Reisetagebuch (3): Gli Ulivi

Sonntag, 19. September 2022, Mittelmeer, Fähre „Cruise Europa“
Um kurz vor sechs weckt mich meine innere Uhr. Sofort bin ich wach und weiß, wo ich bin: In einer fensterlosen Kabine an Bord der Cruise Europa.

Lange kann es nicht mehr dauern bis die Durchsage zum Räumen der Kabine kommt. Ich tappe in die kleine Nasszelle und mache mich fertig.

In der langen Unterwäsche setze ich mich auf´s Bett und mache einen Covid-Test. Masken und Tests sind in diesen Zeiten ja ein ständiger Begleiter, und noch vor drei Tagen war ich auf einer Tagung mit über 100 Personen. Jegliche Social Events habe ich mir zwar verkniffen, aber man weiß ja nie…

Nach 15 Minuten steht fest: Negativ. Gut, dann waren die Kopfschmerzen gestern in etwas anderem begründet. Vermutlich wirklich zu wenig getrunken.

Um 06:45 bollert ein Crewmitglied des Schiffs mit einem lauten „Buon Giorno!!!“ an die Kabinentüren, zehn Minuten später kommt dann per Lautsprecher die Durchsage zur Räumung der Kabinen. Ich ziehe den Fahreranzug an, greife mir meinen kleinen Tagesrucksack und steige die Treppe zu Deck 11 hoch, um mal zu gucken wie weit wir sind. Als ich die Tür zur Außenterrasse aufstemme, merke ich, wie windig es ist.

Die Sonne geht gerade auf. Es ist schon hell, aber ein roter Schleier liegt immer noch über dem Horizont. Die Küste von Sardinien ist aber noch weit weg. Ich kann mittlerweile ungefähr einschätzen wie schnell so ein Schiff ist, und wir werden noch mehr als eine Stunde brauchen, bis wir Olbia erreichen.

Ja, das wird noch dauern. Ich steige wieder hinab zum Vergnügungsdeck auf Deck 10. Neben Spielhallen und Restaurants gibt es hier auch eine Lounge, und hier auf ein langes Sofa, auf dem ein Stückchen weiter noch ein paar Frauen in Schlafsäcken pennen.

Ich hole DAS BUCH raus und lese, als plötzlich Horst, der H2-Sozialpädagogen-Boomer von gestern, auftaucht und sich neben mich flanscht. Auch er hat in der Lounge geschlafen und beginnt sofort random Dinge zu erzählen, wird aber stiller, als er merkt, das er der einzige Teilnehmer der Konversation ist.

Es dauert noch bin nach 08:30 Uhr, bis das Schiff in den Hafen von Olbia einläuft und im Hafenbecken zu drehen und langsam rückwärts anzulegen beginnt. Ich packe den Kindle weg, dann suche ich auf Deck 8 nach Kabine 8035. Die habe ich mir gemerkt, denn neben der ist eine Tür zum Treppenhaus, das direkt hinab zum Fahrzeugdeck führt. Das ist zu meinem Erstaunen schon offen, und zahlreiche Passagiere laufen zwischen den geparkten Fahrzeugen herum.

Die Motorräder waren tatsächlich nicht abgespannt. Die See war ruhig, da hat sich die Crew wohl einen Lenz gemacht. Grimaldi, ey. Ich habe ja in den vergangenen Jahren mehrere Überfahrten mit Fähren gemacht, und bei keiner Reederei, mit der ich es bislang zu tun hatte, gibt es weniger Service und dafür mehr Chaos und mehr Selbstgefälligkeit bei den Crews.


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Momentaufnahme: Januar 2023

Herr Silencer im Januar 2023

Worte des Monats: Das ist der zweitlängste Januar, den ich je erlebt habe

Wetter: Anfang des Monats die heftigste Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichunngen, was um diese Jahreszeit Temperaturen von 13-18 Grad bedeutet. Mitte des Monats scharfe Minustemperaturen um die -8 Grad, auch mal mit ergiebigem Schneefall. Monatsende um den Gefrierpunkt. Ab der zweiten Woche viel Regen, keine Sonne. Trotz des Mistwetters immer noch außergewöhnliche Dürre im Boden.


Lesen:


Hören:


Sehen:

Predestination [2014, Prime]
Jane wird bei einem One-Night-Stand schwanger. Bei der Geburt stellt sich heraus, dass sie ein Hermaphrodit ist. Dann kommt es zu Komplikationen, durch die eine Geschlechtsanpassung vorgenommen werden muss. Aus Jane wird John, und der ist nur von einem Gedanken beseelt: Rache an dem Unbekannten, der zur Hälfte für die Schwangerschaft verantwortlich war. Eines Tages trifft John einen Barkeeper, der sich als Zeitreisender Agent entpuppt, und fragt, ob John bereit ist, in die Vergangenheit zu reisen und den unbekannten Schwängerer zu töten. Zurück im Jahr 1963 verliebt sich John aber in sein jüngeres und weibliches selbst und es kommt zu einem One-Night-Stand – und das ist nur ein Teil des Predestinations-Paradoxes.

Sehr spannender und interessanter Film, der auf der Kurzgeschichte „All You Zombies“ von Robert A. Heinlein basiert. Der Plot ist hirnverknotend komplex – so komplex, das sich Leute die Mühe gemacht haben ihn zu visualisieren:

Wikimedia Johnstoo CC BY SA 4.0

Am Ende ergibt alles einen Sinn – man muss nur akzeptieren, dass eine Person sich selbst gezeugt, ausgetrickst und schließlich getötet hat. Ja, Zeitreisen sind so. „Predestination“ ist ein Sci-Fi Kleinod und mit Ethan Hawk und Sarah Snook toll besetzt.

Der Untergang [2004, Bluray]
April 1945. Die rote Armee steht bereits bei Marzahn, in Berlin Mitte hockt die Führung des 3. Reichs in einem Bunker. Alle wissen, das es vorbei ist und der Krieg verloren, und jeder sucht die Schuld bei anderen. Hitler befiehlt Truppen zu verlegen, die es gar nicht mehr gibt, und ergeht sich dann in Tiraden über Befehlsverweigerung, Karrieregeneräle sind orientierungslos, Göring bereitet einen Putsch vor, Himmler versucht zu den Amerikanern überzulaufen und Göbbels ergeht sich in Wahn und gibt „dem Volk“ die Schuld, das ja immerhin durch Wahl der Nationalsozialisten diesen Weg wollte und nun halt mit den Konsequenzen leben muss.

Ein Bernd-Eichinger-Film, mit 13,5 Millionen der drittteuerste und einer der erfolgreichsten deutsche Filme. Kannte ich bisher nur als Ausschnitt auf Youtube, das berühmte „Hitler rants about…“, wissen schon:

Der Film basiert auf den Arbeiten des Historikers Joachim Fest und den Erinnerungen der Hitler-Sekretärin Traudl Junge, die auch in einem Vorwort und Nachwort zu, äh, Wort kommt. Man habe sich bemüht, möglichst exakt die belegbaren Hergänge zu rekonstruieren und darzustellen und nichts aus dramaturgischen Gründen hinzu zu erfinden. Das mag man ob der teils absurden Situationen kaum glauben, aber Experten (wie Joachim Fest) bescheinigen dem ganzen eine hohe Authentizität. Lediglich kleine Fehler seien im Film , wie die falsche Todesart von Magda Goebels.

Ein düsterer und sehr gelungener Film. Besonders gut: Die Darstellung der historischen Figuren. Bruno Ganz als Hitler leistet ganze Arbeit, Heino Ferch gibt einen sehr guten Albert Speer und Ulrich Matthes hat als Goebbels so einen irrlichternden Wahn im Blick, dass man Angst bekommt. es wird sehr schön herausgearbeitet, das jede dieser Figuren eigene Motivationen und Pläne für ihr Handeln hat, und wie sie damit umgehen, dass das Ende naht.

Was kann man aus dem Film mitnehmen? Faschismus ist kopflos, wenn die zentrale Figur des Kults abhanden kommt. Und: Charaktere wie Goebbels übernehmen nie, auf keinen Fall, Verantwortung für ihr Tun – im Zweifel sind die schuld, die ihn gewählt haben. Krasse Erkenntnisse.

Midsommar [2019, Prime Video]
Eine Gruppe egaler Ami-Studis begleitet ihren Kumpel Pelle Wurstgesicht in seine Heimat Schweden. Warum? Um an einer Sonnenwendfeier in der Kommune, in der er aufgewachsen ist, teilzunehmen. Was als putziges „ach guck, die tragen Blümchen in den Haaren“ beginnt, wird bald zunehmend schräg. Die freundliche Kommune hat nämlich so ihre ganz eigenen Regeln und nutzt die Sonnenwendfeier u.a. dazu, um Inzest zu vermeiden und frisches Blut in die kleine Gemeinschaft zu bekommen.

Alter Schwede (SIC!). Hätte fast nach fünfzehn Minuten ausgemacht, weil langweilig und nervig. Der Anfang besteht wirklich nur aus übersteuertem Rumgeplärre einer endnervigen Else, die man als Zuschauer nicht kennt und ihr folgerichtig keine Empathie entgegenbringen kann.

Nach 30 Minuten findet der Film aber seinen Ton, und ab da wird es interessant. Die ganze Studi-Truppe bleibt ein Sammelsurium von Arschgeigen, für die man keine Sympathie empfindet. Umso schöner, wenn diesen Leuten dann schräge Dinge passieren und man, die sind in „Midsommar“ WIRKLICH schräg. Von drogengetränkten Sexritualen bis hin zu Soylent-Green-artigen Zelebrierungen von altersbedingten Freitoden ist hier alles mit dabei.

Neben dem offensichtlichen und expliziten Grusel fühlt man sich als Zuschauer ab der zweiten Filmhälfte zunehmend Unwohl, weil in der Peripherie kleine Dinge oder Verfremdungen passieren, die man erst unbewusst wahrnimmt und sich dann fragt, ob man das wirklich gerade gesehen hat.

Sehr gruseliger Film, mit schnarchigem Anfang und einem gezogenen Mittelteil, der aber so sein muss, um den Punch am Ende vorzubereiten – und der hinterlässt bleibenden Eindruck. Der Film funktioniert auf vielen, vielen Ebenen und lädt dazu ein, über ihn nachzugrübeln.

Ich bin ein Star, holt mich hier raus! [2023, Staffel 16, RTL]
Sehr feine Staffel mit starken Charakteren. Ausfälle waren Claudia Effenberger, dieser „Ich geb Gas ich will Spaß“-Markus und irgendeine blonde Verena, ziemlich egal auch Dressman Papis Loveday und Cecilia Dingens.

Spaß gemacht haben „Madoooona“-Cosimo und Plakativ-Esoterikerin Jana Pallaske sowie Borderline-Persönlichkeit und Veganerin-Karikatur Tessa Bergmeier.

Überraschend:
1. Lucas Cordalis besitzt keinerlei Humor und keine Persönlichkeit, sondern besteht nur aus Fassade. Frei von Entwicklung oder Spaß spulte er seine Rolle ab, zu der das mantrahaft wiederholte „ich will meinen Vater stolz machen“ gehörte. Von Beruf Sohn zu sein ist schon schlimm genug, Lucas Cordalis ist aber von Beruf Ehemann der Katzenberger und von der Persönlichkeit her Sohn und Schwiegersohn, Aszendent Eigenlobler. Auf´s unsympathischste machte er ständig klar, das er der beste sei und quasi Erbanspruch auf die Krone hätte. Mein Sparkassenvertreter ist unterhaltsamer. Trotzdem kam er ins Finale – gewählt mutmaßlich von der Katzenberger-Armee, ZDF-Zuschauerinnen und, so wird geraunt, von angemieteten Callcentern.
2. Die Entwicklung von Krass-Proll Gigi, ungebildet, dabei aber nicht bösartig und messerscharf analytisch, vom unsympathischen Slacker hin zum groben, aber herzlichen Charakter.

Am Ende gewann Djamila Rowe verdient die Krone. Gestartet als Ersatzkandidatin für Martin Semmelrogge, der Vorstrafenbedingt nicht nach Australien einreisen durfte, überraschte sie ab Tag eins mit einer erstaunlich bescheidenen und ehrlichen Persönlichkeit. Der Satz „Ich fühle mich hier wohl, weil ich mal nicht einsam bin“, war schon ein Schlag in die Magengrube. So etwas hätte man unter dem, von zahllosen Schönheits-OPs völlig verunstaltetem, Äußeren nicht erwartet.

Meine persönliche Favoritin war aber Jolina Mennen. Selten eine so clevere, faire und analytische Person im Dschungelcamp gesehen, ihr hätte ich die Krone auch gegönnt. In Summe hat die 16. Staffel wieder mal bewiesen, dass es einzig von den Charakteren abhängt, ob das „Dschungelcamp“ interessant ist. Die 2023er-Ausgabe war das definitiv, und das über weite Strecken ohne Krawall und Toxizität, sondern geradezu harmonisch. Krawall gab es dafür in der Show danach.

Verwanzt [Theater im OP]
Agnes schlägt sich nach mehreren Schicksalsschlägen als Kellnerin durch und versucht ihren Schmerz mit Drogen zu benebeln. Dann taucht Peter auf, ein obdachloser Veteran. Agnes lässt ihn bei sich wohnen. Die beiden teilen Bett, Drogen und – wie sich bald herausstellt – eine Psychose, die sie in den dunklen und letztlich tödlichen Kaninchenbau von Verschwörungsideologien treibt.

Ein Stück, das im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Spätestens, wenn die Protagonisten anfangen sich die Haut vom Körper zu schneiden, kommt man aus dem Schaudern nicht mehr raus. Straff inszeniert, nicht zu lang. Besonders beindruckend: Das Spiel von Lisa Tyroller als Agnes. Wahnsinn.


Spielen:

Return to Monkey Island [2022, Switch]
Irgendwo, tief in der Karibik: Guybrush Threepwood ist mittlerweile Pirat, das Geheimnis von Monkey Island versucht er aber immer noch zu finden. Hinter dem ist auch Geister-Zombiepirat LeChuck her.

Awwwww, Monkey Island! Habe ich, wie so viele, eine lange Geschichte mit. Das erste Spiel, „The Secret of Monkey Island“ habe ich 1990 noch auf dem Amiga gespielt. „Return to Monkey Island“ knüpft unmittelbar an „The Curse of Monkey Island“ an, den zweiten Teil von 1991 (11 Disketten auf dem Amiga!) an, dessen seltsames Ende nun 30 Jahre in der Luft hing. Hat sich das Warten gelohnt? Geht so.

Der Grafikstil ist seltsam, geht aber in Ordnung. Die Musik und die Sprecher sind toll. Die Geschichte ist Monkey-Island-typisch schräg und der Humor definitiv lustig. Die Rätsel sind klassisch Point&Click und schon recht schwer, aber nie unfair oder absurd, und falls man wirklich gar nicht mehr weiter weiß, kann man in dem eingebauten und sehr guten Hint-Book nachschauen. Ich muss zugeben, dass ich das zum Ende hin recht häufig nutzen musste, weil ich zwar die richtige Idee hatte, das Spiel die aber leicht anders umgesetzt haben wollte.

Die Steuerung wurde für Konsolen gemacht und geht sehr gut von der Hand, und Quality-of-Life-Verbesserungen wie eine automatische Anzeige nicht-kombinierbarer Elemente machen das Leben schöner.

Warum dann nur „geht so“? Weil SPOILER
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Weil Ron Gilbert zwar wirklich das Geheimnis von Monkey Island lüftet, dabei aber genau den Move pulled, den man schon aus dem Ende von Teil 2 kennt. Im Endeffekt macht er hier das Bobby-Ewing-„Es-war-alles-nur-ein-Traum“-Trope, angereichert um ein laues „Such Dir selbst aus, was das Geheimnis für DICH war“.

Mir war schon auch klar, dass das Geheimnis nach all der Zeit und Legendenbildung nicht befriedigend gelöst werden kann, aber genau diese Umsetzung hier lässt mich leicht wütend zurück: Der ganze Plot des Spiels steuert auf einen Höhepunkt zu, der dann schlicht nicht kommt! Stattdessen wird kurz vor Schluss ALLES an Narration weggeworfen und das Game einfach beendet.

Nicht nur, dass der Schluss damit abrupt und unbefriedigend ist – ganze Handlungsstränge werden nicht zu einem Ende geführt. Das ist schade, denn es gibt spannende Nebenplots – wie der, das Elaine entdeckt, das Guybrush auf der Suche nach dem Geheimnis immer mehr auf Methoden von LeChuck zurückgreift und skrupelloser wird. Das wird sehr deutlich thematisiert, dann aber nicht aufgelöst werden. Dieses Meta-Meta-Ende ist schlicht verschenktes Potential.
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Sei´s drum. Bis man zu dem Ende kommt, dauert es rund 10 Stunden, und die sind mit unterhaltsamen und sehr lustigem Kram gefüllt. Die Dialoge haben mich mehr als einmal kichern lassen und ich hatte wirklich Spaß mit dem Spiel.


Gris [2018, Switch]
Eine junge Frau fällt und fällt und fällt. Als sie zu sich kommt, findet sie sich in einer schwarz-weißen Schneellandschaft voller zersplitterter Statuen und Bauwerke wieder.

Kraftlos und müde kämpft sie sich Schritt für Schritt vorwärts, immer wieder vor Erschöpfung auf die Knie sinkend. Aber dann macht sie Entdeckungen, die Dinge zusammenfügen, und die Welt beginnt Farben zurückzugewinnen. Mit jeder Farbe schöpft die Spielfigur mehr Kraft, wird agiler und findet am Schluss sogar ihre Stimme wieder.

„Gris“ thematisiert Trauma, Verlust und Depression. Die Art und Weise, wie das getan wird, ist alles andere als subtil. Für die Gefühle in einer Depression findet „Gris“ eine plakative Bildsprache, die in ihrer Wortwörtlichkeit manchmal nicht besonders originell wirkt. Beispiel: Das Gefühl, von der Schwärze einer Depression verschluckt zu werden, wird dann halt genau so dargestellt:

Das mag etwas unoriginell erscheinen, aber es ist konsequent umgesetzt. Es gilt, Dinge aus der Vergangenheit zu überwinden, alte Stärken wieder zu finden, selbst zu heilen, wieder ganz zu werden und am Ende zu lernen, sich selbst wieder zu mögen. Das ist stringent erzählt und vor allem eines: Wunderschön gestaltet!

Sowohl die Hintergründe als auch die wenigen Figuren und die fein animierten Zwischensequenzen wirken allesamt wie Aquarelle, und die einzelnen Level sehen an vielen Stellen wie Gemälde aus. Wirklich, Screenshots von „Gris“ könnte man sich genau so auch an die Wand hängen.

Die Wirkung der Bilder wird durch einen passenden, atmosphärischen Soundtrack unterstützt. Ähnlich elegant wie die Präsentation ist das Gameplay, was eine Mischung aus Erkundung, Hüpfen und dem Lösen von kleinen Rätseln ist. Es kommt fast in Gänze ohne Erläuterungen aus, in der Regel muss man experimentieren, um herauszufinden wie Dinge funktionieren und wie man mit ihnen interagieren kann. Sowohl Rätsel als auch Hüpfpassagen sind immer fair und machbar, lediglich an einer komplexen Hüpfstelle bin ich fast verzweifelt.

„Gris“ ist schon ein paar Jahre alt und findet sich daher für ein Paar Mark Fuffzich in Sales. Wer schöne Bilder mag, findet in „Gris“ ein Spiel, was einen über die Spieldauer von ca. 4 Stunden fast magisch in den Bann zieht. Lebenshilfe sollte man sich davon aber nicht erwarten.

Limbo [2010, Switch]
Ein namenloser junge wacht allein in einem dunklen Wald auf und sucht einen Weg hinaus.

Hat jetzt auch nur 12 Jahre gedauert, bis ich mir „Limbo“ endlich mal angeschaut habe – die Switch bringt mich zu Indie-Titeln. Der kleine Puzzleplattformer „Limbo“ erschien initial 2010 für die XBOX 360 und ist seitdem für nahezu jedes System umgesetzt worden. Das hat einen Grund: Das Spiel ist sehr, sehr eigen.

Die Optik ist ganz auch schwarz und grautöne reduziert, es gibt nur wenige Umgebungsgeräusch und keine Musik.

Vor allem ist Limbo aber: Böse. Die Spielfigur des namenlosen Jungen befindet sich wirklich in einer Art Zwischenhölle, in der er zahlreiche, grausame Tode stirbt. Beim allerkleinsten Fehler wird er aufgespießt, zerdrückt, überrollt, ertränkt, zerstückelt usw., und nicht selten sind andere Kinder für seinen Tod verantwortlich. Creepy und schwierig, umso schöner ist es aber, wenn man dann doch wieder eines der komplexen Umgebungsrätsel gelöst hat und der Junge ein Stückchen weiter gekommen ist. Seltsames Game für zwischendurch, bleibt aber halt auch in Erinnerung.


Machen:
Sorgen, um Gesundheitszustand von Freunden, Kolleginnen und Familie.

Kompensationshandlung: Zu Ikea gefahren und Ivars gekauft. Merke: Bis zu 4 x 226 cm-Seitenteile passen problemlos ins Kleine Gelbe Auto, Holz schrauben macht glücklich und Kiefernduft im Wohnzimmer ist was feines.


Neues Spielzeug:


Ding des Monats: Badwäsche
Jahrelang habe ich mich über schlechte Qualität der Handtücher geärgert, die ich mal hier, mal da im Sonderangebot gekauft habe. Die waren dünn, fühlten sich manchmal nicht gut an, saugten erst nach der hundertsten Wäsche und sahen kurz darauf aus, als hätten sie die Räude.

Dann die Idee: Warum nicht Kram kaufen, wie es in Hotels verwendet wird? Das muss doch gut und langlebig sein! Stellt sich raus: Frotteeware des großen Hotelausstatters Zollner gibt es für wenig Geld. Die Qualität ist, abgesehen von ein Paar Nahtfäden, ausgezeichnet und auf Langlebigkeit ausgelegt, dabei aber echt weich und kuschelig.

Die Dusch- und Handtücher in der Grammatur 520g/m2 sind flauschig, aber nicht ZU dick, sofort saugfähig und insgesamt eine echte Wohltat. Weil´s so schön und echt günstig ist, gab es gleich noch eine Großpackung Waschlappen (Stückpreis 95 Cent) und ein Paar Duschvorleger dazu. Hätte es alles auch in anderen Farben gegeben, aber gerade gefällt mir weiß.


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch (2): Cruise Europa

Eine weitere Transferetappe, aber eine sehr abwechslungsreiche. Außerdem: Warum Steine okay sind.

Sonntag, 18. September 2022, Gasthof Larch, Sterzing, Südtirol

Früh am Morgen dämmere ich aus dem Schlaf heraus, und sofort fällt mir wieder ein, das es in der Nacht schneien sollte.
Draußen rauscht es. Regen? Wind? Zumindest kein Schnee, oder? Schnee rauscht nicht.

„Hey Siri, wie spät ist es?“, schnurchele ich unter der Bettdecke hervor.
„Es ist 06:47 Uhr“, antwortet das iPhone vom Nachttisch. Krass, habe ich lange geschlafen. Fast 10 Stunden. Die Kälte gestern hat Energie gekostet.
„Temperatur?“, frage ich.
„Drei Grad“.
„Hat es geschneit?“
„Tut mir leid, ich sehe „Geschneit“ nicht in Deinen Kontakten“.
Dumme Nuss. Siri ist tageweise echt für nahezu alles zu doof.

Jetzt öffne ich langsam die Augen. Vor den Fenstern ist es hell. Sehr hell. Schneedecke? Schnell taste ich nach der Brille und sage „Hey Siri, Lumos!“
Sofort flammt die LED-Leuchte auf. Siri ist nämlich Harry-Potter Fan. Weiß kaum jemand.

Ich springe über die Klamotten und Motorradkoffer, die auf dem Boden des Hotelzimmer herumliegen, zum Fenster, reiße die Vorhänge auf und blicke auf… eine Steinmauer. Aber nicht auf Schnee.
Kein Schnee! Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Offiziell beginnt im Gasthof Larch das Frühstück um 07:30 Uhr, aber als ich um Viertel nach Sieben die Koffer zum Motorrad trage, steppt da schon der Bär. Eine Busladung niederländischer Rentner balgt sich um Kaffee und Brötchen und sitzt schnatternd an großen Tischen zusammen. Drollig.

Weniger drollig: Ich soll an einem Einzeltisch mitten im Speisesaal Platz nehmen. „Nee“, sage ich zu der Gastwirtin. „Wenn es Okay ist, nehme ich mir nur einen Kaffee und setze mich raus. Ich möchte nicht zwischen so vielen Leuten sitzen“. Sie nickt und sagt „Aber nehmen´s sich ruhig was zu essen mit raus!“

Gut, viel Hunger habe ich nicht, aber ein Erdbeerbrötchen kann nicht schaden. Bei drei Grad sitze ich auf der Terrasse und freue mich – nicht nur, dass es nicht geschneit hat, es ist sogar trocken! Glücklich proste ich der Barocca, die geduldig vor dem Eingang wartet, mit dem Kaffeebecher zu.


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Reisetagebuch (1): Knochenkälte

Samstag, 17. September 2022
Kaum acht Wochen ist es her, das ich aus England zurück bin. In der Zwischenzeit ist das Kleine Gelbe AutoTM repariert worden, die V-Strom hat einen Ölwechsel, einen gründlichen Check und die Ventile eingestellt bekommen, und ich war ziemlich beschäftigt. Vermutlich fühlen sich deshalb die zwei Monate seit der letzten Tour schon wieder wie eine Ewigkeit an. Aber nun, nun soll es noch einmal auf eine Motorradtour gehen.

Mitte September, da ist es häufig nochmal richtig warm und sonnig, ein später Sommer. In meiner Vorstellung sah es so aus, das ich in spätsommerlicher Sonne und warmen Temperaturen erst über die A7 fahre, dann über Fernpass und Brenner cruise und danach gemütlich in einem Gasthof in den Alpen einkehre.

Dass diese Vision Wirklichkeit wird, dafür sprach auch alles. Vergangene Woche waren es noch 25 Grad und Sonnenschein. Aber heute… heute ist gefühlt November. Es nieselt, und gerade noch 9 Grad sind es, als ich das Garagentor öffne, hinter dem die V-Strom mit gepackten Koffern steht. Auch der Helm liegt schon bereit.

Ich trage die Regenkombi und die dicken Handschuhe, als ich in den Sattel der Suzuki klettere. Echtes Schietwetter erfordert sowas.

Egal. „Hör auf dir selbst leid zu tun“, schelte ich mich und lenke die Barocca auf die A7, die Deutschland einmal ganz von Norden nach Süden durchzieht.

Anhand der Ortsnamen weiß ich, wie weit ich schon von zu Hause weg bin.
Kassel – 50 km.
Bad Hersfeld – 100 km.
Fulda – 150 km.
Würzburg – 250 km.
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Reisetagebuch: Motorradtour UK in 4:48 Minuten

Die gesamte Tour im Sommer 2022: Vierzehn Tage mit der Barocca durch Deutschland, Belgien, Frankreich, England, Wales, Schottland und die Niederlande, ingsesamt 6.338 Kilometer.

Das komplette Reisetagebuch in 13 Teilen:

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Reisetagebuch (13): Borderlands & die Road of Bones

Tour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht´s dort hin, wo der Doktor das Vieh liebte, Genzbeamte drohen die Barocca zu zerlegen, und es gibt zum ersten Mal einen Selfie ohne Helm von mir zu sehen!

Freitag, 15. Juli 2022, Horse & Hound Inn, Bonchester Bridge, Schottland

Das Frühstück im Horse & Hound ist sehr gut. Wirtin Dawn wirbelt zwischen den Tischen herum, bringt Full Scottish Breakfast, schenkt Kaffee nach, bietet HP-Sauce an und ist auch ansonsten super.

Um kurz nach Acht zwänge ich mich durch die starken Brandschutztüren und die engen Treppen des Inns hinunter und trage die Koffer zum Motorrad. Neben der Barocca steht eine 600er Bandit.

Ein älterer Herr nestelt gerade an der schweren Kette herum, mit der die Bandit gesichert ist. Als ich grüße, strahlt er mich an und stellt sich als Johnston vor, „Einfach Johnston, wie Johnson, aber mit einem „t““, sagt er, und dann deutet Johnston mit beiden Armen auf die Motorräder und auf den Pub und reißt dann die Hände in die Luft als wollte er die Welt umarmen und stößt hervor: „IST DAS NICHT GROßARTIG?!“

Ich blicke auf die Motorräder und auf den Pub und auf die Landschaft und weiß, was er meint. Johnston kiekst vor Freude. „Jedes Jahr fahre ich ein paar Tage mit meiner 600er in die Lowlands, und dann in die Highlands, und ich genieße JEDE SEKUNDE“, ruft Johnston und ich grinse ob dieser Lebensfreude und nicke, bis mir fast der Kopf abfällt.

Als ich in den Sattel steige, trage ich bereits die StormChaser-Kombi. Der Himmel ist bedeckt und das Internet sagt, dass es heute nochmal richtig regnen wird. War ja klar. Bislang hatte Glück mit dem Wetter, aber am letzten Tag erwischt es mich dann noch.

Denn das ist er heute, der letzte Tag. Zumindest der letzte in Schottland, denn ein paar Meilen hinter dem Horse & Hound beginnen die Borderlands, und noch ein wenig weiter markiert ein pittoresker Grenzstein den Übergang zwischen Schottland und England. Als ich daneben halte, steht das Vorderteil der Barocca plötzlich in England, das Heck aber noch in Schottland.

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Agathe 2022/23

Ach guck an, wer da doch noch blüht. Die dicke Agathe!

Die hat sich ordentlich Zeit gelassen. In den Vorjahren blühte sie sonst ab Anfang Dezember und dann einen Monat lang, wie es sich halt für einen Weihnachtskaktus gehört.

Auf Weihnachten 2022 hatte sie offensichtlich genauso wenig Lust wie ich, aber nun blüht sie wieder.

Vielleicht hängt die späte Blüte mit der gelben Farbe der knotigen Blätter zusammen. Woher die kommt? Vielleicht hat Agathe was vom ersten Frost abbekommen, der Mitte November ja sehr plötzlich kam. Vielleicht hat sie zu viel geraucht. Wer weiß schon, was dieses Gemüse aus dem Weltraum so macht, wenn man nicht hinguckt.

Bonus: Aus Agathes Hintern wachsen zwei kleine Stechpalmen. Die gammelten in den Vorjahren vor sich hin, nach einer Kürzung schimmelten die Stümpfe sogar. Aber die Hitze im Dürresommer ist denen wohl gut bekommen, es gibt sogar eine neue Krone.

Frühere Agathes:

Die dicke Agathe 2021
Die dicke Agathe 2020
Die dicke Agathe 2019
Die dicke Agathe 2018
Die dicke Agathe 2017

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Reisetagebuch (12): Philips (recht dummer) Gemüsegarten

Tour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit zwei Tagen zum Preis von einem!

Mittwoch, 13. Juli 2022, B&B Impala, Wick, Schottland

Der Frühstücksraum im „Impala“, dem Springbock B&B, ist frisch renoviert. Monteure sitzen mit miesgelaunten Gesichtern an den Tischen. Wenn ich es nicht eh´ schon wüsste, spätestens jetzt wäre klar, dass ich hier richtig bin. Monteure übernachten dort, wo die Betten gut, die Preise günstig und das Essen reichlich ist. Genau das, was ich auch von einer guten Unterkunft erwarte, und Ex-Nurse Julie und ihr Impala enttäuschen mich nicht.

Nach dem Frühstück schwinge ich mich auf die V-Strom und fahre von Wick aus die Ostküste der Highlands hinunter.

Bei Helmsdale biege ich ins Landesinnere ab und folge dem gleichnamigen Flusstal. Das führt wieder direkt in die Highlands hinein, und nach einer Stunde erreiche ich wieder den Ort Kinbrace. Dort kreuzen sich zwei Straßen, und genau dort ist eine Baustelle, an der ich gestern wieder umgedreht bin. Heute sehe ich die Absperrung von der anderen Seite und kann weiter nach Westen fahren.

Wieder zieht mich die Landschaft mit ihren weiten Grasflächen und den sanften Hügeln in ihren Bann.

Die Wappenpflanze von Schottland ist übrigens die Distel:

Es gibt hier wirklich nicht viele Straßen, weshalb ich nach kurzer Zeit wieder im Tal des Flusses Naver bin, mit dem Gedenkstein für die ethnischen Säuberungen der Highlands.

Die V-Strom folgt der Straße durch die Highlands, die bald durch dieses Tal führt und bald an jenem See entlang und dann um einen Berg und dann… kommen wir wieder an einem Ort heraus, den wir schon kennen: Ullapool, an der Westküste!

Wir sind echt von Ost nach West einmal durch kreuz und quer durch die Highlands gegurkt, und es ist nicht mal Mittag! Die legendären Highlands, sie sind nach motorisierten Maßstäben nicht groß.

Ich tanke noch einmal bei Jet, wo mich vorgestern der Postbote ange-OI!-t hat, dann nehme ich wieder Kurs auf die Ostküste.

Unterwegs beginnt es wieder zu stürmen und zu regnen und es wird verdammt kalt. Das erinnert mich daran, warum ich das Konzept „separate Regenklamotten“ so mag. Satteltasche auf, Regenhose und Jacke an, und schon bin ich vor dem Wetter geschützt und mir ist gleich viel wärmer. So lässt sich das dramatische Wetter doch gleich viel besser angucken, und der Dreck der Autos, die ich überhole, ist gleich viel weniger schlimm. Ja, der heutige Tag war nur zum Fahren durch die Highlands gedacht, und dieses Tagesziel habe ich erreicht.

Eigentlich hätte ich nun nahe Inverness übernachten wollen. Aber das Hotel hat leider abgesagt – wegen Covid. So fahre ich durch die Hauptstadt der Highlands nur durch.


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Ruby No. 6

Ich nutze ja keinen klassischen Fernseher oder Monitor, sondern gucke und spiele seit 12 Jahren auf einem Full-HD-Beamer von Sanyo. Der braucht immer mal wieder eine neue Lampe, und das hier ist die Notiz an mich selbst: Die alte Beamerlampe wurde bei 1.950 Stunden merklich dunkler. Seit 30.12.22 ist eine neue Lampe in Betrieb, Ruby No. 6.

Wobei das hier eigentlich keine Ruby-Lampe ist. Eine Ruby-Lampe ist Ersatz in Erstausrüsterqualität und besteht immer aus zwei Teilen: Einer Originallampe von Philips, Osram oder Ushio und einer gerätespezifischen Halterung (Käfig) der Firma Ruby. Beides zusammen ergibt das Ruby-Lampenmodul:

Bei ebenjenen Lampenmodulen herrschte gerade ein wochenlanger Lieferengpass, weshalb ich am Ende mal eine nackte Philips-Lampe gekauft und die selbst in eine Halterung eingebaut habe. So eine nackte Lampe ist mit rund 90 Euro noch einmal 20 Euro günstiger als ein komplettes Ruby-Modul. Beim Umbau haben mich drei Dinge erstaunt:

  1. Die Lampe ist ein kleiner Zylinder mit der Brennwendel, die aus der Mitte eines Reflektors herausschaut. Da sieht ein wenig aus wie ein Halogenspot. Nur: Der Reflektor ist nach vorne offen und der Lichtzylinder völlig ungeschützt!

  2. Der Umbau war sehr einfach, wenn man einmal weiß wo die Blechhalterungen verklemmt sind. Hat man die Klemmbleche raus, müssen nur die Kabel ab- und wieder angeschraubt werden und gut ist.

  3. Der Lampenkäfig hat eine eigene Linse verbaut, und DIE war beim alten Käfig völlig verdreckt. Das sah auch nicht nach Staub aus, sondern irgendeine Art von Niederschlag, wie von Innen bedampft. Ließ sich mit Scheibenreiniger gut säubern, allein das hat Helligkeitsmäßig schon wieder was gebracht.

Und um den Running Gag fortzuführen: Der Röhrenfernseher (26 Jahre alt, 30 Kilo schwer) steht hier immer noch rum. Ohne den hätte die Fritzbox keine passende Abstellfläche.

Notiz am Rande: Als die nackte Lampe kam, wurde am exakt gleichen Tag auch endlich das vor Wochen bestellte Lampenmodul geliefert. Jetzt habe ich also Reserve im Haus.

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Das war das Jahr, das war (2022)

Jahresende. Zeit für die Rückschau. Was bleibt von 2022? Plus: Beste Bilder.

Lage der Welt:
Es war das Jahr III der COVID-Pandemie, Jahr I des Russland-Kriegs in der Ukraine sowie ein weiteres und sehr heftiges Dürrejahr.

Krieg in Europa – wer hätte gedacht, dass wir das noch einmal erleben müssen. Im Februar überfiel Russland die Ukraine, laut Propaganda um das Land „in einer Spezialoperation“ von „Nazis zu befreien und zu demilitarisieren“. Der schnelle Fall des Landes schien ausgemacht, alle Experten und Politiker nahmen an, dass die Ukraine binnen weniger Tage annektiert sei. Dann die Überraschung: Der Regierungschef, ein ehemaliger TV-Komiker, floh nicht, die Ukrainer wehrten sich und die russischen Truppen erwiesen sich als schlecht ausgerüstet, nicht vorbereitet und unfähig. Es gelang den Angriff zu stoppen und, nach Waffenlieferungen aus dem Westen, im zweiten Halbjahr sogar eine Gegenoffensive zu starten.

Der Preis für die Ukraine ist hoch: Millionen Menschen sind auf der Flucht, die verbliebenen harren oft ohne Strom und Wasser aus. Russland bombt das Land in Grund und Boden, verschleißt dabei aber eigenes Material, verliert viele Soldaten und muss eine Generalmobilmachung ausrufen. Putin verkauft das als Vorwärtsverteidigung gegen die Nato, die angeblich einen Stellvertreter- und Angriffskrieg über die Ukraine führen würde.

In den USA erodiert die Demokratie weiter. Auf Ebene der Einzelstaaten und Countys installieren die Republikaner weiterhin Personen und Mechanismen, die es ihnen erlauben, sich auch dann zu Gewinnern zu erklären, wenn sie nicht die Mehrheit der Stimmen bekommen. Nach wie vor ist die ganze Partei auf faschistischer Linie und Trump hörig, der wie „der Pate“ in Florida hockt und Entscheidungen im Hinterzimmer trifft.

Immerhin werden die Midterm-Wahlen keine Vollkatastrophe für die Demokratie. Zwar geht der Kongress an die Republikaner, der Senat ist aber kurz in der Hand der Demokraten – bis eine demokratische Senatorin, die schon zuvor durch Arbeitsverweigerung auffiel, stiften geht. Nun steht es wieder 50:50.

Getrieben von seinem Ego und anhängigen Gerichtsverfahren will Trump 2024 noch einmal Präsident werden. Soll er mal antreten, mit ihm besteht eine reelle Chance, das die Republikaner verlieren. Die Alternative wäre fürchterlich: Ron de Santis, Gouverneur von Florida, ist ein rechtsextremer selbsternannter „Gotteskrieger“ und kopiert Trumps Methoden, seine Rhetorik und sogar seine Körpersprache, hat dabei aber ein funktionierendes und sehr bösartiges Hirn.

In Brasilien wird Bolsonaro knapp abgewählt, und protestiert dagegen nur verhalten. Der neue Präsident verspricht, die Abholzung der Regenwälder zu stoppen.

Taiwan fühlt sich von China bedroht, das an den Grenzen und in staatlichen Medien einen Krieg vorbereitet.

Aserbaidschan überfällt Armenien, weil die dort stationierten russischen Friedenstruppen gerade anderes zu tun haben.
Ungarn werden endlich EU-Mittel gekürzt, nachdem Orban die Gemeinschaft monatelang mit einem Veto zu Ukraine-Hilfslieferungen(!) erpresste.

Die Türkei wirft ein Veto gegen die Aufnahme von Finland und Schweden in die Nato, um geflüchtete Dissidenten ausgeliefert zu bekommen. Das ist so unwürdig, kleingeistig und rachsüchtig wie es klingt.

Zum Ausgleich sorgt das Unvereinigte Königreich für Amüsement, das bei mir sämtliche strategische Popcornreserven aufgebraucht hat. Erst mach Boris Johnson ein weiteres halbes Jahr groben Unfug, dann wird er von seiner eigenen Partei abgesägt.

Nachfolgerin wird Liz Truss, die eine so offensichtliche Ausgeburt an Inkompetenz und Unwissenheit darstellt, das Börsen abstürzen und Unternehmen das Land noch schneller verlassen als zuvor. Sie bleibt quälend lange 47 Tage im Amt und hält sich damit kürzer als ein Salatkopf, der von der Zeitung The Sun vor eine Webcam gestellt wurde.

Weil UK so lange mit sich selbst beschäftigt war, blieb keine Zeit, das Land auf den Winter vorzubereiten. Energie- und Lebenshaltungskosten explodieren noch schlimmer als in der EU, eine Armutswelle steht bevor, im Dezember laufen die Tafeln des Landes über.

Die hohen Lebensmittelpreise kommen nicht nur durch den Brexit. Überall gibt es Lieferprobleme und explodierende Kosten. Ganze Lieferketten sanieren sich durch, weil jedes Glied Preisaufschläge nimmt. Bei Lebensmitteln kommt hinzu, das mit Russland und der Ukraine die größten Weizen- und Düngerexporteure wegfallen bzw. weniger liefern. Die Inflation galoppiert.

Außerdem war da natürlich noch die Dürre. Rund um den Globus war es den Großteil des Jahres viel zu trocken und sehr, sehr heiß. In Italien fielen 70% der Reisproduktion aus, Flüsse trockneten weg und Meerwasser floss in das Landesinnere. Ähnlich war es in Deutschland, selbst der Rhein lag stellenweise trocken und den Juli konnte man eigentlich nur im kühlen Keller hockend verbringen. Der Backlash kam später, in Form von Stürmen, Eiseskälte und Flutregen. Das ist mindestens das dritte Dürrejahr in den letzten fünf Jahren. Schon krass, wie schnell sich das Klima ändert.


Lage der Nation:
Russland wird mit Sanktionen belegt, mindestens die dortige Tech- und Automobilindustrie brechen daraufhin zusammen. Im Gegenzug liefert Russland unter fadenscheinigen Gründen (Turbine kaputt, Wetter schlecht) massiv weniger Gas, was insbesondere Deutschland trifft.

Spätestens jetzt rächt sich, das in den vergangenen 10 Jahren der Ausbau erneuerbarer Energien nicht verschlafen, sondern von der Regierung aus CDU und SPD massiv beschnitten wurde und eine starke Abhängigkeit von russischen Rohstoffen bestand. Stellt sich raus: Die krassen Guys von der GroKo haben sogar die Gasspeicher auf deutschem Boden an Russland verscherbelt, und Gasprom hat die in Vorbereitung auf den Ukraineüberfall leer laufen lassen. Dementsprechend schwer tut sich Kanzler Scholz auch klare Kante zu zeigen, und immer wieder fordern konservative Politiker aller Parteien die Inbetriebnahme der neuen Nordstream2-Pipeline. Die Entscheidung treffen letztlich aber andere: Die Pipeline wird unterseeisch gesprengt und ist dauerhaft zerstört. Nächste Idee der Liberal-Konservativen: Atomkraftwerke neu bauen. Aber das will außer den Knallchargen CDU und FDP niemand, am Wenigsten die Energiekonzerne.

Ebenjene Energiekonzerne haben sich in diesem Jahr die Penisse vergolden lassen, weil sie nicht mehr wussten wohin mit ihrem Geld, besonders in Deutschland. Wo es in anderen Ländern eine Übergewinnsteuer gab, faselt die FDP was davon, das man Unternehmen so etwas nicht aufbürden dürfte, weil sonst deren Innovationskraft… blabla, da hört dann schon keiner mehr zu, so lächerlich ist das. Am Ende gibt es eine Übergewinnsteuer, die darf bloß nicht so heißen.

Überhaupt, die FDP. Macht Opposition, obwohl sie an der Regierung ist, demütigt Koalitionspartner und verhindert mit Symbol- und Klientelpolitik echtes Vorankommen. Kalkül der Parteispitze: Sie wollen als „konservative Stimme der Vernunft“ wahrgenommen werden. Klappt nur nicht, das ständige Stehen auf der Bremse fällt auch den Wähler:innen auf, was in den Landtagswahlen grottenschlechte Ergebnisse bringt. Vielleicht sollte Parteichef Lindner weniger auf Saufnase Kubicki hören und mehr auf seine Parteibasis. Die wollen nämlich eine moderne Partei, die Veränderungen bringt, die bezahlbare erneuerbare Energie und einen Verkehrswandel und Digitalisierung vorantreibt, und nicht so einen Friedrich-Merz-gefällt-das-90er-Jahre Müll mit „mehr Autobahnen und freie Fahrt für freie Bürger“. Liebe FDP, das Problem eurer schlechten Wahlergebnisse liegt NICHT an den bösen Grünen oder eurer gefühlt zu linken Ampel. Das Problem seid ihr, mit euren erkennbaren Luftnummern und dem destruktiven Verhalten.

In der SPD lief es nicht besser. Kanzler Scholz ist so gut wie unsichtbar in der Tagespolitik, und wenn er dann mal auftaucht, redet er von „Wumms“ und „Doppelwumms“. Klingt wie ein Dreijähriger, passt aber zu der farblosen Knallcharge, die er ist.

Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich auch Karl Lauterbach. In der Pandemie fiel er durch kluge Analysen und Vorschläge auf Twitter auf, und man dachte immer: Dieser Mann, wenn der doch nur Gesundheitsminister wäre! Nun ist er es, und er agiert… glücklos, bestenfalls. Seine klugen Vorschläge twittert er weiter, aber in der Politik kann er sich nicht gegen die FDP und besonders Justizmurkel Marco Buschmann durchsetzen. am Ende macht der Gesundheitsminister Lauterbach immer das Gegenteil von dem, was der Twitterer Lauterbach für richtig hält. Schizophrenie, dein Vorname sei Karl.

Ist aber eh´ egal, Corona wurde im April von der FDP für beendet erklärt und die Pandemie im Dezember von Christian Drosten. Das Virus ist jetzt endemisch, das werden wir nicht mehr los. Immerhin sind dank Impfung und doppeltem Booster (insgesamt 4 Injektionen) die akuten Folgen meist nicht mehr dramatisch, über die Langzeitschäden im Körper kann aber noch niemand was sagen. Was die Pandemie auf jeden Fall sichtbar gemacht hat, sind die Risse in der Gesellschaft. Ein guter Teil der Bevölkerung wähnt sich in einer unrechten Diktatur, ergeht sich in Umsturzphantasien und ist komplett Wissenschaftsfern. Es sollte unbedingt eine gesamtgesellschaftliche Diskussion angestoßen werden, wie damit umzugehen und wie dem zu begegnen ist (Hint: Investitionen in Bildung wären ein guter Anfang).

In der CDU hat Friedrich Merz das Ruder übernommen. Er wollte ja schon immer Kalif anstelle der Kalifin werden, nun ist er am Ziel seiner Träume – und verwaltet nur noch Ruinen. Merkel hat nicht nur das Land sediert und Politik als Verwaltungsakt dargestellt, auch die Partei ist nicht mehr leistungsfähig und hat kein kluges Personal. Merz versucht das mit markigen Sprüchen zu übertünchen und Kampagnen aus den 90ern wiederzubeleben („Das Boot ist voll“), erntet dafür aber nur müdes Gähnen von den Wähler:innen und den demokratischen Parteien – und Beifall von der AfD, gegen die er noch im Frühjahr versprach eine Brandmauer errichten zu wollen.

Positiv überrascht haben lediglich Kanzlerin-der-Herzen Annalena Bärbock, die nicht nur die Probleme mit Nordstream und Russland exakt vorhergesagt hat, sonder die auch als Außenministerin weitsichtige und feministische Politik vertritt und selbst schwergewichtigen Außenpolitik-Schlachtrössern wie Sergey Lavrov die Meinung geigt. Ebenfalls gut: Robert Habeck, der als Wirtschaftsminister absolut pragmatisch handelt. Dazu gehört leider, dass er den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken und Braunkohlekraftwerken in seiner Partei durchsetzt, aber auch die recht rabiaten Maßnahmen um Gasfirmen in Deutschland zu verstaatlichen. Mit Erfolg, zu Beginn des Winters sind die Gasspeicher zu über 100% gefüllt und Deutschland erzeugt sogar genug Strom für Frankreich, dessen AKWs zur Hälfte vom Netz sind, weil baufällig. Das die FDP Habeck trotz allem „Ideologiegetriebene Politik“ vorwirft, zeigt deutlich den Realitätsverlust des Porschefahrerclubs.

Es ist einfach unfair. Immer, wenn eine progressive Regierung an´s Ruder kommt, fallen alle möglichen Krisen zusammen und die sind gezwungen, gegen ihre Überzeugungen zu agieren. So wie die SPD die Agenda 2010 einführen musste, um das Land wieder aus der Kohl´schen Krise zu bekommen, so müssen die Grünen nun Energie aus AKWs und Kohlekraftwerken zustimmen. Ich hätte ja gerne mal gesehen was mit so einer Ampelregierung möglich ist, wenn nicht gerade die Welt zusammenbricht.

Unter all den schlimmen Meldungen gab es in diesem Jahr noch eine gute Tendenz und eine, deren Richtung noch nicht ganz klar ist. Die gute: Die Welt hat sich auf weitreichende und tiefgreifende Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen verständigt. Es ist noch ein weiter Weg, bis das auch umgesetzt wird, aber erstmal ein guter Start.

Die unklare Tendenz: Künstliche Intelligenz ist da, und verändert sichtbar Dinge. Werkelten vorher nur kleine KIs in Geräten und Services herum, ist die Firma OpenAI nun mit ChatGPT am Start, und das Ding frisst Turing-Tests zum Frühstück und ist kreativer als die meisten Autoren. Prompt nutzen es die ersten Schüler und Studenten, um ihre Hausarbeiten davon schreiben zu lassen. Ob zum Besseren oder schlechteren: Es wird die Menschheit verändern.

Ich Ich Ich
Beruflich weniger Stress. Sommerhitze gut überstanden. Tour durch UK und Wohnen auf Sardinien. Belastend: Familiäre Situation. Älter werden ist manchmal kein Spaß, und wenn eine anverwandte Person schon immer ein sehr schwieriger Mensch war, wird das durch Demenz nicht besser. Immerhin, Dinge sind angestoßen und werden sich im kommenden Jahr klären. Ein wenig irre macht mich, weil ich nicht weiß, was da auf mich zu kommt.


Und sonst noch?

Worte des Jahres: „London wurde vom Geld verwüstet“ (Annette Dittert)

Zugenommen oder abgenommen: Gleich geblieben. Aber auf zu hohem Niveau.

Die teuerste Anschaffung: Am meisten Geld ausgegeben für die Wartung der Motorräder, aber nun. Teuerste Einzelanschaffung sicherlich das Notebook für rund 690 Euro.

Luxus des Jahres: Drei Bücher, gekauft für zusammen mehr als 350 Euro. Bildbände, um genau zu sein. Ich liebe den Taschen-Verlag. Außerdem: Spontankauf einer Switch + Games.

Mehr bewegt oder weniger: Mehr.

Die hirnrissigste Unternehmung: Zum Mont-Saint-Michel zu Fuß wandern zu wollen. In Motorradstiefeln. In der Hauptsaison. Im Hochsommer. Das gab Blasen!

Ort des Jahres: La Ciaccia.

Zufallspromi des Jahres: Jenna Ortega.

Nervende Person des Jahres: Den Titel teilen sich Friedrich Merz und Elon Musk. Der eine hatte 1992 einen Unfall mit einer Cryo-Maschine und wurde erst jetzt wieder aufgetaut, der andere hat sich radikalisiert. Beiden gemein ist, das sie vielleicht wissen wie Unternehmen funktionieren, aber keine Ahnung vom Funktionieren einer Gesellschaft haben, überaus miese Kommunikatoren sind und dabei denken, dass sie alles könnten und auf alles eine Antwort hätten. Das sind Anzeichen für Soziopathie. Ernsthaft, das Musk sich rechts radikalisiert, während die Käuferschicht seiner Autos zum mittelinks-Milieu gehören und nun bei jedem Tesla, den sie sehen, denken: „Scheiße, wenn ich den Wagen kaufen würde, unterstütze ich einen rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker“ – so dumm muss man erstmal sein.

Das beste Essen: Pizza Ogliastrina + Ichnusa im Restaurant von La Pineta, Bari Sardo. Das es das beste Essen war, mag auch an der Gesellschaft gelegen haben.

Das seltsamste Essen: Der Doppel-Steak-Teller, der ohne einen Bissen Fleisch auskam, im „Crown Inn“ in Frampton-Mansell.

2022 zum ersten Mal getan: Darmspiegelung. Dank Propofol kein Problem. Hicks.

2022 das erste mal seit langer Zeit wieder getan: Waschlappen gekauft und benutzt, letzteres habe ich seit ca. 1983 nicht mehr getan. Und: Actionfilme aus den 90ern geguckt, weil die sich noch „echt“ anfühlen und nicht nur aus schlechtem CGI bestehen oder ein Schnittmassaker sind.

Gesundheit: Geht so. Magenprobleme und, auch das erste mal, Ischias. It´s not the years, honey, it´s the mileage.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen: Zu merken, das mein Vater Anzeichen von Demenz aufweist und eine Betreuung durch das Amtsgericht bekommen muss.

Gereist? Jahaa! Motorradtour durch das Unvereinigte Königreich und nach Sardinien.

Film des Jahres: „Everything, everywhere, all at once“ ist völlig verquer und überraschend, „Ghostbusters Legacy“ ist ein toller wie würdiger Nachfolger der 80er-Jahre-Filme, „Nobody“ überrascht mit einem superbrutalen Bob „Better Call Saul“-Odenkirk. „Maverick“ kam auch endlich raus und war gut.

Theaterstück des Jahres: „Harry Potter und das verfluchte Kind“ in Hamburg – auf Deutsch fast genauso gut wie im Original.

Musical des Jahres: „Monty Pythons Ritter der Kokosnuss“ bei den Gandersheimer Domfestspielen.

Spiel des Jahres: War in Summe ein schwaches Spielejahr, es gab aber einige Highlights. Meine persönlichen GOTYs: „Horizon: Forbidden West“, das mit toller Protagonistin, Grafik und einer spannenden Story zu begeistern wusste. Außerdem: Das grafisch wie atmosphärisch überwältigende und sehr traurige „A Plague Tale: Requiem“. 30 Jahre nach Erscheinen von Teil eins kam dann noch „Return to Monkey Island“ raus und wäre schon aufgrund des Humors ein heißer Anwärter auf das Spiel des Jahres gewesen, aber das habe ich bis Redaktionsschluss nicht durchgespielt.

Entertainment-Doku des Jahres: „Trainwreck 99“ über die Woodstock-Neuauflage auf Netflix.

Serie des Jahres: „The Sandman“ auf Netflix. Endlich eine angemessene Umsetzung der Vorlage. „Westworld“, Staffel 4 war auch spitze, „Wednesday“ kam überraschend aus dem Nichts und machte die Addams-Family cool.

Buch des Jahres: „Lost Girls“ von Alan Moore und Melinda Gebbie. Ist schon von 1992, habe ich aber jetzt erst entdeckt. Kranker Scheiß, ein Buch wie eine Orgie auf Drogen.

Ding des Jahres: Gleich mehre Sachen machten mich sehr glücklich: Das neue Reisenotebook Asus UM425UAZ-KI023T ist der absolute Hammer, blitzkrank schnell und nach Militärstandard robust. Das Ding lässt die meisten MacBooks und Lenovos im Office-Betrieb alt aussehen, kein Witz. Die Patagonia Micropuff-Jacke hat ausgezeichnete Dienste geleistet, und das Anker 735 GaNprime USB-Ladegerät ist ein Powerhouse und taugt auch als Netzteil für das Asus und ist täglich im Einsatz.

Spielzeug des Jahres: Die PS-Vita. Ich besitze die schon länger, aber in diesem Jahr habe ich gemerkt, wie sehr ich die liebe. Die kleine Konsole ist von 2013. In heißen Sommernächten nachts auf dem Balkon sitzen und Persona 4 spielen oder Games von der PS4 streamen – super.

Originellstes Spiel: Die „Ring Fit Adventures“ auf der Switch. Wahnsinn, was man aus so einem Plastikring an Übungen rausholen kann.

Enttäuschungen des Jahres: Disney. Egal ob Serien wie „Moon Knight“ oder „She-Hulk“ oder Filme wie „Eternals“, „Dr. Strange 2“ oder „Thor 3“ – früher habe ich alles von Marvel gerne geguckt, aber in 2023 war nichts dabei, was ich auch nur ein Bißchen gut fand. „Book of Boba Fett“ war im Bereich Star Wars auch ein Totalausfall. Sonderpreise gehen an „The Brits are Coming“, der ein dampfender Haufen Scheiße von ungekanntem Ausmaß ist, und an „Cyberpunk 2077“. Dessen Nextgen-Update ist, 18 Monate nach Release von Version 1.0, immer noch buggy und unbelebt. Damit holt das selbe Spiel diese Auszeichnung das zweite Mal, nach 2020! Ach ja, und der Doppel-Steak-Teller ohne einen Bissen Fleisch im „Crown Inn“ in Frampton-Mansell, der war auch eine große Enttäuschung.

Unbeachtetes Event des Jahres: Die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Habe ich kein Spiel von geguckt. Aber gut, ich gucke auch sonst keine Spiele von Fußballweltmeisterschaften.

Die schönste Zeit verbracht mit: Auf dem Balkon eines verranzten Appartements auf Sardinien „Westworld“ zu gucken und dabei warme Sommernächte zu genießen.

Anzahl Fiat 500s (seit 2016): 2.364

Vorherrschendes Gefühl 2022: Alles zerfällt.

Erkenntnis(se) des Jahres: Die Welt wie sie war, gibt es nicht mehr. Und: WD40 ist gar kein Schmieröl.

In diesem Sinne: Ich wünsche einen guten Start in ein hoffentlich weniger schlimmes 2023. Sprengt Euch beim Jahreswechsel keine Körperteile weg.

Nekrolog:
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Kategorien: Betrachtung, Momentaufnahme | 3 Kommentare

Momentaufnahme: Dezember 2022

Herr Silencer im Dezember 2022

Worte des Monats:

Wetter: Ab Monatsanfang sofort bitterkalt und 15 Zentimeter Schnee. Bis Monatsmitte wird es immer kälter, eine Woche lang Tiefsttemperaturen von nachts -13 und tagsüber -5 Grad. Kurz vor Weihnachten beginnt es zu regnen. Erst gibt es Eisregen auf dem tiefgefrorenen Boden, dann steigen die Temperaturen wieder, an Weihnachten sind es 8 bis 15 Grad mit häufigen und starken Regenfällen, die bis Jahresende anhalten.

Lesen:

Reiseführer.


Hören:


Sehen:


Die Känguru Verschwörung [2022, Amazon Video Kauf]
Marc-Uwe und sein Mitbewohner, das mild-kommunistische Känguru, begeben sich auf einen Road-Trip nach Bielefeld. Grund: Die Mutter der angebeteten Maria hat sich in Verschwörungstheorien verstrickt und leugnet den Klimawandel, und die beiden haben gewettet, dass sie die Mudder wieder in die Realität bekommen.

Der erste „Känguru“-Film war der letzte Film, den ich im Kino sah. Das war am am 06.03.2019, in Frankfurt an der Oder. Während der Pandemie wurde wohl der zweite Film gedreht, und der ist um Klassen besser als der Erstling. Statt einem Best-of-Remix bekannter Gags aus den Büchern gibt es hier eine eigenständige und aktuelle Geschichte.

Reichsbürger, Flat-Earther, Klimaleugner, Impfgegner – der Umgang damit im Film ist herrlich, endlich bekommt die usselige und rechte Baggage mal ihr Fett weg. Dabei funktionieren manche Dinge in der Tiefe tatsächlich nur jetzt. Wenn Marc-Uwe in Ulf-Poschhard-Tonfall „Bidde nich!“ sagt, kann man diesen popkulturellen Gag aktuell entschlüsseln und darüber kichern – in kurzer Zeit wird aber niemand mehr wissen, dass das mal witzig war und warum. Seltsam zahm bleibt ausgerechnet das Känguru selbst, das mit deutlich angezogener Philosphie/Brutalitäts-Handbremse fährt.

Handwerklich ist die Kameraführung meist bieder, das animierte Känguru und die Schauspieler OK. Nerven tut lediglich Marc-Uwe Kling selbst, als Stimme des Kängurus. Ich LIEBE die Stimme in den Hörbüchern, aber hier im Film ist sie zu übertrieben gesprochen und/oder so seltsam gemischt, dass ich davon Ohrenschmerzen bekomme.

Ist aber Wurst, die „Känguru-Verschwörung“ ist ein sehr launiger Film, der an keiner Stelle in flachen oder Pipi-Kacka-Humor abgleitet. Besonders viel Freude werden diejenigen haben, die schon immer mal diese ganzen Verschwörungs-Heinis als die Deppen dargestellt sehen wollten, die sie sind. Empfehlenswert.

Ach ja, das Retro-8Bit-Spiel, das im Film kurz vorkommt, das gibt es wirklich: https://www.kaenguru-game.de/

Blade Trilogy [1998, 2002, 2004 Bluray ]
Wesley Snipes ist der „Daywalker“, ein Mensch/Vampir Hybrid, der zusammen mit Kris Kristofferson Jagd auf echte Vampire macht. Mal bekommt er es mit durchgenknallten Yuppi-Vampiren zu tun, mal mit Mutationen, mal mit Udo Kier, mal mit Dracula persönlich.

Die drei Filme, die um die Jahrtausendwende entstanden sind, erzählen eine lose zusammenhängende Geschichte, sind aber qualitativ stark unterschiedlich. Teil 1 kommt stylisch und überraschend, aber mit grottenschlechtem CGI daher. In Teil 3 ist das CGI besser, aber die Story Banane und die neuen Darsteller (Ryan Reynolds, Jessica Biel, Dominic Purcell) völlig fehl am Platz. Die Spannbreite reicht von Randgruppenperle bis zu Trash.

The Rock [1996, BluRay]
Ein General der US-Armee klaut Raketen mit VX-Gas, stellt die auf der Gefängnisinsel Alcatraz auf und erpresst die Regierung: Entweder, die Familien von im Ausland bei Geheimoperationen gefallenen Soldaten werden über den Verbleib informiert und finanziell entschädigt, oder San Francisco wird mit tödlichem Nervengas beschossen. Auf Verhandlung hat niemand Bock, und so schickt die Regierung den Giftgasexperten Nicolas Cage und den einzigen Mann, der jemals aus Alcatraz ausgebrochen ist und daher den Weg hinein finden kann: Ex-SAS-Agent Sean Connery.

„The Rock“ ist einer der besten Actionfilme aller Zeiten, Punkt. Wenn man mich fragt, welche Actionfilme in den 90ern die besten waren, werde ich immer sagen: „The Crow“, „Armageddon“ und eben „The Rock“. Egal ob die spannenden Expositionsszenen am Anfang, die „Bullit“-mäßige Verfolgungsjagd in San Francisco oder der fesselnde Einsatz auf Alcatraz selbst, der Film ist wirklich keine Minute langweilig. Dabei ist es nicht allein die Action, die trägt.

Einen Großteil der Wirkung wird über das ausgezeichnete Zusammenspiel der Darsteller erzielt. Nicolas Cages Overacting ist ein wunderbarer Kontrast zu Connerys verschmitzt-reduziertem Spiel, mit dem er hier den James-Bond-in-Rente gibt. Ed Harris ist ein großartiger Bösewicht, gerade weil er eigentlich hehre Motive hat, und gibt diese Figur mit großem Fokus und kalter Beherrschung, was ein krasser Gegensatz zu dem Haufen an Hotshots um ihn herum ist. Die Nebenrollen sind ebenfalls großartig besetzt: „Dr. Cox“ John C. McGinley, „Terminator“ Michael Biehn, „Candyman“ Tony Todd, „Green Mile“ David Morse, dazu die göttliche Claire Forlani. Hach.

Technisch ist hier wenig Kritik möglich. Michael Bays Stil der dramatischen Inszenierung und der sich ständig bewegenden Parallax-Kamera hatte sich noch nicht so abgenutzt und wird nicht so rührselig eingesetzt wie in späteren Filmen. Der Soundtrack von Hans Zimmer ist mit seinem Main Theme in die Geschichte eingegangen und wird bis heute für Trailer genutzt. Das Bild und der Ton ist auf BlueRay wirklich exzellent. Ja, „The Rock“ ist wirklich Peak-90er-Action, so wie ich sie mag – und der wahrscheinlich beste Film, den die Produzenten-Legenden Bruckheimer/Simpson und Regisseur Bay je gemacht haben.


Spielen:

God of War: Ragnarök [2022, PS5]
Kratos, der Schlächter aller Götter des Olymp, hat sich zur Ruhe gesetzt – ausgerechnet in Midgard, einer der Welten der nordischen Götter. Dort gerät er mit dem Schicksal aneinander, das detailliert voraussagt, das Kratos Ragnarök auslösen wird. Der alte Mann mit dem Rauschebart hat auf das Ende der Welt aber gar keine Lust, Kriegsgott will er auch nicht mehr sein, und überhaupt will er am liebsten in einer Höhle sitzen und Grummeln. Auch Allvater Odin möchte keinen Konflikt und keinen Weltuntergang. Aber es herrscht bereits Fimbulwinter, der Vorbote von Ragnarök, und je mehr Kratos es versucht zu vermeiden, desto unausweichlicher wird eine Konfrontation mit Odin, Thor, Heimdall und Konsorten. Helfen könnte vielleicht Tyr, der alte nordische Gott des Krieges, aber der ist tot. Und dann hält sich auch noch Kratos pubertierender Sohn Atreus für etwas Besonderes, denn sein nordischer Name ist – Loki.

Ach, fein! Die 2018 im Vorgänger begonnene Geschichte von Kratos-und-seinem-Sohn-im-Norden wird in diesem Spiel komplett zu Ende erzählt, und das, obwohl sich der Stoff von der Menge her für eine Trilogie angeboten hätte. So ist man 35 bis 40 Stunden unterwegs, bis die Story zu einem befriedigendem Ende kommt.

Gameplaytechnisch wechseln sich ruhige Erkundungspassagen, Dialoge mit anderen Figuren und wuchtige Hack-and-Slay Kämpfe ab. Die Kämpfe kommen mit einem ordentlichen Schwierigkeitsgrad daher. Im Vergleich zum Vorgänger teilt Kratos weniger aus, kann aber auch weniger einstecken. Heil-Items sind seltener, und die Zahl der Encounter mit 08/15 Gegnern sind so hoch, dass es immer wieder die Erzählung stört.

Die Grafik auf der PS5 ist schön, aber nicht deutlich besser als beim Vorgänger auf der PS4. Am Vorgängerspiel mochte ich das Perk-System nicht. Es gab viel zu viele Möglichkeiten abseits der Skill-Trees Waffen und Rüstungen zu verzaubern, Runen einzusetzen oder sonstwas damit anzustellen und dadurch irgendeinen Wert um 0,0034 Prozent zu steigern.

Das ist in „Ragnarök“ noch viel schlimmer geworden, die Systeme sind nun um das doppelte überladen. Wer Spaß daran hat, unter Zuhilfenahme von Excel auszurechnen, welche Rune in Kombination mit welcher Rüstung basierend auf den Glücks-Werten des Charakterlevels die Abklingzeit der Axt-Zauber um 1,3 Sekunden senken lässt – nur zu. Ich habe da keinen Spaß dran und fand es stets zum Kotzen, wenn das Spiel mich zwang, mich damit zu beschäftigen.

Das ist aber nicht so wichtig. Der Kern und das Beeindruckendste von „Ragnarök“ ist die Interaktion der Charaktere miteinander und ihre verwobenen Geschichten. Die Dialoge sind toll geschrieben, und die die Story steckt voller Wendungen. Die passieren aber nicht aus Selbstzweck, sondern sind immer den klaren Motivationen der Figuren zuzuordnen.

Die Charaktere selbst sind hervorragend ausgearbeitet. Egal ob der knurrige Kratos, der das Loslassen lernen muss, der Götterchef Odin, der manchmal wirkt wie ein leicht tüddeliger Konzernmanager und wirklich undurchschaubar ist, oder Schmierlappen Heimdall, den man wirklich hassen lernt: Das zu erleben ist spannend, und ich wollte immer wissen, wie es weitergeht.

Star des Spiels ist aber die Stimme von Kratos. Christopher Judge, der Teal´c aus „Star Gate“ spricht den alten Kriegsgott mit einem unnachahmlich rauen Grummeln, und jeder Satz von ihm ist ein Erdbeben. Was für eine Performance!

Kena – Bridge of Spirits [2021, PS5]
Die junge Kena ist eine Geisterführerin. Sie hilft verstorbenen Seelen dabei, vom Diesseits loszulassen. Als sie in einer abgelegenen Region ein entvölkertes Bergdorf findet, bekommt sie eine Menge zu tun. Zum Glück hat sie Verstärkung in Form der Rott, knuffeligen kleinen Geistwesen. In drei unzusammenhängenden Episoden muss Kena Geister ins Jenseits geleiten und am Ende das Rätsel um das Dorf und die Rott lösen. Das tut sie in der klassischen Action-Adventure-Mischung aus Erkundung, dem Lösen von Rätseln und Geschicklichkeitspassagen.

So knuffelig, und gleichzeitig SO SCHEISSEND SCHWER. Ember Labs, das Studio, dessen Erstlingswerk „Kena“ ist, kommt aus der Filmanimation, und das ist deutlich zu merken. Alles ist detailverliebt und sieht aus wie ein Animationsfilm. Was leider nicht gut klappt ist das Gameplay. Kena springt und klettert teils sehr ungenau oder hält sich nicht an Kanten fest, was insbesondere in den (viel zu zahlreichen) Hüpfpassagen mit knackigem Zeitlimit fatal ist.

Nicht viel besser ist es in den Hack&Slay-Kämpfen. Die sind ohnehin superschwer und werden noch schwerer durch die Steuerung, die einfach für das geforderte zu träge ist – Ausweichen oder Blocken erfolgt häufig mit spürbarer Verzögerung, und das bei sehr kleinen Zeitfenstern für erfolgreiches Parieren. Ich habe nach der Hälfte der gut zehn Stunden Spielzeit entnervt den Schwierigkeitsgrad auf die einfachste von fünf Stufen gestellt und hatte immer noch genug zu tun.

Die teils traurigen Geschichten und die putzigen Rott haben mich aber dennoch dazu gebracht, die Zähne zusammen zu beißen und das durch zu spielen. Ich hoffe, es gibt einen Nachfolger, der die Macken beim Gameplay und Balancing ausbügelt und der Figur der Kena etwas Tiefe gibt. Die Welt ist auf jeden Fall zauberhaft.


Machen: Nüscht. Auch mal schön.


Neues Spielzeug:

Eine Xbox. Aber keine aktuelle XBOX Series X (die heißt wirklich so, kein Witz), sondern eine XBOX 360, Modell E, Baujahr 2015, gebraucht gekauft. Eine der letzten 360er, die je gebaut wurden.

Warum lege ich mir so ein Uralt-ding zu? Ganz einfach: Ich habe für die 360 eine umfangreiche Spielesammlung, und einige meiner liebsten Games („The Saboteur“, „Sleeping Dogs“) gibt es nicht auf anderen Plattformen und auch nicht im Backwarts-Compatibiility-Programm von MicroSoft. Vor allem aber: Musikspiele! Sowas wie „Guitar Hero“, „Lips“ und „Rock Band“. Diese Spiele waren von 2008 bis 2011 aktuell (Wir nannten es Plastik Rock) und brachten eigene Hardware mit (dieses Blog wurde sogar berühmt wegen der Kompatibilitätslisten), in meinem Fall brauche ich aber zwingend eine 360 zum Spielen.

Nun fiel aber meine alte Xbox 360 von 2009 langsam auseinander, der HDMI-Ausgang ist wackelig, Audio gab es gar nicht in digital und WLAN hatte die auch noch nicht. Das bringt das E-Modell alles mit, inkl. einer 500 GB Festplatte, auf der die ganzen Musikspiele auf einmal Platz haben.


Ding des Monats:
Viele schöne und nützliche Dinge zu Weihnachten geschenkt bekommen. Danke an Alle Schenker:innen!


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch (11): Smoooooooooo

Tour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit einer Höhle, ethnischen Säuberungen und afrikanischen Springböcken.

Dienstag, 12. Juli 2022, Kinlochverbie Hotel, Kinlochverbie, Schottland

Der Wind drückt immer noch gegen das Haus, als ich gegen kurz vor Sieben das erste Mal wach werde. Noch in Unterwäsche laufe ich den Gang vor meinem Hotelzimmer hinunter und blicke durch das Fenster des Treppenhauses. Ja, die Suzuki steht noch vor dem Hotel. Sie ist weder umgeweht noch gestohlen worden. Schön: Auch, wenn der Wind immer noch durch jede Ritze pfeift, der Himmel zeigt vereinzelt blaue Tupfer in der Wolkendecke. Das wird ein guter Tag!

Der Frühstücksraum ist groß, und das ist gut so. Ich kann mich weit wegsetzen von der russischen Motorradgruppe, von der einige Mitglieder verdächtig am Husten und Röcheln sind. Fiona watschelt zwischen den Tischen herum und serviert, sobald die Küche auf Touren ist, das Frühstück, das sich die Gäste am Vorabend individuell aus einer Liste aussuchen konnten.

Ich hatte mir auf dem Frühstückszettel einen „Tattie Scone“ gewünscht, ohne zu wissen was das ist. Nun, das am oberen Tellerrand. Ein sehr fester Fladen aus Kartoffelbei und Butter. Macht praktisch sofort satt und hat soviel Kalorien, dass man mit einem Viertel davon eine Winterwoche überleben kann.

Schnell bin ich mit dem Scottish Breakfast fertig und sage Fiona Tschüss, dann trage ich die Koffer zum Motorrad.

Die V-Strom bei dem starken Wind startfertig zu machen, ist gar nicht einfach. Es ist, als ob ein Unsichtbarer neben einem steht und ständig Gurte durcheinander bringt, Sicherungsbänder verheddert, den Topcasedeckel zuschlägt und die Handschuhe auf den Boden wirft, die ich gerade anziehen wollte.

Schließlich sitzt aber alles da wo es hingehört, einschließlich mir im Sattel. Ich gebe Gas und fahre schnell an, je schneller das Moped fährt, desto weniger anfällig ist es gegen Windböen.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

Reisetagebuch (10): Muskelgedächtnis is a Bitch

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit Schafen.

Montag, 11. Juli 2022, Hartfield House, Applecross, Schottland

Boah was nerven mich die anderen Gäste in diesem hostel! Gestern Abend die dauertelefonierenden Tröten im Zimmer nebenan, und jetzt stelle ich fest, dass die Fahrer:innen von Miet-SUVs sämtliche Parkverbotsschilder ignoriert haben und den gesamten Vorplatz von Hartfield House zugeparkt haben.

Dabei mangelt es nicht an Autoparkplätzen hinter dem Haus, die Flitzpiepen hier waren nur zu faul, mehr als drei Schritte zu laufen. Damit haben sie die V-Strom praktisch zugeparkt, die auf einer Zierfläche direkt am Haus steht. Nur mit zentimetergenauer Rangiererei zwischen Blumenkübeln, hoppeln über einen Bordstein und einer Fahrt über den Fußgängereingang bekomme ich das Motorrad wieder vom Haus weg.

Beim Vor- und Zurückschieben fällt mir noch etwas Interessantes auf. Ich habe hier schon öfter dicke Kettenschlösser an Motorräder gesehen, und die Gruppe Senioren, die gestern Abend noch gekommen ist, legt auch viel Wert auf Sicherung. Kunstvoll sind drei Motorräder ineinander geparkt und zusammengekettet.

Später bekomme ich, nach einem Hinweis von Suse, mit, dass Motorräder klauen wohl tatsächlich Volkssport in UK ist, besonders um die Großstädte herum.

Es finden sich etliche Forenbeiträge von Schottland-Urlaubenden, die die Heimreise im Flugzeug angetreten haben, weil der eigene Ride abhanden gekommen ist. Gerade um Edinburgh, Glasgow und Inverness herum scheint es Volkssport zu sein, Motorräder von Touristen zu stehlen, damit eine Nacht durch die Gegend zu krajohlen und sie dann zu Schrott zu fahren. Hier der Bericht einer Motorradbloggerin, der ihre Maschine vor dem Zelt weg geklaut wurde. Das war auf einem Campingplatz vor Edinburgh. Kein Wunder also, das die einheimischen Moppedfahrer kiloschwere Ketten mit sich herumschleppen und selbst hier, wo es außer der alten Schule von Hartfield kilometerweit kein anderes Haus gibt, extrem auf Sicherung achten.

Ich hatte tatsächlich nur auf meiner allerersten Motorradreise eine Kette dabei. Später nicht mehr, weil: Zu schwer, oft gibt es keine Gelegenheit zum Anketten der Maschine und slbst wenn, bin ich meist zu faul dazu. Außerdem war es in Italien und anderen Südeuropäischen Ländern nie wirklich nötig. Die meisten Motorraddiebstähle dort, verriet mir mal ein Carabiniere, gehen auf das Kerbholz osteuropäischer Banden. Die stehlen im Auftrag und nur das, was sich gut weiterkaufen lässt, bevorzugt neue BMW-Modelle, keine alten Kawasakis oder Suzukis.

Ich habe lediglich ein Bremsscheibenschloss dabei, was ich selten benutze. Darüber hinaus hat die Barocca einen versteckten GPS-Tracker, der mit Push-Nachrichten auf´s Handy schickt, wenn das Motorrad nur angefasst wird. Wirklich, die Barocca braucht nur jemand schief anzugucken, wenn ich weiter als fünf Meter von ihr entfernt bin, und es macht Dingdong auf dem Handy.

Die Renaissance hat zusätzlich noch einen versteckten Kippschalter, der die gesamte Elektrik lahmlegt. Der hilft nichts, wenn jemand die Maschine wegträgt – aber wenn man nicht weiß, wo der Schalter sitzt, verhindert es, dass der Dieb Spaß mit dem Mopped hat, indem er einfach einen Schraubendreher ins Lenkradschloss rammt und davonbraust.

Von Applecross aus führt die Straße nordwärts am Meer entlang. Es ist diesig und bedeckt, und mit 17 Grad nicht übermäßig warm, aber trotzdem angenehm zu fahren.

Es ist das erste Mal, dass sich die ungefütterten Membranhandschuhe als nützlich erweisen, seit ich die vor fünf Jahren gekauft habe. Bislang waren die weitgehend sinnlos und ich hätte sie fast weggeworfen, weil im Sommer das Wetter meist so ist, das die Hände schnell anfangen daran glitschig zu werden. Aber hier passen die perfekt – ich brauche kein dickes Futter, aber Schutz vor dem Fahrtwind, und die Temperataturen sind exakt so, dass die Membran funktioniert und ich nicht darin schwitze.

Wieder ist die Straße eine Single-Track-Road, die sich aber um die Berge herumwindet, statt über sie hinweg zu führen. Links des Asphalts steht dichter Farn, und darin springen zwei große Tiere herum, die ich zunächst für Hirsche halte. Hey, keine Stag-Party hier!

Erst im aller-aller-letzten Moment nehmen die beiden Reißaus und verschwinden. Waren das Rentiere? Gibt es in Schottland Rentiere?

Andere Tiere gibt es auf alle Fälle. Zottelige Rinder, zum Beispiel.

Und Schafe, natürlich. Jede Menge Schafe, die heute meist in Erdkuhlen kauern, um zumindest ein wenig Schutz vor dem Wind zu haben, der über die Küste und die Landschaft pfeift. Die besteht hier aus Felsen, zwischen denen karges Gras wächst.


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Reisetagebuch (9): A Head Full of Skye

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit Schafen.

Sonntag, 10. Juli 2022, Kyle bespoke Hotel, Kyle, Schottland

Was für ein schöner Morgen! Sonne blitzt durch die Vorhänge, und aus dem Augenwinkel kann ich durch das Dachfenster des Hotelzimmers einen blauen Himmel sehen. Heute ist Sonntag, und eigentlich wollte ich noch ausschlafen, aber jetzt hält mich nichts mehr im Bett.

Wie alles im „Kyle bespoke Hotel“ ist auch der Frühstücksraum vor allem eines: Alt. Aber nicht so 18. Jahrhundert gediegen alt, sondern eher so 60er und 70er alt. „Bespoke“, also „Maßgeschneidert“, ist das hier nur, wenn man ca. 1940 geboren wurde.

Sei´s drum. Das Frühstücksteam ist auf Zack, und als sich der Saal langsam füllt, bin ich schon mit einem kleinen Scottish Breakfast durch. Ein Scottish Breakfast ist genau das gleiche wie ein Englisches Frühstück, also Toast, Bohnen, Würstchen und Ei, darf hier aber so nicht heißen.

Während um mich herum die Zimmer mit den Gästen einer Hochzeitsgesellschaft langsam aufwachen, trage ich schon die Koffer durch die engen Gänge und über den abgewetzten Teppich zum Motorrad.

Die Barocca steht auf einem kleinen Parkplatz, der hinter dem Hotel in den Berg gebaut und mit dem Gebäude über eine Treppe verbunden ist. Seit gestern Abend sind weitere Motorräder hinzugekommen.

Ich prüfe sorgfältig die Suzuki und die Befestigung des Gepäcks, dann schwinge ich mich in den Sattel und starte den Motor.

Es dauert weniger als zwei Minuten, bis Anna uns auf eine ihrer berüchtigten Abkürzungen gelotst hat. Statt einfach die verdammte fcking Hauptstraße aus Kyle-of-Lochalsh hinauszufahren, zockeln wir durch ein Wohngebiet, fahren eine Single Track Road durch einen Wald, und dann eine Stichstraße hinab, die ein extremes Gefälle hat – und die an einem Gatter endet.

Ich fasse es nicht. Ein großes, zweiflügeliges Gatter, genau am Stadtrand! Ich stoppe die Suzuki gaaaaanz vorsichtig im Hang, stelle den Motor bei eingelegtem Gang ab und lasse die Maschine gaaaaanz vorsichtig auf den Seitenständer hinunter. Dann steige ich ab, laufe zum Tor, öffne es, klettere vorsichtig wieder in den Sattel, lasse das Motorrad hindurchrollen, steige wieder ab und schließe das Gatter, steige wieder auf und starte den Motor. MAN!

Aber dann brummt die Barocca endlich aus Kyle hinaus und über die große Brücke, die ich gestern schon aus der Ferne gesehen habe. Im folgenden Bild ist sie links neben der Straße zu sehen.

Das ist die Skyebridge. Die heißt nicht so, weil es kurz scheint, als ob man dem Himmel entgegenfährt…

…sondern sie verbindet das schottische Mainland mit der Isle of Skye, der größten Insel der Gruppe der inneren Hebriden.

Isle of Skye hat man vielleicht schon mal gehört, vermutlich in Schwärmereien von Leuten, die hier waren. Irgendwie bekommen die meisten ganz verträumte Blicke, wenn sie sich an ihren Besuch auf Skye erinnern und von zerklüfteter Landschaft, kleinen Fischerdörfern und rauem Wetter erzählen.
Die mild-verrückte-Nachbarin (die unter der schönen Nachbarin wohnt) war wochenlang hier und hat mir Tips gegeben, wie ich nach nur einem Tag Wanderung „Fairypools“ und ähnlich esoterische Dinge erreichen kann. Nun, ich werde nicht wochenlang hier sein, und ich werde auch nicht wandern, aber einen ganzen Tag habe ich mir für die Insel schon reserviert. Ganz planlos. Mal gucken, wo ich Lust habe anzuhalten. Vielleicht trinke ich sogar irgendwo einen Kaffee?

Die Straße windet sich an Buchten entlang, in den Fischerboote liegen. So stelle ich mir eigentlich Norwegen vor, an seinen flachen Stellen.

Tolles Straßenschild: Achtung, Schaf!

Wirklich malerisch. Rechts das Meer, links Weiden und Wiesen und manchmal auch Berge und schroffe Felsen oder kleine Seen und Weiden.

Der bekannteste Felsen hier ist der Old Man of Storr, eine fast 50 Meter hohe Felsformation, die einfach senkrecht aus der Landschaft ragt und als DIE Sehenswürdigkeit hier gilt. Hier ein Bild von Wikimedia:

CC BY SA Nigel Homer

Besucher kommen von nah und fern, um des alten Mannes Penis anzugucken. Das ist auch heute Morgen so, der (kostenpflichtige) Parkplatz mit den Hinweisschilder ist schon fast voll, als ich dort ankomme.

Was mich dann wirklich davon abhält hier abzusteigen ist aber das Wetter. Der Old Man liegt auf fast 700 Metern Höhe. Da muss man erst einmal hochwandern, aber das würde aktuell auch nichts bringen, denn nur knapp oberhalb des Parkplatzes verschwindet die Welt in tiefhängenden Wolken. Selbst wenn ich mich da hochschleppe, mit meinen immer noch kaputten Füßen, würde ich vermutlich nichts sehen.

Also fahre ich lieber weiter, auch aus dem Sattel des Motorrads heraus gibt es hier genug zu entdecken. Kleine Dörfer, zum Beispiel, deren Häuser weit auseinanderstehen.


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Reisetagebuch (8): Skyfall

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit James, Harry, Nessie, Rob, Connor, Mio und den MacDonalds vom Clan der McDonalds.

Samstag, 09. Juli 2022, Inverardran Guest House, Crianlarich, Schottland

Ich wache früh und leicht gemartert auf. Im „Inverardran“ ist es zwar ganz ruhig und still, aber der Schlaf war trotzdem unruhig. Irgendwie hat mich die Geschichte mit der Geschwindigkeitsmessung nicht losgelassen. Ich bin ja gestern gelasert worden. Aber warum? Warum bin ich mit 65 km/h in eine 30er Zone gerauscht? Warum habe ich die Schilder nicht gesehen? So krasse Fahrfehler begeh ich sehr selten – aber wieso hat es mich am Loch Tay erwischt?!

Das lässt mir keine Ruhe, weder die Nacht über noch jetzt. Ich kurbele das Internet an und schaue mir die Stelle, wo mich der Polizist erwischt hat, auf Google Streetview an.

Die Aufnahmen sind nur 6 Wochen alt, und sie erklären, warum ich in den Blitzer gerauscht bin: Erst unmittelbar vor der Stelle, an der der Polizist stand, wird die Geschwindigkeit von 40 auf 20 Meilen reduziert. Das zeigen zwei Schilder links und rechts der Straße. Aber: Eines der Schilder ist um 90 Grad verdreht und aus Fahrtrichtung gar nicht ablesbar, und das andere wird von den tiefhängenden Ästen eines Baumes verdeckt. Gemein!

Ich bin nicht der, der schnell „Abzocke“ schreit – wenn ich Scheiße baue, dann stehe ich auch dazu und bezahle ohne rumzuheulen. Dazu kommt: Ich fahre gerne, ich fahre viele Kilometer in fremden Gebieten, ich fahre auch gerne zügig – da ist schon die statistische Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es mich mal erwischt. Wenn es passiert, dann fällt es halt unter „Betriebskosten“, wie mein alter Mentor immer sagte. Aber das hier? Das war fies.

Zumal Verkehrsdelikte aus Großbritannien in Europa noch vollstreckt werden – und zwar in erheblichem Umfang. Hier gibt es mit die höchsten Strafen überhaupt, sie bemessen sich am Einkommen. Ich bin ein großer Fan solcher Gesetze, weil es dann auch Leuten vielleicht ein wenig weh tut, die sonst dreistellige Strafzettel aus der Hosentasche zahlen. Aber diese Geschichte gestern… wenn es so gelaufen ist wie ich denke, werde ich dafür ein halbes Monatsgehalt los. Bäh.

Was auch auf Streetview gut zu sehen ist: Der Aufsteller eines Polizisten.

Die lokale Polizei stellt Aufsteller ihrer Beamten an kritischen Stellen auf, und anscheinend stellt sich dann ab und an ein echter Polizeist da hin – selbst Einheimische wissen also nie, ob an der Stelle gerade ein Pappkamerad steht oder doch ein echter Mensch. Ich bin mir echt sicher, das dort gestern ein echter Beamter stand – als ich an ihm vorbeifuhr, senkte er das Gerät und guckte mich an.

Oder?

Oder haben meine Augen nur einen Pappaufsteller mit einem Foto eines Polizisten an der Stelle gesehen, und mein Hirn hat eine Bewegung und nur hinzugedichtet? Man glaubt es ja gar nicht, aber das Hirn füllt permanent Lücken in unserer Wahrnehmung – habe ich mit das am Ende eingebildet?

Meine Laune ist nur so mittel, als ich das Netbook weglege und seufzend aus dem Bett klettere.

Inzwischen sitzt jeder Handgriff, und ich brauche nur wenige Minuten bis alles Geraffel wieder an genau den richtigen Stellen in den Motorradkoffern verstaut ist und ich abreisebereit bin. Aber vor der Abfahrt hätten wir da noch die Kleinigkeit eines Frühstücks zu erledigen.

Wobei „Kleinigkeit“ gar keine passende Beschreibung ist, denn als ich den Frühstücksraum betrete, erwartet mich ein laaaaanges Buffet mit Toast, Saft, Frühstücksflocken, Milch, Konfitüren und allem Duttendeubel. Aber um das Trockenfutter geht es ja nicht. Ich bin ja hier für ein Full Scottish Breakfast.

John stellt eine Schüssel mit dampfendem Porridge, in Milch aufgekochten Haferflocken, vor mich hin. Das sieht eklig aus, schmeckt aber großartig, und als ich damit und mit einigen Pastries (aufgebackenen Blätterteigstückchen) fertig bin, bin ich eigentlich schon zufrieden.

Aber jetzt geht es erst los: John balanciert einen Teller mit einem hier gemachten Würstchen, gebackenen Bohnen, zwei Eiern, zwei Hashbrowns und einem Berg Schinken heran. Oh man, hatte ich gestern abend beim Ausfüllen der Frühstücksbestellung Hunger? Scheint so!

„Brauchst Du sonst nochwas?“, fragt John. Wirklich der perfekte Gastgeber, er hat das Bewirten von Gästen echt im Blut.

„Nur eine Info“, sage ich zwischen zwei Bissen Würstchen, „Woher kommt der Name „Inverardran“? Warum heißt das Haus so?“

John lächelt, das wird er wohl öfter gefragt. „Nun, „In“ bedeutet Flußmündung, und der „Ver“ soviel wie Geröll und der „Dran“ fließt da hinten“, sagt John. Das Haus auf den Steinen an der Mündung des Dran. Ergibt Sinn.

„War das hier schon immer ein Hotel?“, will ich wissen. „Nein“, sagt John, „Das Haus ist über 200 Jahre alt, aber meine Familie hat es erst seit der Generation meiner Großeltern. Als mein Großvater in Rente ging, war der Betrieb, in dem er arbeitete, kurz vor der Pleite. Statt einer Abfindung haben die ihm das firmeneigene Haus angeboten, in dem er lebte – und das war ein guter Deal. Als B&B betreibe ich das seit 1992. So, und jetzt lasse ich dich weiter essen, ich muss mehr Frühstück machen, die nächsten Gäste kommen gleich.“

Als die tatsächlich eintrudeln, habe ich mein Megafrühstück wider Erwarten bis auf einige Schinkenstreifen geschafft und verabschiede mich.
„Komm mal wieder“, sagt John.

Ich furche die Augenbrauen und grummele „Gerne, wenn ich kann… bin gestern gelasert worden, vermutlich bin ich hier nicht mehr so gerne gesehen.“ Dann erzähle ich ihm den Quatsch von gestern. Weil: Er hat gerade Zeit und überhaupt, geteiltes Leid ist halbes Leid und so.

John hört aufmerksam zu. „Hat da einer mit so einem Handlaser gestanden?“, fragt John und hält die Hände vor die Augen. Ich nicke. „Und sie haben dich danach nicht rausgezogen?“ Ich schüttele den Kopf. „Dann haben sie Dich auch nicht erwischt“, sagt er und lächelt. „Wenn sie dich mit dem Handlaser erwischen, dann springt ein paar hundert Meter weiter ein Beamter aus der Hecke und du wirst angehalten und dann werden in einem Bus deine Personalien aufgenommen. Wenn sie Dich nicht angehalten haben, wurdest Du nicht erwischt.“

„ECHT?!“, entfährt es mir. John nickt. Dann haben sie mich nicht erwischt! „THANK GOODNESS!“, rufe ich und freue mich ernsthaft. „John, you made my day!“ John grinst.*
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