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Bizarrowelt

Herr Silencer zur Lage der Welt.


Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich die Welt außerhalb meines Bettes verwandelt. Alles war vertauscht – gut war böse, weiß war schwarz und nichts so, wie ich es kannte. Ich fand mich wieder in… der Bizarrowelt.

Gut, so über Nacht war die Entwicklung jetzt nicht. Europa ächzt schon länger unter den Folgen protektionistischer Politik. Dennoch fühlt sich gerade alles nach Bizarrowelt an. Zur Erläuterung: “Bizarrowelt” nennt man in der Popkultur Filme/Serienfolgen/Bücher, die mit der Idee spielen, dass den Rezipienten bekannte Personen/Orte auftauchen, aber alles anders ist als gewohnt. Der böse Spock aus Star Trek oder der zynische Superman, der Eisenbahnen entgleisen lässt, das sind Bizarroepisoden. So eine macht die Welt gerade durch, und das in einer Intensität, dass ich gerade mit dem Begreifen kaum hinterherkomme. Nur ein paar Beispiele:

Unser Nachbarland Polen wird in atemberaubenden Tempo in eine Diktatur nach ungarischem Vorbild umgebaut, Grundrechte über Bord geworfen und Medien gleichgeschaltet. Gleichzeitig wird eine Allianz der Ostländer geschmiedet, die vor allem eines eint: Der Haß auf die deutsche Flüchtlingspoolitik und deren Symbolfigur, Angela Merkel. Die wird in polnischen Medien bereits wieder als Hitler dargestellt, der mit Armeen aus Flüchtlingen die armen Oststaaten überrennen will. Oststaaten, die es vehement ablehnen Flüchtlinge aufzunehmen, und sie lieber vor ihren stacheldrahtgeschützten Grenzen verhungern lassen.

Humanitäres Denken oder gar Unterstützung? Naive Vorstellungen, in der Krise ist sich doch jeder selbst der nächste, so die Argumentation der EU-Osterweiterung-(plus-Dänemark). Wer sich dem nicht anschließt, ist ein “Gutmensch”, was in Bizarrowelt synonym für naiv und weltfremd ist. Europa war mal eine Solidar- und Wertegemeinschaft, aber davon ist wenig übrig.

Bei unseren westlichen Nachbarn geht es kaum weniger bizarr zu. 2011, nach dem Massenmord durch Breivik, bewunderten alle die ruhige Fassung, mit der Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg das Land durch die Ereignisse leitete. Damals gab es tiefe Trauer allerorten, und Stoltenberg lebte diese Trauer und schöpfte daraus Stärke für das ganze Land. Stärke, die aus sozialen Werten bestand und blinden Aktionismus ablehnte. “Seht her”, war die Botschaft, “Ja, wir sind tief getroffen, aber wir werden uns der Angst nicht beugen. Wir sind besser als das”. Vor fünf Jahren erntete Norwegen für diese Leistung viel Achtung.

Der Umgang von Norwegen mit der Krise wäre in einer vernünftigen Welt eine Blaupause für den Umgang mit ähnlichen Ereignissen. In Bizarrowelt aber wird das genaue Gegenteil getan. Nach den Anschlägen von Paris faselte der Premier sofort etwas von einem “Krieg”, und in den ist Frankreich sofort gezogen, außerdem wurden – in blindem Aktionismus – “Sicherheitsmaßnahmen” galore beschlossen, inklusive Verhängung des Ausnahmezustands und Gepäckscannern in Zügen. Die Hersteller dieser Geräte wird es freuen.

In Deutschland haben wir nun Köln. Allein der Name ist ein Synonym. Für mich ohnehin schon länger als Begriff für “runtergekommene Stadt voller unfreundlicher Leute” (Anwesende ausgenommen), für die Welt steht er nun stellvertretend für “Asylanten belästigen Frauen”. Das die Vorgänge in der Silvesternacht widerwärtig und verurteilenswert sind, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Man muss sie auch gar nicht relativieren, in dem man darauf verweist, dass so eine Scheiße an nahezu jedem Silvester oder Karneval und jedem Schützen- und Oktoberfest in nahezu jeder Stadt passiert.

In einer vernünftigen Welt würden solche Vorfälle kollektiv verurteilt und eine gesellschaftliche Sensibilisierung gegenüber sexueller Belästigung würde einsetzen. In Bizarrowelt dagegen wird das Ganze auf “Asylanten sind hinter deutschen Frauen her” reduziert. Der Kölner Polizeipräsident wusste sehr genau, was eine ungefilterte Weitergabe der Protokolle jener Nacht bewirken würde. Man müsste dem Mann zu seinem Feingefühl gratulieren. Allein, in Bizarrowelt wird er gefeuert, und die Konsequenzen sind fürchterlich: Braune Mobs toben durch Innenstädte und skandieren die Verteidigung deutscher Frauen und Werte, während sie alles kurz und klein schlagen. Die Bürgerinnen und Bürger bewaffnen sich mit allem, was man legal und auch illegal in die Hände bekommen kann, vielerorts sind Pfeffersprays und Schreckschusswaffen ausverkauft, Behörden werden überschwemmt von Anträgen für Waffenbesitz.

Hätte man Köln verhindern können? Vielleicht. Mit mehr Personal bei der Polizei. Das wird aber seit Jahren abgebaut, Videoüberwachung ist billiger als Menschen. Aus Köln könnte man die Lehre ziehen, dass der Streifenpolizist vor Ort durch nichts zu ersetzen ist und Videoüberwachung nichts bringt. In Bizarrowelt wird daraus aber das genaue Gegenteil. Die Politik argumentiert, dass nicht genug überwacht wurde und fordert:

  • die Verschärfung von Schutzparagraf 112
  • die Einschränkung des Demonstrationsrecht
  • die anlasslose Schleierfahndung
  • Zugriff der Geheimdienste auf Vorratsdaten
  • ein Ein- und Aureiseregister
  • die Erweiterung Befugnisse von Europol,
  • den erweiterten Einsatz des großen Lauschangriffs per Trojaner
  • Vorratsdatenspeicherung von Fluggastdaten
  • Ausweisung bei Verurteilung zu Bewährungsstrafe
  • Abschiebung ohne Prozess

Das ein Teil dieser Forderungen bereits vom Verfassungsgericht als nicht Grundgesetzkonform kassiert wurde, und andere nur schwer mit einem Rechtsstaat vereinbar sind, ficht die Politiker der Bizarrowelt nicht an. Wer vom Aktionismus getrieben wird, bei dem ist der Lack der Rechtsstaatlichkeit dünn. Und schärfere Gesetze und Einschränkung von Grundrechten sind billig, Polizisten dagegen teuer.

Diese Bizarrowelt, in der die Menschen durch Angst gefügig sind und sich bewaffenen, in der braune Mobs durch die Straßen drängen, in der faschistische Regierungen humanitäres Engagement verhöhnen – das alles ist nicht die Welt, in der ich leben will. Das alles zeigt Menschen meiner Generation, dass Antifaschismus und weitgehend friedliches Zusammenleben eben keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern etwas, wofür die oft belächelten 68er hart gekämpft haben.

Ohne ständigen Einsatz für die freiheitlichen und friedlichen Grundwerte, ohne Besonnenheit und Vernunft und ohne ein aktives Engagement in den Krisen, in denen sich die Menschen Europas in den vergangenen Jahren fanden, zerbricht die Welt, wie wir sie kannten. Zurück bleibt nur noch ein bizzarres Zerrbild, dass alle sozialen Werte, alle Normen unserer Gesellschaft und jeglichen Humanitarismus ins Gegenteil verkehrt.

Ein neues Mittelalter.

Dabei sind wir besser als das, sowohl als Personen, als auch als Land oder als Staatenverbund. Das zeigt unsere unmittelbare Vergangenheit. Wir können friedlich Zusammenleben, ohne in jeder Krise unsere Grundrechte weiter einzuschränken und unsere Grundwerte über Bord zu werfen. Es ist an jedem einzelnen, diese Grundwerte in sich zu tragen und sie zu leben. Dazu gehört auch: Sich keine Angst machen zu lassen. Weder durch ferne Bedrohungen wie den IS noch durch das Wiedererstarken des Protektionismus und seines fiesen Bruders, des Faschismus.

Ich will wieder besonnene Worte hören, gesprochen mit der Stimme der Vernunft, von Menschen, die nicht in blindem Aktionismus verhaftet sind. So ein Mensch kann jeder von uns sein.
Wir dürfen uns nur nicht einschüchtern lassen.

 
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Verfasst von - 16. Januar 2016 in Meinung

 

Pegida

Kein Mensch ist illegal

It´s funny cause it´s true.
Quelle: Kein Mensch ist illegal

 
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Verfasst von - 14. Januar 2016 in Ganz Kurz

 

Zeitreise

Die Geschichte wiederholt sich:

EQufgzM

 
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Verfasst von - 8. Januar 2016 in Ganz Kurz

 

Deutsches Polizeihilfswerk

Wo wir gerade bei der Problematik mit “Reichsbürger/-innen” waren, die den deutschen Staat nicht anerkennen: Der Justillon, die Seite für kuriose (aber echte) Rechtsnachrichten hat eine Story vom Dezember vergangenen Jahres. Inhalt: Reichbürger erkennt Bank nicht an, bedient seine Schulden nicht, Besuch vom Gerichtsvollzieher wird angekündigt. Den erwartet bei seinem Eintreffen eine ganze Gruppe von Reichsbürgern, alle als Polizisten vom “Deutschen Polizeihilfswerk” verkleidet. Klingt offiziell, ist aber wieder nur so eine irre Idee der Aluhutträger: Da sie die Polizei der BRD nicht anerkennen, üben sie eben Selbsjustiz und verhaften den Gerichtsvollzieher, dessen Dienstausweis sie nicht anerkennen. Dem armen Mann gelingt es nach einem zünftigen Handgemenge die Polizei (die echte) zu rufen.

Ein Jahr später kommt es zur Gerichtsverhandlung. Mehrere Angeklagte sind gar nicht erst erschienen, weil sie die Ladung vor Gericht nicht anerkennen. Die Publikumsreihen sind dünn besetzt, weil der Richter verfügt hatte, dass nur Personen mit gültigem Personalausweis in den Saal durften – und Reichsbürger haben in der Regel keinen mehr.

Die verhandlung beginnt holprig, der Angeklagte will erst einmal einen Zettel unterschrieben haben, dass der Richter auch Richter sei, aber der hat schnell die Faxen dicke – und egal ob man an sie glaubt oder nicht, Gefägnisse und Beugehaft existieren halt doch. Der Sachverhalt ist dann auch schnell klar, denn:

“Von Ullrich S. wird die Tat nicht abgestritten, ohnehin wurde sie auf einem Video festgehalten, das die selbsternannte “Hilfspolizei” an besagtem Nachmittag „zu Schulungszwecken“ drehte. Das Video wird später im Gerichtssaal abgespielt. Zuerst aber legte der Angeklagte seine Ansicht dar, dass der Gerichtsvollzieher „aufgrund der gesetzlichen Situation im Lande“ überhaupt „nicht befugt“ gewesen sei, das Bußgeld zu vollstrecken. Deshalb habe er das Recht gehabt, den Mann vorläufig festzunehmen. Und im Übrigen brauche er jetzt mal die Bestätigung, dass Richter und Gericht überhaupt verfahrensberechtigt seien.”

  • Die ganze Geschichte im Justillion.

  • , der jetzt sogar eine eigene Kategorie für Reichsbürgerauswüchse hat.

     
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    Verfasst von - 7. Januar 2016 in Ganz Kurz

     

    Weinlese

    Im Supermarkt, vor dem Weinregal. Sehr junges Pärchen, beide gerade Anfang 20. Sie trägt Leggings und Tigerfelljacke, er Schlabberjeans und Gangstajacke. Er hat 40 kg Übgerwicht, ein aufgedunsenes Gesicht und macht den Eindruck, intelligenzmäßig knapp über einer Kartoffel angesiedelt zu sein.

    Die beiden sind Weihnachten zu einem Bekannten eingeladen. Sie ist auf die Idee gekommen, eine Flasche Wein als Geschenk mitzubringen.

    Sie (nimmt eine Flasche aus dem Regal): “Oh, hier, Bordeaux. Trockener Rotwein.”
    Er: Starrt mit offenem Mund und leerem Gesichtsausdruck auf das Regal.
    Sie (Stellt die Flasche zurück und nimmt eine andere): “Oder hier: Chardonnay”
    Er: Starrt mit offenem Mund und leerem Gesichtsausdruck auf das Regal.
    Sie (Guckt im Regal herum): “Oder hier: Merlot. Auch trocken.”
    Er: Starrt mit offenem Mund und leerem Gesichtsausdruck auf das Regal.
    Sie: “Nun sag doch mal was!”
    Er: Guckt sekundenlang glasig. Man kann förmlich sehen, wie es in ihm arbeitet. Dann platzt es unvermittelt aus ihm heraus:

    “Pumpt der sowas ab?”

     
    3 Kommentare

    Verfasst von - 5. Januar 2016 in Ganz Kurz

     

    Kinderwelt

    Wer auch immer die Filmecke im hiesigen Supermarkt betreut, trifft genau meine Art von Humor:

    kinderwelt

     
    Ein Kommentar

    Verfasst von - 5. Januar 2016 in Ganz Kurz, Gnadenloses Leben

     

    Reichsbürger/-innen

    In Oregon besetzt gerade eine bewaffnete Miliz aus Farmern ein Behördengebäude. Vordergründig ist das ein Protest gegen eine Haftstrafe, die gegen zwei veurteilte Wilderer und Brandstifter ausgesprochen wurde. Dahinter steht aber die Motivation den Staat als solches nicht anzuerkennen. Folgerichtig haben einige Angehörige der Oregon-Miliz seit Jahren keine Steuern und Abgaben mehr gezahlt.

    Seltsamerweise scheinen sich solche Phänomene auszubreiten. Bei uns in Deutschland gibt es auch Gruppierungen, die den Staat als nicht legitim ansehen, die geltenden Gesetze nicht anerkennen und sich Bürgerpflichten oder der Zahlung von Steuern verweigern.

    Eine der größten Gruppierungen sind die “Reichsbürger”, die gerne behaupten, die BRD wäre kein Staat sondern eine GmbH, das Deutsche Reich würde immer noch existieren und sie wären Bürger des selben. “Reichbürger” lassen sich eigene Ausweise drucken (oder malen sich selbst welche, vermutlich mit Wachsmalstiften), geben ihre Personalausweise ab (weil sie ja “kein Personal der BRD GmbH” sein wollen) und verweigern die Zahlung von Steuern und Bußgeldern, weil damit die fortwährende Besatzung Deutschlands finanziert würde.

    Was sich anhört wie Fieberfantasien, meinen die rechten Verschwörungstheoretiker total ernst. Die Zahl dieser Menschen steigt und ebenso die Probleme, die sie verursachen. In der Vergangenheit beschränkten sich die Einwohner von Absurdistan darauf, durch die Eingabe absurder Anfragen und Hinweise bei Ämtern und Behörden hohen Arbeitsaufwand zu verursachen. So hohen, dass diese in vielen Fällen genervt von ihren Forderungen absahen.

    In der letzten Zeit hat das Ganze aber eine neue Qualtität bekommen. Fälle von Aggression auf Ämtern durch die rechten Esoteriker führten dazu, dass das Land Brandenburg sich jetzt gezwungen sah, ein Handbuch für die Angestellten im öffentlichen Dienst herauszugeben. Titel: “”Reichsbürger.” Ein Handbuch”. Als Einwohner/-in von Brandenburg kann man das 224 Seiten starke Handbuch kostenlos bei der Brandenburgischen Zentrale für politische Bildung bestellen, zum Download gibt es das auch:

    DOWNLOAD “Reichsbürger.” Ein Handbuch.

    Bild: Zentrale für politische Bildung Brandenburg.

    Bild: Zentrale für politische Bildung Brandenburg.

    Das Werk ist leider sehr trocken und wissenschaftlich geraten, aber dennoch eine lohnende Lektüre für alle, die sich mit Reichsbürgern auseinandersetzen müssen.

    Bislang sind die Reichsbürger unorganisiert und beschränken sich auf das Verfassen spinnerter Briefe und vereinzelter Pöbeleien auf Ämtern. Ich mag mir aber gar nicht vorstellen was potentiell passieren kann, wenn solche Leute, wie in Oregon, freien Zugang zu Waffen hätten.

     
    5 Kommentare

    Verfasst von - 4. Januar 2016 in Ganz Kurz

     
     
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