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Reisetagebuch Sizilien (4): Barock

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Montag, 10. Oktober 2016, Casale San Basilio, 10 km südlich von Caltagirone

Die ehemaligen Keltereihalle des Weinguts ist riesig. Sie ist bestimmt 10 Meter hoch, die mächtigen Wände mit den kleinen Fenstern sind aus grauem Naturstein gebaut und bestimmt ein paar hundert Jahre alt. Banner hängen von der Decke, was den Eindruck noch mehr verstärkt, dass das hier eigentlich eine alte Burg ist. Früher sind hier die Leute in Bottichen rumgesprungen um die Trauben zu zerstampfen. Heute dient die Keltereihalle als Frühstückssaal. Ich sitze mit einem Frühstückscaffé auf einer Holzgalerie, die sich gut 5 Meter über dem Boden an der Außenwand der Halle langzieht. Von hier oben kann ich die ganze Halle überblicken. Ich bin alleine hier. Irgendwo eine Etage tiefer murkelt Salvo an einer Espressomaschine herum und pfeift ein Lied. Ein seltsamer und ruhiger Moment der Ruhe.

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Wenig später brummt der kleine Twingo übers Land, weiter nach Osten. Wieder fällt mir auf, wie anders das Reisen mit dem Auto im Gegensatz zum Motorrad doch ist. Im Auto kann ich schnell mal nach der Wasserflasche greifen und was trinken, die Temperatur so einstellen wie ich mag, ich kann nebenbei Podcasts hören und die Landschaft angucken. All das geht auf dem Motorrad nicht oder nur umständlich. Damit hört sich Autofahren zwar besser an, aber der Preis für die Bequemlichkeit ist die Entkoppelung von der Straße und den Elementen. Ein Beispiel: Das Auto hat eine Klimanlage – damit wird meinem Erleben die Erfahrung der Gluthitze genommen, die außerhalb des Wagens herrscht. Das Reisen per Auto reduziert die sinnliche Er-fahrung des Landes. Autofahren ist vielleicht komfortabler – aber was man dadurch an Eindrücken mitnimmt ist gedämpfter, nicht so stark und eindeutig.

Die Fahrt dauert heute Morgen auch nicht lang, nur knapp eine Stunde. Dann umrunde ich auf einer Straße, die sich am Rande einer Schlucht entlangzieht, einen großen Felsen in der Talmitte, auf dem eine Stadt thront: Ragusa, bzw. die Altstadt von Ragusa, die passenderweise „Ibla“, Insel, heisst. Und tatsächlich thront die Ibla wie eine Insel über dem Grün des Tals.

Man sollte nicht am Fuß der Ibla parken und und dann hinauf laufen, obwohl das sicher auch ginge. Der Aufstieg ist lang und beschwerlich, und ich bin froh, dass ich das nicht machen muss. Google Streetview ist mir bei der Vorbereitung auf solche Orte ein unverzichtbares Werkzeug. Damit gucke ich vorher nach Parkplätzen, denn der Urlaub ist zu kurz um ihn mit nerviger Sucherei zu verbringen.

Ich fahre ein Mal um die Stadt rum und kurve auf der Rückseite eine kleine, supersteile Bergstraße hinauf, und da ist auch schon der perfekte, gebührenfreie Parkplatz unter schattenspendenden Bäumen. Genau dort, wo ich ihn bei Streetview gefunden hatte.

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Hinter dem Parkplatz wird wild gezeltet.

Hinter dem Parkplatz wird wild gezeltet.

Ragusa ist eine beschauliche, kleine Barockstadt. Genau wie einige andere Städte hier im Umkreis wurde sie beim großen Erbdbeben im Jahr 1693 komplett zerstört und danach im Barockstil wieder aufgebaut. Ragusa ist nicht die einzige Stadt, mit der das passiert ist. Es gibt noch weitere Orte im Val di Noto, die um 1700 rum vernichtet und als barocke Idealstädte neu gebaut wurden. Sie stehen bis heute und sind ziemlich einzigartige Zeugnisse einer Epoche, wie sie sich auf dem eruopäischen Festland nicht mehr finden lassen.

Der Marktplatz ist heute morgen noch leer, es ist auch gerade erst halb zehn.

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Verfasst von - 25. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 

Willkommen beim Kundendienst

Kennt hier jemand Den Kundendienst noch nicht?

Der geht so: Mittlerweile trägt jeder Mensch ein Smartphone mit sich rum, auch die hohlsten Früchte unter der Sonne. Was macht man damit? Richtig: Facebook. Da andere Kommunikationswege (Brief, Mail) manchmal schon gar nicht mehr bekannt sind, wird von Hohlfrüchten inzwischen auch offizielle und eigentlich vertrauliche Kommunikation über die offiziellen FaceBook-Seiten von Firmen abgewickelt.

Klischee-Schantalles beschweren sich bei Unilever darüber, dass sie vom Klopapier mit dem Bären Brennen am Po bekommen haben, Nörgelrentner beklagen sich auf der Firmenseite von Opel über hohe Spritpreise, und irgendwelche Kevins dissen die Öffentlichen Verkehrsbetriebe, weil die es gewagt haben ihm das Konzept einer Fahrkarte zu erklären – und die ganze Welt liest mit.

Normalerweise antworten die Social Media Teams der Unternehmen auf den Facebook-Seiten und sind immer um Deeskalation und Unterwürfigkeit bemüht. Aber manchmal kommt auch Der Kundendienst vorbei. Das ist ein freier Account mit dem Namen „Kundendienst“, der überhaupt nichts mit irgendwelchen Firmen zu tun hat, aber auf die Bewschwerden der Hohlfrüchte reagiert – erst dezent, dann mit zunehmender Dialoglänge immer absurder.

Die Folgen sind teilweise echt herrlich. Die Beschwerdeführer beherrschen in vielen Fällen nicht mal grundlegende Regeln der Kommunikation, sind dreist frech sind und drohen im Verlauf der Konversation fast immer mit rechtlichen Schritten, behaupten selbst Jurist zu sein oder, die einfachste Variante, „den Chef zu kennen“. Da wird oft in wenigen Zeilen die ganze Hässlichkeit deutschr Spiessigkeit sichtbar, gerade bei jungen Leuten.

Was mich immer wieder erstaunt: Wie Ich-bezogen diese Leute sind. Ihre ganze Welt dreht sich nur um sich selbst, und wenn der Rest der Menschheit da nicht mitspielt, fangen die Wutbürger an zu kochen.

Wie diese Janine-Person, die dem Kapitän eines AIDA-Kreuzfahrtschiffes einen Zettel schreibt, dass sie länger auf Landgang bleibt um den Sonnenuntergang anzugucken. Große Überraschung auf Janine-Seite, als sie irgendwann wieder im Hafen auftaucht und das Schiff weg ist. Sie hat doch einen Zettel geschrieben, warum können der dumme Kapitän, die 600 Personen Besatzung und die anderen 2.700 Gäste nicht warten? Da wittert Janine unterlassene Dienstleistungsverpflichtung und verlangt eine Rückbestattung des Reisebetrags.

Ein Fall für den Kundendienst:

Oder diese Konversation mit Klaus, der über Facebook den Vorstand von EDEKA wegen einer schlecht geräumten Gemüsetheke sprechen möchte:

Die neuesten Lacher verbloggt der Kundendienst unter https://fb-kundendienst.de/

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Dies war ein Beitrag aus der Service-Reihe: Die Zeiten sind finster, aber hier, was zum Schmunzeln.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen.

 
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Verfasst von - 24. Februar 2017 in Internet

 

Zeit ist relativ

„Ihr Artikel wurde mit HERMES verschickt. Lieferung voraussichtlich am 28.02.“

– Tja – aber in welchem Jahr? Zeit ist relativ, und im Universum von Hermes ticken die Uhren (und Kalender) ganz anders als bei uns.

 
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Verfasst von - 23. Februar 2017 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Sizilien (3): Stock & Stein

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Sonntag, 09. Oktober 2016

Ich gähne mein Spiegelbild an, das aus dem Badezimmerspiegel zurückgähnt und dann übernächtigt glotzt. Die Nacht war unruhig, die Feier im Gastraum unter dem Gästezimmer war so laut, dass es mir vorkam als ob die Liveband direkt und in voller Lautstärke vor meinem Bett spielte. Stundenlang ging das so, bis um Schlag 00.45 plötzlich die Musik aus war.
Und das Licht auch.
Ein Stromausfall.

Der währte nicht lange, aber danach fing die Band gnädigerweise nicht wieder an zu spielen. Dennoch war an Schlaf nicht mehr wirklich zu denken, zu aufgeputscht und wütend war ich.

Wütend auf die Gastwirte, die bei eine „Eventi“ im Haus nicht nur Zimmer an die Gäste der Feier vermieten, sondern auch an solche, die damit nichts zu tun haben und vielleicht schlafen wollen. Wenn die Feiern im Haus haben, dann sollten sie keine Zimmer an Fremde vermieten. Beschweren werde ich mich aber trotzdem nicht, denn um ehrlich zu sein: Ich habe vor so langer Zeit dieses Zimmer gebucht, da stand die Feier vermutlich noch gar nicht auf dem Programm. Dennoch ist die Kiste hier sowieso hellhörig wie sonstwas. Das Haus ist superschön, aber im Nebenzimmer höre ich jetzt schon eine Frau rumstöckeln, und im Erdgeschoss toben schon um kurz nach sieben Uhr Kinder herum.

Ausblick von meinem Zimmer. Der Twingo hat die Nacht in einem Unterstand verbracht.

Ausblick von meinem Zimmer. Der Twingo hat die Nacht in einem Unterstand verbracht.

Als ich ins Restaurant im Erdgeschoss komme ist niemand zu sehen außer einem älteren Ehepaar, die anscheinend zur feierenden Familie gehören, aber gleichzeitig auch Gäste sind. Dann taucht unvermittelt jemand auf, der ohne einen Anflug von Freundlichkeit einen Kuchenteller vor mir abstellt. „Pflaume mit Mandeln“, sagt er.

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Ich bestelle einen Caffé Doppio, der dann fast 10 Minuten auf sich warten lässt. Das es dazu keinen Zucker gibt, ignoriere ich, sondern haue das Ding vor den Augen des Gastwirts in einem Zug weg und sage schroff „Zahlen. Jetzt.“

Danach schultere ich den Rucksack und marschiere ohne ein Wort des Abschieds und ohne einen Blick zurück zur Vordertür raus. Die Gastgeber machen auch keine Anstalten was zu sagen. Die Gastwirtin guckt zwar lieb, zu einem Wort der Verabschiedung kann aber auch sie sich nicht durchringen. Komisches Volk hier. Das Haus und die Ausstattung ist zwar toll, die Preise niedrig, aber wenn jemand sich so gar nicht wie ein Gastgeber verhält und sich um seine Gäste praktisch nicht schert, wenn sie nicht zu Familie gehören, dann komme ich nicht wieder. Und auf die Karte der „Empfehlungen für wohlfeiles Nächtigen“ schaffen die es mal gleich gar nicht.

Kurze Zeit später brummt der Twingo über Bergstraßen nach Westen. Da es Sonntag und früh am Morgen ist, sind außer mir sind nur ein paar Radrennfahrer und einige Bauern unterwegs. Letztere tuckern entweder auf Treckern durch die Gegend oder stehen am Straßenrand und checken an den geöffneten Kofferräumen ihre Autos Langwaffen, legen Tarnkleidung an und hängen sich Patronengurte um. Sonntags wird im sizilianischen Hinterland auf die Jagd gegangen.

Der Miettwingo ist hoffnungslos untermotorisiert und liegt viel zu hoch, was Kurvenfahren… nun, interessant macht. Ich bin ja meistens mit dem Kleine Gelben AutoTM unterwegs, dass mit Turbomotor und Sportfahrwerk verwöhnt. Im Gegensatz dazu ist der feuerrote Twingo eine Kasperkiste. Auch das klavierlackbezogene Cockpit ist eine Spielerei. Aber immerhin ist er handlich und klein und hat einen superkleinen Wendekreis, und DAS zählt in Italien. Ist kein Zufall, dass die meisten Italiener auf dem Land kleine Fiats fahren. Damit kommt man überall durch, denn auch wenn die Kisten ansonsten unverschämte Fehlkonstruktionen sind: Das Fahrwerk hält einiges aus. Muss es auch, gerade hier auf Sizilien.

Die Straße, die ich gerade fahre, ist auch nicht die beste. Immer wieder ist sie regelrecht zerbrochen, hat riesige Absätze mitten in der Fahrbahn oder wird von Erdrutschen blockiert. Dann hört sie plötzlich einfach auf. Eben war da noch eine gut asphaltierte Strada Statale, plötzlich ist da nur noch ein unbefestigster Weg aus faustgroßen Steinen. Wasser hat in diesem Feldweg tiefe Gräben hinterlassen, und links und rechts des knapp des zwei Meter breiten Weges drohen wahlweise spitze Dornengewächse oder ein Abhang.

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Ich fluche lauthals – das erinnert mich alles an die schlimmste Fahrt, die ich bislang hatte – damals musste ich so einen Weg mit ordentlich Steigung dazu mit dem Sportmotorrad hoch, bis es nicht mehr weiterging. Damals war ich an einem Punkt, dass ich ich wirklich versucht hatte die Bergrettung zu kontaktieren, weil es einfach zu gefährlich war weiterzufahren. Wäre ich mit dem Motorrad hier, ich würde jetzt sofort umdrehen. Aber mit dem Auto… hinter der nächsten Kurve wird es bestimmt besser, rede ich mir ein. Wird es aber nicht. Im Gegenteil. Aber zurück kann ich nun nicht mehr, mehre hundert Meter über Stock und Stein rückwärts fahren, nee, das will ich nicht. Also weiter. Für den Twingo, der ein Stadtauto ist, ist das hier nichts. Für einen Geländewagen wäre das was. Oder eine Enduro. Aber nicht für einen Twingo.

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Verfasst von - 18. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 

No Sports. No Hope.

Winston Churchill ist bekannt für seine Zitate, die fast immer geistreich und vor allem zeitlos sind. Das hier, das von Regierungsbehörden gerade in der U-Bahn-Station unter Big Ben plakatiert wird, gehört definitiv nicht dazu:

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„Niemand weiß, was die Zukunft bringt, aber die Vergangenheit gibt Grund zur Hoffnung.“

Das ist gerade so unpassend wie nur irgendwas. Es zielt klar auf die aktuelle politische Lage ab, und funktioniert damit genau: Gar nicht. In Bezug auf den Brexit klingt es wie das Pfeifen im Walde, und wenn man es mal mit den Geschehnissen in den USA abgleicht macht es eher Angst als das es einen Grund zur Hoffnung signalisiert.

 
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Verfasst von - 14. Februar 2017 in Ganz Kurz

 

Mitgehört

London, Einkaufsstraße. Zwei Frauen steuern auf eine Boutique zu, bleiben vor dem Schaufenster stehen und mustern die Frühlingsfarbpalette.

– „O my, there is a LOT of orange, isn´t there?“
„Indeed, an AWFUL lot of orange. Maybe the new trend?“
– „Must be a trend from the US.“

Ich habe mich so weggeschmissen.
Orange is the new trump.

 
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Verfasst von - 13. Februar 2017 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Sizilien (2): Kreuz & Quer

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Samstag, 08. Oktober 2016, Agri Gessi, Calatafimi

„Die Iris“, sagt Pietro, „ist eine Spezialität, die es nur hier gibt. Willst Du was Besonderes, probier´ die Iris.“

Pietro ist der Gastwirt des Agri Gessi, des Hofs im Kreideland. Er hat meinen Frühstückstisch so aufgebaut, dass ich durch die offene Tür der Gaststube über die Felslandschaft blicken kann. Draußen spielen die beiden Hunde von gestern Abend mit einigen Katzen, die erst wenige Wochen alt sein dürften. Die Sonne scheint und der Himmel strahlt blau, aber dennoch ist es kühl hier oben. Auf einem entfernten Hügel, direkt auf Augenhöhe, steht ein griechischer Tempel. Frühstück mit Aussicht auf Tempel!

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Vor mir auf dem Frühstückstisch steht ein Tablett mit frischen Croissants, Plunderstückchen, Puddingschnecken – und einer Iris. Ich folge Pietros Tipp und nehme die und beiße beherzt hinein. Die Iris, so stellt sich heraus, ist ein dicker Batzen Ricotta, in dem vereinzelte Schokostückchen flottieren und der frittiert und dick eingezuckert ist. Schmeckt irre gut, aber den Rest des Tages brauche ich nichts mehr zu essen, mein Kalorienbedarf ist gedeckt.

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Nach dem Frühstück mache ich mit Pietro einen kurzen Gang um das Haupthaus. Er ist noch nicht lange im Gastgewerbe, erst seit wenigen Wochen hat der Anbau mit den Fremdenzimmern geöffnet. Sizilianer sind für ihren unverständlichen Akzent bekannt, aber Pietros Italienisch verstehe ich ausgezeichnet. Wir stehen auf einem Bergkamm hinter dem Hof, und unser Atem kondensiert in der kalten Morgenluft, während Pietro in verscheidene Richtungen deutet.

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Er zeigt mir, dass sein Hof auf allen Seiten von Sehenswürdigkeiten umgeben ist. Da ist der griechische Tempel und dort ist Calatafimi. Der Ort ist winzig, und doch kennt ihn in Italien jedes Schulkind, denn DORT auf dem Hügel hat Garibaldi das erste Mal die 1.000 versammelt, das legendäre Regiment, mit dem er Italien vereint hat. Dieser Gelegeneheit zu Ehren steht ein Denkmal mit einem Obelisken auf dem Berg. Hier wurde Geschichte geschrieben!

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Pietro ist ein guter Erzähler, und ich bedauere es fast, das ich hier weg muss. Aber nur fast, denn 1. ist die Straße zum Agri Gessi eine ECHTE Zumutung, und ich will die endlich hinter mir haben und 2. wartet an deren Ende noch der ganze Rest Siziliens auf mich.

Auch das Wiesel mag die Aussicht.

Auch das Wiesel mag die Aussicht.

Ich mache den Twingo startfertig und stecke diverse, leichte Halterungen und Kabel zusammen. Schon dient das iPhone als Navi, das mit einer kleinen Halterung in die Lüftungsschlitze geklemmt ist, und an der Frontscheibe pappt die VIRB-Kamera, die normalerweise am Motorrad hängt.

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Als ich vom Berg herunterfahre, rennen die Hofhunde mit Irrsinnsgeschwindigkeit neben dem Wagen her und springen immer wieder vor die Räder. Ich muss Schmunzeln, denn dieses Verhalten kenne ich noch von Nicki, dem Hund, mit dem ich aufgewachsen bin. Nicki jagte auf diese Weise auch immer Autos und Traktoren. Es war ein Spiel, eine Mutprobe – als Autofahrer darf man nicht langsamer werden, wenn Hunde sowas machen. Über nichts freuen sie sich mehr, als wenn man voll in die Eisen steigt. Dann hat man verloren, und sie gewonnen, und das wissen die Viecher. Also fahre ich einfach weiter und vertraue darauf, dass Pietros Hofhunde genauso geschickt sind wie Nicki.

Am Ende des Weges beginnt das Abenteuer!

Am Ende des Weges beginnt das Abenteuer!


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Verfasst von - 11. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (1): Sorry for the Upgrade

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7. Oktober 2016, ICE 876, Wagen 22, Platz 62

Hildesheim. Wie spannend, denke ich, und widme mich wieder meinem Buch. Die Hipsterfrau eine Reihe schräg vor mir hat ihr Frühstück beendet und die Verpackungsreste weiträumig um ihren Sitz herumverteilt. Nun regt sie sich am Telefon laut darüber auf, dass es in der zweiten Bahnklasse am Platz keine Sojamilch für einen veganen Latte Macchiato gibt, während sie mit hochgelegten Füßen Körperpflege mittels Feuchttüchern betreibt.
Ich. Hasse. Sie.
Inbrünstig.
Ich kann es überhaupt nicht ab wenn sich Leute in der Bahn benehmen, als wären sie allein und der Wagen eine Müllkippe. Insbesondere die Hipstertanten, die mit den 30er-Jahre-Dreiteileranzügen und dem Monokel im Auge, verwechseln zu gerne ihre schlechte Kinderstube mit Coolness.
Der Zug rumpelt ohne Stop an Wolfsburg vorbei und Richtung Berlin.

Kein Witz, die betreibt da Körperpflege!

Kein Witz, die betreibt da Körperpflege!

Zurückgelassen: Müllhalde. Selbstoptimierende Menschen achten halt nicht auf ihre Umgebung. Das dürfen andere machen.

Zurückgelassen: Müllhalde. Selbstoptimierende Menschen achten halt nicht auf ihre Umgebung. Das dürfen andere machen.

Zehn Reisetage liegen vor mir. In Stimmung bin ich dafür aber nicht. Ich habe den Kopf noch voller Arbeit, die letzten Wochen waren heftig und Abschlaten geht nicht so auf Kommando. Außerdem ist Anfang Oktober, und in Deutschland ist das Wetter grau und nass und mit 8 Grad schon ziemlich kalt. Alles Gründe für miese Laune. Und dann ist da noch Berlin. Zum Glück ist die Stadt nicht das Reiseziel.

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Jedes große Abenteuer sollte mit einem kleinen Kaffee beginnen!

Jedes große Abenteuer sollte mit einem kleinen Kaffee beginnen!

Nein, Berlin ist nur Mittel zum Zweck. Der Regionalexpress von Berlin Ostbahnhof nach Flughafen Schönefeld fährt nicht. Warum auch? Immerhin „Fährt der schon seit drei Monaten nicht, wa? Strecke ist kaputt, wa?“, wie das Personal am Bahnsteig erklärt. Gut, Infrastrukturapokalypse erwartet man von Berlin. Ist ja auch der Grund, weshalb ich um kurz nach 6 schon aufgebrochen bin, obwohl ich erst um 12.00 Uhr am Flughafen sein muss und die Fahrt nur zwei Stunden dauert: Ich traue der Bahn nicht. Ich bin so früh los, dass nicht nur dieser, sondern auch noch der nächste Zug ausfallen könnte, und ich wäre immer noch pünktlich. Ich habe keine Flugangst, ich habe nur Angst, Flüge zu verpassen.

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Verfasst von - 4. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 

Er ist wieder da.

Auf Twitter geht gerade ein Foto viral. Tausendfach wird dieses Bild geteilt, dass ein Poster in einer Hollocaust-Gedenkstätte in den USA zeigt.

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Dort steht:

Frühe Warnzeichen für Faschismus:

  • Ausgprägter und fortwährender Nationalismus
  • Geringschätzung von Menschenrechten
  • Schaffung eines gemeinsamen Feindbildes
  • Betonung der Überlegenheit des eigenen Militärs
  • Unverhohlener Sexismus
  • Kontrolle der Massenmedien
  • Fixierung auf Nationale Sicherheit
  • Vermischung von Staat und Religion
  • Protektion von Unternehmen
  • Unterdrückung der Gewerkschaften
  • Verachtung von Intellektuellen und Künstlern
  • Fixierung auf harte Verbrechensbekämpfung und -bestrafung
  • Ungezügelte Vetternwirtschaft und Korruption
  • Manipulation von Wahlen

Das Poster basiert auf dem Artikel „Facism Anyone?“ von Lawrence Britt aus dem Jahr 2003. Der Artikel ist eher populärwissenschaftlich als hart sozialwissenschaftlich, aber so prägnant, dass man die Kernthesen gut auf Poster drucken kann. Weniger wahr sind sie dadurch nicht.

Wenn man sich die Liste so anguckt, kann man nur zu dem Schluss kommen: Er ist wieder da, der Faschismus. In den USA regiert er, und im Parteiprogramm und den Reden der AfD ramentert er durch Deutschland. Faschismus sollte man als solchen benennen, Rassismus auch. Wenn Euch das nächste Mal Aussagen oder Reden von Höcke, Petry, von Storch oder Scheuer unterkommen, gleicht mal die Inhalte mit der Liste ab.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2. Februar 2017 in Ganz Kurz, Politik

 

Momentaufnahme: Januar 2017

Herr Silencer im Januar 2017
„Waage sagt waaas?!“

Wetter: Anfang des Monats bitterkalt, mit bis zu -15 Grad – Übernachtung im Wohnzimmer ist angesagt, das Schlafzimmmer lässt sich nicht über einstellige Temperaturen beheizen. Danach wird es mit -8 bis -2 etwas „wärmer“ und bleibt trocken, neuen Schneefall gibt es nicht.

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Lesen:

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Hören:


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Sehen:


Lemony Snicket: A Series of unfortunate Events
[Netflix]
Ein Ehepaar kommt bei einem Hausbrand ums Leben. Sie hinterlassen drei Waisen – und ein riesiges Vermögen. Hinter dem ist der heruntergekommene Schauspieler Graf Olaf her. Auf ihrer Flucht vor dem Grafen stolpern die Kinder von einem betrüblichen Ereignis ins nächste und kommen an so schreckliche Orte wie den Seufzersee.

Die „Betrübliche Ereignisse“-Bücher sind herrlich deprimierende und dennoch unterhaltsame Kinderbücher. Die skurril-hoffnungslose Stimmung wird im Kinofilm, der 2004 die Ereignisse der ersten beiden Bücher auf die Leinwand brachte, perfekt transportiert. Leider erschien nie eine Fortsetzung – bis jetzt!

Netflix hat eine Serie daraus gemacht, bei der je zwei einstündige Folgen ein Buch ergeben. Acht Folgen gibt es bislang, was das Äquivalent zu vier Kinofilmen ist. Und was für welchen! Die Originaldesigner (die man beim Film noch während der Produktion feuerte) sind wieder für den fantastischen Look zuständig, die Jungschauspieler sind exakt auf die 2004er Vorbilder gecastet und eine Reihe neuer Einfälle modernisiert die Erzählung behutsam. Star des Ganzen ist aber Neil Patrick Harris (den meisten vermutlich als Barney aus „How I met your Mother“ bekannt). Während sich im Kinofilm Jim Carrey durch die Rolle des Grafen Olaf schlicht durchgrimassierte, haucht Harris der absurden Figur echte Bedrohlichkeit ein. Sein Count Olaf ist auch verrückt, aber dabei berechnend, eiskalt und ernsthaft gefährlich. Umso besser können sich die Helden daran abarbeiten. Eine unerwartete Anguckempfehlung!


1984
[Amazon Video]
Allgegenwärtiger Überwachungsstaat, im Krieg mit dem Rest der Welt. Mittendrin: Winston, der für das „Ministerium der Wahrheit“ Ereignisse der Vergangenheit anpasst. Denn wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, und wer die Gegenwart behrrscht, beherrscht die Vergangenheit. Winston hat ein Geheimnis: Er schreibt Tagebuch und liebt Julia. Beides ist im totalitären Regime verboten, und als das rauskommt, wird Winston gefangengenommen, gefoltert und hirngewaschen. Am Ende ist er glücklich, aber nicht mehr Winston.

Was für ein sperriger Film. Ich weiß schon, warum ich den zuletzt vor 30 gesehen habe – und damals schon doof fand. Regisseur Michael Radford nimmt den starken Stoff der Buchvorlage, entschärft ihn inhaltlich und wählt dann noch eine Form, die sich eher für Ausdruckstanz als für einen Film eignet. John Hurt spielt stark, aber glaubhaft agiert hier niemand. Offensichtlich kann Radford Filme nicht ausstehen und möchte viel lieber Theaterstücke inszenieren, und das merkt man. So wird aus einem starken Buch ein schlechter Film. Eine Neuauflage wäre mal angebracht. Denn die Grundaussage ist aktueller den je: Was machen faschistische, totalitäre Regime mit umfassenden Überwachungsmöglichkeiten mit Menschen? Da Trump sogar „Neusprech“ beherrscht, könnte „1984“ eine Blaupause für die Zukunft sein. Oder, wie Richard Burton im Film sagt: „Sei wollen eine Vision der Zukunft? Stellen Sie sich ein Paar Stiefel vor, die unablässig auf ein menschliches Gesicht eintreten.“

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Spielen:

Dishonored 2 [PS4]
In einer britisch angehauchten Steampunkwelt berrschen mechanische und elektrische Apparate das Stadtbild. Walöl ist der Antriebsstoff für die seltsamen Maschinen und Grund für den Reichtum des Empires. Regiert wird das Reich von der jungen Emily Kaldwin, seit den Geschehnissen aus Teil 1 Kaiserin des Reichs. Das ändert sich, als eine unbekannte Frau in den Palast marschiert, Anspruch auf den Thron erhebt und den ganzen Bumms kurzerhand übernimmt. Emily flieht nach Karnaca, im Süden des Reichs, und versucht herauszufinden, wie sie gegen die Besetzerin vorgehen kann. Die scheint nämlich unsterblich zu sein und zu allem Überfluss auch noch zaubern zu können. Gut, dass Emily Bekanntschaft einer dunklen Gestalt macht, die ihr eine Rune in die Hand brennt. Ab diesem Moment kann Emily per Gedankenkraft teleportieren oder sich in Schatten verwandeln, was für einen Rachefeldzug nützlich ist.

„Dishonored 2“ war die große Storyhoffnung des vergangenen Herbstes. Das fertige Spiel könnte allerdings nicht weiter von „plotdriven“ entfernt sein, die Geschichte ist nömlich schlicht ein Witz und die Charaktere so egal, dass ich vor dem Schreiben dieses Textes tatsächlich den Namen der Protagonistin nachschlagen musste. Das ist bitter, denn diese Fehler hat auch der Vorgänger schon gemacht, und das passt überhaupt nicht zur sonst so origiellen Welt und dem tollen Artwork. Das Design ist auch der Star des Spiels, sowohl von der Grafik als auch vom Levelaufbau. In ein Haus einzubrechen, in dem sich mechanisch die Räume verändern, ist schon abgefahren. Aber einen Stealtheinbruch, bei dem man durch mehrere Zeitebenen springt? Sowas cooles hat es noch nicht gegeben!

Schleichen und aus den Schatten heraus agieren ist übrigens der Weg für den das Spiel gemacht wurde. Dafür braucht man aber Geduld und viele Versuche, quasi permanent bedient man Quicksave und Quickload, wenn man wirklich Stealthy und nicht-tödlich vorgehen will. Alternativ steht es einem frei, in bester Assassinenmanier durch die Level zu meucheln und Berge von toten Wachen zurückzulassen. Das Vorgehen funktioniert, hat aber seinen Preis: Die Welt wird dunkler, die Straßen werden von Blutfliegen heimgesucht, Gefährten wenden sich ab und das Ende des Spiel verändert sich.

Ich habe nicht-stealth aber nicht-tödlich gespielt. Das ist ausgewogen, aber auch nicht zu leicht. Gerade der (selbstauferlegte) Schwierigkeitsgrad und das tolle Design waren es, die „Dishonored 2“ einen hohen Grad an Immersion hat erreichen lassen. Für lange Winterabende und Designfans empfehlenswert.

Quantum Break [XBOX One]
Jack Joyce kommt nach Jahren zurück nach Riverport. Ein alter Kumpel hat ihn einfliegen lassen, damit Jack ihm mitten in der Nacht bei einem Experiment in einem Unilabor helfen kann. Das Experiment funktioniert nur so mittelgut – plötzlich wird das Labor von bewaffneten Soldaten gestürmt, Jacks Bruder taucht auf und der Kumpel verschwindet. Kurz darauf ist er wieder da – aber 17 Jahre älter, Befehlshaber der Konzerntruppen und anscheinend mit übersinnlichen Kräften ausgestattet. Da passt es, das Jack seit dem Experiment ebenfalls ungewöhnliche Kräfte hat: Er kann die Zeit manipulieren. Das tut auch Not, denn in Riverport ist die Zeit selbst zerbrochen und kurz davor zu enden.

„Quantum Break“ ist das einzige Spiel, um das ich als PS4-Besitzer die XBOX-One-Fraktion immer bendeidet habe. Das Spiel sieht fantastisch aus, was zum einen an der fast fotorealistischen Grafik liegt, zum anderen daran, wie die zerbrochene Zeit visualisiert wird: Alles friert ein, auch Explosionen oder Ereignisse wie ein Autounfall. Durch dieses Stilleben kann man als Spieler wandern und die vielen Details bewundern, die diese stille Welt zu bieten hat.

Daneben hat das Spiel exzellente Schauspieler (wie den Littlefinger aus „Game of Thrones“ als Bösewicht) und eine komplexe Story. Die wird nicht nur über Zettel und Cutscenes erzählt, denn Quantum Break ist auch eine vierteilige Fernsehserie mit eben den Schauspielern, die auch im Spiel auftauchen. 20 minuten geht jede Folge, und je nachdem, wie man sich im Spiel verhalten hat, ändert sich der Storyverlauf leicht.

Microsoft hat viel Geld und Zeit in das finnische Studio Remedy investiert, und das „Quantum Break“ ein Systemseller sein soll, sieht man dem hochpolierten Spiel auch an. Das Ende ist offen, und eine Fortsetzung sehr wünschenswert – nach den mäßigen Verkaufszahlen der XBONE und der Lahmarschigkeit der Entwickler wird es dazu aber wohl nicht kommen.

Titanfall 2 [XBOX One]
In der Zukunft, auf irgendeinem egalen Planeten, tobt irgendein egaler Krieg. Darin laufen Leute mit Düsenrucksäcken rum. Wenn sie vom rumdüsen genug haben, rufen sie einen großen Roboter. Der fällt vom Himmel (daher der Titel), dann setzen sich die Düsenrucksackleute da rein und machen Sachen kaputt.

Riesenroboter? Mechgefechte? Count me in! War das erste Titanfall noch ein reiner Multiplayertitel, bringt Teil 2 eine sehr gelungene Kampagne mit. Für einen Shooter ist die Story erstaunlich überraschend und hat am laufenden Meter tolle Einfälle, der Charakter des eigenen Titans ist ebenso liebenswert wie komisch und die Gegner wirklich glaubwürdig böse. Abseits davon ist es mal wieder erfrischend durch eine Welt laufen zu können ohne das Gefühl zu haben zu müssen was zu verpassen. In „Titanfall 2“ gibt es nichts zu sammeln (also, nicht wirklich), alles ist linear und sehr gradlinig. Nach dem ganzen Open-World-Kram der letzten Monate, mit seinen trillionen Side- und Sammelquests, wirklich befreiend.

Halo 5: Guardians [XBOX One]
Lauf von A nach B, Peng, Bumm, Spratz.

Was für ein himmelschreiend dummer Shooter. Story Banane, wie immer unbefriedigender Cliffhanger. Gegner immer noch die gleichen wie in Teil 1. Das heißt: Immer noch der gleiche Mist WIE VOR 15 JAHREN! Animationen holprig, Schwierigkeitsgrad unausgewogen, Texturen mittelscharf und in heftigen Gefechten ruckelt es. DER XBOX-One-Vorzeigetitel ruckelt! Das man auch als Solospieler zwangsweise mit 3 minderbemittelten Teamkollegen unterwegs ist, macht die Sache noch schlimmer.

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Machen:
Crazy Ideen ausbrüten und endlich mal wieder träumen.

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Neues Spielzeug:
Eine XBOX One der ersten Generation, billig gebraucht gekauft. Und eine neues USB-Reiseladegerät geschenkt bekommen, eine Tizi „Tankstelle“. Prima verarbeitet, vier Anschlüsse, kraftvoll, aber mit 96 Gramm viel leichter als die Anker-Geräte. Danke, Leandrah!

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
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Verfasst von - 31. Januar 2017 in Momentaufnahme

 

Trailer

(Anm: Die ersten 27 Sekunden sind kein Zeitraffer.)

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Verfasst von - 29. Januar 2017 in Ganz Kurz

 

Motorradtour 2016 (15): Irrfahrt nach Hause

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Sommerreise mit der Renaissance.

Sonntag, 26. Juni 2016, in der Nähe von Graz

Kalesco zaubert ein wunderbares Frühstück, das wir auf der Terrasse genießen. Die Sonne scheint, hinter dem Haus rauscht der kleine Bach, und die Landschaft scheint vor Grün zu bersten. Die Steiermark ist ein wundervolles Stück Welt, und das nicht nur weil Kalesco hier wohnt.

Zwei Herzen schlagen heute morgen, ach, in meiner Brust.
Es fällt mir schwer Abschied zu nehmen, zu gerne würde ich noch ein wenig länger hier bleiben. Andererseits will ich aber auch das lädierte Motorrad endlich zu Hause und damit den unangenehmen Teil der Reise hinter mir haben. Ich habe mich entschieden die Koffer nicht per Post gen Heimat zu schicken. Die Bruchstelle am Gepäckträger scheint zu halten, zumindest ist das Knetmetall nicht weggebröckelt. Wenn ich jetzt vorsichtig und nicht schneller als 100 km/h fahre und keine fiesen Schlaglöcher in den Weg kommen, dürfte das halten.

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Ich verabschiede mich von meiner Gastgeberin, die sich anschickt den sonnigen Sonntag lesend in der Hängematte zu verbringen. Ganz kurz beneide ich sie ein Bisschen, aber dann fällt mir ein, dass MEIN Tag ja aus Motorradfahren durch Österreich besteht. Das wird auch toll. Aber NICHT nochmal über die Bröckelstrecke von der Herfahrt, denke ich, als das Navi am Ende von Kalescos Einfahrt nach rechts will. Folgerichtig fahre ich nach links und dann nochmal ganz komisch und plötzlich merke ich, dass ich in der völlig verkehrten Richtung unterwegs bin. Das Navi will hartnäckig zurück. Mumpitz, denke ich mir. Wir fahren jetzt erstmal nach Graz, von da aus geht es irgendwie nach Norden.

Geht es natürlich nicht, und jetzt werde ich leicht ungehalten. Hilft aber nix, zu sehr habe ich mich jetzt schon verfranzt.Noch nichtmal die Gegend ist schön, es geht durch viel Wald mit wenig Aussicht, und die Staßen sind oft nicht die besten. Das auch noch die ganzen Sonntagsfahrer unterwegs sind, um u.a. ihre Kids zu einem der zahlreich stattfindenden Sportfesten zu bringen, macht die Sache nicht besser. Nein, das macht alles keinen Spaß, das kostet nur Zeit.

Am Ende bin ich eine riesige Schleife einmal um Graz herumgefahren, um dann 80 Kilometer von meinem Startpunkt wieder eine Straße nach Norden zu finden. Nur: Bis hierher habe ich keine 80, sondern schon satte 240 Kilometer gefahren und dafür 4 Stunden gebraucht. Eine rechte Irrfahrt. Super gemacht, Herr Silencer.

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/


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Verfasst von - 28. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (14): Die Nebelhöhle

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Sommerreise mit der Renaissance.
Freitag, 24. Juni 2016, San Biagio di Callalta

Ein letztes Mal setze ich mich zum Frühstücken an den kleinen Einzeltisch im Restaurant der „Villa Maria Luigia“. Sara lächelt, als sie mich sieht, verschwindet kurz und kommt dann mit einem doppelten Espresso wieder. Der ist auch das einzige, was ich heute Morgen runter bekomme. Der Grund: Die Nachrichten kennen heute Morgen nur ein Thema. England hat dafür gestimmt aus der Europäischen Union auszutreten.

Der Brexit wird Wirklichkeit. Mich trifft diese Schlagzeile wie ein Eimer kaltes Wasser. David Cameron hat hoch gepokert, als er die Bevölkerung über den EU-Austritt abstimmen ließ, in dem sicheren Glauben, dass die Menschen nicht so dumm sein würden ihre eigene Zukunft zu vernichten. Der Schuß ging nach hinten los. Menschen sind dumm, deshalb hat sich ja die Politik rausgemendelt um sie zu vertreten. Ich bin wie benommen. Hier, in diesem Moment, beginnt es. An diesem Tisch in diesem Haus wird in den Nachrichten gesagt, dass die EU zerbricht.

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Sara erkundigt sich nach dem Motorrad, ob jetzt alles OK sei und wie weit ich wohl noch unterwegs sein werde? Ich verziehe das Gesicht bei dem Thema, denn die ZZR ist alles andere als OK. Der gebrochene Gepäckrahmen ist kein Spaß, und eigentlich es ist zu gefährlich damit weiter zu fahren. Das sage ich ihr aber nicht, sie soll sich keine Sorgen machen. Stattdessen nuschele ich was von einer Werkstatt in Udine. Sara guckt erschrocken. Stimmt, Udine ist ja auch fast 100 Kilometer entfernt, eine Weltreise.

„Alles gut“, sage ich. „Das liegt auf dem Weg“. Das stimmt auch. Was nicht stimmt: Ich werde mir nicht den Stress geben, dort eine Werkstatt zu suchen, die mir den Träger schweißt. Ich habe keine Ahnung ob das überhaupt geht und wenn, dann wird es Stunden dauern. Nein, ich werde stattdessen die nächste Etappe sehr vorsichtig fahren, und morgen die Motorradkoffer verpacken und von Österreich aus per Post nach Hause schicken. Für die heutige, letzte Etappe muss der Träger noch halten. Die Bruchstelle ist mit Knetmetall ummantelt, und für zusätzliche Entlastung habe ich die seitlichen Träger mit Gurten umwickelt. Ob das halten wird? Keine Ahnung. Zumindest werden die Koffer so nicht einfach abfallen, ich werde merken, wenn was nicht stimmt.

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Eine warme Brise aus Richtung Meer lässt die leichten Vorhänge durch die Bar im Vorraum des Restaurants wehen. Ich versuche ein wenig von der Ruhe aufzusaugen, die Sara ausstrahlt und die das ganze Haus zu umfassen scheint. Die alte Offizieresvilla scheint Ruhe und Entspannung zu atmen, und davon möchte ich ein Stück in meinem Herzen mitnehmen. Sara scheint meine Gedanken zu erraten. Zum Abschied nimmt sie meine Hand in ihre und sagt „Wir werden uns wiedersehen. Du bist nicht nur ein Gast, Du bist unser Freund, also pass auf Dich auf.“

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„Tu sei nostro amico“, dieser Satz macht mich ein wenig stolz und bringt mich zum Lächeln, als ich die Renaissance aus ihrem Luxusparkplatz herausbugsiere und vorsichtig durch den Gartenweg und aus dem Haupttor der Villa steuere. Ein letzter Blick zurück zum Haus, ein letztes Winken, dann fädele ich das Motorrad in den Verkehr ein und bin verschwunden.

Im nächsten Ort halte ich an und entsorge an einem öffentlichen Parkplatz eine prall gefüllte Tüte. Darin sind Dinge, die ich nicht unbedingt brauche. Eine Flasche Sonnenspray. Der Rest Waschmittel. Eine halbe Tüte Äpfel. Eine Flasche Wein, die ich eigentlich als Andenken mit nach Hause bringen wollte. Ein paar Sandalen, die ich in San Vincenzo gekauft hatte. Zur großen Empörung des Wiesels geht auch der Sternchenkeksvorrat über Bord. Der Koffer auf der Seite, wo der Träger gebrochen ist, muss so leicht wie möglich werden. Es hilft ja nichts. Gute drei Kilogramm an Ballast habe ich gerade verklappt. Jedes eingesparte Gramm hilft, denn das kann darüber entscheiden, ob das Heck des Motorrads auseinanderbricht oder nicht.

Dann geht es weiter. Die Fahrt durch das Veneto ist langweilig. Die Gegend besteht praktisch nur aus plattem Land und Feldern. Fast 100 Kilometer geht es nur schnurgerade aus nach Westen, vorbei an Orten mit lustigen Namen wie Piramidi, das ägyptisch klingt, oder Muscletto, was sich sportlich anhört, oder Malafesta, was eine ansteckede Krankheit vermuten lässt.

Bei Udine halte ich nicht an, obwohl ich die Stadt gerne mal kennenlernen würde. Das lasse ich aber heute lieber sein, da bin ich nicht in der Stimmung zu und außerdem werde ich nicht schneller als maximal hundert fahren, da kann ich mehr Zeit gut brauchen. Vor der Stadt biege ich nach Norden ab und steuere auf die Bergkette der Alpen zu, die sich blau schimmernd am Horizont abzeichnet.

Es geht erst Richtung Tarcento, dann nach Gemona. Ich tanke noch einmal, dann schwenkt die SS13 in eine tiefe Kluft in den Bergen ein, und schon ändert sich die Strecke von langweilig und doof in eine der launigsten, die man sich wünschen kann. Ich kenne diese Durchfahrt schon. Die Straße schwingt sich in weiten Kurven in dem engen Tal entlang, an dessen Seiten steil Felswände aufragen. Die Berghänge sehen aus, als wären sie mit Urwald bedeckt. Ich stelle mir vor, dass es in Südamerika stellenweise ähnlich aussieht. Ein schmaler Fluss ringelt sich durch das, mit Felsbrocken übersäte, Talbett. Der Wind rauscht mir um die Nase, als das Motorrad über die Landstraße fliegt, und ich hole tief Luft und bin ganz ergriffen ob der Schönheit dieser Landschaft.

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Verfasst von - 21. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Spamquatsch

Das hier kam gerade rein:

Dear professor Silencer,

Please tell the how to arrive to the campus from the airport of Berlin ? by train or by bus ?
please tell me the spesific transportation route and send me the German electronic map to me ,I select this university .
What about campus and accomodation ? how far from Berlin ? if the enviroment is quiet and social safety? no gun shot?
Thank you
Regards,

Jingye Chen

Fand ich etwas irritierend, zumal ich mit echtem Namen angesprochen wurde und wirklich gerade was mit Uni mache. Kann also sein, dass die Anfrage ernst gemeint war. Aber mal ehrlich: Wer im akademischen Umfeld so schreibt, verdient enviroment mit gun shot.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 17. Januar 2017 in Ganz Kurz

 

Motorradreise 2016 (13): Nackt in Venedig

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Sommerreise mit der Renaissance.
Mittwoch, 22. Juni 2016, San Biagio di Callalta

Auch das platte Land kennt Rushhour. Das Veneto, dass muss man sich so vorstellen: Plattes Land und weite Felder, auf denen neben Getreide und Salat auch Reis und Nüsse angebaut werden. Dazwischen: Straßen, bestens ausgebaut, von der Güte unserer Bundesstraßen. NIcht dem Schrabbelkram aus den alten Bundesländern, sondern den WIRKLICH guten Bundesstraßen, in den neuen Ländern.

Über all diese vielen schönen Straßen schiebt sich eine Blechlawine über das platte Land. Man stelle sich zur verdeutlichung Ostfriesland vor, eine spiegelglatte Fläche voller grünem Nichts, endlose Weiten, und mittendrin eine Karawane von Auto an Auto, die mit wenigen Zentimetern Abstand und im Schritttempo hintereinander her zuckeln. Ein leicht albernes Bild. Folgerichtig ziehe ich mit dem Motorrad an dem Stau vorbei. Italienisch fahren? Kann ich.

Plattes Land: Veneto. Hier von San Biagio nach Punt a Sabbioni.

Plattes Land: Veneto. Hier von San Biagio nach Punta Sabbioni.

Von der Villa Maria Luigia aus geht es rund 60 Kilometer nach Sünden, bis nach Punta Sabbioni. Der Name bedeutet übersetzt „Sandspitze“, und besser kann man den Ort nicht beschreiben. Punta Sabbioni ist eine kleine Landzunge, die in die Lagune von Venedig hineinragt und praktisch nur aus staubigen Parkplätzen besteht. Die Renaissance bekommt von einem freundlichen Parkopa einen überdachten Platz zugewiesen, und einen Unterleger für den Seitenständer gibt es noch dazu.

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Der Helm kommt ins Topcase, und dann bleibt das Motorrad für den Rest des Tages hier. Das kostet 5 Euro, und DAS ist es mir wert. Die Alternative wäre unvorstellbar: Mit dem Motorrad nach Venedig? NIEEE!

Stattdessen besteige ich die Linie 14 der Vaporetti von Vendig, nachdem ich mir vorher eine Tourikarte für die Nutzung des ACTV gekauft habe. 20 Euro für eine 24-Stunden Karte sind ein stolzer Preis, aber auch das ist alternativlos.

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28 Kommentare

Verfasst von - 14. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 
 
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