Reisetagebuch 2019 (3): All about Eve

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es unter die Royal Albert Hall und zu Gillian Anderson.

Montag, 04. Februar 2019, Norfolk Square, London
96 Stufen sind es vom Frühstücksraum im Keller des Belvedere bis zum meinem Zimmer im 4. Stock. Die Treppen werden nach oben werden immer enger, die Stufen immer höher und durch den Teppich immer runder. Das ist anstrengend, aber gutes Training – ich bin total außer Form, und die nächste Motorradreise kommt bestimmt!

Früh frühstücken ist Pflicht im Hotel Belvedere. Im Frühstücksraum im Keller gibt es nur zwischen 6:30 Uhr und 09:00 Uhr was zu essen.

Nachdem ich die Treppen des Todes wieder bis ganz unters Dach hochgestiefelt bin, stelle ich mich erstmal unter die Dusche. Das dauert etwas länger, denn die tröpfelt gerade nur noch. Das liegt am Duschkopf. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, einen Duschkopf mit weiten Kammern voller Tonkügelchen und Kohledingsbumms zu installieren, sollte geschlagen werden. Der ohnehin nicht dolle Wasserdruck schafft es nicht durch das esoterische Gedöns.

Ich lungere noch etwas im Zimmer rum. Draußen regnet es, und der Wind pfeift über die Dächer. Ungemütlich. Hier drinnen im Warmen ist es viel netter. Ich liege auf dem Bett und lese Twitte., Vor dem Haus hupen Autos, LKW fahren dröhnend vorbei und Müllwagen piepen sich durch eine Nebengasse. Ich habe Urlaub, warum soll ich mich freiwillig früher als nötig in das Mistwetter begeben.

Kurz nach halb 10 stehe ich wirklich auf, packe meine Sachen und trete hinaus in den Nieselregen. Bäh. das ist nicht mal richtiger Regen, das ist mehr so… hohe Luftfeuchtigkeit. Ganz fisseliger Nieselregen, der in der Luft rumschwebt. Igitt.

Ich laufe ein wenig durch den Hydepark, der sich gleich südlich von Paddington befindet. Der Nieselregen macht die blattlosen Bäume, die sich vor dem grauen Februarhimmel abheben, gleich noch ein Stück deprimierender.


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Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Sonntag, 03. Februar 2019, London, Norfolk Square
Ich mag das Belvedere, dieses kleine, etwas schrullige Hotel im Norfolk Square am Bahnhof Paddington in London. Im Keller des Hauses ist der Frühstücksraum, in der zwei Polinnen und eine Koreanerin den Frühstücksservice schmeißen. Heute Morgen ist der eng bestuhlte Raum noch leer, aber das ist nicht oft so. Auch wenn es nur 16 Zimmer im Belvedere gibt, übernachten bis zu 50 Personen hier. Dementsprechend voll ist es hier an den meisten Morgenden.

„Do you like english breakfast?“ ist immer die erste Frage. Die richtige Antwort lautet „Ja“, ansonsten wird man freundlich auf eine leicht staubig wirkende Schachtel Frühstücksflocken auf einer kleinen Anrichte hingewiesen. Antwortet man richtig, rumort es kurz in der Küche, und wenig später steht ein Klacks Bohnen, zwei Eier, ein Stück Frühstücksschinken, ein Würstchen und ein Stück Toast vor einem.

Verhandlungen sind übrigens Zeitverschwendung. Ich muss immer schon grinsen, wenn jemand „Ich hätte gerne etwas mehr Bohnen und zwei Würstchen, dafür kein Ei“ oder sowas bestellt. Dann nickt die Koreanerin freundlich, und die Küche macht trotzdem exakt das Standardfrühstück.

Ich frühstücke zu Hause nie, aber im Urlaub passe ich mich an. So, wie ich in Italien morgens an einem Stück Zwieback rumknabbere und dazu Espresso trinke, schlinge ich hier mit Genuss das Warme Frühstück mit ordentlich HP-Sauce hinunter.

Kurz darauf sitze ich in der U-Bahn. An der Wand wirkt eine Bank mit dem Brexit. „An alle 7.643 Personen, die ein monatliches Essenbudget mit dem Titel „Brexit Überlebens Rücklage“ eingerichtet haben: Haltet durch!“ – Und sowas, liebe Kinder, passiert, wenn man bei einer dieser modernen Internetbanken ist. Die werten die privatesten Daten aus und machen Werbung damit.

Am Bahnhof Kings Cross steige ich auch und schlendere zu den hinteren Gleisen. Wieder mal fällt mir auf wie paranoid die Briten sind. Displays und Plakate fordern überall auf, alles und jeden sofort zu verpetzen. Orwells Albtraum, hier ist er Realität geworden.


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Ich kann das einfach nicht: Osprey Sojourn vs. Cabin Max.

Eine der kommenden Reisen führt mich weit weg, und das für fast drei Wochen. Grund genug, mir mal neues Reisegepäck zuzulegen. So ein richtiges, mit Rollen. Dachte ich. Aber ich kann das einfach nicht.

DamalsTM, 2010, stand mein erster Flug ins Ausland an. Dafür legte ich mir ein kleines Rollköfferchen zu. Kaufargumente waren ein supergünstiger Preis und die Tatsache, dass das Köfferchen mit 55x40x20 Zentimetern Größe exakt die Maße des erlaubten Handgepäck bei Billigfliegern hatte. Was mir erst nach dem Kauf bewusst wurde: Natürlich nimmt die ganze Mechanik für den ausziehbaren Griff und die Rollen Platz weg, und zwar nicht wenig. Aber nun, wenn man auf Reisen geht, braucht man ein Rollköfferchen. Dachte ich zumindest.

Cabin Max

Bis mich Kalesco 2014 eines Besseren belehrte, und mich auf den Cabin Max aufmerksam machte. Das ist ein 600 Gramm leichter Rucksack aus dünnem Nylon, der ebenfalls Billigfliegermaße besitzt, durch seine Bauweise und das fehlen jeglicher Verstärkungen aber das maximale Transportvolumen komplett ausschöpft. Über 40 Liter passen in den Sack.

Ja, der ist personalisiert. Statt dem Cabin Max-Logo ist ein anderes aufgenäht. Ich finde es spannend zu beobachten, welcher der Mitreisenden den kleinen Nerd-Gag erkennt.

Der Cabin Max ist absolut spartanisch, und deswegen so leicht. Es gibt nahezu keine Aufteilung im Inneren, und auch die Gurte sind in Sachen Komfort weit von denen echter Wanderrucksäcke entfernt. Nachteil der Leichtbauweise ist natürlich, dass er sich labberig und nicht besonders fest anfühlt. Dabei ist das Material fest und gut verarbeitet, und auch nach sechs Jahren im Einsatz geht nicht mal eine Naht auf. Aber der Cabin Max ist als Handgepäck konzipiert. Als solches ist er spitze, aber Aufgeben möchte man so ein Gepäckstück nicht, dazu fühlt es sich zu labil an. Außerdem lassen sich die Tragegurte nicht abnehmen, was beim Ver- und Entladen am Flughafen bestimmt ein Problem ist.

Der Cabin Max hat mich lange Zeit sehr glücklich gemacht. Seitdem ich ihn habe, wurde das kleine Rollköfferchen von 2010 nie wieder benutzt. (Letztes Jahr wollte ich es mal wieder benutzen, aber mittlerweile waren die Weichmacher darin ausgehärtet. Es stank erbärmlich Chemie und die Innenwand zerbröselte bei Berührung wie Zartbitterschokolade. Gestern wurde es entsorgt.)

Was ich am meisten mag: Bislang habe ich den Cabin Max wirklich immer als Handgepäck genutzt, d.h. ich verlor nie Zeit mit dem Einchecken und Wiedereinsammeln von Gepäck, und verloren gehen konnte er so auch nicht. Ein Dutzend Flug- und Bahnreisen hat er ohne den kleinsten Schaden überstanden. Ich packe mittlerweile sehr leicht, und für eine Sommerreise passen in den Cabin Max problemlos Klamotten und Elektronikgeraffel für bis zu 10 Tage UND der kleine Daypackrucksack noch oben drauf.

Die im Herbst anstehende Reise geht aber satte drei Wochen und in ein Land, aus dem ich vielleicht auch das ein oder andere Souvenir mitbringen möchte. Eine willkommene Ausrede, um mir mal neues Reisegepäck zuzulegen.

Osprey Sojourn 60

Schon seit Ewigkeiten liebäugelte ich mit einem „Sojourn“. Das ist ein Gepäckstück von Osprey.

Das Format gleicht einem Duffelbag, mit rund 65 Zentimetern Höhe und 30-35 Zentimetern in Breite und Tiefe. Wie eine normale Tasche hat der Sojourn drei Griffe, einen oben, einen an der Seite und einen an der Unterseite. Die Griffe sind gut gepolstert.

Wie ein Rollkoffer hat das Ding aber auch einen Teleskopgriff und zwei großen Gummirädern.


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Kategorien: review | 5 Kommentare

Das eigene Facebook-Werbeprofil bearbeiten

Facebook sammelt Daten, und daraus erstellt es ein Profil. Werbetreibende können dann anhand dieses Profil auswählen, ob sie mich umwerben wollen.

Das Profil kann man zum Teil selbst einsehen. Es hört auf den schönen Namen „Deine Werbepräferenzen“. Darin: Informationen, an denen man von Werbetreibenden ausgewählt werden kann (Beziehungsstatus, Arbeitgeber, Ausbildung, …), aber auch Interessen, die Facebook meint erkannt zu haben. Dazu gehören Dinge, die man mal geliked hat oder Themen, zu denen man in Gruppen ist, aber auch Promis, denen man folgt.

In meinem Fall finden sich fast 200 „Interessen“ im Profil, und das, obwohl ich Facebook kaum nutze. Anhand der Absurdität mancher Interessen vermute ich, das Facebook Daten zukauft und einen Lernalgorithmus einsetzt, der hochgeladene Bilder auswertet. Dadurch kommen seltsame Datenpunkte zusammen, nach denen ich mich angeblich für schwangere Frauen, Microsoft Word die 60er Jahre, Molkereien und Kassel interessiere. Ausgerechnet Kassel!

Man kann sogar Werbethemen verbergen. Aber auch hier ist die Auswahlmöglichkeit bestenfalls absurd. Neben Werbung für Alkohol kann ich bei mir nur die Themen „Kindererziehung“ und „Haustiere“ ausblenden. WTF?

Wer sein eigenes Werbeprofil mal prüfen möchte und sehen will, das Facebook denkt, welche Interessen man so hat: Hier ist es.

https://t.co/uShNcGPYO2

P.S.: Woran erkennt man, das einer der Entwickler der Seite von südlich des Weißwurstäquators kommt?:

Kategorien: Service | Ein Kommentar

10 Jahre rauchfrei

Heute vor zehn Jahren rauchte ich meine letzte Zigarette. Das es meine letzte Kippe sein würde, wusste ich in dem Moment aber nicht. Ich hatte nicht vor aufzuhören. Klar, irgendwann – wie jeder Raucher – aber noch nicht heute.

Dann sah ich das Video „Nichtraucher in 5 Stunden“. In dem sehr unaufgeregt die Funktionsweise der Nikotinsucht erklärt wird. Nach dem Video dachte ich mir: Ach, guck an. So geht das also, deshalb rauche ich. Na, wenn das SO funktioniert, dann ist mir jetzt klar warum ich wie fühle. Und Zack, ab dem Abend am 02. Juni 2009 habe ich nie wieder geraucht.

Quasi die Mechanismen der Sucht verstanden und ihr einen Stock zwischen die Speichen gesteckt, und von Jetzt auf Gleich war es vorbei.

In den ersten Tagen war ich mir noch unsicher. Wenn ich gefragt wurde, ob ich nicht mehr rauche, dann habe ich immer gesagt „Nein, HEUTE rauche ich mal nicht“.

HEUTE war überschaubar. Das setzte mich selbst nicht so unter Druck. Immerhin hatte ich – wie lange? Dreizehn Jahre? Mit zunehmender Intensität geraucht. Zuletzt hielt ein Päckchen Tabak nur noch zwei Tage, was 30 bis 35 Zigaretten pro Tag entspricht. Außerdem rauchte meinte Freundin und auch praktisch jeder meiner Arbeitskollegen. Wenn ich stolz verkündete jetzt nie wieder zu rauchen, wäre Häme im Fall eines Rückfalls sicher. Nein, so hoch wollte ich das Ziel gar nicht hängen. Aber nur HEUTE nicht zu rauchen, das würde ich hinbekommen.

Klar gab es am Anfang Japp auf eine Zigarette. Besonders in Situationen, die mit einer Kippe fest im Hirn verdrahtet waren – Kaffeetrinken, zum Beispiel. Zum Kaffee gehörte die Zigarette. Aber da ich verstanden hatte, dass diese Verdrahtung sich auch wieder lösen ließ, setzte ich mental den Seitenschneider an.

Geholfen haben mir Apps, die ganz simpel mitzählen wie lange ich nicht mehr rauchte, wieviele Zigaretten ich nicht geraucht habe und wieviel Geld ich dadurch gespart habe. Da guckte ich zwischendurch immer wieder drauf. Es machte mich stolz, schon so weit gekommen zu sein, und zugleich machte es mir bewusst, dass die Uhr wieder bei Null anfangen würde, würde ich rückfällig.

Eine der Apps läuft heute noch. Laut der habe ich rund 127.000 Zigaretten nicht geraucht und damit den Gegenwert eines Kleinwagens für 20.000 Euro gespart – mit 2009er Zigarettenpreisen, wohlgemerkt. Bis das Risiko für Lungenkrebs wieder auf dem Niveau ist, als hätte ich nie geraucht, wird es aber nochmal 10 Jahre dauern.

Rückfällig wurde ich nie. Nicht mal in Versuchung kam ich. Denn von vornherein war klar, dass ich wirklich nie wieder eine Zigarette würde anfassen dürfen. Auch nicht „mal eine auf ner Party“ oder so. Als ich aufhörte, hatte ich schon Schmerzen in der Brust und chronischen Husten und eine Mordsangst, schon bleibende Schäden zu haben. Hatte ich zum Glück nicht.

Dafür war ich genauso dankbar wie für die neugewonnene Lebensqualität. Mein Geruchssinn kam zurück, ich hatte mehr Energie, dafür keine Krämpfe mehr in den Füßen. Zugenommen habe ich übrigens nicht.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine regelrechte Sorge, doch versehentlich wieder zu rauchen. Noch Jahre später träumte ich davon, dass mich jemand ansprach nach dem Motto „Ich dachte, Du rauchst nicht mehr?“ und ich guckte dann irritiert und sagte „Tue ich doch auch nicht“ – und in dem Moment sah ich die Zigarette in meiner Hand und wusste, ich war rückfällig geworden. Aber das blieben immer wirre Albträume.

Vor 10 Jahren wurde noch überall geraucht, selbst in der Bahn und in Restaurants. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Möchte man aber auch nicht. Unmittelbar nach mir haben erst Freundin, dann fast das ganze Kollegium aufgehört zu rauchen. Es musste nur erstmal jemand ausprobieren und vormachen.

Gut, das die Raucherzeiten vorbei sind.

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Reisetagebuch 2019 (1): Bahn Fuck-up

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich da alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Samstag, 02. Februar 2019, Mumpfelhausen bei Götham
Der Wecker klingelt in genau dem Moment, als ich gerade wildestes Zeug träume. Noch matschig im Kopf blinzele mit einem Auge auf die Uhrzeit. 5:15 Uhr. Dreieinhalb Stunden Schlaf, mehr war nicht drin.

Ich quäle mich aus dem Bett, stecke mir die Zahnbürste ins Gesicht und mache mich fertig. Im Flur steht schon, fertig gepackt, der große Reiserucksack.

Noch schnell die Sicherungen rausgedreht, die Heizung runtergefahren, ein Blick zurück, dann wird das Gepäck geschultert und los geht´s.

Es ist der 02. Februar. Es sind knapp unter Null Grad, und als ich zur Bushaltestelle trabe nieselt kalter Regen herab.

Außer mir sind nur zwei Menschen am Bushalt. Minutenlang stehen wir im Nieselregen, versunken in unsere eigenen Welten. Ich gucke grimmig ins Dunkel, voller Sehnsucht nach meinem warmen Bett. Dann kommt der Bus in einem Gischtnebel die Hauptstraße entlanggepflügt.

Am Hauptbahnhof steige ich aus und gehe die letzten Meter zu Fuß. Woah, der Gehweg ist leicht glatt.

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Kategorien: Reisen | 12 Kommentare

Vertrauenswürdig

Wie wenig Vertrauen hat ein Speicherkartenhersteller in sein Produkt, wenn er gleich eine Lizenz für ein Recovery-Tool beilegt?

Kategorien: Berufsleben | 3 Kommentare

Momentaufnahme: Mai 2019

Herr Silencer im Mai 2019

Zeit rast

Wetter: Anfang des Monats bitterkalt: Nachts 0, tagsüber 5 Grad, dazu Schneeregen und Hagel im Wechsel mit Sonnenschein. Mitte des Monats ergiebiger Regen und immer noch kalt. In der dritten Woche vereinzelt Sonnenschein und ein wenig wärmer, mit 6 bis 15 Grad aber immer noch kühl.


Lesen:

Matt Ruff: The Mirage [Kindle]
Die Welt in einer alternativen Zeitlinie: Die Abkürzung USA steht für die United States of Arab, während der nordamerikanische Kontinent aus zerstrittenen, religiös geführten Einzelstaaten besteht. Radikale Splittergruppen von christlichen Fundamentalisten verstecken sich in den Rocky Mountains und planen von dort aus Terroranschläge gegen die muslimische Welt. Einer davon gelingt: Am 11. September 2001 steuern christliche Fanatiker Flugzeuge in zwei Wolkenkratzer in Baghdad. Diese Anschläge verändern die Welt für immer. Die Araber gehen mit aller Härte gegen die christlichen Terroristen vor, und jagen sie bis in den schwäbischen Teil von Israel, dem früheren Deutschland. Eine Antiterror-Spezialeinheit nimmt in Baghdad christliche Terroristen fest, die steif und fest behaupten, dass die ganze Welt ein Trugbild, eine Mirage, sei – in Wirklichkeit wären an 9/11 Flugzeuge von Muslimen in amerikanische Wolkenkratzer geflogen worden. Als Beweis dafür zeigen die Verhafteten Ausschnitte von seltsamen Zeitungen vor. Wer hätte schon je von der „New York Times“ gelesen?

WTF, was für eine coole Idee. Leider wird aus der Ausgangslage wenig mehr gemacht als die Handlung einer üblichen Staffel „24“. Das die Terroristenjäger dieses mal muslimischen Glaubens sind, macht kaum einen Unterschied. Im Gegenteil, Matt Ruff nervt gelegentlich mit seinen Übertragungen, und an einigen Stellen überspannt er den Bogen völlig. Das z.B. die Miranda-Belehrung („Sie haben das Recht zu Schweigen, alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden“) im arabischen genauso existiert, nur vor jedem Satz Allah als Gott der Allmächtige gepriesen werden muss, ist nicht nur unfreiwillig komisch, es bricht auch meine Suspension of Disbelief und lässt mich aus der Geschichte fallen.

Noch keine abschließende Meinung, außer: Das Buch ist VIEL zu lang. Hätte mal eine TV-Serie werden sollen, für den Raum zwischen zwei Buchdeckeln mäandert Ruff zu sehr rum und macht auf jeder zweiten Seite eine Nebenhandlung auf. Laaaaangweilig.


Hören:


Sehen:

Hidden Figures [Homekino]
Wahre Geschichte: Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson arbeiten bei der NASA. Goble ist eine brilliante Mathematikerin, Vaughan eine Führungsopersönlichkeit, und Jackson eine begabte Ingenieurin. Das Problem dabei: Alle drei sind farbig, und das Jahr ist 1961. Es herrscht nach wie vor Rassentrennung, und Diskriminierung ist völlig normal. So muss Katherine Goble jeden Tag ihre Arbeit fast 40 Minuten unterbrechen und bei Wind und Wetter über den Campus in Langley laufen, weil das nächste Klo für Farbige kilometerweit weg ist. Die drei Damen sind Teil der „Computers“, wie zu der Zeit Menschen genannt wurden, die Flugbahnberechnungen per Hand durchführten. Als Teil des NASA-Teams haben die drei maßgeblichen Anteil am Erfolg der Missionen von Friendship 7 und Apollo 11.

Der Film wurde mir von mehreren Seiten empfohlen, und das zu recht. Toll ausgestattet erzählt er ruhig die Geschichte der drei Heldinnen, die immer wieder die absurdesten Hindernisse überwinden müssen. Der Film basiert auf einem Sachbuch und ist sicherlich in Details etwas überdramatisiert (etwa, wenn Kevin Kostner als NASA-Chef persönlich mit einer Brechstange die Kloschilder abschlägt), aber das mindert das Vergnügen nicht. Die überaus tollen Protagonistinnen tun das Übrige dazu, dass man „Hidden Figures“ nicht so schnell vergisst.

Fahrenheit 11/9 [Prime Video]
Es war so sicher, dass Hillary Clinton Präsidentin werden würde. Noch in der Wahlnacht standen die Umfragen bei 85 zu 15 für sie. Und dann wurde es Trump. Warum? Michael Moore geht dieser Frage nach und zeigt auf, wie Jahrzehnte verfehlter Politik die Menschen so wütend machten, dass sie entweder nicht wählten oder für Trump stimmten. Natürlich steht auch Flint, Moores Heimatstadt und sozialer Brennpunkt, dabei immer wieder im Fokus.

Kaum eine Stadt demonstriert besser, was in den USA passiert ist: Ein geldgieriger Gouverneur setzt per Notstandsgesetz Kumpel von sich auf wichtige Posten. Die bereichern sich, in dem sie die Wasserversorgung von Flint ändern, so dass Kinder und Erwachsene mit dreckigem, verbleiten Trinkwasser vergiftet werden und bleibende Schäden davontragen. Erst als das giftige Wasser Metallteile in einem Autowerk angreift, gibt es wieder sauberes Wasser – aber NUR für das Werk, nicht für die Menschen. Schließlich kommt Präsident Obama, der Hoffnungsträger der leidenden Bevölkerung. Er trinkt vor laufender Kamera Wasser aus Flint, dann unternimmt er – nichts.

Später ist Wahlkampf, und der einzige Kandidat, der sich in Flint blicken lässt, ist Donald Trump. Damit sammelt er selbst die Stimmen der schwarzen Bevölkerung ein. Wenig später bombardiert die Air Force Flint – die Stadt ist mittlerweile so abgewrackt, dass sie als Truppenübungsplatz herhält.

Moore verzichtet über weite Strecken auf seine üblichen, fremdschäm-peinlichen Provokationsaktionen. Nicht ganz, natürlich, auch hier finden sich wieder Szenen wo er den Vorgarten des Gouverneurs mit Wasser aus Flint flutet. Aber das ist die Ausnahme, meist ist „Fahrenheit 11-9“ ruhig erzählt. Das schockiert fast noch mehr, aber es gibt auch immer wieder Hoffnung. Die Frage nach „Wo ist das andere Amerika“ wird mit Hoffnung machenden Beispielen von Jugend- und Frauenbewegungen oder Alexandria Ocasio-Cortez (die ich für eine kommende Präsidentin der USA halte) belegt.

Der Film endet aber auf einer düsteren und unversöhnlichen Note, wenn er aufzeigt, wie Donald Trump sich der Methoden der Faschisten bedient, um seine Macht auszuweiten. „Fahrenheit“ kommt dem Phänomen Trump etwas näher und zeigt seinen Werdegang auf interessante Weise, wirklich neu ist daran aber kaum etwas. Moore-typisch ist die Zusammenstellung wie immer effektiv und schockierend.


Spielen:

Innocence: A Plague Tale [PS4]
1342, im finstersten Mittelalter: Die Pest geht um und verschont auch Frankreich nicht. Schlimmer noch als der Schwarze Tod ist für die Adelsfamilie de Rune die kirchliche Inquisition, die ohne Vorwarnung den Familiensitz überfällt und alle Bewohner abschlachtet. Nur das Mädchen Amicia kann mit ihrem kleinen Bruder Hugo entkommen. Gemeinsam schlagen sie sich hinter die Linien des Kriegs mit den Engländern und versuchen den Häschern der Inquisition zu entkommen. Aber Hugo ist schwer krank, und die allgegenwärtigen Ratten setzen den beiden schwer zu.

Ui, was ist DAS denn? „Innocence“ kam aus dem Nichts und hat die Welt verzaubert. Die Geschichte von Hugo und Amicia ist ein sehr schön erzähltes Soloabenteuer, das ganz auf seine Gameplaymechaniken zugeschnitten ist. Es gibt einige simple Regeln: Ratten mögen kein Licht, Wächter gucken immer in eine Richtung, die Spielfigur stirbt nach einem einzigen Treffer oder wenn sie das Licht verlässt. Daraus baut „Innocence“ aber erstaunlich vielfältige Schleich- und Rätselszenarien. Ob Amicia mit Hugo an der Hand in einem Lager der Engländer herumschleicht oder allein rattenverseuchte Katakomben erkundet, das Spiel bleibt über seine gesamte Laufzeit von 12 Stunden abwechselungsreich und interessant. Dabei ist es nicht mal besonders schwer, was gut ist: So machen selbst die Schleichsequenzen Spaß.

Zum Spielerlebnis trägt maßgeblich auch die Geschichte bei, die stark geschrieben und gut inszeniert ist. Eine dermaßene Bindung und Mitgefühl wie für Amicia und Hugo hatte ich zuletzt für Joel und Ellie in „The Last of Us“. Das es sich bei Innocence „nur“ um eine französische Doppel-A-Produktion handelt, ist gelegentlich an den Gesichtsanimationen zu merken, aber das wird durch den Schnitt der Zwischensequenzen gut kaschiert. Nicht gespart wurde an der Welt, die wunderschön und beängstigend Detailreich in Szene gesetzt ist.

Tolle Welt, tolle Geschichte, tolles Gameplay, tolle Charaktere – für die schlappen 40 Euro, die das Spiel aktuell neu kostet, definitiv eine Kaufempfehlung.


Machen:


Neues Spielzeug:

Neues Dienstfahrzeug: Ein e-Bike, ein Giant Explore E+2 GTS.

Bild: Giant Bicycles

Ich war ja sehr skeptisch, als der Arbeitgeber damit um die Ecke kam. Aber: Das ist schon cool!

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Teaser

Ab kommenden Samstag: Reisetagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

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Kategorien: video | Schlagwörter: | 3 Kommentare

Europawahl 2019

Grüße gehen raus an Axel Voss und Katarina Barley!

Insbesondere auf das Wahlverhalten von jungen Wählerinnen und Wählern dürfte das EU-Urheberrechtsreformdebakel einen erheblichen Einfluss gehabt haben. Das herablassende Verhalten, die Pöbeleien der Politikerinnen und Politiker, das Erleben von Ohnmacht trotz Protesten auf den Straßen – das hat den Boden bereitet für das Rezo-Video und letztlich für ein Ergebnis, bei dem bei den unter-30jährigen die Grünen stärkste Partei geworden sind und Union und SPD nur noch auf 10 Prozent kommen. Insgesamt war die Wahl in Deutschland sehr erfreulich: Hohe Wahlbeteiligung, recht eindeutiges Signal.

Können Parteien, die nur noch 2 Prozentpunkte vor DER PARTEI liegen, eigentlich noch den Anspruch erheben, Volksparteien zu sein?

In der Summe haben Union und SPD krass Stimmen verloren, die zum überwiegenden Teil zu den Grünen gewandert sind. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Der jahrzehntelange Unwille, Politik tatsächlich zu gestalten, hat eine tiefe Unzufriedenheit in der Bevölkerung hinterlassen.

CDU/CSU und SPD, das sind die Parteien der Besitzstandswahrer, der Gutsituierten, des gehobenen Mittelstands. Nur: Von dem gibt es immer weniger. Schere zwischen Arm und Reich und so, wissen schon. Hat man lange Zeit nicht bemerkt, weil: „Uns geht´s ja gut“. Nein, tut es nicht, und es waren zuerst die Rechten, die die Unzufriedenen an der Wahlurne eingesammelt haben. Die, die Veränderung wollen. Die, die bei einem „Weiter so“ fürchten, unter die Räder zu kommen. Das erklärt den überragenden Wahlerfolg der AfD in den Ostländern, wo sie teils stärkste Kraft wurde.

Gewählt wurden die ehemaligen Volksparteien primär von den älteren und Alten.

Nach den Unzufriedenen haben es die bürgerlichen Parteien mit ihrem deutschen Einheitsbrei nun auch geschafft die Jugend zu verlieren. Auch das nicht erst seit eben, sondern mit Ansage. Selbst wenn man der SPD extrem wohlgesonnen ist, muss einem klar sein, dass die zur jetzigen Situation maßgeblich beigetragen hat und die Rechten von Wahlerfolg zu Wahlerfolg mit trägt. Denn Demokratie lebt von Opposition, von Streit, vom Interessenausgleich. Durch ihren Entscheid für eine Große Koalition hat die SPD faktisch die Opposition im deutschen Bundestag eliminiert, und schnürt so kontinuierlich der Demokratie die Pulsadern ab, und sich selbst gleich mit.

Dabei wollen die jungen Leute gehört werden. Sie gehen auf die Straßen, sie nutzen ihre Medien um ihre Botschaften zu verbreiten.

Leider ist unwahrscheinlich, dass Union und SPD das jetzt noch verstehen. Stattdessen steht zu befürchten, dass die AKK-Union weiterhin tut, was Springer und VW ansagen, während die Nahles-SPD sich auf die letzten drei Kohlekumpel konzentriert. Man möchte ihnen zurufen: Geht sterben. Aber dank der modernen Medizin werden die noch lange genug leben, um richtig Schaden anzurichten.

Und nun? Für die SPD wäre das Beste, sofort aus der GroKo zu gehen, sich vier Wochen einzuschließen und anschließend mit einem Programm zurückzukommen, dass sich nicht an 100 Jahre alten Vorbildern orientiert. Die Union muss der Versuchung widerstehen, mit Blick auf die Landtagswahlen im Osten noch weiter am rechten Rand rumzufischen. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann ist es, dass flirten mit den extremen Rechten nur diese stärkt.

Die Grünen haben dagegen einen klaren Auftrag. Bei dieser Wahl waren sie Projektionsfläche für alle, die eine zukunftsoffene, gestaltende, sozialere, pro-Europäische, antifaschistische und ökologische Politik wollen. Dieser Vertrauensvorschuss wird aber nicht lange halten, wenn die Partei es nicht schafft, ihn zu verwandeln. Wenn bis zur nächsten Bundestagswahl nicht das Profil der Grünen klar an diesen Positionen ausgerichtet wird oder sich stattdessen die wirtschaftsfreundlichen Besitzstandswahrer – von denen es VIELE bei den Grünen gibt – durchsetzen, wird hier die dritte Volkspartei den Bach runtergehen.

Die Grünen haben einen klaren Auftrag, und für dessen Wahrnehmung wird es mehr brauchen als einen traurig guckenden Robert Habeck.

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Reisetagebuch Sardinien (10): Au Vaia

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist das Land gesperrt, die Stadt auch, und ich mache Bekanntschaft mit Vaia, die mich fast nicht mehr weg lässt.

Sonntag, 28. Oktober 2018, Portoscusa
Das Wohnzimmer meiner Unterkunft ist ein ehemaliges Restaurant. Der Raum ist bestimmt 30 Meter lang und 10 Meter tief. Zu drei Seiten ist er verglast, rundrum ist das Meer zu sehen. Der Himmel ist grau. Es ist windig, und hohen Wellen schlagen an die Felsen der Küste.

Den großen Raum ganz für mich allein zu haben ist fast etwas unheimlich. Wie kommt es, das aus einem Restaurant ein Wohnzimmer wurde?, frage ich die Gastwirtin. „Ach, lange Geschichte“, sagt sie. „Meine Familie hat das Gebäude hier gebaut, genauer gesagt: Mein Bruder. Das Restaurant wurde dann verpachtet, aber das lief nicht gut. Im Sommer, Juli bis August, ja, da gibt es hier viel zu tun! Aber den Rest des Jahres nicht, und irgendwann konnten wir das Restaurant nicht mehr verpachten. Also dachten wir, ok, man kann ja hier auch wohnen. Aber es sollte in der Familie bleiben, und deshalb wohne ich jetzt hier, mit meinem Mann und meinen Kindern.“ Ich nicke.

Wenig später summt der Fiat 500 durch die rostenden Industrieanlagen der Peripherie, dann über eine Straße, die sich immer weiter dem Meer annähert und in Kürze zu einer tollen Küstenstraße wird. Aber denkste, irgendwann stehe ich vor einer Polizeisperre. Was soll das denn? Irgendein Event, oder eine Treibjagd? Unwahrscheinlich wäre das nicht, es ist Sonntag und überall ziehen Männer in Tarnfleckklamotten und mit Schrotflinten durch die Felder.

Meh. Aber gut, muss ich halt außen rum. Eine Stunde kostet der Umweg, aber nun. Bald bin ich an der Küste, denke ich, als ich unvermittelt WIEDER vor einer Straßensperre stehe. Hier stehen Leute in Orangefarbenen Westen herum und passen auf, dass sich niemand um die Absperrung herummogelt. „Was issen hier los?“, frage ich eine der Westenfrauen. „Giro“, bekomme ich zur Antwort.
Eine Radsportveranstaltung!

Ich hasse Radfahrer. Ich darf nicht mal umdrehen, weil ich dann ja einen Radfahrer gefährden könnte, sagt eine Frau, die den Streckenposten macht. Wir diskutieren das aus, lautstark und mit viel dramatischem Armgefuchtel. Schließlich gibt sie auf, ich darf wenden und komme zumindest aus dem Stau raus. Aber was nun? Anscheinend haben die die ganze verdammte Küstenstraße gesperrt. Leider ist das die einzige Straße hier um nach Westen zu kommen. Im Hinterland erhebt sich ein mächtiges Gebirge.

Genervt: Ich will an die Küste, muss aber erst bei Sant´Anna (1) umdrehen, dann bei Teulada (2), dann hinter Teulada (3) und am Ende muss ich ganz in den Norden und um die Berge herumfahren (4).
Bild: Google Earth 2019

Ach, so ein Mist. Jetzt muss ich einen WIRKLICH langen Umweg fahren, einmal um die Berge herum. Das dauert mehrere Stunden.

Bild: Google Earth 2019

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Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

Nicht politikverdrossen genug

Ein junger Mann setzt sich hin, guckt sich mal die Politik der letzten 20 Jahre an, und was er findet, regt ihn einigermaßen auf. Darüber macht er ein Video, in dem er über die, in seinen Augen, wichtigsten Verfehlungen spricht. Da ein Großteil davon die CDU/CSU zu verantworten hat, trägt das Video den Titel „Die Zerstörung der CDU“, Jugendsprache für „Kritik an der CDU“. Sechs Tage später und drei Tage vor der Europawahl hat das Video fast acht Millionen Aufrufe und 150.000 Kommentare.

Auch SPD und AfD bekommen darin ihr Fett weg, aber tatsächlich dreht sich er Großteil um die CDU. Die Kritik bezieht sich auf Klimaschutz, Umverteilung und die offensichtliche Inkompetenz von Politikerinnen, die nicht mal rudimentäres Verständnis von ihrem Aufgabengebiet mitbringen und dennoch Ministerin sind. Das trägt Rezo, wie sich der junge Mann nennt, sachlich und ruhig vor. Jede einzelne Aussage, die er trifft, ist mit einer Quelle hinterlegt und verlinkt, die meisten Aussagen sind mit einem entsprechenden Videausschnitt versehen.

Und obwohl das Video mit einer Stunde Laufzeit eigentlich zu lang ist für die Plattform Youtube, wo Videos meist nicht länger als 8 Minuten dauern, erreicht es innerhalb von 6 Tagen sieben Millionen Aufrufe. Hier ist es:

Interessant ist die Reaktion der CDU. Die reagiert nämlich, für Internetverhältnisse, lange Zeit gar nicht. Als die Reichweite des Videos steigt und es immer öfter geteilt wird, beginnen einzelne Politiker damit rumzupöbeln, beschimpfen das Video als „Fake News“ und machen sich über Rezos blaue Haare lustig, nach dem Motto „Der Youtube-Vogel hat doch eh keine Ahnung“. Das war erwartbar, denn das ist auch einer der Punkte, die Rezo beklagt: Der respektlose Umgang der CDU mit politikinteressierten Jugendlichen, wie er gerade erst in der EU-Urheberrechtsdebatte zu bemerken war. Statt Argumente auszutauschen, fingen gestandene Politikerinnen von CDU und sogar den Grünen an, laut und hysterisch herumzupöbeln und persönlich zu werden.

So machte es auch die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer, die nicht inhaltlich auf das Video eingeht, sondern miesepetrig raunzte „Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab.“ Für eine CHRISTLICHE Politikerin ein erstaunliches Unwissen, es waren immerhin 10 Plagen.

Nach 5 Tagen kündigte die CDU an, mit einem eigenen Video antworten zu wollen. Man setzte den jüngsten Bundestagsabgeordneten vor die Kamera, drehte einen Tag lang, Schnitt eine ganze Nacht durch – und warf das Ergebnis am Ende in die Tonne. Das „Amthor-Video“ wird auf Twitter schon als ähnlich mysteriös besprochen wie das Bernsteinzimmer: Niemand wird es jemals sehen.

Stattdessen veröffentlichte man einen offenen Brief, in dem in typischen Nullsätzen geschwurbelt und Rezo „zum Dialog“ eingeladen wurde. Kann man machen, muss man aber ganz klar sehen: Thema verfehlt. Denn das ist genau der Punkt von Rezos Video: In Dingen wie dem Klimawandel gibt es keine zwei Meinungen, die man ausdiskutieren kann. Damit macht er sich unangreifbar, und die CDU kann dagegen nicht an – wie genau soll sie denn begründen, dass sie Kohlekraftwerke bis 2038 laufen lassen will, um 20.000 Arbeitsplätze zu retten, wenn sie in den letzten Jahren durch ihre Politik 80.000 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien vernichtet hat?

Interessant ist jetzt die Reaktion der klassischen, CDU-nahen Printmedien. Die FAZ stellt Rezo in die rechte Ecke und spricht von „Propaganda“. Damit unterstellt sie direkt mal, dass das Video aus Falschinformationen besteht, und Rezos Handeln gelenkt wird. Noch besser aber ein Kommentar, in dem Autor, der das Video offensichtlich nicht gesehen hat, sinngemäß herumheult, das „Immer der Beifall bekäme, der rumpöbelt, und wer am lautesten pöbelt, der kommt ins Fernsehen“.

Rezos Video hat aktuell fast acht Millionen Aufrufe. Darauf kommt die Tagesschau an sehr guten Tagen. Aber das Jugend von heute sich tatsächlich für Politik interessiert und dafür weder Fernsehen noch gedruckte Zeitungen braucht, das kommt im Weltbild von Politikern und Journalisten wohl nicht vor.

Kategorien: Meinung | 2 Kommentare

Reisetagebuch Sardinien (9): Lustlos

Herbstreise nach Sardinien. Heute gibt es einen goldenen Morgen, goldene Dünen, eine Höhle durch die eine Landstraße führt und ich übernachte in der Küche eines Restaurants.

Freitag, 26. Oktober 2018. Agriturismo Cuaddus e Tellas
Eine Minute vor dem Weckerklingeln wache ich auf. Es ist still und ruhig. Nicht mal Grillen zirpen. Auch die Pferde auf der Weide sind nicht zu hören. Was ist denn da los? Ich werfe mir die Jacke über und trete vor die Tür meines Zimmers auf dem Bauernhof Cuaddus e Tellas.

Es ist kühl, und es ist früh. Der Morgen ist spektakulär. Die Sonne filtert durch die Wolken über dem Tafelgebirge wie in einem billigen Bibelfilm. In den Tälern steht Nebel. Sowas kenne ich nur von Kitschpostkarten aus der Toskana.

Der Zauber hält nur wenige Minuten, dann ist das Licht anders, der Moment vorbei.

Pietro kommt von einer der oberen Weiden, wo heute Morgen die Pferde grasen. „Möchtest Du einen Spaziergang machen?“ fragt er. „Nein, ich möchte frühstücken“, sage ich. Einen Caffé Doppio und einen Keks später sitze ich am Steuer des Fiats und schaukele ihn aus dem Tor des Agriturismo hinaus und auf die Straße.


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Kategorien: Reisen | Ein Kommentar

Erschüttert

Ich bin gerade einigermaßen erschüttert. Grund: Ich habe gerade mal Fotos verglichen, die auf der letzten Reise entstanden sind.

Eines dieser Bilder ist mit dem iPhone8 entstanden, eines mit einer brandneuen 4K-Postfokus-Lumix TZ 81. Und nun raten Sie mal, welches Gerät welches Bild gemacht hat.

Die Lösung ist natürlich klar, sonst wäre es ja keine Überraschung: Das rechte Bild stammt aus der Handyknipse.

Genau.
So habe ich auch geguckt.

Warum soll man sich noch eine Kamera kaufen, wenn dabei so ein Murks im Vergleich zu Handybildern rauskommt?

Die TZ81 steht in der langen Tradition der Panasonic-Travelzoom-Kameras. Von denen hatte ich schon die TZ11, die TZ41, die TZ61 und nun die TZ81. Und, was soll ich sagen: Obwohl die 81er fast doppelt so groß ist wie die TZ41 von vor sieben Jahren, macht sie deutlich schlechtere Bilder, insbesondere bei schwieriger Beleuchtung.

Ich will nicht ausschließen, dass ich bei den Auto- und Postfokuseinstellungen was verkehrt gemacht habe. Das würde zumindest die Unschärfe erklären, ist aber eigentlich auch keine Entschuldigung, denn die Kamera lief im „Intelligent Auto“-Modus, der sowas eigentlich von allein machen sollte.

Tja. Die nächste Reise mache ich dann lieber nochmal mit der alten Kamera. Und mit dem Handy.

Kategorien: Ganz Kurz | 7 Kommentare

Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

Herbstreise nach Sardinien. Heute fahre ich einfach nur sehr lange durch die Gegend – durch das Dorf der Messermacher, über Berge und unter Wolken.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Agriturismo Scalzi bei Macomer
Anscheinend habe ich gestern Nacht nicht alle ausgeschlossen, als ich den draußen versteckten Schlüssel mit ins Haus genommen habe. Zumindest rumort es heute Morgen im Untergeschoß. Georgia, eine junge Frau in Leggings und Fleecejacke, hat Frühstück für mich angerichtet. Überhaupt ist der Hof auf der Hochebene bei Macomer heute morgen deutlich belebter, und als ich abreisen will, strecken gleich drei Frauen die Köpfe zur Tür raus.

Die älteste von ihnen ist wohl die Chefin. Sie scheitert grandios an der Bezahlung per Karte. Leicht hilflos und mit wachsender Verzweifelung drückt sie auf dem Zahlenpad herum, bekommt es aber nicht hin, den richtigen Preis einzugeben. Immer wieder scheitert sie daran, dass sie die Taste „5“ nicht fest genug drückt, und ich wahlweise 3,60 oder 3600 Euro für die Nacht bezahlen soll. Auf die korrekten 36,50 Kommt sie nie. Irgendwann gibt sie auf und murmelt „Vielleicht hat Booking.com die 0,50 Euro-Preise verboten?“ Ich muss lachen und zahle bar.

Der Himmel ist noch grau und bedeckt, als ich vor das Haus trete. In der Ferne thront der Ort Sindia auf einer Bergkuppe.

Es ist richtig kalt heute Morgen, der Fiat ist mit Kondenswasser bedeckt. Ein Wunder ist das nicht, wir befinden uns hier auf einer Hochebene. Keine Ahnung wie hoch, aber lauschiges Küstenklima ist anders.

Heute ist langer Fahr-Tag. Ich steuere den Fiat von der Wiese, auf der er die Nacht verbracht hat, und fahre auf eine gute ausgebaute Staatsstraße, die nach Norden führt. Hier treffe ich nach einer dreiviertel Stunde fahrt auf das „Tal der Nuraghen“.

Der Name ist eine Marketingerfindung des hiesigen Touristikverbandes und soll wohl an das Tal der Könige oder so erinnern. Ein Tal ist das hier nämlich nicht so richtig. Ich habe die Landschaft her aus der Luft gesehen: Eine wildgrüne Ebene, die seltsam terassenförmig aussieht. Darin stehen hier und da Nuraghen rum.

Bis ich anfing über Sardinien zu lesen, wusste ich nicht, was das ist. Es sind alte Steinbauten, gebaut vor rund 4.000 Jahren und ganz unterschiedlich in Form und Funktion. Wozu sie im Einzelnen dienten, weiß heute niemand mehr. Manche Nuraghen sind einfache Türme aus Findlingen, andere sehen aus wie Minifestungen, mit Befestigungsmauern und Innenhöfen. Im Prinzip ist jede größere, menschengemachte Ansammlung von Steinen auf Sardinien eine Nuraghe.

An der Straße ist meilenweit nichts außer einem Flachbau mit einem Schnellrestaurant und einem Souvenirshop. Hier muss man eine Eintrittskarte für eine Nuraghe kaufen, die neben der Straße und mitten auf einem Feld steht. Wirkt ein wenig wie eine Road Attraktion in den USA.

Diese Nuraghe heißt Santu Antine.


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Kategorien: Reisen | 2 Kommentare

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