Reisetagebuch Griechenland (10): Enipeas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 14 mit einem schlafenden Fluss, einer magnetischen Straße und zwei Schwestern in Bayern.

Samstag, 02. Oktober 2021, Vourvourou
Etwas missmutig packe ich meine Sachen zusammen. Heute heißt es Abschied nehmen von dem kleinen, etwas verranzten Häuschen am Strand. Nicht, dass ich von dem viel gehabt hätte.

Die letzten fünf Tage hat es ständig gestürmt oder geregnet, und die Luft war richtig kühl. Die Einheimischen feiern das, denn in den Wochen und Monaten zuvor hat es in Griechenland kaum geregnet, eine Hitzeglocke lag über dem Land und überall tobten Waldbrände.

Von der Hitze hätte ich mir nur ein kleines Bisschen gewünscht und vielleicht ein, zwei richtig sonnige Tage, um mal am hauseigenen Strand zu baden. Allein, es hat nicht sollen sein. Nunja. Auf dieser Reise habe ich noch zwei Mal die Chance auf ein Bad im Meer. Das klappt schon noch. Genauso wie Gyros essen. Das hat bislang nämlich auch nicht sollen sein.

Immerhin bin ich durch das erzwungene Nichtstun ausgeruht und entspannt. Das waren die ersten richtig ruhigen Tage seit Herbst letzten Jahres. Mir geht´s körperlich besser, ich träume nicht mehr von der Arbeit, und mein Magen hat sich auch eingekriegt – das allerdings schon kurz nach der Abfahrt von zu Hause, der monatelange Dünnpfiff war von jetzt auf gleich verschwunden.
Ja, mal rauszukommen ist gesund.

Ich trage die Koffer zur V-Strom. Die Maschine ist mit einem Salzschleier überzogen. Kein Wunder, das Motorrad stand auf der Sandwiese vor dem Haus, die ist nur rund 100 Meter vom Meer entfernt.

Mehrfach checke ich die Räume des Appartements und gucke überall nach, ob ich auch ja nichts vergessen habe. Dabei finde ich in der Ritze zwischen Sofa und Wand den Riegel der Moskitotür wieder, der bei der doofen Aktion am ersten Tag abgerissen und in hohem Bogen weggeflogen ist. Hatte mich schon gefragt wo der hin ist.

Schließlich stecke ich den Schlüssel von Innen an die Tür und texte meinem unbekannten Gastwirt „Leaving. Everything ok, key is in door. Had a relaxed time here, thank you.“

Relaxed stimmt auch, aber anders als gedacht. Fünf Tage im Bett und auf der Couch rumliegen, dafür fährt man eigentlich nicht nach Griechenland. Ich hatte zwischendurch sogar überlegt zu arbeiten. Arbeiten am Netbook, im Strandhaus, mit Blick auf´s Meer! Ich konnte mich dann gerade noch beherrschen, aber die Idee mal als Digitalnomade von Sonstwo auf der Welt zu arbeiten, das ist schon verlockend. Gut, geht in meinem Job nicht wirklich gut, aber wenn es ginge, würde ich es probieren.

Die DL650 springt auch nach den fünf Tagen in Salz und Regen sofort an. Ich steuere sie auf die Straße hinaus und gen Norden, runter von der ChaldiKidi…. Chalkididi.. Chalkidiki-Halbinsel und Richtung Thessaloniki. Statt von vornherein die mehrspurige Schnellstraße zur Stadt zu nehmen, steuere ich die Barocca erst einmal in die Berge östlich und nördlich von Thessaloniki.

Hier geht es auf einer Landstraße durch Weinberge und kleine Orte, das ist viel schöner zu fahre, wenn auch nicht spektakulär. Was es aber ist: Kalt. 13 Grad an der Küste, sagt Anna, und die Berge gehen teils auf 600 Meter hoch – mehr als sieben oder acht Grad dürften das hier oben nicht sein. Mir wird kalt in den Sommerhandschuhen, und starker Wind reißt an der Maschine herum.

Schließlich trifft die Landstraße doch wieder auf die Schnellstraße. Dieses Mal begehe ich nicht den Fehler und versuche mich durch Thessaloniki zu kämpfen, sondern nehme gleich die „Ring Road“, die Schnellstraße um die Stadt herum und über sie hinweg. Allerdings ist heute selbst die Ring Road fürchterlich. Der Samstag wird anscheinend genutzt um Wartungsarbeiten und Reparaturen an der Asphaltdecke sowie Baumschnitt durchzuführen, und das alles gleichzeitig. Mehrfach stehe ich im Stau und freue mich, als ich endlich aus der Stadt raus bin und die Landstraße erreiche, die wieder rechts und links voller weißer Flocken liegt und über die Traktoren mit frisch geernteter Baumwolle zockeln.


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Corona-Tagebuch (39): Resignation


Weltweit: 355.027.209 Infektionen, 5.605.074 Todesfälle, 9,8 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 8.909.503 Infektionen, 116.967 Todesfälle
689 Days Gone

„Alle anderen Varianten des Virus verursachten Kurven bei den Infektionszahlen, Omikron ist eine Wand.“

So war es vorhergesagt, und so kam es. Die Infektionszahlen sind schlagartig in die Höhe geschossen, nachdem die Erfassung nach den Winterferien wieder halbwegs normal lief. Omikron ist tatsächlich noch einmal viel, viel ansteckender als alles zuvor Dagewesene, und es infiziert auch Geimpfte. Und es wird noch besser kommen, eine weitere Omikron-Mutante wird von PCR-Tests nicht mehr ordentlich erkannt.

Erstaunlicherweise wird darauf nicht mit Lockdowns oder harten Beschränkungen reagiert. Im Gegenteil. Die Schulen bleiben geöffnet und machen Präsenzunterricht, Einzelhandel und Gastronomie bleiben offen. Menschen mit einem Booster brauchen das Plus in „2G+“ (Geimpft oder genesen und ein negativer Test) nicht zu beachten.

Ist vielleicht auch gut so, denn die bislang zuverlässigen PCR-Tests bzw. die Testkapazitäten werden in Deutschland knapp und deswegen bald rationiert und priorisiert. Die Quarantäne- und Isolationszeiten sind verkürzt worden, und Kontaktpersonen müssen unter bestimmten Umständen gar nicht mehr in Isolation.

Der Grund dafür: Omikron ist zwar viel ansteckender, macht aber angeblich nicht ganz so schlimm krank wie die vorherigen Versionen, zumindest nicht wenn man geimpft und geboostert ist. Geimpfte Infizierte kommen weniger häufig ins Krankenhaus und bleiben kürzer. Nur: Es gibt viel, VIEL mehr Infizierte und in der Summe sieht das alles nach Resignation der politisch Verantwortlichen aus. Eine Kapitulation vor einer Virusmutante, die die Gesellschaft durchseucht – „warum sich der noch entgegenstellen, wieso sorgen wir nicht dafür, dass es schnell vorbei ist“, das scheint gerade die Stoßrichtung der Politik zu sein.

Vielleicht sagt es nur niemand laut, und diese politische Richtung ist Ausdruck der Verzweiflung. Ein Rückzugsgefecht, das sich letztlich nur darum müht die Gesellschaft irgendwie am Laufen zu halten, damit durch die hohen Infektionszahlen nicht alles zusammenbricht und es zu Versorgungsengpässen und Panikreaktionen kommt.

Dabei reicht das hausgemachte Chaos schon völlig aus. Impfgegner werden jetzt liebevoll „Wichswichtel“ genannt und laufen mittlerweile jeden Abend auf den Straßen der Städte rum. Angeführt von Rechtsradikalen „gehen sie nur spazieren“, um sich dann Straßenschlachten mit der Polizei zu liefern. Vor allem in Ostdeutschland, aber am Wochenende auch in Brüssel – unter Anwesenheit deutscher Rechtsradikalenprominenz.

Diese Menschen wähnen sich, zumindest zum Teil, im „Widerstand“ gegen eine herbeifantasierte „Diktatur“ und gegen eine Impfpflicht, die es noch gar nicht gibt und die so auch nicht kommen wird. Anders als in Österreich, wo eine Impfpflicht beschlossen wurde (und es ausreichend PCR-Tests gibt), hat die neue deutsche Bundesregierung keinen Bock auch nur einen Gesetzesvorschlag vorzulegen und tut generell so wenig, dass Merkels von-links-nach-rechts-Verwalten retrospektiv wie Leistungssport aussieht. Aus deren CDU, jetzt in der Opposition, kommt aber auch kein konstruktiver Vorschlag zur Impfpflicht.

Während der Bund langsam vor sich hin erodiert, ist man in den Bundesländern teils schon weiter. Hier stellt sich hier ein Vizelandrat der CDU auf Wichswichtelkundgebungen hin und kündigen an, Gesundheitsmaßnahmen des Bundes nicht umsetzen zu wollen. Unter dem Gejohle des Mobs tut man so, als ob man den „Widerstand gegen die da oben“ unterstützt. Das ist natürlich in Sachsen, wo sonst. Die Radikalisierung der Konservativen, die auf eine Abschaffung der Demokratie hinausläuft, ist ein Phänomen was weltweit zu beobachten ist, insbesondere in den USA. Für Deutschland beginnt sie in den ostdeutschen Bundesländern.

Ich bin einfach nur noch sehr, sehr müde. Ich kann mich über die Wichswichtel schon gar nicht mehr aufregen. Ich diskutiere nicht mehr mit „Impfskeptikern“. Sollen sie doch alle machen was sie wollen. Ist mir egal.

Ich will mal hoffen, dass ist nur Wintermüdigkeit und nur bei mir… denn wenn sich die Resignation auf breiter Front durchsetzt, ist das ein weiterer Schritt in das neue Mittelalter.

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Reisetagebuch Griechenland 2021 (9): Ausgesperrt (Das Haus am Meer)

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mache ich dumme Dinge, und das gleich mehrfach.

27. September 2021, Meteora
Vor dem Gasthaus parkt mein Motorrad, gegenüber stehen zwei Wohnmobile. In der offenen Tür des einen steht der schwäbische Mathelehrer. Das dürre Männlein schüttelt aufgeregt die Fäustchen und trägt einer Frau, die im anderen Wohnmobil gerade Bettdecken ausklopft, lautstark seine Abenteuer vom gestrigen Abend vor.

„Un´ dann hat der uns von unsere Plätze vertriebe! Des müssen´se sich einmal vorstelle! Einfach umgesetzt, obwohl mir Spit-zen-plätze hadde!“, greint er.

Ich hänge die Koffer in die Maschine ein, ziehe die Sicherungsgurte fest und starte Anna. „Route steht“, meldet sich meine Copilotin im Helm und ich denke nur Bloß weg hier, damit ich dieses Elend nicht noch länger mit anhören muss.

Schnell ist die V-Strom auf der Straße, kurvt durch den noch verschlafenen Ort Kalambaka und am örtlichen LIDL vorbei auf die Landstraße. Wenig später verschwinden die Metéorafelsen im Rückspiegel.

Östlich von Kalambaka sieht die Landschaft so aus, wie ich mir manche Gegenden in den USA vorstelle. Dünn besiedelt, karges Land, endlose Straßen. Diese Gedanken drängen bei diesen Bildern geradezu auf:

Fehlen nur noch Kakteen am Straßenrand. Oh, wie ich das genieße.

Allein.
Keine anderen Menschen.
Keine Autos
.

Na gut, Viecher gibt es. Aber Viecher sind okay. Viecher nerven mich nicht, auch nicht, wenn sie sowas machen:


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Familiäre Dialoge -XV-

Telefon klingelt.

Ich: „Vater?!“ (Mißtrauisch) „Warum rufst Du an? Das machst Du doch nie?“

Vater: „Ah Sohn. Nee, ich wollte Dich auch gar nicht anrufen. Hab‘ ich mich wohl verdrückt.“

(Pause)

Vater: „Aber wo ich dich gerade mal dran habe…“ (stolz): „Ich bin ja jetzt geimpft, ne?“

Ich (in gespielter Überraschung): „Nein! Das ist ja was!

Ja, er ist geimpft, seit heute morgen. Weiß ich schon.

In der Vergangenheit hat er ja alle möglichen Ausreden erfunden, warum er sich nicht impfen lassen kann. Das reichte im Zeitverlauf von „Die Impfung ist Gift und unter Masken erstickt man“ über „bringt ja eh‘ nichts“ bis zu „Bei uns impfen die nicht“, „MIR hat niemand ein Impfangebot gemacht“ und zuletzt „meine Ärztin will mich nicht impfen“. Alles erfunden, alles Ausreden, aus purer Bequemlichkeit.

Dass mein Vater sich nun hat impfen lassen liegt einzig und allein daran, dass meine Schwester ein Impfangebot in seinem Dorf ausfindig gemacht hat, ohne Voranmeldung und quasi zwei Straßen weiter. Dann hat sie ihn telefonisch bekniet da hinzugehen und ihm deutlich gemacht, dass er ohne Impfung nie wieder in irgendein Restaurant oder zum Windbeutelessen ins Café Tulpe darf. Windbeutelentzug! Diese Drohung hat es dann wohl gebraucht.

Er war wirklich bei der Impfung. Das erzählt er nicht nur, damit wir Kinder endlich Ruhe geben. Woher ich das weiß?

Weil er in der Impfpraxis einen dermaßenen Aufstand gemacht hat, das er danach Dorfgespräch auf Facebook war. Lautstark und jedem der es nicht hören wollte hat er kundgetan, das ER ja die Impfung nicht nötig hätte, weil er eh nicht unter Leute ginge, die Impfung Nötigung sei und ob die Arzthelferinnen wohl wüssten, dass sie Körperverletzung begingen. Ja, mein Vater weiß, wie man sich beliebt macht.

Ich: „Ja Mensch, das freut mich zu hören. Bist ja spät dran, aber immerhin. Das hast Du sehr, sehr gut gemacht. Ich freue mich für Dich. Das ist echt super. Prima Entscheidung.“

Vater: „Was heißt da spät dran? Bei uns haben die ja bisher nicht geimpft! Und ich muss da ja auch erstmal Zeit für haben, für diesen Nonsense. Ich brauch das ja eh´ nicht, ich geh ja nicht unter Leute. “

Ich: „Aber Du bist jeden Tag beim Bäcker um seine Croissants zu bewerten und ihm Verbesserungsvorschläge zu machen, Du bist jeden Tag im Baumarkt um dem Personal die Maschinen zu erklären, die es dort verkauft, und Du bist jeden Tag im Rewe um… was machst Du eigentlich im Rewe? “

Vater: „Ja sag ich ja, in Geschäften hält man Abstand, da kann man das nicht kriegen! Wo soll ich denn dieses Corona herbekommen? Am 27. Januar habe ich jetzt meine zweite Impfung.“

Ich: „Super! Aber auch hingehen, ja? Auch wenn es Dir jetzt nach der ersten Impfung vielleicht nicht ganz so gut gehen wird. Eine Spritze reicht nicht!“

Vater: „Mal gucken. Wenn ich Zeit habe, gehe ich da hin.“


Wenige Tage später, diesmal habe ich angerufen:

Ich: „Vater! Alles Gute zum Achtzigsten!“

Vater: „Ja, ach. Das sagt sich so. Von wegen gut. Feiern geht ja nicht, die lassen mich ja nirgendwo rein wegen dieses 2G. OBWOHL ICH GEIMPFT BIN!!“

Ich: „Du hast noch keinen Impfschutz. Geimpft bist Du erst wenn Du drei Injektionen bekommen hast, nicht nur eine.“ Vermutlich fängt er sich nächste Woche Omikron und verklagt dann alle, weil die Impfung ja nachweislich nichts bringt.

Vater: „Ja völliger Quatsch. Ich kann das ja auch gar nicht kriegen. Ich gehe ja NIE unter Leute.“

Ich: „Jaja.“

Vater: „Werd´ nicht frech! Egal, ich muss jetzt los. Ich hole meine Schwester ab. Die kann ja nicht mehr selber fahren, weil die zu alt ist und die Polizei ihr das Auto geklaut hat.“

Ich: „Was?“

Vater: „Ja muss man sich mal vorstellen! Die Polizei hat der das Auto geklaut, nur weil sie in der Fußgängerzone ohne Sprit liegen geblieben ist, als sie zum Treffen vom Tierschutzverein wollte. Hat wohl vergessen zu tanken. Als ihr dass das zweite Mal passiert ist, hat die Polizei ihr das Auto geklaut. Naja, kann passieren. Die ist ja schon alt. Die ist 84, alte Leute vergessen schonmal was.“

Auch so ein Phänomen: Die meisten Männer denken von sich selbst immer als ca. 30jährige, selbst im hohen Alter. Gleichaltrige sind dann völlig überraschend „alt geworden“, vermutlich wegen „Lebenswandel“, und urplötzlich „alte Leute“, aber sie selbst fallen NIE in diese Kategorie.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum 75jährige Männer jungen Frauen nachstellen. Die Kerle haben schlicht nicht verinnerlicht, dass sie selbst alt sind. Alt sind immer nur alle anderen.

Ich: „Und was habt ihr dann vor?“

Vater: „Naja wir fahren zu der Gitta, meinen Geburtstag feiern. Man kommt ja nirgends rein, also machen wir das bei ihr. Ich hab die Gute von Coppenrath & Wiese besorgt und die Gitta macht Kaffee und die Heidi guckt vielleicht mal vorbei, der Fritz eventuell auch und…“

(Ich schalte geistig ab)

Vater: „…als ob das ohne Mettwurst überhaupt ginge! Muss man sich mal vorstellen, ich glaub mein Schwein pfeift! Ja und deswegen muss ich jetzt los, ne. Meine Schwester, die ist ja nicht geimpft, ne. Ich ja schon.“

Ich: „Was? Warum ist die denn auch nicht geimpft?“

Vater: „Ach, die braucht das doch nicht! Was soll die denn mit der Impfung, die geht doch NIE unter Leute!“

Dieser Blogeintrag ist ein zeitgenössisches Sittengemälde alter Menschen auf dem Land und eine Teilantwort auf die Frage „Woher kommt eigentlich die Impflücke in Deutschland“.

Frühere Dialoge:

Impfdialog
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

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Reisetagebuch Griechenland 2021 (8): Metéora

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit Klöstern, Papper und Schwaben. Ausgerechnet Schwaben.

Tag 8: Sonntag, 26. September 2021, Kalambaka
„My mother makes breakfast“, schnauft Nikos, „my mother is best“. Auch heute morgen hat er wieder das karierte Hemd mit den Wolfsapplikationen an und watschelt zwischen den Tischen im Frühstücksraum herum. Ich bin der erste Gast und er stellt mir einen Teller nach dem nächsten hin, mit Wurst, Käse und Joghurt. Ich habe überhaupt keinen Appetit, bin noch voll vom gestrigen Abendessen.

Ich stürze nur einen Kaffee herunter, dann gehe ich hinaus zum Motorrad. Das Gepäck bleibt im Gasthaus, ich werde hier noch eine weitere Nacht verbringen.

Die V-Strom steht in der Morgensonne. Über ihr, in zwei, drei Kilometern Entfernung, stemmt sich eine große Sandsteinklippe aus einem Bergausläufer. Auf ihrer äußersten Kante liegt ein großes Gebäude, das von hier aus wie eine Burg aussieht. Es ist ein Kloster, und das will ich mir ansehen.

Ein Druck auf den Anlasser und der V-Twin erwacht zum Leben. Die V-Strom giert nach Strecke, aber heute wird es nur kurze Hüpfer geben. Ich steuere die Barocca hinaus auf die Rundstraße, die einmal um die Meteora-Felsen herumführt.

Mir fällt wieder ein wie ich das erste Mal hier war, vor sechs Jahren. Damals mit Modnerd, als Beifahrer im Mietwagen, bestaunte ich den makellosen Asphalt und die perfekten Kurven dieser nagelneuen Straße und dachte: „Hier würde ich so gern mal mit einem Motorrad entlangfahren“ – und jetzt bin ich hier!

Die V-Strom brummt die Bergstraße hinauf. Das Bergmassiv bildet hier einen Halbkreis, in dem die Felssäulen aus dem Boden ragen und vor die sich der Ort Kalambaka kuschelt. Eine seltsame Gegend, die die Menschen schon immer fasziniert hat. Einsiedler, Hippies und anderes durchgeknalltes Volk – also genau das Material, aus denen Religionen gemacht sind – ziehen diese Naturmonumente magnetisch an, schon seit ewigen Zeiten. Kein Wunder das erst Einsiedler, dann religiöse Orden hier die Metéora-Klöster in die Felsen gebaut haben.

„Metéora“ kommt von metéōros, dem altgriechischen Wort für „In der Luft schwebend“. Mindestens seit dem 11. Jahrhundert gab es auf den Spitzen der bis zu 300 Meter hohen Felsen Einsiedeleien.

Ist fast eine Ironie: Da will man als Einsiedler seine Ruhe haben und sucht sich den abgelegensten und am schwersten zugänglichen Ort der Welt – und stellt DANN fest, dass eines morgens von der Felsnadel gegenüber jemand herüberwinkt, der da über Nacht eingezogen ist. Und zwei Felsen weiter wohnt plötzlich auch ein Einsiedler. Auf dem im Hinterhof auch! Und weiter unten am Berg wohnt auch ein Eremit! Quasi eine Siedlung von Einsiedlern!

„Die auf dem Felsen da hinten, ne? ALLES SPALTER!“ (Aufnahme aus Varlaám)

Die Felssäulen von Metéora waren bei Religionsvolk so beliebt, das hier ab dem 15. Jahrhundert im Akkord Klöster gebaut wurden. Insgesamt vierundzwanzig waren es zu der Zeit, als es gerade total Mode war ein Metéora-Kloster zu haben.

Heute sind die meisten verfallen und unbewohnt. Nur sechs Klosteranlagen sind noch in Funktion, zwei für Frauen, vier für Männer. 2015 lebten auf den Felsen 41 Nonnen und 15 Mönche, neuere offizielle Zahlen gibt es nicht. Die sechs Klöster lassen sich allesamt besichtigen und sind über die Rundstraße verbunden. Nikos hat mir eine Karte mitgegeben. Darauf sind alle Felsen, die Rundwege und die Klöster eingetragen.

Die Karte mit ihren bescheidenen zwei Dimensionen gibt natürlich nicht im Ansatz wieder, wie spektakulär die Klöster auf den Felsen thronen (Klick macht groß):


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Unterstützt

Eine Eigenschaft des Internets ist ja, dass man direkten Kontakt zu Personen herstellen kann. Das kann schlecht sein, etwa, wenn man sich als Person unversehens einem Shitstorm oder Mobbing ausgesetzt sieht.

Es gibt aber auch gute Seiten. Eine davon: Man kann die Arbeit von Leuten, die man mag oder schätzt, direkt unterstützen. Autor:innen zum Bespiel, denen man Geld geben kann, ohne das ein Verlag 90 Prozent der Kohle einsackt.

Als die individuelle Unterstützung von „Creators“ noch in den Kinderschuhen steckte, ging es in der Regel um die Anschubfinanzierung größerer Projekte, wie Büchern, Filmen, Spielen oder auch Produkten. „Kickstarter“ ist die bekannteste Plattform für sog. Crowdfunding. Auf ihr werden die Vorhaben vorgestellt und gepitcht, Unterstützer geben der Plattform Geld, die es wiederum an die Initiatoren auszahlt.

Heute spielt die regelmäßige und kontinuierliche Unterstützung eine weitaus größere Rolle. Wenn tausende Menschen einen kleinen, einstelligen Eurobetrag geben, dann reicht im Besten Fall aus, damit z.B. Journalisten davon Leben können und so ihrer Arbeit unabhängig, ohne Zeitdruck und in einer Tiefe nachgehen können, die im klassischen Rundfunk oder im Print undenkbar wäre.

Sowas finde ich sehr cool, und tatsächlich habe ich heute keine Tageszeitung und keine Abos für Special Interest-Zeitschriften mehr, gebe aber gerne Geld für gute, vor allem journalistische Projekte aus.

Auch das läuft mittlerweile über Plattformen – Patreon und Steady sind hier sicher die bekanntesten. Die buchen vom eigenen Konto ab und verteilen es an die Projekte, die man unterstützen möchte.

Meist hat man die Wahl bei der Höhe der Unterstützung, die meisten Creators bieten verschiedene Stufen an, je höher dann die Unterstützung ausfällt, desto mehr bekommt der Unterstützer dafür. Die Beträge können sehr klein sein, von „1 Euro für die Kaffeekasse“ bis hin zu Hunderten von Euro für „Spezialmitgliedschaften“ – die aber, so meine Vermutung, nur von Künstlerinnen erzielt werden, die nudistische Werke schaffen. Das scheint tatsächlich lukrativ zu sein, im Laufe der Zeit sind gefühlt mehrere Cosplayerinnen von Patreon zu einer Plattform wie „OnlyFans“ gewechselt, wo die Kostüme weniger aufwendig und die gezeigte Haut mehr sind.

Neulich fiel mir dann auf, dass ich im Laufe der Zeit schon so einige Projekte unterstützt habe oder noch unterstütze – und die schreibe ich hier mal kurz auf.

Annika Brockschmidt
Annika Brockschmidt ist Journalistin, die sich im Schwerpunkt mit der evangelikalen Rechten und religiösem Nationalismus beschäftigt. Sie ist mir während Trumps erster Amtszeit durch kluge Analysen auf Twitter aufgefallen, weshalb ich Sie seit 2019 mit 10 Euro/Monat auf Patreon unterstütze.

Da das auch einige andere machen, kann Annika sich so tief mit dem Thema beschäftigen, dass sie zur absoluten Expertin für die zerfallende Demokratie der USA geworden ist – mittlerweile sieht man sie als Autorin im Spiegel oder als Expertin bei Lanz, und ihr Buch „Amerikas Gotteskrieger“ ist gerade in den Spiegel-Bestsellerlisten.

Für mich ist das Buch besonders interessant, weil ich Politik studiert habe und mich im Vordiplom auf das politische System der USA spezialisiert hatte – aber meine Profs kannten sich so richtig supi nur bis Ende der 60er Jahre aus, und hier schließt „Amerikas Gotteskrieger“ direkt an.

Als Unterstützer erhält man politische Analysen in Textform, den Podcast „Kreuz und Flagge“ sowie Einordnungen und Kommentierungen von aktuellen Entwicklungen in den USA, teils praktisch in Echtzeit während die Reden übertragen werden. Und Fotos von Frieda, Annika Brockschmidts Pudel.
https://www.patreon.com/annikabrockschmidt

Die Lage der Nation
Wöchentlicher Podcast mit dem Journalisten Philipp Banse und dem Richter Ulf Buermeyer. Gut recherchierte Analysen aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Unbedingt hörenswert, unterstütze ich unregelmäßig durch Spenden.
https://lagedernation.org

The Pod: Der Gamespodcast
André Peschke und Jochen Gebauer waren früher bei der Spielezeitschrift Gamestar, teils sogar als Cefredakteure. In ihrer Freizeit machten sie einen Podcast über Spiele und verwandte Themen, die im Heft keinen Platz fanden. Damit hatten die beiden einen solchen Erfolg, das sie irgendwann über die Unterstützungsplattformen Patreon und Steady die Möglichkeit aufmachten ihnen Geld zu geben. Prompt wurden sie damit praktisch überschüttet, und heute ist „The Pod“ ein kleines Unternehmen mit einigen Angestellten, die pro Woche vier Podcasts machen. Den „Gamespodcast“ unterstütze ich seit 2017 mit 6 Euro im Monat über Steady und bekomme dafür neue Arten von Spielerezensionen, Hintergründe, Analysen und Interviews – mit Herzblut gemacht und ohne das hier Publisher Druck ausüben könnten. Unabhängiger Journalismus zum Hören.
https://www.gamespodcast.de/

Spieleveteranen
Jörg Langer hat die Zeitschrift „Gamestar“ erfunden, Heinrich Lehnhardt ist seit der „Powerplay“ in den achtzigern Spielekritiker-Urgestein. Zusammen mit Gastveteranen wie Musiker Chris Hülsbeck oder Journalisten wie Roland Austinat oder Michael Hengst erklären die beiden ein Mal pro Woche Hintergründe der Spieleindustrie, rezensieren Medien oder gehen auf Zeitreise durch 40 Jahre Spielegeschichte. Nicht essentiell, aber unterhaltsam, für 5 Euro im Monat.
https://www.spieleveteranen.de

Moppedhiker
Zwei junge Menschen haben einen Traum: Eine Weltreise mit dem Motorrad machen. Und diesen Traum gingen sie an und beschrieben in Texten und Bildern ihre Reise. Dabei sind sie mit sich selbst schonungslos ehrlich gewesen und verschwiegen nicht ihr teils naives Herangehen und was für eine Qual eine Motorradreise sein kann. Solch Ehrlichkeit war mir die 5 oder 10 Euro/Monat über Patreon allemal wert. Das Projekt ist aber mittlerweile durch, nach zwei Jahren in Südamerika sind die beiden mittlerweile wieder zu Hause.
https://www.moppedhiker.de

Übermedien [Nachtrag]
Ich habe nicht nur Politik, sondern auch Medienwissenschaften studiert – und schon deshlab interessiert mich Medienkritik immer sehr, und als das „BildBlog“ ein Spin-Off bekam, war ich bei der Finanzierung dabei. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich gar nicht dazu komme, auch nur ein Teil deren Outputs zu lesen, und bin wieder abgesprungen. Trotzdem: Sehr gutes Projekt.
https://uebermedien.de/

Psychonauts 2
„Psychonauts“ war 2005 ein wenig beachtetes Game auf XBOX/PS2, das im kleinen Finger mehr Kreativität und tolle Ideen hatte als jedes andere Spiel, und dazu saulustig war! Trotz toller Kritikerwertungen war es leider ein kommerzieller Flop, weshalb es keinen zweiten Teil gab – bis Produzent Tim Schaefer (Monkey Island) 2016 ein Crowdfunding zu Psychonauts 2 anschob. Da war ich mit 40 Dollar dabei, und 5 Jahre später bekam ich dafür das Spiel für die PS4. Und das ist wieder saulustig, superkreativ und gehört laut Kritikern zu den besten Games 2021!

Dreamfall Chapters
„The Longest Journey“ war 1999 ein tolles Adventure, endete aber mit einem fiesen Cliffhanger. Der wurde erst 2006 im Nachfolger „Dreamfall“ aufgelöst, das wiederum mit einem noch fieseren Cliffhanger endete. Produzent Ragnar Torquist versprach, dass der dritte Teil nicht so lange auf sich würde warten lassen – aber dann zog Publisher Funcom den Stecker.

Tornquist beschloss, das Game per Crowdfunding zu finanzieren und in Episoden zu veröffentlichen. Da war ich mit 20 Dollar dabei und bekam 2017 die Fassung für die PS4, die ich aber nie lange gespielt habe. Point-and-Klick-Adventure, musste ich mir eingestehen, spiele ich nicht mehr so gerne.

Joscha Sauer
Joscha Sauer zeichnet seit 2000 täglich und kostenlos ein Witzbildchen ins Internet, und anders als der Titel vermuten lässt, sind die irre lustig. Ab 2003 gab es dann ein erstes Buch, dem 5 weitere folgten. Joscha wollte gerne mehr, am besten eine Zeichentrickserie machen, fand dafür aber keine Finanzierung bei Fernsehsendern oder Streaminganbietern. Also startete er ein Crowdfunding. Da war ist dabei, und auf die entstandenen 6 Folgen der „Nichtlustig Serie“ kann Sauer wirklich stolz sein.

Eigentlich wollte Joscha Sauer keine Bücher mehr machen und brach mit Verlagen, aber im vergangenen Herbst wurde er schwach und probierte mal, ob man ein Buch in einem seltsamen Format und mit Luxuseigenschaften wie geilem Papier und einem geprägten Goldschnitt wohl crowdfinanzieren könnte. Man kann, und das größenwahnsinnnige Luxusbuch mit dem Titel „Nicht Lustig 2020-21“ ist eine wahre Freude, das es nun frei im Buchhandel gibt und das es auch deshalb gibt, weil ich es mit 30 Euro angeschoben habe.
www.joscha.de

Angie Griffin
Zusammen mit ihrem Mann Seth waren die beiden das „ScreenTeam“ und machten coole Musikvideoparodien. Als Dankeschön unterstützte ich Angie, als sie gerne Cosplay über Patreon machen wollte. Mittlerweile habe ich da den Stecker gezogen, denn Angie gehört genau zu denen, die mitbekommen haben, das sie auf OnlyFans mehr Geld bekommen je weniger sie anhaben. Pöh.

Kiki Thaerigen
Die Illustratorin Kiki Thaerigen lebt seit ihrer Kindheit mit einem Bären zusammen, und das zeichnet sie gekonnt und herzallerliebst – im täglichen Bärenabo, in bislang zwei Büchern und im jährlich erscheinenden Bärlender. Buchprojekte und Bärlender werden den Fans immer erst gepitcht, nur bei ausreichendem Interesse werden sie umgesetzt. Der Bär hat viele Fans, zum Glück, und ich habe bislang ein Buch und zwei Bärlender mitfinanziert.
https://kikithaerigen.de/

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Reisetagebuch Griechenland 2021 (7): The Best

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit ähnlichem Mist wie gestern und einem vergessenen Prominenten.

Samstag, 25. September 2021, Sidirochoro
Die Sonne scheint durch´s Fenster und lässt das Holz der Zimmereinrichtung in einem warmen Ton leuchten. Sonne auf Holz. Der Inbegriff von Gemütlichkeit. Eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg.

„My friend, all goode?“, poltert in der Gaststube Dimitrios mit seiner Dr. House-Reibeisenstimme und seinem russisch klingenden Englisch.
„Slept goode? Or dogs crying?“

„Barking. All. Night. Long.“, sage ich und reibe an den Schatten unter meinen Augen herum. Dank Ohrenstöpseln habe ich zumindest ein wenig Schlaf bekommen, aber die hysterische Nachbarstöle kläfft in einer so nervenzersägenden Frequenz, dass die sogar durch die guten Ohropax zu hören ist.

„Maaaany wolves and bears here“, grinst Dimitrios und stellt fest „You like white Mushroom, Yes“ um dann wieder so ein geiles Frühstück wie gestern zu machen – Omelett mit frischen Kräutern und Pilzen, gebackener Toast, dazu Brot und im Ort hergestellte Butter und Konfitüre. Im Duett schlürfen wir dazu griechischen Kaffee, ich an meinem Tisch, Dimitrios gedankenversunken am anderen Ende des Raumes hinter seiner Theke.

Als das Geschlürfe ein Ende gefunden hat, verabschiede ich mich. Im Rausgehen sage ich noch „Mir gefällt Dein Auto“.
Dimitrios guckt irritiert. „Aaaah, is nothing special. Is small and olde. Why you like?“.
„Ich mag die Farbe“, sage ich und ziehe die Tür zum Gasthaus zu.

Die Nacht war wieder kalt, so um die 3 Grad, und ich bin tatsächlich sogar irgendwann vor Kälte aufgewacht und habe mir eine zweite Decke aus dem Schrank geholt.

Auch jetzt ist die Luft noch kühl, vielleicht so sechs, sieben Grad, aber in der Sonne ist es schön und warm. Ich scheuche ein paar spielende Hunde aus dem Weg und beginne den Tag im Sattel des Motorrads.

Erst einmal geht es runter vom Berg, dann über die Ebene am See von Kastoria und durch die großen Apfelplantagen, wo gerade die Ernte in vollem Gang ist. Dahinter führt die Straße führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft. Sie schlängelt sich zwischen den Bergen hindurch und führt immer wieder zwischen kleinen Feldern entlang.

Erneut stelle ich fest, wie herrlich es sich in Nordgriechenland fahren lässt. Die Straßen sind praktisch leer, vielleicht alle fünf bis zehn Minuten begegnet mir ein Fahrzeug. Eine so geringe Verkehrsdichte, das kennt man aus Deutschland nicht mal mehr aus den ländlichen Gebieten.


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (6): Very Traditional!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einem kleinen Ausflug in einen Nationalpark und in ein sehr besonderes Dorf. Außerdem wird etwas verbeult.

Freitag, 24. September 2021, Sidirochori
Um kurz nach 8 Uhr betrete ich den Gastraum. Ich bin froh den gefunden zu haben, denn die alte Taverna hat in ihrer bestimmt 150jährigen Geschichte so viele An- und Umbauten erfahren, dass ihr Inneres nun einem Labyrinth gleicht. Das aus Naturstein und Holz gebaute Gasthaus besteht aus einer Vielzahl kleiner Treppenhäuser, großer Vorräume und schmaler Gänge, die alle durch dicke Türen voneinander getrennt sind. Bei all den geschlossenen Türen und Abzweigungen verliert man dann schnell die Orientierung. Andererseits ist das natürlich gut so, dann hält sich die Wärme besser. Ist halt doch zu merken, dass das hier etwas höher in den Bergen liegt, auch letzte Nacht ist es einstellig kalt geworden.

Im Gastraum ist es heute morgen muckelig warm, hier läuft irgendwo ein Ofen. Das hier alles aus Holz und Naturstein gebaut ist, trägt zur inneren Wärme bei. Sonne filtert durch die Scheiben und taucht den Raum in warme Farben. Neben dem großen Bereich mit den Esstischen gibt es tatsächlich auch eine Leseecke rund um einen gemauerten Kamin, mit gemütlich wirkenden Sofas und Bücherregalen!

Das ich hier bin, geht übrigens auf Modnerd zurück. Der hat hier vor vielen Jahren mal Station gemacht, und ich hatte damals sdie Bilder dieses gemütlichen Natursteinhauses gesehen und gedacht: Da muss ich mal hin! Und jetzt bin ich hier, und es ist noch toller als ich es mir vorgestellt hatte.

Aus seiner Nische hinter der Bar lugt Dimitrios, der Gastwirt, hervor und ruft mit rauer und lauter Stimme „Ah my friend you are here, goode! goode!!”

Wegen seiner schlacksigen Statur hat Dimitrios mich gestern abend an James Cromwell erinnert, der u.a. den Farmer in „Schweinchen Babe“ gespielt hat. Aber nun fällt mir auf: Er spricht wie ein Russe, zumindest hört sich das abgehackte, harte Englisch für meine Ohren wie ein russischer Akzent an. In Kombination mit der rauen Reibeisenstimme, die wie „Dr. House“ klingt, und der Lautstärke wirkt Dimitrios nun eher wie Lev, der polterige russische Kosmonaut aus dem Film „Armageddon“, der seine Raumstation mit mit Klebeband zusammengehalten hat.

Bild: „Armageddon“ (1998). Lev Andropov wird gespielt von Peter Stormare.

Na danke, Hirn. Jetzt kriege ich das Bild nicht mehr aus dem Kopf, das Lev hier Gastwirt ist. Und da wir alle Mund-Nase-Masken tragen und ich von Dimitrios Gesicht nur die Augen sehe, hält sich diese Illusion auch standhaft.

Von hinter dem Tresen poltert es: “You want Coffee? I make Coffee. And I have Mushroom. White Mushroom. You like?“ – „Äh, ja“, sage ich. „Goode. Goode. Take seat. I make Breakfast“.

Das macht er dann und man, ist das mächtig und gut.

Es gibt griechischen Kaffee, dazu Omelett mit Pilzen und Kräutern, gebratenen Toast mit geschmolzenem Käse und Schinken, frisches Brot und dazu Butter vom Bauern nebenan und verschiedene, handgemachte Konfitüren. Großartig!

Ich haue rein und lasse es mir schmecken, während Dimitrios hinter seinem Tresen steht und einen Kaffee unter lautem Schlürfen und in kleinen Schlucken trinkt. Ich mache das nach und merke schnell: Dadurch schmeckt griechischer Kaffee gleich nochmal besser, und man trinkt keinen Kaffeesatz mit. So schlürfen wir in angenehmer Stille, an entgegengesetzten Enden des Raumes.

Der Kaffee vertreibt auch die Müdigkeit ein wenig. Die Nacht war unruhig, direkt unter meinem Zimmerfenster hat der Hund der Nachbarin die ganze Nacht gebellt. Dimitrios grinst. „You now, here we say: When the dogs are crying, wolves and bears are near. Many wolves in the woods. Big wolves.“ Aha. Ich persönlich glaube eher, dass die Töle nebenan neurotisch ist und alle anderen Hunde im Dorf gleich mit irre macht, aber gut.

„I show you where you go today“, sagt Dimitrios resolut und nimmt mir mein Smartphone aus der Hand, öffnet Google Maps und zoomt bis auf Feldwege hinunter.
„You are afraid of mountains?“, fragt er und fährt, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „You go up there. Broken road. Very good for motorbike. Then go there – you are afraid of mountains?“
„Äh, nee“, sage ich. Wieso sollte ich Angst vor Bergen haben, wir SIND hier auf einem Berg.
„Goode, goode. Lots of mountain up there, but okay. Ah, Word is not mountain… I need word. Many stones. On Road.“

“Gravel?”, schlage ich vor, Schotter.
“Right, Gravel.” Aha. Jetzt ergibt das mehr Sinn.
„Is gravel. Or mud. Depends. Sometimes road is washed, maybe some trees have fallen. You will see. Then you go there…” er zoomt auf einen Wald, “and then there. Little village. Very beautiful! Very traditional! Many bears! You go there. Understood?“

„Viele Bären?“, frage ich.
„Yes! Yes! Many bears. Wild bears, circus bears, from all country. Life there.“ Ah, ein Bärenschutzreservat.
“Anyway, you go there! Very traditional!“, sagt Dimitrios. „Okay“, sage ich und ergänze in Gedanken meine skizzierte Tagestour.

Kurze Zeit später zirkelt die V-Strom auf einer schmalen Bergstraße um riesige Schlaglöcher herum. Dimitrios Anweisungen bin ich nicht gefolgt, sonst wäre ich jetzt schnell Richtung Osten unterwegs gewesen. Ich möchte aber erst einmal nach Norden.

Nicht weit entfernt sind die Grenzen zu Mazedonien und Albanien, und in diesem Dreiländereck liegt der Prespes Nationalpark. Zu dem gehören auch mehrere Seen, und einer davon, der kleine Prespes-See, weist eine Insel auf, die ich mir angucken möchte.
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Das war das Jahr, das war (2021)

Am Jahresende traditionell die Rückschau und eine Auswahl der besten Bilder.

Lage der Welt:
Es war das Jahr 2 der COVID-Pandemie. Es zog sich ewwwwig, war aber dennoch rasend schnell vorbei.

Was es evenfalls war: Ein Fenster mit Blick in ein seltsames Paralleluniversum, in dem Menschen gegen Wissenschaft protestieren, für das Recht auf schwere Krankheit auf die Straße gehen und sich damit im „Widerstand“ gegen eine „Diktatur“ wähnen.

Es war kein gutes Jahr für die Rechtstaatlichkeit. In Polen, Slowenien und Ungarn wird weiter die Zeit zurückgedreht bis es knackt, aber eine EU-Kommission unter von der Leyen tut nicht mehr, als nach vorne raus große Reden für die Demokratie schwingen und hintenrum nichts zu machen. Wehen Nichtstun wurde die Kommissionspräsidentin sogar verklagt.

An der Grenze zur Ukraine marschieren die Russen auf, die die Krim nie aufgeben könnten und die sich angeblich vom Beitrittswunsch des Landes zur NATO bedroht sehen – ein Szenario, das ich als Student der Politikwissenschaft so schon vor 20 Jahren gehört habe.

Die Welt überlässt Afghanistan sich selbst. China ist stark wie nie. Brasiliens Präsident freut sich, dass die Regenwälder abgeholzt werden. Griechenland brennt über Wochen. Die Gletscher in der Arktis schmelzen, Permafrostböden tauen auf. Die Welt trifft sich in Glasgow und tut so, als wolle man was tun. In Großbritannien wird langsam sichtbar, dass die Probleme des Landes nicht nur an der Pandemie liegen können. Boris Johnson tut aber alles, um davon abzulenken, dass es am Brexit liegen könnte.

In den USA erzählt Trump die „big Lie“ von der gestohlenen Wahl und lässt von seinem Faschisten-Mob das Capitol stürmen. Biden wird trotzdem Präsident, weil aber in seinen eigenen Reihen Leute gekauft sind, bekommt er trotz Mehrheit in beiden Kammern innenpolitisch keinen Fuß auf den Boden. Stattdessen bauen die Republikaner, jetzt vollständig dem Faschismus verfallen, die Wahlgesetze in den Bundesstaaten so um, dass die nächste Präsidentschaftswahl Trump gewinnen wird – egal, ob er gewählt wird oder nicht. Der hat seine Kandidatur nur deswegen noch nicht erklärt, weil er sonst keine Finanzierung von Stiftungen mehr bekommen würde, aber er wird wieder antreten. Der Countdown läuft, in drei Jahren wird die Demokratie in den USA untergehen, und danach werden wir es mit einer faschistischen Macht von nie gekannter Größe zu tun haben.


Lage der Nation:
Olaf Scholz als Kanzlerin*, wer hätte das gedacht. Eigentlich hatten alle damit gerechnet, dass die CDU mit einem inhaltsleeren „Weiter So“ die Bundeswahl gewinnen wird, aber der clowneske Armin Laschet war dann doch so deutlich erkennbar der Falsche, das ihn in seiner Hanswurstigkeit nicht mal die CDU-Wähler wollten. Die Grünen verloren im Wahlkampf zwischenzeitlich die Nerven und den Mut, während Scholz sich als Nachfolger von Mutti Merkel präsentierte und damit knapp und unverdient, aber allen Ernstes gewann.

Was die Ampel bringt, muss sich noch zeigen. Immerhin ist dort der Wille zur Veränderung zu spüren, und das ist schon mal erfrischend. Den zementierten Stillstand der Merkeljahre will auch die CDU überwinden, aber da deren Basis aus alten Männern bestehen, versucht sie das mit Rezepten und Personal aus den 1950ern und wählt folgerichtig Friedrich Merz. Der ist nun endlich am Ziel seiner feuchten Träume, allerdings ist er König eines Reichs in Schutt und Asche und damit eher Trümmerfrau als Monarch.

Schlimm ist das weitere Erstarken des Rechtsextremismus, gut ist aber, dass sich dessen gesellschaftliche Wahrnehmung in diesem Jahr geändert hat. Er wird nicht mehr ignoriert, sondern selbst die Innenminister der Länder müssen zugeben, dass wir in Deutschland ein Problem mit Rechtsextremen und Demokratiefeinden haben, und das wird thematisiert und über den Umgang damit nachgedacht. Seitdem Fackelmärsche vor Politikerhäusern stattfinden, gucken Politik und Behörden etwas genauer nach Rechts und bekommen mit, dass auch diese ganzen „Coronaproteste“ von Nazis oder zumindest Rechten orchestriert werden. Und ja, auch von der AFD. Am Schlimmsten ist es in Sachsen, und das belegen nicht nur die Wahlergebnisse dort, sondern auch die Impfquote und die Infektionsszahlen.

Pandemietechnisch war Durchwurstelei, dokumentiert im Corona-Tagebuch hier im Blog. Erst kein Impfstoff, ab Februar dann nur die Alten, erst im Sommer dann keine Priorisierung mehr aber auch dann zu wenig Impfstoff. Im Spätsommer und Herbst ließ man dann alle Vorsicht fahren, weil: Wahlkampf. Dazu kommen Querdenker und faule Säcke, die sich auch nicht impfen lassen. Das rächt sich in einer vierten Welle mit Delta, und dahinter türmt sich eine Wand auf: Die Omikron-Variante wird im November entdeckt, ist noch viel ansteckender und umgeht die Impfung. Beschissene Aussichten. Immerhin: Mit den Schreihälsen und Demokratiefeinden geht dem Rest der Welt nach 20 Monaten Pandemie langsam die Geduld aus, die Erkenntnis, das Impfverweigerer dumme und unsolidiarische Kackbratzen sind, setzt sich durch.

*) Ich bin dagegen Berufe zu gendern, nur weil Männer zunehmend Frauenberufe ergreifen.


Ich Ich Ich
Beruflich weniger Stress als zuvor, aber mehr ging auch nachweislich nicht. Ich habe weiterhin meinen Wohnort für mich entdeckt und die Schönheit, die dem Dorfleben inne wohnt. Vom umglaublichen Schneefall im Februar über einen wirklich schönen Frühling bis hin zum Sommer auf dem Balkon: Die Pandemie ist für mich auch die Zeit, in der ich mit wirklich regelmäßigen Spaziergängen unterwegs war und bewusst wargenommen habe, wie schön ich eigentlich hier wohne. Dass dann zwischen den Pandemiewellen eine vierwöchige Moppedtour möglich war, war natürlich auch schön.

In der Summe ist der Großteil des Jahrs aber ziemlich ohne Highlights einfach so durchgerauscht, und ich bin immer wieder erstaunt, dass es schon vorbei ist.


Und sonst noch?

Wort des Jahres: Geboostert.

Zugenommen oder abgenommen? Beides.

Die teuerste Anschaffung? Ein PS5-Bundle. Aber Nachfrage bestimmt den Preis, und das Ding ist sonst praktisch nicht zu bekommen.

Mehr bewegt oder weniger? Mehr. Ich tobe jetzt regelmäßig durch die Feldmark.

Die hirnrissigste Unternehmung? „Ich fahre ein mal um den Pilion herum, wie lang kann das schon dauern“

Ort des Jahres? Mein Wohnort.

Zufallspromi des Jahres: Eva Green. Warum auch immer, die begegnet mir neuerdings ständig in Filmen und Serien, und ales was sie macht, ist toll.

Nervende Person des Jahres: Klaus Brinkbäumer. Hört sich soooo gerne selbst reden, sprechen, parlieren. Schweift ständig ab, nimmt Umwege, macht Einschübe, schulmeistert, maßregelt und belehrt seine Co-Host im Podcast „OK, America?“, beginnt nahezu jeden Satz und jede Erklärung, auch über Personen und Ereignisse mit „ich“ und seinen Befindlichkeiten oder Schwänken aus seinem Leben, bildet endlose Bandwurmsätze und, um richtig schlau zu wirken, gibt zu Schlüsselwörtern immer drei Synome, Bedeutungen, alternative Ausdrücke an. Da jemand wie Klaus Brinbäumer so eitel, selbstverliebt, narzisstisch ist „Klaus Brinkbäumer“ zu googeln und das hier vielleicht liest: DAS ÄRGERT, FÜHRT ZU ÜBERDRUSS, NERVT.

Das seltsamste Essen? Pizza „Sea Horse“ in Volos.

2021 zum ersten Mal getan? Restaurationsvideos geguckt.

2021 das erste mal seit langer Zeit wieder getan? Richtig viel Schnee geschippt.

Gesundheit? Geht so. Herzklabastern und Magenprobleme, kaum noch Muskeln – Bewegung tut Not.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen? Krankheit und Sterbefälle im Bekanntenkreis.

Gereist? Ja, Motorradtour nach Griechenland.

Film des Jahres: „The Hunt“ ist brutal, politisch und gesellschaftskritisch nach links wie rechts und hat mich sehr überrascht.

Theaterstück des Jahres: Entfällt

Musical des Jahres: Entfällt

Spiel des Jahres: „Days Gone“. Das ist schon älter, habe ich aber in 2021 erst gespielt. Eines der Top-3-Spiele für die PS4, bringt die zweitschönste Spielwelt mit. Das „Einsamer Biker am Ende einer Pandemie“-Setting passt in die Zeit, und die starke Geschichte zieht einen schon sehr in den Bann. „Lost Judgment“ ist wieder kurzweilig und toll, Sonderpreise gehen an „Guardians of the Galaxy“ für lustige Dialoge und an „Resident Evil Village“, das mit der Lady Alcina Dimitrescu die attraktivste Vampir-MILF ever aufgefahren hat. Ansonsten gab es wenig gute Neuerscheinungen, deshalb arbeite ich mich durch japanische Games wie „13 Sentinels“ und bin erstaunt, was da für Meisterwerke zu finden sind.

Entertainment-Doku des Jahres: „Clarksons Farm“. Super dabei zuzusehen, wie Brummelkopf Jeremy Clarkson etwas über Landwirtschaft lernt.

Serie des Jahres: „Veronica Mars: Spring Break Forever“ – hätte ich ja nicht gedacht, das man Veronica Mars noch mal zeitgemäß wiederbeleben kann, aber ich freue mich, wenn ich mich in solchen Dingen irre. „Spring Break Forever“ ist das innovativste Stück Krimiserie, das ich dieses Jahr gesehen habe.

Buch des Jahres: „Hail Mary“ von Andy Weir. Wunderbare Science-Fiction in der Reinbedeutung dieses Wortes: Fantastische Fiktion, geerdet in Wissenschaft.

Ding des Jahres: Werkzeug! Ich habe mit endlich richtig gutes Werkzeug von wera und Knippex zugelegt.

Spielzeug des Jahres: Die PS5.

Enttäuschung des Jahres: Die neue Fortsetzung der „Lucifer“-Geschichte im Sandman Universe. Verquaster, schlimm gezeichneter Blödsinn. Jeder der 6 Bände hat genau EINE gute Idee, der Rest drum rum ist Quatsch, führt nirgendwo hin und ist pottenhässlich illustriert.

Unbeachtetes Event des Jahres: Die Olympischen Spiele 2020 (SIC!) in Tokyo. Ja, die waren wirklich! Und bis auf das Bild der verzweifelt ihr Pferd peitschenden Fünfkämpferin weiß davon niemand mehr etwas!

Die schönste Zeit verbracht damit…? Auf dem Motorrad durch andere Länder zu fahren.

Vorherrschendes Gefühl 2021? Es wird besser.

Erkenntnis(se) des Jahres: Wenn es schlecht läuft, stehen wir vor einem neuen Mittelalter.

In diesem Sinne: Ich wünsche einen guten Start in ein hoffentlich nur wenig schlimmes 2022.

Nekrolog:

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Momentaufnahme: Dezember 2021

Herr Silencer im Dezember 2021

Wort des Monats: Wurschtig

Wetter: Anfang des Monats bis -4 Grad in der Nacht und um die null Grad tagsüber, feucht. Monatsmitte dann wärmer, bei Temperaturen um 7 Grad, um Weihnachten rum plötzlich minus 11 und leichter Schneefall, am Jahresende Regen und sehr mild bei zweistelligen Plusgraden.


Lesen:

Matthias Harder, Philippe Garner: Helmut Newton: Legacy [2021]
„I am not an Artist, I am a Photographer“ – ein erstaunliches Selbstverständnis für einen der besten Fotografen der Welt, dessen Werke in den großen Museen hängen und der mit dem großen Bundesverdienstkreuz genauso ausgezeichnet wurde wie mit dem Französischen Titel „Commandeur de l´Ordre des Arts et des Lettres“. Genauso überraschend wie Newtons Selbstverständnis ist dieser ganze Bildband. Ich kenne ECHT viele der Arbeiten des 2004 verstorbenen Deutsch-Australiers, war schon in einigen Ausstellungen und besitze viele der Bücher über sein Werk, aber „Legacy“ hat es tatsächlich geschafft neues zu zeigen und mich zu überraschen.

Wo sich selbst der von June Newton kuratierte SUMO-Band aus dem Taschen Verlag in der Abbildung der bekanntesten Werke ergeht, gräbt das Autorenteam Harder/Garner mit „Legacy“ viel tiefer und weiter. Der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in Berlin enthält Modeshots aus den 50ern ebenso wie wenig bekannte Werke aus den 60ern, außerdem viele der Portraitsfotos sowie Diabögen von Bildern, die jeder kennt. Wer einmal 20 Variationen von „Sie kommen“ gesehen hat, muss das Auge noch mehr bewundern, das die letztlich veröffentlichte Version ausgewählt hat. „Legacy“ zeigt auf eine neue Art die Vielschichtigkeit eines Künstlers, der sich selbst nur als derjenige sah, der Kunst dokumentierte.

Jodi Taylor: Just One Damned Thing After Another (Chronicles of St. Mary´s Book 1) [Kindle]
Madeline Maxwell ist eine Historikerin. Sie bewirbt sich am St. Marys Institut auf eine Forschungsstelle, bekommt den Job und durchläuft ein hartes Training an Waffen, Survival und erster Hilfe, denn ihre Tätigkeiten als Historikerin sind hoch gefährlich: Ihr neuer Arbeitgeber verfügt nämlich über Möglichkeiten, Menschen in die Vergangenheit zu senden, damit die Geschichtswissenschaftler historischen Ereignissen direkt beiwohnen können.

Dies ist der Beginn einer ganzen Serie über die Abenteuer von Madeline Maxwell, und als erstes Buch muss „Just one damned thing…“ schwere Arbeit leisten: Prämisse und Setting vorstellen, Figuren einführen und dann loslegen mit Spannung und Abenteuer. Das funktioniert stellenweise mal besser, mal weniger gut. So wird eine so riesige Anzahl an Charakteren aufgefahren, dass ich immer wieder den Überblick verlor und mir eine Dramatis Personae gewünscht hätte. Ein echtes Problem hatte ich aber mit Story. Die Geschichte wirkt unzusammenhängend und hingestolpert, als sei die Autorin in Gedanken schon wo anders und erledige hier eine Pflichtübung, um die Bühne für etwas anderes zu bereiten.

Unklar auch, für welche Zielgruppe das Buch eigentlich geschrieben ist. Von der Art der Schreibe, den Situationen, den simplen Figuren und der seltsam sprunghaften Story hätte ich gesagt: Jüngeres Publikum. Als Jugendbuch taugt es dann aber auch nicht wirklich, kommt gelegentlich doch mal zügelloser Sex und Schicksalsschläge wie totgeborene Kinder vor. Nicht, dass das mehr als eine Seite lang Auswirkungen hätte.

Ich lese trotzdem den nächsten Band. Denn die Prämisse eines Zeitreiseinstituts, Eingriffe in historische Ereignisse und in der Zeit verborgene Intrigen, das sind schon coole Grundideen.

Jodi Taylor: A Symphony of Echoes (Chronicles of St. Mary´s Book 2) [Kindle]
Madeline Maxwell ist auf Zeitreise und gerät dabei erst mit Jack the Ripper aneinander, dann mit einer zeitreisenden Söldnertruppe.

Personal und Prämisse sind etabliert, das hilft. Es gibt sogar eine Dramatis Personae! Leider wird die Handlung auch in Band zwei nicht weniger sprunghaft. Brillante Ideen (Shakespearsonnette!) sind wie Streusel über einen Kuchen über die ganze Story verteilt, aber die Geschichte selbst ist dann wieder ziemlich all-over-the-place, disjointed und off-beat. Seltsam ist auch die Entwicklung bzw. nicht-Entwicklung der Hauptfigur. Die Ich-Erzählerin schildert die Story seltsam unemotional und handelt oft nicht nachvollziehbar, weil sie den Lesenden wichtige Infos vorenthält. Eine Ich-Erzählerin, die schlauer ist als die Lesenden, das ist eine ungute Kombination und sorgt für Desu-Ex-Machina-Momente am Fließband. Zudem ist der Charakter seltsam inkonsistent – als hätte die Autorin immer wieder im Kopf gehabt, wie sie sich in ihre Heldin in dieser oder jener Situation vorstellt, aber dann keine Lust gehabt eine Entwicklung in diese Richtung zu beschreiben und stattdessen einfach eine Schablone übergestülpt.
Mal gucken, vielleicht lese ich noch weiter – von der Reihe gibt es mittlerweile 10 Bände, irgendwas muss also dran sein Madeline Maxwell und ihren Zeitreisen, und vielleicht findet die Autorin in späteren Bänden ihren Stil.


Hören:


Sehen:

Don´t look up [Netflix, 2021]
Jennifer Lawrence entdeckt einen Kometen, der in sechs Monaten die Erde treffen und die Menschheit vernichten wird. Gemeinsam mit Professor Leonardo di Caprio berichtet sie umgehend der NASA davon, die macht ein Treffen mit der Präsidentin der USA aus. Erstaunlicherweise interessiert die sich aber gar nicht für diese Nachricht – weil gerade die Vorwahlen anstehen. Alle weiteren Versuche die Öffentlichkeit zu informieren werden entweder ignoriert oder führen praktisch zu einem Glaubenskrieg. Es gibt sogar Gruppen, die die Existenz des Kometen leugnen und der offensichtlichen Spur am Himmel mit einem „Ja dann guck halt nicht hoch“ begegnen.

Klimawandel kann ein einzelner Mensch kaum begreifen, einen Kometeneinschlag aber schon. In diesem Film wird der Versuch gemacht, anhand eines begreifbaren Ereignisses die Reaktion der Menschen auf den Klimawandel durchzuspielen. Das tut er mit Staraufgebot, und ausnahmslos alle großen Namen (DiCaprio, Perlman, Chalamet, Blanchett u.a.) spielen hier hervorragend. Am Besten ist aber zweifellos Meryl Streep als trumpeske Präsidentin, die die Bedrohung nicht mal begreift, das weiße Haus mit Verwandschaft besetzt, zur Lösung des Problems auf Kumpels aus der Industrie vertraut und am Ende sogar verspricht, dass der Kometeneinschlag neue Jobs bringen wird.

Hört sich lustig an, und die Trailer versuchen „Don´t look up“ auch als Komödie zu verkaufen, allerdings hat der Film nicht mitbekommen, dass er lustig sein soll. Die Tonalität schwankt zwischen Doku und Drama, von daher ist das hier eher „Doomscrolling, der Film“ und macht bei aufgeklärten Leuten dementsprechend schlechte Laune. Dazu kommen handwerkliche Fehler, so dass der ganze Film verstolpert rüberkommt.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Filme immens wichtig sind, um den Klimawandel fassbar zu machen. Wir Medienwissenschaftler hegen die Theorie, dass die Anti-Atom- und Friedensbewegung global nie so groß geworden wäre, wenn das Thema nicht in der Populärkultur einem Massenpublikum begreiflich gemacht worden wäre. Werke wie „Dr. Strangelove“ oder Bücher wie „Die letzten Kinder von Schewenborn“ sind auch eher holzschnittartig und keine große Kunst, aber sie haben diese Gesellschaft mobilisiert.

Von daher hoffe ich, dass „Don´t look up“ nur der erste von vielen Filmen zum Thema Klimawandel sein wird.

The Suicide Squad [2021, BluRay]
Die Prämisse ist die gleiche wie schon beim schlimm vergurkten „Suicide Squad“ (ohne „The“) von 2016: Teilkostümierte Superschurken werden von einer Geheimorganisation auf eine Selbstmordmission geschickt. Versuchen sie zu flüchten, wird ihnen der Kopf weggesprengt.

Anders als vor 5 Jahren ist dieser Film aber nicht im Schnitt zerstückelt und von einer Trailerfirma fertiggestellt worden, sondern wurde in Summe von James Gunn („Guardians of the Galaxy“) geschrieben, gedreht und geschnitten. Der Unterschied ist GEWALTIG, denn ein James Gunn ohne jegliche Vorgaben dreht hier zu ungekannter Höchstform auf. Diese „Suicide Squad“ ist hervorragend geschrieben und umgesetzt. Das Pacing passt, die Charaktere bekommen Raum, der Humor stimmt, und den Effekten merkt man an, das hier viel mit echten Sets gearbeitet wurde.
Dieser Film ist nahezu der perfekte Antihelden-Streifen. Wie er allerdings eine Freigabe ab 16 bekommen hat, ist mir völlig schleierhaft, denn „The Suicide Squad“ ist wirklich brutal. Ständig werden Gliedmaßen abgerissen oder Köpfe explodieren. Ultrabrutale Gewalt in Kombination mit Humor in einem handwerklich fast perfekten Streifen mit hervorragenden Schauspielern – das hat mich wirklich überrascht.

Not Time to Die [2019?, Bluray]
Endlich der letzte Bond mit Daniel Craig! Der Schauspieler hat gefühlt die vergangenen 10 Jahren damit verbracht laut zu verkünden, wie dumm er die 007-Filme findet und wie sehr er es verabscheut, Bond zu spielen. Da er in den letzten Filmen auch noch aussah wie eine wandelnde Wasserleiche, wollte ich ihm immer zurufen „Ja dann lass es doch, Du Depp!“.

Nun also Abschied von Craig, und ich sage mal so: Er gibt sich doch nochmal Mühe, kann den Film aber nicht allein tragen. Der ist nämlich überfrachtet mit Küchenpsychologie, Familienzwistigkeiten und Bemühungen, den Quark der Vorgängerfilme irgendwie zu einem großen Handlungsbogen zurecht zu retconnen. Rami Maleks Figur des Bösewichts ist leider ein Totalausfall und so dumm, unglaubwürdig und nervig, das sie ähnlich bedrohlich wirkt wie Armin Laschet (erinnert sich noch jemand an Armin Laschet? Nein? Gut!).

Lichtblick in diesem ganzen Brei ist der weibliche Cast: Naomie Harris als Miss Moneypenny ist wieder mal völlig großartig, bekommt aber zu wenig zu tun. Ana de Armas als Agentin in Ausbildung rockt eben mal den Saal weg, und Lashana Lynch verlässt sich als neue 007 nicht auf gutes Aussehen, sondern ist in allem, was sie tut, fürchterlich kompetent – also ganz anders als ihr Vorgänger, ein gewisser Herr Bond. Einen Solofilm mit Lynch als 007 würde ich sofort gucken.

Zusammengefasst: „No Time to Die“ ist nicht so schlimm wie „Quantum of Solace“, aber auch nicht so gut wie „Skyfall“ oder „Casino Royale“ und wird damit seinem eigenen Anspruch als Abschluss der Craig-Ära schlicht nicht gerecht.

Dune [1984, Amazon Prime]
„Spice“ ist das wertvollste was es gibt im Universum, und es kommt nur auf einem einzigen Planeten vor. Dieser Planet ist eine einzige Wüste. Als der junge Kyle McLachlan auf den Wüstenplaneten kommt, feiern ihn die Einheimischen als Messias. Folgerichtig muss er gegen Musiker Sting kämpfen.

Was habe ich als Kind diesen Film geliebt, und tatsächlich kann man den auch heute noch gut gucken. Obwohl es ein David Lynch-Film ist, ist die Geschichte straight erzählt und die Schauspieler sind super, von Kyle Mchlachlan als Üaul über Patrick Stewart als Guerney Hallek bis Dean Stockwell als Dr. Yue. Dazu kommen Jürgen Prochnow, Max von Sydow, Sean Young und andere, die den Streifen zum großen 80er-Kino machen. Weil die Buchvorlage so gigantisch lang ist, wird in diesem Film leider viel über Texttafeln und Voiceover erklärt und das Ende hingehuschelt, was verwirrend sein kann. Kann man trotzdem, und das hat mich überrascht, auch heute noch gut gucken.

Dune [2021, Bluray]
Selbe Story wie oben, allerdings hat die 2021er-Fassung nur den Anspruch ein erster Teil zu sein. Gute Entscheidung, denn so hat der Film Zeit, Dinge zu zeigen, die das Werk von 1984 aus dem Off erklären oder weglassen musste. Großer Film, gedreht mit guten Schauspielern an echten Sets und mit bombastischem Sound, ist allerdings bei Weitem nicht das Erweckungserlebnis, zu dem ihn manche gerne hochschreiben.


Spielen:

13 Sentinels: Aegis Rim [PS4, 2020]
13 Charaktere, 13 miteinander verwobene Geschichten. 1944 muss ein junger Soldat miterleben, wie seine japanische Heimatstadt unter amerikanischen Angriffen in Flammen aufgeht. 1984 tauschen Highschool-Studenten SciFi-Filme auf Videokassetten. 2024 verliert ein Schüler sein Gedächtnis und ein riesiger Kampfroboter, ein „Sentinel“ fällt vom Himmel. Und im Jahr 2064 ist Japan eine Trümmerwüste, verwüstet von mechanischen Monstern.

Wirr, wirr, wirr – und wunderschön, so präsentiert sich „13 Sentinels“ auf den ersten Blick. Es wird nämlich tatsächlich die Geschichte von gleich 13 Personen erzählt, die man abwechselnd spielt, aber nicht am Stück und nicht chronologisch. Als Spieler entscheidet man selbst, welche Geschichten und welche Personen man in welcher Reihenfolge spielen möchte, wodurch sich Szenen und Abläufe manchmal ein wenig verändern. Diese Mischung der Geschichten ist auch dringend notwendig. Konzentriert man sich zu lange auf die Geschichte nur einer Person, kommt es zu nervigen Wiederholungen und damit unweigerlich zu Motivationshängern.

Die Erlebnisse der Schüler reichen dabei von banal bis hin zu völlig abgedreht und legen immer noch eine Schippe drauf. Ist man als Spieler irgendwann bereit, haushohe zeitreisende Kampfroboter zu akzeptieren, präsentiert „13 Sentinels“ sprechende Katzen mit magischen Pistolen. WTF? Bis man in dieses Storykuddelmuddel Sinn bekommt, vergeht ganz ordentlich Zeit, aber das ist der Reiz des Spiels: Stück für Stück wird das Geheimnis um die Geschehnisse gelöst, und das aus 13 Blickwinkeln.

Dabei werden Ideen der klassischen und der modernen Science Fiction, von „2001“ über „Zurück in die Zukunft“, „Star Trek“, „Substitutes“ oder „Memento“ bis „Matrix“ miteinander vermischt und zu einem eigenständigen und erfrischend anderen Konstrukt verschmolzen, das überwiegend völlig fasziniert und immer wieder überrascht.

Gameplaytechnisch hat man es dabei mit einem Mix aus klassischem Adventure und einem Echtzeit-Strategiespiel zu tun. Im Adventureteil begleitet man abwechselnd Studentinnen und Studenten einer Highschool in verschiedenen Zeitepochen. In kurzen, scheinbar unzusammenhängenden Episodenfragmenten klickt man sich durch Dialoge, untersucht Gegenstände und treibt so die Geschichte voran.

Dieser Teil des Spiels präsentiert sich wunderschön, die Grafik wirkt wie handgetuschte 2D-Zeichnungen, die nur spärlich animiert sind. Jeder Screen ist ein Gemälde, jeder Charakter ein Portrait, dass man so auch ausgedruckt an die Wand hängen könnte. Zwischen den Abenteuereinlagen gilt es dann noch Echtzeitkämpfe mit den titelgebenden Sentinels gegen hausgroße Monster auf einer 2,5D-Karte zu schlagen. Das spielt sich flott und ist auf dem niedrigsten von 3 Schwierigkeitsgraden auch für nicht-Taktiker gut machbar.

„13 Sentinels“ ist ein Storymonster, dessen Komplexität und handwerkliches Geschickt wirklich überrascht. Das liegt daran, dass das japanische Studio „Vanilla Ware“ viel mehr Zeit in seine Spiele investiert, als es wirtschaftlich sein kann. Im Schnitt alle 10 Jahre veröffentlichen die ein neues Werk, und das ist dann meisterhaft und bis zur Perfektion poliert. Aber eben auch so komplex und seltsam, dass es nicht etwas für jeden Geschmack ist.

Guardians of the Galaxy [2021, PS5]
Peter „Star Lord“ Quill, Gamora („Die gefährlichste Frau der Galaxis“), Rocket („Ganz sicher kein Waschbär“), Drax-der-Zerstörer und Groot („Ich bin Groot“) sind zusammen die Beschützer der Galaxis! Zumindest in der Vorstellung von Peter, der die Truppe aus seltsamen Charakteren in seinem Raumschiff wohnen lässt. Tatsächlich sind sie eher Söldner, nicht besonders qualifiziert und ständig in Geldnot.

Was sofort auffällt: Das Spiel strotzt vor Production Value und möchte für die „Guardians“ das sein, was die „Arkham“-Reihe für Batman ist: Das ultimative Guardians-Erlebnis in einem lebendigen Comic-Universum. Das Spiel ist vollgestopft mit Marvel-Referenzen und Insider Gags, und das, obwohl die Charaktere eigenständig sind und keine bloßen Kopien ihrer Comic- oder Filmvorlagen. Die Story ist Guardians-Typisch eine „Misfits retten mit mehr Glück als Verstand die Welt“-Geschichte, die aber super geschrieben und wirklich gut erzählt ist. Ganz bezaubernd ist die Interaktion der Charaktere untereinander: Die ist sauwitzig, alles hier ist richtig gut geschrieben und vertont.

Leider kann das Gameplay da nicht mithalten. Die Steuerung ist unnötig kompliziert, träge und hat Aussetzer, Mountpoints sind zu klein, Quicktimevents haben seltsame Zeitfenster. Die Kämpfe sind unübersichtlich und hektisch, und schon auf dem „normalen“ Schwierigkeitsgrad gibt es viel zu viele Gegner. Das diese teilweise auch noch doppelte ud dreifache Lebensbalken haben, quittieren selbst die Spielfiguren mit einem „Das sind ja Bulletsponges“ – und das stimmt, zumal die Wirksamkeit der eigen Waffen der von Erbsenpistolen gleicht. Das fühlt sich alles nicht nach Superheldenfantasie an. Zum Glück kann man Dinge wie Waffenwirksamkeit, Abkühlzeiten und genommenen Schaden einstellen – aber das macht die Sache nur etwas besser, „Snappy“ werden die Kämpfe dadurch nicht.

In der Summe: Tolle Geschichte, großer Spaß, Kampfeinlagen Banane. Für Fans von Actionsadventures, denen der Actionanteil weniger wichtig ist.

Assassins Creed Odyssey & Valhalla: Interwoven Stories [PS5, 2021]
Ein unerwarteter DLC-Drop: Eine handvoll Missionen stecken in den letzten Updates für AC Valhalla und ebenso für das drei Jahre alte Odyssey. Die sorgen dafür, dass sich die Hauptdarstellerinnen der beiden Games um 900 n.C. in England treffen.

Unterschiedlich ist die Güte der DLCs. In „Odyssey“ erlebt Protagonistin Kassandra auf Korfu eine emotionale Geschichte, die ihr ihre Aufgabe und die damit einhergehenden Bürde deutlich macht. Ubisoft hat hier die Gelegenheit genutzt, eine der interessantesten Figuren der Reihe mit einer Mission auszustatten und damit das Ende von „Odyssey“ runder und besser zu machen.

Assassins Creed Valhallas DLC nervt dagegen mit einer doofen Fetchquest und mit seinen endlos ausgetretenen Spielmechaniken sowie schlechten Dialogen. Im neuen Gebiet der Isle of Skye muss Eivor fünf Dingsis von A nach B und dann… ach, auch egal. Völlig beliebig, alles.

Der Valhalla-DLC ist nur dazu da um zu zeigen: Kassandra lebt immer noch, und sie ist sehr allein in der Welt. Immerhin das gelingt, und es wir gezeigt, wie badass eine Kriegerin mit 1.500 Jahren Erfahrung kämpfen kann. Ich würde mir ja mehr von Kassandra wünschen, aber vermutlich kommt nur noch weiterer Valhalla-Murks. Ist schon erstaunlich: ich habe bei „Odyssey“ rund 150 Spielstunden auf der Uhr, bei „Valhalla“ signifikant weniger – und trotzdem nervt mich letzteres, während „Odyssey“ immer noch interessant ist. Liegt wohl tatsächlich daran, dass eine der beiden Protagonistinnen einen Charakter und eine Geschichte hat, während die andere einfach nur eine leere Hülle ist.


Machen:

Pandemie, vierte Welle, Boostern, bereit machen auf Einschlag Omikron.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch Griechenland 2021 (5): Cthulhus Kinder

Tagebuch einer Motorradreise durch Griechenland im Herbst 2021. Heute begegne ich Chtulhus Kindern, jeder Menge Ziegen und dem Farmer aus „Schweinchen Babe“

Donnerstag, 23. September 2021, Perama, Ioannina
Spiros sieht aus wie eine eingelaufene Version von Ernest Borgnine, als der den Dominic Santini in der alten TV-Serie „Airt Wolf“ gespielt hat. Nur das Spiros keinen Hubschrauber fliegt, sondern das Café im Erdgeschoss der Unterkunft betreibt. Und was für ein wunderbares Café das ist! Der Laden sieht aus wie aus einem Konditoreifilm mit Juliette Binoche gefallen, so hell und freundlich und neckisch ist er eingerichtet. Hier gibt es Kuchen, frisch gebackene Waffeln, Joghurt, selbstgebackenes Brot…. das duftet einfach himmlisch!

Spiros freut sich, als ich nur griechische Dinge bei ihm bestelle, und kurz darauf stellt er mir einen griechischen Joghurt und einen griechischen Kaffee auf den Tisch.

Neugierig beäuge ich beides. Der Kaffee wird in einer kleinen Messingkanne mit einem langen Griff serviert, daneben steht ein großes Glas Wasser, eine Tasse und ein Stück rotes Dings mit Puderzucker drauf. Und nun? Das Wasser mit dem Kaffee selber Mischen? Nee, das Glas hat keinen Ausgießer. Also trink man das dazu. Vermutlich um die Geschmacksknopsen zu öffnen, ähnlich wie man in guten Kaffeehäusern auch ein Wasser zum Espresso bekommt. Der Kaffee ist hervorragend und lehrt mich: Griechischer Kaffee hat Bodensatz, deshalb sollte man die Kanne nie ganz leeren. Wenn er in der Tasse serviert wird, sollte man die nie einfach runterstürzen.

Der süße Joghurt dick mit Honig überzogen und mit Erdnüssen bestreut ist. Was für ein Overload an Süß!

Das rote Glibberdings heißt übrigens Loukoumi und ist eine Süßigkeit aus Zucker und Stärke, die ein wenig wie mürbes Weingummi schmeckt. Loukoumi kommt ursprünglich aus der Türkei, ist aber in ganz Griechenland zu finden. Das Ioannina osmanische Wurzeln hat, weil es früher mal Handelsstadt des osmanischen Reiches war, spielt da keine Rolle. Wie auch immer: Loukoumi ist lecker, aber auch ein Overload an Süß und der dauerhafte Genuss ein schneller Weg in eine Diabetes.

Ach, was geht´s mir gut. Ich sitze hier im Schein der Morgensonne, allein in einem herrlichen Café und darf unbekannte Köstlichkeiten entdecken. Sogar die Aussicht ist schön: Vor der Tür steht die Barrocca.


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Silencers Blog wünscht frohe Weihnachten

Und ganz besonders vielen Dank an alle, die Karten und Päckchen für Huhu und das Wiesel geschickt haben 🙂

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Corona-Tagebuch (38): Omikron

Weltweit: 276.246.019 Infektionen, 5.369.231 Todesfälle, 8,7 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 6.8999.439 Infektionen, 109.328 Todesfälle
655 Days Gone

Irgendwie habe ich ja immer gedacht: Wenn es einen Impfstoff gibt, dann lassen wir uns alle impfen, und dann ist dieser ganze Mist vorbei und das Leben wieder normal. Storytwist: Es kam ganz anders.

1. Habe ich den Anteil der Leute unterschätzt, die völlig gegen jeglichen Verstand die Impfung ablehnen und so bildungsfern sind, dass sie glauben, die Impfung ließe ihnen einen dritten Arm wachsen oder sie würden danach ferngesteuert. Extremversion: Spinner, die glauben sie würden absichtlich zu Tode gespritzt. Letzteres ist eine beliebte Story bei Rechtsextremisten, die behaupten, das die Regierung alle Deutschen (Amerikaner, Franzosen, beliebiges Land einsetzen) umbringen will, um sie durch… Menschen zu ersetzen, die eine andere Hautfarbe haben oder einen anderen Glauben oder sonst irgendwie anders sind.

Die Quittung für diesen Unfug haben wir schon bekommen. Weltweit liegt Deutschland jetzt auf Platz drei der Länder mit den höchsten Ansteckungsraten, gleich nach den USA und UK.

Ich meine, ich hatte ja immer vermutet, dass der Bevölkerungsanteil, der komplett balla ist, recht hoch sein muss. Aber nun wissen wir es genau: Rund 27 Prozent müssen es sein. D.h. jeder vierte, der einem auf der Straße begegnet, hat nicht alle Latten am Zaun und ist keinerlei Vernunft zugänglich. Das sind eine Menge Leute.

Immerhin ändert sich gerade das Narrativ. Bislang hatte der Großteil der Bevölkerung wohl immer den Eindruck, dass auch die „besorgten Bürger“ und Querdenker-Schreihälse gehört werden müssten. Nun verlieren alle langsam die Geduld mit den Querulanten. Und das ist gut. Eine tolerante Gesellschaft muss die Intoleranten nicht tolerieren. Eine Minderheit muss sich den Erfordernissen und der Mehrheit beugen. Auch das ist Demokratie. Diese Erkenntnis setzt sich gerade überall durch. Auf Twitter sehr rasch, über den Hashtag #QuerdenkerSindTerroristen, im Rest des Landes etwas langsamer.

2. Der Schutz durch die Impfungen lässt nach. Und zwar nicht über einen Zeitraum von 10 Jahren, sondern binnen 5 Monaten. Das war für mich eine völlig unerwartete und neue Erkenntnis. Gegen Covid-19 muss man sich also drei Mal impfen lassen. Mindestens.

Ist aber gar nicht so einfach, denn rechtzeitig vor Beginn der vierten Welle sind ja manchen Bundesländern die Impfzentren Rückgebaut worden. Stattdessen sollten hier mal die Hausärzte was boostern, da mal mobile Impfteams ein wenig spritzen. War viel zu wenig Kapazität, und das der scheidende Gesundheitsminister erst den etwas schräg kommunizierte, er müsse den vertrauten BiontEch-Impfstoff rationieren und dann der neue Gesundheitsminister feststellte, dass von egal-was viel zu wenig da war, das ist eine Vollkatastrophe, die sich so in eine Abfolge von Vollkatastrophen einreiht, das ich vor Erregung nur noch mit den Schultern zucken kann.

Im Impfzentrum von Göttingen hockte übrigens das Göttinger Symphonieorchester. Die müssen gerade jetzt, in diesem Moment, ihre Instrumente raustragen, denn am 27. nimmt das Zentrum den Impfbetrieb wieder auf. Endlich.

3. Omikron. Eine neue Variante der Corona-Viren. So mutiert, dass sie nochmal um ein Vielfaches ansteckender ist als Delta, und sich auch Geimpfte und Genesene anstecken können. Schutz vor Infektion ohne Booster nach 4 Monaten: Praktisch Null. Mit Booster: 70 Prozent, und bei Infektion wenigstens kein schwerer Verlauf. Immerhin. Trotzdem eine Horrornachricht, denn eigentlich bräuchte es jetzt flächendeckende Schließungen und Kontaktverbote. Gibt es aber nicht, weil: 1. Weihnachten, 2. Ampel-FDP hat Lockdown im Wahlkampf ausgeschlossen.

Die Krankenhäuser liefen während der Delta-Welle am absoluten Limit. Wenn jetzt Omikron mit seinem exponentiellen und stark beschleunigten Wachstum ankommt, ist es vorbei. Zitat der Modellierer: „Da kommt keine Welle, da kommt eine Wand“. Aktuell warnt das RKI vor dem Zusammenbruch kritischer Infrastruktur. Nicht nur im Gesundheitswesen, wenn sich so viele Menschen infizieren, kann das auch Polizei, Feuerwehr, Lieferketten und Stromversorgung betreffen. Ein apokalyptisches Szenario.

Persönliches

Ist das jetzt schlimm für mich, so persönlich? Naja.
Die Isolation macht mir nichts. Ja, ich vermisse auch meine Freunde und Wegfahren und für Reisen kann man auch nicht planen, aber das sind Luxusprobleme. Ich habe Bücher und Filme und Games bis ins Jahr 2025, damit geht´s mir gut.

Im allerengsten familiären Umfeld ist mein Vater derjenige, der balla ist (siehe oben: Einer von Vieren). Er hat sich mit seinen 80 Jahren gegen eine Impfung entschieden, und nun ist es zu spät. Er wird Covid bekommen, und ich wünsche ihm einen milden Verlauf, der allerdings bei seinen Vorerkrankugen unwahrscheinlich ist. Ist nicht einfach, diese Entscheidung zu respektieren, zumal sie auf einer Mischung aus Ignoranz, Faulheit und Angst-vor-Nadeln beruht, und das hat mich lange Zeit sehr wütend gemacht. Jetzt ist es mir schlicht egal. Ich habe keine Energie mehr, um mich darüber aufzuregen.

Weihnachten feiere ich in einem so kleinen Zirkel, dass es schon kein Kreis mehr ist, sondern eher ein Punkt. Darauf freue ich mich, muss aber sagen: Selbst das Treffen von nur ein, zwei Personen, alle geboostert und getestet, ist mir fast ein wenig unheimlich. Nunja.

Ältere Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | 9 Kommentare

Agathe 2021

Da freut sich der Herr Silencer und der Huhu wundert sich: Agathe blüht wieder!

Elf Monate im Jahr sieht Agathe aus wie monströses Gemüse aus dem Weltraum, mit knotigen, fleischigen Blättern, die bei der sanftesten Berührung sofort abbrechen. Aber einen Monat im Jahr, von Ende November bis Ende Dezember, verwandelt sie sich in einen rosafarbenen Wasserfall aus Blüten. Dafür lohnt es sich, ihren Anblick den Rest des Jahres zu ertragen.

Sieht man übrigens auf den Bildern nicht, aber Agathe ist wirklich ein Mopped: Gut über einen Meter bringt sie im Durchmesser mit.

Frühere Agathes:

Agathe 2020
Die dicke Agathe 2019
Die dicke Agathe 2018
Die dicke Agathe 2017

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Reisetagebuch Griechenland 2021 (4): Elláda!

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute mit einem neuen Land unter den Reifen.

Mittwoch, 22. September 2021, Fähre Florencia, irgendwo auf der Adria
Um 08:00 Uhr bin ich wach. Der Schlaf war unruhig, denn die 17 Jahre alte Florencia knarzt und klappert um mich herum. Irgendwo in der Wand schwingen Stahlseile gegen eine Verkleidung. Das hört sich an, als sitze in der Wand ein sehr wütender Gnom, der mit seinem Hammer mit voller Kraft auf eine Stelle neben meinem Kopf eindrischt.

Ob das wohl ein Grund ist den „ALLARM BOTTON“ neben dem Bett zu drücken? Vermutlich nicht.

Wann muss ich wohl aus der Kabine raus und auschecken? Was ist draußen wohl zu sehen? Ich schlüpfe in Motorradhose und Stiefel, werfe die Fleecejacke über und verlasse die Kabine, wandere zu einer der Außentüren und trete in die frische Morgenluft.

Draußen scheint die Sonne, und rechts vom Schiff (Backbord? Steuerbord? Ich kann mir das nie merken) zieht in fünfzehn Kilometern Entfernung eine Küstenlinie vorbei, an der ich große Tanks und einen Turm ausmachen kann. Mein Hirn fahndet nach Informationen, die Rückschlüsse auf den Ort zulassen, und wird sofort fündig. Ich mag bloß nicht an den Fund glauben.

Ich rühme mich mittlerweile gerne damit, nach zehn Jahren Reisen durch Italien nahezu jeden Ort auf dem Stiefel schon mal durchfahren zu haben oder zu erkennen oder zumindest verorten zu können, und wenn ich jetzt nicht völlig unter Selbstüberschätzung leide, dann würde ich sagen: Das da ist das Raffineriegebiet südlich von Brindisi, der Stadt an der Ferse des italienischen Stiefels.

Brindisi?! Aber das kann doch eigentlich nicht sein! Wir sind schon gute 14 Stunden unterwegs, da müssen wir doch mehr geschafft haben als die lumpigen, was sind es, vielleicht 450 Kilometer, zwischen Ancona und Brindisi, oder?

Leider gibt es keinen Empfang, ich kann also nicht mal schnell im Smartphone nachgucken wo wir sind. Aber ich kann den kleinen GPS-Recorder einschalten und später die Aufzeichnung angucken.

Stellt sich im Nachgang raus: Das an der Küste ist wirklich Brindisi, und das Schiff ist tatsächlich nur mit sagenhaften 17 Knoten oder 32 Km/h unterwegs.

Ich setze mich mit einem Buch auf die linke Seite des Schiffs in die Morgensonne. Auf der Außenplattform. ein Deck unter mir, diskutieren griechische Lastwagenfahrer über Dinge, über die griechische Lastwagenfahrer halt so diskutieren.

Nach zwei Stunden in er salzigen Seeluft ist mir kühl, und ich ziehe mich in die Kabine zurück. Hier stelle ich erst einmal die Uhr um. Wir schippern gerade in eine andere Zeitzone, ab jetzt ist es eine Stunde später. Oh, schon 12 Uhr? Hm. Da das Frühstück ob der heftigen Preise an Bord ausgefallen ist, läute ich dann einfach mal das Mittagessen ein.

Aber nicht im Bordrestaurant, zum einen hat das noch nicht offen und zum anderen sind die Preise da unverschämt – drei Euro für einen Espresso, WTF. Wenn man Lastwagenfahrer ist, bekommt man wohl alles für die Hälfte, was dann in akzeptablen Preisregionen liegt, aber als Normalmensch wirste da arm. Nein, da bleibe ich lieber bei meinem mitgebrachten Dosenfutter. Pasta aus dem Beutel, fertiges Knäckebrot und einen Müsliriegel. Wer hätte gedacht, dass es fertig belegtes und einzeln verpacktes Knäckebrot gibt?

Dann lege ich mich auf das Bett und lese und warte, während die Florencia weiter durch die See schaukelt.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 11 Kommentare

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