rumzuhängen und ein wenig Leerlauf zu haben. Das es jetzt auch noch anfängt zu regnen und mein Reiseziel wettertechnisch ebenso eine Sackgasse ist, macht das ganze nicht besser. Ich fühle mich, als wäre ich am Ende meiner Kräfte, und dabei liegt jetzt nochmal eine der fordernsten Etappen überhaupt vor mir. Heute geht es ins Gebirge, in ein Gebiet, das total isoliert liegt und abgeschnitten von der Außenwelt ist. Dorthin zu kommen ist nicht einfach, mit einem Motorrad schon gar nicht. Und dummerweise ist für die nächsten zwei Tage dort Sturm und Regen angekündigt, was bedeutet: Ich sitze da unter Umständen fest und kann nichts machen.

Über der Tiefebene von Umbrien ballen sich die Wolken:

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Lustlos stromere ich durch den Ort Spello, der am Rand der Ebene und am Fuße eines Berges hockt. Dort gibt es eine Kunsthandlung an der nächsten, aber erstaunlicherweise im Großteil der Stadt kein Café. Schön ist der Ort, aber gerade habe ich da nicht so das Auge für.

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Verfasst von - 14. März 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 
 
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