Probefahrt: Suzuki V-Strom DL650 XT und DL1050 XT

Ich liebe die Barocca, meine DL650 „V-Strom“. Aber leider, leider wird sie auch nicht jünger. Elf Jahre fährt sie schon und wird am Ende dieser Saison knapp vor 100.000 Kilometer auf der Uhr haben. 65.000 davon hat sie mit mir in den vergangenen 5 Jahren zurückgelegt. Zwar ist sie gerade perfekt durchgewartet und nahezu alle Verschleißteile sind neu, aber dennoch muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, das irgendwann, perspektivisch, eine Nachfolgerin her müsste.

Aufgrund von dem, was ich in einem Motorrad suche, plus dem Preis kommt aktuell eine 800er Triumph Tiger in Betracht. Problem ist nur: Die nächste Werkstatt dafür ist 60 Kilometer weg. Als wieder eine V-Strom? Aber was für eine?

Um das zu ergründen bin ich mal losgezogen und die beiden 2021er Modelle der V-Strom Probe gefahren. Hier die Notizen meiner Eindrücke.

DL 650
Die V-Strom hat seit 2004 zwei optische Veränderungen mitgemacht. Schön war sie nie, aber bei der 2017er Version hat sie die charakteristischen Doppelscheinwerfer verloren. Keine „Ich bin Batman!“-mäßigen, nebeneinander angeordneten und hochgezogenen Doppelscheinwerfer mehr, stattdessen glubscht nun ein Zyklopenauge aus der Verkleidung, bei dem die Schweinwerfer übereinander angeordnet sind.

Die Kunststoffverkleidung baut weniger breit als früher und wirkt billiger – ein Eindruck, der sich bis ins Cockpit fortsetzt. Dort sieht alles nach Plaste und Elaste aus dem VEB Kombinat Schkopau aus, aber irgendwoher muss der Kampfpreis von 8.700 Euro für das Basismodell ja kommen. Dem Preispunkt (und der mangelnden Begeisterung für Motorräder innerhalb des Suzuki-Konzerns) ist es wohl auch zu verdanken, dass sich Dinge wie LED-Licht oder Kurven-ABS, bei andern Marken teils längst eine Selbstverständlichkeit, bei der V-Strom nicht finden.

Im Cockpit findet sich ein analoger Drehzahlmesser und ein gut ablesbareres, monochromes LCD-Display. Das zeigt neben der Geschwindigkeit noch den Tankinhalt, die Temperatur, wahlweise die Batterie-/Ladespannung und den Modus der Traktionskontrolle an, alles schön übersichtlich und untereinander angeordnet.

Der Auspuff ist nach unten gewandert, die neue V-Strom simuliert zumindest in dem Punkt keine (nicht vorhandene) Geländegängigkeit mehr. Dadurch sitzen dummerweise Koffer standardmäßig höher als früher, was den Schwerpunkt ungünstig beeinflussen dürfte.

Die Sitzbank ist höher als beim alten Modell, gleichzeitig aber schlanker, so dass ich immer noch gut mit den Füßen auf den Boden komme. Die „XT“-Ausstattung ist ein Witz: Flimmsige Handschützer, ein Motorschutz aus Plaste, der den Namen nicht verdient und Speichenräder in doofen Farben, mehr gibt es nicht. Die 600 Euro XT-Aufpreis im Vergleich zum Basismodell kann man sich echt sparen. Selbst ein Hauptständer ist zusätzliche Sonderausstattung und nicht bei der XT dabei.

Fahrtechnisch ist die 650er V-Strom für mich wie nach Hause kommen. Draufsetzen und alles ist wie immer. Die Sitzhaltung und das Grundgefühl sind genau wie bei meiner jetzigen Maschine, und auch die Leistungscharakteristik der neuen DL650 entspricht in fast allen Bereichen der Barocca. Im Guten wie im Schlechten. Gut ist nettes, aber nicht berauschendes Drehmoment von unten, das hakelfreie Getriebe, die tolle Kupplung und ein exzellentes und leichtfüßiges Handling in Kurven, schlecht sind die schwammigen Bremsen.

Dass der Euro5-Motor im mittleren Drehzahlbereich weniger Sprit bekommt und deshalb dort nicht so drehfreudig sein soll wie frühere Modelle, kann ich nicht bestätigen, aber ich habe den 650er -Motor noch nie mit Adjektiven wie „agil“ oder „spritzig“ bedacht. Was mich freut: Der rappelige Lauf des V-Twins nervt beim alten Modell mit Vibrationen, die sind beim neuen fast völlig verschwunden – bessere Dämpfung in der Motoraufhängung sei Dank.

Mein Eindruck: Die neue 650er ist wie ein geliebtes Turnschuhmodell, das man seit Jahren trägt und dann in ein neues Paar schlüpft. Alles ist etwas straffer und nicht so ausgelatscht, aber immer noch perfekt passend.

DL 1050XT
Die große Schwester, die 1050er, guckt viereckig in die Welt, der übereinander angeordnete Doppelscheinwerfer ist fast quadratisch. Die 400 ccm mehr machen den Motor bulliger und schwerer, und das merkt man vor allem beim Rangieren sehr deutlich. Die Sitzbank ist sehr hart, schmal und nochmal höher als bei der 650er. Ich komme mit den Füßen an den Boden und kann sie bewegen, aber bequem Sitzen und sicherer Stand ist anders. Die Sitzhaltung unterscheidet sich nicht von der 650er.

Die Kunststoffverkleidungen wirken wertiger als bei der kleinen V-Strom. Das darf auch so sein, immerhin kostet die 1050er mit 14.600 satte 6.000 Euro mehr als die kleine Schwester. Die Wertigkeit sieht man auch im Cockpit, was aus deutlich weniger billig aussehendem Material besteht. Im Cockpit thront nur ein einzelnes Instrument. Ausgeschaltet wirkt es wie ein Bildschirm, aber sobald es aktiv wird, sieht man, dass es sich lediglich um ein monochromes LCD-Display handelt – und um eine Unverschämtheit. Die Geschwindigkeit lässt sich zwar gerade noch so ablesen, aber der Rest… Ich sag mal so: Die Bedienkonsolen für den gesamten Todesstern sind übersichtlicher als dieses Ding. Wer bitte kommt auf die Idee, relevante Informationen in konzentrischen Kreisen anzuordnen, inklusiver gewölbter Beschriftung? Und dann noch mit so nichtssagenden Abkürzungen, dass nicht mal der Händler die Bedeutung herleiten kann?

Abgesehen von diesem Schmuh fällt sofort die monströs große Frontscheibe auf, die sich aber zumindest ohne Werkzeug in der Höhe verstellen lässt. Die Spiegel sind etwas eleganter, bieten aber auch deutlich weniger Sicht nach hinten als die Bratpfannengroßen Klassiker an der 650er.

Die XT-Ausstattung bei der 1050er bietet neben Speichenfelgen in erträglichen Farben einen Rohrrahmen, der aber nur den Motor und die Beine, nicht aber die Verkleidung schützt, einen Tempomaten, etwas stabilere Handschützer und einen Hauptständer. Immerhin.

Vom Fahrgefühl her ist die erste Begegnung mit der 1050er erstmal ein „Ooomph!!“
Die Kiste hat im Vergleich zur 650er signifikant mehr Dampf im Kessel. Sie beschleunigt deutlich druckvoller, hängt am Gas und reagiert präzise auf Änderungen. In gut fahrbaren Kurven macht sich das höhere Gewicht kaum bemerkbar, die schwere Maschine hat V-Strom-DNA und dementsprechend eine agile Kurvenlage. Dazu trägt evtl. auch der Radstand bei, der tatsächlich etwas kürzer ist als beim kleineren Modell.

Die Bremsen greifen sofort und sind sehr giftig – das ist das erste Mal, das ich eine V-Strom mit ordentlicher Verzögerung gefahren bin. Was hingegen völlig Banane ist, ist die Kupplung. Zumindest bei meinem Vorführer hat die Maschine schon ausgekuppelt, wenn man den Hebel nur angeguckt hat. Anfahren mit schleifender Kupplung ist so kaum möglich, die kennt nur Null oder Eins. Kupplung für Grobmotoriker, quasi. Vielleicht lag das an meinem Testmotorrad, vielleicht ist das ein generelles Ding und die Begründung für den „Berganfahrassistenten“.

In der Summe: Schöne, kräftige Maschine. Fühlt sich an wirklich erwachsen und kraftvoll an.

Und nun?
Die 650er wirkt immer etwas untermotorisiert, weshalb etwas mehr Hubraum schon nett wäre. Den bringt die 1050 mit, und das Mehr an Leistung und die druckvolle Beschleunigung ist wirklich verlockend.

Wenn ich mir dann aber überlege, was ich mit der Maschine anstelle, nämlich Reisen und Touren, und welche Qualitäten ich da brauche, dann gehören „mehr Leistung“ und „schnellere Beschleunigung“ nicht dazu.

Bei dem, was ich mache, kommt es z.B. auf große Reichweite an. Die 650er säuft deutlich weniger als die Große. Unterwegs komme ich immer wieder in Situationen, wo es darauf ankommt, das ich das Motorrad auch bei sehr langsamen Geschwindigkeiten gut bewegen kann. Auch hier hat die „kleine“ die Nase vorn.

Abgesehen davon brauche ich Sitzkomfort und eine gute Basismaschine, an den ich den Kram dranbauen kann, von dem ich für mich entschieden habe, dass ich den brauche – brauchbaren Haupständer, ordentlichen Hand- und Verkleidungsschutz, Heizgriffe und sowas. Von der 1050 gibt es keine Basisversion mehr, da müsste ich das XT-Paket kaufen und dann gleich alle XT-Teile demontieren und durch was ordentliches ersetzen.

Von daher – auch wenn Leistung nett ist, für mich steht nach dieser Probefahrt fest: Die kleinere ist für mich die bessere V-Strom, und eines Tages wird so eine die Nachfolge der Barocca antreten.

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Gelb ist nicht gleich Gelb

Komme nach zwei Wochen Fahrt quer durch Europa nach Hause, stelle das Motorrad ab, steige ins Kleine Gelbe AutoTM um einkaufen zu fahren – BAM knallt mir an der nächsten Kreuzung einer hinten rein.

Ich habe noch im Rückspiegel das erschreckte Gesicht des anderen Fahrers gesehen, als sein Wagen mit quietschenden Reifen auf mich zurutschte, dann war es schon zu spät. Er donnerte mit seiner linken Seite bei meinem Wagen rechts ins Heck. Angeblich hätte der Wagen nicht vernünftig gebremst, und tatsächlich ist auf dem Asphalt zwar eine lange Bremsspur zu sehen, aber nur auf einer Seite.

Dafür, dass es den anderen Wagen vorne völlig zerlegt hat und der ein Totalschaden ist…

…sah mein Wagen noch ganz gut aus. Lediglich ein Loch im Stossfänger und eine Delle im darunterliegenden Träger.

Gutachten bestätigte dann auch: Nichts anderes kaputt, nichts verzogen. Und weil der Seat Leon M1 20VT 1.8 Top Sport so ein seltenes und gefragtes Auto ist, hatte der sogar noch einen relevanten Restwert, und deshlab bewilligte die gegnerische Versicherung die Reparatur anstatt einen „wirtschafltichen Totalschaden“ abzuschreiben.

Problem war nur: Der Wagen ist 21 Jahre alt und halt speziell, für den gibt es keine Ersatzteile mehr, zumindest keinen Stoßfänger.

Die Vertragswerkstatt bot dann an das Loch zu flicken und den Stoßfänger „in Originalwagenfarbe“ zu lackieren, dann „sieht man nichts mehr, wird wie neu“. Jaja. Klar. Die gleich Werkstatt die schon mal das Schweinerferwaschsystem kaputt gemacht, den Lack vom Dach gerissen, eine Scheibe verkehrt eingeklebt und die Schweller eingerollt hat, DIE will was reparieren, was dann „wie neu“ ist? Sicher.

Und „in Wagenfarbe“? Das ist VW-Lack, der ist in der Sonne so ausgeblichen, das er viel viel heller ist als das Original. Als es neu war, war das Auto satt Sonnengelb, jetzt ist es nur noch eine fahle Zitrone. Aber egal, auf Optik kommt es mir nicht an. Aber ich erwartete das Schlimmste, während ich mit einem WErkstattersatzwagen unterwegs war. Einem Ibiza. In Bananengelb. Fand die Werkstatt irre lustig („hier, nehmse den Roten. Ach Moment! Wir haben auch einen Gelben! Höhöhö, dann brauchsne sich nicht umzugewöhnen, wa? Nicht, dasse sonst ihr Auto suchen! Höhöhö!“).

Tja. Stellt sich raus: Der alte Lagerist, der einzige Mitarbeiter, der schon Jahrzehnte in der Firma ist, hat sich der Sache persönlich angenommen. Das ist, als ob Yoda nach 300 Jahren nochmal kurz aus dem Ruhestand kommt. Er hat geschnitten, geklebt, gespachtelt und dann lackiert. In einem Gelb, das er vorher am alten Lack ausgemessen hat und das einer fahlen Zitrone gleicht. Und, was soll ich sagen… Selbst wenn man WEiSS, wo der Schaden war – man sieht es nicht mehr.

Selbst die Spaltmaße stimmen wieder. Ich freu mich. Jetzt auf Gebrauchtwagensuche zu gehen, da hätte ich echt keine Lust zu gehabt.

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DAS HEFT oder die seltsamste aller Methoden um Gas zu sparen

Herr Silencer erläutert das seltsamste Nebenkostensystem der Welt und was das mit dem Ukrainekrieg zu tun hat.

„…Und dann haben sie am Monatsersten DAS HEFT im Briefkasten, und da gucken sie dann rein und überweisen die Nebenkosten oder bringen die in Bar vorbei und dann werfen Sie es uns wieder in den Briefkasten“.   

Hä? Was? Ich saß auf dem Sofa im Wohnzimmer des freundlichen, älteren Ehepaars, in dessen Haus ich gerne einziehen wollte. Gerade hatten sie mir die Nebenkosten erläutert und ich hatte kein Wort verstanden, außer dass DAS HEFT sehr wichtig war.

Aber zum Anfang: Ich bin 2011 nach Mumpfelhausen gezogen. In das Haus des alten Ehepaars. Im Haus gibt es mehrere Wohnungen, alle habe eine eigene Gastherme. Die beiden herzigen Alten waren damals schon über Achtzig und erklärten mir vor dem Einzug zwei Dinge: 1. Das Sie beide ihr ganzes Leben lang Buchhalter gewesen waren und 2. Ihnen das Wohl ihrer Mieter:innen über alles ging.

Zu Letzterem gehörte neben Wohlfühlen-im-Haus und den überaus fairen Mieten für die beiden auch, das sie die Mieter:innen ein wenig vor sich selbst schützen wollten bzw. vor ihrem Konsumverhalten und damit insbesondere vor Nebenkostennachzahlungen. Die hatten in der Vergangenheit wohl schon mal nicht so finanzstarke Mieter:innen in die Bredouille gebracht.

Gegen unliebsame Nebenkostenüberraschungen hatten sich die beiden alten Leutchen in den 70er Jahren ein System ausgedacht, auf das wohl nur Buchhalter kommen können:

  1. Jede Mietpartei zahlt monatlich die Kaltmiete per Dauerauftrag.
  2. Es gibt eine exakte, monatliche Nebenkostenabrechnung. Jeden Monat wird handschriftlich in ein Oktavheft notiert, was man als Nebenkosten überweisen muss. Der Betrag ändert sich von Monat zu Monat. DAS HEFT liegt zum Monatsersten im Briefkasten der Mieter:innen.

Die Nebenkosten, die im Oktavheft notiert sind, bestehen aus:

  1. Einem Sockelbetrag, in dem alle fixen Nebenkosten umgelegt sind.
  2. Dem Wasserverbrauch der Mietpartei. Früher exakt jeden Monat abgelesen, später sehr valide pro Person geschätzt.
  3. Besonderen Kosten, die ein mal im Jahr in einem Monat anfielen, wie z.B. die Wartung der Gasthermen
  4. Dem Gasverbrauch.

Woraus genau der Sockelbetrag besteht, hatten die beiden stets sorgfältig aufgeschrieben. Jedes Jahr händigten Sie allen Mieter:innen ein mit Schreibmaschine getipptes Blatt aus, auf dem alles genau aufgeführt war:

Im Garten steht ein Flüssiggastank, der das Haus unabhängig vom Gasnetz versorgt. Mittels einer über die Jahre immer weiter perfektionierten Formel rechneten die beiden flüssige Liter in Kubikmeter zu jeweils aktuellen Kosten um. Der jeweilige Gasverbrauch in Kubikmetern wurde dann jeden Monat für jede Wohnung exakt abgelesen und sorgfältig per Hand in DEM HEFT notiert. Die Mieter:innen gucken dann in DEM HEFT nach, was sie im Vormonat an Nebenkosten produziert haben und überweisen die.

Das ganze System mit diesen Oktavheften und monatlichem Gasablesen und Einzelüberweisungen klingt erstmal völlig krank und total kompliziert, aber es erfüllt natürlich genau den intendierten Zweck: Am Ende des Jahres kommt keine dicke Überraschung in Form einer fetten Nebenkostennachzahlung hinterher, weil man ja monatlich immer den exakten Verbrauch bezahlt hat.

Der Gastank muss im Dezember und im April befüllt werden. Das bedeutet: Die Mieter:innen bekommen Preisveränderungen ziemlich zeitnah mit.

Staffelübergabe

Ich habe mich immer gefragt, was aus diesem System wird, wenn die beiden alten Leutchen mal nicht mehr sind. Wer macht dann die Abrechnung? Und: Ist es den Mieter:innen nicht zu kompliziert mit dieser monatlichen Überweisung? Wollen die nicht lieber eine Pauschale zahlen statt jeden Monat extra eine Überweisung fertig zu machen, einfach weil es bequemer ist, auch auf die Gefahr einer Nachzahlung hin?

Nun, stellte sich nach dem Tod der beiden Vermieter heraus: Die Mieter:innen des Hauses finden das System mit DEM HEFT so super, dass sie darauf gedrängt haben es beizubehalten. „Monatsanfang, Blick in den Briefkasten, aha, soviel muss ich überweisen, fertig – besser geht´s doch nicht“, sagt die Journalistin aus der Wohnung neben mir.

Die Erben fanden das auch gut und, kurze Rede, langer Sinn: Seit 2016 lese nun ich an jedem Monatsersten den Gasverbrauch der einzelnen Wohnungen ab, berechne die Nebenkosten, notiere die in den Oktavheften und werfe die in die Briefkästen der Mieter:innen.

Ist für mich nicht viel Arbeit, und die monatliche Abrechnung hat WIRKLICH Vorteile. So spüren wir die gestiegenen Gaspreise bereits jetzt, weil der Tank Mitte März befüllt wurde, als die Kosten schon hoch waren. Rund 35 Prozent Erhöhung gegenüber dem über dem Vorjahr zahlen wir jetzt, und seit März sind die Preise noch höher gestiegen. Aber: Dadurch, dass jede Mieterin bereits jetzt die Gaspreise sieht, hat auch jede die Möglichkeit, das eigene Verhalten anzupassen. Und das passiert bereits.

Wir sparen schon

Im April war es hier noch bitterkalt, teils mit Nachts um die -9 Grad. Trotzdem hat Nachbarin Nummer Eins, die sonst immer die höchste Gasrechnung hat, es geschafft, ihren Gasverbrauch um 30 Prozent zu senken. Wie sie das gemacht hat? Nun, nach einem Blick auf die deutlich gestiegenen Kosten hat sie einfach mal einen Pulli angezogen und die Raumtemperatur runtergedreht, und ist nicht den ganzen Tag im dünnen Negligé in der auf 25 Grad beheizten Bude rumgesprungen.

Die Schöne Nachbarin hat 20 Prozent gespart. Wie? „Ich bade halt nicht mehr alle paar Tage“. Die Physikerin unter dem Dach hat den Gasverbrauch sogar auf Null gesenkt. Ihre Wohnung wird eigentlich mit Strom beheizt, das Gasgerät heizt nur das Badezimmer – und das hat sie einfach mal abgedreht.

Ich bin um 15 Prozent runter, weil ich im April gar nicht mehr versucht habe, das schlecht isolierte Schlafzimmer noch zu heizen, sondern mir eine dicke Daunendecke gekauft habe, eine Schlafmütze gegen einen kalten Kopf nutze und zudem nicht mehr jeden Tag dusche, wenn es nicht nötig ist.

Das zeigt: Gas sparen ist mit sehr, sehr einfachen Mitteln in relevantem Umfang möglich. Deshalb sind die „Spartipps“ von Habeck nicht so doof, wie sie sich vielleicht anhören. Und deswegen ist DAS HEFT zwar ein seltsames System, aber wenn das üblich wäre und die Leute jetzt schon die Kosten des Gasverbrauchs sehen würden, könnten wir uns viel Gejammer zum Jahresende sparen.

Kategorien: Historische Anekdoten, Skurril | 2 Kommentare

Momentaufnahme: Juli 2022

Herr Silencer im Juli 2022

Wetter: Mitte des Monats rollt eine Hitzwelle über Europa, mit Temperaturen an oder über 40 Grad. Überall Waldbrände, kein Regen. Das ist kein Spaß mehr. Letzte Woche wieder erträgliche 20 Grad.


Lesen:

Jeremy Clarkson: Can You Make This Thing Go Faster? [Kindle]
Gesammelte Zeitungskolumnen von Ex-Top Gear, Ex-Grand Tour, jetzt Farmer Jeremy Clarkson aus 2018-2020. Scharfsinnig, meist sehr lustig. So erfährt man, wie es war für „Grand Tour“ in Rohöl zu baden oder warum Fischen ein Hobby für Menschen ist, die ihre Kinder hassen. Zudem enthält das Buch eine erstaunlich präzise Vorhersage aus 2019 über das Schicksal von Boris Johnson: „Brexit wie die Tories ihn versprechen ist nicht machbar, und wenn irgendwann die Nummer des lustigen Clowns als Ablenkung nicht mehr zieht, wirst du abgesägt werden. Genieß die Zeit bis dahin, lange wird das nicht dauern.“

Was mich am meisten erstaunt hat: Clarkson hält sich selbst für eine Konservativen, der in jedem zweiten Text Jeremy Corbyn, den damaligen Labour-Chef, als Wahnsinnigen darstellt, der in Kürze den Kommunismus in UK ausrufen wird. Dabei ist Clarkson, und das schimmert immer wieder durch, im Kern ein Grüner. Interessant.


Hören:


Sehen:

Der Name der Rose [1986, BluRay]
Mittelalter: In einem Kloster sterben reihenweise Mönche. Sean Connery ermittelt.

Internationale CoProduktion! Bernd Eichinger! Sean Connery! Christian Slater! Teuerster europäischer Film aller Zeiten!

1986 bekam man sich gar nicht mehr ein, der Film löste bei Erscheinen einen wahren Mittelalter-Boom aus, in dessen Fahrtwasser die Leute wie bekloppt Mittelalterromane („Die Nebel von Avalon“ und Konsorten) und Schallplatten mit Mönchschorälen („Gregoriansche Gesänge“) kauften.

Aus heutiger Sicht ist das Werk überschätzt. Ich habe den Roman nie gelesen, weil mich Umberto Ecos all zu bemühte in-Your-Face-Parallelen (Adson = Watson, demnach William von Baskerville = Sherlock Holmes) gleich zu Beginn nervten. Viel davon wird im Film weggelassen. Ja, Setbauten und Ausstattung sind nach wie vor größtenteils toll, aber schon bei Regie und Schauspiel fängt es an auseinander zu fallen, und über mangelnde Dramaturgie, schlimmes Pacing und falsche Schwerpunkte wollen wir gar nicht erst reden. Definitiv kein Meisterwerk, aber damals zog´s halt.

Der Name der Rose [Gandersheimer Domfestspiele]
„Der Name der Rose“ ist robuster Stoff, dem kann nicht mal diese Inszenierung nachhaltig schaden – obwohl sie es wirklich versucht. Das Stück ist über weite Teile unterlegt mit dem Quäken einer einzelnen Jazzposaune, was meist mehr unpassend und nervig ist als das es das Spiel unterstreicht.

Die modernen Kostüme (eine Art Arztkittel als Mönchskutten, dazu Baseballcaps ohne Schirm) und das bis zur Unwirksamkeit reduzierte und scheddrig gebaute Bühnenbild ist leider auch keine Glanzleistung.

Es wirkt, als hätte die Inszenierung verschiedene Ideen und Ansätze gehabt, um dem Stück einen frischen Drall zu geben – und am Ende alle umgesetzt, aber jeweils nur zur Hälfte und irgendwie so lieblos, dass keiner wirklich originell ist oder funktioniert. Durch dieses sitzen zwischen Baum und Borke fallen die Längen im Stoff umso mehr auf. Das dann im Ensemble noch ein Schauspieler ist, der wie der junge Christian Slater aussieht, dessen Rolle er aber nicht spielt, weil Frauenquote – geschenkt. „Der Name der Rose“ in dieser Bühnenfassung ist eine recht lieb- und freutlose Angelegenheit, aber genau darum geht es ja im Kern der Geschichte: Der Mensch soll keine sinnlose Freude haben, und schon gar nicht lachen.

The Sadness [Prime]
Ein Virus bricht aus und verwandelt alle Menschen in blutrünstige Bestien. So weit, so Zombie. Aber hier ist es anders: Die Menschen werden nicht zu herumschlurfenden, hirnlosen Kreaturen. Sie behalten ihre höheren Hirnfunktionen, allerdings werden die neurologischen Zentren für Befriedigung und Gewalt direkt miteinander vertüddelt. Die Folge: Infizierte laben sich mit sadistischer Wolllust daran, ihre Mitmenschen auf möglichst grausame Weise zu verstümmeln, zu foltern und zu zerstückeln.

Gilt als filmisches Meisterwerk, dieser taiwanesische Bodyhorrorfilm, deshalb musste ich den leider gucken. Tatsächlich passiert hier aber nicht viel interessantes – die Seuche bricht aus, und dann sieht man einfach 100 Minuten wie Menschen böse zu anderen Menschen sind. Das kann man genauso gut im Baumarkt oder auf Facebook angucken, da gibt es nur nicht literweise Kunstblut.

Naja, im Ernst: Handlungstechnisch ist der Film Banane, und die völlig ausufernden und sehr, sehr grausamen Gewaltdarstellungen finde ich abstoßend. Für das Genre sicher sehr konsequent, von mir aber ein großes BÄH.


Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse [BluRay]
Dumbledore bringt ein recht großes Ensemble in Stellung, um den faschistischen Vormarsch seines alten Lovers Gellert Grindelwald zu stoppen.

Ich mag den ersten „Tierwesen“-Film supergerne, wegen seiner fantasiereichen Geschichte und den tollen Charakteren. Der zweite glänzte durch tolle Ausstattung, war erzählerisch aber eher meh und die Charakter machten dauernd Dinge, die kein normaler Muggle nachvollziehen kann. Nun also der dritte Teil, und der wirkt seltsam verstolpert.

Zwar sind auch hier Schauspieler und Design ganz toll, aber die Zahl der Hauptcharaktere ist viel zu groß, und irgendwie kommt die Geschichte so abrupt zu einem Halt, als ob jemand kurz vor Ende der Produktion gesagt hätte: „Übrigens, wir machen doch nicht 5 Filme, sondern nur drei, also kommt zu Potte“. Das Ergebnis ist eine Triple-A-Produktion, die am Ende so lieblos zusammengebunden wirkt, als hätte man kein Budget mehr gehabt um was Anständiges zu filmen.


Spielen:

Resident Evil 2 [PS5]
Leo und Claire begegnen sich eines Nachts zufällig an einer Tankstelle. Kurze Zeit später stellen sie fest, das die Stadt, die sie aufsuchen wollten, von Zombies überrannt wurde. Sie suchen Unterschlupf im örtlichen Polizeihauptquartier. Dort trennen sich ihre Wege, und die Suche nach einem Ausweg beginnt – denn das verwinkelte Gebäude ist nicht nur voller Untoter, es war früher mal ein Museum, und es ist immer noch voller geheimer Gänge und Rätsel.

Was für ein Meisterwerk! Das Original ist von 1999 und war für die Playstation 1, das wäre mit seinen statischen Kameras heute unspielbar. Die Version, die ich hier gespielt habe, ist ein von Grund auf neu gebautes Remake für die PS4, das nun noch ein kostenlose PS5-Upgrade bekommen hat. Ich wusste nicht was mich erwartet und hatte mit einem Shooter gerechnet, aber RE2 ist tatsächlich ein eher langsames und bedächtiges Rätselspiel mit gelegentlichen Grusel- und Schießeinlagen.

Absolut beeindruckend ist die Narration, die fast komplett im Gameplay und im environmental Storytelling stattfindet. Hier wird viel mehr gezeigt als erzählt, und der Effekt ist umwerfend. Es stellt sich wirklich ein Gefühl von Erkundung und Abenteuer ein, aber auch die Beklemmung, das jederzeit schlimme Dinge gestehen können. Spätestens wenn nach der Hälfte der Spielzeit eine unheimliche Figur auftaucht, die den eigenen Charakter unaufhaltsam verfolgt, steigt das Stresslevel enorm an. Allein die schweren Schritte des Verfolgers, den man nie los wird, lösen hohe Anspannung aus.

Erzählerisch ist RE2 wirklich Kunst. Man kann sich entscheiden, ob man mit Leon oder Claire spielen möchte. Mit diesem Charakter erlebt man dann die komplette Geschichte. Ist man damit am Ende, wird ein zweiter Run freigeschaltet, den man mit der anderen Spielfigur absolvieren kann, und in dem manche Passagen angenehm abkürzt werden, der aber die Lücken in der Hauptgeschichte füllt oder deren Erzählung erweitert. Für die vollständige Spielerfahrung braucht es daher mindestens zwei Durchläufe, will man alles erleben sogar deren vier. So ein Niveau an verschachtelter Erzählung und perfekt passender Erzählung habe ich echt noch nie gesehen.


Machen: Esel streicheln in Sidmouth auf einer kleinen Tour durch Frankreich, England, Wals und Schottland.


Neues Spielzeug:

Ein Steckerladegerät, ein Anker 735 „GaNPRIME“. Zeitgemäß mit zwei USB-C- und einem USB-A-Anschluss. Das kleine Teil hat 65 Watt Leistung und eine vernünftige Ladeelektronik. Damit kann es aktuelle Smartphones schnellladen, aber auch das komplette USB-C-Netzteil vom Notebook ersetzen. Das und ein anderes Ladegerät können dadurch zu Hause bleiben – was mir ordentlich Platz und Gewicht im Reisegepäck spart. Mit der leichten Gummierung hat es außerdem eine wertige Haptik.

Passend dazu: Ein USB-C-Kabel mit einem winzigen Display im Stecker, auf dem der aktuelle Stromdurchfluss angezeigt wird. Spielkram, aber ich find´s cool.

 

 

Ding des Monats:
Eine Steppjacke mit dem schrägen Namen Patagonia Micropuff. Mit 200 Gramm superleicht und bis auf die Größe von zwei Tennisbällen zusammenpackbar, dabei aber mollig warm und winddicht. Geburtstagsgeschenk von Mudder Silencer (Danke!) und zum ersten Mal in Schottland getragen, dort aber dann jeden Abend. Bin völlig begeistert von dieser kleinen und sehr guten Reisejacke.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Next Generation Gear: Das Tech Air 5 (& ein 50.000 Km-Requiem auf das Tech Air Street)

Same Rider, New Gear: Ich bin seit April mit einem neuen Airbagsystem unterwegs gewesen und habe nach rund 8.000 Kilometern eine Meinung dazu: Das neue TechAir 5 ist ein Game Changer – zukünftig hat niemand mehr eine Ausrede, nicht mit einem Airbagsystem zu fahren.

Wie ich zu dieser gewagten Aussage komme? Weiterlesen! Außerdem gibt es ein Fazit zu fünf Jahren und 50.000 Kilometern mit dem Vorgängersystem, dem Tech Air Street.

Schnelleinstieg:

Old Parts: Ein Rückblick auf das Tech Air Street

Seit 2017 bin ich mit einem „TechAir Street“ des italienischen Herstellers Alpine Stars unterwegs. Darüber hatte ich schon ein paar Mal geschrieben – hier das Drama des Kaufs, hier ein Eindruck nach 7.500 km, hier einer nach zwei Saisons.

Das Tech Air Street ist ein autonomes und elektronisches System, d.h. es hat keine Reissleine und keine Sensoren am Motorrad. Alles, was es an Technik braucht, ist in den Rückenpanzer einer Weste eingebaut. Darin sitzt ein Computer, der die Messwerte von Beschleunigungs- und Lagesensoren permanent mit einem riesigen Datenbestand an Referenzwerten aus Unfallszenarien abgleicht.

Das Chassis, die eigentliche Weste mit Airbag und Computer.

Findet der Computer genügend große Übereinstimmungen mit Messwerten aus Unfällen, löst er eine Pyroladung aus, die Argongas aus zwei Kartuschen in die Weste leitet. Die bläht sich auf und schützt Rücken, Schultern, Halswirbel, Brust und Rippen. Das passiert aufgrund des höheren Drucks signifikant schneller als bei CO2-Systemen und aufgrund der Art der Auslösung doppelt so schnell wie bei Systemen mit Reißleine, wie dem Helite Turtle.

Bild: Alpine Stars

Die Weste des Tech Air Street wird über Befestigungen und zwei Kabel in eine spezielle Jacke eingehängt. Die zeigt am Ärmel den Status des System an, und ohne diese Spezialjacke funktioniert es nicht. Immerhin gibt es verschiedene Versionen dieser Jacke, von leichten Lederjacken bis zu schweren Reisekombis. Ich hatte die Valparaiso Tourenjacke:

Bild: Louis.de

Über 50.000 Kilometer war ich mit dem „Street“ unterwegs, auf befestigten Straßen und auf Schotter, bei Regen, Hitze und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Damit qualifiziere ich mich für eine Meinung in Form eines Rückblicks.

Im ersten Jahr der Benutzung, 2018, musste das Tech Air Street gleich zwei Mal zurück ins Werk. Einmal wegen eines defekten Sensors, beim zweiten Mal war die ganze Steuereinheit defekt. Letzteres nahm ich zum Anlass um bei Alpine Stars im italienischen Asolo vorbeizufahren und mit dem Tech-Air-Support vor Ort zu sprechen und meine Erfahrungen mit dem System zu teilen.

Die waren durchaus gemischt. Es gab einige Punkte, die im Detail einem Moto-GP-Fahrer vielleicht zugemutet werden können (das Tech-Air hat seine Ursprünge im Rennsport), für einen Endkunden aber ärgerlich sind.

Dazu gehörten damals die relative lange Kalibrierungszeit von fast einer Minute und häufige Kalibrationsfehler, nach denen das System einfach nicht startete. Dazu gehörte aber auch das schlechte Material im Innenbereich der Weste, das Körpergerüche ungehemmt aufnahm und verstärkte – verhängnisvoll, weil Airbagwesten ohnehin nicht luftdurchlässig und deshalb oft sehr warm sind. Oder der fummelige, winzige ein/aus-Schalter, den man zwar nur für Lagerung und Transport braucht, der aber in der Mitte des Rückens sitzt.

Unschön sind auch die lökerigen und nicht zugentlasteten Steckverbindungen, mit denen die Weste mit der Tourenjacke verbunden ist, ohne die nichts funktioniert. Oder auch der versenkte Micro-USB-Port, der ebenfalls in der Rückenmitte sitzt und der ohne eine Höhlenexpedition mit Taschenlampe ins Innere der Jacke nicht auffindbar ist. Von der Wartungssoftware, die nur unter Windows läuft und spezielle dll-Dateien aus Windows XP-Zeiten braucht, wollen wir gar nicht anfangen. Genau wie vom Serviceportal, was offensichtlich auf einem Schnarchserver läuft, der bei Kontakt erstmal hochgefahren werden muss.

Und letztlich: Das immer noch recht hohe Gewicht. Zwar wiegt die Airbagweste des TechAir Street selbst „nur“ 2,3 Kilogramm, zusammen mit der Valparaiso-Jacke, dem Thermofutter und der Innenmembran bringt das ganze Geraffel aber schnell über 6 Kilogramm auf die Wage. Das spürt man beim Motorradfahren nicht, wenn man aber – wie ich das gerne tue – irgendwo hinfährt und dann dort zu Fuß unterwegs ist, ist das im wahrsten Sinne untragbar. Man schleppt und schwitzt sich tot an dem Zeug.

Ein weiterer Nachteil, der aber immer relativ zu sehen ist: Der Preis. 2017 kostete die TechAir-Weste rund 1.200 Euro, die zugehörige Jacke noch einmal 600. Ich habe das damals gekauft, weil ich die Investition für mich als sinnvoll erachtete und außerdem damit ein Zeichen setzen wollte: Hersteller, macht weiter so, es gibt Leute, die das kaufen!
Anhand meiner Registrierungsnummer kann ich sehen, dass ich weltweit unter den ersten 2.000 Kunden war. Early Adopter zahlen immer mehr, deshalb habe ich mich darüber auch nicht beklagt.

Seit diesem Besuch in Asolo im Herbst 2018 hat sich etliches verbessert. Soft- und Hardware wurden deutlich nachgepatcht. Ein Ende 2018 erschienenes Softwareupdate auf Version 2.84 reduzierte die Kalibrierungszeit von einer Minute auf unter 20 Sekunden, Fehlstarts habe ich seitdem nicht mehr erlebt. Das Tech Air Street läuft bei mir seitdem völlig ohne Probleme und ohne Ausfälle, aktuell ist die Software bei Version 3.20 und wird im Jahresabstand gepflegt.

Über ein Serviceprogramm für PCs kann ich das System von Straßeneinsatz auf Rennstrecke umstellen und wieder zurück, beide Versionen sind kostenlos.

Die bessere Hardware – Sensoren, Akku und Computer – wurden bei den Serviceterminen kostenlos neu eingebaut. Alle zwei Jahre kann man die Airbagweste nach Asolo schicken. Dort werden Sensoren und Computer auf den neuesten Stand gebracht, die Software aktualisiert (falls das der Kunde nicht selbst gemacht hat), der Airbag auf Dichtigkeit geprüft, bei Bedarf die Argonfüllung erneuert und alles einmal ordentlich durchgewaschen und gereinigt. Das kostet zusammen pauschal 99 Euro, dafür bekommt man frische zwei Jahre Herstellergarantie. Das geht bis zu fünf Mal, insgesamt hat man also – wenn man den Service regelmäßig in Anspruch nimmt – 10 Jahre Garantie auf das Tech Air Street. Versandkosten fallen in der Regel keine an, wenn man den Service über den Verkäufer anstößt. Bei Louis bspw. bekommt man vom Support ein kostenloses Versandetikett.

Was blieb sind der unangenehme Geruch nach langen Tragezeiten, der fummelige USB-Port an einer unmöglichen Stelle und das hohe Gewicht. Abgesehen davon: Ich bemerke das System im Alltag nicht. Ich ziehe meine Tech Air Street Jacke an und mache die zu, wie jeder andere auch. Ab und an erinnert mich die grüne LED an meinem linken Arm daran, dass ich einen Airbag trage. Ansonsten vergesse ich den. Und das ist das Beste, was so ein System leisten kann. In der Summe: Ich bin gerne mit dem Street gefahren und werde es auch in Zukunft noch nutzen. Vor allem aber bin ich froh, dass es noch nie zum Einsatz kam.

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Alles Neu in 2022: Das Tech Air 5

Nun hat sich in den vergangenen Jahren ordentlich was getan, darüber hatte ich mit gemischten Gefühlen HIER geschrieben. Neue Hersteller von Airbagsystemen kamen zum Markt hinzu, Auslagerung der Datensammlung und Franchisierung der Algorithmen führte zu mehr Produkten, höhere Absatzzahlen zu niedrigeren Stückkosten, das wiederum zu höherer Verbreitung. Das ist super!

Platzhirsche auf dem Markt sind nach wie vor die Pioniere dieser Technik: Die italienischen Hersteller Dainese und Alpine Stars. Beide entwickeln seit 20 Jahren die autarken Systeme, erst für den Rennsport, ab ca. 2015 dann auch für den Consumerbereich. Wieviel sich bei beiden getan hat, hat mich dann aber doch überrascht: Beide sind weg von dem Spezialjacken-Konzept. Das war vor 7 Jahren revolutionär flexibel, nagelte einen aber dennoch immer auf einen Hersteller fest.

Diesen proprietären Quatsch haben sowohl Dainese als auch Alpine Stars zurückgefahren und bieten jetzt autonome Westen an, die unter jeder beliebigen Jacke getragen werden können. Diese Westen sind auch noch leichter als die alten Systeme, sie kosten signifikant weniger (600-700 Euro) und sie sind überall verfügbar. Das darf man nicht unterbewerten: Früher durfte Airbagkleidung nur in wenigen Ladengeschäften und nur durch speziell geschultes Personal verkauft werden.

Diese neuen Entwicklungen fand ich ich allesamt superattraktiv, denn mit einer neuen Jacke eines anderen Hersteller liebäugelte ich schon lange, wollte aber nicht auf die Sicherheit eines Airbags verzichten. So habe ich mir im März 2022 die „D-Air Smart“-Weste von Dainese und das „Tech Air 5“ von Alpine Stars angesehen.

Unvoreingenommen von meiner Vorgeschichte mit Alpine Stars bin ich am Ende wieder bei denen gelandet. Das Tech Air 5 deckt im Gegensatz zur Weste von Dainese einen deutlich größeren Schutzbereich ab, hat einen festen Rückenprotektor verbaut, der auch stromlos funktioniert, und ist im Handel auch noch 50 Euro günstiger.

Schutzbereiche der Airbagwesten. Links: D-Smart von Dainese. Man beachte wie reduziert und flach der Schutz an den Schultern ist. Dabei sind die bei einem Einschlag in ein Auto exponiert. Rechts: Alpine Stars Tech Air 5. Bilder: Dainese, Alpine Stars/Louis

Das Tech Air 5 hat kurze Ärmel und damit den Schnitt eines langen T-Shirts, das über das Steißbein reicht. Das ist auch der Schutzbereich des Airbags, der damit auch die Schultern und den unteren Rücken schützt. Ein kleines Alleinstellungsmerkmal, die Marktbegleiter sind allesamt kürzer und ärmellos.

Die Weste hat einen seltsamen Frontreissverschluss, der unten magnetisch zusammenschnappt und zusätzlich durch Haken gesichert ist. Sowas habe ich vorher noch nie gesehen. Ist anfangs manchmal fummelig, gewöhnt man sich aber schnell dran.

Neben dem Reissverschluss sitzt ein kleiner Gummipatch mit drei LEDs, die den Ladezustand des Akkus und den Systemstatus anzeigen. Diese LEDs waren vorher am Ärmel der Spezialjacke.

Oben am Reißverschluss gibt es eine Gummilasche. Die ist ein Magnetschalter. Sobald die Lasche geschlossen ist, aktiviert sich das System und durchläuft eine Kalibrierung (Lage, Hardwaretest). Nach ca. 10-20 Sekunden meldet ein grünes Licht die Einsatzbereitschaft.

Die Weste ist rund herum dünn und flexibel. Im Inneren ist das Rückenteil etwas gepolstert und hat Aussparungen. Die funktionieren als Luftkanäle und leiten Wärme vom Körper weg. Das ist sehr clever gemacht und funktioniert prima – selbst wenn man stark schwitzt, „klebt“ die Weste nicht an einem.

Die Seitenteile sind ebenfalls aus sehr luftdurchlässigem Material. Das wirkt ein wenig wie Stretch und passt sich dem Körper gut an und sitzt angenehm und bequem. Auch Träger:innen von Brüsten oder Bäuchen werden damit glücklich.
Bemerkenswert ist die präzise und sehr wertige Verarbeitung – hier knarzt nichts, nirgendwo hängen Fäden raus, das ganze Ding wirkt überaus wertig. Es wird übrigens komplett in Italien hergestellt – umso mehr erstaunt mich die Präzision der Verarbeitung. Das hier ist definitiv im Manufakturbetrieb entstanden und nicht einfach irgendwie aus einer Maschine gefallen.

Außen am Rücken sitzt ein Protektor aus flexiblem Gummi. Der ist leicht, flexibel und durch die durchbrochene Wabenstruktur gut belüftet.

Durch die leichte Bauweise erreicht er zwar „nur“ Schutzklasse 1, in Kombination mit dem Luftpolster des aufgeblasenen Airbags aber – so behauptet es der Hersteller – wird derselbe Schutz erreicht wie 18 Level 1-Protektoren oder 9 Protektoren der Schutzklasse zwei übereinander gelegt. Ein Level-2-Protektor aus Schaum oder 3DO ist rund 4 Zentimeter dick. Kann jetzt jeder mal selbst überlegen, wieviel kinetische Energie durch fast 40 Zentimeter Schaum noch durchkommen.

Die Tech Air 5 ist mit mit 1,9 Kilo fast 400 Gramm leichter als die „Street“-Weste, fühlt sich aber noch leichter an – das ist der Tatsache geschuldet, dass das Rückenteil wesentlich weniger dick ist und so eine deutlich bessere Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Ich stehe nur auf Fotos so unbeholfen herum.

Falls jemand AD&D-Lingo kennt: Das Tech Air Street war eine Full-Plate-Armor, das 5er ist ein Kettenhemd Masterpiece +2 aus Mithril. Hier zum Vergleich nochmal das Street:

Und hier das 5er:

Wirklich ein Leichtgewicht, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass es Rückenprotektor, Brustprotektoren (die niemand hat, die aber wirklich gebraucht werden), Schulterprotektoren und einen Nackenschutz (den im Alltag niemand trägt) ersetzt.

 

Zwischen den Schulterblättern sitzt das Herz des Systems. Der kleine schwarze Kasten enthält Rechner, Pyroladung, zwei Argonkartuschen und Sensoren.

Gespart wurde  – schon wieder! – Beim Ladeanschluss. Statt USB-C zu lizenzieren und zu verbauen, setzt man hier weiter auf das fummelige und fragile Micro-USB, allerdings ergänzt um einen Hack, den ich mir damals auch ausgedacht und in meiner „Street“ benutzt hatte: In die Micro-Buchse kommt ein Magneteinsatz, der einen magnetischen Stecker mit Ladeanzeige hält.

Das funktioniert super, weil sich das Ladekabel einfach anklippen lässt. Trotzdem fühlt sich das nur wie die zweitbeste Lösung an und zudem leicht anachronistisch. Ohne den Magneteinsatz funktionieren Standardkabel und ein beliebiges USB-Ladegerät. Wenn das Schnellladung beherrscht, wie die neuen Ladegeräte von Anker, bekommt man binnen 20 Minuten genug Strom für 10 Stunden Fahrt. Das alte Argument „Mimimi, aber die Reissleinenwesten sind besser, weil da nie der Strom ausgehen kann“ ist praxisferner Nonsense – JEDER von uns hat ein Smartphone, und auch das bekommen wir geladen, im Zweifelsfall mittels Powerbank oder durch Aufladung während man an der Tanke einen Kaffee trinkt. Dann wird das ja wohl beim Airbag auch gehen.

Im Gegensatz zum Tech Air Street hat das 5er weniger verteilte Sensoren. Wo beim Vorgänger zwei Gyroskope und ein Beschleunigungssensor im Rücken  und zwei Lagesensoren an den Schultern verbaut waren, bringt das Tech Air 5 zwar auf dem Papier mit drei Beschleunigungsmessern und drei Gyroskopen mehr Sensoren mit, die sind aber alle hochintegriert und sitzen nur im Rückenteil.

 

Was kostet der Spaß?

Den Preispunkt aggressiv zu nennen ist eine Untertreibung. Aktuell (07/2022) liegt er bei 599,95-649,95 Euro und damit mindestens 50 Euro unter den direkten Konkurrenten in dieser Klasse und bis zu 200 Euro unter den Abo-Modellen von In&Motion bei vierjähriger Laufzeit oder Sofortkauf.

Wer möchte, KANN alle zwei Jahre das System zur Wartung nach Italien schicken. Dann wird es gereinigt, geprüft und man erhält wieder zwei Jahre Garantie, die auch kostenlose Reparatur bei unverschuldeten Defekten umfasst. Dieser Service kostet 99 Euro, der Versand ist gratis und der Prozess kann über den Einzelhandel angestoßen werden. Die Wartung ist aber keine Pflicht.

Im Fall einer Auslösung muss das System zur Wiederbefüllung auf jeden Fall eingeschickt werden. Argonkartuschen gibt es nicht einfach so zu kaufen, und zum Wechsel muss das hoch integrierte Rückenteil geöffnet werden. Der Austausch der Gaskartuschen kostet 159,95 Euro. Ist der Luftsack punktiert, wird das Ganze für 299,95 Euro wieder komplett instand gesetzt.

Ich weiß, dass manche den Kartuschenwechsel als wichtiges Kriterium ansehen – für mich ist es keines. Wenn der Airbag auslöst, hat er mich mit ziemlicher Sicherheit aus einer Situation gerettet, nach der ich nicht einfach eine neue Kartusche einsetzen und weiterfahren würde. Und selbst wenn: Auch ohne Elektronik und Gas ist das Ding immer noch ein vollwertiger Rückenprotektor, ich müsste eine Tour also nicht abbrechen.

 

Unter welcher Jacke lässt sich das tragen?

Das Steuerkästchen am Rücken ist klein, trägt aber trotzdem auf. Hier sollte man vor dem Kauf auf jeden Fall prüfen, ob das unter die eigene Jacke passt. Die Jacke muss außerdem genug Platz im Falle einer Auslösung des Airbags bieten. Vier Zentimeter Luft am Brustkorb empfiehlt Alpine Stars. Faustregel ist hier, im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn man seine Faust mit dem Daumen nach Außen zwischen Brustbein und die Jacke ohne Rückenprotektor schieben kann, dann kann man auch das Tech Air 5 mit dieser Jacke verwenden.

Um es deutlich zu sagen: Die meisten Jacken bieten bereits genug Platz, wenn man den dicken Rückenprotektor entfernt, den das Tech Air ja vollständig ersetzt. Hier ist das Tech Air unter meiner FLM-Jacke zu sehen, in der ich aufgrund des sehr breiten Schnitts an den Schultern die Schultergelenkprotektoren drin gelassen habe. Dadurch wirkt das Ganze etwas bollerig – unter besser sitzenden Jacken trägt das Tech Air deutlich weniger auf.

Auch wenn man einen dicken Pulli unter die Jacke ziehen kann, was bei den meisten Motorradreisenden der Fall sein dürfte, ist mehr als genug Platz. Außer bei wirklich hauteng sitzenden Jacken oder Rennkombis sollte das Tech Air 5 also fast überall verwendbar sein.

Die App: Updates, Race oder Streetmode

Alle Einstellungen werden über eine App vorgenommen, die es für Android und iOS gibt. Vorbei sind die Zeiten, in denen man mit einem Rechner und uralten Programmen rumfummeln musste. Einfach App laden, QR-Code in der Weste scannen, Namen und Adresse einklimpern und schon ist das System auf den eigenen Namen registriert. Über die App lässt sich dann die Software in der Weste updaten (es gibt sogar Push-Notifications wenn Updates vorliegen), Statistiken ablesen und so Spielereien machen wie Fahrten Tracken und als GPX exportieren.

Es lassen sich auch mehrere Systeme parallel verwalten. Das gilt aber nur für die neuen Modelle Tech Air 3, 5, 10 und Outdoor, die alten Systeme Street und Race sind mangels Bluetooth außen vor.

Auch auf die Rennstrecke kann man das System mitnehmen. Per Software lässt es sich vom Straßenmodus auf den Rennmodus umpatchen – und das, anders als bei den meisten Mitbewerbern, kostenlos und so oft man möchte!

Im Rennmodus ist die Detektierung von Unfällen eine andere, und das System löst nicht beide, sondern nur eine Kartusche aus. Damit hat man auf der Rennstrecke zwei Schuss frei statt nur einem. Wobei man aber klar sagen muss: Wer jedes zweite Wochenende auf der Renne ist, für den ist das Tech Air 10 gedacht, das ist eine komplette Airbagunterwäsche und schützt auch die Weichteile. Das hier besprochene Tech Air 5 richtet sich klar an Touren- und Brot- & Butter-Fahrer.

Eigene Erfahrungen
Ich habe das TechAir 5 nun seit vier Monaten und es in dieser Zeit rund 8.000 Kilometer und, laut eingebautem Log, 170 Stunden am Körper gehabt. Unter einer Textilreisejacke von FLM. Ich trage es sowohl auf dem Weg zur Arbeit als auch auf weiten Touren. Die richtig große Tour, mit täglich 8-12 Stunden Tragezeit,  ging dabei durch Wetter mit Temperaturen von 7 bis maximal 25 Grad – moderat also, allerdings habe ich es auch unter einer Regenkombi getragen und spätestens dann ordentlich reingeschwitzt.

Die guten Nachrichten:

  • Das System ist unter der Jacke nicht zu spüren. Anziehen und vergessen. Die Beweglichkeit ist keinen Milimeter eingeschränkt.
  • Es stinkt nicht!
  • Man kann nicht vergessen es zu starten. Die Magnetschalterflappe fällt automatisch zu wenn man die äußere Jacke schließt.
  • Die Kalibrierung erfolgt meist binnen weniger Sekunden und gelingt zuverlässig und jedes mal.
  • Man schwitzt sich nicht tot. Die Weste fühlt sich an wie ein leichter Stretch-Pulli.
  • Durch die leichten und luftdurchlässigen Materialien an den Seiten kann die Körperwärme gut abgeführt werden, und die Belüftung der äußeren Jacke funktioniert weiterhin gut. Sicher, ein Teil des Luftstroms erreicht den Körper nicht im gleichen Maße als wenn man nicht die zusätzliche Schicht tragen würde, aber ist immer noch gut. Das hatte ich nicht erwartet und definitiv ein Pluspunkt gegenüber den Westen, die man über den Motorradjacken trägt und deren Lufteinlässe blockieren.
  • Das TechAir 5 nimmt nicht annährend so schlimm den Schweißgeruch auf wie das alte Street. Tatsächlich riecht es bislang gar nicht, auch nicht nach wochenlanger täglicher Benutzung.
  • Die App funktioniert völlig ohne Probleme oder Crashes (nur unter iOS ausprobiert). Das erstaunt mich über alle Maßen, das ist einfach in Version 1 schon nahezu perfekte Software und schon deshalb bestimmt nicht von Alpine Stars selbst entwickelt. Italienische Mittelständler können Software genauso gut wie deutsche Autokonzerne: Gar nicht. Umso schöner zu sehen, das das Unternehmen den Stellenwert erkannt und sich Kompetenz eingekauft hat.
  • Eine Akkuladung reicht für rund 35 Stunden Nutzung und liegt damit sogar über den Angaben des Herstellers (30 Stunden).
  • Bei täglicher Nutzung von 10 Stunden ist der Akku Abends binnen 20 Minuten wieder voll geladen, wenn man ein USB-Netzteil mit Schnellladekapazität verwendet.
  • Das System löst nicht aus, nur weil man im Stand umfällt (für sie getestet).
  • ES STINKT NICHT!!

Die schlechten Nachrichten:

…fallen aus. Es gibt schlicht keine. Im Ernst, es gibt nichts, was mich zum jetzigen Zeitpunkt am Tech Air 5 stört. Das fehlende USB-C ist nerdige Nitpickerei und nicht relevant.

Fazit
In der Summe muss ich sagen: Das Tech Air 5 ist ein Gamechanger. Nahezu alle Nachteile, die es bislang bei den autonomen Systemen gab, sind hier eliminiert.

Airbagwesten sind teuer, schwer, unbequem und viel zu warm? Beim Tech Air 5 hat Alpine Stars an all diesen Kritikpunkten gearbeitet, und herausgekommen ist: Ein Gamechanger. Das 5er ist leicht, es gibt keinen Hitzestau, es ist wesentlich flexibler und erlaubt eine größere Bewegungsfreiheit als alle Vorgänger. Die Bedienung von Weste und App sind absolut Foolproof. Man KANN hier nichts falsch machen, selbst wenn man sich anstrengt und sich bemüht trottelig gibt. Das Tech Air 5 funktioniert einfach. Immer. Das Ding ist wertig und exzellent verarbeitet, da merkt man die Erfahrung und das Können des Herstellers in jedem Detail.

Tech Air 5 lässt sich unter beliebigen und nahezu allen Jacken tragen. Die Akkulaufzeit ist so lang, dass man nicht ständig ans Aufladen denken muss. Falls doch mal der Saft knapp wird, ist es superschnell aufgeladen. Das Wichtigste: Es ist günstig und überall und sogar online zu bekommen. Statistisch gesehen verdienen Motorradfahrer:innen überdurchschnittlich gut und sind bequem, da sind 650 zusätzliche Euro und ein Gang zur Fachhändlerin um die Ecke bei den meisten kein Ding.

Von der Konkurrenz hebt es sich durch den fairen Preis, den größeren Schutzbereich und nicht zuletzt durch das Größenangebot ab. Insgesamt acht verschiedene Größen sind erhältlich, von XS bis 4XL, da ist für fast jeden das passende dabei und dank Stretch passen auch die ungewöhnlichsten Körperausbuchtungen da rein. Und hatte ich schon erwähnt, das es nicht stinkt?

Damit hat endlich niemand mehr eine Ausrede, kein Airbagssystem beim Motorradfahren zu tragen. Spätestens wenn der Neukauf einer Jacke ansteht, sollte man mit der zusammen so ein autonomes Airbagsystem anschaffen.

 

Disclaimer: Wie immer werde ich nicht für diesen Text bezahlt und habe auch kein Ansichtsexemplar des Herstellers oder von sonst irgendjemandem irgendwelche Vorteile oder Gefälligkeiten bekommen. Das Tech Air 5 habe ich im April 2022 für 599 Euro bei Louis gekauft und kann jetzt schon sagen: Die N7-Einstufung für exzellentes Gear hat es sich jetzt schon verdient. 

Kategorien: Meinung, Motorrad, review, Service | 7 Kommentare

6.338

So, ich wäre dann auch mal wieder im Lande. Zwei Wochen war ich mit der Barocca, der 650er V-Strom, unterwegs. Erst quer durch halb Frankreich, dann ging es von Südengland über Wales bis in die schottischen Highlands und danach über die Niederlande wieder zurück.

In den zwei Wochen habe ich kaum etwas anderes gemacht als im Sattel zu sitzen. Früh aufstehen, vor allen anderen frühstücken, rauf auf´s Motorrad, vierhundert bis fünfhundert Kilometer fahren, gut zu Abend essen, schlafen, rinse and repeat.

Sechstausendreihundertachtunddreißzigkommazwei Kilometer sind dabei zusammengekommen, und die ganze Tour war wunderbar ereignisarm: Keine Panne, kein Unfall und – so wie es bislang aussieht – kein Corona. Aber gut, ich war auch der einzige, der immer mit Maske unterwegs war – egal ob in Unterbringungen oder beim Einkaufen oder auf den Fähren, kaum jemand trug noch eine Maske oder hielt Abstand.

Ansonsten habe ich sicher super viel von dem verpasst, was sich noch alles angeboten hätte – allein die ganzen Museen, an denen ich einfach vorbeigefahren bin, oder die tolle Landschaft, in der man sicher Wochen mit Wandern und Kontemplation verbringen kann. Tatsächlich hatte ich ursprünglich sogar drei Wochen geplant, um hier und da eben mal zu pausieren, Dinge anzugucken und mir einfach Zeit zu nehmen. Daraus wurde am Ende nichts, weil Großbritannien einfach unfassbar teuer ist. Selbst runtergekommene 8-Quadratmeter-Zimmerchen mit Schimmel in der Dusche kosten gerne mal dreistellige Eurobeträge, und zelten wollte ich dann doch nicht. Nach einem Tag im Regen ist es einfach nett, eine warme Dusche und ein echtes Bett zu haben.

Dabei war das Wetter wider erwarten gar nicht regnerisch. Ein wenig Sprühregen hier und da, aber meist war es trocken.

Schwieriger war da schon der Orkan, der an zwei Tagen tobte, und an einem davon ging es über den Hardknott-Pass. Dieses Abenteuer möchte ich nicht empfehlen, denn die Passstraße ist zwei Meter breit, besteht nur aus Asphaltflicken oder Hubbeln und Schlaglöchern, hat eine Steigung von über dreißig Grad, mehrere Haarnadelkurven die nach außen auch noch abfallen UND von oben kann jederzeit Gegenverkehr kommen.

Gibt mehr als genug Videos von Moppeds, die dort um- oder den Berg gleich runterfallen, und von Autos die dort über der Klippe hängen oder mit durchdrehenden Reifen an der Steigung stehen und nicht vorankommen. Das habe ich natürlich erst gemerkt nachdem ich da hoch geeiert bin und dabei Blut und Wasser geschwitzt habe. Wirklich, der Hardknott ist kein ungefährliches Vergnügen. Wenn man da hochfährt, sollte man Erfahrung haben und das mit einem kleinen und leichten Motorrad tun, das man sicher auch am Berg halten kann. Was man NICHT versuchen sollte: Dort bei Sturm mit einer vollbeladenen Maschine hochzufahren, die einen längeren Radstand hat als eine 1250er GS Adventure und bei der ein gewisser Fahrer maximal mit den Fußballen auf den Boden kommt, weil er einfach zu kurze Beine hat.

Aber die Barocca hat all das klaglos gemeistert. Ms. Zuverlässig hat uns über die Berge und Täler und Autobahnen und sonstwas gebracht, ohne Murren, und Zickerei, ohne einen Defekt. Lediglich die Spitze vom Kettenöler ist abhanden gekommen, aber das passiert halt ab und an. Nun bekommt die DL650 erstmal einen feinen Ölwechsel und etwas Liebe in Form einer 90.000er Inspektion mit Ventilspieleinstellung, bevor es dann im Herbst hoffentlich noch einmal auf Tour geht.

Ein kleiner Wermutstropfen: Ich habe ein Talent dafür, dass kurz vor dem Ende von etwas, auf die letzten Meter sozusagen, noch etwas schiefgeht. Genau sowas ist auch jetzt passiert: Komme nach Hause, stelle das Motorrad ab, will mit dem Auto einkaufen fahren – BAMM rammelt mir an der ersten Kreuzung hinten einer rein. Mal schauen, vielleicht ist dass jetzt das Ende des Kleinen Gelben AutosTM. So stellt man sich den letzten Urlaubstag nicht vor.

Aber nun, immerhin ist das nicht mit dem Motorrad passiert – man erinnere sich, meine allererste Reise mit der Barocca (als sie noch nicht so hieß) endete ja damit, das ihr nach dem ersten Tankstopp ein unaufmerksamer Autofahrer das Heck zerdetschte und uns in den einen Kreisverkehr katapultierte.

Von daher bin ich froh und dankbar wieder gesund hier zu sein. Etwas ausführlicher erzähle ich dann von der FraEnWaScot-Tour im Reisetagebuch, irgendwann im Spätherbst. Da geht es dann um Erfahrungen mit echten Scht´is, was auf Clarksons Farm so los ist, wie Skyfall in echt wirkt, wo der Doktor das Vieh liebte, wie die Queen urlaubt, wie teuer es wird wenn man sich blitzen lässt, warum ich jetzt mutmaßlich ein End-to-Ender bin und warum Esel ein wichtiger Grund für diese Fahrt waren.

2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

Corona-Tagebuch (42): Sommerwelle

Weltweit: 547.500.744 Infektionen, 6.335.874 Todesfälle, 11,74 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 28.293.960 Infektionen, 141.189 Todesfälle
846 Days Gone

Corona ist per Dekret vorbei. Diese Anordnung wurde erlassen vom FDP-Justizminister. Flankiert wurde die Maßnahme durch rühriges Säen von Zweifeln durch seine Parteigenossen. Ob die letzten Maßnahmen wohl wirklich verhältnismäßig waren? Ob der Virus wirklich so schlimm sei? Und überhaupt: „fReiHeiT!!!“.

Jaja, „Freiheit“. Maskenpflicht gibt es fast nirgends mehr, überall wird gefeiert und in URlaub gefahren wie vor der Pandemie, und getestet wird nur noch wenig. Der Finanzminister (auch FDP) verkündete zudem, dass für kostenlose Tests nun leider, leider kein Geld mehr da sei. Vorher wurde chon wenig getest weil Testungen insgesamt eingeschränkt wurden, Arbeitgeber nicht mehr dazu verpflichtet waren und weil man mit einer mutmaßlichen Infektion nicht zum Arzt durfte. Nun gibt es also auch keine Bürgertests mehr. TROTZDEM explodieren die Infektionszahlen. Viel weniger testen, trotzdem mehr Infektionen. Das muss man auch erstmal hinkriegen.

Die Ergebnisse sind natürlich zu besichtigen. Alle hatten eine Welle im Herbst befürchtet, aber der Wegfall aller Maßnahmen in tateinheit mit den neuen Omikron-Varianten BA.4 und 5 hat gefühlt meine halbe Twittertimeline und etliche Personen aus meinem Bekanntenkreis mit COVID infiziert. Fast immer „leichter Verlauf“, d.h. hohes Fieber, eine Woche Bett, danach verschleimte Atemwege und Erschöpfung. Meiner Meinung nach nichts, was man mal so nebenbei durchmacht wie einen Schnupfen.

Naja, mir egal. Ich trage weiterhin Maske. Ich habe ein Attest.

Ältere Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | Ein Kommentar

Neues aus Italien

Der Krieg in der Ukraine saugt ja gerade alle Nachrichten auf, dabei passieren auch woanders wichtige Dinge. In Italien, zum Beispiel. Die Nachrichten von dort bekomme ich noch aus einer gewissen Verbundenheit mit, und zwei fand ich bemerkenswert und unterberichtet.

Bei den Touristen in Südwestitalien ist gerade roter Alarm, weil die nicht mehr machen können was sie wollen. Zumindest nicht mehr an der Amalfiküste. Wie sehr die mir auf den Sacque geht, hatte ich ja unter anderem HIER beschrieben.

Von wegen „Amalfiküste duftet alles nach Zitronen während man über Traumkurven saust“ – Das ist Romantik aus den frühen 90ern. Die Amalafiküste heute, so wie ich sie bislang stets erlebt habe, ist ein nach Abgasen stinkendes Verkehrschaos, über die sich eine endlose Blechlawine im stop-and-go quält.

„Stimmt ja gar nicht!“ musste ich mir daraufhin wiederholt anhören.

Nunja. Anscheinend sehen die Behörden das ähnlich wie ich, denn vom 15. Juni bis 30. September gibt es nun im gesamten August und an allen Wochenende eine Regelung, die besagt, dass die Amalfitana für die Hälfte des Verkehrs einfach gesperrt wird. An einem Wochenende dürfen nur Fahrzeuge mit einem geraden Kennzeichen fahren, am nächsten Tag dann die mit einem ungeraden. Das gilt auch für ausländische PKW und Mietwagen, nicht aber für Motorräder.

Ich warte auf Berichte über FDP-Wähler, die mit der Polizei in Konflikt geraten sind, weil sie „fReiHEit!!!!“ jodelnd am verkehrten Tag mit ihrem Porsche über die Küstenstraße juckeln wollten.

Alles so schön weiß hier

Neulich eine Karte von Italien mit der Verteilung der Bodentemperatur gesehen. Wenig rot, viel weiß. Automatisch gedacht „ach, guck, ist ja gar nicht so warm“. Tja. Pustekuchen.

Hitze auf Landkarten wird in den Abstufungen grün-Orange-rot-dunkelrot-lila-schwarz angezeigt. Dunkler als Schwarz geht nicht, und wenn es noch heißer wird, fängt man am anderen Ende des Spektrums wieder an. Folgerichtig kennzeichnen weiße Flächen eine Temperatur des Erdbodens von 55 Grad Celsius und mehr. Mit Ausnahme der Berge ist fast ganz Italien gerade weiß. Das Land verbrennt.

Als wäre das nicht schlimm genug, hat es in manchen Regionen SEIT DEZEMBER nicht mehr geregnet. In der Folge sind manche Flüsse nahezu versiegt. Selbst der mächtige Po führt so wenig Wasser, das an seiner Mündung das Meerwasser in das Flussbett drückt und das Meer ins Land fließt. Wo das passiert, wird der Boden auf hunderte Meter links und rechts versalzen. Da wächst nichts mehr. Das Salzwasser drückt auch ins Grundwasser und verseucht das.

Die Po-Ebene ist normalerweise grün und fruchtbar und sehr wasserreich, weshalb von dort 50% des gesamten Reis kommt, der in der EU produziert wird. Ungefähr 70 Prozent davon wird wohl dieses Jahr ausfallen. Abgesehen vom fehlden Weizen aus der Ukraine fehlt also auch eine enorme Menge Reis. In Italien spricht man schon von einer biblischen Katastrophe und verlegt sich aufs Beten. Vermutlich zu recht. Klimawandel ist real und nicht aufzuhalten.

Keine schönen Nachrichten.

Kategorien: Medienschau | Ein Kommentar

Momentaufnahme: Juni 2022

Herr Silencer im Juni 2022

Ding des Monats: Die PS-Vita

Wetter: Anfang bis des Monats wechselhaft: Sonne, aber auch mal kühlere Tage. Das schaukelt sich auf in einem Wechsel aus knalleheiß und richtig kühl, von Nachts 6 Grad bis tagsüber über 30. Am Monatsende dann Hitzewelle. Wenig bis gar kein Regen.


Lesen:


Hören:


Sehen:

Obi-Wan Kenobi [Disney+]
Geschichte knurk, Optik selten hui, McGregor holla, Vader staun!, restliche Schausteller hrmpf, Kinder nerv. Charaktere wackel und örgs, Pacing knack. Insgesamt: Ach.

 

The Batman [2022, BluRay]
Gotham City, Lederlappen, Schrecken der die Nacht durchflattert, usw.

Die Geschichte geht ungefähr so: Als alle noch dachten, das Zak Snyders DC-Universum ganz töfte würde, wollte Ben Affleck einen Batman-Film schreiben, produzieren, Regie führen und die Hauptrolle spielen. Als der Mann mit den Nazieulen dann aber den erwartbaren Müll ablieferte und das DC-Universe grandios gegen die Wand fuhr, fing Affleck vor Frust an zu saufen und das Studio bekam kalte Füße und wollte umfangreiche Änderungen. Mit jeder Drehbuchüberarbeitung hatte Affleck Dann weniger Bock – erst wollte er „seinen“ Batman nicht mehr verantworten, dann nicht mehr spielen, dann nicht mehr produzieren. Gut so, denn danach übernahm Matt Reeves, schmiss alles weg und konzipierte den hier vorliegenden Solo-Film.

Der möchte kein Action-, sondern ein Thriller und Detektiv-Film sein. Klingt nett, weil der Detektiv-Aspekt des „Mitternachtsdetektivs“ bislang in keinem Kinofilm beleuchtet wurde. In der Umsetzung beschränkt sich das aber darauf, dass Robert Pattison schlecht gelaunt an Tatorten rumsteht, sich irgendwas in den Bart brummelt und dann plötzlich die Lösung herausposaunt, ohne das man wirklich wüsste, wie er darauf gekommen ist – durch Detektivarbeit jedenfalls nicht. Actionsequenzen zur Auflockerung gibt es tatsächlich nur wenige, und die sind unspektakulär.

Reeves fokussiert auf Unterhaltungen zwischen den Charakteren. Da die Dialoge aber meist platt sind und die Figuren vornehmlich grimmig gucken und ihre Motive unklar sind und sich alle, allesamt, wie Arschgeigen benehmen, bleiben die Interaktionen sehr egal.

„Der Batman“ möchte kein Actionfilm sein, sondern ein Thriller im Stil von „Seven“ – das gelingt ihm aber nicht, zu unspannend und langatmig ist die Geschichte erzählt, und wenn man als Zuschauer über drei Viertel der Laufzeit von fast drei Stunden nicht mal weiß, um was es geht oder was auf dem Spiel steht, wird´s halt arg zäh.

Highlight ist Zoe Kravitz als Einbrecherin. Der Rest ist stylisch und düster, aber auch beliebig und letztlich Wurst. Eine düster dröhnende Wurst, aber eben Wurst und ganz sicher kein „Super-Noir-Thriller“ als den die Werbung den Streifen verkauft. Kann man angucken, ist kein Totalausfall, aber eben auch keine bleibende Erinnerung.

Nobody [BluRay, 2021]
Vorstadt, Frau, Kinder, immer der gleiche Alltag – Bob Odenkirk hat ein ruhiges Leben. Das ändert sich, als eines Nachts Einbrecher seine Familie bedrohen. In der konkreten Situation wirkt der Familienvater gefasst, aber hilflos. Kurz darauf stellt sich heraus, dass der Zwischenfall eine alte Sucht in ihm geweckt hat.

Holy Shit meine Güte WAS IST DAS?!

„Nobody“ ist mit Sicherheit einer der brutalsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Aber was will man erwarten, wenn der Drehbuchautor von „John Wick“ ein Drehbuch schreibt, das vom Regisseur von „Hardcore Henry“ umgesetzt wird?

So überraschend wie die handgemachte Action ist auch die Besetzung. Bob „Better Call Saul“ Odenkirk hätte man den Actionhelden nie zugetraut, aber hier prügelt, schnetzelt, schießt und blutet er sich hier durch gefühlt Dutzende von Situationen. Jede Actionsequenz ist übrigens so gefilmt, dass man immer weiß wer wo steht und was gerade passiert – Schnittmassaker mit 25 Schnitten in 10 Sekunden, wie in jüngsten Actionfilmen aufgrund von Unvermögen passieren oder, wie im Fall der Liam Neeson-Streifen, um zu kaschieren das der Protagonist schon weit im Rentenalter ist, passieren hier nicht. Auch, weil Odenkirk wirklich fit ist. Der Rest vom Cast ist ebenfalls überraschend – ich habe ein wenig Schnappatmung bekommen, als ein alter Bekannter aus „Zurück in die Zukunft“ auftauchte.

Storytechnisch gibt es durchaus interessante Einfälle. Das die Motivation des „Helden“ mal nicht von Außen kommt, sondern intrinsisch ist und nicht auf dem Wunsch nach Rache oder Schutz der Familie basiert, ist schon spannend, das hat man so noch nicht gesehen.

Wer gute Actionfilme á la „John Wick“ oder „The Hunt“ mag, der muss „Nobody“ gesehen haben.

 

Titane [Amazon Video, 2021]
Alexia hat als kleines Mädchen einen Autounfall und bekommt deswegen eine Titanplatte in den Schädel gesetzt, worauf sie sich sexuell zu Fahrzeugen hingezogen fühlt. Nach einer Nacht in/mit einem Auto wird sie schwanger und Motoröl läuft aus ihren Brustwarzen und ihr Bauch droht von einer Titankugel gesprengt zu werden. Doof, das es ausgerechnet jetzt mit ihrem Hauptjob als Mörderin auch nicht so doll läuft, und so verändert sie ihr aussehen und gibt sich als Mann aus.

Bodyhorror ist eigentlich ein tolles Genre, Filme wie „Die Fliege“ gruseln bis heute. Aber warum sind die Geschichten oft so verquast? „Titane“ anzugucken ist Zeitverschwendung, weil die teils interessanten Szenen ab einem gewissen Punkt keinen Sinn mehr ergeben und nicht mehr sind als eine verwürfelte Nummernrevue von Ekligkeiten.

Kunstkritiker sind natürlich begeistert darüber, das sich hier ein hormongeschwängerter Boomermann die Bauchmuskeln anzündet und jodeln darüber als „Entzieht sich Interpretationen“, „Feministische Freiheit im Umgang mit dem Körper“, „Dekonstruiert Geschlechterrollen“ und „Radikale Erfindung der eigenen Identität“ und ich sehe auch die Punkte – aber ich erkenne halt auch schlechtes Storytelling und Beliebigkeit, und das Verzeihe ich nicht, nur um mich an meinem eigenen Kunstwissen zu berauschen oder zu behaupten Titane“ sei der nächste „Parasite“. Ist er nicht. „Titane“ hat genau eine nette Idee, aber die Macherin hat zu viel Cronenberg geguckt und ist im Schnitt versumpft.

Dr. Strange in the Multiverse of Madness [Disney+]
Sumthing sumthing Dr. Strange und irgendwas mit der Scarlett Witch.

Tja, ach. Nett gemacht, aber etwas ohne Vorwissen und Kontext unverständlich. Nett: Das hier zur Hälfte ist ein Sam Raimi-Film, inkl. „Army of Darkness“-Referenzen und Bruce Campbell. Das macht Spaß. Die andere Hälfte ist zu lange gekauter Kaugummi.


Matrix Ressurections [BluRay]
Neo und Trinity sind wieder da, aber niemand hat eine Erinnerung an die vorhergehenden Ereignisse und überhaupt: Warum sind sie wieder da?

Ja, „warum nur“ habe ich mich ohnehin gefragt. Muss man „Matrix“ 25 Jahre nach dem ersten Film fortsetzen? Und falls ja: Wie setzt man eine Geschichte fort, die sich ins popkulturelle Gedächtnis bis auf Meme-Ebene eingebrannt hat? Dinge wie „Bullett Time“ oder „Agenten“ oder „ach guck zwei schwarze Katzen, das ist ein Fehler in der Matrix“ kennt jeder, und der Glauben, in einer Simulation zu leben wird ja selbst von Querdenkern oder Elon Musk vor sich hergetragen.

Dieser Film macht etwas Interessantes aus diesem Dilemme und reitet genau diese Memes und das Wissen um die Matrix auf einer Meta-Ebene, über die Keanu Reeves erstaunt guckend stolpert, während das Drehbuch die ganze Zeit den Zuschauern ein „Hier, kennste, kennste?“ zuzwinkert und sich wonnig in Selbstreferenzialität suhlt wie ein Schwein im Schlamm. Das wird viel zu lange gemacht – wenn es endlich losgeht und die Geschichte halbwegs an Fahrt gewinnt, ist bereits Minute 100 erreicht. Das Ende rettet diese unnötige Fortsetzung, insgesamt aber leider kein guter Film.

 

 


Rambo: First Blood [1982, Bluray]
Vietnamveteran John Rambo hat nach Ende des Kriegs kein Ziel mehr und streift durch die USA, um ehemalige Kollegen zu besuchen. In einer Kleinstadt wird er von der örtlichen Polizei erst drangsaliert, dann mißhandelt. Dadurch brechen bei Rambo alte Traumata aus der Kriegsgefangenschaft auf. Er flieht in die Wälder und liefert sich einen blutigen Kampf mit Polizei und Nationalgarde.

Ich kannte die Rambo-Filme nur als popkulturelles Bild, als Meme („blaues Licht“) und hatte immer gehört, das der erste Film gar nicht schlecht sei. Das stimmt tatsächlich: Handgemachte und oft für das Budget erstaunlich gute Action, und als unterliegendes Thema der Umgang der Zivilgesellschaft mit einer Generation von Männern, die alles für ihr Land gegeben haben, und nun nicht mehr gewollt sind.


Rambo: First Blood Part II [1985, Bluray]
Rambo soll Kriegsgefangene in Vietnam suchen, aber nicht befreien. Als er das doch tut und sich nebenbei mit Russen anlegt, sind die USA nicht erfreut.

Ganz, ganz schlimmer Scheiß, schlecht erzählt, mies gefilmt und geschnitten und Stallone spielt, als hätte er einen Schlaganfall gehabt. Jegliche tiefere Moral ist weg, hier geh es nur noch um Knall-Bumm.


Rambo III [1988, BluRay]
Irgendwas mit Afghanistan und blauem Licht.

Auch ganz, ganz schlimmer Scheiß, nicht ganz so handwerklich schlecht wie Teil 2, aber immer noch schlecht.


John Rambo [2008, BluRay]
Irgendwas mit Burma, und am Ende schießt Rambo alles weg.

Wirkt so als hätte jemand die Rambo-Parodie aus Hotshots nochmal in Ernst verfilmt. Nebenbei macht sich das Drehbuch über humanitäre Helfer lustig. Die unterliegende Botschaft des Films lautet: Wer an Frieden glaubt ist naiv, nur Waffengewalt ist eine Lösung. Schrecklich.

Rambo: Last Blood [2018, BluRay]
Rambo lebt auf der alten Farm seines Vaters in Arizona. In unterirdischen Tunnels sprengt er mexikanische Menschenhändler weg.

Dieser Film ist unnötig brutal, offen rassistisch und gefährlich dumm. Damit traf der Streifen vermutlich den Nerv der Trump-Jahre, und zwar so sehr, das einem als normaler Mensch schlecht wird. Mexikaner werden nahezu durchgehend als Diebe, Verräter und Verbrecher dargestellt, die amerikanische Frauen rauben.

Vom Story-Konstrukt fangen wir lieber nicht an. Allein die Idee, das Rambo unter seiner Farm ein kilometerlanges Tunnellabyrinth buddelt, weil er ja in Vietnam in Tunnels traumatisiert wurde, ist so dämlich, dass man sich jeglichen Kommentar sparen kann.


Spielen:

Persona 5 Golden [PS Vita]
Japan, ein kleiner Ort auf dem Land: TV-Geräte, die auf keinen Sender eingestellt sind, zeigen nur verrauschten Schnee. Aber in nebeligen Nächten, genau um Mitternacht, sind in diesem statischen Rauschen die schemenhaften Umrisse von Personen zu sehen. In den folgenden Nächten werden die Umrisse deutlicher erkennbar, und kurze Zeit später werden die Personen, die im „Mitternachtskanal“ aufgetaucht sind, tot aufgefunden.

Eine Gruppe Highschool-Kids entdeckt das sie die Fähigkeit haben, von der realen Welt durch Fernsehgeräte in die TV-Welt zu wechseln, in der sie über Zauberkräfte verfügen. Gemeinsam machen sie sich daran die Personen zu retten, deren Tod der Nebel ankündigt.

Bizarres Szenario, aber toll gemacht. „Persona“ ist ein rundenbasiertes Action-Rollenspiel, bei dem es nur sinnvoll weiter geht, wenn neben den Kampfeinlagen in der TV-Welt soziale Beziehungen in der realen Welt aufgebaut und gepflegt werden und der Schulalltag gemeistert wird. Zeit mit Freunden, Arbeit und Studium zu verbringen ist genauso wichtig wie Monster verhauen und Menschen retten, und beides in Kombination macht einen irren Spaß – zumal hier stets die Motivationen klar sind und (nie unfaire) Zeitlimits dafür sorgen, dass hier keine Beliebigkeit entsteht. Die Grafik ist selbst auf der PS Vita super und der Soundtrack einfach mitreissend.

Persona 4 kam 2008 für die Playstation 2 raus, die „Golden“-Version erschien 2012 für die Playstation Vita und 2021 für den PC. Sie glänzt durch mehr Charaktere, einen neuen Epilog und besseres Gameplay – und ja, das macht auch nach den über 110 Stunden noch Spaß, die ich in die spannende Story versenkt habe.


Machen:


Neues Spielzeug:

Ein ASUS Zenbook mit dem kryptischen Namen UM425UAZ-KI023T. Mit 14 Zoll und 1,2 Kilo ein wenig größer als es mir für ein Reisenetbook lieb ist, hier hatte das lüfterlose Asus X205 mit 11,6 Zoll und 900 Gramm Maßstäbe gesetzt. Das Zenbook löst in Teilen das Medion-Netbook ab, dessen Tastatur wegen zu kleiner, runder und rutschiger Tasten einfach nicht vernünftig nutzbar ist.

Die neue Kiste bringt eine ordentliche und beleuchtete Tastatur mit, dazu ein gutes Display, gute Lautsprecher, 16 GB RAM, 1 TB Speicher, Windows 11 und eine Laufzeit von 14 Stunden. Alles „nach Militärstandards zertifiziert“ in Hinblick auf Temperatur, Feuchtigkeit und Schlagfestigkeit. Nicht hundertprozentig ideal für Reisen, war aber gerade um 500 Euro runtergesetzt und ist gut für den Moment.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Ein Stück Japan im Harz

Walkenried ist ein winziger Ort im Harz. In den letzten Jahren ist einiges modernisiert worden, aber der Harz und insb. das ehemalige Zonenrandgebiet ist immer noch strukturschwach. Das ist deutlich an gammelnden Holzhäusschen und schlechten Straßen zu erkennen.

Walkenried hat eine winzige Innenstadt, die auf dem Gelände des alten Klosters liegt, um das herum der Ort entstanden ist. Vom Kloster stehen noch Fragmente malerisch in der Landschaft herum:

Im ehemaligen Hof des Klosters befindet sich ein Gasthaus, das zufällig „Klosterhof“ heißt. Wie passend!

„Klosterhof“, das klingt nach schwerer, deutscher Küche, oder? Tja. Tatsächlich wird hier japanisch gekocht, und zwar auf einem Niveau, das sogar Menschen von weit her anreisen lässt, um das Rindfleisch zu genießen.

Modnerd und ich pflegen seit unseren Abenteuern in Japan eine gewisse Sehnsucht nach Okonomiyaki, den japanischen „Pfannkuchen“. Die gibt es hier auch, leider nicht im von mir sehr geschätzen Hiroshima-Style sondern nach Osaka-Art, aber immerhin!

Sogar Gyozas, die fantastischen Teigtaschen, stehen auf der Karte:

Wer möchte, kann dazu japanisches Bier trinken, anschließen einen japanischen Whiskey kosten oder ein Macha-Eis essen. Alles, alles schmeckt fantastisch.

Aber warum ist ausgerechnet hier, im Harz, im Nirgendwo, ein so authentisches japanisches Restaurant? Und warum wird es von einem Prof. Dr. betrieben, wie die Karte verrät?

Nun, weil der Besitzer, Prof. Dr. Wolfgang Nitz, lange Jahre in Japan gelebt und gearbeitet hat. Das erklärt uns eine Frau am Nebentisch, die seit vielen Jahren Stammgast hier ist. Prof. Nitz arbeitete erst in den 1970ern am Goethe-Institut in Tokio, dann an der Deutschen Schule in Kobe und schließlich an der Universität in Osaka. In Japan gründete er auch eine Familie, die sich dann – um den Töchtern das Studium in Deutschland zu ermöglichen – in Walkenried nieder ließ.

Seitdem betreibt die Familie dieses fantastische Restaurant, und das sehr offensichtlich nicht aus wirtschaftlichen Interessen, sondern um der Vermittlung der Kultur Willens. Darum gibt es im Klosterhof, diesem nach alter Schänke-mit-Tenne aussehendem Gasthaus, authetisches japanisches Essen.

Wer dieses Kleinod besuchen möchte, muss sich beeilen. Die Familie erwägt nach Japan zurück zu ziehen. Besuchen kann man das Restaurant nur nach vorheriger Reservierung, und wessen Anfrage positiv beschieden wird, kann sich glücklich schätzen und sich auf ein außergewöhnliches Slow-Food-Erlebnis freuen:

https://klosterhof-walkenried.de/
+49 (0)5525 / 823 49 51

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Impressionen eines Wochenendes (34): Die verrückte Kirche

Wenn man zum Sonnenaufgang um 05:00 Uhr aufsteht und gleich losfährt, dann kann man eine ausgedehnte Motorradtour machen und bereits wieder zu Hause sein, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer erst so langsam mit Frühstücken fertig sind.

So früh am Morgen sind die Straßen noch leer. In der Nacht hat es ein wenig geregnet, und wo die Sonne hinscheint, beginnen Wiesen und Asphalt zu dampfen. Gegen die Sonne zu fahren macht keinen Spaß, manchmal gleicht es einem Blindflug. Aber ich kann ja so langsam fahren wie ich möchte, ich bin ja allein unterwegs.

Im Harz bietet sich immer noch das Bild der vergangenen Jahre. Ganze Täler voller toter Bäume, Ergebnis von Klimawandel und Borkenkäfer.

Das tote Holz bleibt auch so liegen, das ist das Konzept des Naturparks. Bislang zumindest, denn die Tourismusbranche protestiert heftig und möchte die toten Wälder am Liebsten vor den Besuchern verstecken.

Auch die Besitzer von Wäldern am Rande des Naturparks maulen. Argument ist hier immer: Das Totholz ist das Las Vegas für Borkenkäfer, und von dort aus fressen sie sich durchs Umland.

Die Naturparkleitung lässt sich davon bislang nicht unter Druck setzen und experimentiert sehr gelassen mit südeuropäischen Laubbäumen. Den Fehler, nochmal das ganze Mittelgebirge mit Fichten vollzustellen, den will man nicht nochmal begehen.

Es ist recht klar zu erkennen, woher die Namen der Orte im Harz kommen. Sorge. Elend. Tanne.
Mein Weg führt nach Stiege. Hier steht seit Neuestem eine Stabkirche am Ortsrand.

Hölzerne Kirchen dieser Art findet man viel in Skandinavien, und für die Region hier sind sie auch nicht außergewöhnlich. Aber diese Kirche hier ist wirklich interessant, denn auch wenn sie erst seit 4 Wochen hier steht, ist sie doch schon 115 Jahre alt.

Einige Kilometer von Stiege entfernt schlängelt sich eine Schmalspurbahn durch das Selketal.

Ich lasse die V-Strom stehen und folge einer alten Straße in den Wald hinein. Nach kurzer Zeit finden sich Zeichen, das es hier einmal Bauten gab.

Tatsächlich ist das hier das Gelände eines ehemaligen Lungensanatoriums, dem Albrechtshaus. Um das Jahr 1900 herum hatte jede gute Krankenkasse so ein Lufterholungsheim im Harz. In Wernigerode sind noch schmiedeeiserne Hallen erhalten, wo Mitglieder der AOK sich zum Atmen reinsetzten. DAs Albrechtshaus gehörte der Landesversicherungsanstalt Braunschweig, bis 1993 wurde es als Lungen- und Tuberkulose-Klinik genutzt. 2013 wurde es Opfer eines warmen Abrisses, seitdem verfällt der große Gebäudekomplex, hier das Pförtnerhaus.

Wo Gebäude verfallen gibt es Vandalismus, und der traf auch die Stabkirche, die auf dem Gelände des Sanatoriums stand. Genau hier:

Dass immer wieder die Buntglasfenster der kleinen Kirche eingeworfen und Graffiti hinterlassen wurde, missfiel den Einwohner:innen von Stiege. Gemeinsam sammelten sie für den Erhalt der Kirche, aber irgendwann wurde klar: An ihrer einsamen Position im Wald wird sich die Kirche nicht schützen lassen. Also sammelte man noch mehr Gelder, und nach 6 Jahren war es soweit: Die Kirche wurde transloziert, also an ihrer Stelle im Wald Stück für Stück abgebaut und am Rand von Stiege wieder neu errichtet.

Dort ist sie seit neuestem jeden Sonntag von 13:00 bis 16:00 Uhr für Besichtigungen geöffnet.

Dreizehn Uhr, da wird jede Straße hier im Harz von Motorengebrumm erfüllt und ich schon lange wieder zu Hause sein. Aber erst einmal genieße ich es, den Asphalt für mich allein zu haben und von den Bergen Sachsen-Anhalts über die Kornfelder Thüringens wieder zurück nach Niedersachsen zu fahren.

Tour des Tages: Rund 220 Kilometer.

Tour des Tages: Rund 220 Kilometer.

Frühere Wochenendeindrücke

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Bye, AeroEngine

Es gab eine Zeit, da hatte ich großen Spaß daran an Rechnern herumzuschrauben. Die Fähigkeiten, selbst aus Einzelteilen einen funktionierenden Computer bauen zu können, waren auch zwingend notwendig, denn vor 20 Jahren drehte sich das Hardware-Karussel rasend schnell: Wenn man eine eine neue Grafikkarte kaufte, war sie praktisch in dem Moment, in dem man sie aus dem Laden trug, schon wieder veraltet und zu langsam. Standards änderten sich schneller als die Jahreszeiten, und folgerichtig war man ständig mit Umbauten beschäftigt, weshalb es wohl auch die Kategorie „Rechner“ in diesem Blog gibt.

 

Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Irgendwann hatten die Prozessoren genug Power, um länger als zwei Jahre brauchbar zu sein, und parallel dazu gingen meine Ansprüche zurück. Nutzte ich früher einen Rechner auch und viel zum Spielen, was naturgemäß leistungsfähige Hardware erfordert, verkam er seit 2012 zur reinen Internet- und Büromaschine.

Das erklärt, warum der letzte Rechner, den ich wirklich selbst gebaut habe, sagenhafte 13 Jahre gehalten hat. Jetzt geht er in Rente.

Am Gehäuse sieht man übrigens noch, dass er aus einer Gamerzeit stammt. Es handelt sich um ein „Aeroengine Jr.“-Gehäuse der taiwanesischen Firma Aerocool, die bis heute sowas herstellen.

 

 

Gekauft habe ich das um 2004, und es dann mit leuchtenden Füßen und LED-Bändern weiter aufgepimpt, bis die Kiste leuchtete wie ein Casino in Las Vegas. Heute sind die Prioritäten Strom sparen und möglichst geringe Lautstärke, früher musste es halt blinken und leuchten.

Die Turbine an der Front hat tatsächlich eine Funktion, da sitzt ein blau leuchtender Gehäuselüfter hinter.

Blau leuchtend war der letzte Schrei im Jahr 2004. Und dann noch Gehäuselüfter in Turbinenform!

 

Seitenlüfter mit „Biohazard“-Abdeckung.

Seitlich gibt es eine Plexiglaswand, damit man ins Innere gucken kann. Aber das wollte man bei meinem gar nicht, das Innere war, nun, ziemlich Kraut und Rüben:

 

Ja, der stammt halt aus einer Zeit, in der von „Kabelmanagement“ noch nie jemand (also, ich) etwas gehört hatte.

Die Gehäuselüfter ließen sich über eine selbstgebaute Verkabelung mittels Retro-Kippschalter an der Front ein- und ausschalten, und über ein „Gatewatch“ genanntes Display an der Front wurde HDD-Aktivität, Lautstärke und Temperatur eingestellt bzw. angezeigt.

 

Aus irgendeinem Grund gab es einen Hund mit Sonnenbrille auf dem Display, der beim Laufen mit dem Schwanz wackelte. Wurde die Temperatur im Gehäuse zu hoch, fing es an wild rot zu blinken und zu piepen.

Mainboard war ein Asustek C445 mit einem AMD Athlon II X2-Prozessor und 4 GB Hauptspeicher. Das ist auch bis zum Ende gleich geblieben, dazwischen wurde aber immer wieder an- und umgebaut: Wegen Abrauchens ein neues 550 Watt Netzteil, wegen Windows-Treiberfuckup eine neue Grafikkarte, dazwischen mal neue Platten (am Ende 3×4 TB), eine 512 GB-SSD für´s System und ein neues optisches Laufwerk, und wegen fehlender USB-3-Ports wurden die mittels PCI-Karte nachgerüstet.

Jetzt war die Bios-Batterie leer und manche Kondensatoren begannen sich aufzublähen, deshalb geht der Athlon jetzt in Rente und das Gaminggehäuse gleich mit.

Der neue Rechner ist leise und stromsparend, und in ihm leben zumindest Netzteil, Grafikkarte und Platten weiter. Leuchten tut er nicht mehr. Man wird halt langweiliger mit den Jahren.

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Streamingdemenz

Ich bin ein großer Fan des Bewegtbilds. Ich liebe Filme, schon von klein auf. Viele meiner schönsten Kindheitserlebnisse haben etwas mit Kinobesuchen zu tun, und im Studium habe ich mich viel länger als ich gesollt hätte mit Filmanalyse, Kameratechniken und erzählerischem Aufbau beschäftigt – ein Semester allein für „Raiders of the Lost Ark“ spricht Bände.

Natürlich war ich über DVDs glücklich – Filme mit Extras wie Making-offs oder Audiokommentaren, da war vorher quasi nicht dran zu kommen. Folgerichtig begann ich DVDs zu sammeln, und die Sammlung wuchs stetig, aber ungerichtet – schlicht auch deshalb, weil die Dinger so teuer waren, dass ich halt auf Flohmärkten und im Sonderschlussverkauf bei Woolworth einfach mitnahm, was da gerade rumlag – auf diese Weise bin ich an das fast komplette Werk von Hitchcock gekommen, von denen ich noch immer nicht alle Scheiben gesehen habe.

Bluray wollte ich dann aber ums verrecken nicht mehr mitmachen, weil ich das für eine Übergangstechnologie hielt. Physische Datenträger nehmen nur Platz in der Wohnung weg, und trotz aller Digitalprobleme in Deutschland hielt ich Streaming für die Zukunft.

Das stimmte natürlich auch, und trotzdem kaufe ich in letzter Zeit wieder häufig gebrauchte BluRays. Mittlerweile brauche ich für die Sammlung ein Verwaltungssystem, und das verzeichnet aktuell gerade 867 Filme und 24 Serien auf insgesamt über 1.100 Scheiben. Die stehen, bewacht von Wieseln, in meiner Bibliothek, in drei deckenhohen Regalen. Warum?

Weil ich bei aller Freude auf das Digitale mit zwei Dingen nicht gerechnet hatte.
1. Den Streaming Wars und
2. Wegen eines Phänomens, das ich einfach mal Streamingdemenz nenne.

Die Streaming Wars bezeichnen die digitale Zersplitterung. Seitdem auch dem letzten Manager eines Medienkonzerns klar geworden ist, das sich mit Streaming Geld verdienen lässt, versucht jede Rumpelbude einen eigenen Service aufzumachen. Konnte man früher alles Mögliche bei Watchever oder später Netflix gucken oder bei Amazon leihen, muss man heute mindestens Netflix, Amazon Video, Disney+, Apple TV und Sky haben, um auf dem Laufenden zu bleiben. Warner, HBO und CBS stehen noch in den Startlöchern.

Als wäre das nicht ärgerlich genug, fluktuiert das Angebot der Streamingdienste. Dinge sind irgendwo verfügbar, dann verschwinden sie von heute auf morgen wieder. Oft aufgrund von Lizensierungsmodellen, die manchmal absurde Situationen hervorbringen – Disney durfte bspw. lange Zeit manche der eigenen Filme sowie die hauseigenen Marvel-Serien nicht anbieten, weil man deren Rechte an Netflix vertickt hatte, und HBO Max kommt nicht nach Deutschland, weil ihr Material auf Jahre bei Sky liegt.

Manchmal verschwinden Dinge auch auf Nimmerwiedersehen. Das fällt nur den Wenigsten auf. Hier beginnt die Streaming-Demenz, denn manchmal ist es so unklar wer nun eigentlich wo die Rechte an der Ausstrahlung hat, das niemand mehr durchsteigt und die Werke einfach gar nicht verfügbar sind.

Bei anderen lohnen sich die Lizenzen nicht, und auch das sorgt dafür, dass es gewisse Filme oder Serien am Markt schlicht nicht mehr gibt.

Dem großen Teil des jungen Publikums bleiben alte Perlen ohnehin verborgen, denn die schiere Masse an Angebot erfordert eine algorithmische Kuratierung, und die Algorithmen empfehlen in der Regel den neuesten, heißen Shyce und nicht Filme, die 20 Jahre alt sind. So geraten Meisterwerke in einen digitalen Limbo und damit in Vergessenheit.

Aber selbst wenn man um diese Werke weiß, ist es oft schwer sie zu bekommen. Es ist erstaunlich, wieviele Filme und Serien bei Streaminganbietern NICHT verfügbar sind, und manchmal sind das auch Werke, die es auf Datenträgern nur in kleiner Auflage gab. Die dann zu halbwegs humanen Preisen zu bekommen ist oft fast unmöglich. Möchte man bspw. den Sean-Connery-Klassiker „Der Name der Rose“ von 1986 in guter Qualität schauen, guckt man bei Streaminganbietern in die Röhre. Mit viel Glück findet man im Gebrauchtmarkt eine Bluray für 40 Euro – der Normalpreis für gut erhaltene Exemplare liegt aber aktuell bei rund 90 Euro, zeitweise findet man auch gar kein Angebot. 90 Euro für einen 35 Jahre alten Film!

Diese hohen Hürden der digitalen Demenz sorgen dafür, das große Stücke unseres kulturellen Erbes verloren gehen.

Und deshalb lohnt es sich für Filmliebhaber wie mich, gewisse Filme nach wie vor auf Polycarbonatscheiben zu kaufen wenn sie verfügbar sind, und sich ins Regal zu stellen.

Nicht als Wertanlage. Sondern einfach, um das kulturelle Erbe zu bewahren und später mal feine Filme gucken zu können, wenn mir danach ist. Auf meiner kleinen Insel, mitten im Meer der Streamingdemenz.

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Momentaufnahme: Mai 2022

Herr Silencer im Mai 2022

Verweigerung des Monats: „Ich mache hier nicht nochmal die Heizung an!“

Worte des Monats: „Was sollen das, mich hier Arschloch zu nennen?!“

Wetter: Anfang des Monats bedeckt und kühl bei 8-15 Grad, Mitte des Monas hochsommerlich sonnig und sehr heiß, Ende des Monats Regen, Sturm, nachts 4 und tagsüber 18 Grad.


Lesen:

Jeremy Clarkson: Diddly Squat: A Year on the Farm [Kindle]
Jeremy Clarkson, Motorjournalist und konservatives Urgestein, beschließt seine Farm in den Cotswolds selbst zu bewirtschaften – ohne eine Ahnung von Landwirtschaft zu haben. Was dann passiert, lässt sich in der Amazon-Serie „Clarksons Farm“ anschauen, die ich für das beste Stück Fernsehen seit sehr langer Zeit halte. Das Buch enthält nun die gesammelten Kolumnen von Clarkson, die er binnen eines Jahres auf der Farm für die „Sunday Times“ verfasst hat.

Weniger nah dran am tatsächlichen Farmleben als die Serie, dafür aber reich an Hintergründen und reflektierten Gedanken über Politik, Klimawandel, Ernährung und Umweltschutz – nach wie vor Themen, die man Clarkson so nie zugetraut hätte. Kurzes Buch, amüsant zu lesen.

 


William Gibson: Neuromancer [1984]
Cyberpunk, irgendeine Megastadt in Japan: Case ist ein Gelegenheitsverbrecher und Cyberkrimineller. Als solcher wird er für einen richtig ungut klingenden Job angeheuert. Schon dessen Vorbereitung läuft nicht nach Plan, und dann stellt sich auch noch heraus, dass die Auftraggeberin eine künstliche Intelligenz ist.

Die Story wirr, die Charaktere mit groben Strichen hingetuscht, die Zusammenhänge lose, die Sprache eigen. Schon Stunden nach Lesen des Buches kann ich kaum sagen, worum es darin ging. Nichtsdestotrotz ist es ein Meilenstein voller Ideen und eine der Grundlagen für das Genre des Cyberpunk, in dem Mensch und Maschinen immer weiter verschmelzen.

 


 

Hören:


 

Sehen:
Gruselfilme! Ich habe „Dark Castle Entertainment“ entdeckt und musste deren Werke angucken:

Ghost Ship [2002, BluRay]
Der Pilot eines Wetterflugzeugs entdeckt einen italienischen Luxusliner, der seit 1962 als verschollen galt. Das Schiff treibt abseits der üblichen Schiffsrouten in der Beringstraße. Ein Bergungsteam macht sich auf den Weg, um das Geisterschiff genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei entdeckt die Crew, was mit den fast 600 Passagieren geschehen ist.

„Dark Castle Entertainment“ ist eine gemeinsame Firma der Produktionslegenden Robert Zemeckis und Joel Silver. In den 90ern gegründet, sollte die Firma massentaugliche Gruselfilme mit einem anständigen Budget und B-Promis auf den Schirm bringen. Und ja, das gelang denen. Es war mir nicht klar, aber zwei meiner vier liebsten Gruselfilme stammen von Dark Castle.

Heute erinnert sich jeder an die Laser aus „Resident Evil“ als die Szene, in der zum ersten Mal zu sehen war, wie Menschen durchschnitten werden und dann in Zeitlupe auseinanderfallen. „Ghost Ship“ machte auch, sogar im gleichen Jahr, nur spielt die Eröffnungsszene diesen Effekt ungleich besser aus.

Der Rest des Films ist recht konventionell, aber mit Gabriel Byrne, Julianna Margulies, Karl Urban und Emily Browning fein besetzt. Vor allem atmet der Film Style, nach allen Seiten: Das Art Deco-Kreuzfahrtschiff, die verruchte Femme Fatale, das gesamte Produktionsdesign – das ist super gemacht. Da auf CGI weitgehend verzichtet wurde und die Sets wirklich toll sind, ist der Film praktisch nicht gealtert.

 

13 Geister [2001, DVD]
Mr. Monk und seine Kinder erben ein gar seltsam Haus. Das Anwesen besteht fast komplett aus Glas, und in jede Oberfläche sind lateinische Texte eingeätzt. Schon beim ersten Besuch wird klar: Das vermeintliche Luxusdomiziel ist in Wirklichkeit eine Maschine, die mit der Energie von 13 Geistern die Pforten zur Hölle öffnen soll.

„13 Geister“ ist eine weitere Dark Castle Produktion und wie diese fein besetzt. Mein persönliches Problem: Ich kann in Tony Shalhoub leider nie wieder einen anderen Charakter sehen als eben „Mr. Monk“. Abseits davon liefern aber Shannon Elizabeth und F. Murray Abraham gut ab, nur Matthew Lillard ist wie immer unerträglich.

Die Geschichte um das seltsame Haus und die 12 (Sic!) darin gefangenen Geister ist spannend, die Masken gruselig. Vor allem war der Film innovativ: in einem Labyrinth aus (echten) Glasscheiben zu drehen muss die Hölle sein, weil es ständig ungewollte Reflektionen und Spieglungen gibt, aber hier wird das durchgezogen und das Ergebnis ist immer noch sehenswert und gruselig.

 

House of Wax [Amazon Video, 2005]
Teenager haben Panne und landen in einem Dorf, in dem alle Bewohner aus Wachs sind.

Dark Castle Produktion, die ihrerzeit große Wellen schlug, weil: „Paris Hilton ist darin nackt!“- Spoiler: Ist sie nicht. Aber ihre Figur stirbt einen gruseligen Tod, genau wie die anderen unsympathischen Charaktere in diesem Remake eines Films von 1953. Bonus: Elisha „Jack Bauers Tochter“ Cuthbert.

 

The Reaping [2007, BluRay]
Hillary Swank ist Ex-Pastorin und Expertin im „Myth-Busting“, also der wissenschaftlichen Aufklärung scheinbar unerklärlicher Ereignisse. In dieser Funktion wird sie in die Südstaaten der USA gerufen, wo anscheinend gerade die biblischen Plagen ausbrechen. Die Einwohner eines kleinen Ortes machen dafür ein zwölfjähriges Mädchen verantwortlich.

Dark Castle-Film, der seiner Prämisse treu bleibt: Mit Hillary Swank und Idris Elba spielen hier zwei veritable Stars in einem gruseligen Doppel-A-Film. Die Story verfranst sich zwischendurch in den Sümpfen Louisianas, die Auflösung ist aber interessant. Kann man schauen.

 

Suburbicon [2018, BluRay]
USA, 1959: Suburbicon ist eine der typischen Boomer-Vorstadtsiedlungen. Im dreihundertsten Reihenhaus von links wohnt Matt Damon mit Frau und Kind. Die Pettycoat-Idylle wird gestört, als Einbrecher die Familie überfallen und die Ehefrau dabei mit Chloroform vergiften. Wenig später steht ein Versicherungsdetektiv auf der Matte. Währenddessen zieht nebenan eine schwarze Familie ein, der erst offener Rassismus entgegenschlägt, der dann zu einer Straßenschlacht eskaliert.

Eine aktuelle Dark Castle-Produktion unter der Regie von George Clooney und nach einem Buch der Coen-Brüder. Mit deren Ergüssen kann ich ohnehin nicht viel anfangen, aber „Suburbicon“ ist wirklich objektiv schlecht.

Der Film versucht gleichzeitig Rassismusdrama, Krimi und schwarzhumorige Komödie zu sein, aber Clooney schafft es nicht, das zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzuführen. Stattdessen fühlt sich „Suburbicon“an wie zwei Filme, die man notdürftig mit den Rücken aneinandergeklebt hat. Beide Handlungsstränge laufen nebeneinander her und werden so unbefriedigend, sinnlos und blutig aufgelöst, dass das Anschauen reine Zeitverschwendung ist.

 

The Cell [2000, BluRay]
Ein Killer entführt Frauen, ertränkt sie und vergeht sich dann an ihnen. Die Polizei ist ihm auf den Fersen, aber bevor er gefasst wird, erleidet er einen Hirnschlag und fällt ins Koma. Das ist ein Problem, denn er hat bereits ein neues Opfer entführt und in einer unterirdischen Zelle versteckt, die sich nun langsam mit Wasser füllt. Gut, das es eine Technologie gibt, mit der sich Jennifer Lopez in das Unterbewusstsein des komatösen Killers beamen kann. Dort versucht sie Hinweise auf den Ort des Verstecks zu finden, gerät aber in eine ganz eigene Hölle.

Nicht Dark Castle, aber einer meiner Lieblingsgruselfilme mit „13 Ghosts“ und „Ghostship“: „The Cell“ verbindet Elemente von „Das Schweigen der Lämmer“, „Hellraiser“ und „Saw“, was mich thematisch schon sehr anspricht. Was den Film aber unvergesslich macht, sind die Bilder und die Kameraführung. Regisseur Tarsem Singh drehte vor „The Cell“ Musikvideos für REM (u.a. „Losing my Religion“) und übte dort, wie er das Gefühl zu Träumen in das Medium Film übersetzen kann.

„Cell“ bietet nun genau das, in Spielfilmlänge. Die Geisteswelten des Killers fühlen sich wirklich an wie Albträume. Wie in einem Traum verändern sich Gegenstände, Szenarien und Personen von Schnitt zu Schnitt – mal subtil, mal sprunghaft, so dass man sich als Zuschauer wirklich des öfteren fragt, ob man das jetzt gerade wirklich gesehen hat. Die Sado-Maso-Ästethik mal beiseite gelassen, sieht der Film ob der vielen praktischen Effekte und dem sehr wenigen, aber dann guten CGI bis heute fantastisch aus. Das die Schauspieler nicht viel zu tun haben und die Story letztlich bestenfalls zweckdienlich ist, ist da Nebensache.

 

Moonknight [2022, Disney+]
Oscar Isaac hat eine gespaltene Persönlichkeit und sieht ägyptische Götter. Durch die Kulissen schluffen: Ethan Hawke und sprechende Nilpferde.

Tja, ach. Darstellung von multiplen Persönlichkeiten macht Schauspielern offensichtlich viel Spaß. James McAvoy grimassierte sich ja schon unerträglich prätentiös durch „Split“, und on „Moon Knight“ hat Oscar Isaac sichtlich Spaß an der Rolle. Worum es geht und vor allem, warum hier Dinge passieren ist lange Zeit Nebensache und am Ende auch irgendwie egal. Was von der Serie in Erinnerung bleibt ist untererklärter Ägypten-Mumbojumbo, verwirrter Quark und schlechte CGI-Kostüme.

 


Spielen:

Doki Doki Literature Club [PS5]
An einer japanischen Highschool tritt der Spieler auf Wunsch einer Freundin einem Literaturclub bei. Nach dem Unterricht liest er dort gemeinsam mit vier Mädchen Bücher, übt sich im Verfassen von Gedichten und kocht Tee. Aber dann.

Seltsames Ding. Kommt zunächst zuckersüß als laaaaangsam erzählte visual Novel mit Dating-Sim-Einschlag daher, und tatsächlich macht man die ersten zwei Spielstunden nichts anderes, als zu kariesverursachender Düdelmusik mit den Manga-Mädchen im Literaturclub zu flirten. Der niedliche Eindruck täuscht aber. Die Warnungen, dass das Spiel erst ab 18 ist und Menschen mit Despressionen keinen Spaß daran haben werden, sollte man besser ernst nehmen.

Wer sich noch an den Gag mit der glitchenden Grafik und dem Durchbrechen der vierten Wand in „Arkham Asylum“ erinnert: Doki-Doki macht genau das, aber viel heftiger. In der zweiten Hälfte der, mit 4 Stunden angenehm kurzen, Spieldauer verwirrt es des Spielers Hirn so sehr, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob hier gerade etwas kaputt ist oder alles in richtigen Psychohorror abkippt. Langsamer Einstieg, dann sehr überraschend. Gilt als ein Meisterwerk des Gamedesigns. So weit würde ich nicht gehen, verblüffend ist es allemal.

 

Ghost of Tsushima: Iki Island [2021, PS5 DLC]
1274 überfallen die Mongolen die japanische Insel Tsushima. Die Invasoren bringen Hightech-Waffen mit: Mechanische Maschinen die Flammenpfeile verschießen, brennendes Öl, Nervengifte.

Die Samurai, die sich der Invasionsflotte entgegenstellen, sind von diesem ehrlosen Kampfverhalten so irritiert, dass sie allesamt niedergemetzelt werden. Der einzige Überlebende pfeift auf dem Code der Samurai und greift zu Guerilla-Taktiken um die Mongolen zurückzuschlagen. Für den japanischen Shogun wird er damit zum  Vogelfreien ohne Ehre, für die einfache Bevölkerung zum Helden: Dem Geist von Tsushima. Auf Iki wird es für den Geist brenzlig. Nicht nur, das er dort vergiftet wird, die Einwohner der kleinen Insel haben auch  etwas gegen Ex-Samurai. Zudem wird es persönlich, kam doch hier sein Vater zu Tode.

Interessanter DLC, der das ohnehin sehr gute Hauptspiel von 2020 sanft erweitert und eine interessante Reise in die Vergangenheit bietet. Iki ist ähnlich schön gestaltet wie die bekannten Areale, Gamemechanisch kommen eine Handvoll kleine Änderungen hinzu. Im Prinzip also nur more of the same, aber das geht ok. Denn auch wenn der DLC mit maximal 8 Stunden recht kurz und mit 20 Euro sehr teuer ist, so ist die filmische Inszenierung von Jin Sakais Kindheitstraumata aufwendig umgesetzt und gelungen. „Ghost of Tsushima“ ist „Assassins Creed: Japan“, aber besser als die letzten drei originalen Assassins Creed Spiele. Davon spiele ich gerne mehr.


Machen:

  • Hamburg Wochenende mit Mudder Silencer und Frau Zimt und dem Verwunschenen Kind
  • Eine britische „Drone Flyer & Operator“-Lizenz. Gleiche Regeln wie in der EU, gleiche Fragen, gleiche Tests, aber: „EU-Lizenzen werden nicht anerkannt“ – weil sie es können.
  • Windows 11 mißtrauisch beäugen.
  • Meine erste Darmspiegelung!

Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | Ein Kommentar

Eingesperrt

Sturm und einstellige Temperaturen, das hielte mich in diesem seltsamen Mai nicht vom Moppedfahren ab. Das hier aber schon:

Das, Damundherrn, ist eine von zwei Federn des antiken Garagentors, hinter dem die Barocca und die Renaissance und das Fahrrad stehen. Die Feder ist an der oberen Halterung gebrochen und hat beim Zurückschnellen die untere Halterung abgerissen.

Tja. Hm. Ich hoffe ich kriege zeitnah einen Garagentorrepariermann ran.

Kategorien: Ganz Kurz, Motorrad | Ein Kommentar

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