Impressionen eines Wochenendes (33): Hamburg und das verfluchte Kind

„…und wenn das Ding nach Hamburg kommt, werde ich mich um Karten bemühen!“ – so endete die, immer noch wahre, Rezension von „The Cursed Child“ , dem offiziellen achten Teil von „Harry Potter“. Gibt es nicht als Buch oder Film, nur als Theaterstück. Ursprünglich nur in London, aber 2020 sollte es nach Hamburg kommen, und im März 2019 kaufte ich zwei der ersten Tausend Karten dafür.

Pandemiebedingt wurde der Besuch dann drei Mal verschoben, aber nun sollte es endlich soweit sein – und ich Doof suchte mir ausgerechnet das Wochenende aus, an dem Hamburg von Touristen völlig überlaufen würde, das des Hafengeburtstags.

Aber Glückes Geschick: Der fiel aus, und so konnte ich erst das Miniaturwunderland mit den neuen Abschnitten Italien, Provence und Südamerika angucken, dann die Elbphilharmoine besuchen und schließlich mit Frau Zimt fein essen gehen.

Am Samstag dann „Das verwunschene Kind“, so der deutsche Titel, angeguckt. Immer mit dabei: Mudder Silencer. Das passte, denn meine Mudder ist nicht nur cool drauf und riesiger Harry Potter-Fan, es war auch noch das Muddertagswochenende (was ich aber genauso vergessen hatte wie den Hafengeburtstag).

Das Theaterstück, was zur Hälfte Zaubershow ist, wird in zwei Sessions a drei Stunden aufgeführt. Dazwischen sind zwei Stunden Pause, und während der Sessions wird alle 90 Minuten für 20 Minuten unterbrochen.

Die Umsetzung ist super und steht der in London in nichts nach. Lediglich der quiekende Hauptdarsteller nervt etwas, und das Theater, das auf dem Gelände eines Großmarkts ist mit nichts drum rum als LKW-Parkplätzen, stinkt gegen das magische Backsteingebäude in der Shaftesbury Ave gewaltig ab. Ansonsten unbedingt empfehlenswert, auch wenn die tagesfüllende Unterhaltung schon bei den Karten mit zwei- bis dreihundert Euro zu Buche schlägt, und die Preise der Gastronomie sind eine Frechheit.

Übrigens: Im MiWuLa und in dem mit 1.500 Personen vollbesetzten Mehr!-Theater trug kaum jemand eine Maske. Meine Corona-Warn-App rappelt heute noch jeden Tag.


Weiterlesen

Kategorien: Impressionen | 3 Kommentare

Wieder da (05/2022)

Ende letzten Jahres heftige Überlegungen: Die Barocca langsam in Rente schicken? Sie wird halt nicht jünger, und einige kostspielige Wartunsgarbeiten standen an. Nochmal in die alte Maschine investieren? Oder lieber verkaufen und dafür nach etwas Neuem gucken?

Gegen einen Neukauf sprachen mindestens mal die schlechte Verfügbarkeit von Dingen wie Gepäcksystemen. Viel schwerwiegender aber: Ich hatte schlicht keinen Bock nach was Neuem zu gucken, Probe zu fahren, an Ausstattung zu tüfteln.

Die Barocca ist genau so, wie mein ideales Reisemotorrad sein muss. Also, bis auf den rappeligen V-Twin. Und das Aussehen.

Ansonsten passt da alles: Ausstattung, Ergonomie und Zuverlässigkeit sind spitze,  und ich bringe es einfach nicht übers Herz, mich von ihr zu trennen.

Die V-Strom war jetzt zwei Mal in der Werkstatt. Gemacht wurden bei 82.000 km:

  • Kleine Inspektion
  • Ölkühlerschläuche ausgetauscht
  • Bremsbeläge vorn erneuert
  • Gabelöl gewechselt
  • Staubkappen an der Gabel ersetzt
  • Neue Reifen (wieder Metzeler Tourance Next I, die neue Version zwei ist nicht lieferbar)
  • Neuer Kettensatz

Das Gabelöl hat sich so ergeben. Eigentlich waren die porösen Staubkappen das Problem, und wenn die Gabel eh raus muss, kann man auch gleich mal das Öl wechseln. Da das Fahrwerk der V-Strom eh zu weich ist und meine Gabel mittlerweile schon zwei Mal nachnickte bei Gefahrenbremsungen, wurde ein festeres Öl verwendet. Der Unterschied ist spürbar: Die Gabel taucht nicht mehr so tief ein.

So, und damit ist die Schwarze mit dem großen Vorbau wieder fit für die nächsten Touren. Die werden wieder rund 10.000 Km umfassen, von daher waren die Investitionen jetzt sicher gut angelegt.

Kategorien: Motorrad | 15 Kommentare

Von Top Gun bis Astronaut: Motorradoutfits 1991-2022

Neulich ein uraltes Kleidungsstück in der Hand gehabt und dann mal so drüber nachgedacht, mit was für Klamotten ich schon durch die Gegend gefahren bin. Hat sich ja durchaus einiges getan in Sachen Motorradbekleidung seit Beginn meiner Zweiradkarriere. Moped fahre ich zwar erst seit 1991, aber eigentlich fängt die Geschichte schon früher an…

 

 

1986: Top Gun

Muss Mitte der 80er gewesen sein, als es bei C&A in Würzburg diese Kunstleder-Fliegerjacke mit abnehmbarem Lammfell-Kragen aus Polyester gab. Ich war ungefähr 10 Jahre alt und ein riesiger „Top Gun“-Fan und sofort in das Ding verliebt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren mir Klamotten völlig egal gewesen, aber diese Jacke, die wollte ich unbedingt haben. Zu meinem eigenen Erstaunen hatte meine exzessive Bettelei Erfolg und meine Eltern bewilligten das seltsame Kleidungsstück.

Später verschwand der Fellkragen und Anfang der 90er wurde die Jacke mit Aufnähern aus dem „California Depot“, einem Military-Surplus-Laden, in Richtung „Maverick“ gepimpt. Natürlich würde ich mich heute dafür schämen. Aber hey, ich war irgendwas zwischen 10 und 16 und fand Aufnäher cool, die ich heute als kriegsverherrlichend ablehnen würde.


Weiterlesen

Kategorien: Historisches, Motorrad | 9 Kommentare

Momentaufnahme: April 2022

Herr Silencer im April 2022

Trööt des Monats:

Wetter: Anfang des Monats bitterkalt mit Temperaturen nachts bis zu -9 Grad und tagsüber um den Gefrierpunkt. In der zweiten Monatswoche Sturm, Schnee und Regen bei einstelligen Temperaturen. Monatsmitte Sonne, bei Nachts um Null Grad, tagsüber um die 17. In der letzten Woche regnet es das erste Mal seit Anfang März. Die Äcker sind schon wieder trocken wie sonstwas. Letzte Monatswoche wieder trocken und 5 bis 15 Grad.


Lesen:

Stephen King: Billy Summers [2021]
Der Auftragskiller. Der berühmte letzte Job. Das Mädchen.

Diese Geschichte gab es schon in einigen Variationen. Stephen King findet hier aber einen ganz eigenen Dreh, um eine Geschichte von zwei Menschen zu erzählen, die unter seltsamsten Umständen zusammenfinden und eine merkwürdige Beziehung aufbauen.

Dieser Dreh ist aber kein wirklich guter. Zum einen braucht das Buch ewig um in Fahrt zu kommen: Ein Drittel der rund 650 Seiten sind Vorspiel. Dann nimmt die Geschichte Fahrt auf, wirkt aber hingebogen und konstruiert, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Das dann die Story noch dauernd eine Vollbremsung bis zum Stillstand macht, um in einem Buch-im-Buch die Vergangenheit des Auftragskillers im Irakkrieg zu zeigen, macht die Sache nicht besser.

Das klingt jetzt kritischer als es gemeint ist. Trotz der anfänglichen Länge und den Einschüben ist die Geschichte von Billy Summers spannend genug, um stets wissen zu wollen wie es weiter geht. Schön auch zu sehen, das King auf seine alten Tage hier noch mit Genres, Perspektiven und Erzählstilen jongliert und ganz viel ausprobiert. Er schmeißt viel an die Wand, nicht alles davon bleibt kleben, aber es reicht noch für ein spannendes und innovatives Buch.


Hören:


Sehen:

The Brits are Coming! [BluRay]
Uma Thurman verzockt Geld einer Freundin und nötigt Tim Roth dazu Drogen für Stephen Fry zu schmuggeln.

„Weißte was? Die Thurman, die fand ich schon immer geil! Die muss im Film sein, und ihr sexy Ding machen. Und diese Dings aus Star Trek, Alice Eve, die auch! Und diese Sängerin, wo ich immer so gern höre, diese Sophia Vergara, die soll auch mitspielen! Oh, oh, oh! Und Maggie Q!“
„Und für die männlichen Rollen?“ – „Brauchen wir die wirklich? Na… da nehmen wir diesen unheimlichen da, diesen Crispin Clover. Oh, und Tim Roth, den finde ich witzig, der sieht so fertig aus. Und Stephen Fry finde ich lustig, den besetzen wir als schwulen, pädophilen Priester. Weil er selbst schwul ist, das ist lustig, kennste, kennste?!“

„Und wie soll die Handlung sein?“
„Handlung? Wieso braucht es eine Handlung? Na gut. Also: Stehen Fry will immer Leuten Sachen in den Arsch schieben, Tim Roth soll komisch gucken und dauernd bedröhnt sein, und die Ladies tragen sexy Swag und baggern sich gegenseitig an. Mehr Handlung brauchen wir nicht!“

…So oder so ähnlich muss es abgelaufen sein, als einige zugekokste Millionäre zusammen saßen und beschlossen, diesen Film zu machen. Die Darstellerriege ist beeindruckend, mit denen einen völligen Totalausfall zu produzieren muss man auch erstmal hinbekommen. „Brits are Coming“ schafft das aber – das Drehbuch ist so wirr, dass ich am Ende nicht mal verstanden habe, was da passiert.

All is lost [2014, BluRay]
1.700 Seemeilen vom nächsten bewohnten Festland bummst ein Boot in einen verlorenen Seecontainer und bekommt ein Loch. Robert Redford versucht so gut es geht alles zu flicken, aber dann kommt ein Sturm.

Interessanter Film. Praktisch keine Musik, keine Dialoge, nur ein Darsteller. Von dem wissen und erfahren wir: Nichts. Was macht der alte Mann da allein auf dem Meer? Wie heißt er? Warum ist er allein? Das bleibt der Fantasie überlassen, denn außer „MistMistMist“ und „Komm schon!“ sagt Redford den ganzen Film über kein Wort und spielt sehr reduziert. So guckt man ihm 105 Minuten dabei zu, wie er an seinem Boot rumfrickelt und sich immer neuen Problemen stellen muss.

Die Inszenierung ist zwar stellenweise sehr behäbig, und weder Kameraführung noch Schnitt werden in manchen Szenen der Dramatik der Ereignisse gerecht, trotzdem ist der Film spannend. Das liegt auch am Sound, der ziemlich gewaltig daherkommt. Wenn ein Sturm gegen das Glasfaserboot donnert und Wellen gegen den Rumpf klatschen, dann hat das Wucht.

Reduziert, spannend und dabei ruhig – eine seltsame Mischung. Nicht funktioniert hat für mich das Ende, das dem Ton des Films und der Setzung, die gleich in den ersten Minuten (immerhin per Voiceover) geschieht, nicht gerecht wird. Vermutlich wurde das nach Fokusgruppentests nachgedreht und rangepfriemelt.

Léon, der Profi [1994, BluRay]
Léon stammt aus einer der ärmsten Provinzen Italiens. Er ist ungebildet, kann nicht lesen und ist im Umgang mit Menschen so unerfahren, dass er fast zurückgeblieben wirkt. Aber in einer Sache ist er ungeschlagen geschickt: Als Profikiller. Als solcher arbeitet er im New Yorker Viertel Little Italy. Dort treiben sich auch korrupte Polizisten herum, die die Familie von Léons Nachbarin Mathilde abschlachten. Die Zwölfjährige überlebt, findet bei Léon Unterschlupf und bittet ihn, sie sein blutiges Handwerk zu lehren.

Ein Film, wie er heute nicht mehr gedreht werden könnte. Eine Zwölfjährige, die sich in einen Erwachsenen verliebt? Damals provokant, heute undenkbar. Dabei ist der Gegensatz des emotional erwachsenen, aber instabilen Kindes und des kindlichen Erwachsenen durchaus interessant – er wird hier nur etwas naiv angegangenen, ergeht sich zwischendurch in seltsamen Lolita-Szenen und versandet am Ende, ohne das der Konflikt wirklich thematisiert würde.

Abseits dieser Problematik ist „Léon“ ein sehr besonderer Film, weil er so viele Ausnahmetalente vereint. Zwar ist ausgerechnet Jean Reno als Protagonist ein ziemlicher Ausfall und ergeht sich in seinem üblichen Mondkalb-Blick, aber meine Güte, was sind Nathalie Portman und Danny Aiello hier gut.

An die Wand gespielt werden alle von Gary Oldman, der als drogensüchtiger und völlig durchgeknallter Cop hier so dermaßen abliefert, das man Angst bekommt. Oldman war die Inspiration für Heath Ledgers „Joker“, da bin ich mir sicher – Gesichtsausdrücke und Körpersprache findet man an vielen Stellen in „Dark Knight“ wieder.

Dazu kommen die visuellen Experimente eines noch nicht völlig in Selbstreferenzialität versunkenden Luc Besson in Kombination mit der tollen Kameraarbeit von Ausnahmefilmer Thierry Arbogast und der fantastische Production Value, der sich in der Ausstattung widerspiegelt: Man kann das Bohnerwachs der Altbaudielen geradezu durch die Leinwand riechen. Alles atmet Style und das Wollen, das Innenleben der Protagonisten zu visualisieren.

Ein alter Film, aber immer noch mehr als sehenswert, weil ein Ausnahmewerk.


Spielen:

Cyberpunkt 2077 [PS5]
V. ist Söldnerin auf den Straßen der dystopischen Megastadt Night City. Bei einem schiefgelaufenen Einsatz als Diebin gegen einen Megakonzern bekommt sie das KI-Abbild von Keanu Reeves in den Kopf gepflanzt. Der erscheint ihr fortan als Halluzination – und bringt sie langsam um. V.´s Persönlichkeit wird langsam, aber sicher von dem KI-Konstrukt überschrieben, das sich auch noch verhält wie das letzte Arschloch.

„Cyberpunk 2077″ ist ein dampfender Haufen und wird das auch bleiben.“ sollte hier eigentlich stehen. Tatsächlich ist auch 18 Monate nach Release, gefühlt 100 Patches und dem Wechsel auf neue Hardware (PS5 statt PS4) längst nicht alles gut.

Beispiele: NPCs glitschen, zucken und fallen durch Wände. Ab einer gewissen Geschwindigkeit verschwinden alle Autos von den Straßen. Meine Spielfigur stolpert in eine Badewanne und kommt da nie wieder raus. Ein Motorrad fährt gegen einen Müllsack, überschlägt sich und explodiert. Mein eigenes Auto spawned über meiner Spielfigur und erschlägt sie. Animationen werden nicht abgespielt. Audio hängt oder kommt in falscher Lautstärke aus der verkehrten Richtung. Keanu Reeves Tonspur ist deutlich leiser und anders aufgenommen als alle anderen. Wenn meine Spielfigur heimlich späht, beginnt sie zu schweben, bis sie meterhoch über der Deckung hovert und alle sie sehen.

Zwar stürzt „Cyberpunk“ nicht mehr alle drei Minuten ab, aber gut laufen tut es immer noch nicht. Die proprietäre und hauseigene RED-Engine kommt einfach hinten und vorne nicht klar, und in „Cyberpunk“ sind sogar Dinge kaputt, die in „Witcher 3“ noch funktionierten.

Aber selbst wenn technisch alles rund laufen würde: Dieses Spiel ist auch inhaltlich an vielen Stellen kaputt. Vieles wirkt wie auf Koks designt und nicht zu Ende gedacht. Allein die Bedienung ist auf Konsolen eine Frechheit. Menüs sind superwinzig, kaum lesbar und völlig überladen, das Perksystem überkomplex und untererklärt, das Inventar eine Müllhalde und das Craftingsystem habe ich bis zum Ende nicht verstanden und nicht benutzt.

Ich hatte ja schon ein schlechtes Gefühl, als CD Projekt Red 2014 ankündigte, „Cyberpunk 2077“ wäre ein First-Person-Adventure. Es gab noch NIE ein gutes Action-Adventure aus der Egoperspektive, und das hat Gründe. Springen und Klettern sind kaum möglich, das Customizing der eigenen Spielfigur ist völlig für die Katz (weil man sie nie sieht), und eine starke Erzählung oder Charakterzeichung kann mit einer Figur, die man nicht sehen kann, nicht wirklich gelingen.

Storytechnisch ist CP77 interessant, hat aber Open-World-typische Pacing-Probleme. Das Spiel baut viel Zeitdruck auf und drängt darauf der Hauptgeschichte zu folgen. Tut man das aber und konzentriert sich auf die story, plätschert die vor sich hin, nur um einem dann ohne Vorwarnung einen Bossgegner vor die Nase zu setzen, den man ohne ein bestimmtes Level nicht mehr besiegen kann – Zack, Storystopper. Unmittelbar nach dem Boss kommt schon der Point of no Return – wer hier weiterspielt, sieht schon nach 20 Stunden das Ende der Geschichte.

Die Nebenmissionen sollte man also unbedingt machen. Nur: Zu kaum einem Zeitpunkt weiß man, warum und wieso man welche machen sollte oder ob das alles nicht völlig egal ist. Die Nebengigs sind von der Qualität her ein ziemlicher Pralinenkasten. Ignoriert man den üblichen Open-World-Füllstoff, also die dummen Fetchquests, Autorennen und Faustkampfturniere, bleiben größtenteils nur Baukastenmissionen (gehe zu Punkt A und hau alle um) übrig.

Dabei gibt es durchaus drei, vier schön geschriebenen Nebenquestketten mit gelungenen Charakteren. Die sind aber oft so schludrig inszeniert, das sie antiklimaktisch enden. So zum Beispiel die Questkette um einen Polizisten, der Hilfe bei einem Serienmörder braucht. Der liegt im Koma, aber die entführten Opfer sind noch irgendwo in der Stadt und haben nicht mehr lange Zeit. V. muss in die Gedankenwelt des Killers einsteigen und herausfinden, wo er die Menschen verssteckt hat. Was superspannend geschrieben ist und in ein „The Cell“-Szenario führen könnte, verpufft hier einfach. Man untersucht eine Akte, fährt zu einem Ort und drückt einen Knopf – das war´s. Die durchgehende Egoperspektive verhindert, dass Zwischensequenzen filmisch inszeniert werden könnten – damit verschenkt Cyberpunk so viel.

Dieses verschenkte Potential aufgrund irriger Designentscheidungen ist überall zu spüren. So ist die Atmosphäre und Architektur von Night City und die grafische Erscheinung des Megasprawls faszinierend gut geworden. Irre Gebäude, Neonlichter… Das sieht toll aus, wirkt aufgrund des spärlichen Straßenverkehrs und weniger NPCS (die Engine!) aber auch oft leblos. Die Schwächen bei Technik, Story und Inszenierung arbeiten aber gegen die Atmosphäre, und das Spieldesign versteckt auch noch viele Möglichkeiten und Einzigartigkeiten vor einem.

Ich hatte am Ende aber doch Spaß an dem Game. Ich habe einfach alles ignoriert was ich nicht verstanden habe (wozu neben dem Crafting auch das Perksystem gehört, also vermutlich den ganzen Rollenspielanteil) und habe mich einfach über Hirn-aus-Simpelmissionen in der tollen Stadt und Missionen mit den wenigen Charakteren gefreut, die gut geschrieben sind. Auch die verschiedenen Enden sind allesamt berührend, kommen aber etwas abrupt und willkürlich um die Ecke.

„Cyberpunk 2077“ ist also kein dampfender Haufen, aber es ist auch kein supertolles Spiel. Abseits der netten Grafikassets ist sehr viel irreparabel verkehrt designt, technisch schlecht umgesetzt und die Narration erreicht an keinem Punkt „Witcher“-Niveau. An der Erwartungshaltung und den Versprechen im Vorfeld gemessen, ist es entäuschendste Spiel der letzten Jahre. Nach genügend Zeit in dieser Ruine findet sich dann aber doch eine gewissen Faszination des Morbiden – vielleicht das ist ja auch fast Punk.

The Kaito Files [PS5, 2022]
Tokio: Kaito Masaharu ist ein Ex-Yakuza und der Sidekick von Privatdetektiv Yagami. Als der aus der Stadt ist, wird ein neuer Klient bei Kaito vorstellig. Er soll eine Frau suchen, die eigentlich schon seit Jahren tot sein sollte. Zufällig ist diese Frau früher einmal Kaitos große Liebe gewesen.

Schöner DLC zu „Lost Judgment“. Keine Nebenaufgaben, kein Füllstoff, nur gut geschriebene und sehr spannende Thrillerstory. Deshalb schon nach rund 8 Stunden vorbei, aber da es in denen keiner Hänger und keinen Grind gibt, ist das mehr als verzeihlich. Ist im Season Pass zu Lost Judgment enthalten, auch wenn Sony Deutschland auch nach mehrfachem Hinweis zu dumm ist das auf die Website zu schreiben.


Machen:

ADAC-Training in Gründau,
Mastodon ausprobieren.


Neues Spielzeug:

Neue Tourenkombi. FLM Touren Leder-/Textil 4.0, der Nach-Nach-Nachfolger meiner Mohawk von 2012. Wieder Cordura/Ledermix mit Sympatex-Membran, Protektoren sind gegen bessere ausgetauscht.

Ist ordentlich verarbeitet, lediglich die Anordnung der Innentasche und die Reißverschlüsse an den Ärmeln sind Banane. Qualitativ gibt es deutlich besseres, aber diese Kombi passt mir perfekt, und darauf – und die schnelle Verfügbarkeit – kam es jetzt an. Ich kann gar nicht sagen, wie froh und glücklich ich bin, die Matata von Held endlich wegpacken zu können und stattdessen wieder eine Hose zu tragen, die mir nicht nach dem dritten Schritt vom Hintern rutscht (eine Nummer kleiner schnürte bei de Held dagegen die Extremitäten ab). Irgendwann mache ich mich dran mal eine gute Revvit Kombi zu finden, aber dieses Jahr habe ich von Hosenanprobieren die Nase voll.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Ganz Kurz, Momentaufnahme | Hinterlasse einen Kommentar

Erste Schritte auf Mastodon: @silencer@chaos.social

Bild: Mastodon

Es gab mal eine Zeit, da zog man einmal im Jahr auf eine neue Social-Network-Plattform. Studi-VZ, MeinVZ, MiaPlaza, MySpace.
Dann kam Facebook und sog nahezu alles auf.

In seinem Schatten – und als Nachfolger-im-Geiste der seit 2008 toten Blogs – blühten Microdienste wie Tumblr oder Twitter, später auch Path oder Kezera Instagram oder Snapchat oder wasweißich.

Während andere Microdienste verkauft oder unsexy wurden, hielt sich Twitter erstaunlich konstant, trotz der Unfähigkeit der Macher. Die haben nämlich trotz bislang trotz 330 Millionen Nutzer:innen und einer hohen Medienrelevanz nicht rausgefunden, wie man mit Twitter Geld verdient.

Was die 4.000 festangestellten Mitarbeiter von Twitter den lieben langen Tag so machen weiß auch niemand. Und obwohl die algorithmisch sortierte Timeline mittlerweile vermuddelt und voller Werbung ist, obwohl es keinen Edit-Button gibt und obwohl die Twitter-App eine Frechheit ist, bleiben die Nutzer:innen bei der Stange.

Das mag auch an der Flexibilität von Twitter liegen. Twitter kann das sein, was man möchte. Bei mir ist es in erster Linie Nachrichtenticker, bei anderen Freundeskreis, bei wieder anderen Propagandaorgan oder Witzchenquelle.

Nun hat Elon Musk, der reichste Soziopath der Welt, Twitter gekauft oder steht zumindest kurz davor. Vorsorglich droht er schonmal damit die „Zensur zu beenden“ und „Meinungsfreiheit wieder herzustellen“- gemeint ist damit wohl zuvorderst, von Twitter verbannte rechtsradikale und Rassisten wie Donald Trump wieder zuzulassen. Kann man nur vermuten, aber die Vermutung liegt Nahe – Musks Weltbild entspricht dem des reinen Kapitalismus, bei der Regularien, zumal staatliche, nur stören. Kann in letzter Konsequenz übrigens sogar bedeuten, das Twitter in Europa dicht macht – weil es völlig unreguliert schlicht nicht mehr den gesetzlichen Anforderungen entspricht.

So weit ist es noch lange nicht, und vielleicht ist das alles auch wieder nur Musk-Getöse und Eigen-PR und am Ende kauft er die Plattform doch nicht oder es ändert sich gar nicht viel.

Trotzdem hat die Tatsache, das hier ein superreicher Mensch mit einer rieisgen Klatsche an der Waffel einfach mal ein komplettes Medium weggekauft, für Unruhe gesorgt.

Der Gedanke von einem noch mehr mit Rechtssiff überzogenen erscheint vielen – auch mir! – als so unerträglich, dass wir uns Alternativen zu Twitter zumindest mal ansehen. Auch so ungeliebte wie Mastodon, dieses Nerd-Netzwerk, das mit seinen Föderationen und Instanzen und Whatknot kein Twitteruser je versteht.

Glücklicherweise ist das mittlerweile etwas einfacher handhabbar geworden. Mastodon ist, ganz simpel gesagt, ein Kurznachrichtendienst mit vielen, vielen Ähnlichkeiten zu Twitter. Man kann Leuten Folgen, Dinge posten und es gibt eine Zeichenbegrenzung. Es gibt Apps, die durchaus wirklich gut sind und Tweetbot auf iOS ähneln (Die App heißt schlicht „mastodon“). Wo auf Twitter „getweetet“ wird, wird auf Mastodoan „getrötet“ – allein das macht die Plattform schon putzig.

Vom Grundaufbau entspricht Mastodon nicht einer monolithischen Plattform, sondern aus vielen kleinen Inselplattformen, sogenannten Instanzen. Die haben so seltsame Namen wie „Mastodon.social“ oder „democracy.town“ oder „troeet.cafe“.

Betrieben werden diese Inseln von Freiwilligen, Vereinen, Verbänden oder Organisationen. Bibliotheken betreiben Mastodon-Inseln genauso wie die freiwillige Feuerwehr Augsburg.

Man muss sich nur an einer dieser Inseln registrienen. Ich habe mit z.B. auf der Instanz chaos.social den Namen „Silencer“ ausgesucht. Versucht man mich jetzt im Mastodon-Netzwerk zu finden, gibt sucht man nach „Silencer“ oder nach meinem vollständigen Nutzernamen: „@silencer@chaos.social“

Eine Liste der Instanzen zum Rregistrieren findet man hier: https://joinmastodon.org/communities

Dadurch, dass ein reger Austausch („Föderation“) zwischen den Inselchen besteht und man einen Account samit Followern sogar von einer Instanz zur nächsten transferieren kann (sollte mal eine Insel zumachen, weil die Augsburger Feuerwehr keinen Bock mehr hat oder so) sollte es letztlich völlig egal sein, was man da auswählt.

Mein erster Eindruck: Ach, guck an. Das funktioniert ja schonmal ganz fein, und sogar eine ziemlich großer Teil meiner persönlichen deutschen Kontakte sind schon da sowie deutsche Medien. Letztere Hauptsächlich über Bots, aber nun.

Natürlich gibt es auf Mastodon auch nach wie vor Hardcore-Nerds („Ich habe hier einen Geigerzähler auf dem Balkon der über einen Rasperry Pie die Meßwerte ins Netz stellt, wer will die Daten haben??“), aber es gibt bereits jetzt erstaunlich viele normale Konversationen, Witzchen und Katzenbilder. Mastodon erinnert damit gerade noch etwas an die unbeschwerten Zeiten, als es auf Twitter um Wortwitz und Esprit ging, bevor Trolle die Plattform in eine Jauchegrube der Miysogenie verwandelten.

Was schwieriger ist: Die Vernetzung. Persönliches Adressbuch hochladen gibt es nicht (zum Glück!), Personenvorschläge auch nicht, und man sieht die Follower von Personen anderer Instanzen nicht. Es erfordert also etwas Handarbeit und Suchen, um sein Netzwerk bei Mastodon aufzubauen.

Was mir am meisten fehlt: Ich konsumiere halt viele Nachrichten über Twitter, insbesondere ausländische, und die gibt es bei Mastodon mit seinem deutschen Fokus halt bislang nicht.

Ansonsten:

Braucht man das? – Vermutlich nicht. Ist aber gut, dass es das gibt – und mit einer dezentralen Struktur, die kein Elon Musk einfach kaufen kann.

Muss man auf Mastodon sein? – Nein, natürlich nicht. Muss man auf Twitter aber auch nicht.

Gibt es einen Failwhale? – Nein, sollte es aber geben. Aktuell sind viele Instanzen nämlich überlastet durch den riesigen Ansturm an neuen Nutzern. Einige haben deshalb vorläufig ihre Registrierung abgeklemmt oder auf Einladungen umgestellt, um erstmal in Ruhe Hardware nachlegen zu können.

Was sind die ersten Schritte?

  • App runterladen (ich kenne nur iOS Mastodon, aber die ist super), dort Account anlegen bei irgendeiner Instanz.
  • Oder auf https://joinmastodon.org/communities im Netz registrieren und anmelden.
  • Nach @silencer@chaos.social suchen und mir folgen.

TRÖÖÖÖT!

Kategorien: Internet, Service | 2 Kommentare

Airbag-Schutzkleidung: Stand der Dinge 2022

Seit Ende 2017 fahre ich mit einem Airbagsystem am Körper Motorrad. Vor fünf Jahren war diese Technik nicht überall erhältlich, teuer und schwer. Was hat sich in der Zwischenzeit getan, was hat sich geändert? Eine kleine Marktbeschau.

Als ich das 2017 das „Tech Air“-System des italienischen Herstellers Alpine Stars gekauft habe, gab es dazu wenig Konkurrenz. Zur Anschaffung musste ich mich überwinden: Das „Tech Air Street“ trägt ordentlich auf, ist relativ schwer (Zusammen mit der Jacke rund 5,5 Kilogramm) und nicht atmungsaktiv.

Vor allem war es vor 5 Jahren eines: Teuer. Rund 1.200 Euro kostete die Airbagweste. Die dazu passende und zwingend notwendige Spezialjacke schlug noch einmal mit 600 Euro zu buche, machte. zusammen also rund 1.800 Euro. Für diese Anschaffung waren mehrere Fahrten nach Hannover nötig, wo eine von bundesweit nur fünf Louis-Filialen war, die diese Sachen verkaufen durften. Weil nur dort ein (also wirklich: Anzahl: 1) Verkäufer arbeitete, der die dafür notwendige Ausbildung vom Hersteller hatte. Onlinekauf war nicht möglich.

Das Chassis, die eigentliche Weste mit Airbag und Computer.

Ich habe es trotz dieser Unannehmlichkeiten und trotz des hohen Preises gekauft. Zum einen, weil ich die Technik faszinierend fand und die Investition in persönliche Schutzausrüstung für sinnvoller erachtete als den Kauf des hundertsten Chromteils oder eines vergoldeten Tankdeckels für das Motorrad. Zum anderen aber auch, weil ich ein Zeichen setzen wollte: Liebe Hersteller, es gibt einen Markt für sowas, forscht bitte in diese Richtung weiter.

Das haben die getan, mit dem Ergebnis, dass es nun leichtere und günstigere Airbagsysteme am Markt gibt, aber auch spookigen Wildwuchs bei den Geschäftsmodellen.

Was sich recht schnell beim Blick auf den Markt im Jahr 2022 feststellen lässt: Es gibt jetzt weitaus mehr Hersteller und Modelle als noch vor einigen Jahren, und die Ausrüstung kann man mittlerweile ganz normal Online oder im Moppedladen nebenan kaufen.

Neben der besseren Verfügbarkeit geht der Trend zu maximaler Flexibilität. Nahezu jedes Modell, das neu rauskommt, funktioniert autonom und unabhängig von der sonstigen Bekleidung oder vom verwendeten Motorrad. Das bedeutet auch ein Nischensterben.

Nischensterben
Zu den besseren Ergebnissen der Marktentwicklung gehört, dass es kaum noch Systeme gibt, die nur mit bestimmter Oberbekleidung funktioniert oder bei denen am Motorrad eine Modifikation vorgenommen werden muss. Es gibt noch vereinzelt Kombinationen aus einem Sensor, der an der Motorradgabel angebracht wird und einer Airbagweste, die dann wirklich nur an dieser einen Maschine funktioniert. Diese Konstruktionsweise ist unflexibel und teuer und stirbt zu recht aus, Motorradsensoren sind jetzt höchstens noch eine zusätzliche Option.

Gefragt sind autonome Systeme, und die gibt es in zwei Ausprägungen: Mit mechanischer oder mit elektronischer Auslösung.

Mechanische Auslösung
Mechanische Systeme verfügen meist über eine Reißleine, die am Motorrad eingehakt wird und den Airbag auslöst, wenn sich die Fahrerin vom Ride trennt.

Diese Airbagwesten sehen aus wie Schwimmwesten und werden über der eigentlichen Motorradbeleidung getragen. Aktuell gibt es sieben Hersteller solcher Westen, neben dem Frühstarter Helite mit seiner beliebten „Turtle“ u.a. auch Held, Büse oder Spidi.

Helite Turtle 2. Bild: Helite.

Vorteil der Reißleinensysteme: Sie lassen sich über jeder Bekleidung tragen. Der entscheidende Nachteil: Sie sind langsam.

Laut ADAC dauert es bei einem typischen Unfall, bei dem einem Innerorts bei 50 km/h ein Auto die Vorfahrt nimmt, nur rund 120 Millisekunden, bis der Motorradfahrer in das Auto einschlägt. Die Auslösezeiten der besten Reißleinensysteme liegen mehr als doppelt so hoch, bei rund 240 bis 300 Millisekunden. Die helfen also nur noch beim Sekundäreinschlag, wenn man also vom gegnerischen Auto runterpurzelt und auf die Straße fällt. Oder wenn man in einer Kurve wegrutscht und über den Asphalt schliddert, auch dann funktionieren und schützen diese Art Airbags gut.

Elektronische Systeme
Systeme mit elektronischem Auslöser haben einen kleinen Computer verbaut. An dem hängen Sensoren, die ständig Messwerte zu Beschleunigung und Lage melden. Der Computer vergleicht diese Informationen permanent mit Referenzwerten von Unfallszenarien.

Bild: Alpine Stars.

Findet der Rechner eine ausreichende Übereinstimmung bei den Referenzdaten, nimmt er an, dass es einen Unfall gibt und löst mit einer kleinen Pyroladung den Airbag aus. Das passiert bei den Systemen von Dainese und Alpine Stars binnen 80 Millisekunden und damit in oben beschrieben Szenario noch vor dem Ersteinschlag – ein deutlich anderer und besserer Schutz als ihn die Reißleinensysteme bieten können.

Die Algorithmen, die ermitteln ob ein Unfall vorliegt oder nicht, sind der Kronschatz der Hersteller, entscheiden sie doch darüber, ob ein solches Produkt überhaupt funktioniert. Die Abstimmung muss wirklich fein sein, denn immerhin möchte man ja nicht, dass eine Airbagweste auslöst, wenn man mit ihr eine Treppe hinunterspringt oder jemand einem auf den Rücken schlägt.

Die Algorithmen für Straßennutzung und für die Rennstrecke sind stark unterschiedlich, weil die Unfallszenarien ganz andere sind. Manche Systeme lassen sich per App von Straßen- auf Rennstreckenbenutzung umstellen und haben dann sogar zwei Auslösungen statt nur einer.

Vor einigen Jahren dominierten die italienischen Firmen Dainese und Alpine Stars den Markt der autonomen elektronischen Systeme. Mittlerweile bieten auch Held und Helite solche Systeme an. Die kommen allesamt als Weste daher, die entweder unter der Motorradkleidung (Alpine Stars Tech Air 5, Held eVest), darüber (Helite E-Turtle) oder nach belieben drunter oder drüber (Dainese Smart Jacket, Alpine Stars Tech Air 3) getragen werden können. Manche bieten nette Zusatzfeatures. Die Weste von Held bspw. lässt sich nach eigenem Bedürfnis mit zusätzlichen Brust- und Rippenprotektoren nachrüsten. Trägt man eine Weste unter einer normalen Motorradjacke, sollte die mindestens 4 Zentimeter Platz bieten. Also die Jacke eine Nummer größer kaufen oder die Faustregel anwenden: Kann man zwischen Brustkorb und Jacke seine eigene Faust schieben, ist genug Platz für den Airbag.

Mit rund 1,3 bis 1,9 Kilo sind diese Westen recht leicht, rund ein halbes Kilo leichter als mein altes Tech Air Street. Sie sind auch weniger voluminös und atmungsaktiver, so das man in der Praxis gar nicht mehr bemerkt, was man da am Körper trägt. Zumal man sich bei allen einen separaten Rückenprotektor spart – mindestens ein Level-1-Protektor ist bei allen fest verbaut und schützt so auch ohne Airbag.

Die elektronischen Systeme bekommen gelegentlich Softwareupdates, die per App eingespielt werden können. Diese Updates erhöhen den Bestand an Referenzdaten oder steigern die Schnelligkeit von Kalibrierungen oder verbessern die Kommunikation mit anderen Geräten. Bei den meisten Herstellern gehören diese Updates zum Service. Aber nicht bei allen.

Heiße Preise
Trotz des großen Nachteils der langsamen Auslösung sind die Reißleinensysteme noch beliebt, neben der Flexibilität beim Tragen vor allem aus Kostengründen. Bis vor Kurzem war der Anschaffungspreis von „nur“ 500 bis 700 Euro unschlagbar günstig, gerade im Vergleich mit den o.g. 1.800 Euro für ein elektronisches System. Dieser Preisvorteil ist aber mittlerweile dahin. Heute bekommt man die elektronischen und autonomen Systeme bereits für 650 bis 700 Euro.

Unterschiede bei den Kosten gibt es tatsächlich bei der Wiederinbetriebnahme nach einer Auslösung. Bei den Reißleinensysteme oder auch den Westen mit dem In&motion-System (siehe unten) kann nach einer Auslösung die CO2-Gaspatrone vom Besitzer selbst gewechselt werden. Die Ersatzkartusche kostet rund 100 Euro.

Die Westen von Dainese und Alpine Stars müssen nach dem Auslösen beim Hersteller geprüft und wiederbefüllt werden. Das hat zwei Gründe: 1. Haben diese Westen zwei Gaspatronen, die aus Platzgründen stark integriert sind. Für den Wechsel müssen die Systeme geöffnet und zerlegt werden. 2. Nutzen zumindest Alpine Stars und Dainese Argon statt CO2 als Gas um den Airbag zu füllen. Das tun sie, weil Argon im Gegensatz zu CO2 unter stärkerem Druck gelagert werden kann. Bedeutet: Kleinere Kartuschen und im Falle eines Unfalls eine schnellere Befüllung des Airbags, aber dafür dürfen Endanwender halt nicht dran rumfummeln. Die Überholung beim Hersteller kostet rund 300 Euro, beinhaltet aber dann auch eine komplette Prüfung des Systems.*

Abomodell
Einigermaßen erstaunt war ich über ein Abomodell, das sich in der Branche breit gemacht hat. Daraus gestoßen war ich bei Held. Die verkaufen ihre „eVest“-Airbagweste für konkurrenzlos günstige 350 Euro. Mit der allein kann man allerdings nicht viel anfangen, denn der Steuercomputer mit den nötigen Algorithmen fehlt, also genau das Teil, in dem bei den elektronischen Systemen die Magie stattfindet.

Die Algorithmen und die Referenzwerte für Unfallszenarien sind der eigentliche Schatz der Hersteller, und es kostet viel Zeit und Aufwand die Referenzdaten zu generieren und die Software abzustimmen. Das kann also nicht jeder, und stellt sich raus: Held auch nicht.

Die haben stattdessen Rechner und Algorithmen von der französischen Firma „In&motion Airbag“ zugekauft. Das ist jetzt per se nicht verwerflich, denn wie geschrieben: Die Technologie beherrscht nicht jeder. Zudem ist Technologiezukauf in fast jeder Branche völlig normal. In der Regel passiert das aber durch entsprechende Lizensierungen der Technik, damit ein Hersteller die Technologie eines anderen in seine Produkte integrieren kann.

Hier wird aber der Weg gegangen, den Kunden der Textilhersteller direkt ein Abomodell eines anderen Unternehmens anzubieten, ohne das dass gekaufte Produkt nicht funktioniert. Das ist mindestens ungewöhnlich.

Für 350 Euro bekommt man von den Textilherstellern eine Stoffweste mit einer Plastiktüte und Gaskartuschen drin. Das Steuerungsteil muss für 120 Euro von inmotion gemietet werden. Bedeutet: Kaufpreis plus Jahresmiete macht im ersten Jahr schon 470 Euro, in Jahr 2 zahlt man noch einmal 120 Euro, in Jahr drei hat man nach weiteren 120 Euro mit insgesamt 710 Euro schon mehr gezahlt als bei den anderen Herstellern, und in Jahr 4 darf man die Box dann für 99 Euro kaufen – macht zusammen über 800 Euro. Alternativ kann man die Box auch gleich für 400 Euro kaufen und liegt damit in Summe bei 750 Euro – und damit rund 100 Euro über den aktuellen Preispunkten der Konkurrenz. Falls man vorhat ins Gelände oder auf die Rennstrecke zu fahren, kostet das übrigens noch einmal extra – das Abo der dafür notwendigen Algorithmen kostet jeweils 8 Euro pro Monat oder 25 Euro im Jahr.

Wo kommen diese Algorithmen eigentlich her? Die Pioniere Dainese und Alpine Stars haben 20 Jahre und viele, viele Moto-GPs und Chrashtests gebraucht, bis sie genügend Daten und trainierte Algorithmen hatten, um ein Produkt für Endanwender auf der Straße rauszubringen.

in&motion dagegen wurde 2014 von drei jungen Ingenieuren als Startup gegründet und ging einen anderen Weg. Basierend auf einem vergleichsweise geringen Datenbestand von Skifahrern gaben sie 2017 500 Testwesten an Motorradfahrer aus und sammelten deren Daten sechs Monate lang. Diese Daten schickten sie in Machine Learning Modelle, die daraus versuchen Unfallzustände zu extrapolieren. Die daraus enstandenen Szenarien steckten die Firma in ein Produkt, dass sie in den Markt schoben – und das weiterhin beständig weiter Daten sammelt und bei jedem Ladevorgang an In&Motion schickt. Damit halten sie auch nicht hinter dem Berg, sondern hauen regelmäßig Mitteilungen dazu raus („Jetzt sind unsere Anwender schon 40 Millionen Kilometer gefahren! Wir erkennen nur 90 Prozent alle Unfälle! Bald werden es 100 sein!“).

Das hörte sich jetzt vielleicht sehr technisch an. Festzuhalten bleibt: Das Unternehmen hat ein Airbagsystem rausgebracht, das erst noch beständig lernt, was ein Unfall ist – und zwar durch die Nutzung und damit auch der Unfälle der eigenen Kundschaft. Überspitzt gesagt hat das einen Geschmack von „wir schieben ein unfertiges Produkt in den Markt, überwachen unsere Nutzer und werden mit jedem Unfall, den die haben, besser“.

Kann man machen, aus einer Ingenieurssicht. Persönlich finde ich es ein wenig gruselig, das hier ein Startup mit heute 20 Mitarbeitern den Aufwand von umfangreichen Crashtests quasi outsourced. Sicher, auch Dainese oder Alpinestars nutzen echte Unfalldaten zur Verbesserung ihrer Systeme – aber die haben halt mit einem, in der Rennpraxis bewährten, System und mit einem großen Datenbestand aus Tests und Rennen begonnen.

Ich möchte aber über die Datensammelei und auch über dieses Abomodell nicht urteilen. Falls die Technik funktioniert, ist sie das Geld wert – und die leichte Verfügbarkeit und die Integration in Produkte anderer Hersteller sorgen dafür, dass Airbagkleidung eine weitere Verbreitung erfährt, und dagegen kann nun niemand etwas haben. Die Technik und damit auch das Abomodell von In&motion steckt nicht nur in der Airbagweste von Held, sondern auch in den Produkten von Tuscano Urbani, Furygan, RST, Klim und Ixon.

Trends
Airbagsysteme sind günstiger und leichter geworden und besser verfügbar. Dieser Trend setzt sich fort, das fördert die Verbreitung. Trend Nummer zwei versucht Alpine Stars gerade zu setzen: Diversifizierung.

Ja, es ist nett, wenn ich ein Airbagsystem für die Straße auch auf der Rennstrecke nutzen kann, aber die Anforderungen unterscheiden sich dann doch je nach Nutzung des motorisierten Zweirads. Auf der Rennstrecke sind Unterleibsverletzungen wohl nicht ganz selten, während Systeme, die vor allen im Stadtverkehr bei 30-50 km/h auf dem täglichen Weg zu Arbeit getragen werden, vielleicht keinen perfekten Rundumschutz benötigen. Und wer gerne im Gelände unterwegs ist, der hat bis vor kurzem ganz in die Röhre geguckt, denn mehr als Schotterstrecken waren mit keinem System nutzbar (auch nicht mit In&Motions Zusatzverkauf).

Im Januar 2022 stellt der Alpine Stars gleich drei neue Produkte vor. Neben dem Tech Air 5, das seit 2020 als Universalweste und für Tourenfahrer beworben wird, gibt es nun das Tech-Air 10. Das ist für die Rennstrecke gedacht und ein Airbag-Anzug, der auch Unterleib und Oberschenkel schützt. Es ist bereits erhältlich, kostet rund 1.000 Euro und lässt sich unter jeder Lederkombi tragen, die mindestens 4 Zentimeter Luft am Brustkorb und 2 Zentimeter am Unterbauch lässt.

Bild: Alpine Star

Das Tech Air Outdoor wurde als Reaktion auf die schlimmen Unfälle bei Rallyes entwickelt und hat deutlich mehr Körperpanzerung als die anderen Systeme.

Bild: Alpine Star

Das Tech Air 3 schließlich, der letzte Neuzugang für 2022, ist sehr leicht und hat keine Ärmel (wie auch nahezu alle Westen der Mitbewerber). Es soll vor allem urbane Pendler ansprechen, die z.b. mit einem Roller im Berufsverkehr unterwegs sind, und kann sowohl unter als auch über der normalen Kleidung getragen werden. Der Preis ist noch nicht bekannt, er dürfte sich aber unter dem des Tech Air 5 bewegen, das aktuell zum Straßenpreis von 650 Euro erhältlich ist.

Bild: Alpine Star

Zusammengefasst: Im Markt der Airbagschutzkleidung zum Motorradfahren hat sich in den letzten Jahren mächtig was getan. Die Technik ist kleiner, leichter und handhabbarer geworden, die Preise für die vollintegrierten, elektronischen Systeme sind extrem gefallen und die Verfügbarkeit hat sich massiv verbessert. Um neue Zielgruppen anszusprechen, beginnen erste Hersteller spezifisch auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Produkte anzubieten. Damit kommt Airbag-Kleidung hoffentlich raus aus der exotischen Nerd-Ecke, in der sie lange steckte.

Heute ist die Anschaffung einer Airbagweste, insbesondere einer autonomen, ein echter No-Brainer – für jedes Bedürfnis gibt es das passende Modell, und die Preise sind bezahlbar. Das ist super – in einigen Jahren werden Airbagklamotten damit hoffentlich so selbstverständlich sein wie das Tragen eines Helms. Wer eh ‚ eine neue Jacke braucht, sollte eine Airbagweste ernsthaft in Erwägung ziehen.


*) Ich bin der Meinung, dass das Einbeziehen dieser Art von „Folgekosten“ bei der Überlegung über eine Anschaffung einer Airbagweste keine Rolle spielen sollte. Der Gedanke „Hey, in das System kann ich selbst eine neue Gaspatrone reindrehen, ist so einfach wie der Wechsel einer Glühbirne“ halte ich für ein wenig abseitig. So ein Airbag wird nicht jede Woche ausgelöst, sondern im besten Fall nie. Und wenn er ausgelöst wird, dann geht damit eine mechanische Belastung einher, nach der man vielleicht doch das ganze System von Fachleuten geprüft haben möchte.

Kategorien: Betrachtung, Motorrad | 9 Kommentare

Impressionen eines Wochenendes (32): Lieblos (ADAC Intensivtraining 2022)

„Und, wo bist Du an Ostern?“ – Die Frage hörte man vor dem Wochenende ständig. Klar, Corona ist per Dekret beendet, warum soll man Ostern zu Hause hocken? Folgerichtig fröhnte man auf bundesdeutschen Autobahnen der beliebten Tradition des Osterstaus. Ich setzte eine andere Tradition fort: Den Ostersonntag im Kreis fahren und mich dabei anschreien lassen.

Wobei, ganz so schlimm war es nicht. Zwanzig Kilometer Luftlinie von Hanau entfernt liegt der Ort Gründau-Lieblos, und der sieht es so aus, wie der Name vermuten lässt. Etwas außerhalb von Lieblos ist nichts, außer einem Golfplatz und grünen Feldern, weshalb der ADAC da sein Fahrsicherheitszentrum für Hessen und Thüringen hingebaut hat.

So ungefähr alle zwei Jahre gucken ein paar Freunde und ich da mal vorbei und fahren unter den kritischen Augen eines Instruktors wechselnder Güte im Kreis und üben Extremsituationen. Wieder und wieder. Bis es einem zum Hals raushängt. Am Ende fährt man nach acht Stunden vom Platz und ist völlig erschöpft, hat aber über sich und sein Motorrad wieder ein wenig mehr gelernt und beides besser im Griff.

Dieses Mal gab es mal wieder ein Intensivtraining. Die Abstufung beim ADAC ist: Basistraining, Intensivtraining, Perfektionstraining. Das Intensivtraining hat mehr Praxisanteile und bietet mehr Gelegenheit zum Üben als die anderen, deshalb eignet sich das gut, um nach der Winterpause wieder rein zu kommen. Unter den elf Teilnehmenden waren dieses Mal zwei Frauen, an Fahrzeugen waren neben meiner Suzuki eine 650er Honda (einzige Maschine ohne ABS), eine Yamaha und eine Harley. Der komplette Rest waren BMWs, darunter 2 GS. In anderen Gruppen war es noch krasser – Deutschland, BMW-Land.

Das Training bestand aus verschiedenen Modulen:

Warmfahren durch einen Slalomparcours:

  • im Sitzen
  • im Stehen
  • je ein Bein über Sitzbank
  • dieses Mal nicht, aber sonst immer: Im Stehen beide Beine auf je einer Seite

Dann eine Lektion über langsam Fahren durch konstantes Gasgeben, dabei Fuß auf der Bremse, mit der Kupplung spielen. Dadurch stabilisiert sich die Maschine bei extrem langsamer Fahrt. Lebensretter, wenn vor einem ein Bus oder SUV durch die Serpentinen kriecht.

Mit dieser Technik dann:

  • geradeaus fahren
  • Wenden mit extrem kleinen Wendekreis
  • kleine Achten durch einen Pylonenparkour fahren

Danach: Verschiedene Kurventechniken und eine Lektion über den paradoxen Lenkimpuls, der neuerdings bzw. bei diesem Trainer „musste am Lenker schieben“ heißt. Nunja.

Mit diesem neu erworbenen Wissen ging es an Ausweichübungen, zunächst ohne zu bremsen und ohne auszukuppeln.

Nächste Lektion: Blockiert ein Vorderrad bei heftigem, superkurzem Bremsen? Stellt sich raus: Ja, auch bei Maschinen mit ABS, zumindest im ersten Sekundenbruchteil. Also progressives Bremsen bis ins ABS hinein üben, bei Gefahrenbremsungen geradeaus von wechselnden Geschwindigkeiten bis auf Null. Erst nur Vorderradbremse, dann beide Bremsen, dann nur Hinterrad. Danach bremsen und ausweichen, dann Gefahrenbremsung auf nasser Fahrbahn. Zum Abschluss die Belehrung: Bremsweg aus Tempo 30 um die 5 Meter, Reaktionszeit eine Sekunde, bei Tempo 50 signifikant weiter, bei Tempo 70 bis zu 70 Metern.

Nach einer kleinen Pause ging dann die Sonne unter, und im Dunkeln wurden Schräglagen auf der Kreisbahn geübt. Anders als noch 2019 bekam ich die V-Strom dieses Mal nicht bis zum Aufsetzen runtergedrückt, was aber gut ist – damals war sie tiefergelegt, und das „Krunsch“-Geräusch beim Aufsetzen kam viel zu früh. Jetzt steht die Lady wieder auf hohen Beinen, und damit haben wir beide in Kurven mehr Freiheit.

Letzte Lektion unter einem vollen Mond:  Bremsen und ausweichen, ausweichen in Kurven, bremsen in Kurven bei Schräglage. Um 22:45 Uhr endete das Ganze mit der Ausgabe der Teilnahmebescheinigungen, die bei manchen Versicherungen eine Beitragsreduktion ermöglichen. Ich war ganz froh, als das Nachtraining endete. Meine Konzentration war am Ende, und mittlerweile war es wieder einstellig kalt geworden.

Was ich beim Training gelernt habe:

  • Ich kann mittlerweile nahezu alles, was da gefordert wird. Und ich kann es gut und aus dem Handgelenk, und das erstaunt mich ein wenig. Als ich mit dieser Art Training angefangen habe, war ich unsicher und habe viel falsch gemacht. Damit bin ich auch ganz offen umgegangen. Umso mehr freut es mich, dass mit Fleiß und Übung eine deutliche Besserung meines fahrerischen Könnens zu bemerken ist, im Alltag und auch auf dem Trainingsplatz. Deswegen wurde ich tatsächlich auch gar nicht angebrüllt. Wenn der Trainer mich wirklich mal für Feedback rangewunken hat, dann war das in mehr als der Hälfte der Fälle für – Lob! Ich war erstaunt.
  • Blickführung ist bei mir immer noch ein Thema, aber nicht mehr beim Kurvenfahren, sondern beim Bremsen. Tatsächlich habe ich die Hälfte der Zeit auf die Streckenpylone geglotzt, weil ich wissen wollte, was die V-Strom an Bremsleistung auf den Asphalt bringt. Stellt sich raus: Wenig. Ich wusste, dass die Bremsen schwammig sind, aber gerade im Vergleich zu den mitfahrenden BMWs ist die Bremsleistung der Suzuki sehr meh. Für die Straße ist sie Ok, aber für Extremsituationen… Hm.
  • Wie es GS-Fahrer schaffen zu nerven, Teil 847: Wenn der Instruktor sagt „Gibt es noch Fragen“ und dann der GS-Fahrer mit 2.000 Kilometer Jahresleistung in acht verschiedenen Varianten wissen will, warum seine 1250er das geilste Motorrad auf der ganzen, weiten Welt ist und was eigentlich Leute machen, die keine haben.
  • Meine neuen Klamotten taugen für Dauerfahrten um die 10 Grad oder leicht drunter, das wird dieses Jahr noch wichtig.
  • Ich liebe meine V-Strom. Die passt wie ein Handschuh, ich habe sie absolut im Griff und kann sie souverän und sehr sicher bewegen.

Frisst 1.200er GS-en zum Frühstück: V-Strom 650.

Am Ostermontag verabschiedete ich mich noch von Ludwig Anton von Witzighausen, einem westsibirischen Laika. Diese Hunde sind mit den Huskys verwandet, aber anders als diese nicht als Lasttiere, sondern speziell auf Jagd hin gezüchtet und werden in ihrer Heimat zum Kampf gegen Bären eingesetzt. Ludwig hat die Barocca vor dem Gasthof in Mömbris bewacht und gegen Bären verteidigt.

Dann ging es über Bundesstraßen wieder nach Hause, wo die V-Strom und ich eintrafen, bevor die  Osterstaufestivitäten zum Höhepunkt aufliefen.

Zusammengefasst: Ein anstrengendes Wochenende, aber auch ein sehr schönes. Mal gucken, was sich nächstes Jahr so anbietet – vielleicht nach dem Fiasko in Hechlingen doch nochmal ein Endurotraining?

Alte Trainings, soweit das Blog und ich mich dran erinnern:
2019 Intensivtraining in Gründau (erstmals mit der V-Strom)
2016 Perfektionstraining in Gründau
2014 Intensivtraining in Gründau
2013 Endurotraining in Hechlingen
2012 Kurventraining B bei ps-motorradtraining.de
2012 ADAC Basistraining in Malsfeld
2012 Kurventraining A bei ps-motorradtraining.de
2012 Bei-jeder-Witterung-stattfindendes-ADAC-Training-das-wegen-Witterung-ausfiel

Andere Wochenendimpressionen

Kategorien: Impressionen, Motorrad | 16 Kommentare

Reisetagebuch: Motorradherbst 2021 in 3:48 Minuten

Das war die Motorradtour nach und durch Griechenland im Herbst 2021. Irgendwie immer noch im Schatten der Pandemie, aber da ich so viel allein unterwegs war, und das in einsamen Gegenden, ist mir das gar nicht so aufgefallen.

Hier eine Übersicht aller Tagebucheinträge.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

Reisetagebuch Griechenland (21): Eingefroren

Tagebuch einer Motorradtour im Herbst 2021. Heute: Tag 27 mit dem Ende.
Freitag, 15. Oktober 2022, Tarvisio

Ich wache auf, als der Kirchturm neben meinem Zimmerfenster anfängt loszudöngeln. Die Nacht über war der zum Glück ausgeschaltet, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund beginnen die christlichen Taliban zur schrägen Uhrzeit von 06:20 Uhr mit ihrem akustischen Terror.

Egal, ich habe eh´ schlecht geschlafen. Ich bin gefühlt ständig aufgewacht, einfach weil mir kalt war – obwohl ich in Fleecejacke und der langen Motorradunterwäsche geschlafen habe. „Zimmer wird gleich warm“, jaja, von wegen.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und merke sofort, wie kalt es im Zimmer ist. Knapp zweistellige Temperatur, zehn Grad vielleicht, mehr wird es nicht sein.

Eine Katzenwäsche später habe ich schon die Motorradklamotten an und merke die Kälte nicht mehr. Als ich aus der Zimmertür trete, laufe ich in eine Wand warmer Luft. In den Gängen funktionieren die Heizungen offensichtlich, und das Haus ist gut eingeheizt. Ich hätte bei offener Tür schlafen sollen!

Ich trage die Koffer über drei Etagen hinunter zum Parkplatz, vorbei an einem gemütliche Lesezimmer und einer Sauna und einem Pool, beides im zweiten Untergeschoss. In diesem Hotel einzuschneien muss die pure Wonne sein. Lange dauert es auch nicht mehr bis zum ersten Schneefall. Weiter oben sind die Berggipfel schon weiß, und für morgen ist auch für die Höhenlage von Tarvisio Schnee angesagt. Wie gut, das der nicht heute Nacht gefallen ist, dann hätte ich jetzt ein echtes Problem.

Das Glückspilzgefühl lässt abrupt nach, als ich die schwere Tür zum Parkplatz aufstemme und mir ein Schwall kalter Luft entgegenfaucht. Die Kälte fühlt sich im Gesicht wie Eisnadeln an. Ich gehe zum Motorrad und kriege den Mund nicht mehr zu. Die ganze V-Strom ist übergefroren!

Sattel, Satteltasche, Windschild… sogar auf den Instrumenten hat sich eine Eisschicht gebildet.

Anscheinend ist erst überall Luftfeuchtigkeit kondensiert, dann übergeforen. Minus 4 Grad sind es jetzt, d.h. die Temperatur ist in der Nacht um fast zehn Grad gefallen!

Schiet. Nicht, dass ich nicht mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hätte – der Parkplatz hat ein leichtes Gefälle, und ich habe die Maschine gestern Abend extra genau so geparkt, dass ich sie anlaufen lassen kann, sollte es arg kalt werden und sie nicht anspringen wollen oder sogar wieder KLONK machen. Aber das es friert war ein unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario, und das es tatsächlich eingetreten ist, schockt mich gerade ein wenig. Schnee wäre übrigens der GAU gewesen.
Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

Corona-Tagebuch (41): Eigenverantwortung

Weltweit: 498.154.313 Infektionen, 6.176.420 Todesfälle, 11,09 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 22.629.378 Infektionen, 131.679 Todesfälle
765 Days Gone

„It´s over.“
– Boris Johnson

„It ain´t over till it´s over“
– Sylvester Stallone

Eigentlich dachte ich ja die Pandemie würde mit der Entwicklung und Verteilung eines Impfstoffs enden und alles vorbei sein und wieder gut. Da habe ich nicht mit der unbändigen Dummheit von 30 Prozent der Mitmenschen gerechnet. Danach wusste ich ehrlich gesagt gar nicht so genau, wie ich mir so ein „Ende der Pandemie“ überhaupt vorzustellen hätte. Das sie aber nun endet bevor sie vorbei ist, das hätte ich sicher nicht gedacht.

Genauso wenig hätte ich gedacht, das Karl Lauterbach – auf Twitter die Sirenenstimme der Vernunft für alle halbwegs Normalen – als Bundesgesundheitsminister eine dermaßen schlechte Performance und so ein ambivalentes Auftreten hinlegt.

Auf Twitter warnt er weiter vor den Gefahren von COVID, in der Politik kassiert er alle Maßnahmen dagegen. Damit entwertet er die kollektiven Bemühungen, sich in der Pandemie vernünftig zu verhalten. Seit über zwei Jahren Isolation, Abstand halten, Maske tragen? Die jetzigen Aktionen fühlen sich an, als sei das alles umsonst gewesen.

Maskenpflicht? Nee, da hat die FDP was dagegen, irgendwas mit Einschränkung Grundrechte. Welche Grundrechte? Äh. Kann ja jeder eigenverantwortlich tragen, diese Masken.

Isolation? Freiwillig. In Eigenverantwortung. Ach nee, doch nicht. In einer Talkshow wieder zurückgezogen.

Isolation ist jetzt wieder verpflichtend, aber nur 5 Tage. WTF? Über solchen Maßnahmen steht SO FETT FDP, dagegen wirkt deine Mudder wie Twiggy. Natürlich wollen die, das Isolation freiwillig ist. Aber nicht wegen Grunderechtsverletzungen, sondern weil es dann weniger Arbeitsausfall gibt – für freiwilliges zu-Hause-bleiben wären Arbeitnehmer nämlich gezwungen Urlaub nehmen. So heißt nämlich freiwilliges zu-Hause-Bleiben, wenn man nicht krankgeschrieben wird. Bei freiwilliger Isolation werden Arbeitnehmer zur Arbeit gezwungen. Das ist das Gegenteil von „fReIhEiT!!!“, dem neuen Supergrundrecht der Egoisten. Wi-der-lich.

„Eigenverantwortung“ ist das Wort der Stunde. Kann ja jeder eigenverantwortlich Maske tragen und sich distanzieren. Ich krieg ja das Kotzen, wenn ich diese Wort höre. „Eigenverantwortung“ heißt so gut wie immer: Abwälzen von Problemen, Verhinderung struktureller Lösungen oder gar ein Freibrief für Schweinereien jeglicher Art.

Noch sieht es in der Realität gerade so aus: In Supermärkten muss keine Maske mehr getragen werden, das tun gefühlt trotzdem 97% der Kunden und 10 Prozent des Personals. Das regt die Maskengegner auf. Warum?

Jens Scholz erklärt das schön auf Twitter:

  1. Die Maske ist, gerade für die „Querdenker“, eine Externalisierung ihrer eigenen Angst, mit der sie sich nicht auseinandersetzen wollen. Vor COVID haben sie eine geradezu irrationale Angst, die Masken machen die Pandemie sichtbar und damit real, also müssen die Masken weg. Ist wie Zaubereiglaube: Würde niemand Masken tragen, gäbe es auch kein Corona. Jeder der doch eine trägt, erregt Wut.

  2. Latent aggressiver Egoismus. Alle sollen keine Masken mehr tragen, damit es keinen Unterschied zwischen solidarischen und unsolidarischen Menschen gibt. Egoisten wollen nämlich nicht gerne als solche erkannt oder benannt werden. Oder anders: Egoisten sind so egoistisch, das sie beim egoistisch sein bitte niemand beobachten soll.

Alles Egal.

Aber ach, alles egal. Die Impfpflicht ist tot, zerredet in einem Bundestag, der langsam aber sicher in die gleichen faktenferne Kulturkämpfe abrutscht, in denen sich die USA und Frankreich schon lange befinden. Impfen wird zu einer Glaubenshaltung, die sich entlang Fraktionsgrenzen messen lässt. Immer befeuert von Propagandaaktionen von AFD und Querdenkern, die dem Vernehmen nach die Abgeordneten seit Wochen mit Briefen und in sozialen Medien unter Druck setzen. Was viele unserer Volksvertreter vermutlich nicht wissen:

Aber wozu eine Impfpflicht, die Infektionszahlen gehen doch gerade massiv runter? Aktuell liegt die Bundesweite Inzidenz bei „nur noch“ 1.080!

Tja. Warum geht die runter? Weil nicht mehr überall getestet wird oder Tests nicht mehr kostenlos sind. Kann ja jeder selbst bezahlen. Eigenverantwortung! Und Impfung kann ja auch jeder eigenverantwortlich entscheiden, ob er das will.

Ist aber auch völlig unklar, wie im Fall einer Infektion verfahren werden soll. Gesundheitsämter winken vielerorts ab, sind überlastet. Hausarzthotlines empfehlen Hausarztbesuche. WTF? Will man infiziert im ÖPNV rumeiern und eine Praxis verseuchen? Ach ja: Eigenverantwortung! Muss halt jeder selber wissen.

Die Krankenhäuser ächzen. Zwar hat Omicron B oft einen leichten Verlauf im Sinne von „man stirbt vermutlich nicht“, zumal nicht wenn man geimpft ist, aber ein Spaziergang ist das dann doch nicht. Aber muss ja jeder selber wissen, ob er ins Krankenhaus muss. Und die Krankenhäuser müssen schon zusehen, dass sie ihren Kram auf die Reihe kriegen. Kann ja die Politik oder so ein Gesundheitsminister nichts dafür, ob und wie so ein Krankenhaus läuft. Eigenverantwortung, wissen schon.

Ältere Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | 5 Kommentare

Reisetagebuch Griechenland (20): Alte Bekannte

Tagebuch einer kleinen Motorradtour bis nach Griechenland. Heute mit alten Bekannten auf der Heimreise durch Italien.
Mittwoch, 13. Oktober 2022, Fähre Florencia, mitten in der Ägäis

Ich träume.
Seltsame Träume.

Kurz aufwachen, umdrehen, wieder einschlafen, weiterträumen.

Einige Zeit später bin ich wach. Nicht, weil mich etwas geweckt hätte, sondern weil mir der Schlaf ausgegangen ist und sich freundlich verabschiedet hat. Ich bin einfach ausgeruht und deswegen aufgewacht. Fühlt sich gut an.

Wie spät mag es wohl sein? Die Kabine hat kein Fenster, und außer einem schmalen Spalt Kunstlicht, das durch den Türrahmen fällt, ist es dunkel. Ich sehe auf die Uhr. Viertel nach Neun erst! Naja, eigentlich Viertel nach Zehn. Immerhin habe ich eine Zeitzone gequert, die Uhr ist eine Stunde zurückgesprungen.

Zehn Stunden geschlafen. Meine Güte, ich muss müde gewesen sein. Und die Träume haben sich nicht um die Arbeit gedreht oder um Arbeitskollegen. Das ist gut. Jetzt, nach mehr als drei Wochen, habe ich die Arbeit endlich aus dem Kopf.

Ich bleibe noch etwas in der Koje liegen und lese. Ganz traditionell eReader. Wifi gibt es auf dem Schiff nicht, alles ist offline.

Irgendwann stehe ich auf und laufe kurz durch das Schiff. Die Florencia gleitet durch eine recht ruhige See, aber es ist kühl und die Aussicht uninteressant.

Ich kann die Küste nicht ausmachen und weiß nicht, wo wir sind. Egal.

Lesen. Warten.

Ich hole mir einen kleinen Kaffee, für den satte 4 Euro veranschlagt werden, fülle den Becher in der Kabine aber zwei Mal mit Instantkaffee und kaltem Wasser wieder auf.

Lesen. Warten.

Gegen Mittag verzehre ich die zweite der Fertigmahlzeiten. Zum Rausgehen habe ich nach wie vor keine große Lust.

Die Florencia rollt etwas.

Lesen. Warten.

Ich gehe doch mal kurz raus. Jetzt kann ich die Küstenlinie sehen und weiß sofort, wo wir sind.

Das ist das Profil des Gran Sasso Gebirges: wir sind also schon auf der Höhe der Abruzzen, jetzt ist es nicht mehr weit bis Ancona.

Lesen. Warten.
Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

Reisetagebuch Griechenland (19): KLONK

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 24 mit – oh Wunder! – schlechtem Wetter und einem Jubiläum.

Dienstag, 12. Oktober 2022, Granítsa

Es regnet.
Immer noch.
Oder schon wieder.

Wie auch immer, es regnet. Nicht nur ein Bißchen, sondern ordentlich. Gegen 2:30 Uhr bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil der Regen wie mit Fäusten auf das Dach des Zimmers im „Hotel Panorama“ getrommelt hat. Jetzt hängen die Regenwolken in den Bergen und lassen laufen. Also Abreise im strömenden Regen, wie befürchtet.

Aber erstmal ein lecker Frühstück, dann freundliche Verabschiedung von Nikos und Annecka.

Als ich bereit zu Abreise bin, macht der Regen freundlicherweise eine Pause. Sogar die Sonne scheint kurz durch die dunklen Wolken.

Schnell mache ich mich fertig. Die Koffer sind schon gepackt, ich muss mich nur noch in die Regenkombi werfen.

Dann schnappe ich mir die Koffer und trage sie die Straße hoch, am Motorrad vorbei, und stelle sie an einen Zaun.

Warum ich die Koffer da hinstelle? Weil genau dort das einzig gerade und ebene Stück Straße ist.

Für die Abeise habe ich mir einen genauen Plan zurechtgelegt:
1. Zuerst die V-Strom starten und rückwärts von ihrem Parkplatz unter dem Feigenbaum rausschieben
2. Die Straße hoch fahren, dort wo es etwas breiter und wenig abschüssig ist wenden
3. Auf dem einzigen geraden Stück halten, Motor laufen lassen, dann erst Gepäck anbringen.

Warum so kompliziert? Weil es halt WIRKLICH erschwerte Bedingungen sind. Die V-Strom parkt auf einer Fläche, die leicht abschüssig nach vorne ist. Der Betonboden ist bedeckt vom Matsch verfaulter Feigen. Es wird sicheren Stand und Kraft brauchen, um die Maschine vom Ständer hochzubekommen und dann gegen das Gefälle und rückwärts über die kleine Betonkante zu schieben. Ohne das Gewicht des Gepäcks wird es wesentlich einfacher sein, die Maschine auf Zehenspitzen rückwärts und bergauf zu schieben.

Dann, so kann ich mir vorstellen, will der Motor nach zwei Tagen im kalten Regen vielleicht nicht an- und gleich wieder ausgemacht werden, darum will ich ihn laufen lassen. Das geht aber nur, wenn die Maschine gerade steht. Sehen sie?
Alles nicht so einfach.
Aber einfach kann ja jeder.

Das ich mir diese Hindernisse nicht einbilde merke ich schnell als ich in den Sattel klettere und versuche, die Maschine hoch zu bekommen. Beim ersten Versuch glitsche ich mit dem Stiefel auf dem Feigenschlamm weg und muss wieder etwas aus dem Sattel, damit ich genug Kraft aufbringen kann um die Suzuki vom Seitenständer hoch zu bekommen.

So, und nun: Spannung! Wird sie anspringen? Aber warum sollte sie nicht? Die V-Strom hat noch NIE Probleme gemacht, was das angeht. Die ist zuverlässig wie ein Uhrwerk. Auch unter solch widrigen Umständen. Denn aktuell sind nur knapp über Null Grad und damit rund 15 Grad weniger als an dem Tag, an dem wir in Granítsa ankamen, dazu kommt die Nässe der letzten Tage. Die ZZR600, da bin ich sehr sicher, würde jetzt lange rumorgeln und vielleicht sogar streiken. Aber nicht die Suzuki.

Ich drücke auf auf den Starter, und fast sofort ist der Motor da. Ich gebe Gas, und ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit. Gutes Motorra…. KLONK.

Die Maschine schüttelt sich kurz, dann ist der Motor ist aus. Was? Wieso Klonk? Die V-Strom hat doch noch NIE Klonk gemacht!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der Motor kommt, ich gebe etwas Gas und…. KLONK.

Ein Schütteln geht durch den Rahmen und es hört sich so an, als ob tief im Motor zwei Metallteile miteinander kollidieren, sich gegenseitig mit einem KLONK blockieren und dann geht nichts mehr.

Das gibt es doch nicht! Barocca, du lässt mich doch nicht ausgerechnet heute und in diesem abgelegenen Nest im Stich, oder?!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der orgelt und orgelt, aber der Motor springt nicht an. Abgesoffen. Die LED-Anzeige der Instrumente wird bereits schwächer. Ist jetzt etwa schon die Batterie am Ende? Das kann doch alles nicht wahr sein, die habe ich doch im Sommer erst ausgetauscht!

„Bittebittebitte“ murmele ich durch zusammengebissene Zähne, und nach endlosen Sekunden keucht und schnauft der Motor und springt wieder an. Ich drehe am Gashahn und dieses Mal macht es nicht KLONK, sondern er dreht brav hoch. Etwas rauh und holperig, aber das ist halt der Charme des V-Twins, besonders wenn er kalt ist.

Ich stemme die Zehen in den Feigenschlamm und wuchte die Maschine Zentimeter für Zentimeter rückwärts. Mehrfach glitschen mir die Füße weg, dann ist das Hinterrad an einer Betonschwelle. Die sieht nach nichts aus, aber weil die V-Strom so groß ist, ich nur mit den Zehenspitzen an den Boden komme und ich gegen eine Steigung anschieben muss, ist es echt nicht einfach, die Maschine da drüber zu bekommen.

Irgendwann habe ich die V-Strom soweit auf die Straße gezerrt, dass ich das geplante Wendemanöver fahren kann. Immer schön vorsichtig, die Straße ist bröckelig, abschüssig und nass. Der Rest klappt aber wie geplant, und zum Glück macht die V-Strom nicht nochmal KLONK.


Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 10 Kommentare

Momentaufnahme: März 2022

Herr Silencer im März 2022

Schock des Monats: Krieg in Europa?!

Wetter: Nachts stets bitterkalt bei bis zu -4 Grad, tagsüber strahlender Sonnenschein bei 10 bis 18 Grad. Den ganzen Monat keinen Tropfen Regen, die Dürre im Boden steigt wieder an.


Lesen:

Alan Moore, Melinda Gebbie: Lost Girls [Graphic Novel, 1992]
Zu Beginn des ersten Weltkriegs sitzen die Gäste eines Luxus-Hotel in Österreich fest. Darunter drei Frauen: Eine ältere Dame, eine Amerikanerin und eine Hausfrau aus London. Sie lernen sich kennen, freunden sich an, beginnen eine Art von Beziehung und erzählen sich zum Zeitvertreib ihre sexuellen Geheimnisse.

So wurde die ältere Dame in ihrer Jugend von einem kaninchenhaft nervösen Mann betäubt und missbraucht und fühlt sich seitdem, als sei ihr wahres Ich in einem Land hinter den Spiegeln gefangen. Die Amerikanerin hat ihre erste sexuelle Erfahrung als einen Tornado der Lust in Erinnerung. Und die Londonerin beschreibt, wie ein Unbekannter ihr und ihren Brüdern zu einem Erlebnis verhalf, das sich anfühlte, als würden sie fliegen können.

Alan Moore ist verrückt wie ein Sack Katzen, aber er ist auch der Großmeister der Graphic Novels. Aus seiner Feder stammen u.a. die „Watchmen“, „V for Vendetta“ oder das schwer erträgliche „From Hell“. Das er in dieser Geschichte ausgerechnet Alice (die mit dem Wunderland), Dorothy (aus dem „Zauberer von Oz“) und Wendy (aus „Peter Pan“) als gealterte Frauen aufeinandertreffen lässt und ihnen eine erotische Beziehung andichtet, ist einer seiner besonders absurden Einfälle.

Die Geschichte der Beziehung der drei Frauen ist voller Wendungen und schockierender Enthüllungen, die oft von den Protagonistinnen so banal nebenbei erzählt werden, dass dadurch die Schwere ihrer Traumata deutlich zu Tage tritt. Das ist große Erzählkunst.

Die Zeichnungen von Melinda Gebbie tun das ihrige, um die Geschichte der „Lost Girls“ zu etwas Besonderem zu machen. Sie variieren stark, je nach Erzählerin, Perspektive und Thema wechselt der Stil zwischen naturalistischen Bleistiftzeichnungen oder ineinander verlaufenden Aquarellen. Der Fantasie wird dabei wenig überlassen; die Geschichte ist ein gezeichneter Porno, der zum Ende in stete Orgien abgleitet und kaum eine Spielart menschlicher Sexualität auslässt.

Das Buch selbst ist eine Freude: Extrem schweres Papier, Prägungen und perfekte Farben überall. Man hat das Gefühl, einen Schatz in Händen zu halten.

Christie Golden: Assassins Creed Heresy [2016]
Abstergo-Forscher springt in die genetischen Erinnerungen eines seiner Vorfahren und begleitet Jeanne d´Arc. Die hatte nicht nur einen erstaunlichen Count an Precursor-DNA, sondern kam im Laufe ihre kurzen Lebens auch mit einem Isu-Schwert in Kontakt, auf das die Templer der Gegenwart scharf sind.

Die Zusammenfassung klingt verwirrend? Das Buch steigt aber genau so ein. Viel erklärt wird hier nichts, und wer die umfangreiche Lore von „Assassins Creed“ nicht zumindest in Grundzügen kennt, versteht hier nur Bahnhof. Wer das „Creed“-Universum aber kennt und mag, schätzt den raschen Einstieg. Das Buch macht aus seiner Prämisse, das die historische Figur Jeanne d´Arc deshalb so rätselhaft war, weil sie unter Precursor-Einfluss stand, einen ordentlichen Bogen auf und füllt Lücken und Fragezeichen in der echten Geschichte mit Assassins Creed-Erzählungen.

Trotz der guten Idee: Erzählerisch ist dieses kleine Buch keine Leistung. Die historische Geschichte ist farblos hingemeiert, die Gegenwartsstory bemüht und krampfig erzählt, alle Figuren völlig beliebig. Immerhin habe ich etwas über das Leben der seltsamen Jungfrau von Orleans gelernt.


Hören:


Sehen:

Bild: Arte

Diener des Volkes [Arte Mediathek]
In der Ukraine: Der kleine Gymnasiallehrer Wolodymyr Selenskyj denkt er sei allein, als er seine Wut über „die da oben“ herausbrüllt und mit Leib und Seele darüber schimpft, dass es ja völlig egal ist, wenn man zum Präsidenten wählt – „die“ seien ja doch alle gleich und plünderten die Menschen der Ukraine hemmungslos aus.

Der leidenschaftliche Ausbruch wird von einem Schüler gefilmt, das Video geht Viral, und durch eine Reihe von Zufällen wird Slenskyj zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Dort rutscht er schnell in die Maschinerie von „denen“, die ihn zu einem der ihren machen wollen. Während er sich dagegen noch wehrt und von Demokratie, Freiheit und Europa träumt, genießt seine Familie, das sie mit Aufmerksamkeit und Geschenken überhäuft wird.

Sehr unterhaltsam, diese Geschichte über den kleinen Mann, der über Nacht zum Präsidenten wird und dann in die Mühlen von Oligarchen und „Beratern“ gerät. Ständig am Rand der Überforderung träumt sich der Geschichtslehrer Hilfe historischer Figuren herbei. Das ist schon wirklich lustig, wenn er dann – befeuert von Che Guevara – das gesamte Kabinett als Bande von Dieben zusammenzuschreit, oder wenn er von Plato bedauert wird, das er an Demokratie glaubt. Und das, während seine Familie den neuen Status genießt und sein Vater sich gegen das Versprechen von Gefallen die schäbige Plattenbauwohnung zu einem „Versailles“ umbauen lässt.

Historischen Wert hat sie Serie ja schon deshalb, weil der echte Selenskyj auf dieser Basis wirklich unvermittelt Präsident wurde. Sie bietet aber auch anhand vieler Kleinigkeiten Einblicke in das Leben und die Denke der Ukraine vor dem Krieg, vom Alltag bis zum Verhältnis zu Belarus („Herr Präsident, das ist nur Lukaschenka, wegen dem müssen sie sich nicht erheben“). Aus heutiger Sicht guckt man die ganze Zeit mit einem weinenden und einem bewunderndem Auge.

23 Folgen OMU in der Arte Mediathek

The King´s Man [BluRay]
Um die Jahrhundertwende: Ralph Fiennes ist der Duke of Oxford. Der Pazifist und Philanthrop muss miterleben, wie seine Frau im Jahr 1902 in den Burenkriegen stirbt, dann kommt auch noch sein sein Sohn in den Schützengräben des ersten Weltkriegs um. Durch Zufall stösst Fiennes darauf, das ein mysteriöser Unbekannter europäische Staatsoberhäupter mittels sinistrer Charaktere wie Rasputin, Mata Hari oder Eric Jan Hanussen manipuliert. Diese Ereignisse führen zur Gründung eines unabhängigen Nachrichtendienstes: Kings Man.

Ich mag ja fiktionale Stories, die sich im Schatten realer Ereignisse abspielen. Das war es, was ich an „Assassins Creed“ faszinierend fand, bevor die Serie den Bach runterging.

Das nun die Form der „Alternate History“ genutzt wird um ein Prequel zu den von mir heiß geliebten „Kings Man“-Filmen zu machen, fand ich daher grundsympathisch – und war zunächst doch enttäuscht, wie übrigens auch die Kritiker und ein guter Teil des Publikums.

Das liegt zum guten Teil daran, dass die Vorgängerfilme, besonders „Golden Circle“, völlig überdrehte und fantastische Spionage-Comedy-Action-Derivate um einen Club außergewöhnlicher Gentlemen waren. Das Prequel „The King´s Man“ verbreitet nun dagegen erst einmal die graue Aura von staatstragendem Ernst und bleierner Trauer. Ralph Fiennes gibt sich erkennbar Mühe die Traumata seiner Figur deutlich zu machen, und Krieg und Tod des ersten Weltkriegs taugen als Hintergrund für eine Geschichte nun mal nicht für gute Laune.

Gelegentlich gibt es campy Elemente, wie die Infografik für Dreijährige, die die komplexen Hintergründe europäischer Politik auf vier Pfeile und drei Figuren reduziert, oder dass die rivalisierenden Charaktere Kaiser Wilhelm II, Zar Nikolai und King George V alle vom selben Darsteller gespielt werden. Dieser Unfug ist aber fehl am Platz und bringt den Film tonal ins Schlingern, zumal er nie in Richtung Komödie abbiegt. Auch große Actionsequenzen sucht man hier vergebens – und das ist genau, was die Erwartungshaltung der Fans bricht.

Aber: Der Film hat etwas ganz Eigenes, stelle ich nach dem zweiten Ansehen fest. Das hier ist kein schlichter Popcorn-Blockbuster, sondern die Geschichten von einzelnen Personen und ihren Motivationen. Die sind sorgfältigst geschrieben und hergeleitet, wie überhaupt die ganze Story mit großer Kunstfertigkeit gebaut wurde und viele, kleine Überraschungen bietet – das fängt bei einem völlig lautlosen Faustkampf im Niemandsland der Westfront an, führt über den Charakterbogen einer Ziege(!) und endet bei der Tatsache, dass hinter der „Kings Man Agency“ eigentlich eine Frau steht.

Die Motivationen des Duke of Oxford und seine Entwicklung sind sorgfältig herausgearbeitet, und alle Handlungen und Ereignisse passieren nicht einfach so, sondern sind immer begründet und haben Folgen (die Ziege!).

Die Besetzung ist erstklassig, bis in die Nebenrollen hinein. Gemma Arterton als Koordinatorin, Charles Dance als alter General und Daniel Brühl als Hanussen sind schon super, aber Rhys Ifans (Spike aus „Notting Hill“) deklassiert alle anderen, hat er doch als dämonischer Rasputin, der Gegner in Grund und Boden tanzt(!) sichtbar Spaß an der Rolle.

Blass bleibt lediglich der Antagonist. Mir gefällt die Idee, dass ein dunkler Strippenzieher für die tatsächlich manchmal unglaublichen Entwicklungen im ersten Weltkrieg verantwortlich sein soll, aber genau dieser Charakter ist klischeehaft gezeichnet und funktioniert nicht gut. Das ist schade, denn dadurch werden auch die Heldenfiguren in Mitleidenschaft gezogen.

Was bleibt? Nun, „The King´s Man“ ist ein sehr guter Film mit hervorragenden Schauspielern und einer tollen Geschichte. Für sich allein leidet er lediglich unter tonalen Inkonsistenzen und einem schwachen Antagonisten. Als Prequel kann er aber die Hypothek der Reihe nicht einlösen. Das tut dann evtl. ein echter „Kings Man 3“.

Jojo Rabbit [Netflix]
Kleiner Junge ist begeisterter Nationalsozialist und hat Hitler als imaginären Freund.

Unerträglicher Quatsch, prätentiöse Taika Waikiki Selbstdarstellung, völlig überdreht und dem Thema völlig angemessen, nach 20 Minuten ausgemacht. Dann auf Twitter überredet worden doch weiter zu schauen. Stellt sich raus: Scarlett Johannson. Aber der Rest bleibt trotzdem unerträglich überdrehter Müll, stellenweise „Hitler – Das Musical“. Schlimm.


Spielen:

Horizon: Forbidden West [PS5]
Unsere Zivilsation ist vor 1.000 Jahren untergegangen. Jetzt leben die Menschen in steinzeitlichen Stämmen, beschützt von tierähnlichen Maschinen. Die werden eines Tages aggressiv und wenden sich gegen die Menschen. Schlüsselfigur gegen diese Bedrohung ist Aloy, eine junge Jägerin vom Stamm der Nora. Stück für Stück entdeckte sie, was in der Vergangenheit mit der Welt passierte und wer sie selbst eigentlich ist.

Soweit die Zusammenfassung von „Horizon: Zero Dawn“, dem 2017 erschienenen Vorgänger, dessen Story ich für eine der besten SciFi-Geschichten halte, die je geschrieben wurden.

Der Nachfolger „Forbidden West“ schließt nun direkt an die Ereignisse von „Zero Dawn“ an: Das Terraformingsystem der Erde spielt verrückt, Unwetter und Hungersnöte sind die Folge. Aloy macht sich auf, um den Grund dafür herauszufinden und zu ergründen, warum die Maschinen im ersten Teil überhaupt aggressiv wurden.

Natürlich kann Teil 2 nicht auf die gleiche Weise wie „Zero Dawn“ funktionieren. Viel der Faszination von Teil 1 kam durch den Wissensunterschied und die unterschiedlichen Intentionen von Spielfigur und Spieler: Aloy wollte nur wissen wer sie ist und woher sie kommt, als Spieler wollte man wissen warum die Erde untergegangen ist und wieso Roboterdinosaurier(!) auf ihr unterwegs sind. Das führte zu charmanten Situationen, etwa wenn Aloy sich freute wenn sie ein „Armband der Vorfahren“ fand oder „ein Windspiel der Altvorderen“ und man als Spieler wusste: Das ist eine Casio-Uhr und ein Schlüsselbund, was sie da gerade ausgebuddelt hatte. Trotzdem fand man am Ende gemeinsam raus, warum unsere Zivilisation unterging. Dieser erzählerische Kniff lässt sich nicht beliebig wiederholen.

Dennoch geben sich die Autoren große Mühe, auch in „Forbidden West“ zu überraschen – und meine Güte, das gelingt ihnen! Sicher, mittlerweile weiß man um die Geheimnisse von Projekt Zero Dawn und kennt Aloy, aber dennoch blieb mir beim Spielen der Hauptstory mehr als einmal der Mund offen stehen.

Das hier ist die ganz, ganz hohe Kunst guten Geschichtenerzählens. Alles wird gut vorbereitet, ergibt im Kontext der Welt Sinn und hat eine ordentliche Auflösung. Dazu macht die Heldin eine ganz eigene Entwicklung durch: Trägt sie zu Beginn noch die Last der Welt auf ihren Schultern, begreift sie im Verlauf, dass andere Menschen durchaus wichtig sein können.

Neben der tollen Hauptgeschichte gibt es wieder jede Menge Nebenmissionen, die mal dramatisch und mal herzbrechend sind, vor allen aber sind sie gut geschrieben. Die Nebenmissionen von „Forbidden West“ sind kein generischer Einheitsquatsch aus dem Baukasten, wie in „Assassins Creed“ und anderen Open Worlds seit Jahren üblich, das hier sind echte Kurzgeschichten, die toll vertont und geschauspielert sind und die vor allem einen Einfluss auf die Hauptgeschichte und Personen haben.

Dazu kommt die technische Umsetzung. Die Welt ist wunderschön und detailreich, und die Gesichter der wirklich guten Schauspielern (U.a. Carrie Anne „Trinity“ Moss, Angela Bassett oder Lance Reddick) sind fotorealistisch. Das wirkt alles lebendig, und weil auch die Charaktere bis in die Nebenrollen hinein gut geschrieben sind, ist „Forbidden West“ wieder eine herausragende Erfahrung.

Gameplaytechnisch hat das Amsterdamer Studio Guerilla Games überall noch etwas draufgesattelt, was aber nicht an jeder Stelle gut ist. Zwar funktioniert das Klettersystem jetzt besser, aber Dinge wie Fallenstellen und Tränke brauen sind jetzt völlig überladen. Es gib so dermaßen viele Optionen, dass man sich immer wieder in den Menus verfuddelt. Alle Optionen nutzen kann man eh nicht, man muss sich hier wirklich heraussuchen, was zum eigenen Spielstil passt. Das schlanke System des Vorgängers hat mir da besser gefallen.

Ist aber Jammern auf höchstem Niveau, „Horizon: Forbidden West“ lässt sich trotzdem gut spielen, hat eine Hammergeschichte und ist dazu noch eines der schönsten Games für die aktuelle und letzte Konsolengeneration.
Wer storygetriebene Actionadventures mag, findet hier eines der besten die es bislang gab.


Machen:

Moppedsaisonstart 2022


Neues Spielzeug:

Ein Schnappdreieck.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 4 Kommentare

Schnappdreieck

Für einen motorisierten Verkehrsteilnehmer ist es immer eine gute Idee, die Sicherheitstrias aus Warnweste, Verbandskasten und Warndreieck mitzuführen. Beim Motorrad ist der Platz dafür aber stark beschränkt, weswegen die Sachen möglichst klein und leicht sein müssen. Bei Verbandskästen gibt es zum Glück mittlerweile einen miniaturisierten de-Facto Standard, der zumindest die basalen Verbandsmaterialien so zusammenschrumpft, dass sie unter eine Motorradsitzbank passen (wie das viel cooler geht steht hier: Taktisches IFAK für Motorrad).

Bei Warndreiecken gab es bislang nur eine Lösung, und zwar in Form einer Stoffhülle, auf die eine reflektierende Folie in Form eines Warnzeichens genäht ist. In Notfällen zieht man diese Hülle über den Helm und stellt den in ausreichender Entfernung* vor der Unfallstelle an den Straßenrand.

Diese Art von „Warndreieck“ hat den Vorteil, das sie klein und extrem leicht ist – ich führe sowas im Deckel meiner Tooltube mit. Der Nachteil ist die Sichtbarkeit, meist nur so mittel ist.

Der Hersteller SecureYOU hat sich nun etwas neues überlegt. Der Hersteller aus Hilden hat ein Warndreieck herausgebracht, das aus sehr leichtem Stoff und vorgespannten Metalldrähten besteht. Das lässt sich klein zusammenlegen und stehen dann unter Spannung. Nimmt man die raus, schnappt es in seine ursprüngliche Form zurück.

Sowas kenn man von Wurfzelten, die sich quasi selbst aufbauen, und genauso funktioniert das auch hier. Man nimmt das Warndreieck aus seiner Hülle, entfernt das Sicherungsgummi und PLOPP steht ein Warndreieck vor einem.

Das Warndreieck ist aus sehr leichtem Stoff gefertigt und hat umlaufend Reflexband, so das es auch im Dunkeln sehr gut zu sehen ist. Eine Alternative für´s Auto ist das Pop-Up-Dreieck übrigens nicht, es erfüllt nicht die einschlägige Norm.

Am unteren Ende sind vier kleine Stoffbeutelchen eingearbeitet, in denen Gewichte stecken. Die sollen, in Kombination mit den Öffnungen im Stoff, verhindern, dass die ganze Konstruktion beim ersten Windstoß wegfliegt.

Genau hier beginnen meine Probleme mit dem „Throwguard“, wie das Pop-Up-Warndreieck heißt. So schön es auch ist, mit seinem Gewicht von 490 Gramm ist es vermutlich nicht schwer genug, um es bei norddeutschem Wetter wirklich an Ort und Stelle zu bleiben, gleichzeitig ist es damit aber auch einen Tucken zu schwer und zu groß, um als „überall-dabei-Leichtgewicht“ durch zu gehen.

Um es mitzuführen, bedarf es eines echt großen Sitzbankfachs oder einem Platz im Gepäck.

Wäre ich ein Tourguide, der ohnehin einen Koffer nur mit Notfallausrüstung mit sich führt, dann wäre das Throwguard mit Sicherheit neuer, fester Bestandteil meiner Ausrüstung. Aber für normale Touren oder den Alltag? Dafür ist es mir persönlich zu groß und vor allem: Zu schwer.

An der Größe kann ich nicht viel machen, am Gewicht aber schon. Ich habe einfach mal rumgebastelt und die Gewichte aus den Beutelchen entfernt.

Ein Original-Throwguard wiegt fast 500 Gramm, ein entkerntes ist wesentlich leichter:

Danach habe ich über Kreuz Gurte eingezogen.

Das Ergebnis ist ein (geringfügig) kleineres, aber signifikant leichteres Päckchen. Da ich auf Touren immer etwas dabeihabe, der sich zum Beschweren eignet – hier zum Beispiel eine Wasserflasche – steht das Silencer´sche Schnappdreieck sogar sicherer als die Originalversion mit den Minigewichten.

Richtig leuchtend wird es dann, wenn die kleine Warnleuchte – die ich immer im Topcase habe – mit dem Throwguard kombiniert wird.

Ok, darf man jetzt auch niemandem erzählen, das ich jetzt quasi einen beleuchteten Pylon im Mopped spazieren fahre.

Das Throwguard gibt es für 20 Euro im Internet zu kaufen. Alternativ kann man auch eines gewinnen. Das Kradblatt verlost gerade eines, bis 31.03.22 kann man teilnehmen: Zum Kradblatt.


*) In der Stadt 50 Meter, Landstraße 150 Meter, Autobahn 250 Meter. Na, wer hätte das noch gewusst? 😉

Kategorien: Motorrad, Spielzeug | 4 Kommentare

Reisetagebuch Griechenland (18): Verständnislose Ommas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tage 22 und 23 mit toller Landschaft und miesem Wetter.

Sonntag, 10. Oktober 2021, Kourouta

Für heute ist Weltuntergang angesagt. Ein großes Tiefdruckgebiet steuert vom Meer auf die Westküste von Griechenland zu. Es bringt unglaubliche Regenmassen mit sich, ein richtiges Wettermonster, und es wird mich genau erwischen wenn ich unterwegs bin – sagt zumindest die Wettervorhersage.

Aber so schlimm sieht es noch gar nicht aus, als ich zum ersten Mal um halb acht aus dem Fenster blicke. Ich mache mir einen Instantkaffe, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Als ich einen Fuß aus der Haustür setze, beginnt es zu tröpfeln. Fünf Minuten später regnet es.

Okay, dann jetzt gleich in die Regenkombi. Als ich gerade mal die Hose angezogen habe, setzt draußen der RICHTIGE Regen ein. Meine Güte, das macht so runter, dass ich kaum noch die Häuser am anderen Ende der Brache sehen kann. Lieber noch einen Moment warten.

Halb in Regenklamotten liege ich rücklinks auf dem Bett und scrolle durch Social Media. Draußen ändert sich das Wetter im Minutentakt, mal regnet es stärker und mal nicht so stark.

Oh, der Regen lässt etwas nach. Dann schnell die Regenjacke an und… ach, jetzt gibt es wieder die Urwalddusche. Meine Fresse.

Irgendwann ist mir das alles egal. Los jetzt, findet die Abfahrt halt im Starkregen statt. Was soll´s.

Es ist warm, und durch die vielen Schichten Motorradkleidung läuft mir schon der Schweiß in die Augen, als ich endlich auf der Suzuki sitze.

Anna rechnet die heutige und Route und teilt nach einer laaaaaangen Denkpause mit, das wir bereits gegen 13:30 Uhr am Ziel ankommen. Hä? Wieso so schnell?

Oh, 13:30 Uhr am morgigen Tag. HÄ?? Wieso sollen wir für eine Strecke von schlappen 250 kilometern 29 Stunden brauchen?

Ah, okay, sehe schon. Meine virtuelle Copilotin hat sich streng an die Vorgaben gehalten und Mautstraßen komplett ausgespart. Die Strecke, die sie sich ausgeknobelt hat, führt daher einmal auf kleinen Feldwegen um den Golf von Korinth herum. Nein, eine Mautstraße sei heute ausnahmsweise mal erlaubt. Die führt über eine mautpflichtige Brücke, aber das ist Okay. Anna rechnet noch einmal und kommt auf eine Ankunftszeit von 15:30 Uhr, aber am heutigen Tag. Gut, das passt besser.

Durch den strömenden Regen geht es nach Norden, immer parallel zur Küste. Dieser Teil des Peloponnes ist flach, landwirtschaftlich geprägt und langweilig zu fahren.

Erst als ich in die Hafenstadt Patras komme, wird die Fahrt etwas interessanter. Patras liegt an der Rio-Andirrio-Meerenge auf dem Peloponnes, also der südlichen Halbinsel von Festland-Griechenland. Nordgriechenland ist hier gerade einmal 2,5 Kilometer entfernt, aber dazwischen liegt viel Wasser, nämlich der Golf von Korinth bzw. der Golf von Patras, wie er hier manchmal genannt wird.

Das Wasser ist hier 65 Meter tief, der Meeresgrund ist wabbelig und instabil und die ganze Region ist ein Erdbebengebiet, weshalb der Bau einer Brücke an dieser Stelle lange Zeit als völlig unmöglich galt. Im Jahr 2000 wagte man es aber doch, und verwendete dabei Technologien aus von Offshore-Ölplattformen: Man stabilisierte den Grund, in dem man 30 Meter lange Stahlrohre in den Boden rammte. Darauf schüttete man Steine, und auf dieses Bett stellte man dann ganz locker die Pylonen, damit die im Falle eines Erdbebens ein wenig hin- und hergleiten können.

In die Pylone eingehängt sind Stahlseile, die vier Fahrbahnen tragen. Insgesamt ist die Brücke fast zweieinhalb Kilometer Lang und damit die zweitlängste Schrägseilbrücke der Welt. Die längste ist übrigens die Brücke von Millau, wo ich auch schon war und die ich für eine der schönsten Brücken der Welt halte. Auch die Charilaos-Trikoupis-Brücke, wie die Patras-Brücke offiziell heißt, ist wunderschön. Hier ein Foto bei gutem Wetter. Deswegen natürlich nicht von mir.

CC BY 3.0 Szandras

Besonders gut wirkt sie natürlich aus der Ferne, aber auch beim drüberfahren ist es ein Ehrfurcht einflößendes Gefühl.

Nicht witzig fanden übrigens die Fährschiffer die neue Brücke, die ihnen das Geschäft kaputt zu machen drohte. Nach langem Hin und Her einigte man sich auf folgenden Kompromiss: 1. Die Brückenmaut wird teuer, sehr viel teurer als eine Fähre und 2. die Fährschiffe bekommen Subventionen. Ironie der Geschichte: Viele Touristen nehmen heute nur deshalb eine Fähre, weil sie eine Aussicht auf die schöne Brücke ermöglicht.

Ich nehme die Brücke weil es am Schnellsten geht und ich im strömenden Regen nicht auf Fähren rumeiern möchte. Die Einfahrt auf die Brücke erfolgt ohn Beschränkungen, aber an ihrem Ende muss ich an einem Mautschalter halten. Hier sind die Preise angeschlagen. Autos bezahlen 16,50 Euro, Gespanne 22 Euro und Motorräder… ich fummele ein zwei Euro Stück aus der Brusttasche der Regenkombi und reiche sie der jungen Frau im Mautschalter. Ich bekomme sogar noch 10 Cent wieder. So ist das gut.

„Fünf ist gesperrt. Andere Route“, sagt Anna, zeigt einen Erdrutsch auf der geplanten Strecke und sucht einen neuen Weg. Die neu berechnete Strecke dauert etwas länger und führt etwas um die Berge herum statt mitten hindurch, aber wenn durch den starken Regen noch mehr Erdrutsche ausgelöst wurden oder Unterspülungen passiert sind, hat es auch gar keinen Zweck da rumzueiern.

Stattdessen bin ich froh, dass das Garmin sich die Informationen selbstständig holt und darum herumrechnet. Denn in den Bergen gibt es nicht viele Straßen, und wenn man unvermittelt vor einem Erdrutsch steht kann es sein, dass man ein, zwei Stunden wieder den Weg zurück fahren muss, den man gekommen ist.

Hinter Patras hört der Regen auf, und als ich durch einen Canyon in die Berge hineinfahre, kommt sogar die Sonne raus.

Die Gegend ist ziemlich menschenleer, hier gibt es fast nur dicht bewaldete Berge. Die Bäume sind noch grün, aber die Sträucher und Büsche haben zum Teil schon ein herbstliches Rot angenommen.

Nach 200 Kilometern komme ich an einer der letzten Tankstellen in dieser Region vorbei. Der Tankwart steht gerade an der Straße und plaudert mit einem Polizisten, aber ich fahre trotzdem an eine der Säulen.

Vor dem Laden sitzt ein alter Mann mit einem Schlapphut in einem Schaukelstuhl in der Sonne und mustert mich durch zusammengekniffene Augen. Ich komme mir ein wenig wie in einem Western vor. Eine kleine, alte Dame kommt herangewackelt. „Είστε σίγουροι ότι θέλετε ντίζελ;“ sagt sie.

„Tut mir leid, ich spreche kein griechisch“, sage ich und mache mein dümmstes Gesicht. Sie lacht und schüttelt den Kopf, dann zupft sie mich am Ärmel und zeigt auf eine andere Säule. Ich rollere die Suzuki dorthin und Oma, die so klein und gebeugt ist, das sie kaum über den Tank gucken kann, beginnt die Maschine zu betanken. Schnell stoppt sie aber unvermittelt und viel zu früh wieder. Ah, sie hat nach Ästhetik des Preises getankt. Genau 10 Euro zeigt die Zapfsäule. Ich will aber keine schönen Preise, ich brauche einen vollen Tank.

„Mehr, bitte“, sage ich und mache entsprechende Gesten, aber das interpretiert sie als „Danke, reicht so“. Was ist das nur, das alte Damen mich hier einfach null verstehen?!

Ich nehme ihr freundlich, aber bestimmt die Zapfpistole weg und fülle weitere zweieinhalb Liter in den Tank, dann bedanke ich mich und reiche den Rüssel zurück. Aber jetzt ist Omas Ehrgeiz gepackt, denn ich habe für einen ungeraden Betrag getankt. Sie hält drauf und kriegt glatt noch einen halben Liter mehr rein und macht eine Punktlandung bei 15 Euro. Gut, jetzt haben wir beide was wir wollten. Einen vollen Tank und einen gefälligen Preis.

Zur Bezahlung muss ich in das kleine Tankstellengebäude. Hinter der Kasse sitzt eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und spricht perfektes Englisch. Die Enkelin der Tankwartin.

Die Region, in der ich hier unterwegs bin, kenne ich bereits flüchtig. Bei meinem ersten Besuch in Griechenland, 2015, sind Modnerd und ich hier am ersten Tag durchgefahren. Damals ging schnell die Sonne unter, aber ich habe die ersten Ausblicke auf diese Landschaft nie vergessen – so wie diesen hier:

2015

Wirklich, seit sieben Jahren ist mir die Landschaft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich wollte hier unbedingt noch einmal hin, und habe mir das quasi als Sahnestück bis fast zum Ende meiner Griechenland-Rundttour aufgehoben. Besonders um einen See wollte ich herumfahren, den ich damals nur aus der Ferne gesehen hatte.

Um den fahre ich jetzt herum und bekomme mich kaum noch ein, weil die Aussicht so fantastisch ist.

Wirklich, das hier ist die aufregendste und schönste Landschaft, die mir in Griechenland begegnet ist. Sicher, Wasser und Berge gibt es hier überall, aber die Kombination dieser zerklüfteten Felsen, der dichten Wälder und der Seen, das hat etwas ganz besonderes. Vielleicht spricht es mich auch nur deshalb so besonders an, weil ich im Harzvorland aufgewachsen bin, und das hier aussieht wie der Harz auf Steroiden.

Es ist deutlich zu sehen, wie sehr die Trockenheit der letzten Monate (und Jahre) den Pegel der gewaltigen Stauseen hat fallen lassen. Mindestens 15 Meter fehlen zum normalen Stand.

Zwanzig Kilometer vor dem Ziel klart es auf. Es ist warm und der Himmel so blau, dass ich beschließe die Regenkombi auszuziehen.

Sechzehn Kilometer vor dem Ziel beginnt es wieder zu regnen. Ach man, das war ja so klar.

Schnelles Vorankommen ist jetzt nicht mehr möglich, die Straßen sind klein und stellenweise voller Schlaglöcher und an anderen Stellen voller Ziegen.

Die letzten drei Kilometer sind mit das Heftigste, was ich bislang gefahren bin. Extrem steil windet sich die Straße den Berg empor. Die Kehren haben eine krasse Steigung bei gleichzeitig winzigem Radius, und die Fahrbahn ist nicht nur voller Risse, sie liegt auch stellenweise voller Steine und Äste oder ist bedeckt von einem glitschigen Teppich faulendem Laubs.


Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 5 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: