Reisetagebuch 2019 (8): Bloß weg hier

Mittwoch, 19.06.19, Agerola, Amalfiküste

Die Straße vom B&B zurück nach Agerola ist supersteil, eng und verdreht. Wer hier nicht Bergkurven fahren kann, und das superlangsam, fällt erst um und dann den Berg runter. Gut, dass ich das alles sicher beherrsche – ein lautes HA! ins Gesicht von allen, die meinen diese ADAC-Trainings, wo extremes Langsamfahren oder Anfahren mit Volleinschlag bis zum Erbrechen geübt werden, würden nichts bringen. Für hier und jetzt ist das sehr realitätsnah!

Sofort nach Agerola geht es wieder nur im Schrittempo voran. Den Weg von dem Bergort hinab nach Amalfi habe ich einen Oppa vor mir, der in Rechtskurven fast bis zum Stillstand abbremst, so dass ich einmal doch ins Kippeln komme – am Scheitelpunkt einer Kehre mit ordentlich Gefälle kann man nun mal nicht einfach so abrupt anhalten.

Von Maria B&B „Casanova“ zurück auf die Amalfitana. Dauert schon mal etwas länger.
Bild: Google Earth 2019

Wieder geht es auf die Amalfitana. 50 Kilometer lang ist die „Traumstraße“, ungefähr die Hälfte habe ich gestern zurückgelegt. Wieder ist der Verkehr dicht und das, obwohl es erst kurz nach 08:00 Uhr ist.

Die Straße ist so eng und so überlaufen, das kaum noch was geht. Wird nicht besser durch Spinner wie den Oppa, der nur in einer Unterhose bekleidet mitten auf der Straße joggt. Eine amerikanische Touristin tut es im gleich. Verrückte. Und wenn dann nichts mehr voran geht, stehen Fußgänger, Rollerfahrer, Radrennfahrer (ARSCHLOCH!), Autos, LKW, Busse und Esel doof auf der Straße rum. Und ich mitten drin.

Die Amalfitana, stelle ich wieder fest, ist keine Traumstraße. Vielleicht war sie es mal, früher, als hier nur ganz wenige Autos unterwegs waren. Vielleicht war sie es auch nie, und ein Journalist hat sich das in einer rotweinseeligen Nacht in einem Ristorante hier zusammenfantasiert, und alle anderen Reiseführer haben es dann abgeschrieben. Ja, die Konstruktion der Straße, so in den Felsen, ist beeindruckend. Und die Kurvenschwünge sind nett. Hat man aber nichts von, wenn man die nicht fahren kann, weil hier so viel los ist. Vielleicht war das früher anders.


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Einen Monat ohne (8): Müde

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Woche zwei und Tag 15 des Fahrverbots.
Mein Gott bin ich müüüüüüüde. Ist halt doch ein Unterschied, ob ich morgens aus dem Bett direkt unter die Dusche rolle, ins Auto falle und acht Minuten später am Schreibtisch sitze oder, wie jetzt, nach dem Aufstehen zum Bus laufen muss, dort 5-10 Minuten warten darf (der Stadtbus kommt nie pünktlich), dann 30 Minuten fahre (geplante Fahrzeit ist 20 Minuten, aber das schafft der Bus nie) und dann nochmal 15 Minuten laufen muss.

Der längere Weg bedingt ein früheres Aufstehen, eine ganze Stunde eher, und DAS bedeutet, dass ich Abends eigentlich wesentlich eher ins Bett muss und DAS kriege ich gerade nicht hin. Deshalb: Müüüüüde. Gähn.

Ist echt erstaunlich, aber ich muss trotz des recht guten ÖPNV tatsächlich meinen ganzen Tagesablauf umstellen.

Lacher am Rande: Heute war Post vom Landkreis Pyrmont im Briefkasten. Ich habe meinen Lappen ja im Kreis Gütersloh verloren, als ich auf der Rückfahrt von einem Kunden war. Nun hat es einen Kollegen von erwischt. Gleicher Kunde, gleicher Mietwagen, zum Glück unterhalb der Schwelle wo es richtig weh tut. Trotzdem: Diesen speziellen Kunden zu besuchen ist offensichtlich ebenso teuer wie gefährlich.

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Einen Monat ohne (7): Momente

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann dieser Schockmoment, als ich feststelle, dass ich heute die GUTE Jacke anhabe, aber vergessen habe die Monatskarte umzupacken. Den Autoschlüssel habe ich natürlich eingesteckt. Klar, darauf bin ich über Jahrzehnte konditioniert.

Ich mache einen inneren Facepalm und ziehe mir ein elektronisches Ticket aus der App. Das geht neuerdings ganz gut: Einmal Wischen beim Einsteigen in den Bus, ein Mal Wischen beim aussteigen, Ticketpreis wird über Paypal abgebucht. Einfacher gehts kaum.

Nett am Fahren im Bus sind ja auch die vielen Miniaturen, die man so mitbekommt. Kleine Momente, die im nächsten Augenblick schon wieder vorbei sind.

Au-Shit-Moment: Als der Busfahrer eigentlich schon an der Haltestelle vorbeigdonnert war und DANN erst sah, dass da eine Frau im schwarzen Mantel stand, „Au SHIIIIIT!“ rief und eine Vollbremsung hinlegte.

Stinkender-alter-Ron-Moment: In Pratchetts Scheibenweltbüchern gibt es die Figur des Foul ol´Ron, dessen Körpergeruch ein Eigenleben entwickelt hat. Sowas hatte ich hier neulich auch. Während der zerzauste Mann mit dem Zottelbart auf der Rückbank Platz nahm und lautstark mit seinem Spiegelbild in der Scheibe lamentierte, ging sein Körpergeruch auf Entdeckungsreise und schwebte mal hierhin, mal dorthin, über die ganze Länge des Busses und wieder zurück.

Pizza-Moment: Ich mochte den Typ, der im Bus eine Pizza aus dem Karton fraß, vom ersten Augenblick an nicht. Mit beiden Händen schaufelte er sich die rein, als ob er beim Wettessen wäre. Abgesehen davon roch das Ding fürchterlich. Grinsen musst ich dann trotzdem, als der Typ sich an seinen Nebenmann wandte und es mit vollem Mund aus ihm herausbrach: „Weißte was geil wäre? Wenn jetzt hier noch Zwiebeln und Knoblauch drauf wären!“ – Guter Gott, nein.

Telegramm Moment: Die Tussi in der Lederleggings, die bei aktivierten Tastentönen auf ihr Whatsapp einhämmerte und es genauso klang als ob sie ein Telegramm versendet „düd-düd-düüd-düd-düd-düüd“.

Womanspreading Moment: Manspreading, das Dasitzen mit breiten Beinen als seien die Eier große wie Basketbälle, hatte ich noch nicht. Aber Womanspreading: Die Frau, die unbedingt ihre Beine die Bus Wand hoch und breit auseinanderfalten musste. Bizarr, sah aus wie Yoga im Bus.

Gänselieselmoment: Die Rumfahrerei vor Sonnenaufgang hat nette Momente. Ich habe z.B. mal wieder das Gänseliesel mit Beleuchtung gesehen, siehe oben.

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Reisetagebuch 2019 (7): Die Hölle der Amalfitana

Dienstag, 18.06.19, Faicchio, Kampanien

Die Amalfitana gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Warum eigentlich?
Das frage ich mich schon, seitdem ich das erste Mal da war. 2011 war das, mit Modnerd am Steuer eines Mietwagens, ich saß als Beifahrer daneben.

Amalfitana? Was ist das denn?

Südlich von Neapel liegt der Ort Amalfi direkt am Meer, weshalb die Gegend dort auch Amalfiküste heißt. Es ist eine Steilküste, deren grobe Felsen senkrecht ins Meer fallen. In diese Felsen sind auf Terrassen ganze Orte gebaut, mit klingenden Namen wie Positano, Ravello oder Maiori. Die Orte sind durch eine Straße verbunden, die kunstvoll und in mühsamer Arbeit aus dem Felsen gehauen und gesprengt wurde.

Diese Straße trägt die nüchterne Bezeichnung SS163, aber unter diesem Namen kennt sie niemand. Wenn aber ihr Spitzname fällt, dann seufzen die Menschen und gucken sehnsüchtig in die Ferne. „Amalfitana! Ahhh!“ Warum? Weil die Amalfitana eben einen Ruf als eine der schönsten Straßen der Welt hat. Aber als schöne Straße habe ich sie bislang nicht erlebt.

Die Lage der Amalfitana: Auf der Südseite einer Landzunge, auf der auch Sorrento und vor dessen Küste Capri liegt.
Bild: Google Maps 2020.

In meiner Erinnerung ist die Amalfitana über weite Strecken mehr Gasse als Straße. Eine enge Gasse, die sich Lastwagen, Busse, PKW, Motorradfahrer, Radfahrer, Esel (die werden als Transport zu den Häusern im Hang benutzt) und Fußgänger teilen.

Sie führt in absurden Kurven und Knicken um Felsen und Häuser herum – so absurd, dass ein Bus, der um eine enge Kurve fährt, auf die andere Fahrbahnseite schwenkt und dabei den Gegenverkehr blockiert – was andere aber nicht von dem Versuch abhält, sich doch noch irgendwie vorbei zu quetschen.

Das Resultat ist so, wie man es erwarten kann: Nichts geht mehr, die Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig und müssen dann zentimeterweise vor- und zurückmanövrieren, um irgendwie aus diesem Deadlock wieder rauszukommen. Dieses Blockadespielchen schien bei meinem ersten Besuch eher Regel als Ausnahme zu sein. Gefühlt stand der Verkehr an jeder zweiten Kurve. Wenn er dann doch mal etwas schneller floss, wurde unser Mietwagen in halsbrecherischen Manövern auf nicht einsehbaren Abschnitten von Minibussen überholt, was für mehr als einen Schreckmoment sorgte.

Eng.
Laut.
Überfüllt.
Die aufgeheizte Luft voller Abgase.
An jeder Ecke klemmten Reisebusse oder LKW in Kurven fest.

Nein, die Amalfitana hat keinen guten ersten Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht mal die Aussicht war supertoll, was aber auch daran lag, dass ich wenig davon sah – wir fuhren die Straße nämlich in der verkehrten Richtung, von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, also auf der Fahrspur, die an den Felsen entlangführt. Rechts Felsen, links eine endlose Schlange Fahrzeuge, von vorne und hinten Kamikazebusse. Nein, das machte damals alles keinen Spaß, nicht mal als Beifahrer.

Jetzt, mit mehr deutlich mehr Erfahrung und im Sattel des Motorrads, will ich nachsehen ob mein damaliger Eindruck vielleicht verkehrt war. Auf jeden Fall bereite ich mich mental für heute schon mal auf auf das Schlimmste vor, als ich am Morgen in Faicchio unter einem Kastanienbaum noch schnell einen Caffé trinke.

Als ich in den Sattel der Barocca klettere, steht Alberto schon mit Schubkarre und Strohhut wieder vor seinen Beeten und ruft „Buon viaggio!“, gute Fahrt.


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Einen Monat ohne (6): Post aus Gütersloh

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Post aus Gütersloh? Heute? Was wollen die denn jetzt noch?

Ah, Frau Webermann schreibt, dass mein Führerschein eingetroffen ist und jetzt bei ihr in der Schreibtischschublade liegt. Bis zum 02. Februar. „Er wird Ihnen rechtzeitig übersandt“, schreibt sie und gibt mir mit auf den Weg: „Vor Ablauf dieser Frist dürfen Sie kein Kraftfahrzeug führen, folglich auch kein Mofa.“ Aha. Auf diese seltsame Idee, die hier auch schon mehrfach in den Kommentaren genannt wurde, kommen wohl viele. Ein Verstoß gegen diese Anordnung sei eine Straftat, nicht nur eine Ordnungswidrigkeit, werde ich noch belehrt. Na dann.

Der Brief ist hoffentlich der vorletzte, den Frau Webermann in der Sache versenden muss. Sie hat nämlich schon ganz viele geschrieben. Als es mich erwischt hat, war ich ja in einem Mietwagen auf Dienstreise.

Der Ablauf war dann, nun, etwas komplexer:

  1. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an den Halter des Fahrzeugs, in dem Fall das Mietwagenunternehmen. Das erklärt, das eine Firma den Wagen gemietet hatte, weiß aber nicht, wer gefahren ist.

  2. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an meine Firma. Die erklärt, dass sie wohl den Wagen gemietet habe, aber wer da gefahren sei… da müsse man erstmal in den Akten nachgucken. Zeit vergeht. Dann stellt sich raus, dass tatsächlich ein Mitarbeiter gefahren ist, ein gewisser Herr Silencer.

  3. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an mich. Ich erkläre, das ich gefahren bin und nur zu schnell war, weil ich geträumt habe, und ob das nicht reiche um 1 km/h weniger und damit vielleicht kein Fahrverbot…?

  4. Frau Webermann amüsiert sich, bedankt sich für die „ausführlichen Angaben zur Sache“ und fragt, ob ich ein Härtefall sei. Ich verneine.

  5. Frau Webermann verhängt ein Bußgeld und ein Fahrverbot und schickt mir das per Brief. Ich schicke ihr Geld und meinen Führerschein. Sie gibt mir zwei Punkte in Flensburg. Geben und Nehmen.

  6. Frau Webermann bescheinigt mir den Eingang des Führerscheins und sagt ich darf kein Moffa fahren. Dabei würde ich selbst mit Führerschein kein Moffa fahren wollen.

Ach ja, und zwischendurch habe ich noch zwei Mal mit ihr telefoniert. Frau Webermann ist wirklich nett. Und fleißig muss sie sein. Wenn jeder rasende Trottel im Westfalenland nur halb so viel Aufwand verursacht wie ich, hat sie gut zu tun.

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Einen Monat ohne (5): Geburtstagsblues

Ich kann mich eigentlich überhaupt nicht beklagen, stelle ich fest. Der ÖPNV per Bus ist in Götham noch besser ausgebaut als ich dachte.

In der Stadt kommt man selbst in entlegene Winkel meist mit zwei Mal umsteigen. Es dauert nur ein wenig. Die umliegenden Dörfer sind mit einem Halbstundentakt an die Stadt angebunden, für Orte weiter weg gibt es stündliche Überlandbusse oder Regionalbahnen.

Ziemlich gut, also, und trotzdem bin ich gerade ein wenig geknickt. Der Grund: Meine ganze Familie hat im Januar Geburtstag, und da gestalten sich Besuche nun doch schwierig.

Schwester wohnt in Bayern, ein gut nehmbarer ICE zum Supersparpreis führe um 05:40 Uhr – aber um die Zeit fährt kein Bus zum Bahnhof.

Nicht viel besser ist es für Besuche bei den Eltern, die weiter nördlich auf Dörfern wohnen. Statt ins Auto zu steigen und in 30 Minuten da zu sein, müsste ich allein für den Besuch bei meinem Vater fünf Minuten zum Bus laufen, 20 Minuten Bus fahren, 5 Minuten warten, einen anderen Bus nehmen, 20 Minuten warten, für 20 Minuten den Regionalzug nehmen, 10 Minuten warten und dann nochmal 20 Minuten Bus fahren. Eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Ist immer noch alles machbar, keine Frage, aber da es die Verbindung Samstags nur vier Mal gibt und Sonntags gar nicht, wird aus einem kurzen Kaffeetrinken eine praktisch tagesfüllende Samstagsbeschäftigung.

Tut mir leid, liebe Familie. Das holen wir wann anders nach.
Vorzugsweise bei besserem Wetter.

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Einen Monat ohne (4): Verlängert

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Gestern noch gefreut: Der erste Tag nach der Weihnachtspause, und trotzdem war der morgendliche Bus leer.

Tja.
Stellt sich raus, dass erst heute wieder Schule ist. Warum auch immer, Allerheiligen oder Dreikönige oder Maria Hilf oder wie auch immer das hieß, was die südlichen Länder gestern als seltsamen Feiertag hatten, kennen wir ja in Niedersachsen nicht.

Unschön: Deshalb heute morgen erstmals Menschenmassen an der Bushaltestelle im Dorf. Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur zweiten Stunde, Studentinnen und Studenten auf dem Weg zur Bibliothek* und jede Menge Erwachsene, die meisten davon im Omi- und Opi-Alter.

Schön: Die Stadtwerke skalieren mit und haben ihren Bus verlängert, eingesetzt wird jetzt einen Langbus mit Gelenk. Deshalb fanden alle einen Sitzplatz.

Unschön: Ich fand Platz neben einem Opa, der sich alle zwei Sekunden feucht räusperte und mir dabei auf Hand und Ärmel speichelte. ÖPNV ist halt auch unhygienisch.

Unschön: Es ist nass und kalt. Bewegung am Morgen ist ja nett, aber nicht bei 2 Grad durch Nieselregen, das ist bäh. Notiz an mich selbst: Ab jetzt immer Schirm mitnehmen.

Schön: DHL lässt ausrichten, dass mein Führerschein tatsächlich vergangenen Freitag in Gütersloh eingegangen ist. Immerhin. Das Tracking war sich da lange uneins, und ich hatte schon befürchtet der dreht eine Feiertagsrunde oder sowas und wird Montag erst zugestellt. Damit hat das Fahrverbot aber tatsächlich am Freitag begonnen, und das heute ist Tag 5.


  • Streber. Zu meiner Studentenzeit bin ich nur so früh aufgestanden wenn ich wirklich musste, und nicht, weil „um vor 8 die Bib so schön leer ist, da kann man so gut lernen“. Bah.
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Reisetagebuch 2019 (6): Die schönste Straße Italiens

Montag, 17.06.2019, Siena

Die Morgensonne tastet sich in die verwilderte Senke hinter der Villa Allgeria vor. Es ist 05:30 Uhr

Ich springe aus dem Bett, putze mir schnell die Zähne, steige in die Motorradklamotten und trage die bereits fertig gepackten Koffer zum Motorrad, das an der Straße vor dem Haus steht.

Für Frühstück ist es zu früh, und von Cecilia und Francesco habe ich mich gestern Abend schon verabschiedet. Alles, um wirklich ganz früh los zu kommen. Der Grund: Heute habe ich einen wirklich weiten Weg vor mir. Über 500 Kilometer durch die Berge, das ist selbst für meine Verhältnisse viel. Anna prognostiziert eine Netto-Fahrzeit von 10 Stunden, da kann man dann locker nochmal zwei Stunden draufrechnen, für Verzögerungen im Betriebsablauf wie Staus oder kleine Pausen oder Fotostops.

Um 6:30 Uhr rollt die Barocca aus der Via Portogallo, fädelt auf die Landstraße Richtung Siena und biegt dann nach Osten ab.

Die Straße liegt im Morgenlicht und ist noch angenehm wenig befahren. Es ist kühl, nur um die 12 Grad, aber das wird nicht lange so bleiben.

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Einen Monat ohne (3): Transportprobleme

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Der Bus um 07:13 Uhr ist noch angenehm leer, die Straßen auch. Gefühlt 90 Prozent aller Menschen sind noch im Winterurlaub.

Heute ist der erste Tag des Fahrverbots, falls alles geklappt hat und mein Führerschein in Gütersloh angekommen ist. Passend dazu: Heute die erste reguläre Fahrt mit dem Bus.

Vom Dorf bis mitten in die Innenstadt, von da sind es dann noch einmal 15 Minuten zu Fuß bis zur Arbeit. Kleiner Unterschied zum normalen „Ich rolle aus dem Bett, falle an der Dusche vorbei und bin 8 Minuten später am Schreibtisch.“ Aber gut, habe ich morgens gleich mal Bewegung.

Fahrradfahren ist übrigens gerade nicht meine bevorzugte Option, Elektrodienstrad hin oder her. Es regnet, und zwischen Dorf und Stadt liegt ein Bergrücken mit steilen Flanken und unbefestigten Waldwegen, die bei dem Wetter zu Schlammpisten werden.

Unvermittelt tut sich ein neues Problem auf. Ein Baumarkt hat sich dazu herabgelassen, endlich die Magnettafel zu liefern, die ich Anfang Dezember bestellt habe. Die ist nicht schwer, aber sperrig. Dazu kommen noch die Bodenmatten, die ich gestern gekauft habe.

Sonst denke ich nie darüber nach, wie ich solchen Kram transportieren kann – einfach in den Kofferraum schmeißen und gut is. Jetzt muss ich mir tatsächlich Gedanken machen, wie ich das transportiert bekomme. Kriege ich die Teile im Bus mitgenommen? Auf ein Mal ganz bestimmt nicht.

Unvermittelt tut sich auch dafür eine Lösung auf, ein Arbeitskollege wird mir die Sachen am Wochenende vorbeibringen. Sehr schön.

Unschön: Zukünftig muss ich darauf achten, keine sperrigen Gegenstände mehr zur Arbeit zu bestellen. Obwohl… Nach Hause geht ja auch nicht. Da ist ja nie jemand, und wenn eine Zustellung auf dem Dorf nicht möglich ist, werden die Pakete zur Zentralpost am Hauptbahnhof gebracht und müssen dort abgeholt werden. Eine Packstation gibt es auf dem Dorf auch nicht. Die einzige Lösung wäre: Sperrige Sachen so bestellen, dass sie Samstags ankommen.

Das ist eine interessante Erkenntnis: Ich dachte immer, Onlinebestellungen seien super für Leute ohne Auto. Wenn man aber berufstätig ist, sieht das schon ganz anders aus. Hatte ich mir nie Gedanken drum gemacht, aber tatsächlich hat Mobilität auch Auswirkungen darauf, was und wie man online bestellen kann.

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Einen Monat ohne (2): Day Zero

Dezember 2019
Vorbereitung kann manches einfacher machen. Vor meiner lappenlosen Zeit habe ich schwere Dinge, wie Gurkengläser, eingekauft und gebunkert. Discounter und große Supermärkte werden nämlich nur schwer erreichbar sein, und ich muss ja alle Einkäufe quasi auf dem Rücken nach Hause tragen. Jetzt sind die Vorräte gut aufgefüllt. Ich glaube ich hatte noch nie so viel zu essen im Haus.

Kurz vor Weihnachten habe ich mir überlegt, dass ich eine Monatskarte für den Bus kaufen könnte. Aber was kostet sowas und wo bekommt man das her? Für Einzelkarten hat Götham eine App, die ich auch gelegentlich nutze*. Aber Monatskarten?

Ah, hier. Die Website des Verkehrsverbundes sagt, dass es ein gutes Dutzend „Vorverkaufsstellen“ gibt, meist in Tabakläden. Da ist die zwei Euro Karte billiger, als wenn man sie im Bus kauft. Aha, wieder was gelernt.

Ich lasse 53 Euro in einem Tabakladen und bin fortan stolzer Besitzer einer Monatskarte, gültig ab dem 02. Januar 2020.

02. Januar 20
Tag 0 ist gleich eine kleine logistische Herausforderung. Das steht an:

  1. Der Führerschein muss zur Post gebracht und per Einschreiben zu Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh geschickt werden, auf das sie ihn einen Monat verwahrt.**
  2. Bei Aldi gibt es ab heute Bodenmatten, da hätte ich gerne welche von.
  3. Ich darf auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, Handwerker werden erwartet.

Ich brauche also eine Post, einen Aldi und das bitte so, dass ich rechtzeitig bei der Arbeit bin.

Gar nicht so einfach, die meisten Aldis liegen außerhalb in Gewerbegebieten. Ach ne, hier, der da – der liegt bei einem Rewe, und darin ist eine Postfiliale. Aber wie komme ich da hin?

Die Website des Verkehrsverbundes ist sperrig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Zwar spuckt sie mir eine Busverbindung aus, bei der ich nur drei Mal umsteigen und vorher durch alle Stadtteile fahren muss, aber sie zeigt mir z.B. nicht auf einer Karte, wo die Bushaltestellen sind, an denen ich umsteigen muss. Und die meisten tragen Namen, die ich noch nie gehört oder auf dem Stadtplan gelesen habe.

Nach einigem Rumklicken finde ich dann raus, dass bei jeder Buslinie eine Open Street Map mit der Route hinterlegt ist. Nach dem Studium dreier Busrouten und der Lage von verschiedenen Haltstellen finde ich sogar noch eine Direktverbindung zu Post/Aldi und eine zeitnahe Rückfahrt zur Arbeit. Na dann, los geht´s!

In der Einfahrt steht das Kleine Gelbe AutoTM, eingepackt in eine Halbgarage, die extra für diesen Monat gekauft wurde. Die Fenster bei der Kiste sind ja undicht, und nach einem Monat Regen und Schnee und ohne Heizung zwischendurch könnte ich darin im Februar wohl Schimmelpilze ernten. Reicht schon, dass in vier Wochen die Batterie leer sein wird.

Die Nacht über ist es kalt geworden. Minus 6 Grad zeigt das Thermometer. Das Geräusch von Eiskratzern auf Windschutzscheiben in allen Straßen hören. An der Bushaltestelle vor mich hinfrierend sehe ich, wie ein Mann Anfang 70 einen alten Mazda freikratzt, ihn kurz anlässt, dann wieder ausmacht und im warmen Haus verschwindet. In Mumpfelhausen gibt es sie noch, die Gentlemen, die früh aufstehen, rausgehen und das Auto freikratzen, damit die Frau sofort zur Arbeit fahren kann.

Der Bus kommt mit fünf Minuten Verspätung, aber immerhin ist der ÖPNV angenehm leer. Meine Timeline auf Twitter weiß auch, warum.

Eine halbe Stunde gurkt der Bus kreuz und quer durch die Stadt, vom Klinikviertel zur Uni, von da in die Südstadt, dann nach Osten und einen Berg hoch. Den letzten Kilometer muss ich den Berg hoch laufen.

Vor dem Rewe-Markt läuft ein Mann mit einem Laubbläser herum und macht damit einen Heidenlärm. Alles für drei Blätter, zumindest sieht es im ersten Moment so aus. Dann sehe ich den Berg an abgebrannten Silvesterfeuerwerk, dass der Mann schon zusammengeblasen hat.

Als ich der Postfrau den Umschlag mit meinem Führerschein überreiche, der jetzt als Einschreiben nach Gütersloh geht, fühlt sich das seltsam unprätentiös an. Ich hatte gedacht das würde jetzt ein andächtiger Moment werden, so rein gefühlsmäßig, aber stattdessen eile ich weiter. Tagesaufgabe 1 erledigt. Morgen wird der Führerschein in Gütersloh sein, dann beginnt das Fahrverbot zu laufen. Zwar darf ich auch heute schon nicht mehr fahren, aber das zählt nicht. Heute ist Tag Null.

Tagesaufgabe 2: Bodenmatten kaufen. Wenn ich mich beeile schaffe ich den Bus noch, der in sieben Minuten von hier zur Arbeit fährt. Fall das nicht klappt, muss ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe.

Im Eingang des Aldi-Markts steht ein Mercedes mit laufendem Motor. Darin lehnt ein weißhaariger Mann Mitte 60 mit dem Kopf an der Scheibe. Es gibt sie noch, die Gentlemen, die dafür sorgen, dass die Frau nicht weit laufen muss und ein warmes Auto vorfindet, wenn sie den Einkauf erledigt hat. Boomer, ey.

So, Bodenmatten gefunden, jetzt bezahlen und weg hier. Fünf Minuten noch. Der Mann vor mir hat einen beachtlichen Einkauf in mehre Abrechnungen gesplittet, aber die Kassiererin ist schnell.

Noch vier Minuten. Der Typ ist abkassiert und dreht sich gerade um zum Gehen, als ihm noch was einfällt. „Wo ist der Bon?“, fragt er. „Habe ich ihnen gegeben“, sagt die Kassiererin. „Ich habe den aber nicht“, sagt der Mann.

„Ich habe ihnen den aber gegeben“, sagt die Kassiererin. „Da ist er doch.“ -„Nein, das ist nur der dritte, wo ist der zweite?“ „Den habe ich ihnen auch gegeben“ Der Mann beginnt in seinem Portemonnaie zu wühlen, die Kassiererin in ihrem Mülleimer.

Eine Kundin mischt sich ein. „Hier liegt auch Geld auf dem Boden!“, sagt sie und klaubt 11 Cent auf. „Es geht nicht um Geld“, sagt die Kassiererin. „Es geht darum, dass sie mir meinen Bon nicht gibt“, braust der Mann. „Ich HABE ihnen den gegeben“, sagt die Kassiererin. „HABEN SIE NICHT!“, wird der Mann laut.

„Hat sie, ich habe es gesehen“, sage ich. „Sehen sie! Er hat’s gesehen!“, ruft die Kassiererin und der Mann guckt verwirrt. Ich habe nichts gesehen, ich habe geträumt, aber mich nervt, wie der Mann die Kassiererin angeht. „Was mache ich nun mit dem Geld??“, sagt die andere Kundin und hält die 11 Cent hoch.

Noch zwei Minuten. „Entschuldigen sie, ich muss zum Bus“, sage ich. Die Kassiererin guckt mich genervt an, und ich schiebe ein „Sorry“ hinterher.

Zwei Minuten und einen kurzen Sprint später sitze ich in Linie 73. Wer hätte gedacht, das Busfahren so spannend ist – und man erlebt definitiv mehr als mit dem Auto.


*) um ehrlich zu sein: Nur, wenn ich ein Motorrad aus der Werkstatt holen muss.
**) Theoretisch geht auch die Abgabe an einer Polizeidienststelle, die den Führerschein dann versendet. Aber die Dienststelle in der Göthamer Innenstadt macht das nicht.

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Einen Monat ohne (1): Lappenlos

Das neue Jahr ist da, und ich mache jetzt mal ernst mit einem Monat Enthaltsamkeit. Ich werde einen Monat lang statt des Autos oder eines Motorrads nur Füße, Fahrrad, Busse und Bahn nutzen.

Kann man ja mal machen. Für den Klimaschutz?

Äh, ja…. ganz genau. Ich möchte mehr für den, äh, Klimaschutz machen. Sicher. Diese Erkenntnis kam quasi blitzartig über mich.
Blitzartig, kurz vor Halle in Westfalen.

Ich war auf der Landstraße unterwegs und gerade aus einem Ort rausgefahren. Etwas in Gedanken hatte ich nicht darauf geachtet, wie schnell man da eigentlich fahren durfte, und über einen längeren Abschnitt kam dann auch kein Geschwindigkeitsschild mehr. „100“, zeigte das Navi des Mietwagens an. Na dann.

Aber irgendwas fühlte sich komisch an, und deshalb fuhr ich langsamer. Deutlich langsamer zuerst. Ich hatte ja Zeit, Arbeitstag war vorbei. Im Laufe der Strecke – breit, gut ausgebaut, übersichtlich – ließ ich den Audi wieder schneller rollen.

BLITZ.

Ok, das war jetzt doof. Da war ein Blitzanhänger hinter einem Baum auf der linken Fahrbahnseite. Aber wie schnell durfte man denn jetzt hier eigentlich fahren?

Das erfuhr ich zwei Wochen später, als ich ein Schreiben vom Landkreis Gütersloh im Briefkasten hatte. Weil weiter vorne eine Baustelle war, hatte man offensichtlich auf der Strecke temporär ein Limit von 50 km/h eingerichtet. Ich lag exakt 41 km/h drüber. Das ist ziemlich unglücklich, denn bis 40 Stundenkilometern drüber gibt es nur eine Geldstrafe, ab dem 41. Kilometer ist aber der Lappen einen Monat weg.

Ob ich zum Sachverhalt eine Aussage machen wollte, fragte Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh. Ich schrieb ihr einen netten Brief, in dem ich ihr darlegte, dass ich das wohl war, aber nur unglücklich vor mich hin geträumt hatte. Hätte ich rasen wollen, wäre ich schneller gewesen. Ob wohl dieser nicht vorhandene Vorsatz ein Grund wäre, vielleicht noch mal einen Stundenkilometer abzuziehen und auf 40 km/h drüber zu kommen?

Der Brief sorgte offensichtlich für Erheiterung bei Frau Webermann. Sie bedankte sich für die „längliche Darstellung des Sachverhalts“ und wies darauf hin, das, sollte ich ein Härtefall sein und den Führerschein un-un-unbedingt brauchen, das ja darlegen könne. Dann könnte sie vielleicht das Fahrverbot in eine höhere Geldstrafe umwandeln. Ich bräuchte dafür aber ein Schreiben meines Arbeitgebers, dass ich ohne Lappen quasi meinen Job los wäre.

Ansonsten könnte ich mir aber in einem Viermonatsfenster aussuchen, wann ich zu Fuß gehen wollte, und ich sollte ich doch zusehen, dass ich die führerscheinlose Zeit doch vielleicht in den Urlaub legen sollte. Haha. Ausgerechnet. Wo mein Urlaubskonzept doch gerade von Individualbmobilität geprägt ist. Klar, 3 Wochen Japan, das hätte schon gepasst. Leider wollte ich da auch gerne Auto fahren, wenn auch nur zwei, drei Mal, aber genau für den Zweck hatte ich schon eine Übersetzung meines Führerscheins ins Japanische anfertigen lassen, und war nicht bereit die einfach so abzuschreiben.

Bin ich ein Härtefall, der den Führerschein unbedingt braucht? Ich bin recht häufig auf Dienstreisen, aber meist mit der Bahn. Mietwagen sind da die Ausnahme. Also eher nicht.

Ich hätte natürlich so tun können und dann vor Frau Webermann rumflennen, dass ich armer Mensch ohne Führerschein praktisch nicht mehr lebensfähig bin, aber wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich die Einstellung vertrete, dass man nicht lang jammern soll, wenn man Mist gebaut hat, sondern die Strafe gefälligst ertragen soll. Aus einem Vergehen rauswieseln, das ist nicht mein Ding.

So kommt es, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meinem 16. Lebensjahr einen Monat ohne motorisiertes Fahrzeug unterwegs sein werde und hier begleitend aufschreibe, wie das so ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schreibe das hier nicht um rumzujammern, sondern weil ich selbst gespannt bin, wie das wird. Vermutlich unspektakulär, aber man weiß ja nie – ich wohne auf dem Dorf. Nicht weit auf dem Land, aber immerhin. Mobilität war als Ressource für mich die letzten 28 Jahre, mit einer kurzen Ausnahme, praktisch rund um die Uhr verfügbar und selbstverständlich, da wird es vielleicht schon spannend mal zu gucken, wie das ist, wenn etwas selbstverständliches einfach weg ist.

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Das war das Jahr, das war (2019)

Am Jahresende traditionell die Rückschau.

2019 war zermürbend.
Ich habe viel gearbeitet und hatte zu wenig Bewegung. Eine Zahl von 390 auf dem Überstundenkonto allein für dieses Jahr spricht da eine deutlich Sprache. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß, war ich unterwegs. Für bloggen oder was anderes blieb meist keine Zeit. Immerhin konnte ich mich politisch ein wenig engagieren: Gegen Uploadfilter, für Klimaschutz. Das war gut.

Lage der Nation: Politisch same Procedure as every year seit 2014, nur schlimmer: Die ehemaligen Volksparteien reiben sich weiterhin in der Groko auf und beten die schwarze Null an – mehr Demokratiefeindlichkeit war selten. Die AFD schneidet auf Länderebene, insb. bei Landtagswahlen im Osten, stark ab, und die Erkenntnis wächst: Die wird nicht trotz, sondern wegen ihrer Rechtsradikalität gewählt.

Überall im Land wittern Rechtsextreme und Neo-Nazis nun Morgenluft und werden immer dreister. So müssen sich Fernsehsender gleich mehrfach entschuldigen, weil in Serien und Nachrichten Aufkleber mit Slogans wie „Gegen Rassismus“ und „FCK AFD“ zu sehen sind, und die AFD klagt sogar gegen eine Plakette mit der Aufschrift „gegen Rassismus“ am Frankfurter Rathaus. Das sind die Auswüchse der kontinuierlichen Verschiebung der Grenzen des sag- und machbaren nach Rechts.

Weiterhin versucht der Vermögensverwalter Black Rock ihren Friedrich Merz als Kanzlerkandidat der CDU zu installieren, während die Kandidatin von Merkels Gnaden, Annegret Kramp-Karrenbauer, auf ungeschickteste Art durch die Gegend eiert und nur dadurch auffällt, dass sie groben Unfug von sich gibt und sogar im Affekt Zensur fordert. Schlimm, diese Unfähigkeit und Instinktlosigkeit.

Merkel selbst ist das egal, sie sitzt stoisch ihre Restzeit ab und macht nix mehr, weder Innenpolitisch noch für Europa oder gar die Welt. Das ärgert die Jugend, die in Millionenzahl für Klimaschutz auf die Straße geht – und weitgehend ignoriert und verhöhnt wird. Darauf macht ein junger Mann ein Video mit dem schönen Titel „Die Zerstörung der CDU“, in dem er schlicht Fakten über die Partei und ihr Verhalten in Klimafragen zusammenträgt. Das Video wird Millionenfach geklickt und hat Einfluss auf Wahlen, bei denen die CDU in der Gruppe der jungen Wähler von 27 auf 12 Prozent fällt die Grünen erstaunlich stark abschneiden. Bei den Unionsparteien ist die einzige Konsequenz, dass sie jetzt Youtube-Kanäle hat. Seufz.

Das Thema Klimakatastrophe bewegt – Jugend und vernünftige Menschen fordern die Politik auf zu handeln, und deutlicher als zuvor wird klar, dass es Gesamtgesellschaftlich nicht so weiter gehen kann mit endlosem Verkehrswachstum und Verheizen von fossilen Brennstoffen. Das weiß man eigentlich seit den 80ern, aber jetzt rückt es wieder ins Bewusstsein. Erstaunlicherweise provoziert das eine erstaunlich große Bevölkerungsgruppe, die denkt man wolle ihr was wegnehmen, und darauf mit unfassbarem Hass reagiert, klimaschützenden Kindern übelste Morddrohungen entgegenschleudert und sich dazu bekennt „stolze CO2-Produzenten zu sein“. In Sachsen kann man sogar Silvesterböller mit der Aufschrift „FUCK YOU, GRETA!“ kaufen.

Das hat aber Methode. Gerade Umweltthemen werden von rechten Gruppen genutzt, um sich daran ab zu arbeiten und Empörung zu produzieren. Einen traurigen Höhepunkt erleben wir kurz nach Weihnachten, als ein nicht mal lustiges Satirelied aus dem WDR-Progamm, das auf Klimaschutz anspielt, von rechten Personen und Gruppen genutzt wird, um einen Shitstorm hochzuziehen.

Die klassischen Medien sind damit überfordert und halten das rechte Trolling für echte Meinungen. In der Folge knickt der WDR-Intendant ein, was wiederum Nazis ermuntert, vor das Funkhaus des WDRs zu ziehen und dort die Nationalhymne zu gröhlen, das Privathaus des verantwortlichen WDR-Mitarbeiters zu belagern und Listen über WDR-Personal zu erstellen. Deutschland hat ein massives Problem mit Rechtradikalität. Die hat sich jahrelang auf Fecebook und Twitter und in Talkshows ausgebreitet, jetzt sehen die Rechten das Feld bereitet um ihren Hass auf die Straße zu tragen.

Lage der Welt: Die Demokratien sterben.
Nicht durch Kriege, sondern durch demokratisch gewählte, rechte Parteien, die die demokratischen Systeme rasant und von innen heraus demontieren.

In Polen wird die Justiz per Gesetz der Politik unterstellt. In Ungarn kaufen Kumpels von Orban alle Medienhäuser auf, die fortan nur noch Propaganda senden. Die Türkei überfällt Nachbarländer. Brasilien lockert Waffengesetze und brennt den Regenwald ab, um Soja an China zu liefern, das Dank Trumps Strafzöllen kein Soja mehr aus den USA bekommt.

Legt man Umberto Ecos 14-Punkte-Checkliste an, kommt man schnell darauf, dass wir es in all diesen Ländern inkl. der USA mit erstarkendem Faschismus zu tun haben. Fußnote: Deutschland liefert an all diese Länder Waffen.

Trump nimmt die USA weiterhin aus wie eine Weihnachtsgans und macht sich und seinen reichen Freunden die Taschen voll. Umwelt- und Arbeitsschutzauflagen, Verbraucherschutz, sogar Energiesparlampen, alles wird zurückgerollt. Gleichzeitig erpresst er andere Länder: Die Ukraine, um politische Gegner zu diskreditieren, Deutschland, um Amerikas Frackinggas zu kaufen. Die USA, ein Schurkenstaat aus der dritten Welt.

Ein Impeachment läuft, aber irgendwie hat der Geisteskranke es geschafft, die Republikaner geschlossen hinter sich zu versammeln. Die verkünden dann auch im Vorfeld des Verfahrens einen Freispruch. In 5 Jahren, wenn Trump abtritt, wird diese Partei mit ihm untergehen. Generell stellt sich aber die Frage, wie mit dem politischen System der USA umzugehen ist, wenn das Zweiparteienprinzip aufgrund von Tribalism offensichtlich nicht mehr funktioniert und die Legislative sich weigert, die Exekutive zu kontrollieren.

England verschiebt mehrfach den Brexit, dann wählt es Boris Johnson. Der verkündet darauf, den Brexit jetzt aber wirklich machen zu wollen, und außerdem Gesetze einzubringen um die Rechte des Parlaments zu beschneiden und es jederzeit auflösen zu können. Ein Faschist, schlimmer als Trump.

Zumindest in Italien formt sich Protest gegen den Faschisten Salvini, der früher im Jahr aus der Regierung geflogen ist und nun im Hintergrund Strippen zieht, um möglichst bald wiedergewählt zu werden.

Und sonst noch? Hier die immer weiter mutierende Form des Bloggerdorf-Fragebogens.

Wort des Jahres: Motorradtourette

Zugenommen oder abgenommen? Achgottjazugenommen.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich.

Am meisten ausgegeben für… die Wartung und Anpassung der Fahrzeuge.

Die teuerste Anschaffung? Eine Mavic Air.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Seufz. Zu viel Arbeit um noch Lust an Sport zu haben. Ich weiß, verkehrte Einstellung.

Die hirnrissigste Unternehmung? Einen Tag nach Fieber kilometerweit auf einen heiligen Berg stiefeln.

Ort des Jahres? Tokyo.

Das leckerste Essen? Frühstück im Il Pino Marittimo.

2019 zum ersten Mal getan? Einen Langstreckenflug.

2019 endlich getan? Eine 3D-Brille getragen und eine Drohne geflogen.

Gesundheit? Zystendings am Auge entfernt, Blutdruck noch leicht zu hoch, sonst gut.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen? Hemden eine Größe größer kaufen zu müssen

Gereist? Oh ja. Im Februar nach London, im Sommer mit dem Motorrad durch Südeuropa und im Herbst nach Japan.

Film des Jahres: I am Mother, The Happytime Murders

Theaterstück des Jahres: Harry Potter and the cursed Child

Musical des Jahres: Tina

Spiel des Jahres: Der aktuelle Konsolenzyklus ist am Ausklingen, was sich bemerkbar macht. Es wird noch eine handvoll Triple-A-Games geben, aber die haben sich alle verschoben. Das wichtigste Release des Jahres war „Red Dead Redemption 2“. Das war toll, Spiel des Jahres ist für mich aber ein anderes: „Yakuza Kiwami 2“ hat eine tolle, lineare Geschichte und ist launig. Ebenfalls nicht schlecht ist „Innocence: A Plague Tale“, eine Double-A-Produktion aus Frankreich.

Serie des Jahres: Chernobyl.

Buch des Jahres: Edward Snowden: Permanent Record.

Ding des Jahres: Eine Tischdecke und Bettzeug, nach meinen Vorstellungen angefertigt.

Spielzeug des Jahres: Die Prism-Tube Wifi Kamera.

Enttäuschungen des Jahres: „Assassins Creed III Remastered“. Immer noch kein gutes Spiel. „X-Men: Dark Phoenix“ ist purer Müll. Und „Wolfenstein: Youngblood“ ist so schlecht und unfair, dass es verdient getankt ist.

Die schönste Zeit verbracht damit…? Mit dem Reisemotorrad eine Motorradreise zu machen.

Vorherrschendes Gefühl 2019? Anspannung und Stress.

Erkenntnis(se) des Jahres: Die AFD wird nicht gewählt obwohl, sondern weil sie rechtsradikal ist.

In diesem Sinne: Ich wünschen einen guten Start in ein tolles 2020! Ihr seid eine tolle Leserschaft und ich bin immer wieder sehr froh und stolz darauf, wer sich hier so tummelt. Ich lerne viel von Euch, und das ist super.

Nekrolog:

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Momentaufnahme: Dezember 2019

Herr Silencer im Dezember 2019

Wie, warum ist dieses Weihnachten nicht schon lange rum?“

Wetter: Anfang des Monats bei -5 Grad nachts knackig kalt, in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit fühlt sich das wie Minus 20 an. Dann wird es so mittelkalt bei 5 Grad und regnet praktisch ständig, am Monatsende rutschen die Temperaturen dann auch tagsüber ins Minus, dafür scheint dann die Sonne.


Lesen:

Alita: Battle Angel – Vol.1 & 2.
Eine Cyberpunk-Zukunft: Auf dem Müll liegt ein Cyborgkopf rum, in dem das Gehirn eines Teenagers steckt. Auf einen Kampfkörper gesteckt, wir der Teen zu einem Battle Angel.

Die Geschichte der diesjährigen Verfilmung von „Battle Angel“ endete genau in dem Moment, als es gerade richtig spannend wurde. Ich wollte wissen wie es weiter geht, und habe mir daher die Buchreihe gekauft.

Die gibt es in einem 5 kg(!) schweren Schuber als Gesamtausgabe. Band 1 erzählt im Wesentlichen die Story des Filmes, tut das aber angenehm knapp und nicht so emotional und Ausufernd wie dieser. Band 2 dreht sich ausschließlich um das Rollerball-Rennen, das im Film eher kurz dazwischen geschoben wird.

Man merkt, dass die Geschichte schon dreißig Jahre alt ist. Storytechnisch geht es mit einer oberflächlichen Naivität voran, die typisch für die beginnenden 90er ist: Dinge passieren, weil sie cool sind, und nicht, weil sie sinnvoll in ein erzählerisches Gerüst eingebettet sind. Zeichnerisch ist das Alita leider auch keine Offenbarung. Viele Panels sind unverständlich krude angelegt, die Zeichnungen mal naturalistisch, mal seltsam abstrakt. Das ist nur zum Teil dem Zeitgeist geschuldet – den Autoren fehlt hier schlicht der Blick für eine nachvollziehbare und cinematische Erzählung, den der späte Leser durch eine andere, popkulturell intensivere Sozalisierung erwarten würde.

Mit anderen Worten: „Alita“ ist über weite Strecken langweiliges Gekrickel, weil die Macher es nicht besser konnten. Das ist schade, denn die überbordende Aktion und die coolen Ideen kommen durch die schlechte Umsetzung nie rüber. Oder mir fehlt die Fantasie. Ich verstehe, was hier gemacht werden sollte und sehe durchaus Idee A und Idee B, aber wie die Macher von A nach B kommen ist unbeholfen erzählt und schlecht gezeichnet.


Hören:


Sehen:

Anna [Prime Video]
Ein blondes Model wird von verschiedenen Geheimdiensten angeworben und veranstaltet Blutbäder.

Alte Männer neigen dazu sich zu wiederholen, und Luc Besson bildet hier keine Ausnahme. In „Anna“ erzählt er SCHON WIEDER die eine Geschichte, die er seit seit 30 Jahren immer wieder durchnudelt: Die der schönen, aber armen Frau, die in clandestine Dinge verwickelt wird und dann ordentlich in Ärsche tritt. Klar, „Lucy“ mit Scarlett Johanson ist ja auch schon 5 Jahre her, da kann man ja mal wieder eine Neuauflage drehen. Nach „Nikita“ von 1990, „La Femme Nikita“ (1997), „Nikita“ (2010) und „Lucy“ (2014) ist das hier jetzt die fünfte Verwurstung (von der ich weiß).

Nun heißt Nikita also Anna, und die ist zeitgemäß langbeiniger, blonder und brutaler als ihre Vorgängerinnen, hat aber noch weniger Charakter.

Die eigentlich simple Story versucht durch verwirrende Flashbacks Komplexität zu simulieren, zerbricht damit aber jegliche Struktur im Film und reitet das Pacing in Grund und Boden. Durch diese wirre Struktur stolpern durchgehend unsympathische Figuren, für die man in keinem Moment Empathie oder auch nur Verständnis aufbringt. Highlight könnte Helen Mirren sein, aber die wusste in was für Trash sie hier mitspielt, und gibt ihren Charakter so comichaft überzogen, dass auch sie in Egalität versinkt. Was bleibt, sind blutige Metzelszenen und knochige Körper in Reizwäsche.

„Anna“ ist belangloser Euro-Trash eines alten Mannes, der Filmförderungen nur noch dafür abgreift, junge Frauen in Unterwäsche filmen zu können – und dafür seine eine Geschichte von vor 30 Jahren wieder und wieder recycelt.

6 Underground [Netflix]
Ryan Reynolds (gespielt von Ryan Reynolds) ist Milliardär und nicht ganz dicht. Anders kann man es kaum erklären, wieso er auf die Idee kommt, erst seinen eigenen Tod vorzutäuschen und dann auch noch den von 5 anderen, um mit denen fortan als namenlose „Geister“ jagt auf fremde Staatsoberhäupter zu machen.

Der Film ist die teuerste Eigenproduktion, die Netflix sich bisher geleistet hat. Rund 150 Millionen wurden hier, haha, verballert. Für hanebüchenen Michael-Bay-Blödsinn. Das ist schön fotografiert und enthält Action-Pieces, die man so noch nicht gesehen hat – wie einen auslaufenden Dachpool,der das Hochhaus darunter flutet, oder die Verfolgungsjagd durch Florenz, bei der ich die ganze Zeit dachte: „WIESO zum Teufel durften die da drehen?!“(selbst Michael Bay war erstaunt, das er das durfte), die zugleich aber auch haarsträubend doof sind, denn weder Pacing noch die seltsamen-blöden Charaktere noch die teenagerhaften Dialoge halten den ganzen Kram zusammen.

An manchen Stellen ist die Naivität so cringeworthy, das man sich vor Scham im Fernsehsessel zusammenrollen möchte – etwa, wenn in einem arabischen Regime die USA einen TV-Sender kapern und durchsagen, dass jetzt mal alle frei sind – und zwei Sekunden später Menschen auf den Straßen tanzen und Blumenblüten regnen. Da frage ich mich dann schon: Ist das wirklich das Weltbild des Michael Bay? Oder passt er sich einfach dem IQ seines amerikanischen Publikums an? Man weiß es nicht.

Manche Dinge lassen mich ob ihrer Albernheit schmunzeln – etwa, wenn ein Auto bei einer Verfolgungsjagd am Dom von Florenz in eine Gasse abbiegt, die sich offensichtlich in Rom befindet, um am Ende am Campo von Siena rauszukommen, neben dem der Ponte Vecchio von Florenz liegt. Geschenkt, auch trotz dieser Insiderfehler ist „6 Underground“ ein richtig schlechter Film, der es immerhin ordentlich krachen lässt.

Star Wars Ep.9 – Rise of Skywalker [Kino]

Während Rey zur Jedi ausgebildet wird, stolpert Kylo Ren in einen Keller, in dem der Imperator seit 30 Jahren im Flackerlicht hockt. Andere Leute da sind auf der Suche nach irgendwas und treffen dabei das verlorene Mitglied von Daft Punk.
SumthingSumthingSumthing DARK SIDE.

„Rise of Skywalker“ macht zuvorderst eines: Er wirft Episode 8 in die Tonne und erzählt trotzig die Geschichte weiter, die in Episode 7 begonnen wurde. Im Fließtext am Anfang wird in knappen Sätzen erzählt, was seit „Force Awakens“ wirklich Spannendes passiert ist – und ich muss sagen, DEN Film hätte ich gerne gesehen, anstatt den Rebellen dabei zuzugucken, wie ihnen das Benzin ausgeht.

Was dann folgt ist eine Art Roadmovie, bei der jeder auf der Suche nach einem Macguffin ist. Sowas kann gut funktionieren, siehe „Pirates of the Caribbean – Dead Mens Chest“, der vor allem deshalb so gut ist, weil alle nur Davy Jones Kiste wollen und damit jederzeit die Motivation der Charaktere klar ist.

Episode 9 verstolpert es aber, weil das Pacing hinten und vorne nicht stimmt. Völlig atemlos wird hier zwischen Actonpieces hin und her gesprungen, ruhige Momente gibt es kaum. Das mag davon ablenken, dass die Story wenig Sinn ergibt und so voller Zufälle und Logiklöcher ist, dass selbst meine superstarke Suspension of Disbelief die Fühler streckte. Wenn ich im Kino sitze, Star Wars gucke und ich plötzlich denke „Wie soll DAS denn gehen? Das ist doch Quatsch“, dann stimmt wirklich etwas ganz heftig nicht.

Schon faszinierend: Weder Episode 7, 8 oder 9 sind objektiv gute Filme. Es fehlt 7 und 9 an originellen Ideen, dafür sind sie vollgehängt mit Fanservice und überladen mit JJ-Abrams-Mystery-Geschwurbel. Warum Rian Johnson in Episode 8 einfach IRGENDWAS machen durfte, was überhaupt nicht zum Rest passt und Charaktere nachhaltig beschädigt, wird sich mir nie erschließen.

Und dennoch packen mich diese Filme emotional. Bei Episode 8 kam ich aus dem Kino und fühlte mich ganz großartig unterhalten, bei Episode 9 habe ich die halbe Zeit geweint, und zwar nicht, weil der Film so schlecht war.

Die JJ-Abrams-Episoden liefern viel Fanservice, der bei mir – als jemand der Star Wars als Kind geliebt hat – genau die Resonanzfrequenz trifft und mich emotional zerschüttelt. Dazu kommt, dass ich total auf Daisy Ridley abfahre. So sehr Alan Driver als Kylo Ren eine Fehlbesetzung ist, der die Hälfte der Zeit so wirkt als wisse er nicht, wo er eigentlich gerade ist, so unfassbar gut ist Ridley in ihrer Rolle als Rey. Sie ist es, die für mich über ganz weite Teile die neuen Filme trägt und auch wiederholt anschaubar macht.

Nach allen Regeln der Filmkritik ist „Rise of Skywalker“ kein guter Film, sondern einer mit vielen Fehlern, der aber für Star Wars Fans einiges richtig macht und die emotionale Geige so spielt, dass er gut unterhält
Nostalgie und Daisy Ridley.
Gibt Schlimmeres.


Spielen:

Jedi Fallen Order [PS4]
Irgendwann zwischen Episode III und IV: Der junge Cal Kestis war ein Jedischüler und ist der Order 66 und dem Massenmord an den Jedi nur knapp entkommen. Nun versteckt er sich vor dem Imperium und dessen Spionen auf einem abgelegenen Schrottplaneten. Durch einen dummen Zufall wird er dort von der imperialen Inquisition entdeckt und gejagt. Auf der Flucht findet er neue Verbündete und wird unvermittelt in eine weitaus größere Rolle hineingeschubst: Er könnte derjenige sein, der den Orden der Jedi wiederbelebt.

„Fallen Order“ stammt vom Studio Respawn Entertainment. Das habe ich seit dem grandiosen Einzelspielermodus von „Titanfall 2“ auf dem Schirm. Der hatte eine tolle Story, strotzte vor coolen Ideen und war technisch auf der Höhe.

„Fallen Order“ ist leider nicht ganz so gut, weder technisch noch erzählerisch. Auf einer Standard-PS4 ruckelt das Spiel andauernd, die Story hat im Mittelteil lange Hänger und das ständige Backtracking in bereits besuchte Gebiete ist höllennervig. Ich persönlich kann mit dem Dark-Souls-mäßigen Kampfsystem nichts anfangen, das zudem unpräzise zu steuern ist und bei dem man im Falle eines Bildschirmtods Erfahrungspunkte verliert.

Das ist besonders frustrierend, weil schon der normale Schwierigkeitsgrad sehr, sehr schwer ist. Ohne intensives Studium der gegnerischen Angriffsmuster und das Sterben von Hunderten von Toden (auf die laaaaange Ladezeiten folgen) geht hier gar nichts. Niemand, der älter als 14 ist, wird so viel Lebenszeit investieren wollen. Der leichtere Schwierigkeitsgrad bietet dafür überhaupt keine Herausforderung mehr, simples Buttonmashing reicht, um selbst die härtesten Gegner zu bezwingen – das macht dann nun gar keinen Spaß mehr.

Ähnlich unbefriedigend ist auch das Speichersystem: Selbstheilung gibt es nicht, nur durch Speichern erhält die Figur Energie zurück. Speichern geht aber nur an bestimmten Punkten und sorgt dafür, dass sofort alle bereits besiegten Gegner auf dem ganzen Planeten wieder da sind. Sollen ditte?

Dadurch kämpft man sich teils ein halbes Dutzend mal durch die immer gleichen Gegnergruppen, die einfach ständig wieder auferstehen. Diese Art von Spielmechaniken hätte es nicht gebraucht. Ja, es ist schön, dass EA endlich wieder ein Einzelspieler-Star-Wars-Spiel ohne Mikrotransaktionen und Multiplayergehampel gemacht hat – aber es fehlt leider an Richtung und Polishing.

Das ich aus „Fallen Order“ dann doch zufrieden rausging, liegt an dem grandiosen Ende der Geschichte. Nach einem laaaaangen Hänger in der Mitte dreht das Spiel auf die letzten Stunden storytechnisch so auf, dass man aus dem Staunen kaum raus kommt. Zumindest, wenn man keine Werbung gesehen hat. In den USA hat Electronic Arts es nämlich geschafft, in einem 10 sekündigen Werbespot das Ende zu spoilern.

In der Summe: Souls-like mag ich nicht, und auch davon abgesehen ist „Fallen Order“ kein Spitzenspiel. Die Dark-Souls- und Castlevania-Elemente hätte es nicht gebraucht, eine linearere Story wäre hier keine Schande gewesen. Aber es ist gut und unterhaltsam, und das ist ja mehr als es gefühlt seit „Force Unleashed“ (2008) gab .

Control [PS4]

Jessie hat rote Haare und geht in ein Gebäude. Mehr weiß man anfangs nicht. In dem Betonhochhaus liegt ein toter Mann rum. Als sie die Waffe nimmt, mit der der Mann sich erschossen hat, ist Jessie plötzlich Direktorin des FBC, des Federal Bureau of Control. Diese Behörde kümmert sich eigentlich im Stil der „Men in Black“ um übersinnliche Phänomene, ist aber leider gerade selbst von einem überrannt worden. Jessie beginnt die leeren Korridore des FBC zu erkunden. Das sich das Gebäude über mehrere Dimensionen erstreckt und ständig seine Form ändert, macht die Sache nicht einfacher.

Ok, die Story löst erst einmal „Hä?!“ aus, aber sowas erwartet man von Remedy schon fast. Das Studio hat sich nach den simplen Geschichten um „Max Payne“ deutlich emanzipiert, mit Werken wie „Alan Wake“ und zuletzt „Quantum Brake“ erzählen die Finnen komplizierte und interessante Geschichten im Medium Spiel. Feste Bestandteile sind ganz viel Atmosphäre, übersinnliche Elemente und Gameplayelemente, die über reines Shootern hinausgingen.

„Control“ ist ein weiterer Evolutionsschritt dieser Formel und pfeift mit der Wahl eines Schauplatzes gleich mal auf die Regeln von Physik und Realität. Das ist ebenso originell wie anders, fällt aber über seine eigenen Füße: Viel zu lange weiß man von der Hauptfigur nicht mehr, als das sie rote Haare hat. Zwar wird die Geschichte irgendwann hinreichend befriedigend aufgelöst, bis dahin aber über Dutzende (gefühlt: Hunderte) Textdokumente angereichert, die zu lesen sehr sinnvoll ist um zu verstehen was passiert. In den Textwüsten gibt es grandiose Ideen, wie die, dass Jessies „Dienstwaffe“, die sie zur Direktorin auserwählt hat, in früheren Zeiten andere Formen hatte – das Schwert Excalibur, oder davor eine heilige Wikingeraxt.

Das Gameplay ist mäßig originell, spielt sich aber ganz OK – zumindest so lange, wie auf dem Bildschirm nicht zu viel los ist. Nahezu jedes Umgebungsobjekt lässt sich zerstören oder als Waffe benutzen, Gegner und Jessie selbst können irgendwann fliegen und jeder Waffeneinsatz löst Partikeleffekte aus. Für so ein Physik-Inferno braucht es massive Rechenpower, und die hat die PS4 nicht, zumindest nicht in der Standardversion. Darum bricht in Massenkämpfen die Framerate gelegentlich bis auf 10 Bilder pro Sekunde ein. Zum Glück ist das nach mittlerweile sieben Patches schon besser geworden, kurz nach Release war Control kaum spielbar.

Zu den Performanceproblemen kommen der nicht einstellbare und nicht dynamische Schwierigkeitsgrad, der stellenweise unangenehm und bei Nebenquest sogar überfordernd ist, endlose Ladezeiten, respawnende Gegner und Rücksetzpunkte, die oft Minuten vor dem letzten Ableben liegen. Keine Ahnung was sowas soll. Die Kombination aus bockschweren Gegnern, bei denen man quasi nach wenigen Sekunden ins Gras beißt, um dann minutenlang auf den (ruckelnden!) Ladebildschirm zu starren um danach wiederum minutenlang zum Gegner zurückzulaufen um DANN wieder nach Sekunden zu sterben – das ist kein Spiel, das mir persönlich Freude macht. Das ist unfair uns sperrig. Weniger offener Ansatz und mehr Linearität wäre auch hier schön gewesen.

Zusammengefasst: „Control“ ist ein faszinierendes und sperriges Werk. Man merkt, dass sich Remedy von Microsoft getrennt hat: Es fehlt das Polish einer Triple-A-Produktion, wie „Quantum Break“ eine war. Das interessante Setting und die komplexe Geschichte, die sich erst nach und nach entfaltet, gleichen die permanent ärgerlichen Schnitzer im Spieldesign zum Teil wieder aus, Geduld sollte man allerdings mitbringen.


Machen:
Die letzten Wochen des Jahres sind bis Monatsmitte traditionell etwas hektisch bei der Arbeit. Danach: Vorbereitung auf ein, äh, interessantes Projekt im Januar.


Neues Spielzeug:

Eine Mavic Air von DJI, Codename „Pica“. Ja, ich gehe jetzt auch unter die Drohnenpiloten. Also, sobald das Wetter besser ist.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch 2019 (5): Abschiedstour durch die Toskana

Auf Sommerreise mit der V-Strom. Heute mit einer Pause in der Toskana.

Pfingstmontag, 10. bis Montag, 18. Juni 2019

Ich schlafe bis Mittags, tappe ein wenig in der Wohnung auf „I Papaveri“ herum, falle wieder um und schlafe weiter. Die letzten Tage, ach was, die letzten Wochen und Monate waren anstrengend, das signalisiert mir mein Körper jetzt sehr deutlich. Wenn er Gelegenheit zum Abschalten hat, macht er das auch, und bei mir bricht die angeborene Faulheit durch.

Erst am späten Nachmittag schaffe ich es mich aufzuraffen und in den Sattel der Barocca zu klettern. Ich fahre die Küste runter bis nach Venturina. In dem acht Kilometer entfernten Ort ist ein Geschäft der Telekom Italia Mobile, der TIM. Es ist Pfingstmontag, aber in Italien ist das kein Feiertag.

Zur Telekom muss ich, weil ich eine neue SIM brauche. Die Datenkarte, die ich seit drei Jahren nutze, wurde immer von einem Serviceunternehmen in Meran betreut. Denen konnte ich sagen was ich möchte, dann habe ich denen Geld per Paypal überwiesen und die haben dann für mich mein TIM-Kundenkonto benutzt und das richtige gebucht. Das machen die aber jetzt nicht mehr, wegen „EU“ und „Datenschutz“. Das ist eine dumme Ausrede und sehr schade – ich fand es immer toll, gegen 99 Euro für das ganze Jahr 50 GB Daten zur Hand zu haben, zumal das 4G Netz in Italien irrsinnig gut ausgebaut und schnell ist.

Das TIM-Kundenkonto selbst zu nutzen ist keine Option. Das fängt schon damit an, dass man aus dem Ausland kein Geld einzahlen kann. Offiziell geht das, aber sowohl Kreditkarten- als auch Paypalbezahlung mit ausländischen Konten werfen Fehlermeldungen, seit Jahren schon.

Mit dem Webservice „Xoom“ hätte ich es schaffen können die Blockade der TIM gegen Ausländer zu umgehen, aber ganz ehrlich: Ein Blick in das Backend meines TIM-Kundenkontos hat mich verzweifeln lassen. Es gibt keinen einfachen Knopf um die SIM-Karte für ein Jahr mit dem vorhergehenden Tarif zu verlängern. Stattdessen gibt es dutzende von Checkboxen und Schaltflächen, die versuchen einem tausend Optionen aufzuquatschen, alles auf Behördenitalienisch.

Dazu kommt, dass die Hälfte der Schaltflächen kaputt ist oder was ganz anderes tun als sie sollen. Die Gefahr ist hoch, mit einem unvorsichtigen Klick versehentlich einen Festnetzanschluss oder ein Faxgerät zu bestellen.

Immerhin gibt es seit diesem Jahr gibt es nun das Angebot „TIM Tourist“. Als Besucher erhält man darüber 15 GB, für 30 Euro. Das ist nicht schlecht, aber auch nur ein Mal buchbar und nur 30 Tage gültig. Egal, dieses Jahr bin ich nur ein Mal in Italien.

Die TIM-Niederlassung in Venturina ist modern eingerichtet. Zwischen Designermöbeln und Ausstellungsflächen mit den neuesten Smartphones stehen Monitore, auf denen lachende Menschen über den Bildschirm tanzen. Vor den Monitoren stehen wütende und aufgebrachte Menschen. Das überrascht mich nicht, sondern entspricht dem, was ich bislang über die Telekom gelesen habe. Deren Service ist unterirdisch, Unfähigkeit an der Tagesordnung, und zuständig ist sowieso niemand. Das ist sytembedingt. Die Angestellten hier im Laden tun nichts weiter, als mit toten Augen und traurigen Mienen zuzuhören und ab und an bedauernd den Kopf zu schütteln. Sie sind Notfallseelsorger für den Unfall namens TIM, wirklich machen können sie auch nichts. Einem besonders aufgebrachten Kunden wird sogar ein Telefon gereicht, damit er seinen Kampf mit der Telekom-Hotline persönlich ausfechten kann.

Als ich dran bin, lege ich einen Zettel auf den Tresen und ernte von der Angestellten einen irritierten Blick. Das Blatt Papier ist ein Ausdruck eines Gutscheins für die Touristenkarte. Habe ich schon zuhause gebucht und bezahlt.

Sie kennt das offensichtlich nicht, macht sich gleich aber erstmal im Backoffice schlau. Dort thront anscheinend eine Art graue Eminenz, die alles weiß und schon allein deshalb keinen Kontakt zu Kunden nötig hat. Ich höre schnelle Gespräche, dann kommt die Angestellte wieder, verlangt meinen Ausweis, kopiert ihn un und tippt dann in ihrem Computer rum. Dann tippt sie noch etwas länger im Computer rum.

Ein Kollege in TIM-Polohemd kommt mit besonders trauriger Miene vorbei und guckt, was sie da macht. Er besieht sich meinen Voucher, fährt die Logos darauf mit dem Finger ab und sagt. „Ach, guck. Ist ja toll, was wir alles so haben. 15 Gigabyte. 4G. Mit Whatsapp. Sogar mit SIM inklusive“.

Ja, das steht da. So hatte ich das im Internet auch verstanden: Alles inklusive, keine Extrakosten. Ich hatte allerdings in Foren auch gelesen, das insbesondere die TIM-Partneragenturen die SIM nicht ohne Extragebühr rausrücken, weil sie sonst nichts verdienen. Aber das hier ist ein Original TIM-Geschäft, die werden vom Staat bezahlt. Der traurige Typ geht wieder, die Frau tippt weiter im Computer rum. Dann noch länger. Dann sagt sie: „das macht 10 Euro für die SIM“.

„Ach“, sage ich. Ich drehe den Voucher zu mir und lese vor „Inclusiva data, whatsapp and SIM“. „Ach, sie haben da schon was für bezahlt?“, sagt die Frau. „Ja“, sage ich. „SIM kostet trotzdem extra“, sagt die Frau. „Nein, ist inklusive“, sage ich. „OK“, sagt die Frau und reicht mir eine SIM, die ich sofort untersuche.

Größe stimmt, 4G stimmt auch, PIN und PUK sind auch drauf. Sehr gut. „A posto“, sagt die Frau wieder, und „OK“. „Ok“ sage ich und will gehen. „Das macht 10 Euro“, sagt die Frau. Was soll denn das jetzt? Will die unbedingt Ärger oder was? „Aber im Internet stand, SIM Inclusive“, sage ich. Dann deute ich auf den Voucher, wo auch TIM SIM steht. Sie zuckt die Schultern und sagt „A Posto“. Das heißt so viel wie „in Ordnung“.

„A…. Posto…“, sage ich und drehe mich langsam Richtung Ausgang, wobei ich die Frau aus den Augenwinkeln im Blick behalte. „10 Euro“, sagt sie. Man, das GIBT ES doch nicht! Was denn nun? „In Ordnung“ oder 10 Euro? „Tutto insieme!“, sage ich. „A posto“, sagt die Frau. Ich wende mich zum Gehen. „10 Euro!“ ARGH!

In dem Moment dröhnt die graue Eminenz aus dem Back Office „ist inklusive!“ Die Angestellte zuckt mit den Schultern und geht weg. Ich rufe ihr und der grauen Eminenz im Back Office ein danke zu, dann stecke ich die SIM ein und flüchte. Meine Güte, bin ich froh italienisch zu sprechen, englisch kann hier nämlich vermutlich niemand und ich mag mir gar nicht ausmalen was für ein Drama dann diese seltsamen Verhandlungen gewesen wären.

Immerhin funktioniert die Karte auf Anhieb. Ich fummele die SIM in das kleine Gerät im Topcase, das Display leuchtet auf und „Connected“ erscheint. Internet! Yay! Ab jetzt ist die Barocca ein fahrender Accesspoint. Wir machen unser eigenes WLAN.

In den folgenden Tage dödele ich in der Toskana herum. Die Sonne scheint und es ist warm, meist um die 25 Grad, aber auch sehr windig. Am Strand von San Vincenzo zu liegen macht bei dem Wetter keinen Spaß, da wird man gesandstrahlt und der Sonnenschirm fliegt weg. Aber Nichtstun und Motorradfahren, das macht Spaß, und deshalb tue ich das sehr ausgiebig.


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Motorradsaison 2019: Top 3 gute Dinge

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Die Highlights (SIC!) des Jahres.

3. Rok Straps
Ein Packgurt mit einem elastischen Mittelteil, ein Klickverschluss, an jedem Ende eine Schlaufe. Mehr sind Rokstraps nicht, aber damit sind sie endlos praktisch und viel leichter zu handhaben als ein normaler Spanngurt. Statt endloser Rumfuddelei und losen Enden, die im Wind flattern, einfach drumschlingen, zusammenklicken, fertig. Egal ob die Gepäckrolle für die lange Reise gesichert wird oder nur der Einkauf vom Supermarkt auf die Rückbank soll, Rokstraps befestigen alles, schnell und unkompliziert. Durch den elastischen Gummiteil halten sie die Spannung und lösen sich nicht. Und notfalls kann man damit sogar das Mopped auf einer Fähre sichern. Ich habe mittlerweile je einen als zusätzlich Sicherung um Koffer und Topcase.

2. Sena Prism Tube Wifi
Ich bringe gerne Videos von Fahrten mit zurück. Dafür nutzte ich bislang am Liebsten die wasserdichte VIRBE XE. Die ist aber zu klobig um sie seitlich am Helm zu befestigen, und AUF den Helm werde ich sie mir nicht kleben – ich bin doch kein Teletubbie!

Auftritt der Prism Tube Wifi. Eine simple und winzige Kamera. Ist nicht wasserdicht (Hersteller: „Wasserbeständig“, haha!) und kann nichts als Videos aufzeichnen (2K). Das Bild ist besser als die FullHD-Virb XE, aber doch am Ende lediglich gut – Bitrate und Farben sind zwar okay, aber für meinen Geschmack ist alles zu überschärft.

Der Charme der Prism Tube liegt aber woanders, nämlich in der Form, der Bedienung und dem Durchhaltevermögen. Die Kamera ist zylinderförmig und schlank und fällt am Helm nicht auf. Der Akku hält gefühlt endlos, die zwei Stunden, die der Hersteller angibt, sind nicht maßlos übertrieben. Das Tollste: Sie hat nur ein Bedienelement, einen umlaufenden Ring. Wird der nach vorne gezogen, zeichnet sie auf. Alle anderen Einstellungen nimmt man über eine App vor, wobei es da auch kaum Optionen gibt. Aufzeichnen, mehr kann die Prism Tube nicht, aber das macht sie über Stunden und zuverlässig. Vlogger können sich noch Lautsprecher und Mikro in den Helm kleben und damit Tagebuch sprechen.

Ähnlich puristisch ist das Zubehör: Es gibt nur eine Klebehalterung für einen Helm, für andere Anwendungen gibt´s nichts und nicht mal eine zweite Helmhalterung bekommt man einzeln. Schade, aber weil mir das Ding so großen Spaß macht, reicht´s noch für Platz 2.

1. Osram Nightracer 110
Die Nightracer-Serie sind H4/H7-Leuchtmittel, die Hersteller Osram mit einer signifikant höheren Lichtausbeute bewirbt. Die geht allerdings auf Kosten der Lebenszeit. Nachdem ich nun zwei Jahre lang mit Nightracer 50 (50 Prozent mehr Licht, leicht reduzierte Lebensdauer) gefahren bin, folgte im April der Umstieg auf die Nightracer 110 (110 Prozent mehr Licht, signifikant verkürzte Lebensdauer).

Ob die 110 Prozent stimmen, weiß ich nicht. Die Leuchtmittel sind aber tatsächlich wesentlich heller und weißer als die Standard-H4-Lampen in V-Strom und ZZR, gegen das Licht der Nightracer wirken die Standardbirnen wie Funzeln. Man sieht damit definitiv mehr und wird auch besser gesehen. In der Suzuki haben die Lampen selbst die an Erschütterungen nicht armen Fahrten im Sommer gut überstanden. Die verkürzte Lebensdauer ficht mich nicht an. Sollte die Lampe doch mal auf Reisen ausfallen, spielt das keine Rolle. Die V-Strom hat ohnehin zwei Scheinwerfer, eben für den Fall, dass einer ausfällt, und ist so gebaut, dass man die Lampen per Hand und ohne Demontage von Leuchte oder Verkleidung hinbekommt.

Einfaches und effizientes „tuning“ für läppische 12 Euro pro Lampe. Mehr Sicherheit für praktisch kein Geld: Das ist ein verdienter Platz Nummer 1.

Kategorien: Motorrad | 10 Kommentare

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