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Archiv der Kategorie: Reisen

Reisetagebuch MaGenTu (4): Die vertikale Stadt

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Städtehopping im Februar 2015. Heute geht es von Mailand nach Genua. Inklusive Geisterschiff, Piratenschiff und einer Zahnradbahn.

Montag, 09. Februar 2015, Mailand.

“Stellen sie sich vor, nur 9 Euro von Milano nach Genova! Und bis nach Napoli nur 39 Euro! So billig ist Bahnfahren! Es ist wie ein Wunder! Ein Geschenk des Himmels!” Der alte Mann redet unablässig auf sein Gegenüber ein und preist das Wunder der Eisenbahn. Dabei ist der Zug, in dem wir gerade sitzen, schon stark in die Jahre gekommen. Durch das Plumpsklo am Ende des Wagens kann man auf die Gleise sehen, also ist dieser Intercity vermutlich so um die 40 Jahre alt. Er rumpelt und wackelt durch die Landschaft, als hätten die Gleise Schlaglöcher.

Wir sind zu sechst in einem engen Abteil. Eine Hausfrau, die unablässig auf ihrem Handy rumtippt, vier ältere Herren zwischen 60 und 80 und ich. Die Männer tragen alle Cordhosen, Strickjacken und Schiebermützen. Alle dösen vor sich hin oder lesen, nur der Mann neben mir hat Mitteilungsbedürfnis und redet alles, was ihm gerade einfällt. Über die Preise der Bahn, zum Beispiel. Die sind kein göttliches Wunder, wie er glaubt. Warum Bahnfahren in Italien so billig ist könnte ich ihm sogar erklären.

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

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Exkurs: Die Bahn in Italien
Trenitalia, das staatliche Bahnunternehmen, wird von der Bevölkerung innig gehasst, und das aus guten Gründen. Offiziell ist die italienische Bahn ein Wirtschaftsunternehmen und soll auch so geführt werden, hat dazu aber aus drei Gründen keine Möglichkeit.

1. Schulden. Der Staat schiebt Verluste aus anderen Bereichen in die Zuständigkeit von Trenitalia. Damit sind die Schulden aus dem Landeshaushalt raus und Problem des Unternehmens, dass in den Zahlen und Statistiken des Staates ja nicht auftaucht.

2. Jobs. Einen Arbeitsplatz bekommt man bei Trenitalia so gut wie nie wegen der Qualifikation, sondern aus politischen Gründen. Zum einen werden unbequeme und in Ungnade gefallene Beamte dorthin abgeschoben. Für die ist Trenitalia das Abstellgleis, und entsprechend motiviert sind sie. Dabei ist die Arbeit eigentlich gut bezahlt, es gibt eine Krankenversicherung, alles ist Krisensicher und man wird nicht gefeuert. Als Angestellter bei Trenitalia hat man ausgesorgt, und das macht die Jobs so begehrt, dass man nur über Beziehungen rankommt. Stellen werden nicht nach Qualifikation vergeben, sondern an Verwandet, Freunde und Freunde von Freunden. Was dabei rauskommt kann man sich denken.

Mit Arbeitsplätzen lässt sich auch die Arbeitslosenstatistik gut frisieren. Regelmäßig wird von der Politik einfach mal verordnet, dass Trenitalia jetzt mal 30.000 neue Jobs bereitzustellen hat, zufällig in den Regionen, in denen in diesem Jahr gewählt wird. Das resultiert in einem gigantischen Wasserkopf aus unmotiviertem, schlecht qualifiziertem und patzigen Personal. Obwohl jede Stelle quasi zweimal besetzt ist und auch entsprechende Kosten verursacht, ist das Leistungsniveau auf dem Level eines kommunistischen Staatsbetriebs.

3. Preise. Bahnfahren in Italien ist spottbillig. Viel billiger als es sein dürfte, wenn das Unternehmen wirklich wirtschaftlich agieren müsste. Dem ist aber nicht so. Die meisten Strecken kosten, bei entsprechend früher Buchung, 9 Euro, manchmal auch 19 oder maximal 39 Euro, dafür kann man dann aber schon den ganzen Stiefel entlang von Mailand bis nach Lecce fahren. Die Preise sind keine Marktpreise, sondern von der Politik festgesetzt. Der Grund: Bahntickets sind im statistischen Warenkorb enthalten, und das Verhältnis des durchschnittlichen Ticketpreises zum Durchschnittseinkommen ist ein bedeutender Faktor bei der Berechnung der Wirtschaftskraft des Landes. Die Regierung mogelt sich hier also die Statistik über billige Bahntickets schön.

Die Ironie: Obwohl Trenitalia von allen Italienern gehasst wird und das Abladebecken für Unfähigkeit ist, funktioniert es meistens immer noch besser als die Deutsche Bahn. Das muss man auch erstmal hinbekommen.
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Ich behalte dieses ganze unnütze Wissen für mich und widme mich wieder dem Buch*, während die Labertasche einen Sitz weiter schon bei einem ganz anderen Thema ist. Um uns herum wird die graue Februarlandschaft hügelig, dann wachsen sich die Hügel zu einem Gebirge aus, durch dessen Mitte der Zug durch einen Tunnel rumpelt. Als er wieder daraus hervorkommt, fährt er über eine hohe Brücke. Von hoch oben sehen ich über das Häusermeer einer Großstadt hinab. Der graue Dunst verschwunden, und goldenes Sonnenlicht scheint durch die dreckigen Fenster des Zugs. Es ist, als hätte die Bahn mit der Fahrt durch den Tunnel auch einen Sprung in eine andere Welt gemacht. Die Stadt da unten sieht ganz anders aus als Mailand, dass ich vor knapp zwei Stunden erst verlassen habe.

Mailand ist Business. Die Innenstadt ist eine endlose Aneinanderreihung von Bürogebäuden der Banken und Versicherungen, und in den Ladenstraßen findet sich nur ein Modelabel-Flagshipstore am nächsten. Andere Geschäfte, wie Supermärkte, oder für Dinge des täglichen Bedarfs – das alles gibt es nicht. Nicht mal die üblichen Gedönshändler mit ihren Andenkenständen gibt es hier. Mailand wirkt… steril. Der Eindruck wird durch die breiten Straßen und modernen Gebäude verstärkt. Mailand hat alles Neue begrüßt und sofort umgesetzt, und sich dabei radikal von alten Sachen getrennt. Die Stadt ist 2.600 Jahre alt, aber sie wirkt, als hätte sie keine Vergangenheit.

Das genaue Gegenteil von Mailand ist Genua.
Gerade mal 90 Minuten südlich von Mailand liegt La Superba, die Großartige. Und ja, in Genua ist vieles groß und vieles anders als anderswo. Von der Hochbrücke aus kann ich sehen, dass die Stadt wie eine Wucherung in mehreren Tälern der ligurischen Berge liegt. Der Hauptteil der Stadt zieht sich zwischen den Bergen und dem Meer auf fast 30 Kilometern Länge dahin, ein riesiges Labyrinth aus Beton. Und ein dreidimensionales noch dazu: Manche Stadtteile sind an steile Bergrücken angebaut, und alles ist in- und übereinandergschachtelt. Manche Gebäude türmen sich übereinander, andere verschwinden im Boden.

Der Bahnhof Statione Principe, in den der Zug schlußendlich einrumpelt, liegt unter dem Straßenniveau, gleichsam in einem nach oben hin offenen Tunnel.

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Vor dem Bahnhof steht der berühmteste Sohn der Stadt, Christophoro Colombo, und starrt grimmig Löcher in die Luft.

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Genua hat viel Vergangenheit, und die leugnet es auch nicht. Einst war es die große Seerepublik, die mit Venedig im Dauerclinch lag, und das die erste Bank der Welt hervorbrachte (die 600 Jahre bestand und erst vor Kurzem, in der Wirtschaftskrise, die Flügel streckte). Dann war die Stadt DAS angesagte Winterdomizil für den Adel aus ganz Europa und Russland, danach folgte ein Absturz zum Industriehafen und Hochburg von Kriminalität und Schmuggel. All diese Epochen haben die Stadt gezeichnet. Aus der Frühzeit ist die größte, zusammenhängende Altstadt Europas geblieben. Aus der Ferienzeit im 19. Jahrhundert zeugen die schmiedeeisernen Wintergärten und viktorianischen Stadthäuser, die 6 bis 10 Stockwerke in den Himmel ragen und immer noch reich verziert sind. Handels- und Kreuzfahrthafen ist Genua immer noch, aber die Sache mit der Kriminalität hat man im Zuge der Stadtsanierung zum Anlass des Christoph-Columbus-Jahrs 1992 in den Griff bekommen. Damals wurde das ganze Hafenviertel umgestaltet. Das hat ausgerechnet Renzo Piano gemacht, der Architekt, der mich überall hin verfolgt. Dunkle, enge Gassen gibt es in Genua immer noch genug, aber man kann sich in ihnen bewegen ohne Angst haben zu müssen abgestochen zu werden.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Dunkel ist es sicher nicht, als ich um 11.00 Uhr vom Bahnhof aus in die Richtung laufe, in der ich die Innenstadt vermute. Es herrscht strahlender Sonnenschein, die Luft ist mit 11 Grad recht warm, und als ich die alten Häuser und das geschäftige Gewusel in den vielen, kleinen Läden sehe, geht mir das Herz auf. Das hier ist wirklich ganz anders und viel schöner als in der Bankenmetropole Mailand.

Sofort mache ich Bekanntschaft mit einer Genueser Spezialität: Dem Ladentypus der Foccacheria.

Die erste ist gleich die beste Focchacceria:  "Di Teobaldo" in der Via Balbi.

Die erste ist gleich die beste Focchacceria: “Di Teobaldo” in der Via Balbi.

Nun mag ich ja Focchaccia, dieses bröselige Brotding, eigentlich nicht, wie ich in mehreren Anläufen auch hier vor Ort rausgefunden habe. Aber eine Focchacceria bietet auch Pizza vom Blech und Calzone an. Bezahlt wird nach Gewicht und MAN, ist die Pizza hier gut! Mampfend gehe ich die Straße hinunter und komme an der Universität vorbei. Ich kann nicht anders und muss einen Blick hinein werfen. Holla! Alles ist edel und ehrwürdig, die Klassenräume in altem Holz gehalten und mit Kronleuchtern und Gemälden versehen. Es sieht so aus, als hätte sich hier in den letzten 300 Jahren nichts verändert. In so einem Ambiente studiert es sich doch gerne!

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

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Kleiner Hörsaal.

Kleiner Hörsaal.

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Verfasst von - 29. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

Mailand bei Nacht

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Verfasst von - 23. August 2015 in Reisen

 

Reisetagebuch MaGenTu (3): Monumental

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Städtehopping im Februar: Mailand, Genua, Turin. Heute geht es durch Mittelerde zu einem uralten Codex, außerdem gibt es Thanatotourismus und Nutella zum Trinken.

Sonntag, 08. Februar 2015, Mailand

Sonntag morgens, kurz vor 10. Mailand schläft noch.
Dunst hängt in den engen Häuserschluchten der Altstadt, nur hier und da schneiden Sonnenstrahlen durch die dicke Luft. Auf den kleinen Balkonen der Stadthäuser stehen vereinzelt Frauen, rauchen und tratschen über die Straße hinweg die neuesten Nachrichten aus Familie und Nachbarschaft.

In den Straßen ist nicht viel los, was emsige Numismatiker und Philatelisten zum Anlass nehmen, an den Straßenrändern der Via Victor Hugo ihren Geschäften nachzugehen.

Alte Männer flanieren mit ebenso lüsternden wie forschenden Blicken an den Reihen der Stände vorbei und mustern kritisch die Auslagen. Ab und an wird es laut, wenn sich Anbieter und Nachfrager über den Wert oder die Qualität einer Ware nicht einig sind.

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Mailand war früher Flußgebiet. Fünf Flüsse laufen heute unter der Stadt, feucht und dunstig ist es trotzdem.

Mailand war früher Flußgebiet. Fünf Flüsse laufen heute zwar unter der Stadt, feucht und dunstig ist es trotzdem.

In einer Nebenstraße liegt die Ambrosiana, ein großer Museumskomplex, in dem mehrere Gebäude und eine sogar Kirche miteinander zu einer Einheit verschmolzen sind. In Mailand dreht sich alles um Ambrosisus, den gebürtigen Trierer, der im vierten Jahrhundert Bischof war. Später wurde er zum Heiligen ernannt und Schutzpatron der Imker, Kerzenzieher und Lebkuchenbäcker. Weil das ja nicht mal in Teilzeit auslastet, ist er nebenbei auch noch der Stadtheilige von Bologna und Mittelerde.

Das war der frühere Begriff für die Poebene, und im Laufe der Zeit wurde daraus das Mittelland, dann Midland, und schließlich Milan, also Mailand. Mailand ist Mittelerde. Des Ambrosius wegen heißt auch der Karneval in Mailand “Carnivale Ambrosiana” und dauert statt bis zum Aschermittwoch bis zum darauffolgenden Samstag. Warum das so ist, konnte mir aber niemand sagen.

Die Ambrosiana, Heimat des Codex Atlanticus von Leonardo da Vinci.

Die Ambrosiana, Heimat des Codex Atlanticus von Leonardo da Vinci.

Die Ambrosiana jedenfalls ist eine Bibliothek und Pinakothek, und das bereits seit dem Jahr 1600. Hört sich nach Gemischtwarenladen an, ist aber eine der bedeutendsten und am sorgfältigsten kuratierten Sammlungen der Welt. Die Bibliothek hatte im Laufe der Zeit viele bedeutende Leiter, die zu ihrer jeweiligen Zeit Großes geschaffen haben. Gemeinsam sorgte dieser Club of extraordinary Gentlemen über die Jahrhunderte dafür, das die Ambrosiana das kulturelle und künstlerische Zentrum Norditaliens wurde und bis heute eine der wichtigsten Blibliotheken der Welt ist, wenn es um alte Dokumente geht.

Im Inneren ist das Fotografieren leider verboten. Eine Schande, denn das Haupthaus ist schon beim Betreten eine Schau. Große Säulen aus grauem Stein säumen die Eingangshalle, in der ein Begrüßungscounter aus altem Kirschholz steht. Dahinter führt ein breites Treppenhaus hinauf in die Ausstellungsräume. Die zusammenhängenden Räume sind elegant und edel eingerichtet und enthalten eine große Zahl wirklich schöner Gemälde und Statuen aus der Renaissancezeit. Während man durch die Austellung läuft, wechselt man unbemerkt und Übergangslos von einem Gebäude ins nächste, bis man in die Kirche gelangt, die mitten in der Ambrosiana steckt.
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Verfasst von - 22. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch MaGenTu (2): Das ultimative Abendessen

P1090328Februar 2015, eine Woche Städtetour. Heute: Partyservice Da Vinci, süße Brüste, was die Knoten bedeuten und warum Bramante schummelte.

07. Februar 2015, Mailand.

Fast neun Stunden habe ich geschlafen, und trotzdem komme ich nicht aus dem Bett. Das kann daran liegen, das es unter der Decke muckelig warm ist und meine Halbschlafträume in Technikcolor sind, während die Welt da draußen grau und kalt ist.

Die Wolken hängen tief über Mailand. Als ich vor die Tür des Hotels trete, trifft mich direkt eine Windböe und raubt mir durch die Wucht und die Kälte fast den Atem. Es nieselt, und der Wind drückt den Nieselregen in jede Pore und die Kälte direkt in die Knochen. Die räudigen vier Grad Lufttemperatur fühlen sich durch die Feuchtigkeit gleich nochmal viel kälter an.

Direkt vor dem “Gala” gibt es eine U-Bahn-Station, aber die hat heute wohl zu – die Türen sind verschlossen, und ein unleserlicher Zettel flattert daran herum. Also, lesen könnte man den schon, aber mein Hirn läuft noch nicht wieder auf italienisch. Schon gar nicht am Morgen und ohne einen Kaffee vorher. Geschlossen ist geschlossen, da brauche ich jetzt nicht noch Minuten zu investieren um zu verstehen warum und bis wann.

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Ich seufze, ziehe die wasserfeste Schiebermütze mit den Ohrenklappen tiefer ins Gesicht und die Hände in die Jackentaschen, dann mache ich mich auf dem Weg zur nächsten Station. Aber auch die ist dicht und verrammelt. Verdammt, wenn das so weiter geht, werde ich am Ende meine “48-Stunden-sind-drei-Tage”-Metrokarte nie benutzen können. Egal, gehe ich halt zu Fuß. Das macht nicht besonders viel Spaß, seit drei Monaten ist ein Gelenk im rechten Fuß kaputt. Ich nehme seit Wochen ständig Schmerzmittel. Das ist nicht das Alter, das ist Materialverschleiß, denke ich grimmig, während ich durch die kalte Februarluft stapfe.

“Bezahle hier für Gefühle” – Ein geschlossener Lunapark liegt im Schneematsch im Park.

Das Navigon auf Telefon lotst mich kilometerlang quer durch die Stadt, bis zur Kirche Santa Maria delle Grazie. Ein schöner Bau, eine gothische Kirche, deren hinterer Teil klassizistisch umgestaltet wurde als einer der Sforza darin begraben werden wollte. Die Kirche ist nett, aber nicht spektakulär. Das Spektakuläre befindet sich im Inneren.

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Der Innenhof der Kirche

Der Innenhof der Kirche

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Um ins Innere zu kommen muss ich durch eine Sicherheitskontrolle in einem Nebengebäude. Zusammen mit einigen anderen Besuchern bilde ich eine Gruppe. Wir werden belehrt, dass das  Fotografieren streng verboten ist. Dann geht es zu einer  mehrstufigen Luftschleuse. Die ist ein großer Glaskasten, in den locker 30 Leute hineinpassen, und so viele sind wir am Ende auch, als sich die Türen schließen. 

Wir sind die glücklichen Auserwählten, denen der Besuch in diesen Räumen erlaubt wurde. Die Besucherzahlen im Sanktuarium sind streng reglementiert, und lange im Voraus muss man sich auf den Eintritt bei der zuständigen Behörde quasi bewerben. Ungefähr die Hälfte aller Eintrittsgesuche wird abgelehnt.

Es zischt, als sich die Türen hinter uns schließen. Dann summt etwas, und eine Minute später gehen die Türen vor uns auf. Wir gehen in den nächsten Glaskasten, und wieder das gleiche Spiel. Die Türen schließen sich hinter der Gruppe, es summt, und eine Minute später geht die nächste Tür auf. Warme und trockene Luft schlägt mir entgegen, nach der nassen Kälte draußen eine Genugtuung. Aus dem Glaskasten geht es nun durch einen Durchbruch in einer alten Mauer. Dahinter liegt ein großer Raum, unter dessen hoher Decke sich ein Kreuzgewölbe spannt. Wenn man den Raum betritt, blickt man auf eine große Wand, an der ein mittelalterliches Fresko mit einer Kreuzigungsszene zu sehen ist. Groß, ja, schön, naja. Dreht man sich aber um, sieht man auf der gegenüberliegenden Wand…

“L´ultima cena!”, entfährt es einer älteren Dame, die mit mir zusammen durch die Schleuse gekommen ist. Sie haucht die Worte ehrfurchtsvoll und bekreuzigt sich dabei.

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Verfasst von - 15. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch MaGenTu (1): Eine Nähmaschine verreist

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Städtehopping im Februar: In einer Woche durch Mailand, Genua und Turin. Bevorzugtes Reisemittel ist die Bahn. Die gebärdet sich am ersten Tag so skurril, dass das einen eigenen Eintrag im Reisetagebuch wert ist.

Freitag, 06. Februar 2015

Verreisen.
Im Februar.

Dumme Idee? Mitnichten. Touristische Zentren sind im Februar leer, und zumindest statistisch gesehen ist es einer der regenärmsten Monate des Jahres. Allerdings auch einer der kältesten, und dieser Februar, im Jahr 2015 ist, Verzeihung, SCHWEINEKALT.

Was soll ich nur mitnehmen? Die dicke Fleecejacke? Oder doch lieber noch ein normales Hemd mehr? Tut es der normale Rucksack, den ich für Städtereisen nehme? Oder doch lieber den großen Monsterrucksack, der sperriger ist, dafür aber Platz für eine Decke bietet? Die Entscheidung fällt nicht leicht.

Es ist Anfang Februar. Vor dem Fenster meines Wohnzimmers liegt Schnee, und die Temperatur beträgt 5 Grad Minus. Da, wo ich hinfahren will, ist es wechselhaft. Zwischen 0 Grad und Schnee und 15 Grad und Sonnenschein ist alles drin. Gar nicht so einfach, dafür die richtigen Klamotten einzupacken.

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Am Ende wird es die Fleecejacke und der große Monsterrucksack, sehr zur Freude des Wiesels. Das verreist gerne auf großem Fuß. Ich bin froh, dass ich den riesigen Rucksack noch habe. Eigentlich war der so ein Billigding. Der sollte eigentlich nur für die Bahnfahrt nach Venedig halten. Damals, im Februar 2012, als ich das allererste Mal allein und mit der Bahn verreiste. Reisen war damals ganz neu für mich, und ich war mir nicht sicher, ob ich das überhaupt mehr als einmal tun wollen würde. Konnte ja keiner ahnen, dass mich in der Wasserstadt die Liebe zur Ferne ereilte und ich seitem alle 4 Monate auf Tour bin.

Der Billigrucksack aus Rojas Orientladen stellte sich dann aber als erstaunlich gut verarbeitet heraus, lediglich die Schnallen aus billigem Kunststoff wurden schnell hart und brachen im Laufe der letzten Jahre kaputt. Zum Wegwerfen war mir der Rucksack zu schade, aber für solche Fälle habe ich Meister Edem. Der ist begnadeter Kleinhandwerker und mein persönlicher Q. Er baut mir Ausrüstung fürs Motorrad, und solche Sachen wie Rucksäcke repariert er mit links. Meister Edem hat alle 27 Schnallen und Gurtschlösser des Monsterrucksacks ausgetauscht und ihm damit ein neues Leben geschenkt.

Das Riesenviech ist jetzt zur Hälfte gefüllt und wiegt etwas über 10 Kilo. Das ist für eine Bahnreise gerade noch OK, aber schon mehr als ich mag. Ich verreise lieber leichter, wesentlich reduzieren scheint mir nicht mehr möglich oder sinnvoll zu sein.

Das Wiesel geht an Bord.

Das Wiesel geht an Bord.

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Die Nacht ist kurz und endet um Fünf. Mit dem Auto geht es nach Götham City, dann zu Fuß durch die noch schlafende Stadt, und um zwanzig nach echs betrete ich den Bahnhof. Ich bin eine halbe Stunde zu früh dran. Das ein Zug früher fährt als geplant ist zwar unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie, was sich die Bahn so einfallen lässt. Die heutige Bahnverbindung habe ich absichtlich so früh gewählt. Mit der muss ich nur ein mal Umsteigen, und so früh am Morgen ist die Wahrscheinlichkeit einer Verspätung gering. Aber die Bahn überrascht mit einer neuen Variation.

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Tatsächlich fällt mir die Kinnlade runter, als ich die Bahnhofshalle betrete. Fassungslos starre ich auf die Anzeigetafel. “ICE nach Interlaken” steht da, und dahinter “Zug fällt aus. Kein Ersatz”. Oh, guck an. Ein kompletter Zugausfall ohne Ersatz. Das ist neu, das hatte ich bei Fernreisen noch nie. Dafür gibt es keinen Plan B.

In meinem Kopf rast es… Irgendwie komme ich schon nach Mailand, das ist nicht das Problem. Das Problem ist ein Zwischenhalt in Bern, den ich unbedingt brauche. Oder anders: Das Problem hockt in einem Schließfach am anderen Ende der Bahnhofshalle, wo ich es gestern Abend eingeschlossen habe. Dabei handelt sich um eine 10 Kilogramm schwere Nähmaschine.

Trotz Scheißherzchen scheissend schwer: Nähmaschine.

Trotz Scheißherzchen scheissend schwer: Nähmaschine.

Schließfachschlüssel. Sieht aus, als ob er die Tür zu einem Zauberreich öffnet.

Schließfachschlüssel. Sieht aus, als ob er die Tür zu einem Zauberreich öffnet.

Die Nähmaschine-mit-Herzchen gehört Anna. Als Anna vor 12 Jahren der Karriere wegen von Götham nach Bern ging, hat sie kurzzeitig ihren gesamten Hausstand bei mir eingelagert. Bei der Abholung wurde die Nähmaschine dann vergessen, und seitdem steht dieses Monster bei mir rum und nimmt Platz weg. Die heutige Reise war nun so vorgesehen, dass ich mich morgens in Göttingen in den Zug setze, in Bern gemütlich einen Kaffee mit Anna trinke und ihr feierlich die verlorene Nähmaschine da lasse, und dann am Nachmittag nach Mailand weiterfahre.

Das war der Plan: In etwas mehr als 10 Stunden mit der Bahn von Göttingen nach Mailand, mit nur einem Umstieg in Bern. Wie gesagt, das WAR der Plan.

Das war der Plan: In etwas mehr als 10 Stunden mit der Bahn von Göttingen nach Mailand, mit nur einem Umstieg in Bern. Wie gesagt, das WAR der Plan.

Ein schneller Blick in die Bahnapp zeigt, dass gegen 07.15 noch ein Zug starten wird, allerdings müsste ich bei der Verbindung fünf Mal umsteigen. Ich stürze ins Reisezentrum, wo um diese Zeit gerade mal zwei Mitarbeiter Dienst tun. Viel zu wenig Personal für die fast 30 ungeduldigen Reisenden, die wenig später und allesamt nach mir den Warteraum betreten. In Windeseile spielt der Bahnmitarbeiter verschiedene Kombinationen durch. Am Ende druckt er mir fünf neue Reservierungen und wünscht mir viel Glück. Ich kann es brauchen – fünf Mal einen Anschluss bekommen, ein Mal eine Umsteigezeit von nur 5 Minuten, das klappt mit der DB doch nie!

Fünf Mal umsteigen, bei auf Kante genähten Verbindungen? Das klappt doch nie!

Fünf Mal umsteigen, bei auf Kante genähten Verbindungen? Das klappt doch nie!

Tatsächlich hat auch der Zug, den ich jetzt nehme, vom Start her 10 Minuten Verspätung und eine geänderte Wagenreihung. Ich stehe auf dem Bahnsteig im kalten Februarwind und zittere vor Kälte so heftig, dass mir die Brille auf der Nase hin- und herwackelt. Als der Zug endlich kommt, finde ich mich in einem Abteil mit einer Jack-Wolfksin-Mutti wieder. Von Kopf bis Fuß in Funktionsklamotten, zieht die Tante als erstes ihr Schuhe aus, legt sich quer auf zwei Sitze und steckt die Biowollsocken in meine Richtung. Wi-der-lich.

Angenehmer ist die junge Italienierin, die mit einem Hund ins Abteil kommt. Der sieht aus wie ein Schäferhund, den man zu heiss gewaschen hat und der eingelaufen ist. Außerdem hat er Glubschaugen. Ein angenehmes und gut erzogenes Tier, das ruhig in der Mitte des Abteils liegt. Zweieinhalb Meter höher lugt die Nähmaschine drohend über den Rand der Gepäckablage. Ich äuge immer wieder hinauf und beobachte sie besonders bei Bremsmanövern des Zugs ganz genau. Fehlt noch, dass die sich bei einer Bremsung selbstständig macht, runterfällt und den kleinen, glubschäugigen Hund erschlägt.

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In Mannheim heißt es Umsteigen und warten. Auch hier ist es schweinekalt. Die Nähmaschine steht auf dem Bahnsteig rum, unbeaufsichtigt, während ich ein Stück weiter rumlungere. Ich hege die Hoffnung, dass ein Sondereinsatzkommando kommt und die Nähmaschine verhaftet. Das passiert natürlich nicht, ich muss das schwere Ding auch in den nächsten Zug hieven. Auch der hat nicht die richtige Reihenfolge, Verspätung und eine ausgefallene Heizung. Deutsche Bahn, My Ass.

Von wegen entspannt reisen. Der Werbetext ist pure Ironie und das Gegenteil der Realität. Mit der Deutschen Bahn klappt das nicht. Die nimmt man nur, wen man Abenteuerurlaub will.

Von wegen entspannt reisen. Der Werbetext ist pure Ironie und das Gegenteil der Realität. Mit der Deutschen Bahn klappt das nicht. Die nimmt man nur, wen man Abenteuerurlaub will.


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Verfasst von - 8. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

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Verfasst von - 31. Juli 2015 in Reisen, Wiesel

 

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Wo bin ich? Wo ist denn hier der Lichtschalter? Und wo ist mein Gepäck?

Ach, ich bin ja gar nicht mehr unterwegs. Im Aufwachen begreift das Hirn langsam, dass es wieder im eigenen Schlafzimmer ist. Die tägliche Neuorientierung, die Anpassung an immer andere Zimmer, Pensionen, Wohnungen, das ist nun nicht mehr nötig, und irgendwie fehlt das.

5.479 Kilometer habe ich den vergangenen 19 Tagen auf dem Motorrad zurückgelegt. Weniger als im letzten Jahr, aber da führte die Tour auch durch halb Westeuropa. Und immer noch mehr als bei der Tour 2013, die voreilig als “Lange Reise” betitelt war.

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Nun bin ich wieder hier, und habe Einiges zu erzählen. Wie es ist, in absoluter Dunkelheit auf einem Gletscher im Inneren eines Berges rumzuwandern, zum Beispiel. Oder wie es sich anfühlt, auf einer Passstraße rumzukurven, die eigentlich gesperrt ist und keine Leitplanken hat. Oder wie ein Gerät aussieht, das tief in der Erde steckt und messen kann, wieviel Tonnen Schnee auf den Alpen liegen. Oder wie es ist, durch eine Stadt zu laufen, die nur von Kerzen erleuchtet ist, und deren Fluß in Feuer steht.

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Ich habe einige sehr coole Sachen im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren, und dabei mal wieder so einiges gelernt. Wie man in den Bergen fährt, oder warum es sinnvoll ist, bei Ortsnamen mal zu gucken, ob es sich auch WIRKLICH um Orte handelt, bevor man die ins Navi eintippt.

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Dabei ist mal wieder fast alles gut gegangen, sieht man mal von der Rückkehr des QUIETSCHENS ab, was diesmal dazu führte, dass das Motorrad mit einem Defekt am Vorderrad in eine italienische Werkstatt musste. Und ich musste diesmal tatsächlich zwei Mal auf die gut sortierte Bordapotheke zurückgreifen, um ein Mal selbstverschuldete und ein Mal unverschuldete mehr oder weniger schwere Dinge zu kurieren. Außerdem stand am Ende die Erkenntnis: NIE wieder ohne lange Unterwäsche. Aber davon später mehr. Erstmal muss ich jetzt wieder zu Hause ankommen, und das auch begreifen. Dauert vermutlich noch ein paar Tage, bis ich wirklich verinnerlicht habe, dass dies kein Hotelzimmer ist.

Mitbringsel.

Mitbringsel.

 
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Verfasst von - 27. Juni 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 
 
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