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Cebit 2015

Wie jedes Jahr gab´s auch heuer, wie wir Österreicher sagen, wieder eine CeBit. Die war in diesem Jahr ganz besonders, aus mehreren Gründen. Zum einen: Das Wetter. Es gibt einen feststehenden Ausdruck für depressionsauslösenden Grauhimmel in Tateinheit mir scharfen Wind, der einen Nieselregen in jede Ritze drückt: CeBitwetter. In diesem Jahr war kein Cebitwetter, sondern… Sonnenschein? Das Messegelände in Hannover, das sonst den rauen Charme eines sibirischen Gulags verströmt, glich plötzlich einem relaxten Campus. Seltsam.

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Der zweite Grund: Vor einigen Jahren lag die CeBIT am Boden und zuckte nur noch, jetzt war die gefühlte Stimmung unter den Ausstellern wesentlich besser. Die Dichte der jovialen Anzugsträger mit Guttenberg-Gedächtnis-Gesicht war extrem hoch, ein Zeichen, dass die Branche wieder dicke Eier vor sich her trägt. Wie das kommt? Nun, vor zwei Jahren gab es ja diese Snowden-Enthüllung, dass wir alle durch die Geheimdienste über das Internet überwacht werden.

Das man damit durchkommen kann ohne Folgen befürchten zu müssen, beflügelt auf der CeBIT einen Großteil der Aussteller, nach dem Motto: Wenn man DAMIT durchkommt, dann kann man die Leute mit allem verarschen! Und so sah die CeBIT 2015 dann auch aus.

Hier kann man das Handwerk  lernen: Vom Meister himself, the one and only Karsten Maschmeyer, ...Versicherungsverkäufer.

Hier kann man das Handwerk lernen: Vom Meister himself, the one and only Karsten Maschmeyer, …Versicherungsverkäufer.

Um richtiger IT-Manager zu werden, kann man sich ein Stück weiter das letzte Bißchen Hirn kauterisieren und den passenden Anzug verpassen lassen.

Um richtiger IT-Manager zu werden, kann man sich ein Stück weiter das letzte Bißchen Hirn kauterisieren und den passenden Anzug verpassen lassen.

SAP verhöhnt alle, die schonmal mit seiner Software zu tun hatten - wenn die Software wirklich simpel wäre, würden keine SAP-Berater mit fünfstelligen Tageshonoraren benötigt. Und vielleicht gäbe es Quelle noch.

SAP verhöhnt alle, die schonmal mit seiner Software zu tun hatten – wenn die Software wirklich simpel wäre, würden keine SAP-Berater mit fünfstelligen Tageshonoraren benötigt. Und vielleicht gäbe es Quelle noch.

Davon träumt die Branche: Alle Daten, von jedem, immer und überall, BIIIIG DATA!!!! Man kann die Erektion mancher Firmen förmlich spüren.

Davon träumt die Branche: Alle Daten, von jedem, immer und überall, BIIIIG DATA!!!! Man kann die Erektion mancher Firmen förmlich spüren.

BIG.... DATA... SCANNER... manche Firmen klingen wie  Zombie... HIIIIRN...

BIG…. DATA… SCANNER…
manche Firmen klingen wie
Zombie… HIIIIRN…

Das Customer-Briefing Center der Telekom: Hier wird Kunden gesagt, was sie denken und kaufen sollen.

Das Customer-Briefing Center der Telekom: Hier wird Kunden gesagt, was sie denken und kaufen sollen.

Was kann Deutschland nicht? Internet. Was kann Deutschland? Industrie. Nur Folgerichtig hat sich unsere Bundesregierung den Bullshit von der “Industrie 4.0″ aus dem Hinten gezogen, das Wort in den Raum geworfen und guckt nun, was die Firmen daraus machen. Die üblichen Verdächtigen stürzten sich darauf wie Hunde auf den Knochen. Ganz vorn dabei: Prof. Scheer, der in diesem Jahr sogar behauptet, Industrie 4.0 quasi erfunden zu haben. Das aktuelle Prospekt schleudert dann auch wieder eine Unmenge Buzzwords in den Raum und guckt mal, was kleben bleibt.

Adaptive Logistics & Supply Chains mit Smart Analytics und Agile Planning dank collaborative Product & service Engineering. Die Worte lassen sich in beliebiger Reihenfolge mixen.

Adaptive Logistics & Supply Chains mit Smart Analytics und Agile Planning dank collaborative Product & service Engineering. Die Worte lassen sich in beliebiger Reihenfolge mixen.

Manche Leute übertreiben es beim Buzzwordmixen auch, das fällt aber in der euphorischen Goldgräberstimmung kaum auf. Oder was soll “Smartes Wasser” sein?

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Bei Bullshit immer mit dabei: Telekom, SAP und Fraunhofer. Gemeinsam machen sie das “Digitale Wirtschaftswunder” mit “Industrie 4.0″. Wie das aussieht weiß die Marketingabteilung noch nicht, aber die Farbe steht bestimmt schon fest.

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Gegen Regenwetter aus der Cloud: Wirtschaftswunderregenschirme.

Gegen Regenwetter aus der Cloud: Wirtschaftswunderregenschirme.

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Natürlich ist Sicherheit ein Riesenthema, und weil die Geheimdienste alle super verarschen und die Politik so fein mitmacht, lässt sich auch die Wirtschaft nicht lumpen und lügt allen ins Gesicht. Man kann das eigentlich nur noch ironisch interpretieren und lauschen, ob man hinter den Kulissen der Stände Gelächter hört.

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Damit liegen sie auf einer Linie mit den Bundes- und Landesbehörden. DIE schützen! Und produzieren Sicherheit! Und Vertrauen!

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Und wie machen Sie das? Na, durch schärfere Kontrollen und stärkere Überwachung natürlich!

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Der Niedersächsische Verfassungsschutz wirbt mit Zeilen, die wie Hohn klingen. Oder warum setzen die den Satz “Uns liegt ihr Know-How-Schutz am Herzen” in Anführungszeichen? Egal, darunter präsentieren sie die Palette ihrer Dienstleistungen, u.a. Wirtschaftsspionage:

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Natürlich will die Landespolizei dabei mitmachen und hat schonmal Dienstwagen bestellt, damit sie auf Streetview Cyberpatrouille fahren können:

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Natürlich gab es auch die kleinen und großen Facepalms. In der Reihenfolge der Schlimmigkeit:

Klassische Facepalms:
Kleine und mittlere Aussteller, die viel Aufwand in Standbau und Anreise gesteckt haben, und dann wie die Affen hinter ihren Smartphones oder Notebooks hocken oder die Messehostessen angraben, aber sich keinen Deut um das Publikum kümmern.

Du bissja nen lecker Mäddsche, ne?

Du bissja nen lecker Mäddsche, ne?

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Mittelgroße Facepalms

1. Unternehmen, die ernsthaft fragen (und vermutlich machen) was ihre Kunden wollen:

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2. Blackberry: Zuckt noch ein wenig. Kann sich nur noch einen halben Gemeinschaftsstand leisten, umklammert aber in seinen fast erkalteten Fingern störrisch das Schild mit der Aufschrift “Ich binne nicht tot”

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Riesenfacepalms:

1. Das Bundesministerium für Transport, Bewegung und Verkehrssicherheit (oder so ähnlich) kann so viel mit IT anfangen, dass sie in ihrer Verzweiflung eine alte Lara Croft Figur aufgestellt haben, die sie hinterm GameStop aus dem Sperrmüll gefischt haben. Inhaltlicher Bezug? Nicht gegeben.

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2. Der Stand des Landes Niedersachsen. Da arbeiten wir Niedersachsen JAHRELANG an der Behauptung, mehr zu können als nur Schafe zu ficken, und DANN DAS!

Der Stand des Landes Niedersachsen: Alles VOLLER SCHAFE die nichtmal von elektrischen Androiden träumen.

Der Stand des Landes Niedersachsen: Mein Gott, er ist voller Schafe. Alles VOLLER SCHAFE, die nichtmal von elektrischen Androiden träumen.

3. Hippies, die in der Workshophalle Holz beiteln, Stoff batiken und Ikonen malen. Und warum? UM DIE WIRTSCHAFT ZU RETTEN. Am Rand der Halle stehen SAP-Berater und lachen sie aus.

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Nein, das sind mit die Russen lieber. Die präsentieren ganz offen und ehrlich was sie im Programm haben: DROGEN.

Man sollte zuerst den Stand der Russischen Föderation in Hall 9 aufsuchen. Eine kurze Probe der angebotenen Waren macht den Rest des Besuchs erträglicher.

Man sollte zuerst den Stand der Russischen Föderation in Hall 9 aufsuchen. Eine kurze Probe der angebotenen Waren macht den Rest des Besuchs erträglicher.

Für gute Stimmung sorgt auch die Nachricht, dass wieder ein paar Chinesen verhaftet wurden, die gute, europäische Produkte plagiiert haben und dafür von der Cyberpolizei verhaftet und von Netzwerkausrüstern mit neunschwänzigen Kabelpeitschen gefoltert wurden. Geschieht denen Recht, das geistige Eigentum will respektiert werden! Ideen anderer klauen, das würde die CeBIT NIE MACHEN!!

Alles was zählt: Saufen bis die Lutzi qualmt.

Alles was zählt: Saufen bis die Lutzi qualmt.

Na, egal. Ich kann sowieso nicht auf die Standparties. Für mich war das ein langer und aufschlußreicher Cebit-Tag, aber jetzt geht es nach Hause. Warum springt das Auto nicht an? Oh scheiße, jemand hat den Motor geklaut.

Seitdem Booth-Babes politisch nicht mehr korrekt sind, ist das hier das meistfotografierte Model der Messe: Tesla Model S.

Seitdem Booth-Babes politisch nicht mehr korrekt sind, ist das hier das meistfotografierte Model der Messe: Tesla Model S.

 
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Verfasst von - 20. März 2015 in Berufsleben, Satire

 

Kein Engel Gabriel

Sigmar Gabriel ist ein dicker, aber kein dummer Mann. Dieser Tage muss man sich allerdings fragen für wen der SPD-Mann eigentlich arbeitet. Seine Vorstellung auf dem letzten Parteitag seiner Partei war schon einigermaßen bizarr. Er, der Vorsitzende der SPD, beginnt zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl mit zersetzenden Maßnahmen und teilt den Genossinnen und Genossen mit, dass man gegen die herrliche CDU schlicht nicht gewinnen könne. Das mag ja stimmen, aber: WTF?

Dazu kommen noch urplötzliche Richtungsänderungen um je 180 Grad. TTIP? Mit ihm nicht zu machen / Unverzichtbar. Oder Vorratsdatenspeicherung: Nicht mit der SPD / Alternativlos. Gabriel ändert seine Meinung schneller als die Journalisten mit Aufschreiben hinterherkommen.

Bleibt die Frage: Wer hat eigentlich die Hand im Hintern der dicken Sprechpuppe? Die CDU? Oder hat die NSA Kompromat über Gabriel angehäuft und nutzt das, um ihn nach Belieben zu steuern? Oder hat sein Verhalten einfach, hüstel, wirtschaftliche Gründe? Wäre nicht das erste mal, dass ein Politiker seine Position nutzt um ein schönes Nest in der Wirtschaft zu bauen.

Was auch immer dahintersteckt: Mit gesundem Menschenverstand sind diese Kursänderungen nicht zu erklären. Oder ist Gabriel am Ende einfach in den, haha, Wechseljahren?

 
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Verfasst von - 18. März 2015 in Meinung

 

Dummfug auf Pump

“Ey, Hellas, wir pfänden Euch das Goetheinstitut in Athen als Reparation für den zweiten Weltkrieg!”, sagt der griechische Innenminister an und alle, alle hyperventilieren darüber. Dabei ist zeugt der Satz von profunder Unkenntnis der Geschichte, und es lohnt sich IMMER, die Geschichte zu kennen.

Im aktuellen Fall gab es tatsächlich bereits einen Musterprozess vor dem internationalen Gerichsthof. Der war zwischen Italien und Deutschland abgestimmt um zu gucken wie das Gericht entscheidet. Es wurde eindeutig entschieden das Pfändungen nicht statthaft sind. Das war schon 1960. Zwischenzeitlich hat Deutschland alle anderen Länder mit dem 2plus4-Vertrag über den Tisch gezogen, der eben kein Friedensabkommen beinhaltet. Reichsbürger sehen das als Beweis dafür, dass die BRD nicht existiert. In Wirklichkeit hat man damit Reparationsforderungen ausgeschlossen. Deutschland ist damit auf der sicheren Seite.

Wenn die griechische Regierung klagen möchte, dann sollte sie das wegen eines Zwangskredits tun. Eine der verrückten Volten der Geschichte ist nämlich, dass Griechenland seine eigene Besatzung durch die Wehrmacht bezahlen musst. Das Deutsche Reich griff 1942 in die griechische Staatskasse und “borgte” sich Gelder im Wert von 500 Millionen Reichsmark, die bis 1945 zurückgezahlt werden sollten. Das passierte nicht, und wenn man den Betrag mal hochrechnet mit Zins und Zinseszins….

[Update:] Interessant dazu auch Horst Teltschicks Einlassungen. Money Quote:

(…) Wir wollten ja keinen Friedensvertrag. Wir hatten ja schon im Herbst die Anfrage aus Moskau, ob die Bundesregierung möglicherweise bereit sein könnte zu einem Friedensvertrag. Wir haben einen Friedensvertrag von vornherein abgelehnt – nicht zuletzt wegen der Gefahr von Reparationsforderungen. Und da wäre ja nicht nur Griechenland ein Fall gewesen, sondern bekanntlich war das Nazi-Regime mit über 50 Ländern dieser Welt im Kriegszustand. Und stellen Sie sich vor, wir hätten im Rahmen eines Friedensvertrages Reparationsforderungen von über 50 Staaten auf dem Tisch gehabt.

 
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Verfasst von - 17. März 2015 in Ganz Kurz

 

Aus, Schluss, Vorbei

Ich bin mit meiner alten Bank schon lange unglücklich. Dokumentiert ist das hier in der “Könn´se nich´ mal vorbeikommen”-Anthologie. Spätestens nach der Geschichte, in der sich die Bank wie ein gekränkter Bürstenverkäufer aufführte hätte ich eigentlich in den Sack hauen sollen. Habe ich aber nicht.

Ich verlegte zwar mein Girokonto zu einer anderen Bank, behielt das alte aber noch – auch aus Nostalgiegründen, aber vor allem weil eine Mastercard, die ich als Zweitkarte für Notfälle habe, an dem Konto hing. Über das alte Konto lief quasi kein Zahlungsverkehr mehr, und ich konnte Monat für Monat dabei zugucken wie der geringe Betrag auf dem Konto weniger wurde. Jeden Monat genehmigte sich die Bank 3,50 Euro Kontoführungsgebühren. Wenn ich mal wieder vergaß Kontoauszüge zu ziehen – was bei einem Konto ohne Bewegung schnell passiert – auch gerne das doppelte. Wegen der “Erstellung von Zwangsauszügen”, die per Post zugestellt werden.

Ende letzten Jahres erhöhten sich diese Gebühren nochmal ordentlich, aber dafür wird jetzt auch weniger Leistung geboten. Am ärgerlichsten sind die neuen “Online Kontoauszüge”. Ich hatte gehofft, dass mit denen dieser Zwangsauszug-Blödsinn vorbei wäre und staunte nicht schlecht, als mir SCHON WIEDER welche per Post zugestellt und doppelte Gebühren abgebucht wurden.

“Weil sie die nicht quittiert haben”, sagt die Bankmitarbeiterin am Telefon. WTF? “Ja, sehen sie, wenn sie die nicht online quittieren, müssen wir die ausdrucken und per Post schicken” Aha. Und warum nötigt mich die Bank zu andauernden Logins und Klickereien? “Aus rechtlichen Gründen.” Interessant, und wieso müssen andere Banken das nicht? “Ja, äh, die haben vielleicht ein anderes System?” Ist aber schon interessant, wie graue, alte Herren in Hinterzimmern Produkte entwickeln, die so völlig an der Zeit vorbeigehen.

Aus, Schluss, vorbei. Ich habe die Faxen dicke. Nach 30 Jahren wird das nun das Konto gekündigt. Um weiterhin eine Notfallkreditkarte zu haben, ist eine Mastercard bei der Bahn beantragt. Die kommt mit einem dicken Packen Zusatzleistungen, kostet die Hälfte der Kontoführung bei der alten Bank und das beste: Ich muss nicht dauernd irgendwas quittieren, runterladen oder ausdrucken.

Schade ist es schon, nach so langer Zeit wegzugehen, aber die Bank hat sich wirklich alle Mühe gegeben mich zu vergraulen.

 
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Verfasst von - 16. März 2015 in Gnadenloses Leben

 

Motorradreise 2014 (17): Das verborgene Tal

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 19. Tag geht es in eine seltsame Welt hoch oben.

Dienstag, 24. Juni 2014, Siena, Toskana

Viele hatten diesen Ort vergeblich gesucht, aber er hatte ihn gefunden. Eine sprechende Schlange hatte ihm, den die Leute nur Il Guerrin Meschino nannten, den jämmerlichen Ritter, den Weg gewiesen. Tief in den Bergen des Apennin, unweit des Tals, in dem Pontius Pilatus seine letzte Ruhestätte gefunden hat, lag die Höhle der Sibylla am Fuße des Monte Vettore.

Die Schlange hatte ihm davon abgeraten die Höhle zu betreten, aber der Ritter wagte sich trotzdem ins Innere des Berges vor. Die Antworten die er suchte, würde er nur hier finden. Die Sibylla empfing den Ritter und zeigte ihm ihr Reich unter dem Berg. An einem magischen See lagen Schlösser und Türme, so wunderbar wie es die größten Königshäuser über der Erde nicht waren. Sie zeigte ihm auch, was mit den Menschen passierte, die ein Jahr in ihrem Reich blieben.

Diejenigen, die rein waren von Schuld wurden befreit. Sie konnten die Höhle verlassen und lebten fortan ein glückliches, zufriedenes und langes Leben. Oder Sie konnten im Königreich der Sibylla bleiben, wo sie jeden Tag die Freuden der Sinne genießen und ohne Krankheit oder Alter ewig leben konnten. Neben diesen Freuden hielt die Höhle aber auch unaussprechliches Leid für die sündigen unter den Besuchern bereit, denn diese wurden in Tiere verwandelt und waren auf ewig verdammt, wie die sprechende Schlange.

Die Sibylla selbst war die Königin der Verdammten, denn sie selbst war in Gottes Ungnade gefallen, als sie gegen die Wahl Marias protestiert und sich selbst zur Mutter Gottes hatte machen wollen. Seitdem war sie eingeschlossen unter dem Berg Vettore, und ihr unterirdisches Reich grenzte sowohl an die Ausläufer der Hölle als auch an die elysischen Felder am Rande der sieben Himmel, auf denen die Helden und Krieger ruhen und die ein Paradies sind.

Sie stellte den Ritter vor die Wahl, ein Jahr in ihrem Reich zu verweilen. Der Ritter erschrak, als er erkannte, dass das Verweilen bei der ausgestoßenenen Sibylla selbst eine Sünde in den Augen Gottes sein würde. Der Weg zu der Antwort, die er suchte, durfte nicht sündhaft sein. So floh er aus der Höhle und dem Reich der Sibylla.

Dann fängt es auch noch an zu regnen. Das passt zu meiner Laune. Heute morgen bin ich wieder müde und gerädert aufgestanden, als hätte alle Kraft meinen Körper verlassen. Als alle anderen Gäste des Casa Brescia ausgeflogen waren, hatte ich noch mit Stefano geplaudert, und dann mit sehr gedämpfter Laune und schwerem Herzen die Koffer zum Motorrad getragen. “Stesso tempo, prossimo anno!”, nächstes Jahr zur selben Zeit, hatte ich mich verabschiedet und ein muffeliges “Ich bin immer hier!” zur Antwort bekommen. Stefano hatte schlechte Laune gehabt, weil das Casa Brescia schon wieder ausgebucht war.

Mit jedem Kilometer, den sich das Motorrad nun von Siena entfernt und tiefer zurück nach Umbrien vorrückt, sinkt meine Stimmung. Ich bin müde, und eigentlich möchte ich – um es mal ganz ehrlich zu sagen – nach Hause. Ich bin seit fast drei Wochen unterwegs, ständig woanders, und habe so viel gesehen und erlebt wie andere nicht in drei Jahren. Ich sehne mich danach auszuschlafen, rumzuhängen und ein wenig Leerlauf zu haben. Das es jetzt auch noch anfängt zu regnen und mein Reiseziel wettertechnisch ebenso eine Sackgasse ist, macht das ganze nicht besser. Ich fühle mich, als wäre ich am Ende meiner Kräfte, und dabei liegt jetzt nochmal eine der fordernsten Etappen überhaupt vor mir. Heute geht es ins Gebirge, in ein Gebiet, das total isoliert liegt und abgeschnitten von der Außenwelt ist. Dorthin zu kommen ist nicht einfach, mit einem Motorrad schon gar nicht. Und dummerweise ist für die nächsten zwei Tage dort Sturm und Regen angekündigt, was bedeutet: Ich sitze da unter Umständen fest und kann nichts machen.

Über der Tiefebene von Umbrien ballen sich die Wolken:

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Lustlos stromere ich durch den Ort Spello, der am Rand der Ebene und am Fuße eines Berges hockt. Dort gibt es eine Kunsthandlung an der nächsten, aber erstaunlicherweise im Großteil der Stadt kein Café. Schön ist der Ort, aber gerade habe ich da nicht so das Auge für.

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Verfasst von - 14. März 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

10 – Staunend

http://agnes-green.deviantart.com/art/Death-299019188

Death by Agnes Green

Ich erinnere mich.

Ich erinnere mich daran das alles so seltsam war. Eben war alles noch normal, nervös, aber normal, und von einem Moment auf den anderen fühlte mich wie ein Kind, das staunend und verwirrt auf alles schaut, einfach weil alles so ist wie es ist und ich nicht wusste, wirklich nicht wusste und auch nicht begriff, wie das sein konnte. Ich verstand nicht, wieso sich das Beste in den schlimmsten Albtraum verwandeln konnte. Ich verstand nicht, was mit mir geschah und wusste nicht, was werden würde. Die Vergangenheit war eine Fälschung, und eine Zukunft gab es nicht.

Ich war das Kind, das auf die Welt sieht und sie nicht begreift. In diesen Tagen war die Welt nicht mehr meine, ich war kein Teil mehr von ihr. Ich stand neben ihr, außerhalb, jenseits von Allem und blickte durch ein Fenster aus milchigem Glas.

Die Welt war grotesk in ihrer Banalität, und grausam in ihrer Ignoranz. Sie hielt nicht inne, sondern machte einfach weiter, als wäre gar nicht gewesen. Sie hätte stoppen müssen, oder zumindest den Atem anhalten, und ich verstand nicht warum sie das nicht tat. Alles lief weiter wie immer, so unbedeutend und öde es auch sein mochte, und ich sehnte mich nach öder Trivialität, nach einem unspektakulären Leben, aber Leben gab es nur in der Welt, und von der war ich kein Teil.

Damals begriff ich, dass die Welt einen im Vorbeigehen zerstören kann, und einen dabei keines Blickes würdigt. Die Welt kennt keine Gnade und kein Mitleid, und noch heute scheinen mir Menschen, die Mitleid und Sorge um andere in ihren Herzen bewahrt haben, wie ein Wunder.

9 – Davongelaufen
8 – Hinfortgerissen
7 – Hinter dem Spiegel
6 – Im Limbus
5 – Erinnerungen an andere Welten
4 – Heute Nacht, und jeden verdammten Tag

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 13. März 2015 in Ganz Kurz

 

Terry Pratchett

“Was der Unterschied zwischen Douglas Adams und mir ist, werde ich oft gefragt. Nun. Er schreibt Science Fiction, ich Fantasy. Abgesehen davon bin ich fleissiger als er”

– den Satz von Terry Pratchett hätte Adams, der Autor des “Anhalters durch die Galaxis” sicherlich unterschrieben, denn er bezeichnete sich gerne selbst als faule Sau. Abgesehen davon war die Schreibe der beiden sehr ähnlich, zumindest in Pratchetts Anfangsjahren. Adams´ Geschichten spielten im Weltraum, die von Pratchett auf der Scheibenwelt, einer flachen Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die von einer Schildkröte durchs All getragen wird – “Eine Welt, so unwahrscheinlich, dass sie mit Sicherheit existiert”.

Die Scheibenwelt eine Persiflage auf die üblichen Fantasywelten war. Zaubberer (Sic!) waren feige, Cohen der Barbar (Sic!) 90 Jahre alt und Gepäckstücke hatten hunderte Füßchen und trampelten damit Leute platt. Das war in den 1980ern, und wenn ich das heute lese, finde ich die Geschichten und den Humor ziemlich platt, genau wie die Welt, auf der sie spielen.

Aber Pratchett entwickelte sich und seine Welt. In den 90ern wurden die Charaktere besser und unvergesslich: Die clevere Hexe Esmé Weatherwax, die ständig aufpassen muss nicht böse zu werden. Der zynische Alkoholiker Sam Vimes, Hauptmann der Stadtwache. Die Schülerin Tiffany Aching. Der Trickbetrüger Lipwig van Moist. In den letzten 15 Jahren wurden die Geschichten tiefer und die Handlung immer komplexer: Wie ensteht eine Nation? Wie reagiert die Gesellschaft auf Veränderungen? Statt Comedy gab es tiefe Weisheiten und Einsichten in unterhaltsamer Form.

“The truth isn’t easily pinned to a page. In the bathtub of history the truth is harder to hold than the soap, and much more difficult to find…”
– Terry Pratchett, “Sorcery”

Am Ende waren Pratchetts Bücher Lehrstücke über unsere eigene Geschichte und die Entwicklung der Menschheit, aber immer mit dem besonderen Dreh, den Pratchett “The Lion Upside Down” nannte.

Er erzählte mir* mal, dass das Sternbild Löwe sein liebstes sei. Hunderte Male hatte er es am Nachthimmel gesehen. Dann war er in Australien, und der Löwe stand auf dem Kopf und plötzlich kam ihm das langweilig Vertraute wunderbar und fremdartig vor. Das war es, was Terry Pratchetts Bücher so besonders macht. Er nahm etwas Vertrautes, und gab dem mit den Mitteln seiner Scheibenwelt etwas fremdartiges und wunderbares.

Terry Pratchett ist heute von uns gegangen, aber seine Welt bleibt in den Büchern lebendig. Und “The Lion Upside Down” wird mir immer in Erinnerung bleiben.

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* und 1.000 anderen Studenten, bei einer Lesung im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes Ende der 90er.

 
 
 
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