Reisetagebuch (7): StormChaser

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute fällt der Tag ins Wasser.

Dienstag, 26.06.2018, Pomarico, Basilikata
Ein Fauchen und Rauschen weckt mich aus dem Schlaf. Uh, das hört sich aber gar nicht gut an. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt die Befürchtung: Es regnet, und die Bäume vor dem Haus werden von einem heftigen Sturm hin- und hergepeitscht.

Ein schnelles Frühstück später trage ich die Koffer zur V-Strom und mache dann die Vakuumrolle mit den Regensachen auf. Ist das erste Mal, das ich die auf dieser Fahrt brauche. Immerhin. Ein schlechter Tag kann gerne mal dabei sein.

Sorgfältig lege ich die „StormChaser“-Regenkombi an und ziehe die Riemen fest, dann streife ich die wasserdichten Handschuhe über. Jetzt kann es losgehen. Die V-Strom röhrt aus dem Unterstand, in dem sie die Nacht verbracht hat, und schlittert über den unbefestigten Hinterhof, der sich über Nacht in ein Schlammfeld verwandelt hat. Außerdem ist er übersät von Maschinenteilen: Alte Quads, Kühlmaschinen aus der Gastronomie und landwirtschaftliches Zeug in verschiedenen Stadien der Zerlegung stehen und liegen hier rum. Sieht mehr wie eine Müllhalde aus hier als wie ein Hotelbetrieb. Egal, das Colle di Siesto ist eine tolle Unterkunft, lass es doch unterm Sofa wie bei Hempels aussehen.

Dann geht es hinaus auf die Bergstraßen und runter von dem Felsmassiv, auf dem Pomarico liegt.


Bild: Google Earth 2018

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Von weiter unten kann ich den Berg sehen, auf dem der Gasthof liegt.

Der Himmel ist dunkel und der Regen wird immer stärker. Ich lasse das Garmin die Wettervorhersage für die geplante Route anzeigen. Die sieht so gemischt aus, leichte und schwere Schauer sollen sich abwechseln. Ich fahre erstmal weiter, ein Auge immer am Horizont. Der sieht dunkel aus.

Dann meldet sich meine virtuelle Copilotin im Helm. „Es wurden Meldungen für die aktuelle Route gefunden“, verkündet Anna und fängt an vorzulesen, was sie an Infos aus dem Netz gezogen hat. „Straßensperrung auf E90. Stau auf 5 Kilometern Länge auf Strada Statale 57. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Statale 57. Unfall auf Strada Provinziale 359. Der Verkehr wird einseitig umgeleitet, Staulänge 7 Kilometer. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Provinziale 359. Unfall auf…“ Ich breche die Tirade ab. Mittlerweile regnet es stark, und es ist so dunkel als wäre späte Dämmerung.

Ich lasse Anna das Wetterradar starten. Der Bildschirm im Cockpit der V-Strom springt von der Navigationsansicht auf eine Karte der Region um, über die sich langsam Wetterdaten legen, die die rudimentäre KI des Geräts aus dem aus dem Netz holt. Je nach Stärke des Niederschlags färbt sich die Karte ein. Blaue Einfärbungen sind Nieselregen, grüne und gelbe leichter bis mittlerer Regen, und so weiter. Die Umgebung auf der Karte glüht tiefrot, teilweise sogar lila! Offensichtlich ein Starkregengebiet, das über Tarent dreht – ausgerechnet der Stadt, in die ich jetzt eigentlich wollte.

Starkregen erklärt auch die etwas kryptische Meldung des „unsicheren Fahrbahnzustands“, die Anna so gehäuft gefunden hat. Die Straßen, die ich geplant hatte, sind nicht groß und vermutlich stark von LKW frequentiert. Das bedeutet: Spurrinnen und Gummiabrieb, dazu der Staub des süditalienischen Sommers. Das ergibt in Kombination mit Regen eine glitschige Mischung. Wenn dann die Fahrbahn noch mit Bitumen geflickt wird, hat sie ähnliche Reibwerte wie Glatteis. Die zahlreichen Unfälle auf der Strecke legen nahe, dass ich mit diesen Überlegungen nicht ganz falsch liege.

Nein, so ein Abenteuer brauche ich nicht. Ich lasse Anna alternative Wege zur heutigen Unterkunft suchen, und unter den drei Routen, die sie rechnet, ist auch eine, die über die großen und gut ausgebauten Strada Statales führt. Langweilig zu fahren, aber wenigstens sicher. Bei dem Wetter will ich nicht durch Orte und über kurvige und kaputte Regionalstraßen gurken. Bei so einem Wetter will ich mir auch nichts ansehen. Lieber liege ich den Rest des Tages in der Unterkunft auf dem Bett und lese, als das ich mir hier weiter den Regen um die Ohren klatschen lasse. Ich gebe Gas und steuere die Barocca zügig in das Regengebiet. Der Wind frischt weiter auf. “ So muss es sich anfühlen, durch einen Tropensturm zu fahren“, denke ich, während das Motorrad ordentlich durchgeschüttelt wird.
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Kategorien: Motorrad, Reisen | Ein Kommentar

Reisetagebuch Motorradtour (6): Mach Deine Hausaufgaben

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es durch die Basilicata, die V-Strom sprüht Funke, eine Straße geht steil und nebenbei werden die Lieblingswerkzeuge zu Reisevorbereitung vorgestellt.

Gott, bin ich müde! Beim Schreiben dieser Zeilen fallen mir die Augen zu. War aber auch ein langer Tag und vorher schon klar. Ich plane ja sowas. Intensiv. Always do your resarch, mach Deine Hausaufgaben! Je mehr Zeit man in die Vorbereitung investiert, desto weniger Stress hat man später, und umso mehr hat man von der Reise. Ich nehme mir damit keine Spontanität, ich steigere mit Planung die Intensität. Bis zur Erschöpfung.

25.06.2018, Monte Sant´Angelo, Apulien
Zwölf Stunden früher: Im Zimmer ramentert es, was mich aus dem Schlaf reisst. Ich bin nicht ganz sicher, ob mich das Ehepaar im Zimmer nebenan geweckt hat, das sich anscheinend über das Fernsehprogramm streitt, oder ob es das Wiesel ist, das seine verfilzte Nase in die Morgenluft über dem Golf von Manfredonia hält.

Zu meiner Überraschung hat sich die Geburtstagsgesellschaft, die bis spät in die Nacht vor meinem Hotelzimmer gefeiert hat, komplett aufgelöst und ist verschwunden. Im Frühstückssaal bin ich nämlich allein. Interessant, die die haben gefeiert bis in die Puppen, aber übernachtet hat hier anscheinend keiner der Partygäste.

Sind die etwa alle letzte Nacht noch besoffen nach Hause gefahren? Ich lasse die Kuchengabel fallen und renne vor´s Haus. Puh, die V-Strom steht noch in der Zufahrt des Parkplatzes, ohne einen Kratzer. Hätte mir noch gefehlt, das ein Partygast die Karre umfährt.

Zwischen Monte Sant´Angelo und meinem ersten Ziel an diesem Tag liegen nur 30 Kilometer. Es ist warm, und die V-Strom summt in einem Tal im Bergmassiv des Gargano entlang und zum nächsten größeren Ort. Die Gegend hier ist ziemlich verlassen, nur ein paar Schafe gucken dem Motorrad hinterher.

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Bei dem Ort, zu dem ich nun will, handelt sich um San Giovanni Rotondo. Das ist eine kleine Stadt, aber einer der bekanntesten Orte Italiens. Kennt aber außerhalb des Landes kaum jemand. Solche Orte findet man, wenn man seine Hausaufgaben macht. So nenne ich die Vorbereitung einer Reise.

Von Monte Sant´Angelo im Osten nach San Giovanni Rotunda, rund 30 Kilometer.
Bild: Google Maps

Unter „Hausaufgaben machen“ gehört die Beschäftigung mit Land oder Region und den jeweiligen Eigenarten. Dabei helfen mir oft klassische Reiseführer, also gedruckte Bücher auf Papier(!). In den vergangenen Jahren haben sich aber auch Bild- und Fotobände bewährt, um Ziele zu finden, wo ich dann spontan sage: Da möchte ich hin!

Bei den elektronischen Medien nutze ich das bekannte Trip Advisor witzigerweise so gut wie gar nicht. Zu verschieden sind meine Vorlieben und die Empfehlungen der Masse, die Trip Advisor abbildet, darum finde ich nur selten Orte und Aktivitäten darin, die mich ansprechen.

Sehr cool und von mir gerne benutzt ist hingegen der Atlas Obscura, eine Sammlung von Orten, die von ungewöhnlich über skurril bis hin zu eklig reichen. Mein allerwichtigstes Planungstool ist Google Maps. Damit berechne ich nicht nur Etappen, damit suche ich auch, in der Satelitenansicht, nach interessanten Orten. Spätestens damit wäre mir San Giovanni Rotondo aufgefallen, denn mitten in dem Dorf steht das hier:

Bild: Google Maps 2018

Das will ich mir jetzt ansehen!

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Jahresanfangsirrsinn

  • 2019 geht genauso irre weiter wie 2018 aufgehört hat. Viel zu tun, keine Zeit für irgendwas. Das ist nur so mittelgut. Ich wache morgens schon mit einem Puls von 120 auf, die Verspannung in der Schulter lässt mich ständig aufstöhnen und ab der Mitte des Tages bin ich totmüde. Für das Blog bedeutet das: Freude, wenn ich es wenigstens schaffe, das Reisetagebuch ein Mal in der Woche weiter zu führen. Einige andere Beiträge, die mir echt wichtig sind, werden wohl noch länger im Entwurfsordner bleiben.
  • Immerhin habe ich es geschafft eine Langzeitblutdruckmessung zu machen. Die Ergebnisse sind unschön, gelinde gesagt. Das Messgerät warf teilweise Fehlermeldung E12. Die Arzthelferin musste den Fehlercode nachschlagen. Er bedeutet: Messung nicht möglich, Blutdruck zu hoch. WTF?
  • Tee. Grüner Tee soll ja den Blutdruck senken. Aber den ganzen Tag Tee trinken ist seltsam.
  • Ich habe zum ersten Mal mit meinem Telefon bezahlt, in dem ich es an einen Parkautomaten gehalten habe. Androidnutzern mag das nur ein müdes Lächeln entlocken, für Apple-Nutzer ist das aber spektakulär. Knapp vier Jahre nach dem Rollout in Kasachstan(!) kommt Apple Pay nun auch nach Deutschland. Auch wenn die Sparkassen hier noch rummaulen und lieber wieder was eigenes basteln würden.
  • Ich habe etwas beim Otto-Versand bestellt. Zum ersten Mal in meinem Leben.
  • Heute das erste Mal seit dem 18. Dezember wieder eingekauft.
  • Das Kleine Gelbe AutoTM sieht immer noch aus wie ein Lowrider. Vorne steht der Wagen hoch, hinten hängt er tief. Die Reaktion der Werkstatt, auf meine Aussage: „Das sind nicht die richtigen Federn, die sie da vorne eingebaut haben“: „Wer sagt das?“. Meine Rechtsanwältin feilt sich schon die Eckzähne nach.
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Reisetagebuch Motorradtour (5): Das platte Land

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es in den Mezzogiorno und in den Umbrawald, wo die Umbrahexen wohnen.

Sonntag, 24.06.2018, Hotel Tremonti, Popoli
Es ist kurz nach sechs, und die beiden alten Männer im Nebenraum ratschen wie die Waschweiber. Kaum sind sie wach, was leider sehr früh ist, quatschen sich die beiden eine Naht zusammen. Durch die Verbindungstür zwischen unseren Zimmern klingt es, als ob die beiden links und rechts an meinem Bett stehen und sich über mir unterhalten. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, das Gesabbel geht selbst durch die Ohrenstöpsel. Ich seufze, setze mich auf und blicke auf die Uhr. Scheiße. Ich wollte zwar früh los, aber doch nicht SO früh.

Als ich in den Frühstücksraum komme, wartet die nächste unangenehme Überraschung. Trotz der frühen Uhrzeit ist das Buffet schon leergefressen. Die Buslandung Rentner, die gestern Abend eingetroffen ist, hat sich wie ein Schwarm Heuschrecken darüber hergemacht und in Rekordzeit alles vertilgt. Jetzt stehen überall widerlich gutgelaunte, sportlich aktive und in Membranklamotten eingeschweißte Senioren herum und schnattern. Mißmutig ignoriere ich die letzten Kuchenkrümel, die wie die Überbleibsel eines Schlachtfelds auf verwüsteten Tellern herumliegen, nehme mir einen Espresso, stürze den runter und trage dann die Koffer zum Motorrad.

Sofort steht eine Traube Senioren um das Motorrad und inspiziert meine Startvorbereitungen. Ich lasse mich davon nicht aus der Ruhe bringen und gehe meine Pre-Start Checkliste durch.

Koffer fest in Halterung und gesichert? – Check.
Topcase verschlossen und fest in Halterung? – Check.
Bremsscheibenschloss ab? – Check.
Navi fest in Halterung? – Check.
Helm eingeschaltet? – Check.
Jacke geschlossen und Kalibrierung läuft? – Check.
Handy, Portemonnaie, Schlüssel und Tracker sind alle da und stecken in den richtigen Taschen? – Check.

Jeder Handgriff sitzt, kein prüfender Blick ist überflüssig. Ich brauche dieses bewusste Durchgehen, nur für mich selbst. Wenn ich jetzt nicht bewusst diese Sachen prüfe, werde ich spätestens nach einem Kilometer auf der Straße denken „Sitzt das Topcase WIRKLICH fest?“ oder „Habe ich den Schlüssel wirklich dabei?“ – und dann werde ich wieder anhalten, absteigen und nachgucken. Besser jetzt all dieser Sachen versichern und beruhigt losfahren.

Ich lasse den Motor an und hebe das Motorrad vom Ständer.

Seitenständer weg? – Check.
Navi läuft und Route für heute ist geladen? – Check.
Bluetoothverbindungen zwischen Motorrad, Navi und Helm stehen? – Check.
Jacke ist kalibriert und Airbagsystem läuft? -Check.
Reifendruck OK? – Meeep, nein.

Anna meldet sich in meinem Helm. Der Reifendruck ist zu niedrig, signalisiert sie. Ich ignoriere das und fahre los, steuere um die Absperrung der Hoteleinfahrt und lasse die Aktivsenioren hinter mit zurück.

Das mit dem Reifendruck ist OK so. Ich habe den eingestellt als draußen 25 Grad waren. Diese Temperaturen werden ich in den kommenden Tagen auch wieder erleben. Aber heute Morgen, hier oben in den Bergen, haben wir gerade 10 Grad. Da darf der Druck etwas zu niedrig sein. Sobald ich aus den Bergen raus bin und es wieder wärmer wird, passt alles wieder.

Popoli liegt zwar nur 250 Meter über dem Meeresspiegel, aber in den Ausläufern der Abbruzzen, des großen Gebirges in der Mitte Italiens. Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0

Ich gebe Gas und fahre die Staatsstraße Richtung Pescara. Das Navi besteht darauf, auf die Autobahn zu wollen, aber ich bleibe stur auf der SS05. Das beschert uns schöne Anblicke von Weinbergen und eine nette Kurverei. „Sie befinden sich nicht auf der schnellsten Route. Bitte wenden sie“, nörgelt mir die virtuelle Copilotin ins Ohr. „Anna, sie haben eindeutig zu wenig Sinn für Romantik“, erwidere ich und ziehe die V-Strom der Morgensonne entgegen.

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Immer neben der Autobahn her: Kurvige und schöne Staatsstraße. Bild: Google Earth 2018.

Vor Pescara biege ich ab. Jetzt geht es nach Süden, die Küste hinunter.

Bild: Google Earth 2018.

Das macht so mittelviel Freude, wie fast überall in Italien ist auch hier die Küste so eng bebaut, das man vom Meer nur selten etwas sieht. Dafür fährt man an endlosen Reihen von Restaurants und Fertighäusern vorbei. Aber manchmal blitzt doch das Meer zwischen ihnen durch, und dann fühlt sich das hier auch an wie eine Küstenstraße.

Bei Marina di San Vito halte ich an und stelle die Barocca an der Strandpromenade ab.


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Das war das Jahr, das war (2018)

2018 war anstrengend.

Lage der Nation: Politisch ist das erste Halbjahr Stillstand, bis sich endlich eine Regierung gebildet hat. Am Ende kommt ausgerechnet eine große Koalition dabei heraus, dieses demokratiefeindliche Konstrukt, in dem sich die beiden Volksparteien CDU und SPD aufreiben. Die Mitte bricht weg, der die Ränder werden breiter. Insbesondere der Rechtspopulismus verschiebt die Grenzen des Sagbaren, mittlerweile hetzen AfD-, ehemalige CDU- und aktive CSU-Politiker offen gegen Minderheiten.

Im Netz sprießen Seiten für „Alternative Nachrichten“, über die sich die Menschen selbst radikalisieren, meist ohne es zu merken. Insbesondere Medienunerfahrene und vor allem alte Menschen rutschen in die rechten Echokammern hinein, die ihnen über „Nachrichten“ und „Fakten“ einreden, das Horden von messerschwingenden Migranten durch Deutschland ziehen, ständig Leute umbringen und an ALLEM Schuld sind, insbesondere der hohen Mieten in München – aber diese Informationen werden vom Staat und den „Mainstreammedien“ ja totgeschwiegen. Problem dabei: Solche Verschwörungstheorien lassen sich nie widerlegen. Gibt es keine Beweise, hat die halt jemand vertuscht. Im Zweifelsfall Merkel, die sich in diesem Jahr vom CDU-Vorsitz zurückzieht.

Daraufhin taucht Friedrich Merz wieder auf, eine Figur, bei der ich froh war, als sie Anfang der 2000er von der Bildfläche verschwand. Merz arbeitet für Black Rock, den weltgrößten Vermögensverwalter, der dafür bekannt ist, eigene Schattenfinanzmärkte hochzuziehen und Politik ganzer Länder zu beeinflussen. Und nun versucht Black Rock, einen der ihren als potentiellen Kanzler eines der mächtigsten Länder der Welt zu installieren. Geht im ersten Anlauf schief, obwohl man für die Kampagne Profis engagiert und sogar die BILD in Stellung gebracht hat.

Lage der Welt: Während Deutschland nach rechts ruckt und sich ansonsten mit sich selbst beschäftigt (Dieselskandal), dreht der Rest der Welt frei. Die Russen testen Hyperschallwaffen, die Japaner fangen wieder Wale, Trump nimmt die USA aus wie eine Weihnachtsgans, Italien wird von einem rechtsradikalen Pöbler regiert und England versucht sich am Brexit, was auf den Rest der Welt so aussieht, als würden sie sich selbst unter großem Jubel versenken. Daneben finden immer mehr Länder, dass man es mit dem Klimaschutz mal nicht so übertreiben solle, Wirtschaft sei doch viel wichtiger. Alles seltsam, alles erschreckend, gefühlt macht die Welt gerade eine Rolle 50 Jahre rückwärts. Schlimm, wie einige radikale Personen das Rad der Zeit zurückdrehen können.

Und sonst noch? Hier die immer weiter mutierende Form des Bloggerdorf-Fragebogens.

Wort des Jahres: Omaschaf.

Einschneidendstes Erlebnis:
Der Moment beim Arzt, als ich begriff, dass mich mein Blutdruck umbringen wird wenn ich nichts unternehme.

Zugenommen oder abgenommen? Zugenommen.

Bestes Ereignis: Gleich mehrere, hängen immer damit zusammen Leute getroffen zu haben. Meist waren Motorräder involviert.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Seufz. Zu viel Arbeit um noch Lust an Sport zu haben. Ich weiß, verkehrte Einstellung.

Die hirnrissigste Unternehmung?Diese unfassbar teure Tech Air-Jacke zu kaufen, bzw. die Umstände: Mehrfach 150 km zum Händler und zurück zu fahren, Jacken in mehreren Größen zu kaufen und wochenlang anzuprobieren, darüber bald irre werden.

Ort des Jahres? Genua. Im Februar. Mit Marta. Großartig.

Die teuerste Anschaffung? Die Tech Air-Jacke mit Chassis.

Das leckerste Essen? Dieses komische Fleischirgendwasgericht in Pomarico. Ich werde nie erfahren was das war, aber war gut.

2018 zum ersten Mal getan? Mit dem Motorrad zusammen übers Meer gefahren und eine thermische Erregungsprüfung mitgemacht.

2018 endlich getan? Mich zu einer Frenulotomie (Penisverkleinerung) durchgerungen. Das macht nun vieles einfacher. Trotzdem noch nicht den Drang verspürt, einen Porsche zu kaufen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Nachricht, dass ein guter Freund an Krebs im Endstadium erkrankt ist. Ein schmerzhaftes Erysipel. Noch 5 Kilo mehr auf den Hüften.

Gereist? Oh ja.

2018 war in einem Wort…? Kräftezehrend.

Film des Jahres: „Mission Impossible: Fallout“, knapp vor „Red Sparrow“ und „Bladrunner 2049“

Theaterstück des Jahres: „Gelbe Wüste, Rosa Raum“ im Theater im OP.

Musical des Jahres: „Mary Poppins“ im Stage Theatre in Hamburg

Hörbuch des Jahres: „Die Känguru-Apokryphen“ von Marc-Uwe kling

Spiel des Jahres: War ein ausgezeichnetes Jahr für erstklassige Games. „Spider-Man“, „Red Dead Redemption 2“, „Assassins Creed: Odyssey“ um nur ein paar zu nennen. Mein persönliches Game of the Year war aber das toll geschriebene, sehr gut designte und zum Verlieben schöne „God of War“ (allerdings habe ich zum Zeitpunkt dieses Posts „RDR2″“ noch nicht gespielt).

Serie des Jahres: Ich habe Rick and Morty endlich gesehen und fand das super, da kam auch „Westworld Season 2“ und „A Series of Unfortunate Events Season 2“ nicht dran, und ganz viel mehr habe ich auch nicht gesehen. Ich bin kein Seriengucker, soviel Zeit opfere ich dem nicht.

Buch des Jahres: „Born a Crime“, die Geschichte von Trevor Noah.

Ding des Jahres: Die superleichte elektrische Reisezahnbürste von NewGen Medicals

Spielzeug des Jahres: Eine Fenix LD15R-Taschenlampe.

Enttäuschungen des Jahres: „Shadow of the Tomb Raider“ hält hier unangefochten den ersten Platz. Das Ende einer Trilogie nach zwei starken Vorgängern so zu vergurken, das muss man erstmal hinkriegen. Außerdem schlimm: „Dark“, eine verbissenen-ungelenke Netflix-Serie, deren Alleinstellungsmerkmal Regen in Niedersachsen ist, und „What happenend to Monday“, eine unsympathischer Film, der sich an Gewalt gegen Frauen ergötzt.

Die schönste Zeit verbracht damit…? Mit dem Reisemotorrad eine Motorradreise zu machen.

Vorherrschendes Gefühl 2018? Müdigkeit.

Erkenntnis(se) des Jahres: Die 68er waren nur eine Gegenreaktion auf eine kälter und gewalttätig werdenere Welt.

In diesem Sinne: Ich wünschen einen guten Start in ein tolles 2019!

Nekrolog:
War dieses Jahr nicht so schlimm wie im vorvergangenen, was den Kahlschlag der Helden angeht. Im Gegenteil, waren auch einige dabei, wo ich sagen würde: Ach, die gab es noch?
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Kategorien: Momentaufnahme | 13 Kommentare

Momentaufnahme: Dezember 2018

Herr Silencer im Dezember 2018

Auf die letzten Meter wird das Jahr nochmal richtig zum Arschloch.

Wetter: Für die Jahreszeit zu warm, mit 5 bis 10 Grad. Weihnachten viel Regen.


Lesen:

Jasper Fforde: Early Riser [Kindle]
Sechs Monate lang fressen die Menschen, um ordentlich Gewicht auf die Hüften zu bekommen. Denn: Die anderen sechs Monate verbringen sie im Winterschlaf. So war es schon immer, so ist es auch heute. Heute hilft allerdings das Schlafmittel Morphenox beim Winterschlaf. Das Medikament ist knapp und heiß begehrt, denn es unterdrückt Träume. Während die Menschheit in atomar beheizten Schlaftürmen schlummert, peitschen draußen Schneestrürme bei Temperaturen von Minus 80 Grad über Wales. Die einzigen Menschen, die wach sind, sind Schlaflose, Verbrecher und die Winterkonsule, eine paramilitärische Polizei, die die Schlafenden schützt. Ein solcher Konsul, der neu in seinem Job ist, rutscht in eine seltsame Verschwörung hinein, in der es um Zombies geht und die Frage, warum alle von einem blauen Buick träumen.

Ach, Jasper Fforde. Es ist immer das gleiche: Fforde denkt sich irre tolle Welten aus – eine Literaturpolizei innerhalb von Büchern („Thursday Next“), farbbasierte Gesellschaften(„Shades of Grey“), magische Altersheime („The Last Dragonslayer“) oder eben eine, in der der Winter das Leben der Menschen bestimmt. Bis in die kleinsten Details konstruiert Fforde das alles, jedes Ding hat seine Hintergrundgeschichte.

Und dann? Dann lässt er skurrile, aber eigenschaftslose Figuren in diesen verstörenden Welten herumtappen, die praktisch nicht nachvollziehbare Dinge erleben. Seine Geschichten sind eine endlose Abfolge von Deus Ex Machina-Momenten, denen man kaum folgen kann.

Bei den Thursday Next-Büchern fand ich das noch nicht so schlimm, mittlerweile gehen mir aber Ffordes wiederkehrende Marotten auf den Sacque. Auch in Early Riser gibt es schon wieder einen jugendlichen Protagonisten, der alles weiß und alles kann. Schon wieder wird aus der Ich-Perspektive erzählt, und schon wieder wirkt das Buch wie ein Prolog, das genau da endet, wo die Geschichte gerade interessant wird und durchstarten sollte. Aber nein, stattdessen gibt es einen Cliffhanger.

Das ist deshalb so schlimm, weil Fforde mittlerweile keine Fortsetzungen mehr hinbekommt. Es langweilt ihn, seine Geschichten weiter zu erzählen, stattdessen bastelt er lieber an einer neuen Welt für das nächste Buch – anders ist es kaum zu erklären, das die Story von „Shades of Grey“ seit 10 Jahren in der Luft hängt und „Last Dragonslayer“ seit 8 Jahren keinen Abschluss findet.


Hören:

Assassins Creed Odyssey OST
Schön gemachter, griechisch angehauchter Soundtrack, mit Stücken von The Fight und Fanny Perrier-Rochas.

Shirley Bassey: Get the Party Started
Shirley Bassey singt ALLES wie den Vorspann eines Bondfilms. Auf dieser Scheibe Songs anderer Künstler, wie Grace Jones „Slave to the Rythm“ oder Gloria Gaynors „I will survive“. Besonderes Highlight und völlig cool ist ihre Interpretation von P!nks „Get the Party started“.


Sehen:

Winchester – Das Haus der verdammten [Kino]
San Francisco, 1844: Der Psychologe Dr. Dingsbums wird vom Vorstand der Winchester Werke engagiert. Er soll Bescheinigen, dass die alte Witwe Winchester nicht mehr alle Latten am Zaun hat, um sie so aus ihrem Unternehmen rauszuklagen. Dr. Dings macht sich auf zum Gefälligkeitsgutachten und findet Helen Mirren vor, die Tag und Nacht an ihrem Wohnhaus bauen lässt. 168 Zimmer hat das Gebäude bereits, und es werden ständig mehr. Dazwischen gibt es Geheimgänge, ins Nichts führende Treppen und allerlei krudes Zeug. Witwe Winchester glaubt sich nämlich von Geistern verfolgt, den Geistern derjenigen, die mit Winchester-Gewehren getötet wurden. Diese Geister sollen sich in dem vertrackten Gebäude verlaufen.

Das seltsame Haus und die schrullige Winchester-Witwe mit dem Geisterspleen gab es wirklich. Wer hier aber eine Doku erwartet, oder Verfilmung auf Basis einer wahren Geschichte, liegt leider total daneben.

„Winchester“ ist nur ein ganz blöder, kleiner Horrorfilm, der schon in der Exposition unfassbar dumm daher kommt und im Hauptteil alle 2 Minuten mit Jumpscares nervt. Der Protagonist dreht sich um, ZACK, Geistergesicht. Der Protagonist dreht sich wieder um, PLÖTZLICH steht da der Kammerdiener. Echt, mehr hat der Streifen nicht drauf. Ein ganzer Film inszeniert als Jumpscare. JumpScare, Jumpscare, Jumpscare. Alle zwei Minuten zuckt man zusammen. Un-er-träglich, deshalb nicht bis zum Ende geguckt.

Charles Dickens Weihnachtsgeschichte [Theater im OP]
Das Märchen von Ebenezer Scrooge, mit Gebärdensprache. Originell: Teils sind die Rollen doppelt besetzt. Ein Ebenezer Scrooge spricht, der andere macht Gebärden. Sehr cool, überraschend trickreich inszeniert, stellenweise aber viel zu langatmig – etwas mehr Tempo wäre wünschenswert gewesen.

Egal was kommt [Video on Demand]
Christian Vogel hat einen Traum: Einmal mit dem Motorrad um die Welt fahren und die Reise ordentlich vermarkten. Mit 34 kündigt er seinen Job und macht sich mit seinem Motorrad auf die Socken. Ein Jahr lang will er allein unterwegs sein.

Der Film ist in zahlreichen Motorradblogs vermarktet worden. Solches „Influencermarketing“ finde ich immer erstmal verdächtig, und auch der Film selbst beginnt unsympathisch. Über Christian Vogel erfährt man erstmal gar nichts, stattdessen werden die Aufkleber der über 20 Sponsoren (die üblichen Verdächtigen von GoPro bis Wunderlich) und die Marken der Klamotten ins Bild gehalten. Die Reisevorbereitungen werden in nicht mehr als einer Trainingsmontage abgehandelt und sind größtenteils seltsam (bei einem Arzt das Nähen von Wunden an einem toten Huhn lernen? Srsly?) und dann darf Mutti noch in Interviewsequenzen erzählen, dass sie sich ganz doll Sorgen macht.

Das schwitzt aus jeder Pore den bitteren Gestank nach Vermarktung. Finde ich grenzwertig, wenn solche Reisen von Privatpersonen von vornherein auf Verkaufbarkeit gebürstet werden. Das Vogel sich im waren Leben als Fernsehautor und mit Onlineprojekten durchschlägt, nährt die Vermutung, dass hier so einiges inszeniert bzw. von vornherein auf Filmtauglichkeit hin organisiert wurde. Fast hätte ich den Film nach der Hälfte ausgemacht, aber dann hat er mich doch gepackt.

Das liegt an der geschickten Dramaturgie: Vogel erleidet in Indien einen Unfall, der ihn körperlich außer Gefecht setzt und sein Bike schwer beschädigt. Das ist natürlich genau das Motiv der Heldenreise, in der in Akt zwei immer der Held leiden muss, damit er am Ende triumphieren kann.

Tatsächlich ist das Leiden des Christian V. auch das zentrale Motiv, denn alles andere, was solche Motorradreisefilme normalerweise ausmacht – Vorbereitung, Dokumentation der Probleme mit Visa und Einfuhrbestimmungen, oder einfach nur tolle Landschaftsaufnahmen – findet hier nicht oder nur im Schnelldurchlauf statt. Ob die Dramaturgie der Unfallfolgenbewältigung inszeniert ist oder nicht – sie macht den Film anschauenswert, auch wenn einem ausgerechnet der Darsteller fremd bleibt.

Your Name [VoD]
Ein Junge in Tokio und ein Mädchen auf dem Dorf tauschen plötzlich die Körper. Das passiert zwei bis dreimal die Woche, immer sobald sie einschlafen. Was als verwirrtes Chaos beginnt („Wo ist mein Penis?! Wo sind meine Brüste?! Wo bin ich? Wer sind diese Leute?“) wird bald zum seltsamen Alltag, in dem die beiden jeweils zwei Leben leben und sich Nachrichten füreinander hinterlassen. Das ist auch nötig, denn nach dem Aufwachen erscheint das andere Leben stets wie ein Traum. Selbst die Namen der anderen vergessen die beiden immer wieder. Eines Tages hört der nächtliche Tausch auf, und der Junge macht sich auf die Suche nach dem Mädchen, dessen Namen er nicht kennt.

„Your Name“ hat mich ziemlich von den Socken gehauen. Es ist ein Zeichentrickfilm, aber definitiv keiner für Kinder. Die Problematik, zwei Leben auf die Reihe zu bekommen, wird sehr erwachsen dargestellt. Außerdem entspinnen sich gleich mehrere, zarte und sehr geerdete Liebesgeschichten – und dann hat der Film ab der Mitte einen Twist, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Ab diesem Moment wird es mysteriös und so spannend, dass ich Nägelkauend auf der Sofakante saß. Ein sehr sinnlicher und fantastischer Film, der sehr erwachsen ist und große Emotinen weckt. In Japan ist der schon vor zwei Jahren quasi durch die Decke gegangen, jetzt ist er erst zu uns gekommen. Unbedingt angucken, gibt´s bei Amazon für 1,99 Euro zu Leihen.

Hotel Artemis [VoD] In Los Angeles betreibt Krankenschwester Jodie Foster das Hotel Artemis. Der Hotelbetrieb ist nur Fassade, tatsächlich handelt es sich beim „Artemis“ um ein Krankenhaus für Kriminelle, die von Foster schnell wieder zusammengeflickt werden. Das Artemis hat strenge Regeln: Aufgenommen werden nur Mitglieder eines exklusiven Clubs, es werden ausschließlich Codenamen verwendet und das Töten anderer Gäste ist Tabu.

Sieht eingangs ein wenig nach Style over Substance aus, wenn eine auf alt geschminkte Jodie Foster durch das dark & gritty Hotel trippelt oder eine langbeinige Killerin tagelang in einem Cocktailkleid mit Hüftschnitt mondän in der Lobby rumhängt. Doch dann setzt sich eine erstaunlich komplexe Geschichte in Gang, die wie in einem Kammerspiel inszeniert wird und bei der alle Figuren nachvollziehbare interessen haben. Oh, und dann ist da noch Sofia Boutella als langbeinige Killerin. Die Tänzerin stellt mal wieder völlig irre Dinge an. Sehenswert!


Spielen:

Assassins Creed: Odyssey [PS4]
Kassandra ist eine Misthios, eine Söldnerin im Griechenland des Jahres 430 v.Chr. Sie lebt ohne Familie und von Job zu Job. Das war nicht immer so: Sie kann sich noch an eine behütete Kindheit in Sparta erinnern. Bis zu dem Zeitpunkt da ihr Vater, ein hochdekorierter Soldat, ihren Babybruder vom Berg Tygetos warf – und sie gleich hinterher.

Das Mädchen überlebte den Sturz und wurde zu einer muskulösen Kämpferin, die nun gegen Geld säumige Zahler auf der Insel Kefalonia zusammenschlägt oder für den Meistbietenden in die Schlacht zieht. Das ändert sich, als sich ihr die Chance bietet, Kefalonia zu verlassen. Kassandra reist durch Griechenland und begegnet Zeitgenossen wie dem Geschichtsschreiber Herodot, dem Philosophen Sokrates oder dem Heiler Hipokrates. Allerdings ist die Reise nicht immer friedlich: Zwischen Athen und Sparta tobt der peloponnesische Krieg. In dessen Wirren findet Kassandra Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte und Hinweise auf einen geheimnisvollen Kult, der im Hintergrund die Fäden zieht.

„Mehr Rollenspiel“ sollte Odyssey sein, das „größte Assassins Creed überhaupt“ usw. usf.
Lässt man das jährlich wiederkehrende Marketingsprech mal weg, bleibt ein Prügelspiel im historischen Gewand übrig, quasi der Film „300“ zum Spielen. Der Unterbau ist der gleiche wie im Vorgänger „Origins“ vom vergangenen Jahr, allerdings ist „Odyssey“ weit davon entfernt, nur ein anderer Skin für das gleiche Game zu sein. Im Gegenteil, hier wurde an der zugrundeliegenden Engine gefeilt und vieles anderes gemacht, manches sogar besser.

Am Vorgänger hatte ich moniert, dass das Deckungssystem unnütz und das Kampfsystem broken war. Das ist bei „Odyssey“ nun besser, es gibt kein Rummfummeln mit dem Schild mehr, und Zuschlagen funktioniert agiler. Das macht durchaus Laune, wird aber von zwei Problemen etwas versäuert. Zum einen passieren Kämpfe ständig, ohne das es besonderer Anstrengung bedarf. Einmal übers falsche Grundstück gelatscht, schon hat man ein halbes Dutzend Wachen am Hintern.

Zum anderen: Die Kämpfe sind deutlich zu lang. Meist hat man ein oder zwei „Captains“ mit dabei, und deren Lebensbalken sinkt nur in homöopathischen Dosen. Das ändert sich im Spielverlauf auch nicht oder nur wenig, denn die GEGNER LEVELN MIT. Das ist in meinen Augen eine Todsünde, denn man steckt viele, VIELE Stunden in den Aufbau der eigenen Spielfigur, ohne das die wirklich spürbar stärker wird.

Progression erfolgt stattdessen in erster Linie über Loot, was extrem unbefriedigend ist. Ich weiß natürlich, woher das kommt: Odyssey soll ein Game-as-a-Service sein und die Spieler mit Contentnachlieferungen möglichst lange binden, und Loot mit anderen Punktwerten ist halt billig zu erstellen.

Gefallen muss mir das aber nicht, denn durch den GAAS-Ansatz passieren Dinge, die ich ungesund finde. So schrammt „Odyssey“ durch seine Levelgrenzen, zu viel Nebenmission und Fetchquests am Grind und damit an Lebenszeitverschwendung entlang, kriegt aber meist noch die Kurve. Für Leute, die aber irgendwann auch mal mit einem Spiel fertig werden wollen, gibt es im Store gegen Echtgeld XP-Booster, die das Durchspielen beschleunigen. Das muss man sich mal reinziehen: Man kauft ein Spiel um unterhalten zu werden, und muss DANN noch Geld ausgeben, damit es kürzer und wieder spielbar wird. Das ist in meinen Augen ein spielkulturelles Problem.

Was besser geworden ist: Während in Vorgänger „Origins“ alle NPCs aussahen, als hätten sie wirklich, WIRKLICH schlimme Autounfälle gehabt, sind die Figuren in „Odyssey“ zum Verlieben schön. Mimik, Körperhaltung, Animation – alles hier sieht fantastisch aus und passt gut zu der toll modellierten Landschaft. Klippen, Wälder, Städte – ja, das Griechenland, und es ist wunderschön.

Alle neuen Systeme sind dafür in „Odyssey“ unnütz. Dazu zählen Dialogsystem, Söldnerränge und Eroberungsschlachten. Im Dialogsystem, was als Feigenblättchen für den angeblichen RPG-Charakter von „Odyssey“ herhalten muss, haben die Antwortoptionen nur an insgesamt 6 Stellen im Spiel einen Effekt, ansonsten sind sie Kosmetik – es ist schlicht völlig egal, was man auswählt, der Outcome ist stets gleich.

Das Söldnersystem funktioniert in der Theorie ähnlich wie eine Kombination aus dem Wanted-Level in „Grand Theft Auto“ und das Nemesissystem in „Shadow of Mordor“: Lässt man sich bei Verbrechen erwischen, wird ein Kopfgeld ausgesetzt, und Söldner machen Jagd auf Kassandra. Die kann sich den Söldnern stellen und sich durch ihre Ränge kämpfen, um dafür dafür Loot einheimsen und Vergünstigungen bei Händlern zu bekommen.

Hört sich gut an, nervt in der Praxis aber konstant. So passiert es ständig, dass Söldner innerhalb von Missionen auftauchen und diese verhageln. Mehr als einmal bin ich heimlich in Anwesen rumgeschlichen, habe mich ungesehen meinem Ziel genähert – und dann tauchte plötzlich mitten im Zimmer ein Söldner auf und wollte kämpfen. Zum Glück lässt sich nach einiger Zeit das Kopfgeld im Menü des Spiels begleichen und so die Söldner loswerden. Geld ist, zumindest nach den ersten Spielstunden, aufgrund von schlechtem Balancing sowieso im Überfluss vorhanden.

Ähnlich unsinnig ist auch das neue Element der Schlachten. Kassandra kann sich entscheiden, ob sie in Gebieten die Machthaber schwächt oder stärkt, um dann Spartanern oder Athenern in einer großen Schlacht zum Sieg über eine Region zu verhelfen. Nur: Das hat NULL Effekt auf die Umwelt. Es spielt keine Rolle, ob Spartaner oder Athener die Mehrzahl der griechischen Regionen besetzen, ist also reiner Selbstzweck. Zum Glück lässt sich dieser Unfug weitgehend ignorieren, genau wie ein Gutteil der Missionen. Die sind spielmechanisch größtenteils repetitiv, aber wesentlich besser geschrieben als im Vorgänger und oft ganz unterhaltsam. Manchmal enthalten sie auch Infos, die für die Hauptstory wichtig ist. Diese Perlen des Writings muss man aber erstmal finden, denn sie sind unter viel zu viel Gerümpel vergraben.

Damit kommen wir zu den beiden Punkten, die ich zuerste als Probleme von „Odyssey“ ausgemacht hatte:

  1. Es ist zu groß. Das Ägypten in „Origins“ war schon zu groß, und Griechenland in „Odyssey“ ist nochmal deutlich größer. Von allem gibt es zu viel: Zu viel Landschaft, zu viel Charaktere, zu viele Missionen, zu viel Loot. Für normale Spieler ist das Game unspielbar, denn wer hat schon die Zeit, mehr als 100 Stunden in so etwas zu versenken? Zum vergleich: Assassins Creed II, bis heute das beste Spiel der Reihe, erzählte eine tighte und spannende Story in 20 Stunden

  2. Es ist lange Zeit kein „Assassins Creed“ mehr. Von der Lore her nicht, denn der Creed entsteht erst 400 Jahre später, die Assassinen treten gar erst 1.500 Jahre später auf. Spielerisch aber auch nicht. Ja, man kann schleichen, aber lautlose Morde gibt es hier nur selten, die Zielpersonen lassen sich meist nicht lautlos meucheln.

…und dann merkte ich, so ab Stunde 80, das mit die große, offene Welt mit ihren unterschiedlichen Landschaften und ihren vielen Geschichten doch unheimlich Spaß macht. Plötzlich war es fast ein trauriger Gedanke, dass die Odyssee irgendwann enden sollte. Als sie das nach 105 Stunden wirklich tat, war das Ende aber tief befriedigend.

Denn bei aller Kritik: Das Ende ist es dann auch, was die drei Haupthandlungsstränge um Kassandras Familie, die Artefakte der ersten Zivilisation und den geheimen Kult zusammenführt und „Odyssey“ doch zu einem Assassins Creed-Spiel macht. Es bringt nämlich einen WTF-Moment mit, der einen allen Grind vergessen lässt. Schade, dass die allerwenigsten Spieler dieses Ende sehen werden und schade, dass die Handlung bis dahin nicht deutlicher macht, wohin die Reise geht – zusammen mit einer besseren Gegenwartsstory (die mal wieder durch Abwesenheit glänzt) hätte Odyssey wirklich stark werden können.

So bleibt eine nette, historische Open World, die zum Eintauchen und sich Verlieren einlädt. Grafisch ist alles wunderschön anzusehen, spielerisch ist alles zum Großteil OK. Für mich funktioniert Kassandras Odyssee durchaus. Es macht mir Spaß, die Welt zu erkunden, und zum Background der sinnsuchenden Söldnerin passt die fragmentierte Erzählung und die vielen Seitenmissionen besser als die plumpe Rachegeschichte aus dem Vorgänger.

Im vergangenen Jahr hatte ich gemeckert, weil „AC: Origins“ die Kim Kardashian unter den „Assassins Creeds“ war: Hübsch anzusehen, aber rotzedoof und unter der Oberfläche ziemlicher Trash. Das ist „Odyssey nicht. Es ist nochmal hübscher, aber gleichzeitig intelligent aufgebaut und in Teilen auch gut geschrieben. Quasi die Emma Watson unter den AC-Spielen.

In der Summe bleibt ein gutes Spiel, das aber deutlich zu lang ist. Durchschnittsspieler werden es im Sale kaufen, anspielen, aber nie das Ende sehen. Ich verabschiede ich mich derweil endgültig von dem Gedanken, jemals wieder ein „Assassins Creed“ zu sehen, das die spielübergreifende Narration voranbringt und der Ur-Vision folgt, aber hey, 105 Stunden gute Unterhaltung sind auch nicht schlecht.

Spider-Man DLC: The City that never Sleeps [PS4]
New York erholt sich langsam von den Ereignissen des Hauptspiels, als Spiderman auf eine Einbruchserie aufmerksam gemacht wird. Anscheinend stiehlt Black Cat Kunstwerke, lässt diese aber zerstört in der Nähe der Tatorte zurück. Die Spinne stellt die Diebin, nur um festzustellen, das weitaus Schlimmeres passiert. Eine alte Mafiafamilie liegt im Krieg, und ein Aufsteiger aus ihren Reihen nutzt Technologie der Söldnergruppe Sable, um erst einen Krieg anzuzetteln, und sich dann in ein Cyborg-Monster umbauen zu lassen.

WTF? Was ist DAS denn? Das ist kein DLC, das ist ein zweites Spiel! Eine neue Story, die in drei Episoden erzählt wird. Das Ding ist fantastisch – und frustrierend.

Fantastisch, weil es all das Gute aus dem Hauptspiel nimmt und eine neue Geschichte erzählt, die wirklich gut geschrieben ist. Allein Peters Krise, weil er plötzlich Vater werden könnte, ist ausgezeichnet in Szene gesetzt. Je nach Episode gibt es unterschiedliche spielmechanische Schwerpunkte, zusätzlich gibt es „More of the Same“-Nebenaufgaben wie das ausräuchern gegenerischer Basen.

Frustrierend ist es, weil es verdammt schwer ist. „The City that never sleeps“ richtet sich klar an diejenigen, die das Hauptspiel mindestens ein Mal durchgespielt haben, mit einem Level 50+-Charakter spielen und den zur Perfektion beherrschen. Ich hatte nach drei Monaten die Steuerung vergessen und bin innerhalb der ersten Minuten schon drei Mal gestorben. Deshalb habe ich notgedrungen den Schwierigkeitsgrad auf „Einfach“ runtergestellt, aber selbst damit war es schwer. Teilweise wirft einem das Spiel so viele Gegener auf den Bildschirm, dass die Steuerung träge wird. Der Schwierigkeitgrad ändert aber nichts an den Zeilimits, und die sind bei den neuen Challenges von Screwball, der nervigen Social-Media-Villain, wieder entscheidend. Also: Verdammt schwer, für Spidey-Fans aber sehr gut.


Machen:
Leiden, an einem extrem schmerzhaften Erisypel.


Neues Spielzeug:
Kein Spielzeug, aber auf die letzten Meter des Jahres nochmal eine teure Anschaffung: Beim Kleinen Gelben AutoTM ist vorne eine Feder gebrochen. Das ist nicht nur teuer, das zieht auch noch Ärger nach sich – denn die Werkstatt hat verkehrten Federn eingebaut und den Wagen dadurch höher gelegt, besteht aber darauf, dass das die richtigen seien. So endet das alte Jahr mit Ärger und Sorgen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch Motorradtour (4): Ich war im Himmel, dort ist es sehr kalt

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Nach einer Woche Pause geht es heute weiter, in einer Gewalttour von der nördlichen Toskana bis hinter die Abbruzzen.

Samstag, 23.06.2018
Und dann ist die Woche auf I Papaveri schon wieder vorbei. Sieben Tage lang „Alls kann, nichts muss“. Sieben Tage, in denen ich hauptsächlich am Strand rumlag, ein wenig Motorradfahren geübt und ansonsten nichts getan habe, aber das bei strahlendem Wetter. Jetzt packe ich meine Sachen zusammen und verstaue sie sorgfältig in den Seitenkoffern. Die Koffer werden in die Kofferhalter am Motorrad eingeklickt, und dann mit Rok Straps gesichert. Die Gurte sind neu, eine Last Minute Ergänzung vor der Abreise.

Givi Koffer, hatte ich immer gedacht, können schon aufgrund ihrer genialen, selbstsicherenden Konstruktion gar nicht währen der Fahrt abhanden kommen. Bis X-Fish mich eines bessern belehrte, anscheinend ist es unter gewissen Umständen doch möglich, Givis zu verlieren.

Ob das nun stimmt oder nicht spielt keine Rolle: Die neuen Gurte geben mir mehr Sicherheit. Ich muss nun auf Rumpelstrecken nicht dauernd in die Rückspiegel gucken, ob das Gepäck noch da ist. Und da die Gurte am Motorrad bleiben, macht die zusätzliche Sicherung wenig Aufwand, und ich kann sie sogar verwenden, um damit Dinge auf der Sitzbank festzuzurren.

Es ist Samstag, und schon um kurz vor Sieben steht die Barocca fertig beladen vor dem Tor.

Ein kurzer Blick zurück, dann geht es los. Von Franca und Licio habe ich mich gestern schon verabschiedet. Die alten Herrschaften sind zwar Frühaufsteher, aber so früh dann doch nicht. Freiwillig wäre ich auch nicht um 6 Uhr aufgestanden, aber nach einer Woche Stillstand liegt heute eine lange Reiseetappe vor mir. Die ist selbst nach meinen Maßstäben ordentlich.

Das frühe Unterwegs sein hat noch einen anderen Nebeneffekt: Um diese Zeit ist es noch nicht so brütend heiß, dass macht es einfacher, die fast leere SS01 zu fahren. Parallel zu Küste geht es nach Süden, 130 Kilometer, an Grossetto vorbei und auf der Höhe von Capalbio von der Schnellstraße runter und ins Landesinnere.

Es ist sehr stürmisch, und die Fahrt dementsprechend unruhig. Immer wieder wird die Barocca von Windböen gepackt und durchgeschüttelt. Die große Maschine bietet dem Sturm ordentliche Angriffsflächen, bleibt aber immer beherrschbar. Dunkle Wolkenbänder ziehen über den Himmel, aber regnen tut es zum Glück nicht.

Sonnig, aber stürmisch.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

Silencers Blog wünscht frohe Festtage!

Das ist Harmonie: Huhu hängt die letzten Kugeln an den Baum, während das Wiesel andächtig an einem Fitzel Geschenkpapier herumkaut. Weihnachten im Blog halt.

Die beiden Blogtiere haben tatsächlich von geneigten Leser/-innen Geschenke bekommen, und stellvertretend für Huhu und das Wiesel bedanke ich mich für die liebevoll gebastelten Gaben!

Huhu hat ein Eimerchen geschenkt bekommen, im Pinguindekor natürlich, und gefüllt mit leckeren Dingen.

Ohne die Dinge darin, hat er beschlossen, ist aber praktischer, denn dann kann er darin baden.

Ebenso schön ist die Kühltasche, die ausdrücklich für Huhus Fischstäbchen gedacht ist:

Das Wiesel ist nicht weniger reich bedacht worden. Es hat ein ganzes Kilogramm seiner geliebten Sternchenkekse bekommen! EIN KILO! Das dürfte dann für einen ganzen Tag reichen, mal gucken, wann Huhu dem Wiesel einen Kamillentee gegen die Bauchschmerzen machen muss.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft ruhige Festtage und so. Mit möglichst wenig Familienkrach und Kollateralschäden, dafür mit viel netten Wiedersehen von Leuten, die man sonst viel zu selten sieht. Und natürlich viele Geschenke.

Wie immer an dieser Stelle ein kleines Lied. Robert Downey Jr. mit Joni Mitchells “River”.

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Motorradsaison 2018: Die Top 5

Am Ende einer Saison ist es immer ganz gut, mal kurz inne zu halten und zu reflektieren: Was hat in Sachen Motorrad, Reisen und Ausrüstung gut funktioniert, was war ärgerlich und wird besser ausgetauscht?

In diesem Jahr lag mein Schwerpunkt eher auf der Erneuerung meiner Schutzausrüstung als auf Basteleien an den Maschinen, dementsprechend sind die Listen sehr Textillastig. (hier die Flop 5)

Heute: Die Top 5

5. Flexible Wäscheleine

Zwei vertüddelte Gummibänder mit Haken an den Enden, das ist alles. Dieses Simpelding hat mir auf den letzten Reisen viel Freude bereitet.

In die verdrehten Gummisehnen kann man die Wäsche direkt einklemmen, man braucht keine Wäscheklammern. Dadurch, dass ich nun unterwegs mehr trocknen kann, muss ich noch weniger Klamotten mitnehmen. Völlig super. Auf dem Bild ist noch die Bungee Clothesline von Coghlans zu sehen, mittlerweile nehme ich aber eine von Pearl mit. Die ist leichter und nimmt weniger Platz weg, außerdem liegt ein Universalstöpsel für Waschbecken bei. Für 6,90 Euro die beste Anschaffung des Jahres.

4. „Adventurescheibe“ von Powerbronze

Die V-Strom ist ein tolles Motorrad, aber nicht ohne Probleme. Sie ist groß, und man sitzt mehr in als auf ihr. Die Kanzel ist meterweit weg, und dadurch gibt es Luftwirbel, die dem Fahrer auf den Helm ballern. Das gibt Kopfschmerzen und taube Ohren. Die meisten V-Strom-Fahrer nutzen deshalb schrankwandgroße Scheiben von Drittanbietern, hinter denen es windstill ist. Das sieht nicht nur seltsam aus, sondern verhindert auch zuverlässig die Belüftung des Helms.

Mein Bestreben war es deshalb, eine Scheibe zu finden, die den Windstrom über die Schultern, aber unter dem Helm durchleitet. Nach mehreren Fehlversuchen mit Sportscheibe und Originalscheiben habe ich nun die ideale Scheibe für mich gefunden: Die Adventurescheibe der britischen Manufaktur Powerbronze. Extra für mich gemacht und importiert. Leider nicht besonders kratzfest, aber von der Form her genau das, was ich wollte. Die kurze Scheibe ist sicher nicht für jeden was, zumal nun auch das Navi ungeschützt dem Regen ausgesetzt ist, aber für mich und in wärmeren Gefilden genau das Richtige. Danke für den Tip, Leser DL650R.

3. Alpine Stars Tech Air

Hä? Die Alpine Stars Airbagjacke taucht doch auch in den Flop 5 auf, odr? Stimmt. Sie ist schwer, für Reisen kaum zu gebrauchen und meine hatte nach einigen Wochen Fehler. Aber: Es ist eine f…ing Jacke mit einem rundum-Airbag! Sie ist völlig autark: Kein Rumfummeln mit Reissleinen, keine Anbauteile am Motorrad. Wenn die Kalibrierung funktioniert, tut sie das so zuverlässig, dass man völlig vergisst, was man da trägt. Während der Fahrt sowieso, und wenn man nicht gerade bei 30 Grad auf Berge klettert, ist sie völlig OK. Dazu kommt die exzellente Verarbeitung der Jacke an sich sowie die Tatsache, dass sie der Airbag auch in andere Alpine Stars-Jacken einklippen lässt. Verdienter dritter Platz.

2. Vanucci VC1 Handschuhe

Absolut wasserdicht, leicht, so gefüttert, dass sie zwischen 5 und 20 Grad nutzbar sind. Die neuen sind ein wenig steifer als die Vorgänger, aber das kann auch daran liegen, dass ich die alten acht Jahe lang getragen habe.

1. Daytona Touring Star GTX

Jeder ernsthafte Moppedfahrer schwört auf Daytonas, die Stiefel aus der gleichnamigen Manufaktur in Bayern. Ein Daytona-Stiefel besteht aus bis zu 185 Einzelteilen, die per Hand zusammengebaut werden. Die Stiefel haben eine Metallplatte in der Sohle und sind absolut wasserdicht. Geht ein Stiefel kaputt, auch nach Jahren, kann man den einschicken, und Mitarbeiter von Daytona versuchen den nach der eigentlichen Arbeitszeit in Handarbeit zu reparieren.

Als ich mit dem Motorradfahren wieder anfing, waren mir Daytonas viel zu teuer. Dann musste ich von Nürnberg mit den Füßen in eiskaltem Wasser fahren und erkannte, dass Napoleon recht hatte: Es gibt kaum etwas wichtigeres als trockene und warme Füße! Die Alpine Stars Web Goretex war danach meine erste Wahl, weil die sicher, leicht und wasserdicht waren. Die kaufte ich dann 2016 noch einmal, weil mir wegen einer Fuß-OP andere Stiefel nicht passten. Leider ist die Alpine Stars Qualität nicht mehr so supi, und deswegen sind es nun Daytonas geworden, der Touringstar GTX von Louis, der Baugleich ist mit dem normalen Road Star GTX. Erster Eindruck: Geil. Fest, wertig, ein echter Kracher. Auch kilometerweit durch Städte laufen geht damit, auch wenn sie deutlich schwerer sind als die Alpine Stars und so steif, das es irgendwann Blasen gibt. Aber vielleicht ändert sich das noch.

Kategorien: Ganz Kurz, Motorrad | 3 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour 2018 (3): Interludium

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Eigentlich. Heute gibt es eine Unterbrechung.

17.-22.06.2018, „I Papaveri“, San Vincenzo
Eine Woche werde ich auf I Papaveri sein. Ging nicht anders, so kurz vor der Hauptsaison vermieten Licio und Franca ihr Appartement „La Conchiglia“ nur noch wochenweise. Fand ich erst ein wenig doof, weil ich dieses Mal gerne nur kurz Zwischenstation hier gemacht hätte. Drei, vier Tage Pause würden reichen, dachte ich.

Denkste.

Mein Körper sagt jetzt etwas anderes. Er erinnert mich daran, wie anstrengend die letzten Monate waren, und dass es gerade alles genug war und ein wenig Ruhe nicht schlecht wäre. Ich gebe dem nach, und bevor ich mich versehe, schlafe und schlafe und schlafe ich.

Ich schlafe morgens lange und quäle mich erst gegen Mittag aus dem Bett, dann fahre ich an den Strand im Nachbarort Castagneto Carducci. Kaum dort angekommen und einmal ins Wasser gehüpft, schlafe ich unter dem Sonnenschirm ein.

Wieder auf I Papaveri bin ich so kaputt, dass ich auf der Couch einschlafe. Dabei träume ich oft und viel und am Anfang von der Arbeit, aber das wird immer weniger. Es ist, als ob ich den Stress der letzten Monate im Unterbewusstsein aufarbeite und wegschlafe.

Wenn ich wach bin, mache ich nur profane Dinge, wie zum Markt fahren und einkaufen oder kochen oder lesen.

Kochen ja, aber nichts Aufwendiges.

Anfangs kommt mir das ein wenig wie Verschwendung vor. Ich habe Urlaub, bin mit dem Motorrad in Italien, und was tue ich? Pennen und Hausarbeit. Erst langsam dämmert mir, dass ich diese Ruhe bitter nötig habe. In den vergangenen Wochen fühlte ich mich oft schlagartig hohl und leer, und in diese Leere schlichen sich Traurigkeit und ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung.

Für diese Gefühle gab es objektiv keinerlei Grund, privat und auf der Arbeit läuft alles super, und dennoch kamen diese Attacken aus dem Nichts immer häufiger. Jedes Mal hatte ich trotzig die Lippen zusammengepresst und die Traurigkeit Mal um Mal beiseite geschoben. Aber oft genug hätte ich einfach losweinen können. Dazu kam die andauernde Müdigkeit. Das ganze erste Halbjahr war ich müde und kraftlos und musste mich oft zusammenreissen, um morgens überhaupt aufzustehen.

So ein Mix aus tiefer Erschöpfung und den Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, Leere und Trauer gibt es in der geistigen Welt jedes Menschen. Es ist die Grenze zwischen normalem und zu viel Stress. Ich stelle es mir wie ein graues Band vor, das in der Peripherie lauert, ganz am Rand der eigenen Wahrnehmung. Wenn ich dauerhaft Stress ausgesetzt bin, wächst das graue Band, es wird breiter und verengt erst meinen Blick, dann mein Leben.

Am Ende schaue ich wie mit einem Tunnelblick in die Welt. Das ist natürlich nicht gesund, aber das Schlimme ist: Ich merke das manchmal nicht. Dann sagt mir mein Körper irgendwann, dass es jetzt reicht. Ich werde zwar so gut wie nie krank, aber wenn ich sowas passiert wie die Panikattacke neulich, dann weiß ich: Jetzt ist das Limit erreicht, noch Bißchen weiter, und ich bin über die Grenze. Soweit war es jetzt zum Glück noch nicht, aber an dieser Grenze war ich viel zu dicht und ungesund lange.

Aaah, schwimmen im Meer.

Ab dem dritten Tag fühle ich mich fitter und schlafe weniger. Jetzt schwimme ich viel im Meer, und das warme Wasser und die Wellen spülen über meinen Körper. Jeder Schwimmzug wäscht die Gedanken und Sorgen, die Traumfetzen und die Verspannungen Stück für Stück weg. Ich muss an nichts denken, niemand zwingt mich irgend etwas zu tun. Entscheiden muss ich nur, was es heute zum Abendessen gibt.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Wasser steige, bin ich ein Bißchen mehr wieder ich selbst. Ich finde meine Ruhe wieder, und mein Selbstvertrauen, und meine Souveränität wieder.

Wie ich dieses Wetter genieße! In den vergangenen drei Jahren war das Wetter in San Vincenzo immer schlecht, wenn ich hier war, nun ist es fantastisch: Bei fast 30 Grad brennt die Sonne herab, aber am Strand wird die Hitze durch eine angenehme Brise erträglich, und das Appartement ist auch kühl.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 2 Kommentare

Motorradsaison 2018: Die Flop 5

Am Ende einer Saison ist es immer ganz gut, mal kurz inne zu halten und zu reflektieren: Was hat in Sachen Motorrad und Ausrüstung gut funktioniert, was war ärgerlich und wird besser ausgetauscht? In diesem Jahr lag mein Schwerpunkt eher auf der Erneuerung meiner Schutzausrüstung als auf Basteleien an den Maschinen, dementsprechend sind die Listen sehr Textillastig.

Heute: Die Flop 5

5. Gasgrifffeststeller von Time2Ride

Ein 3d-gedrucktes Ding um den Gasgriff festzustellen.

Funktioniert wie beworben, war mir dann aber für die Benutzung doch zu gefährlich. Ich wollte es eigentlich im Ausland nochmal länger testen, aber anscheinend war mein Unterbewusstsein dem gegenüber so abgeneigt, dass ich das Ding verbaselt und bis heute nicht wiedergefunden habe.

4. Alpine Stars Web Goretex-Stiefel, Modell 2016

Jahrelang war ich mit meinen Alpine Stars hoch zufrieden: Leichte, aber sehr sichere Stiefel, die zum Fahren wie auch zum Herumlaufen taugen. Leider verschleißt die neue Generation von Alpine Stars Brot- und Butter Tourenstiefel im Zeitraffer: Nach nur zwei Saisons Sohle abgelaufen, ausgelatscht in den Knöcheln, Oberflächen an der Spitze verkratzt und zerrödelt. Besonders Schlimm aber: Wassereinbruch nach einer Stunde Starkregen. Der Vorgänger war besser verarbeitet und hundert Prozent wasserdicht. Geht gar nicht, sowas.

3. Alpine Stars Tech Air


Jacke mit integeriertem Airbag. Schwer, für Reisen nicht wirklich geeignet, nach wenigen Wochen kaputt. Andererseits: Spitzenservice des Herstellers, Außenjacke von erstklassiger Qualität und vom Gewicht halt gerade doch so eben noch tragbar. Deshalb auch in den Top 5 auf demselben Platz vertreten.

2. Alpine Moto Gehörschutz 2018


Die neue Generation des besten Gehörschutzes für Motorradfahrer ist da, und sie ist… nicht zugebrauchen. Vorher wurden Filter aus Hartplastik in Silikonpilze eingesetzt. Jetzt sind die Filter auch nur aus Silikon gegossen und fest am Silikonpilz angebracht. Gefühlt dämpft das nich so gut wie früher, vor allem aber sind die Ohrstöpsel jetzt kürzer und schlanker – was dazu führt, das sie mir mehrfach so tief in den Gehörgang gerutscht sind, dass ich sie nicht mehr raus bekam. Die kürzeren und weicheren Enden kann ich mit den Fingerspitzen nicht mehr greifen. Die Materialeinsparung beträgt vielleicht gerade mal 3 mm – aber das reicht für den Flop Platz 2. Größe zählt eben doch.

1. Nolan N100.5

Die neueste Generation des Tourenhelms von Nolan. Eine echte Schönheit, über den die Presse schrieb, er sei unheimlich leise. Vermutlich haben die aber nur aus der Pressemitteilung von Nolan abgeschrieben, denn: Der 100.5 ist ab 80km/h wirklich ohrenbetäubend laut, selbst mit Gehörschutz. Grund: Kleinere Polster, die die Ohren zur Hälfte freilassen. Praktisch unbrauchbar.

Sonderpreis für physikalischen Unfug: Vanucci Summer Dry Handschuhe

Sommerhandschuhe mit einer absolut luftdichten Versiegelung, in der man sich tot schwitzt.

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Familiäre Dialoge -IX-

Am Telefon:

„Sohn, ich habe da ein Problem mit dem KBA und Hyundai. Die Verbrecherbande will mir mein Auto stillegen!“

Ich: „Hä? Vater, Du fährst doch gar keinen Diesel. Wieso wollen die Dir das Auto stillegen?“

„Na, Hyundai schickt immer so Briefe, schon das ganze Jahr! Und jetzt macht das Kraftfahrzeugbundesamt Werbung für Hyundai! Eine Behörde! Das geht doch nicht, das ist Lobbyismus! Verbrecher! Alle!“

„Nun mal langsam. Was stand denn drin in den Briefen von Hyundai?

„Na, da stand drin… murmelmurmel [unverständlich] …aber dass das KRAFTFAHRZEUGBUNDESAMT Briefe mit dem Logo von Hyundai verschickt und droht mir das Auto stillzulegen, das ist NÖTIGUNG!“

„Ich habe den ersten Teil jetzt nicht ganz verstanden, wieso nötigen die Dich jetzt?“

„Sohn, hör doch mal zu! Wegen des Airbags! Aber was mache ich jetzt mit dem Kraftfahrzeugbundesamt, kann ich die anzeigen oder was?“

„Langsam! Was ist denn mit dem Airbag?“

„Ach, der kann von allein auslösen wenn Feuchtigkeit irgendwo drankommt und deshalb soll ich in eine Werkstatt und das ist unverschämt! Die nötigen mich doch!“

„Moment, der Hersteller hat eine Rückrufaktion gestartet, weil der Airbag während der Fahrt auslösen kann, und Du ignorierst das? Seit einem Jahr?“

„Na, ist doch mein Airbag! Geht doch keinen was an! Das habe ich der Frau im Kraftfahrzeugbundesamt auch gesagt!“

„Du hast im Kraftfahzeugbundesamt angerufen und Dich mit einer Sachbearbeiterin gestritten?!“

„Ja, wenn die nur Blödsinn redet! Die hat das rausgefordert!“

„Was hat sie denn gesagt?“

„Das der Airbag auslösen kann wenn Feuchtigkeit irgendwo eindringt.“

„Warum ist das Blödsinn?“

„Mensch Sohn, denk doch mal nach! Wie stellste Dir das denn vor? Es hat seit April nicht geregnet! Wir hatten Dürre, überall! Wo soll denn da Feuchtigkeit herkommen? Ist doch völliger Quatsch!“

„…“

„Na, jedenfalls, kann ich die jetzt anzeigen oder wie umgehe ich das? Was meinst du, was soll ich machen?“

„Vater, ich fasse das jetzt mal zusammen: Dein Fahrzeug ist potentiell gefährlich. Der Hersteller ordnet einen Rückruf an. Du ignorierst das. Dann schaltet der Hersteller das Kraftfahrzeugbundesamt ein, damit die die Kiste stillegen, wenn Du nicht was machen lässt. Darüber empörst Du Dich so, dass du im Bundesamt anrufst und Dich mit einer Sachbearbeiterin über das Wetter streitest. Und nun willst Du von mir wissen, wie Du Dich aus der Sache rauswieseln kannst?“

„Ja!“

„NEIN! FAHR IN EINE WERKSTATT! Warum hast Du das nicht schon längst gemacht?! Das kostet Dich doch nichts!“

„Mensch Sohn, denk doch mal nach! Wir sind hier auf dem Dorf, die nächste Werkstatt ist 30 Kilometer weg! Und außerdem habe ich viele Termine!“

„Vater, Du bist Rentner! Oder meinst Du mit „Termine“ den täglichen Besuch im Baumarkt, der auch 30 Kilometer weg ist?“

„…“

„Das habe ich gerade akustisch nicht verstanden“

„Nein, mit Termine meine ich auch Kaffeetrinken mit der Ruth, das ist auch wichtig. Also meinst Du, ich muss wirklich in eine Werkstatt?“

„JA!!“

„Dann muss ich der Ruth das sagen.“

„Mach das“.

„Das wird die aber nicht gut finden!!!“

Oh man. Vermutlich erzählt er ihr, dass das Kraftfahrzeugbundesamt den gemeinsamen Konsum von Windbeuteln verhindert.
Echt, diese familiären Dialoge werden mit den Jahren immer schlimmer. Abgründe tun sich da auf. ABGRÜNDE.

Frühere Dialoge:
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 2 Kommentare

Anschau-Tip: Kulenkampffs Schuhe

Fernsehen in den 60er Jahren: Samstag Abend sitzt die Familie vor dem Fernseher. Die frisch gebadeten Kinder auf dem Teppich, der Vater mit einem Bier und die Mutter mit einem Mosel auf dem Sofa. Der Samstag Abend gehört den Showmastern: Peter Alexander verzaubert, Hans-Joachim Kulenkampff ist der Inbegriff des höflichen Gentleman und Hans Rosenthal ist der quirlige Wirbelwind.

Regina Schilling war eines der Kinder auf dem Teppich vor dem Fernseher. Erst sehr viel später las sie darüber, dass Kulenkampff im Krieg war, und sich an der Ostfront vier Zehen selbst amputieren musste. Neugierig geworden, geht Schilling den Geschichten der Showmaster nach und findet ihre Geschichten: Catherine Valentes Schicksal im Internierungslager, Hans Rosenthal, der sich unter einer Couch versteckte, Kulenkampff, der Teile von BD-Mädchen einsammeln musste, Alexander, der das zerstörte Berlin erlebte.

Der Vater der Regisseurin war selbst im zweiten WeltKrieg und wurde später Drogist. Schilling zeichnet seinen Werdegang nach und legt die Biografien der Showmaster daneben und beleuchtet ihre Rolle im Kontext der Zeit. Die Showmaster waren für Ihren Vater und das Land ein Heilmittel und Balsam, trotz ihrer Biografien, die sich immer wieder in ihren Moderationen widerspiegeln.

„Kulenkampffs Schuhe“ ist eine vielgelobte Dokumentation, die von der ersten Minute an fesselt und sehr eindrücklich ist. Sei es durch Kulis Kriegsanspielungen, die anhand historischem Materials belegt wird, sei es durch Rosenthals sachliche Schilderungen von Suizidgefährdung, sei es durch Sätze wie die des Bundestagsabgeordneten in den 60ern, der auf eine AfD-ähnliche „Jetzt muss aber mal gut sein mit diesem Schuldgetue“-Aussage eines Kollegen antwortet: „Ich bin mit in der Schuld, denn ich war nicht auf der Straße und habe laut geschriehen, als die Juden Lastwagenweise aus unserer Mitte abtransportiert wurden. Es geht darum, diese […] Last und Bürde auf uns zu nehmen.“

Das ist berührend und beeindruckend. Gleichzeitig erfährt man viel über Drogerien. Definitiv ansehen, die 90 Minuten sollte man sich gönnen, das lohnt sich.

„Kulenkampffs Schuhe“ ist aktuell in der HR-Mediathek zu finden: KLICK.

Und zerstückelt auf Youtube: Klick.

Kategorien: Service | 9 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festung

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht´s tief in die Berge, eine Wurst geht auf den Sack und wir erfahren den wahren Grund für die V-Strom.

Samstag, 16. Juni 2018, Gotthard-Pass, Schweiz
„Prooobleeeeme?“, sagt eine Stimme mit einem einem langsamen, schweizer Einschlag. Diesem Einschlag, der das „R“ rollt und jeden Digraph (das ch, den reibungslosen Stimmlaut im Hochdeutschen) in krächzige Hustlaute verwandelt. Ich blicke unter der V-Strom hoch. Über mir steht ein großer Mann mittleren Alters. Unter einem grauen Stoppelhaarschnitt gucken zwei Augen hervor, deren Lider auf Halbmast gezogen sind. Der Mann spricht nicht nur wie in Zeitlupe, er guckt auch ein wenig wie ein Rindvieh. Er trägt eine neongelbe Warnweste, in deren Brustfenster eine Pappkarte mit dem Logo des Motorradherstellers Triumph gesteckt.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, beißt der Mann in eine fette Bratwurst, Seine Kiefer beginnen mit Mahlbewegungen, die aussehen, als wollte er die Wurst wiederkäuen. Bratwurst zum Frühstück, interessante Wahl.

„Nee“, sag ich. „Keine Probleme“. Dann wende ich mich wieder der V-Strom zu, ziehe die letzte Schraube fest und gehe zur anderen Seite hinüber. Sofort steht ein kleiner Mann neben dem Motorrad und deutet auf einen Schraubendreher, den ich auf der anderen Seite habe liegen lassen. Aufgeregt hüpft er auf uns ab und deutet auf das Werkzeug. „Aber den nich´vergessen, nä?“. „Nein, den vergesse ich schon nicht. Danke.“, sage ich durch zusammengebissene Zähne. Der kleine Mann hoppelt mit einem seltsamen Hüpfgang davon.

Derweil hat sich das Rindvieh in eine eigene Welt hineingekäut. In dieser Welt führen wir offensichtlich eine Konversation, denn unvermittelt und für Außenstehende völlig zusammenhanglos bricht es aus ihm hervor „Du, wenn du Käse magst, empfehle ich Dir das Muggschä.“

Ich blicke in irritiert an und sage „Danke“.

Was ist nur mit den Moppedfahrern los, dass die sich immer in Gruppen zusammeklumpen müssen? Ich meine, es ist ja schön, wenn Gleichgesinnte sich zuammenfinden und gerne Touren gemeinsam machen, aber diese spontane Rudelbildung ist es, die mir missfällt. Ich will nicht bei jedem Halt von fremden Leuten angequatscht werden, nur, weil wir zufällig beide benzingetriebene und zweirädrige Fahrzeuge dabei haben. Das reicht nicht für eine tiefere Verbindung. Zumal meine Vorstellung vom Moppedfahren eh eine andere ist als die der meisten anderen.

Habe ich heute morgen erst wieder gemerkt, als ich vom Brünigpass aufgebrochen bin. Dort hatte ich mich in aller Frühe von Gaby verabschiedet, um vor allen anderen – so dachte ich – auf der Straße zu sein.

Die Barocca hatte die Nacht, in der es ordentlich gestürmt hatte, gut hinter dem Gasthaus verbracht.

Der Brünigpass liegt zwar nur auf 1.000 Meter Höhe, aber 9 Grad war es nicht gerade warm (vom Motorradthermometer muss man immer 4 Grad abziehen).

Spielte aber keine Rolle, denn kalt war mir keinen Moment – die Sonne schien schon aus allen Knopflöchern. Sie blendete geradezu vom Himmel herab, im wahrsten Sinne des Wortes: Gegen die Sonne zu fahren, das kam an diesem Morgen an einigen Stellen einem Blindflug gleich. Trotz Sonnenschild im Helm.


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New Gear 2018: Bäh, Handschuhe

„Zwei Paar Handschuhe und ein Paar Stiefel soll man als Moppedfahrer haben, das ist die goldene Regel“.

Gut, die Regel ist nicht golden. Sie ist nicht mal in Stein gemeißelt. Sie ist von mir selbst gemacht, also vermutlich eher aus Sperrholz oder so. Bislang fuhr ich immer gut mit der Regel, bis ich dieses Jahr gegen sie verstoßen habe. Was natürlich doof war, Regeln gibt es immerhin nicht aus Spaß an der Freud.

Die Strafe folgte auf dem Fuß: Ich war gezwungen Handschuhe zu kaufen. Ausgerechnet! Dabei war ich SO froh, dass nach dem unsäglichen Jackendrama und dem Albtraumhosenkauf das Thema Moppedbekleidung für dieses Jahr eigentlich durch sein sollte. Aber es kam, natürlich, anders. Handschuhe kaufen, BÄH!

Bislang hatte ich immer zwei Paar Handschuhe zum Motorradfahren: Ein Paar von Reusch, ungefüttert, aber mit starken Protektoren und Nietenbesatz, für Temperaturen über 20 Grad.

Das zweite Paar von der Eigenmarke „Vanucci“ von Louis. Membran, Thermofutter, aber nicht zu dick. Die Dinger deckten die unglaubliche Bandbreite zwischen 5 und 20 Grad ab und waren absolut wasserdicht. Die beiden Paare deckten bislang praktisch alle Eventualitäten ab. BTW: Die Ansage mancher Handschuhersteller, dass ein Handschuh für alle Jahreszeiten gleichermaßen tauge, ist Marketinggewäsch. Das funktioniert nicht. Aber zwei Paare, das taugt.

Den ersten Fehler beging ich, als ich dachte „Hm. Wenn nun Sommer ist, und es regnet – wäre doch nett leichte, ungefütterte und trotzdem wasserdichte Handschuhe zu haben, oder?“

Ich suchte und suchte und landete wieder mal bei Vanucci. Die „Summer Dry“ haben großzügige Mesheinsätze, eine wasserdichte Membran und kein Innenfutter.

Sowas gibt es nicht all zu oft, und das hat einen Grund, wie ich bald merkte: Diese Kombination funktioniert einfach nicht.

Das merkte ich aber erst, als ich auf Sommerreise war, und das Gefühl hatte, mich darin verrückt zu schwitzen. Ich konnte die echt nie lange tragen, die waren totes Gewicht im Reisegepäck. Tja, hätte ich mal meine eigene Regel befolgt. Zwei Paar Handschuhe reichen, das dritte ist Unfug.

Der Grund, warum die „Summer Dry“ unerträglich sind: Die Membran verhindert zuverlässig, dass die Lüftungslöcher ihren Job machen können. Im Handschuh bekommt man vom Fahrtwind nichts mit, die Mesheinsätze sind völlig sinnlos.

Membranen funktionieren zudem nur dann, wenn zwischen Innen und Außen, sprich Körper und Umwelt, ein ausreichend starkes Temperaturgefälle herrscht. Das tut es im Sommer aber nicht. Resultat: Die Membran wirkt wie eine Plastiktüte. Man schwitzt sich darin tot, nach 10 Minuten baden die Hände im eigenen Schweiß und bekommen nicht mal Fahrtwind ab.

Ich habe das mal als Lehrgeld verbucht. Sommerhandschuhe mit Mebran können physikalisch schon nicht funktionieren. Die Summer Dry von Vanucci taugen auch bei kühlerem Wetter nichts: Die Outdry-Membran so schlecht laminiert, das sie sich in den Fingern löst. Beim Ausziehen zieht man de Membran dann gleich mit raus.

Aber egal, ich hatte ja immer noch meine beiden bewährten Paare. Dachte ich. Bis X-Fish von durchgerödelten Handinnenflächen bei seien Sommerhandschuhen berichtete. Da inspizierte ich meine geliebten Reusch etwas näher, und was soll ich sagen… 10 lange Sommer, in denen ich das Leder in meinem Schweiß getränkt habe, haben ihren Tribut gefordert. Abnutzung und Hautschweiß haben das Leder ganz dünn und mürbe gemacht.

Unmittelbar vor der Sommerreise mussten daher schnell neue Sommerhandschuhe her, am besten wieder gute mit Protektoren. Problem dabei: Ich habe lange, schlanke Finger, aber breite Handteller. Für sowas schneidern die Markenhersteller nicht. Alpine Stars sowieso nicht, die verkaufen nur Kindergrößen (im ernst, unter „XXL“ muss man bei denen gar nicht erst anfangen zu gucken). Ich war Willens es mit Held zu probieren, aber eine Probefahrt später merkte ich, dass die zu eng saßen und eine Naht vorne so auf die Fingerkuppen drückte, dass die Hände einschliefen.

Offensichtlich habe ich Vanucci-Hände, denn hier passten die Sommerhandschuhe am besten. Zähneknirschend kaufte ich die. Zähneknirschend deshalb, weil ich Vanucci in Punkto Abriebfestigkeit und Haltbarkeit der Nähte bei einem Unfall kein Stück traue. Mit ihren Lederdoppelungen und dem keramischen Superfabric sind die hoffentlich besser als der ganz billige Chinamist, aber mit Sicherheit sind die qualitativ weit von Alpine Stars oder Dainese. Aber was soll ich machen, wenn die nicht passen?

Vom Tragekomfort her sind die „Vanucci Summer Touring III“ auf jeden Fall prima. Sie sind leicht, und durch die Mesheinsätze auch gut belüftet. Sie haben keine Hartschalenprotektoren auf den Knöcheln, nur Superfabric. Am Anfang fusseln sie etwas und machen die Hände schwarz, das ist aber nach der zweiten, dritten Fahrt vorbei.

Den Sommer über habe ich die Dinger echt zu schätzen gelernt. Also alles gut, wieder zwei Paare vernünftige Handschuhe am Start, die Qual des Einkaufs überstanden? Nee, natürlich nicht.

Auf der Rückfahrt aus dem Sommer kam ich in Starkregen, und guess what? Genau, meine absolut wasserdichten, dickeren Handschuhe waren plötzlich undicht. Nach fast 10 Jahren hat sich hier die Membran verabschiedet. Dummerweise gibt es die Vanucci V-Tech nicht mehr. Glücklicherweise gibt es einen Nachfolger, den VC1. Und den gab es jetzt gerade im Angebot.

Die Protektoren sind immer noch genauso weich wir früher, aber sowas verbauen jetzt alle Hersteller. Die Zeiten der martialischen Carbonschalen auf Tourenhandschuhen sind bei den meisten vorbei.

Auf den Innenseiten ist, wie bei den Sommerhandschuhen auch, Superfabric eingelassen.

Das Futter ist nicht superdick, aber warm, und die Outdry-Membran ist ordentlich verarbeitet und absolut wasserdicht.

Damit habe ich sie wieder, die beiden Handschuhpaare, die jeder Moppedfahrer braucht.

Kategorien: Motorrad | 2 Kommentare

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