Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (2): Mit Gyros repariert*

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute: Gen Italien. Achtung: In dieser Episode geht weder etwas kaputt noch gibt es Gyros. Was sehr schade ist. Zumindest letzteres.

Montag, 20.September 2021
Kein Regen zu hören, stelle ich noch im Halbschlaf fest, und freue mich ein wenig. Dann fällt mir ein, dass das gar nichts bedeuten muss. Die Fenster des Zimmers im Burgblick sind fast 10 Zentimeter dick und isolieren ALLES. Ein kurzer Blick hinaus zeigt: Die Burg ist noch da, aber Wolken ziehen dicht und sehr schnell über ihr entlang, und das mit dem „regnet nicht“ war nichts. Seufz.

Kurzes Frühstück, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Es regnet zum Glück nicht in Strömen, wie es angesagt war. Es nieselt nur. Erhöhte Luftfeuchtigkeit, wie man in Oldenburg sagt. Dazu kommt eine steife Brise und eine Temperatur von knapp neun Grad. Alles aushaltbar, aber auch nicht besonders angenehm, deshalb zwänge ich mich noch im Hotelzimmer in die Regenklamotten.

Als ich damit fertig bin mich in die Stormchaser hineinzuwinden und zu -zwängen, läuft mir der Schweiß den Nacken hinab. Hier im Haus ist alles schon wintermäßig beheizt, und ich trage jetzt lange Merinounterwäsche, darüber einen leichten Merinopullover, darüber die Kombi aus Cordura und Leder und darüber die winddichten Regenklamotten. Wurst in Pelle, aber vermutlich bin ich gleich froh über die Wärme, die sich gerade im Inneren meiner Wursthaut staut.

Dicke Regenwolken hängen über dem Tal. Vorsichtig steuere ich die Barocca vom Hof des Gasthauses und den Berg hinab und dann auf die Landstraße nach Süden. Kurz gerate ich mit Anna in Streit darüber, ob „Straßen ohne Maut“ auch bedeutet, dass sie die A10 meiden soll, aber zum Glück fällt mir ihr Fehlgriff noch auf, bevor ich auf die Autobahn gerate. Dafür drehen wir eine launige Schleife durch kleine Dörfchen, um wieder auf die normale Straße zu kommen. Keine Autobahn heute, nur Landstraße und kleine Bummelwege, bitte. Berg hoch und Berg runter, das möchte ich gerne, keine Kilometerfresserei.

Als es den ersten richtigen Berg hoch geht, wird der Regen stärker. Es beginnt zu pladdern, Regentropfen klopfen auf´s Helmvisier, und schlagartig fällt die Temperatur auf nur noch vier Grad, sagen das Navi und das Motorrad in seltener Übereinstimmung.


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Zwei weitere Jahre

Schon lustig. Ich musste echt drauf achten nicht mehr von „TÜV“ zu reden, wenn ich „Hauptuntersuchung“ meine. Früher musste man halt „TÜV und ASU machen“, dann „HU und AU“, und mittlerweile ist es halt nur noch die Hauptuntersuchung.

Und was sagt am Empfang der DEKRA die dortige Angestellte auf meine Frage, ob ein Prüfer im Haus sei? „Ach, sie wollen zum TÜV?“

Wie auch immer: Das Kleine Gelbe AutoTM musste zur HU. Es ist inzwischen zwanzig Jahre alt, hat einen leicht verölten Motor, ein Rad quitscht, aber sonst ist alles in Ordnung… oder?

„Schweller verbeult“, sagt der Prüfer. Hö? Tatsächlich, die sind punktuell regelrecht eingerollt. Oh man, da hat in der letzten Werkstatt irgendjemand den Wagen angehoben und damit nicht auf die Ansatzpunkte geachtet. Ärgerlich. Ansonsten hier und da ein wenig Rost, aber: Alles Top in Ordnung. So mag ich meine Fahrzeuge: Machen nicht viel her, sind aber unter der alten Oberfläche TipTop in Ordnug. (bzw. im Falle des Autos: Der Bemoosten Oberfläche. Ja, da wächst Moos aus den Spalten).

Lange Rede, rosa Sinn:

Ich freue mich. Sehr.

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Momentaufnahme: November 2021

Herr Silencer im November 2021

Wort des Monats: Wurschtig.

Wetter: Neblig, diesig, kalt, trübe. Nachts 0-3 Grad, tags manchmal knapp an zweistellig. Am Monatsende Schnee.


Lesen:

Work in Progress


Hören:


Sehen:

300 – Rise of an Empire [2014, BluRay]
Der athenische General Themistokles tötet den Perserkönig Darius. Der gibt auf dem Sterbebett seinem Sohn Xerxes den Tip: „Lass bloß die Griechen in Ruhe, nur die Götter selbst können die bezwingen.“ Weil Xerxes nicht der Hellste ist, begreift er das als Anweisung zum Gott zu werden. Schwarzer Magie oder sowas sei Dank wird er tatsächlich übermächtig und greift Griechenland wieder an, was zu den Ereignissen in „300“ führt. Während Spartanerkönig Leonidas und seine 300 Männer versuchen die Thermophylen gegen die Perser zu halten, kämpft Darius Ziehtochter Artemisia auf See gegen die Athenische Flotte, und legt sich wieder mit Themistokles an.

„300 – Rise of an Empire“ ist eine 2014 erschienene Fortsetzung zum 2006er „300“, dem ästhetisch überwältigenden, aber auch fürchterlich doofen, Epos um weiße Männer mit aufgemalten Bauchmuskeln. Das Sequel schafft etwas, was wenige zweite Teile schaffen: Es erzählt eine eigenständige, interessante Geschichte und wertet durch größere Tiefe den ersten Teil auf.

„Rise“ ist, wie „300“, „Written by Zac Snyder“. Das ist erstemal kein gutes Zeichen, aber immerhin hat der Mann mit den Nazi-Eulen hier nicht selbst Regie geführt. Deshalb ist „Rise“ auch ansehbarer als der direkte Vorgänger und die Story, die vor, während und nach „300“ spielt, ist komplexer. Auch wenn es hier vordergründig wieder um fürchterlich bleiche Amerikaner, geht die Griechen mimen, so erzählt „Rise“ eigentlich die Geschichte der Heerführerin Artemisia (Eva Green, „Casino Royale“) und der Spartanerkönigin Gorgo (Lena Headey aus „Game Of Thrones“), und diese Geschichte ist interessant. Kann man sehr gut angucken, zumal die Bilder wieder an Schlachtengemälde erinnern.

11.22.1963 [Amazon Video]
Am 22.11.1963 wurde John F. Kennedy erschossen, und Englischlehrer Jake ist fest überzeugt, dass er dieses Attentat verhindern kann. Er hat nämlich ein Zeitloch entdeckt, was aus dem Jahr 2016 zurück nach 1960 führt. Jake lebt nun drei Jahre in den 60ern und versucht in dieser Zeit herauszufinden, wer hinter dem Attentat steckt. Die Russen? Lee Harvey Oswald? Die CIA? Dabei stößt Jake auf unerwartete Probleme, denn die die Zeit selbst wehrt sich dagegen, geändert zu werden.

Ich war ja von der Buchvorlage sehr angetan. Einen Zeitreiseplot hätte ich von Stephen King nicht erwartet, und die Geschichte war spannend, hatte aber auch ihre Längen. Die Verfilmung ist nun eine achtteilige Miniserie mit James Franco in der Hauptrolle, und wow, ist die gut gelungen! Ausstattung, Sets, exzellente Schauspieler bis in die Nebenrollen hinein – das Dinge atmet Production Value aus jeder Pore. Die Umsetzung als Miniserie gibt den Figuren und der Handlung genug Zeit, sich zu entfalten. Da stört es dann auch nicht, dass trotz Raffungen ein, zwei Längen des Originals erhalten geblieben sind, das Ergebnis ist stimmig und berührend.

Shang Chi und die Legende der 10 Ringe [Disney+]
Vor 1.000 Jahren entdeckt der chinesische Soldat Xu Wenwu 10 metallene Ringe, die ihm ungeheure Kraft und Unsterblichkeit verleihen. Xu gründet die Bruderschaft der 10 Ringe und wirkt über Jahrhunderte im Verborgenen, beeinflusst aber immer wieder den Lauf der Geschichte. Irgendwann verliebt er sich aber in eine Frau und zeugt Shang-Chi. Als Sohnemann erwachsen ist und die 10-Ringe-Organisation übernehmen soll, hat er aber gar keinen Bock auf diesen mystischen Larifari und arbeitet lieber in San Francisco als Parkhilfe.

Ungewöhnlicher und erfrischender Marvel Film. Der Cast ist fast komplett chinesisch, die Story und die Bilder durchsetzt mit Versatzstücken aus der chinesischen Mythologie. Das sieht schon sehr cool aus und ist gelungen. Besonders schön: Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben es körperlich drauf, und die Martial Arts-Kampfszenen werden übersichtlich und in langen Einstellungen eingefangen. Das hat im Blockbusterkino gerade Seltenheitswert, normal sind gerade Schnittmassaker, bei denen in einer Sekunde zehn Schnitte gesetzt werden, bis das Publikum epileptische Anfälle bekommt.

Leider ist die Story völlig vorhersehbar und hat einige Längen. Ein weiteres Style over Substance-Opfer.

Red Notice [Netflix]
Irgendwer klaut Kleopatras drittes Ei(!) aus dem Castel Sant´Angelo in Rom, und dann irgendwas mit Dwayne Johnson.

Netflix teuerste Eigenproduktion! 200 Millionen Dollar!! – so tönt die Werbung. Ja, und wo sind die 200 Mios hin? Die Hälfte davon wanderte in die Tasche der Stars, für den Rest bekam man dann nicht mehr so richtig viel Gutes zustande. Regie und Schnitt machte ein Kumpel von Dwayne Johnson (kein Witz), die CGI-Effekte vermutlich der Praktikant bei WETA, und für ein ordentliches Skript bliebt auch kein Geld. Was dann herausgekommen ist: Ein Dwayne-Johnson-Vehikel, in dem Dwayne Johnson Dwayne Johnson spielt, Ryan Reynolds den Ryan Reynolds gibt und Gal Gadot alle 20 Minuten mal reinschaut und neckisch in die Kamera guckt.

Die drei stolpern über billige CGI-Sets, in denen sie wie ausgestanzt wirken. Wirklich: Keine Qualität, nirgends. In der Summe ist „Red Notice“ damit ein Oldschool-Actionfilm, der mit seiner billigen Machart, seinen Klischeefiguren, der Krachbumm-Action und unlustigen Onelinern seltsam aus der Zeit gefallen wirkt. Das heißt nicht, dass man damit keinen Spaß haben kann. Ich mag sowas an Freitag Abenden. Es ist halt nur billige Unterhaltung, von der man Null erwarten darf und die man gleich wieder vergessen hat.


Spielen:

Lost Judgment [PS5, 2021]
Privatdetektiv Takayuki Yagami erlebt einen seltsamen Moment: Seine Anwaltskollegin vertritt vor Gericht einen ehemaligen Polizisten wegen eines Bagatellsdelikts, als der unmittelbar nach der Urteilsverkündung aufsteht und verkündet, dass man jetzt, in dieser Minute, gerade den Leichnam eines Mannes in Yokohama entdecken wird. Dem ist auch so – aber wie konnte der Verurteilte das wissen, wo er doch seit Monaten in Untersuchungshaft sitzt? Wer war der Tote, und warum wurde er förmlich hingerichtet? Yagami und sein bester Kumpel Kato reisen nach Yokohama und gehen der Sache nach.

Ist Rache jemals gerechtfertigt? Kann und darf eine Person das Recht in eigene Hände nehmen? „Lost Judgment“ geht diesen Fragen nach und beschäftigt sich intensiv mit Themen wie Mobbing, Selbstmord, Selbstjustiz und deren Folgen für Hinterbliebene. Schwere Kost, aber sehr angemessen und ernst umgesetzt.

„Lost Judgment“ ist der zweite Teile eines Spin-offs der klassischen „Yakuzua“-Spiele. Anders als die Stammreihe, die mittlerweile ja ein rundenbasiertes Rollenspiel ist, bleibt „Judgment“ den Wurzeln der Serie treu und präsentiert sich als spannender Thriller, in dem in Actioneinlagen geprügelt wird. Das klappt nach wie vor hervorragend und vermeidet den endlosen Grind, der bei „Yakuza – Like a Dragon“ leider über lange Strecken nötig war, damit es in der Hauptstory weiterging.

Zumindest fast, denn zur Gänze entkommt auch „Judgement“ die unbalancierten Zeitfressern nicht. Um einen Kontrapunkt zur düsteren Haupthandlung zu setzen und alles etwas aufzulockern, gibt es absurde Nebenfälle und mit den „School Stories“ sogar eine ganze Nebenhandlung, die 10 teils skurrile, im Spiel versteckte Minispielchen (u.a. Tanzspielchen, Skateboardfahren, Boxen, Motorradrennen und Darts) mit einander verbindet. Um diese Handlung abzuschließen, muss man jeweils kleine Stories um die Minispielchen durchspielen. Hört sich super an und funktioniert auch bei den meisten prima, manche Disziplinen hat man in 10 Minuten durch. Aber mitten drin gibt es einen Showstopper: Ausgerechnet in drei extrem unspaßigen Kategorien verlangt das Spiel hohe Zeitinvestitionen in extremen Grind und extrem viel Skill. Will man also alles mitnehmen, ist man neben den 30 Stunden des Hauptspiels nochmal 30 Stunden mit den „School Stories“ beschäftigt.

Das ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen, denn den grindigen Nebeaufgabenkram kann man ignorieren. Die verzwickte und wendungsreiche Hauptgeschichte bewegt sich wieder auf dem Niveau eines sehr spannenden und exzellent geschriebenen Thrillers und hat, trotz stellenweise typisch japanischem Overexplaining, ein flottes Tempo. Sehr gutes Spiel.


Machen:

Pandemie, vierte Welle.


Neues Spielzeug:

Ein neuer Kindle Paperwhite. Elfte Generation des Kindle, 5. iteration des Paperwhite, 8GB, mit Werbung. Meine Kritikpunkte am Vorgänger wurden behoben. Anders als bei dem ist hier die Schrift (wieder) gestochen scharf, und die Farbtemperatur ist nicht mehr blau-weiß, was beim Lesen kurz vor dem Einschlafen doof ist, sondern lässt sich ins bernsteinfarbene verschieben – eine Funktion wie es die Konkurrenz schon lange hat. Der neue Paperwhite ist zudem wieder wasserdicht, der Akku hält Monate und das Display ist größer.

Also alles gut? Nicht wirklich. Amazon verpasst irgendwie immer den sweet Spot. Statt nur den breiten Rahmen des Vorgängers etwas schmaler zu machen, um das Display größer zu gestalten, wurde das ganze Gerät größer und damit auch 25 Gramm schwerer. Damit kann ich es nicht mehr so gut halten wie den 2018er Paperwhite, es liegt nicht mehr gut in der Hand. Eine automatische Helligkeitsregelung hätte ich mir gewünscht, aber die bleibt, ebenso wie drahtloses Laden und Werbefreiheit, der 190 Euro teuren „Signature Edition“ vorbehalten, die damit aber zu wenig Mehrwert bietet, um 85 Euro draufzulegen.

Immerhin praktisch: Amazon nimmt jetzt alte Geräte zurück. Für meinen 10 Jahre alten Original-Paperwhite, dessen Akku nur noch eine Stunde hielt, gab es noch 20 Euro als Gutschein plus 20 Prozent Nachlass auf den Neukauf.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | Ein Kommentar

Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (1): Irgendwie quaddelig

Samstag, 18. September 2021
Bloß raus, bloß weg. Ein Jahr alles gegeben, nun völlig leer, müde und kaputt.
Ausgelaugt. So fühle ich mich und so sehe ich auch aus: Blass, und irgendwie quaddelig.

Ich habe nicht einfach nur Fernweh. Oder Sehnsucht nach Ferne. Darüber bin ich lange weg, die Grenze zwischen „Ich würde gerne mal wegfahren“ und „ICH MUSS HIER RAUS SONST DREHE ICH DURCH“ ist schon länger überschritten, und nur eiserne Selbstbeherrschung hat dafür gesorgt, dass ich nicht so manches Mal in diesem Jahr einfach Sachen zusammengetreten habe.

Weg hier. Den Kopf frei bekommen, endlich wieder was anderes sehen als nur Monitore und die immer gleichen vier Wände zu Hause und die vier Wände im Büro. Seit eineinhalb Jahren Pandemie, seit eineinhalb Jahren fast alle Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice, dazu deutlich mehr Arbeit als vorher.

Ja, schon in den vergangenen drei Jahren war ich irgendwann immer am Ende, kurz vor einer Reise. Aber dieses Jahr ist es heftiger. Der Stress macht jetzt Dinge mit mir, die allerhöchste Alarmzeichen sind. Ich kann gerade nicht mehr als vier, fünf Stunden schlafen, weil sich der Körper in permanenter Alarmbereitschaft befindet und das Hirn gleichzeitig ständig an drei Dingen herumdenkt und dabei gleichzeitig einen Ohrwurm dudelt. Meine Innereien rumpeln und pumpeln, seit mindestens zwei Monaten habe ich Probleme mit Magen und Darm. Und nicht zuletzt höre ich auf dem rechten Ohr seit einigen Wochen nicht mehr viel. Ohrenarzt sagt: Kein körperliches Problem, alle Tests sind supi. In der Theorie müsste ich perfekt hören, in der Praxis fühlt es sich an, als hätte ich Wasser im rechten Ohr.

Aber kann ich das überhaupt? Kann ich jetzt wirklich vier Wochen mit dem Motorrad auf Tour gehen? Das habe ich so lange nicht mehr gemacht. Bin ich fit genug? Schafft das Motorrad das? Was bildest du Dir ein, dass Du denkst, Du könntest das schaffen?, flüstert eine Stimme in mir.

Alles so Gedanken, die mir durch den Kopf kreisen. Deutliches Zeichen, dass ich in diesem Jahr motorradtrchnisch zu viel Theorie und zu wenig Praxis hatte. Dann baut langsam das Vertrauen in mich selbst ab. Ich muss hier weg. Nicht nur in der Theorie.

In der Praxis steht die Barocca (gesprochen: Barocka), die 2011er Suzuki DL650 „V-Strom“, in der Garage. Startbereit. Seit Wochen schon. Frisch gewartet. Die Reifen sind nicht mal richtig eingefahren.

Viel gefahren ist die große Schwarze mit dem Mördervorbau in diesem Jahr noch nicht. Wohin auch? Sie ist meine Reisemaschine, und reisen wollte und konnte ich ohne Impfung in der Pandemie nicht. Da erschien auch Urlaub machen irgendwie sinnlos. Also Arbeit Arbeit Arbeit… bis im Spätsommer endlich die erlösende Impfung kam. Das ist erst acht Wochen her, kommt mir aber vor wie eine Ewigkeit.

Ab dem Moment hatte ich wieder Lust und Traute weg zu fahren, am Besten Ende September. Aber wohin? Nach Rumänien möchte ich schon lange gerne, aber die haben ihre Pandemiezahlen überhaupt nicht im Griff. Oder UK? Nee, wettertechnisch schon zu spät im Jahr und wer weiß, in welchem Chaos die piefige Brexit-Insel versinken wird, vielleicht will ich da nicht mittendrin stecken.

Dann fiel der Beschluss, eine Reise nachzuholen, die ich vergangenes Jahr im Mai gerne gemacht hätte. Es soll nach Griechenland gehen. Einen ganzen Monat soll es auf dem Motorrad bis zur Südspitze des griechischen Festlands gehen. „Na, Mädchen, kriegen wir das hin?“, frage ich die V-Strom und streiche mit der hand über den Sattel. Natürlich kriegen wir das hin. 8.000 Kilometer werden es werden. Die Zahl wirkt groß, aber hey, ich fahre die ja nicht am Stück, sondern in kleinen Etappen, und für jede kann ich mir Zeit nehmen und sie so fahren, wie es für mich richtig ist. Denn natürlich bin ich wieder allein unterwegs.

Seitenkoffer und Topcase sind schon montiert und bereits seit einer Woche fertig gepackt. Hätte ich mich nicht früh darum gekümmert, hätte ich in den vergangenen Tagen keine Zeit zum Packen gefunden. Ein letztes Mal prüfe ich den Sitz des Gepäcks und checke die Maschine und das Garmin Zumo, Spitzname „Anna“, das drahtlos mit meinem Helm und den Reifen des Motorrads verbunden ist.

Alles ist in Ordnung, alles funktioniert wie erwartet. Morgen soll es also losgehen, und ich fühle mich körperlich schwach und erschöpft und geistig der Sache überhaupt nicht gewachsen. Aber ein Teil von mir ist gnadenlos optimistisch und weist darauf hin, dass mir das vor jeder weiten Reise so geht und das ich bislang noch alles geschafft habe, was ich wollte – und raus, einfach nur weg hier, das will ich wirklich, mit jeder Faser.

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Sonntag, 19. September 2021
Es ist 05:30 Uhr. Klamotten an, Schluck Instantkaffee, Sicherungen der Wohnung raus, los geht’s. Es sind 11 Grad, und die Luft hängt voller Niesel. Damit ist wenigstens die Entscheidung schon getroffen, ob ich die Regenkombi anziehe oder nicht. Schnell ist die Stormchaser übergestreift und der Gehörschutz reingepfriemelt, dann schiebe ich die DL 650 auf die Straße und knipse das Licht in der Garage aus.

Kurz darauf rollt die Barocca im Schein der Straßenlaternen aus dem Dorf heraus und auf den Autobahnzubringer.


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Corona-Tagebuch (37): Im Brunnen

Weltweit: 259.628.643 Infektionen, 5.178.043 Todesfälle, 7,5 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 5.595.678 Infektionen, 100.123 Todesfälle
628 Days Gone

Die haben es verkackt.

Also, eigentlich steht überall „Wir haben es verkackt“, wahlweise „Deutschland“ oder „Wir als Gesellschaft“ hätten versagt. Aber ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ICH nichts verkackt habe. Ich war nicht monatelang mit Wahlkampf beschäftigt und habe deshalb die Pandemie versucht wegzulügen; ICH war es nicht, der keine Öffentlichkeitsarbeit hinbekommen hat. Und ICH war es auch nicht, der lieber mit Impfgegnerinnen gekuschelt hat als Vorbereitungen zu treffen. ICH habe auch nicht alle Modellierungen und Warnungen der Virologen ignoriert.

Nein, das waren DIE, die Landes- und Bundespolitiker:innen, die durch Nichtstun und Ignoranz die vierte Welle monumental und mit Ansage verkackt haben. Jetzt haben wir exponentielles Wachstum der Ansteckungsraten unter Ungeimpften. Es sind übrigens, abgesheen von Kindern, die Wenigsten, die sich nicht impfen lassen können. 15 Millionen Menschen in diesem Land WOLLTEN einfach nicht. Aus Protest oder aus Angst, weil sie schlecht informiert oder in die Kaninchenbauten von Verschwörungslügnern gefallen sind. Das ist das Ergebnis:

Noch nie seit Beginn der Pandemie war es so schlimm. Gestern wurde die Schwelle von 100.000 Toten überschritten. Aktuell liegt Deutschland weltweit auf Platz 3 der Länder mit den weltweit meisten Infektionen, nach den USA und UK. Mittlerweile gibt es Reisewarnungen anderer Länder vor dem Besuch in Deutschland.

Was macht die amtierende Bundes- und die Landesregierungen dagegen? Sie beenden die „Epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ und deckeln die Auslieferung von Biontech-Impfstoff. Ja, sicher passiert das begründet (Notlage wird durch Gesetz abgelöst, Moderna ist auch gut und überschreitet bald das MHD), aber es sind einfach die falschen Signale zur falschen Zeit. Genau wie die Ankündigung des Chef der Bahngewerkschaft, dass das Personal unmöglich die Einhaltung von 3G kontrollieren könnte.

Zusammenbruch

Ein weiteres Ergebnis des epischen Verkackens: Volle Intensivstationen und ein Gesundheitssystem, dass in Kürze zusammenbrechen wird. Da führt kein Weg mehr drum rum. Wir sehen jetzt die Hospitalisierungsraten für Ansteckungen von vor 14 Tagen. Der richtige Schub an Kranken kommt erst noch. Schon jetzt werden planbare Operationen verschoben. In zwei Wochen werden wir hier Bilder haben wie zu Beginn der Pandemie in Bergamo oder New York. Die Krematorien haben bereits Sondergenehmigungen für den Sonntagsbetrieb erhalten.

Selbst Lothar Wieler, dem Chef de Robert-Koch-Instituts, ist jetzt schon mehrfach vor laufender Kamera der Arsch geplatzt. Viral gingen gerade Ausschnitte aus einer Videokonferenz, in der er die sächsische Landesregierung belehrt, sowie ein Ausschnitt aus der Gesundheitsministerkonferenz, in der er dem neben sich sitzenden Gesundheitsminister offen widerspricht.

Zusammegefasst:
Es ist vorbei.
Das Kind ist im Brunnen.
Alles. Mit. Ansage.

Es gibt kein „flatten the curve“ mehr, alle denkbaren Gegenmaßnahmen wurden zu spät eingeleitet oder gar gänzlich ausgeschlossen.

Licht am Ende des Tunnels

Wer beim Blick auf die Risklayer-Karte denkt: Oh super, weiße Flächen auf der Landkarte! Es wird wieder besser! Dem seit gesagt: Nee. Den Machern sind nur die dunklen Farben ausgegangen. Nach Rot, tiefrot, violett, dunkelviolett und schwarz ging es irgendwann nicht mehr weiter. Das weiße ist also nicht die Coronafreie Zone der Glückseeligen, das ist Sachsen.

Maximal kompliziert

Das epische Verkacken geht übrigens weiter. Man sollte ja meinen, dass Erst- und Boosterimpfungen angesichts der dramatischen Lage so einfach wie möglich zu erhalten seien, und man sich den schützenden Schuss in jeder Apotheke geben lassen kann. Dem ist aber nicht so.

In Niedersachsen ist es so, dass man Impfangebote erst gar nicht findet.

Geht man auf das Impfportal des Landes, bekommt man Stockphotos, Slogans das Impfen ja voll wichtig sei und dann exakt folgende Informationen:

  1. Das Impfportal ist geschlossen.
  2. Zum 1.10., also rechtzeitig vor Beginn der 4. Welle, hat man alle Impfzentren im Land geschlossen und rückgebaut.
  3. Wenn man Informationen möchte, soll man woanders hingehen.
  4. Es gibt eine Hotline, aber die soll man bitte nicht anrufen, und Impfungen vermittelt die schon gar nicht.
  5. Man solle gefälligst Hausärzte kontaktieren, dazu ein Link auf ein Ärzteregister, der in einem Fehler 400 endet.

Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Als bereits absehbar war, dass alle Geimpften einen Booster brauchten und die Impfung von Kindern schon am Hoizont sichtbar ist, in einer Zeit in der niedrigschwellige Impfangebote LEBENSWICHTIG sind… da schließt Niedersachsen die Impfzentren. Un-fass-bar.

Die Hausärzte haben jetzt schon Wartezeiten bis St. Nimmerlein. Es gibt noch mobile Impfteams, die immer mal wieder von 09:00 bis 12:00 Uhr an unterschiedlichen Standorten stehen, aber da ist der Andrang so groß, dass schon morgens um 07:00 Uhr die Leute einmal um den Block stehen und quasi sofort nach Öffnung wieder weggeschickt werden, denn soviel Impfstoff haben die mobilen Teams gar nicht dabei.

Es ist ein Elend. Alles.

Und dann wird noch darüber disktutiert, ob eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen diskrimierend sei. Dazu sagte eine Krankenschwester in einer Rede vor Politikern: „Wenn jemand Taxifahrer werden will und keinen Führerschein hat, käme niemand auf die Idee zu behaupten, dass diese Person diskriminiert wird. Genauso irrsinnig ist es davon zu sprechen, dass ungeimpfte Pflegekräfte diskriminiert werden. Es gibt Freiheiten und es git Pflichten, und es ist keine Freiheit und keine Wahl, Alte und Kranke zu gefährden.“

Starke Worte.
Aber gut, dass die Politik von vornherein eine Impfpflicht ausgeschlossen hat. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle, die sich impfen lassen könnten, das auch tun würden?

Ältere Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | 6 Kommentare

Ausrüstungsodyssee

Der November ist grau und kalt, da bietet sich ein Ausflug in den Süden an. Leider konnte ich den nicht selbst antreten, aber immerhin Teile meiner Motorradbekleidung.

Das Innenleben der TechAir-Jacke zieht es alle zwei Jahre nach Asolo, im Veneto. Dort wird die Airbagweste auf Dichtigkeit geprüft, die Treibladungen getauscht, die Sensoren gecheckt, die neueste Steuersoftware aufgespielt und – das ist am Wichtigsten – das Teil wird gewaschen.

Gönnt man sich als TechAir-Besitzer diesen Service für 99 Euro, bekommt man dafür nicht nur ein überholtes und duftendes Kleidungsstück und Seelenfrieden zurück, auch die Herstellergarantie verlängert sich um zwei Jahre. Versand und Rückgabe wird vom Händler organisiert, und über Louis geht das reibungslos und schnell. Im Retourenportal druckt man sich ein Versandlabel, legt einen Brief bei, dass man bitte eine TechAir-Wartung möchte und schickt das Ganze nach Hamburg. Dort wird das Ganze dann behandelt wie eine Reklamation, aber die Mails á la „Es tut uns so leid, dass Du mit uns nicht zufrieden bist“ und „Wir tauschen Deine Ware um“ kann man allesamt ignorieren. Die zeigen nur an, dass der Airbag unterwegs nach Italien ist, und binnen 10 Tagen war die Klamotte wieder hier.

Der Helm war nicht ganz so weit weg und hat trotzdem etwas länger gebraucht, was aber am Lieferdienst lag. Der N104 war nicht im Stammhaus von Nolan in Bergamo, sondern nur in Stuttgart, wo er in der deutschen Niederlassung von Nolan neue Visiermechaniken und Dichtungen bekam und die Verschlüsse gängig gemacht wurden.

Zusammen mit dem neuen Innenfutter und den Wangenpolstern lebt der Helm nun noch etwas länger.

Ich bin nur froh, dass ich ihn wiedergefunden habe – mitten in der Göttinger Innenstadt lag er rum, ganz allein. Das kam so: Mitte letzter Woche kam eine SMS von einem Versanddienstleister, das ein Paket für mich unterwegs sei. In der SMS: Ein Link auf eine kaputte Trackingseite. In Zeiten von Massenphishing über Fake-SMS unbedingt eine vertrauenssteigernde Maßnahmen.

Dann passierte: Nüscht.

Irgendwann habe ich mit die kaputte Trackingseite genauer angeguckt und konnte aus ihr eine Versandnummer rausschütteln, die dann auf einer anderen Trackingseite funktionierte. Stand der Dinge war da: Angeblich war ein Zustellversuch unternommen worden (stimmt nicht), aber ich wäre nicht da gewesen (stimmt auch nicht), und nun sei das Paket bei einem Nolte abgegeben worden. Nett. Nur: Hier gibt es weit und breit keinen Nolte.

Mein erster Gedanke: OK, der Fahrer hatte zu viel zu tun, und um sein Tagespensum zumindest für die Statistik zu erfüllen, hat er selbst das Paket als ausgeliefert unterschrieben und bringt das morgen oder übermorgen.

Doch es passierte: Nüscht.

Für heute hatte ich mir dann vorgenommen, sämtliche Lager des Versanddienstleisters anzurufen. Schon im nächstgelegenen hatte ich Glück. Das Lager selbst, ein Fahrradladen in der Göttinger Innenstadt, sah aus wie das Lagerhaus am Ende von „Jäger des verlorenen Schatzes“ – kein Wunder, wenn die Zusteller nicht mal Benachrichtigungen hinterlassen und die Pakete gleich da hinbringen, dann sammelt sich halt was an.

Wie auch immer: Der N104 ist wieder da. Und mit den Ersatzteilen des upgegradeten Modells ist er besser als an dem Tag, als ich ihn gekauft habe.

Kategorien: Ganz Kurz, Motorrad | 4 Kommentare

Über rote Ford Fiestas

„Das eine Fahrzeug, vor dem selbst die Fahrer der nobelsten Limousinen Respekt hatten, und mit dem anzulegen sich nicht einmal die PS-Stärksten Fahrzeuge trauten, waren rote Ford Fiestas. Vor roten Ford Fiestas zitterten alle. Dafür gab es einen einfachen Grund: Rote Ford Fiestas hatten schlicht nichts mehr zu verlieren, und genau so wurden sie auch im Straßenverkehr bewegt. Von Fahranfängern, Senioren oder eben auch Fahrern, denen alles egal war. Einem roten Ford Fiesta ging man aus dem Weg, wie man einem tollwütigen Hund aus dem Weg geht. Das war ein ungeschriebenes Gesetz der Straße – auch, wenn es im ungeschriebenen Gesetzbuch eher weiter hinten stand.“

So oder so ähnlich stand der Absatz über rote Ford Fiestas in einem Buch, dessen Namen und Auto ich leider vergessen habe. Vermutlich war es was von Douglas Adams. Würde jedenfalls passen, den der Text enthält einen wahren Kern, wenn auch ins Absurde verdreht: In den Neunzigern war der Ford Fiesta in Großbrittannien eines der meistverkauften Modelle, die beliebteste Farbe war rot, und dementsprechend führten die Karren auch die Unfallstatistik an. „Cause of death: Little old lady in a blue rinse and a red Ford Fiesta“.
Dadurch war „Red Fiesta“ bald ähnlich konnotiert wie die der stehende Begriff der „White Van Man“, die mit ihren weißen Lieferwagen aus dem Nichts auftauchen um einen zu schneiden. Kennt jeder, auch in Deutschland, man muss der Empirie manchmal nur einen Namen geben.

Anyway, als ich das in den 90ern las und dabei an die Arbeitskolleginnen dachte, die einen roten Ford Fiesta fuhren, erkannte ich die tiefe und universelle Wahrheit in diesen Zeilen.

Ich habe diese wahren Worte nie vergessen (anders als halt Buchtitel und Autor), und als ich neulich auf diesen Ford Fiesta stieß, fand ich sie wieder bestätigt. Das ist so eine „hat-nichts-mehr-zu-verlieren-Karre“, und Daimlerfahrer fürchten um ihren Lack, wenn die auf den Straßen unterwegs ist.

Kategorien: Fun, Ganz Kurz | 8 Kommentare

Corona-Tagebuch (36): Die vierte Welle

Weltweit: 251.054.359 Infektionen, 5.068.333 Todesfälle, 7,4 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 4.858.101 Infektionen, 96.968 Todesfälle
613 Days Gone

Lange keinen Eintrag mehr im Corona-Tagebuch gehabt, und das aus gutem Grund. Die Infektionszahlen waren im August und September moderat und zogen nur leicht an. Über Corona wurde nicht viel gesprochen, weil: Wahlkampf, Bundestagswahl. Außer Karl Lauterbach sprang kein Politiker durch die Kulisse und verbreitete schlechte Laune mit Warnungen vor einer vierten Welle. Es gab auch keine große angelegte Werbekampagne für die Impfung, keine Aufklärungsstrategie, und Vorbereitungen auf den Herbst ohnehin nicht. Jetzt ist es nach der Bundestagswahl, und gefühlt passiert – weiterhin nichts. Die geschäftsführende, alte Regierung sitzt gefühlt auf ihren Händen, einzelne CXU-Ministerpräsidenten verlangen Maßnahmen von den Wahlgewinnern, aber die haben noch nicht mal entschieden, wie und ob sie koalieren wollen. Im Besten Fall gibt es um Weihnachten herum eine neue Bundesregierung. Dann ist satte fünf Monate nichts passiert.

Oh, eine Sache hat die alte Bundesregierung doch gemacht. Sie rechnete sich während des Wahlkampfes die Warnstufen schön, indem man im Gesundheitsministerium die Auslastung der Intensivbetten als Indikator für den Stand der Pandemie heranzog.

Das RKI schlug vor, statt der Inzidenz die Hospitalisierungsrate, also die Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner, heranzuziehen. Das wäre vernünftig, denn Ansteckungen bei Geimpften verlaufen meist glimpflich. Die Ansteckungen steigen aber gerade exponentiell an, und hospitalisiert werden vor allem Ungeimpfte.

Ungeimpft sind leider noch viel zu viele. Stand heute kommt Deutschland nur auf eine Impfquote von 67,3%, damit liegen wir teils weit hinter anderen Ländern. 15 Millionen Menschen könnten sich impfen lassen, tun es aber nicht. Warum? Manche tun das bewusst und mit lautem Protest, manche sind schlecht informiert, andere einfach nur bequem. Dabei gilt die vierte Welle jetzt schon als „Pandemie der Ungeimpften“. Das hören Querdenker zwar nicht gerne und behaupten, das sei diskriminierend, aber die aggressive und dominierende Deltavariante haut nunmal durch. Die Zahlen belegen das:

Delta haut aber auch durch Impfungen durch. Die Impfstoffe wurden gegen die Wildvariante entwickelt, Delta ist aber ein anderes Biest. Das schlägt durch, wenn der Impfschutz nach sechs Monaten anfängt abzuklingen. Deshalb gilt nun, dass sich alle nach einem halben Jahr eine dritte Injektion geben lassen sollen.

Ist das ethisch richtig, das wir uns in Deutschland die dritte Dosis geben, wo Menschen im globalen Süden noch gar keine Impfung hatten? Das Ding ist: Wenn wir Sparsam sind, dann bringt das eventuell anderen gar nichts, denn die EU Kommission hat den Herstellern der Impfstoffe zugesagt, dass die Verbieten dürfen, dass Impfdosen von EU-Ländern in andere Länder abgetreten werden. Ein „Ich verzichte auf meinen Booster“ hat also unter Umständen zur Folge, dass bereits bestellter und bezahlter Impfstoff schlicht weggeschüttet wird. Die Welt ist grausam.

Das es Impfdurchbrüche gibt, ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Querdenker und Esoteriker, trotz obiger Zahlen bzgl. Hospialisierung tönt es jetzt: „Höhöhö, guckt mal, die staatliche Zwangsimpfung mit den 5G-Gift bringts ja nicht, höhöhö“. Tja. Was soll man zu solchen Leuten noch sagen? Gar nichts vielleicht, schlägt Heidi Kastner vor. Die Autorin hat ein Buch über Dummheit geschrieben und darüber mit dem schweizer Tagesanzeiger gesprochen. Dabei ist dieser denkwürdige Wortwechsel entstanden:

…und das beginnt die sich ändernde Stimmung abzubilden. Im vergangenen Jahr war es ein „Wir hängen alle gemeinsam in der Pandemie, wie kommen da irgendwie durch“. Jetzt ist es ein „Wir sind immer noch nicht durch die Pandemie, weil sich so viele nicht impfen lassen“.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist FÜR eine Impfung, die Abstimmung fand mit der Nadel statt. Und diese Mehrheit verliert die Geduld mit den unsolidarischen Pieptröten, die der Meinung sind, ob sie sich Impfen lassen oder nicht, sei nur ihre Sache. Denn zumindest für die Intensivbetten, die die Querdenker belegen, zahlen wir alle.

Ältere Einträge im Corona-Tagebuch

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Herbst! Saisonende 2021 & Jahresstatistik

Also höret und lobet das Herbstwiesel,
das Euch wissen lässt,
dass nun die Zeit für lange Abende bei Netflix und guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist!

Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde!
Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr,
denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei!
Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2021 ist mit dieser Proklamation offiziell beendet.
Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Der Segen des Herbstwiesels entbindet Euch vom Drang, nochmal auf´s Mopped zu müssen.

Die Ode an das Herbstwiesel beendet eine Saison, die für mich einen ziemlich zerfransten Beginn ohne eine festen Anfang hatte. Schuld daran war ein überaus langer und harter Winter und, natürlich, Corona. Wir befinden uns in Jahr 2 der Pandemie, und zu Jahresbeginn gab es keinen Impfstoff. Nun mache ich am Liebsten Touren mit dem Mopped, am Besten mit Übernachtungen. Aber das ging, keine Frage, ungeimpft einfach nicht. Folgerichtig blieb die Suzuki DL650 V-Strom „Barocca“, die Fernreisemaschine, nach einem kurzen Besuch bei der HU im März lange eingemottet.

Die Kawasaki ZZR 600 „Renaissance“ durfte eher raus, irgendwann so im April, nachdem sie eine neue Batterie bekommen hatte. Stellt sich raus: Original-Yuasa-Batterien halten in ZZRs ziemlich genau 4-5 Jahre, dann sind sie am Ende. Muss wohl an den komischen (und gerne mal durchbrennenden) Ladekonstruktionen der Kawasaki liegen, die gleiche Batterie hält in anderen Modellen deutlich länger.

Sei´s drum, die ZZR bekam ebenfalls noch mal die Plakette der HU und danach im Alltag und auf Kurzstrecken bewegt. Einkaufen, zur Arbeit, mal ein kurzer Trip in den Harz, mehr nicht. Die V-Strom kam erst im August an´s Tageslicht und wurde dann vorbereitet auf eine neue Fernreise. Dafür bekam sie (zur Vorsicht) eine neue Batterie und eine neue Satteltasche und wurde einmal rundum neu eingestellt.

Die dann folgende Tour führte über Österreich und Italien nach Griechenland und wieder zurück. 7.300 Kilometer ohne Panne und ohne Unfall, und der eine Umfall unterwegs hat eher mein Ego als die Maschine beschädigt. Bei V-Strom muss ich mich nun langsam fragen, wie lang unsere gemeinsame Zeit noch dauern wird.

11 Jahre ist sie jetzt alt und hat 82.000 Kilometer auf der Uhr. Jetzt werden langsam Kunststoffteile porös, und das wird teuer. Vielleicht wäre dann eine neue Maschine besser, aber, ganz ehrlich: Ich habe aktuell keinerlei Lust darauf. Die Barocca ist so, wie sie jetzt ist, perfekt für meine Bedarfe. Jetzt wieder von vorn anzufangen mit Probefahrten, Moppedkauf, dann Basteleien wie Gepäcksystem, anderer Sitzbank usw… da habe ich gerade keine Nerv drauf. Mal gucken, vielleicht ändert sich das noch. Die Entscheidung schiebe ich ganz entgegen meiner Art, vor mir her.

Nicht vor mir hergeschoben wird die Wartung der Schutzkleidung. Die TechAir hat nun schon ihr 4. Jahr hinter sich, insgesamt bin ich mit der Airbagjacke also schon über 30.000 Kilometer gefahren. Seit dem letzten Softwareupdate vor zwei Jahre geht die Kalibrierung superschnell und absolut zuverlässig, und abgesehen vom hohen Gewicht und dem festsitzenden Schweigeruch ist das Ding nach wie vor super. Deshalb tritt die jetzt auch eine Reise nach Asolo an, wo das Ding komplett geprüft, gewartet und gereinigt wird und dann wieder zwei Jahre Herstellergarantie hat.

In der Summe also ein unspektakuläres Motorradjahr mit, pandemiebedingt, zu wenigen Reisen. Aber auch ohne Pannen oder gar Unfälle, und wie immer an dieser Stelle möchte ich dafür einfach mal sehr dankbar sein.

Nun ist es wieder Zeit für Statistik, einfach mal die Daten der Motorräder angucken und wirken lassen.

Die Detailaufstellungen folgen nach dem Klick. Wer sich Einzelheiten angucken möchte, findet die Daten beider Maschinen online:

ZZR 600 Renaissance bei Spritmonitor.de
DL 650 Barocca bei Spritmonitor.de
Weiterlesen

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Momentaufnahme: Oktober 2021

Herr Silencer im Oktober 2021

Wort des Monats:HÖR AUF MIT DIESEM MIST!

Wetter: In Griechenland ist es mit 9 bis 18 Grad kühl und windig. Ab dem 16.10. bin ich wieder in Deutschland, hier ist es ebenfalls kühl, und ab dem 20. fangen die Herbststürme an und blasen das bunte Laub in Massen von den Bäumen. Binnen zwei Tagen sind die Bäume kahl, und dann wird es kalt, bis an den Gefrierpunkt heran.


Lesen:

Jasper Fforde: The Great Troll War
In einem alternativen England: Die 16-jährige Jennifer Strange leitete einst das Altenheim für Zauberer, mittlerweile ist sie aber zur letzten Drachentöterin und Besitzerin eines waffenstarrenden Quarkbiests geworden. Das hilft ihr aber alles nicht, als England aus dem Norden von Horden von Trollen angegriffen wird. Lediglich ein mit Knöpfen gefüllter Graben (Trolle hassen Knöpfe) steht zwischen den hungrigen Invasoren und dem unvereinigten Königreich.

Was Jasper Fforde kann: Worldbuilding. Egal ob die Buchwelt aus den „Thursday Next“-Büchern, der Eiswelt aus „Early Riser“ oder hier eine Welt mit sterbender Magie: Es ist völlig faszinierend und urkomisch, was der Mann sich an Welten und Gesellschaften mit eigenen Regeln ausdenkt. Was Jasper Fforde nicht kann: Charaktere schreiben. Seine Figuren drücken sich nur über innere Monologe aus, und die Protagonistin ist IMMER allwissend und handelt immer genial. Das erzeugt das Gefühl lebendige Welten zu haben, in denen unglaubwürdige Charaktere aus Presspappe herumstolpern. Das sich der Autor nach „Early Riser“ schon wieder als Ich-Erzähler in ein minderjähriges Mädchen versetzt ist zudem… seltsam.

Das Buch an sich ist nett und bringt die Story zu einem gelungenen Ende.

Christopher Marzi: London
Jahre nach den Ereignissen der Vorgängerbücher „Lycidas“, „Lilith“ und „Somnia“: Emily Laing will nach London zurückkehren, stellt aber voller Entsetzen fest, dass es nicht existiert. Auch nie existiert hat, denn die Hauptstadt Englands ist immer schon Oxford gewesen. Auf Umwegen gelangt sie doch wieder in die Stadt der Schornsteine, aber die hat sich verändert: Sie ist isoliert, löst sich auf, die Menschen in ihr werden Wahnsinnig. Es ist, als hätte die Stadt ihre Seele verloren.

Für Christopher Marzi muss man schon in der richtigen Stimmung sein und sich Zeit nehmen. Nicht nur, dass er seine Welten höchst erkennbar aus Ideen von Autoren wie Neil Gaiman zusammensetzt. Nein, ausschweifend und redundant ist seine Erzählweise, jeder Handlungsfortschritt wird noch drei mal von den Figuren reflektiert, die an ihre Sichtweise stets ihren Catchphrase anhängen. Ich kann das nicht immer ertragen, zumal im Fall von „Somnia“ das Drehen von Schleifen so schlimm war, dass ich mittendrin lange Pause machen musste. „London“ ist ähnlich langatmig geschrieben, bringt aber zum Glück eine superspannende Geschichte mit, von der ich immer wissen wollte wie sie weitergeht und die mich bei der Stange gehalten hat.

Zugleich ist „London“ ein möglicher Abschied von den liebgewonnenen Figuren, deren werden man über 4 Bücher verfolgen konnte – und ein sehr gelungener dazu.


Hören:


Sehen:

Squid Game [2021, Netflix]
Glücksspielsüchtiger Universalverlierer wird mit 455 anderen, hoch verschuldeten Menschen zu einem Spiel auf Leben und Tod eingeladen. Der „last Person standing“ winken 33 Millionen Dollar, alle anderen werden gnadenlos hingerichtet.

Natürlich habe auch ich „Squid Game“ geguckt. Die 9-teilige Serie wird ja gerade quer über den Globus gehyped, und das nicht ohne Grund. Sie hat eine interessante Grundidee und spannende Wendungen. Sie ist aber weit davon entfernt perfekt zu sein. Was westliche Zuschauer aber wohl vor allem hooked ist der ungewohnte Look und das Spiel der Darsteller. Das ist typisch koreanisch, mit seinen Situationen, Farben und dem Overacting, aber wenn man das nicht schon einmal gesehen hat, z.B. im hervorragenden Film „Parasite“, dann wirkt das neu, unverbraucht und interessant.

Keine perfekte Serie also, aber wer vor Blut und Totschlag keine Angst hat oder sogar Filme wie „Saw“ oder „Escape Room“ mag, der wird hier viel Freude haben.

Free Guy [2021, Disney+]
Guy ist ein netter Kerl und lebt in einer Stadt, in der permanent Leute mit Sonnenbrillen Raubüberfälle begehen, Dinge in die Luft sprengen oder sich wilde Autojagden mit der Polizei liefern – das ist quasi Routine, und zu Guys Job gehört es, das Tag für Tag die Bank, in der er arbeitet, überfallen wird. Denn: Guy ist eine Non-Player-Figur, ein NPC, in einem GTA-ähnlichen Videospiel. Problematisch wird es, als er sich dessen bewusst wird und selbst die Fertigkeiten der Spieler bekommt.

Ein Film für Videospieler mit GTA-Erfahrung! Auch alle anderen werden hieran ihren Spaß haben, denn „Free Guy“ ist eine gut gemachte, kurzweilige Actionkomödie mit einer lustigen Leichtigkeit, die ich schon lange nicht mehr auf der Leinwand gesehen habe. Wer zudem Videospiele mag, der hat noch einmal extra Freude an den vielen, großartigen und sehr liebevollen GTA-Anspielungen.

Tucker and Dale vs. Evil [2010, BluRay]
Eine Gruppe von Collegestudierenden macht einen Ausflug in einen abgelegenen Teil der USA. Beim Campen im dunklen Wald stehen sie plötzlich zwei Rednecks mit Kettensäge und Sense gegenüber. Was dann passiert….

…ist alles andere als erwartbar. Während die beiden absolut harmlosen und liebenswerten Rednecks Tucker und Dale noch zu begreifen versuchen was hier eigentlich los ist, verfallen die Collegekids in Panik, weil sie glauben in einer Slashergeschichte gelandet zu sein. Während des kopflosen Herumhühnerns stirbt wirklich einer nach dem anderen – an eigener Dummheit. Tucker und Dale ziehen fassungslos den Schluss: Das muss ein Selbstmordkult sein. Doch dann stehen sie dem absoluten Bösen gegenüber – dem BWL-Studenten.

„Tucker and Dale vs. Evil“ ist ein wunderbarer kleiner Film und so ziemlich das schweinelustigste, was ich in 2012 gesehen habe, zeigt er doch auf´s Schönste, wie Vorurteile fatale Folgen haben können.

Dark City [1998, BluRay]
John Murdock erwacht ohne Erinnerung in einer Badewanne in einem heruntergekommen Hotelzimmer. Am Telefon wird er dazu gedrängt, so schnell wie möglich zu flüchten – und tatsächlich sind eine Gruppe blasser, dürrer Männer hinter ihm her, die ihn durch die Straßen der dunklen Stadt hetzen.

Immer noch ein Meisterwerk: Die „Dark City“ ist einer der Höhepunkte des Neo-Noir, einer recht kurzlebigen Bewegung von Mitte der 90er bis Mitte der 2000er, zu der auch „The Crow“, „Sin City“ und „Matrix“ gehören. Dark City hat einfach alles: Hervorragendes Art-Deko-Design, düstere Ausleuchtung, super Schauspieler. Highlight ist aber die verwirrende Story, die tatsächlich auch „Matrix“ geprägt haben dürfte, auch wenn dieser Film in eine deutlich andere Richtung geht. Ich weiß noch, wie mir beim großen Reveal, was die Dunkle Stadt wirklich ist, im Kino der Mund offen stehen blieb – und diesen Effekt hat das ganze heute noch. Ein moderner Klassiker.


Spielen:

Assassins Creed Valhalla: Die Belagerung von Paris [PS5, 2021]
Wikingerin Eivor verschlägt es nach Frankreich, wo Karl der Dicke einen Krieg mit ihrer Wahlheimat England beginnen will. In Paris, das im Jahre 900 gerade mal aus einer Ansammlung schlammiger Hütten und einer Festung auf der Ile de la Cite besteht, muss sie sich mit dekadenten Königen herumschlagen und einen Sturm der Wikinger auf die Stadt verhindern.

Gähn. More-More-More of the same. Der Landstrich in Frankreich, von Paris bis Amiens, ist trotz Asset-Recyclings recht groß und wie immer hübsch gemacht, aber man reitet schon wieder stundenlang durch die Landschaft um Ressourcen einzusammeln, die man nicht braucht, Schätze zu finden, die allesamt uninteressant sind, Ausrüstung zu bekommen, die schlechter ist als die, die man schon hat und dabei viele, VIELE Schlüssel und Zugänge zu suchen. Gerade dieses Spielelement wird hier dermaßen überstrapaziert, dass ich anfange zu schreien, wenn ich nur noch einmal höre „This Door is barred from the other side“ oder „I need to find the key“. Im Ernst, selbst für den Bosskampf muss man erstmal Schlüssel finden.

Die Story mäandert hin und her, die schlecht animierten Charaktere tun völlig ohne Konsistenz nur das, was die Story gerade braucht, das Pacing geht stellenweise völlig den Bach runter. Und wo versucht wird etwas neues zu machen, klappt das selten gut – die Pestratten zum Beispiel sind ein unausgegorenes und damit nerviges Spielelement, und die neuen, völlig overpowerten und teils unverwundbaren „Pikenträger“ sind einfach ein riesiges Ärgernis, das überhaupt keinen Spielspass aufkommen lässt.

Wem Assassins Creed Valhalla mit seinen bislang 140 Spielstunden (Hauptspiel und dem ersten DLC) noch nicht genug auf den Sack gegangen ist, dem bietet der „Paris“-DLC hier noch einmal 10 Stunden Gelegenheit dazu, und keine Minute davon macht Spaß.

Ich bin eigentlich ein AC-Fan, aber hier möchte ich nur noch, dass die, bereits zu Tode gemolkene, Kuh endlich verreckt. Leider sieht es nicht danach aus, „Valhalla“ ist Ubisofts erfolgreichstes Game bislang, und gerade wurde ein weiterer DLC angekündigt. Würg.


Machen:
Bis zur Monatshälfte: Motorradreise! Das ist sehr schön.


Neues Spielzeug:
V-Strom in kleiner Inspektion, Auto in großer Inspektion, neue Brille. Sehr teurer Monat.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Wann ist ein Helm alt?

Motorradhelme altern, weswegen man sie nicht ewig nutzen kann. Aber wann ist ein Helm eigentlich zu alt?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Eine Aussage, die immer wieder durch die Medien geistert: Alle fünf bis sieben Jahre solle man einen Motorradhelm erneuern.

Schaut man dann mal, wo diese Aussage herkommt und wie sie sich begründet, stellt man schnell fest, dass diese Empfehlung, zumindest im deutschsprachigen Raum, maßgeblich vom „Goslar Institut“ prominent in die Welt gesetzt und dann von allen anderen mehr oder weniger abgeschrieben wurde. Das „Goslar Institut“ beruft sich für seine Empfehlung seinerseits auf „Experten“, benennt die aber weder noch belegt es deren angebliche Aussagen.

Nun klingt der Begriff „Institut“ wissenschaftlich, ist aber in Deutschland nicht geschützt. Guckt man beim Goslar Institut etwas genauer hin, sieht man, dass es sich um einen Verein handelt, der eine Tochter der Versicherung HUK Coburg ist. Vereinszweck: „Verbraucher über Versicherungsprodukte aufzuklären“. Nicht verwerflich, aber eher ein PR-Outlet, von dem man vielleicht nicht unbedingt wissenschaftliche Studien erwarten sollte.

Die Helmhersteller halten sich mit offensiven Aussagen zur Haltbarkeit ihrer Produkte eher zurück, sprechen aber auf Anfrage aber durchaus auch von fünf bis sieben Jahren (Hier z.B. Schuberth, Nolan gewährt max. sieben Jahre ab Herstellung oder fünf Jahre ab Kauf die italienische Garantie, also Nachbesserung von Fehlern).

Die Zeitschrift „Motorrad“ hat es einfach mal ausprobiert und ist in Experimenten und Messreihen der Frage nachgegangen, ob sich mit zunehmendem Alter die Helmschale zersetzt oder die Dämpfungswirkung nachlässt. Das, etwas überraschende, Ergebnis:

Bis auf eine Ausnahme standen die Stoßdämpfungswerte der getesteten alten Helme denen neuer Exemplare desselben Typs nur wenig nach. Eine substantielle Verschlechterung infolge Alterung ist demnach nicht zu erkennen, die Werte können sich sogar im Vergleich mit aktuellen Helmen sehen lassen.

Quelle: Motorrad

Es sind also nicht die Helmschale aus Polycarbonat oder Fiberglass oder die Dämpfschicht aus Polystyrol, die altern.
Es ist das Innenleben, das altert.

Labberig und faltig

Was nämlich ganz maßgeblich im Laufe der Zeit leidet ist das Innenfutter. Das sorgt normalerweise dafür, dass ein Helm stramm auf dem Kopf sitzt und während der Fahrt oder bei einem Aufprall nicht verrutscht. Dieses Innenfutter ist meist gefüllt mit Schaumstoff, und der wird beim Tragen fortwährend komprimiert und mit Schweiß getränkt. Irgendwann verliert er dann die Form, wird immer flacher und am Ende rutscht der Helm auf dem Kopf rum. Der Prozess ist schleichend, das merkt man als Helmträger erst, wenn man im direkten Vergleich zum eigenen Helm dann mal einen neuen auf dem Kopf hat.

Nach meiner Erfahrung liegt der Zeitraum, in dem die Innenpolsterung ihren Geist aufgibt, genau in den überall kolportierten fünf bis sieben Jahren.

Extrem ist mir das aufgefallen bei einem Billighelm von Nexo (wird vertrieben u.a. von Polo oder Lidl), dessen Innenpolster (nicht die Dämpfungsschicht) sich nach fünf Jahren in kleine, schwarze Bröckchen auflöste. Krass war auch 2016 der Wechsel vom Nolan N90 auf den N104 nach rund sechs Jahren. Als der neue Helm am Start war und stramm und knackig auf der Birne saß, mochte ich den alten gar nicht mehr tragen. Zu weit fühlte der sich an, zu rutschig, und das Innenfutter labbrig und speckig.

Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob man das Innenfutter regelmäßig mit so einem teuren Schaumreiniger aus dem Zubehörhandel shampooniert oder, wie ich es mit dem N90 regelmäßig gemacht habe, sogar per Hand auswäscht. Die Polsterung verliert trotzdem an Dicke, und man kriegt mit dem Schaum nie ganz den Schweiß aus den Polster, die man dort in heißen Sommern literweise hineinvergossen hat.

In conclusio: Ja, nach fünf bis sieben Jahren ist ein Helm zu alt und sollte getauscht werden.

Lebenserhaltende Maßnahmen

Mein aktuelles Problem ist nun: Mein geliebter N104 hat seinen fünften Sommer hinter sich und oh ja, was habe ich da an Schweiß hineingepladdert. Leider gibt es den nicht mehr zu kaufen, und der Nachfolger, der N100-5, ist ein wenig wie Kelly Bundy: Kann man hübsch finden, will man aber nicht dauernd um sich haben.
Schuberth-Helme passen mir nicht, andere Marken und Modelle bieten nicht das, was ich in einem Helm suche.

Mit anderen Worten: Auch wenn der N104 keine Schönheit ist und von Vorne aussieht wie ein bekifft grinsender Fisch – für mich ist er perfekt, und ich will den nicht austauschen!

Nach der schweißtreibenden Tour in diesem Jahr und der Feststellung, dass es NOCH alle Ersatzteile für den N104 gibt, von der Visiermechanik bis zum Windabweiser, wollte ich dessen Leben ein wenig verlängern und bestellte ein neues Innenleben, sowohl ein Innenfutter als auch Wangenpolster.

Die Wangenpolster hatte ich vor drei Jahren schon einmal ausgetauscht und damit meinen N104 in Sachen Ausstattung und Schalldämmung vom Modell „Evo“ auf „Absolute“ hochgepimpt – die Befestigungspunkte sind bei allen Modellreihen zum Glück die gleichen.

Auch dieses Mal hatte ich wieder den Effekt, dass sich das alte Innenpolster und die erst drei Jahre alten Wangenpolster des Helms zwar speckig, aber durchaus noch nicht komprimiert anfühlten. Die haben aber tatsächlich schon wieder abgebaut, und der Unterschied ist sogar messbar: Einen ganzen Zentimeter hat sich jedes Wangenpolster komprimiert und damit geweitet. Man sieht es sogar mit bloßem Auge. Links ist das neue, rechts das drei Jahre alte Wangenpolster:

Das ist jetzt nicht dramatisch, und zumindest im Wangenbereich saß der Helm noch Okay, aber die neuen sind schon deutlich straffer. Auch das alte Innenfutter war bereits deutlich dünner als das neue, mit dem der Helm wieder etwas höher auf meinem Kopf sitzt.

Jährliche Wartung

Was regelmäßig und nahezu jedes Jahr getauscht wird sind die Visiere. Der N104 hat drei davon: Das normale Außenvisier, ein fest daran anliegendes Innenvisier („Pinlock“), dass das Beschlagen verhindert, und ein Sonnenvisier.

Das Außenvisier und das Pinlock checke ich regelmäßig und erneuere sie, sobald sie zu viele Kratzer aufweisen. In Kratzern bricht sich das Licht, und gerade in der Dunkelheit und bei entgegenkommenden Fahrzeugen kann das die Sicht beeinträchtigen.

Das Sonnenvisier sollte eigentlich nicht zerkratzen, hat aber in den letzten Jahren trotzdem was abbekommen. Die Kratzer und Riefen sind leider massiv und genau im Blickfeld, deshalb musste das Ding jetzt leider ausgetauscht werden.

Der Helmkragen wird tatsächlich nur ein wenig mit Seifenschaum shamponiert und dann feucht abgerieben, aber der hat auch nur schalldämpfende Wirkung und keine schlagdämpfende.

Die Dichtungen sind gerade dabei aufzugeben, da kommt schon vereinzelt Regen durch. Bevor ich den Helm einwintere, werden die normalerweise mit Gummipflege betupft, um dem Aushärten zumindest ein wenig entgegenzuwirken. Dieses Jahr geht der Helm aber mal zur Wartung beim sehr guten Nolan Service, die werden sich um neue Dichtungen kümmern und ebenso um die Visiermechanik, die langsam etwas ausgenudelt ist, weshalb das Visier bei schneller Fahrt gerne mal zufällt.

Nach Einbau der neuen Polster sitzt der N104 wie ein ganz neuer Helm, und ich hoffe mal, dass ich mit diesen Maßnahmen seine Lebensdauer verlängert habe. Zumindest solange, bis Nolan einen Nachfolger rausbringt, mit dem ich besser klar komme als mit dem 105.

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Familiäre Dialoge -XIV-

Am Telefon.

Vater: „Ah, Sohn.“ (Mißtrauisch) „Warum rufst Du an?“

Ich: „Ich wollte nur mal hören wie es Dir so geht. Wir haben uns dieses Jahr erst ein Mal gesprochen, da dachte ich, es wird mal wieder Zeit.“

Vater: „Ah, wie soll es gehen, beschissen halt alles, aber was willste machen, ne. Ich habe halt so Schmerzen im Knie und kann nicht mehr laufen und nichts mehr machen und Sonntags fahren wir ins Café Tulpe und dann trinken wir da Kaffee und…“

Ich: „Mit Deinem Knie willst Du nicht mal zu einem Arzt? Du weißt doch, dass man da was machen kann.“

Vater: „Ich bin doch alle drei Monate bei der Ärztin! Der sage ich das immer! Die macht da nix! Ü-Ber-Haupt-Nichts!!“

Ich: „Hast Du denn inzwischen eine Hausärztin? Oder reden wir hier immer noch von Frau Bärmann?“

Vater: „Sohn, Hör doch mal zu! Natürlich reden wir von der Bärmann! Die macht nix! Nichts macht die!“

Ich: „Vater, Frau Bärmann ist deine Diabetesberaterin, keine Ärztin! Die hat Pflege gelernt! Natürlich macht die nichts, wenn Du der was von deinen Knieschmerzen oder den Lungenproblemen erzählst. Die kann auch gar nichts machen! Warum suchst Du dir nicht endlich mal einen Hausarzt oder eine Hausärztin?“

Vater: „Warum? Ich bin doch gesund!“

Ich: „Seufz. Bist du wenigstens mittlerweile geimpft?“

Vater: „Warum fragst Du das?“

Ich: „Weil Du 80 Jahre alt bist, Herz und Lunge hast und wir mitten in einer Pandemie stecken!“

Vater: „Mensch Sohn, ich habe doch gar keinen Kontakt mit anderen Leuten…“

Ich: „…Außer bei Deinen täglichen Besuchen im Supermarkt und im Baumarkt und jede Woche im Café Tulpe oder wenn Du Leute spontan triffst.“

Vater: „Genau mein reden, ich gehe praktisch NIE unter Leute! Und impfen, wie soll denn das gehen? Die impfen doch bei uns hier gar nicht!“

Ich (fassungslos): „Die. Impfen. Bei. Euch. nicht.“

Vater: „Nee, die impfen nicht. Die fahren hier mit so einem Bus rum aber man weiß nie wo der hält. Und das Impfzentrum ist drei Orte weiter da weiß ich gar nicht wo das sein soll.“

Ich: „Vater, ich hatte Dir schon im Februar angeboten dir da einen Termin zu machen und dich da hinzufahren. Und mittlerweile impft JEDER Arzt, da braucht man nur mal kurz anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen“

Vater: „Ich habe doch einen Termin! Am 27. November habe ich wieder einen Termin! Und ich wette, die Ärztin bietet mir wieder keine Impfung an!“

Ich: „Lass mich raten, am 27. Hast Du wieder einen Diabetestermin bei Frau Bärmann?“

Vater: „Du hörst nie zu, oder? Das war ja schon immer so. Natürlich bei der Bärmann! Bei wem denn sonst! Aber die macht nichts! Nie macht die was!“

Ich: „Und die Windbeutel im Café Tulpe, sind die gut?“

Vater: „Ja sehr lecker. Am Sonntag sind wir wieder da, in großer Runde!“

Bemerkenswert sind hier mehrere Dinge. Zum einen, in welcher Geschwindigkeit der alte Mann sich noch Ausreden aus dem Hintern zu ziehen vermag und binnen zwei Sätzen von „Ich gehe nie raus“ über „die Impfen bei uns nicht“ zu „die „Ärztin“ ist schuld“ wechseln kann und das flüssig und sogar beinahe eloquent runterlügt.

Zum anderen die Feststellung, das mein Vater ein Level an Faulheit erreicht hat, dem man impftechnisch nur begegnen könnte, wenn die Zeugen Jehovas mit Impfangeboten von Tür zu Tür gingen – und selbst dann hätte er vermutlich einen Grund, warum es jetzt gerade nicht passt. „Ich muss jetzt in den Baumarkt“ oder „Barbara Salesch fängt gleich an, deshalb passt es nicht, aber sonst würde ich mich impfen lassen.“

Tja. Ich habe aufgehört mir einzubilden, dass ich daran etwas ändern kann. Man ändert keine Menschen, die acht Jahrzehnte mit ihrer Art durchgekommen sind.

Frühere Dialoge:
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 7 Kommentare

7.306

Pandemie, Pandemie, Pandemie. Das sind die drei Gründe, weshalb ich im Frühjahr und Sommer schön zu Hause geblieben bin. Im Spätsommer kam dann die erlösende Impfung, und ich begann wieder Pläne zu machen. Ich wollte raus, wollte weg, wollte etwas anderes sehen als nur die vier Wände im Büro und daheim. Aber wohin?

Geplant war Rumänien, aber weder dort noch in den Transitländern hat man gerade die Pandemie im Griff. UK wäre nett gewesen, aber das Brexitchaos zeichnete sich schon ab, und in Anbetracht der Tatsache, dass es dort jetzt vielerorts kein Benzin mehr zu kaufen gibt bin ich heilfroh, einen weiten Bogen um die Insel gemacht zu haben. Denn letztlich ging es genau in die andere Richtung, um eine Reise nachzuholen, die ich eigentlich im Mai 2020 hätte antreten wollen: Nach Griechenland! Schon seit meiner ersten, kurzen Begegnung mit den Land, während der Überraschungsreise 2015, wollte ich Land und Leute besser kennenlernen.

So kam es, dass ich Mitte September in den Sattel der Barocca stieg und mit ihr und unter Zuhilfenahme eines Schiffs nach Griechenland reiste. Dort drehten wir dann eine große Runde…

…und sind jetzt, nach insgesamt einem Monat und 7.306 gefahrenen Kilometern, wieder zuhause. Würde man die Schiffskilometer mitrechnen, wären es rund 8.800. Das ist die zweitlängste Tour, die ich je gefahren bin.

Die 650er V-Strom hat super durchgehalten, trotz widriger Umstände wie Regen und kalten Temperaturen. Und damit meine ich nicht „Nieselregen“ und „ein wenig kühl“ – denn das und windig war es, was Baden im Mittelmeer leider verunmöglichte – sondern ich rede hier von Gerölllawinen-Starkregen und Temperaturen unter Null.

Hat die Suzuki alles nicht interessiert, die macht einfach. Tolle Maschine. Dafür hat die sich jetzt eine gründliche Reinigung und eine Wartung verdient.

Zum Glück war alles unspektakulär im Sinne von „keine Pannen, keine Unfälle“. Die erste RICHTIG gefährliche Situation passierte erst, als ich gerade wieder 3 Kilometer in Deutschland war – kaum auf der German Autobahn, versuchte mich ein wütender Autofahrer abzudrängen. Aber bis dahin: Alles gut.

Es gibt also demnächst irgendwann wieder ein Reisetagbuch, aber ein paar Wochen wird das noch dauern – ich muss erstmal wieder ankommen, Socken waschen, mich um Geschichten kümmern und dann sage und schreibe 272GB Daten sichten.

2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

Kradtour Ost

Wer schon Entzugserscheinungen hat, weil das Reisetagbuch noch Pause macht: Das Kradblatt 10/21 bringt auf neun Seiten die Osttour ins Riesengebirge. Sehr schön layoutet und in fokussierterer Form als hier im Blog.

Das Kradblatt liegt kostenlos an über 500 Orten in Papier aus, man kann es aber auch online unter Kradblatt.de oder in der iOS- oder der Android-App lesen.

Wer gerne die Langfassung lesen möchte, inkl. einer Pre- und einer Posttour: Die gibt es unter den folgenden Einträgen.

Juni/Juli: Osttour mit dem Motorrad

Kategorien: Meta, Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

Momentaufnahme: September 2021

Herr Silencer im September2021

Wort des Monats:

Wetter: Der Monat beginnt einstellig kalt und neblig. Das fühlt sich schon sehr nach Herbst an. Bis Monatsmitte tagsüber nochmal über 20, aber morgens jeweils so um die 10 Grad. Alles leugnen hilft nichts: Der Sommer ist vorbei. Ab dem 20. bin ich in Südeuropa: Auch hier nachts schon recht kühl, tagsüber stürmisch und etwas über 20 Grad.


Lesen:

Andy Weir: Project Hail Mary

Ein Mann wacht an Bord eines Raumschiffs auf. Allein, ohne Erinnerung, aber mit guten Mathekenntnissen. Nach und nach rechnet er sich zusammen was er da macht und warum er die letzte Chance der Menschheit ist.

Eine allerletzte Chance auf einen Treffer im Baseball wird im amerikanischen „Hail Mary“ genannt, und man muss sich kulturell schon gut auskennen, um als nicht-Ami diese Bedeutung des Buchtitels zu verstehen. Genauso sperrig wie der Titel gibt sich zunächst auch der Inhalt, denn so fein es ist, dass der Protagonist weiß wie man Entfernungen und Schwerkraft berechnet, ihn Seitenweise dabei zu begleiten ist dann nicht so die Lesefreude.

Aber dann stellt sich raus: Das war nur ein sehr sorgfältiges Setup, um eine Bombe von einer Story von der Leine zu lassen. Plötzlich passieren Dinge, die mir den Mund haben offen stehen lassen. Mehrfach. Dann die Erkenntnis: Die Geschichte ist meisterlich gebaut. Handwerklich und kreativ ist das hier ein Niveau, bei dem man niederknien muss.

Ich habe dieses Buch verschlungen, und sowas ist mit schon sehr lange nicht mehr passiert. Das hier ist Science Fiction in ihrer puren Form. Science, weil alles, was da zusammenfiktionalisert wird, wissenschaftlich so funktionieren könnte. Ein wirklich, wirklich gutes Buch. Jeder, der Wissenschaft im Weltall mag, muss dieses Buch gelesen haben.

Im Deutschen heißt das Werk übrigens „der Astronaut“, vermutlich weil der Titel eine schöne Reihung zum Vorgänger, „Der Marsianer“, ergibt.


Hören:

Gamespodcast: Mass Effect Madness!
Jochen Gebauer und André Peschke spielen alle drei Teile von „Mass Effect“ und besprechen die in einem 30-teiligen „En Detail“.

Großer Spaß: Ich spiele selbst Mass Effect und höre danach, was die beiden Spielejournalisten so erlebt haben. Das beschreiben sie detailliert und äußerst kurzweilig, auch wenn die beiden nicht immer richtig liegen. Aber allein das Projekt, Mass Effect 1 bis 3 in einer so um die 50 Stunden dauernden Detailrezension zu besprechen – großartig! Solchen Journalismus finanziere ich gerne.


Sehen:

Joker [2019, Netflix]
Arthur Fleck neigt zu Gewalt, hat Daddy-Issues, Zwangsstörungen, ist ein Arschloch und hat generell nicht alle Latten am Zaun, will aber Comedian werden. Als das nicht klappt, schießt er um sich.

Unerträglich prätentiöse Darstellung von Joaquin Phoenix, der jede Gelegenheit nutzt, um das komplette Übungsrepertoire an Grimassen und expressionistischen Verrenkungen aus der Schauspielschule auf- und seinen halbnackten Körper vorzuführen. Ein Schauspieler-Vehikel, und zwar eines von der richtig ekligen Sorte. Story ist völlig vorhersehbar, generell alles totlangweilig und banal, verpackt in leicht kryptische Darstellung. Merke: Wenn etwas unverständlich ist, muss es nicht Kunst sein – es kann auch einfach nur dämlich sein. Das ist dieser „Joker“. Keine Ahnung, warum dieser Film so abgefeiert wurde

Reality Bites [1994, DVD]
Winona Ryder hat ihren Uniabschluss in der Tasche, hangelt sich von Praktikum zu Praktikum und wohnt in einer WG mit Freunden, die alle eigene Probleme haben.

Handlung: Belanglos. Was hier interessant ist: Der Film zeigt sehr zugespitzt das Dilemma meiner Generation, der Generation X.

Gut ausgebildet gestartet und mit großen Ambitionen ausgestattet, die letztlich aber für viele von uns eingedampft wurden. Die übermächtigen Boomer hatten ihre Strukturen und nutzen die zur Ausbeutung, was am Ende zur Erkenntnis führte: Wir sind die erste Nachkriegskohorte, die weniger soziale und berufliche Chancen haben würde als unsere Vorgänger. Das erklärt der Film sehr schön und macht deutlich, warum viele von uns eine pessimistische Weltsicht pflegen und sich in Sarkasmus und schlechte Laune geflüchtet haben.

Achso, und natürlich: Winona Ryder. Eine der vier schönsten Schauspielerinnen der Welt. „Wenn Sie spielt, sieht man ihre Seele in ihren Augen“ hat mal jemand gesagt und ja, das stimmt.

Sneakers [1992, BluRay]
Robert Redford und Dan Akroyd sind Sicherheitsspezialisten mit shady Vergangenheit und auf der Jagd nach einem McGuffin. Kaum haben sie ihn, werden sie selbst gejagt.

Seltsamer kleiner Film. Schön gespielt, mäßig spannend, teils unerträgliche unpassende Düdelmusik. Aber: Interessant, weil er Themen vorweg nimmt, die 5 Jahre später erst so richtig gegriffen hätten. Der Film dreht sich nämlich ums hacken, und das in einer Zeit, als es kein ziviles Internet oder vernetzte Geräte gab. Folgerichtig wird analog gehackt, mit Tonbändern und Charme. Das ist nostalgisch anzusehen.


Spielen:

Mass Effect 3 [PS5, 2021 Remaster]
Die Reaper sind da! Die hochhausgroßen Maschinenwesen überfallen… Vancouver? Dooferweise hat sich niemand auf die Ankunft der Maschinenwesen, die alle 50.000 Jahre das Leben in unserer Galaxis ernten, vorbereitet.

Nun ist es an Shepherd, die Verteidigung zu übernehmen. Dazu muss eine Allianz aus allen Spezies geformt werden, und da jede Rasse gerade mit sich beschäftigt ist, stellt sich das als nicht so einfach heraus. Zum Glück ist da noch ein McGuffin, von dem niemand weiß, was er eigentlich macht, der aber unbedingt gebaut werden muss.

Ach man. Ich wusste nichts mehr von ME3, außer, dass das Ende so schlecht war, dass es mir die ganze Trilogie versaut hat. Da traf man im Verlauf von drei Spielen hammerschwere moralische Entscheidungen, die allesamt Auswirkungen haben sollten – und dann stand man am Ende vor der Wahl einen von drei Schaltern zu drücken und damit die gleiche Cutscene in blau, rot oder grün zu hinterlegen.

Da im Verlauf des Spiels auch deutlich wurde, das die (neuen) Autoren ihre eigene Story oder der Lore der Vorgängerspiele und -bücher nicht mehr interessierte, fühlte sich das so billig und enttäuschend an, dass ich das Game nach dem ersten Spielen 2012 nie wieder angefasst habe.

Hätte ich es mal getan, denn nachdem Hersteller Bioware einen Shitstorm aus o.g. Gründen erlebte, wurde schnell DLC nachgeschoben, in dem das Ende und die Story besser erklärt wurden. Diese Zusatzpakete sind in der „Legendary Edition“ enthalten und machen das Spiel wirklich wesentlich besser.

Klar, das Ende ist immer noch abrupt, fühlt sich aber sinnvoller an. Der Hintergrund der Reaper wird besser erklärt. Die Gefährten erhalten wertvollere Momente. Und man wird nicht mehr gezwungen, den Multiplayernmodus zu spielen, den gibt es schlicht nicht mehr.

Auch wenn die Story damit immer noch schwächer ist als von Teil 1 und 2: Rein vom Gameplay und von der Inszenierung ist „ME3“ klar das beste Spiel der Shepherd-Trilogie. Statt einem Deckungsshooter hat man hier einen sehr guten Third-Person-RPG-Shooter mit filmischer Inszenierung. Von daher ein unterhaltsamer und mittlerweile guter Abschluss von Shepherds Geschichte.


Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit. Und dann geht es los in den Motorradherbst, der leider nass beginnt, sich dann aber steigert.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 10 Kommentare

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