Reisetagebuch Sardinien (9): Lustlos

Herbstreise nach Sardinien. Heute gibt es einen goldenen Morgen, goldene Dünen, eine Höhle durch die eine Landstraße führt und ich übernachte in der Küche eines Restaurants.

Freitag, 26. Oktober 2018. Agriturismo Cuaddus e Tellas
Eine Minute vor dem Weckerklingeln wache ich auf. Es ist still und ruhig. Nicht mal Grillen zirpen. Auch die Pferde auf der Weide sind nicht zu hören. Was ist denn da los? Ich werfe mir die Jacke über und trete vor die Tür meines Zimmers auf dem Bauernhof Cuaddus e Tellas.

Es ist kühl, und es ist früh. Der Morgen ist spektakulär. Die Sonne filtert durch die Wolken über dem Tafelgebirge wie in einem billigen Bibelfilm. In den Tälern steht Nebel. Sowas kenne ich nur von Kitschpostkarten aus der Toskana.

Der Zauber hält nur wenige Minuten, dann ist das Licht anders, der Moment vorbei.

Pietro kommt von einer der oberen Weiden, wo heute Morgen die Pferde grasen. „Möchtest Du einen Spaziergang machen?“ fragt er. „Nein, ich möchte frühstücken“, sage ich. Einen Caffé Doppio und einen Keks später sitze ich am Steuer des Fiats und schaukele ihn aus dem Tor des Agriturismo hinaus und auf die Straße.


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Erschüttert

Ich bin gerade einigermaßen erschüttert. Grund: Ich habe gerade mal Fotos verglichen, die auf der letzten Reise entstanden sind.

Eines dieser Bilder ist mit dem iPhone8 entstanden, eines mit einer brandneuen 4K-Postfokus-Lumix TZ 81. Und nun raten Sie mal, welches Gerät welches Bild gemacht hat.

Die Lösung ist natürlich klar, sonst wäre es ja keine Überraschung: Das rechte Bild stammt aus der Handyknipse.

Genau.
So habe ich auch geguckt.

Warum soll man sich noch eine Kamera kaufen, wenn dabei so ein Murks im Vergleich zu Handybildern rauskommt?

Die TZ81 steht in der langen Tradition der Panasonic-Travelzoom-Kameras. Von denen hatte ich schon die TZ11, die TZ41, die TZ61 und nun die TZ81. Und, was soll ich sagen: Obwohl die 81er fast doppelt so groß ist wie die TZ41 von vor sieben Jahren, macht sie deutlich schlechtere Bilder, insbesondere bei schwieriger Beleuchtung.

Ich will nicht ausschließen, dass ich bei den Auto- und Postfokuseinstellungen was verkehrt gemacht habe. Das würde zumindest die Unschärfe erklären, ist aber eigentlich auch keine Entschuldigung, denn die Kamera lief im „Intelligent Auto“-Modus, der sowas eigentlich von allein machen sollte.

Tja. Die nächste Reise mache ich dann lieber nochmal mit der alten Kamera. Und mit dem Handy.

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Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

Herbstreise nach Sardinien. Heute fahre ich einfach nur sehr lange durch die Gegend – durch das Dorf der Messermacher, über Berge und unter Wolken.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Agriturismo Scalzi bei Macomer
Anscheinend habe ich gestern Nacht nicht alle ausgeschlossen, als ich den draußen versteckten Schlüssel mit ins Haus genommen habe. Zumindest rumort es heute Morgen im Untergeschoß. Georgia, eine junge Frau in Leggings und Fleecejacke, hat Frühstück für mich angerichtet. Überhaupt ist der Hof auf der Hochebene bei Macomer heute morgen deutlich belebter, und als ich abreisen will, strecken gleich drei Frauen die Köpfe zur Tür raus.

Die älteste von ihnen ist wohl die Chefin. Sie scheitert grandios an der Bezahlung per Karte. Leicht hilflos und mit wachsender Verzweifelung drückt sie auf dem Zahlenpad herum, bekommt es aber nicht hin, den richtigen Preis einzugeben. Immer wieder scheitert sie daran, dass sie die Taste „5“ nicht fest genug drückt, und ich wahlweise 3,60 oder 3600 Euro für die Nacht bezahlen soll. Auf die korrekten 36,50 Kommt sie nie. Irgendwann gibt sie auf und murmelt „Vielleicht hat Booking.com die 0,50 Euro-Preise verboten?“ Ich muss lachen und zahle bar.

Der Himmel ist noch grau und bedeckt, als ich vor das Haus trete. In der Ferne thront der Ort Sindia auf einer Bergkuppe.

Es ist richtig kalt heute Morgen, der Fiat ist mit Kondenswasser bedeckt. Ein Wunder ist das nicht, wir befinden uns hier auf einer Hochebene. Keine Ahnung wie hoch, aber lauschiges Küstenklima ist anders.

Heute ist langer Fahr-Tag. Ich steuere den Fiat von der Wiese, auf der er die Nacht verbracht hat, und fahre auf eine gute ausgebaute Staatsstraße, die nach Norden führt. Hier treffe ich nach einer dreiviertel Stunde fahrt auf das „Tal der Nuraghen“.

Der Name ist eine Marketingerfindung des hiesigen Touristikverbandes und soll wohl an das Tal der Könige oder so erinnern. Ein Tal ist das hier nämlich nicht so richtig. Ich habe die Landschaft her aus der Luft gesehen: Eine wildgrüne Ebene, die seltsam terassenförmig aussieht. Darin stehen hier und da Nuraghen rum.

Bis ich anfing über Sardinien zu lesen, wusste ich nicht, was das ist. Es sind alte Steinbauten, gebaut vor rund 4.000 Jahren und ganz unterschiedlich in Form und Funktion. Wozu sie im Einzelnen dienten, weiß heute niemand mehr. Manche Nuraghen sind einfache Türme aus Findlingen, andere sehen aus wie Minifestungen, mit Befestigungsmauern und Innenhöfen. Im Prinzip ist jede größere, menschengemachte Ansammlung von Steinen auf Sardinien eine Nuraghe.

An der Straße ist meilenweit nichts außer einem Flachbau mit einem Schnellrestaurant und einem Souvenirshop. Hier muss man eine Eintrittskarte für eine Nuraghe kaufen, die neben der Straße und mitten auf einem Feld steht. Wirkt ein wenig wie eine Road Attraktion in den USA.

Diese Nuraghe heißt Santu Antine.


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Osterkaktus

Die dicke Agathe ist ja ein unsäglich hässliches Gemüse aus dem Weltraum, das 2014 von seinem Vorbesitzer zurückgelassen wurde und seitdem bei mir sein Dasein fristet. Ein Mal im Jahr, im Dezember, erblüht Agathe und verwandelt sich in eine, nun, rosafarbene Schönheit.

So auch vor einem halben Jahr, als sie kurz vor Weihnachten förmlich explodierte. Da war ich noch beeindruckt, wie gut diese Pflanze den Kalender draufhat. Als Weihnachtskaktus punktgenau kurz vor Weihnachten blühen, diese logistische Leistung muss man ja auch mal würdigen.

Agathe ist aber gerade dabei ihre Street Credibility als Weihnachtskaktus zu verspielen, denn sie blüht schon wieder! Das ging vor drei Wochen los. Fährt sie jetzt zweeigleisig? Ist sie jetzt auch ein Osterkaktus? Oder leistet sie schon mal das Soll für 2019 ab und macht sich Weihnachten einen Lenz? Man weiß es nicht.

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Reisetagebuch Sardinen (7): Möpperkopp

Herbstreise nach Sardinien. Heute stürme ich das Kap der Jagd, wundere mich über Korallen und sitze unter Olivenbäumen.

Mittwoch, 24. Oktober 2018, B&B Sul Porto, Stintino
Aufstehen, Morgenroutine, Sachen packen. Dann betrete Ich den Frühstücksraum des „Sul Porto“, der wortwörtlich über den Hafen von Stintino blickt. Sehr hübsch. Ich bin nicht alleine, außer Besitzer Giorgio ist noch ist noch ein junges Paar Mitte 20 im Frühstücksraum.

Die beiden kommen aus Deutschland, sitzen am Nebentisch und muffeln vor sich hin. Also, eigentlich muffelt nur er. Entweder stimmt der Kaffeepegel noch nicht, oder er ist schlecht drauf, weil sich seine Freundin mit dem überfreundlichen und fröhlichen Georigio zumindest rudimentär auf Englisch unterhalten kann, für den Möpperkopp aber alles übersetzen muss. Mit Georgio habe ich nur italienisch gesprochen, das Mufflon hat also nicht mitbekommen, dass ich ihn verstehen kann.

Umso ungehemmter möppert er herum, beklagt sich über die Konsistenz der Brötchen, findet den Kaffee zu bitter, die Konfitüre zu süß und den Kuchen zu hart. Seine Freundin versucht die Stimmung zu heben, in dem sie ihm Reiseziele für den heutigen Tag vorschlägt. „Guck mal, Hase, hier könnten wir hin fahren!“, flötet sie und hält ihm einen Reiseführer hin. Der Miesepeter schaut kaum hin „Bäh. Ne Höhle? Wer willen sowas?“ „Oder hier, guck, Strand!“ „Geh weg, da hamwa wieder Sand in jeder Ritze“. „Oder hier, ein Wanderweg zu einem Turm?“ „Bei der Hitze durch die Gegend latschen um ein paar kaputte Steine anzugucken? Hast Du sie noch alle?!“ – Manche Menschen sind auch in jungen Jahren schon Nörgelrentner.

So geht das weiter. Das Wetter ist ihm nicht recht, die Unterkunft auch nicht, und überhaupt war das alles hier ja IHRE Idee und deshalb muss ER jetzt so leiden. Sie sieht irgendwann nur noch betreten zu Boden. Giorgio versteht nicht, was gesprochen wurde, merkt aber, das etwas nicht stimmt. Also erkundigt er sich auf englisch, ob alles in Ordnung sei. Die Blonde antwortet in Dreiwortsätzen, das es kein Problem gäbe. Das versteht wiederum ihr Freund nicht, der denkt, dass sie mit Giorgio flirtet und noch schlechtere Laune bekommt.

Alter, denke ich. So eine Beziehung ist doch toxisch. Manche Leute sind auch echt nur zusammen, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Oder ist der Möpperkopp nur hier so schlecht drauf, weil er im Ausland ist und sich hilflos fühlt, weil der die Sprache nicht versteht? Tja. Bildung ist so wichtig für Integration und bessere Laune. Mit mehr Bildung würden Menschen wie der Typ da ihre Umwelt und sich selbst nicht so vergiften, und die Welt wäre besser. Hm. Interessante Theorie. Da werde ich nochmal ein paar Stunden drüber nachdenken. Zeit genug dafür werde ich in den kommenden Tagen haben, viel Programm steht nicht mehr auf dem Zettel.

Der Morgen ist kühl und sonnig. Ich werfe den Rucksack in den Floh, den Fiat 500, der am Hafen parkt, dann spaziere ich noch ein wenig an der Promenade entlang und genieße das Sonnenlicht. Herrlich. In Deutschland hat gerade das Schmuddelwetter eingesetzt. Hier ist noch Sommer.

Vierzig Minuten von Stintino entfernt ragt ein gigantischer Felsen ins Meer, das Capo Caccia, das Kap der Jagd.

Bild: Google Earth 2019

Ich steuere den Fiat dort hinauf, schmiere mich mit Sonnenschutz ein und schlendere dann zu einer jungen Angestellten des Nationalparks. Sie lehnt in einiger Entfernung von einem Tickethäuschen an der Brüstung des Parkplatzes, raucht und blickt auf´s Meer hinaus. Die junge Frau und das Meer. Hemingway in zeitgemäß.

„Ich hätte gerne eine Eintrittskarte“, sage ich. Sie wendet den Blick von der See ab und fragt „Cash oder Kreditkarte?“ „Egal“, sage ich. „Dann Cash, unten zahlen. Beeil Dich“, sagt sie und deutet auf ein Schild. „Führung um 10:00 Uhr“ steht da. Ich blicke auf die Uhr. Es ist 09:59. „Du brauchst 10 Minuten“, sagt die Frau und lacht. „Na los, das schaffst Du noch“.

Ich kneife die Augen zusammen, dann ziehe ich den Gurt des Daypacks fester und renne los. Ich sprinte durch ein Tor, hinter dem direkt eine fast senkrechte Steintreppe beginnt.

Am Ende der Treppe sind weitere Treppenstufen in den Fels gehauen. SIEBENHUNDERT, steht auf einem Schild, das Herzkranken und Menschen mit Gehbehinderungen rät, sich besser eine andere Beschäftigung zu suchen.

700 Stufen! 200 Mehr als im Vatikan, denke ich und lasse meine Füße die Führung übernehmen. Die Treppe ist steil und manchmal krumm und schief. Wenn ich auf die Stufen blicke, stolpere ich bestimmt. Aber die Füße wissen, was sie tun. In rasender Geschwindigkeit flitze ich die Treppe hinab, die einfach kein Ende nehmen will. Immer zwei Stufen auf einmal, hoppel-hoppel-hoppel. Die Treppe macht eine Biegung, hinter der ich fast mit zwei Deutschen kollidiere, Mutter und Tochter, die hier gemütlich entlanglangschlurfen. Ich stolpere kurz, fange mich, springe an ihnen vorbei und bin weg.

Der Steinweg und die Treppe sind in die Felswände der Steilküste gebaut und führen einmal um die Klippen herum und immer tiefer und tiefer bis zum Meer hinab. Eine lange Passage ist fast waagerecht. Meine ungeübten Beinmuskeln zwicken und die Lunge brennt, aber ich renne weiter. Bei sowas packt mich ja der Ehrgeiz. Ich will auch immer den Zug noch kriegen, wenn es eigentlich heißt, dass der nicht mehr zu kriegen sei. Meine Füße fühlen sich bleischwer an. Soll das so? Keine Ahnung, ich jogge nie. Der Reiz des Laufens hat sich mir nie erschlossen.

Ich versuche an was Schönes zu denken, aber alles was mir einfällt ist „Verdammt, ich habe die Kamera im Auto vergessen“. Egal, weiter.

Warum muss das bei mir eigentlich immer in so knappen Sachen enden? Noch um eine weitere Kurve und da! Ist endlich ein Spalt im Gestein.

Keuchend komme ich in einer großen Höhle zum stehen. Die Uhr zeigt 10:05. Die Meeresbrandung schlägt an den Eingang der Höhle. Etwas abseits, geschützt vor der Gischt, steht ein kleiner Tresen, dahinter ist der ausufernde Lockenkopf einer weiteren Angestellten zu sehen. „Kann ich noch…?“, frage ich außer Atem. „Ja, musst Dich aber beeilen“, sagt La Scapigliata, die Wuschelköpfige, und drückt mir ein Ticket in die Hand.

Ich laufe weiter, eine Treppe hoch und dann kann ich nicht mehr laufen. Zum einen, weil das der Weg nicht mehr hergibt, der nun ganz schmal wird. Zum anderen, weil ich erstmal staunen muss.

Ich stehe in der Grotta del Nettuno, der Neptunhöhle. Gigantische Stalagtiten aus Kalkstein hängen von der Decke. (Merksatz: „Die Titen hängen, die Miten Steigen“. Haha.). In der Mitte der Höhle sind Stalagtiten und Stalagmiten zu Stalagnaten zusammengewachsen. Diese Säulen sind hier so riesig, das an ihnen selbst weitere Tropfsteine hängen. Irre. Völlig irre. Auf dem Boden schwappt Salzwasser in einem See umher. Sagenhaft. Wie im Märchen.


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Schön war aus (2)

Nein, das ist kein Elektromotorrad.

Das ist eine zusätzliche Batterie, die da an der ZZR600 klemmt. Der kleine Powerboost war nötig, weil die Maschine ein wenig zickig war, als ich sie am Wochenende am gestrigen Maifeiertag (Mittwoch) aus dem Winterschlaf wecken wollte. Es brauchte minutenlanges Gerödel und Geröchel, Stoßgebete und Flucherei und einen glühenden Starter, bis sie endlich kam.

Echt, das wird jedes Jahr schlimmer. Die Renaissance wird zu einer kleinen Diva. Vermutlich war sie neidisch, weil die Barocca schon seit Februar auf der Straße ist. Aber der Einspritzer V-Twin startet halt einfach so, während der 4-Zylinder Vergasermotor der ZZR viel Choke und Stoßgebete braucht.

„Die läuft aber ruhig!“
„Die steht ja gut da!“
„Meine Güte, da ist ja NICHTS dran!“

…was sich anhört wie das Geschwärme eines Fanboys, waren die Worte eines DEKRA-Prüfers, der eigentlich sauschlechte Laune hatte. Schön, dass die alte Dame auch mit 90.000 Kilometern auf der Uhr noch einen jungen Mann für sich vereinnahmen kann. Dafür gab es dann auch prompt die rotzegelbe Plakette.

Als ich das Garagentor zuziehe, halte ich kurz inne, blicke auf die Kawasaki und denke: „Recht hatte er“. Die steht gut da.

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Momentaufnahme: April 2019

Herr Silencer im April 2019

Zeit rast

Wetter: Anfang des Monats sonnig, die Temperaturen wechseln je nach Tagesform. Mal tagsüber über 20 Grad, mal nachts 2 Grad. Mitte des Monats schneit es noch einmal und ist eine Woche lang richtig kalt, dann wird es wieder frühsommerlich, mit Temperaturen über 20 Grad und Sonne. Es regnet den ganzen Monat über fast gar nicht, was schon zu Waldbränden führt. die letzten paar Tage wird es mit 4 bis 15 Grad wieder kalt, und zumindest am letzten Wochenende regnet es mal zwei Tage.


Lesen:

Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte [Kindle]

Typische Ausgangssituation: Frau hat Nase voll von Job in „Irgendwas-mit-Medien“ und will weg. Also auf eine Tiger 800 gesetzt und los geht´s, von München nach Istanbul, dann über Asien und Australien nach Südamerika und in die USA.

Untypisch ist die Art dieses Reiseberichts. Das Buch folgt zwar grob der Chronologie der Reise, die einzelnen Abschnitte machen sich aber nicht an der Geografie fest, sondern haben Oberthemen wie „Mut“, „Leidenschaft“, „Glaube“ oder „Loslassen“, unter die sich einzelne Kapitel ordnen. Rieck beschreibt darin hauptsächlich ihre Begegnungen mit anderen Menschen und was sie von diesen lernte und mitnahm.

Was in dem Buch praktisch nicht vorkommt sind die üblichen Ärgernisse einer Motorradreise – Werkstattbesuche, Schwierigkeiten an Grenzen, Ersatzteil-Fuckup – das wird alles nur in Nebensätzen erwähnt und kommt höchsten am Rande vor.

Das ist introspektiv und eine wunderbare und erfrischende Abwechselung zu den sonst üblichen „Blut, Schweiß und Tränen“- Büchern von Kradvagabunden und Co, die oft einen geradezu verbissenen Fokus auf Landschaft und Maschinen legen, dabei aber kaum reflektieren und im Zweifel anderen Menschen und Kulturen mit Distanz oder sogar genervt begegnen. Und natürlich ist es ein superkrasser Gegensatz zu der geradezu ärgerlichen Reisedoku „Egal was kommt“, die in der Motorradszene heftig beworben wurde, sich aber letztlich in Mimimi und Warterei auf Ersatzteile erschöpfte. Lea Rieck hingegen merkt man an, wie sie während und an ihrer Reise lernt und wächst und sich der Blick auf die Welt und sich selbst ändert.

Anders ist auch ein explizit weiblicher Blickwinkel, wenn es um Liebe und Sex geht. Auch davor scheut das Buch nicht zurück, etwa, wenn Rieck wochenlang scharf auf den gutaussehenden, aber wortkargen Russen ist, dessen muskulösen Körper und Segelohren sie anhimmelt. Sowas würde sich heute kein männlicher Autor zu schreiben trauen.

Etwas unschön ist, dass nahezu alle Gespräche in wörtlicher Rede stattfinden. Sowas kann man als Stilmittel zwischendurch mal einstreuen, aber es Seitenweise und dauernd zu verwenden gehört sich eigentlich nicht – weil man als Reiseautorin ja kein Tonband mitlaufen lässt, sondern die Dialoge (oder das, was einem davon wichtig war und was man behalten hat) aus dem Gedächtnis und nur sinngemäß wiedergibt. Durch die überbordende Verwendung der wörtlichen Rede und gleichzeitiger Reduktion mancher Figuren auf Kerneigenschaften wirkt manches wie aus einem Roman, und damit übertriebener oder auch platter, als es vermutlich wirklich war.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Lea Rieck legt hier ein Buch vor, das sich wohltuend vom Rest der Motorradreiseberichte abhebt. Das gilt für den Text und auch auch für die Bilder: Wo man bei anderen Autoren nur Landschaften und verschlammte Motorräder sieht, sind Rieck fantastische Aufnahmen gelungen, auf denen sie selbst immer wieder in einem roten Kleid zu sehen ist.

Wie sie das verliert und in der Folge nackt durch den Dschungel fährt, muss jeder selbst lesen. Aber auch solche Mißgeschicke unterscheiden sich angenehm von den üblichen Reifenpannen. Das erste Buch seit sehr langer Zeit, das ich bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen konnte. Klare Leseemepfehlung, zumal es nicht umfangreich ist.


Hören:


Sehen:

Mortal Engines [Prime]
Die Erde in ferner Zukunft: Aus irgendeinem Grund leben die meisten Menschen in Städten auf Rädern. So kurvt auch ein Mädchen mit einem roten Schal in einem kleinen Fünf-Häuser-Dorf über die Erdoberfläche. Damit ist es vorbei, als die Großstadt London über die Landbrücke nach Europa fährt und dort alles platt macht. An Bord ist Agent Smith aus Matrix, der böse Pläne hat. Das rotschalige Mädchen will das verhindern, hat aber einen Terminator am Arsch.

„Mortal Engines“ ist an den Kinokassen grandios untergegangen, und ich muss sagen: Zu recht. Ich mag ja absurde Prämissen, und Städte auf Rädern gehören mit Sicherheit dazu. Aber dieser Film ist ein wirres Konvolut aus seelenlosen CGI-Actionszenen und einer zu hohen Anzahl hohler Charaktere. Das Pacing stimmt hinten und vorne nicht, und weil schon die Einführung der Personen schief geht, weiß man nie, welcher Charakter jetzt eigentlich wichtig ist.

Am Ende sind die ohnehin alle egal: Wenn ich nach 2 Stunden Film schon beim Abspann nicht mehr weiß, wie die Protagonistin hieß, dann stimmt was nicht. Am meisten im Gedächtnis bleibt noch der Cyborg-Terminator, der ist das gruseligste, was ich seit „Das schwarze Loch“ gesehen habe.

Star Trek: Discovery, Season II [Netflix]
Sieben rote Lichter erscheinen im All, und die Discovery guckt nach, was es damit auf sich hat. Egal, wo das Experimentalschiff hinkommt: Es geschehen merkwürdige Dinge, und ein roter Engel rettet immer wieder den Tag. Ist der Gottgesandt? Oder ein Alien aus der Zukunft? Oder beides?

Wow. Einfach nur: Wow. Die zweite Staffel von Discovery hat mich einfach nur weggeblasen. Hier stimmt fast alles: Lücken im Star Trek-Kanon werden geschlossen, die Schauspieler legen Glanzleitungen hin und die Story ist anspruchsvoll und wendungsreich. Gegen Ende werden die Plotholes zwar so groß, dass die Enterprise durchfliegen könnte, aber das macht die Discovery mit einem wirklich unfassbar großen Twist wieder wett. Sehr, sehr cool. Das hier ist nicht verschnarchtes 80er-Jahre Star Trek a la Next Generation, das hier ist top notch 2020er-Erzählweise mit hohem Production Value. Quasi ein guter Kinofilm, der aber 14 Folgen lang ist.


Spielen:

Assassins Creed III Remastered [PS4]
Connor Kenway ist halb Mohawk, halb Engländer. Er geht beim letzten Assassinen des nordamerikanischen Kontinents in die Lehre, um sich danach den Orden der Templer in den Kolonien vorzunehmen. Nebenbei wirft er in Boston Tee über Bord, reitet mit Paul Revere durch die Nacht und macht einem jungen George Washington Mut.

2012 kam Assassins Creed III raus. Meinem Review von damals habe ich kaum was hinzuzufügen – AC3 ist einfach von der Grundidee und der Machweise kein gutes Spiel und in allen Belangen schlechter als sein Vorgänger. Es ist mit komplexen Systemen überladen, der Protagonist ist ein Unsympath, der Regisseur hat grundlegend die Idee der Assassinen nicht verstanden, die Gegenwartsstory spielt kaum noch eine Rolle und killt am Ende den Hauptcharakter. Außerdem sind Setting und Landschaft langweilig. Kletterte man im Vorgänger am Dom von Florenz zur Zeit der Renaissance herum, kraxelt man in AC3 auf Bäume und Holzhäuschen. Super.
Das die Story immer noch besser ist als alles, was Ubisoft danach fabrizierte, macht die Sache retrospektiv auch nicht wirklich besser.

Nun also das Remaster für PC, XBONE und PS4 und um es klar zu sagen: Dieses Remaster ist das mieseste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Zwar läuft das Spiel nun in Full HD und die Texturen sind geringfügig besser. Dafür ist das neue Beleuchtungsmodell direkt aus der Hölle. Es lässt die Landschaft zwar ein klein wenig hübscher aussehen, macht aber alles andere durch übertriebene Helligkeit viel hässlicher als im Original aus Zeiten der XBOX 360.

Die ohnehin leblosen NPCs wirken nun in Cutscenes endgültig wie gruselige Gummipuppen, denen nun auch noch Licht aus dem Mund scheint(!). Außerdem ist das Remaster Buggy as Hell. Schneetexturen flimmern beim Darüberlaufen, Timings in Kämpfen stimmen nicht mehr, und oft sind Personen und Gegenstände unsichtbar – auch viele der Almanachblätter, die man eigentlich einfangen soll, oder Sniper, die es unter Zeitdruck abzufangen gilt. „Fangen Sie diesen Unsichtbaren“ – Haha.

Das kommt alles noch oben drauf auf die bekannten Bugs von ACIII, die allesamt nicht behoben wurden. Beispiele: Ist man ein Mal „berüchtigt“, wird man diesen Zustand in Hauptmissionen nicht mehr los – was dazu führt, dass man diese nicht mehr erfolgreich abschließen kann, denn Feinde sehen einen nun aus 15 Kilometern Entfernung und durch Deckungen hindurch und gehen sofort zum Angriff über. Erspäht einen ein Feind, wissen sofort ALLE NPCs eines Levels wo man steckt und machen Jagd – was den berüchtigten Benny-Hill-Effekt auslöst: Der Spielercharakter flitzt durch die Straßen, ALLE Feinde in einem Klumpen hinterher. Auch ohne einen Grund drehen damals wie heute gerne sämtliche NPC in einem Level durch, rennen schreiend davon oder werden plötzlich völlig aggro und greifen unvermittelt an. Das gilt selbst für handlungsrelevante Personen, die man geheim belauschen soll – plötzlich drehen die sich um, erspähen die eigene Spielfigur durch drei Hauswände hindurch und drehen am Rad. Das ist frustrierend und ist eigentlich ein bekanntes Problem.

AC III Remastered bringt immerhin alle DLCs des Originals mit, auch das abgedrehte „The Tyranny of King Washington“, in dem George Washington zum Despoten wird und der eigene Charakter plötzlich fliegen kann. Ebenfalls dabei: PS Vita-Ableger „Assassins Creed: Liberation“ mit der weiblichen Assassine Aveline du Grandpré – und DIE ist cool und kann sich sogar verkleiden.
Besitzer des „Assassins Creed Odyssey“-Season Pass erhalten AC3, DLC und Liberation kostenlos, für alle anderen ruft Ubisoft 40 Euro auf. Muss jeder selbst wissen, ob ihm das die Verschwendung der eigenen Lebenszeit mit einem schlechten, fehlerhaften und mit Nebenaktionen aufgeblasenen Spiel wert ist.


Machen:
Fahrsicherheitstraining (Intensiv) in Gründau.


Neues Spielzeug:

Ach man, das war einer teurer Monat. Das hier war geplant:

Eine Sena PT10 Prism Tube Wifi, eine kleine Helmkamera. Nicht so hässlich wie eine GoPro, und sehr puristisch, leider tierische Fischaugenverzerrung.

Nicht geplant war, dass ich Ersatz für den kleinen Datenlogger brauchte, weil den das GPS-Rollover zerrissen hat. Nach Tests einiger Apps zur GPS-Aufzeichnung muss ich sagen: Für den Einsatz auf langen Reisen und abseits der Zivilisation fressen die immer noch zu viel Strom oder zeichnen zu wenige Punkte auf. Deshalb ist es nochmal ein separater Travelrecorder geworden. Ein altes Modell, denn mit dem funktioniert das Open-Source-Steuerprogramm und der Nokia-Akku hält über 40 Stunden. Das Gehäuse ist ähnlich dem alten i-Blue 747 Pro, nur das der neue ein QStarz BT-Q1000 XT ist.

Ebenfalls nicht geplant: Die Anschaffung neuer Stiefel (Daytona Road Star). Schon wieder, weil sich anscheinend meine Füße verändert haben. Und letztlich: Eine neue Wasserpumpe und ein neuer Zahnriemen für das Kleine Gelbe AutoTM. Fuck, jetzt gibt es den nächsten Monat durch nur Nudeln mit Maggi.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Endlich wieder auf gewohnt niedrigem Niveau

Das Kleine Gelbe AutoTM existiert noch, und es hat in letzter Zeit einige Abenteuer erlebt. Grund, dem vermutlich letzten Verbrennerauto, dass ich besitzen werde, noch mal ein wenig zu huldigen und die neuesten Werkstattgeschichten aufzuschreiben.

Die Älteren unter der Leserschaft werden sich vielleicht noch an das Kleine Gelbe AutoTM erinnern, dass hier im Blog vor zehn Jahren mal prominent vorkam. Das fahre ich immer noch.

Es ist ein Seat Leon, Baujahr 2001. Früher leuchtete er in einem satten Sonnengelb, heute weißt er mehre Schattierungen von Gelb auf, von fahlem Zitronengelb (Alle Blechteile) bis zu Bananengelb (Plastikteile). Das Auto habe ich 2007 gebraucht gekauft und fahre es immer noch, denn zum einen ist außer dem üblichen Verschleißkram nichts dran, zum anderen wirken andere Autos im Vergleich zu der gelben Kiste… billig.

Es gab immer wieder Phasen, insbesondere wenn das KGA irgendwelche seltsamen Defekte hatte, in denen ich mich nach kleinen, gebrauchten Autos umgeguckt habe. Vor fünf Jahren schon, aber da waren alle Autos furchtbar, und der Gebrauchtmarkt bei Kleinstwagen war leer. So wenig, wie ich Auto fahre, würde mir immerhin ein Ibiza oder ein Clio oder auch ein Fiat 500 völlig reichen. Aber ach, letztlich ließen sich die Wehwechen der gelben Kiste immer recht günstig wieder reparieren, und so bin ich daran hängengeblieben.

In Frankreich.

Die Trennung fällt halt schwer. Aber warum? Ist doch nur ein doofer Seat Leon, die Billigversion eines Uralt-Golf aus dem VW-Konzernbaukasten, oder? Das stimmt so halb. Ja, alles an meinem Leon ist aus dem VW-Baukasten. Vom Golf 4 ist aber nur die Bodengruppe. Das KGA ist nämlich das Modell „Top Sport“, der Vorläufer der Seat Cupras und der heutigen FR-Linie. Im Gegensatz zu den sportlichen Seats, die heute so verkauft werden, war die Top-Sport Linie wesentlich radikaler – aber nur in dem, was UNTER dem Blech steckt.

Von Außen sieht mein Kleines Gelbes AutoTM tatsächlich aus wie ein völlig stinknormales Modell der Leon-Reihe, wie ihn heute noch alte Omas oder junge Leute mit wenig Geld fahren. Keine zusätzliche Lufthutze, keine lustige Rennflagge, kein Namenszusatz, nicht mal ein roter Streifen zeigt an, was in dieser Kiste steckt: Ein waschechter Sportwagen. Ich mag dieses Undestatement.

Lediglich die Buchstabenkombination „20VT“ am Heck verrät, dass das hier keine Omakutsche ist.

Zwischen der Golf-Bodengruppe und der Karosserie von SEAT steckt nämlich die Innenausstattung eines Audi A3 und der Vierzylinder, 20 Ventiler Turbomotor mit 180 PS aus dem Audi TT. Der ist so selten, dass die Auzubis zusammengerufen werden, wenn das Gelbe Auto in die Werkstatt rollt. Dazu kommt noch ein knallhartes Sportfahrwerk, bessere Bremsen, Recaro-Sitze und das Weglassen von allem überflüssigem Schnickschnack. Mein Leon hat keine Klimaanlage, ja nicht mal elektrische Außenspiegel. Das spart Gewicht. Dabei ist in der Summe ein Auto rausgekommen, das völlig abgefahrene Fahrleistungen bringt.

180 PS ist jetzt aber nicht sooo viel, oder? Klar, mittlerweile hat jeder Vertreterpassat doppelt so viel Leistung. Aber der Leon fährt sich halt sportlich. Er hat keinerlei Assistenzssysteme, außer ABS und Traktionskontrolle. Er liegt in den Kurven wie ein Brett und wird immer stabiler, je schneller man fährt. Das, und die tolle Verarbeitung auf Audi-Qualität, macht es mir halt schwer zu wechseln. Zumindest so lange alles in Ordnung ist. Aktuell hat das Gelbe Auto mal wieder ziemlich gelitten.

Winter.

Von der Albtraumepisode mit dem nicht verhinderbaren Auffahrunfall hatte ich ja schon erzählt. Zu dem Zeitpunkt war ein anderer Kampf gerade zu Ende gegangen.

Es begann einen Tag vor Weihnachten im vergangenen Jahr. Vorne rechts brach eine Feder. Ich kannte das schon, im Sommer war eine Feder hinten gebrochen. Also morgens ab zur Werkstatt. Ich rechnete damit, dass die Reperatur einige Werktage dauern würde. Umso erstaunter war ich, als am Abend schon der Anruf kam: „Auto ist fertig, können Sie abholen“. Wollte ich gar nicht glauben, denn der Leon hat ein Spezialfahrwerk, die Federn dafür hat niemand auf Lager. Und tatsächlich, als ich den Hof des Autohauses betrat, sah ich sofort, was hier passiert war: Die hatten die Federn eines normalen Leons verbaut. Resultat: Das Auto lag vorne mindestens 3 Zentimeter höher. Damit stand auch die Front höher als das Heck. Sah aus wie ein Clownsauto.

„Nein, das ist normal so“, sagte der Meister. „Wir haben nach Fahrzeugnummer bestellt, und Ich habe den Farbcode auf den Federn selbst kontrolliert, das sind die richtigen. Aber wir haben auch die Querlenker mitgemacht. Deshalb liegt er in den ersten Tagen etwas höher, das muss sich erst setzen.“

Ich glaubte ihm kein Wort, und natürlich setzte sich da genau gar nichts. Setzen tat nur ich, und zwar den Meister auf den Pott. Gleich Anfang Januar, nachdem er aus dem Weihnachtsurlaub wieder da war.

„Das sind nicht die richtigen Federn“, sagte ich. „Wer sagt das?“, bekam ich zur Antwort. Ruhig bleiben fiel da schwer. Ich schaffte es trotzdem und begründete, dass ich den Wagen schon zwölf Jahre fahren und MERKE, wenn was nicht stimmt. Die neuen Federn waren nicht nur zu lang, sondern auch zu weich. Das merkte ich bei jeder Fahrt, der Wagen liegt scheiße auf der Straße. Nein, das seien die richtigen Federn, meinte der Meister. Farbcode und so. Wenn dem so sei, sagte ich, dann stimme wohl die Qualität nicht, und das sei nicht mein Problem.

Egal was er mir jetzt noch erzählen wollte, ich wollte nur eines hören: Das er die jetzigen Federn gegen Originalteile tauschen würde. Die Preisdifferenz der Teile würde ich bezahlen, die Werkstattkosten nicht. OK, bekam ich zur Antwort, er wollte sich beim Hersteller nach Gutachten erkundigen. Wenn klar wäre, dass die Qualität nicht stimmte, dann würde man die Federn tauschen. Wäre aber bestimmt nicht nötig, weil, so gab er mir indirekt zu verstehen: Ich würde mir das einbilden. Das seien die richtigen Federn. Fahrgestellnummer und Farbcode und so, wissen schon.

Wochenlang zog sich das hin. Es wurde Februar, es wurde März. Mal war der Meister krank, mal hatte der Hersteller noch nicht geantwortet. Mittlerweile zweifelte ich fast an mit selbst. Bildete ich mir das am Ende doch alles nur ein? Ich hatte einen Zollstock in der Tasche und maß die Bauhöhen von Leons, die aber allesamt noch höher lagen als mein Kleines Gelbes AutoTM. Jeden Tag beschäftigte mich das, schlicht auch deshalb, weil mich das alles maßlos ärgerte.

Mitte März setzte ich dann eine Frist von zwei Wochen. Die verstrich, und so bat ich die Besitzer des Autohauses zum Gespräch. Ein Ehepaar, ich kenne die schon ewig. Zum Termin führ ich mit Vokabeln wie „Festellungsgutachten“, die mir meine Anwältin beigebracht hatte. Es war dann aber gar nicht nötig, solche Geschütze aufzufahren.

Als ich das Büro betrat, sah ich auf jedem Bildschirm Querschnitte des Leon-Fahrwerks. Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, meinte der mittlerweile fast 70jährige Chef „Wussten Sie, dass es alleine für den Leon 17 verschiedene Federarten gibt? Aber in ihren 20VT, da passt nur eine Sorte.“ Das habe ihm sein Lagerist gesagt. Den Lageristen kenne ich, der ist ein Guter. Und der weiß umgekehrt auch, dass da was dran sein muss, wenn ich sage, das was nicht stimmt. Also hatte der sich auf die Suche gemacht, als er von der Federsache hörte, und, anders als der Meister, auch die Ursache der Probleme gefunden. Wenn man nur nach der Fahrzeugnummer bestellt, bekommt man die verkehrten Federn. Bei meinem Auto muss man zusätzlich noch eine spezielle Kennung aus drei Buchstaben anhängen, DANN bekommt man die richtigen.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Nach drei Monaten Rumärgerei war die Problemlösung dann superschnell gemacht. Mit den Sommerreifen bekam das KGA die richtigen Federn, und liegt seitdem wieder auf gewohnt niedrigem Niveau.

Mit dem fuhr ich vor drei Tagen über die Autobahn. Um das Fahrwerk zu testen, schneller als ich normalerweise unterwegs wäre. Bei Tempo 220 piepte es dann plötzlich: Die Motortemperatur war im roten Bereich, die Nadel stand auf Anschlag. Schnell abgefahren, angehalten, Motor abkühlen lassen. Verdammt, was war das denn? Eine halbe Stunde später Motor angelassen, zwei Kilometer gefahren, wieder überhitzt. Angehalten, zwei Stunden mit offener Haube auf einem Baumarktparkplatz rumgestanden. Dann ganz langsam nach Hause und am nächsten Morgen in die Werkstatt gefahren, jedes Mal wieder Überhitzung.

Ich tippte auf Thermostat, die Werkstatt auf Wasserpumpe. Stellte sich raus: Thermostat wurde vor drei Jahren erneuert, aber die Wasserpumpe noch nie. Bei normalen Seat Leons wird die nach 120.000 Kilometern gewechselt, zusammen mit dem Zahnriemen. Bei dem speziellen 20VT-Motor ist das aber erst bei 180.000 nötig, und die hat der Wagen gerade erst erreicht.

Ich hatte eine Bange Nacht, denn durch die Überhitzung hätte der Zylinderkopf Schaden nehmen können. Dann aber die Entwarnung: Alles OK, Nach Zahnriemen- und Wasserpumpenwechsel lief das Auto wieder. Puh.

Man stelle sich das vor: Ein Teil soll 180.000 Km halten und geht bei 180.184 km kaputt? Gut kalkuliert. Oder Zufall, denn VW hat allen Ernstes Anfang der 2000er Wasserpumpen mit Schaufelrädern aus Kunststoff verbaut. Ein Kunststoffteil auf einer Metallwelle, die sich in der Hitze des Motors ausdehnt und zusammenzieht! Das Resultat war damals: Haufenweise kaputte Wasserpumpem, die nicht mal 50.000 Kilometer hielten. Ist ein Wunder, dass meine so lange hielt.

Als sie dann ihr Leben aushauchte, tat sie das spektakulär, in dem sie in drei Teile zerbrach.

So. Nun läuft die Gelbe Kiste wieder. Irgendwann sind nochmal die Nuffelmuffen an der Hinterachse fällig, aber ansonsten hat sie nichts. Kein Rost, keine verschlissenen Bremsleitungen. Gut, dass die Sitzheizung und der Funkschlüssel gerade ausgfallen sind ist nervig, aber nicht kritisch. Im jetzigen Zustand kommt die Kiste nochmal durch die Hauptuntersuchung. Dann fahre ich den Wagen noch ein wenig, und vielleicht brauche ich mir dann nicht nochmal einen Verbrenner zuzulegen. Wenn die Autoindustrie jetzt wirklich mal Dampf macht, gibt es in zwei Jahren vielleicht sinnvoll bepreiste Brennstofzellenautos.

Träumen wird man ja noch dürfen.

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Reisetagebuch Sardinien (6): Supermond

Herbstreise nach Sardinien. Heute langweile ich mich in Sassari, treibe wehmütig im Wasser und bestaune einen Supermond.

Dienstag, 23. Oktober 2018, Habitat, Tempio Pausania
Eine Minute vor dem Weckerklingeln aufgewacht. Ha, ich hab´s noch drauf. Keine Geräusche aus dem Nebenzimmer, die beiden Deutschen schlafen wohl noch.

Sachen zusammenklatern. Morgenroutine abspulen. Mittlerweile hat auf dieser Reise alles seine Routine und jedes Ding seinen Platz. Diese Selbstorganisation ist wichtig für mich. Ich habe es gern, wenn jedes Ding an seinem Ort ist. Nicht, weil ich ein Pedant bin, sondern weil ich sonst unvermittelt Dinge denke wie Wo ist der Schlüssel? Wo habe ich mein Portemonnaie?

Solche Fragen stelle ich mir nicht. Nie. Ich habe noch nie einen Schlüssel (dauerhaft) verloren oder ein Portemonnaie irgendwo liegen lassen oder sowas. Manchmal ist es gut, immer die Ausnahme zu sein. Mir passiert NIE das, was allen anderen passiert. Das ist meistens doof, aber manchmal auch gut. Eine Chance von 1:1.200.000 für eine Hautveränderung oder eine seltene Erkrankung? Sensationell schlechte Augen? Dumme Ereignisse, die nur einer Person unter 1.000.000 passieren? Nehme ich alles mit. Mir passiert immer das, was anderen nicht passiert. Dafür ist mir noch nie ein Mobiltelefon runtergefallen und gesplittert.

Wobei die Selbstorganisation gelernt ist. Ich habe mal beinahe einen Schlüssel verloren und fast was vergessen. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Weil: Routine. Ich gucke am Ende sogar in die Dusche, ob ich mein Duschgel wieder eingesteckt habe.

So, das kommt hierhin und das dahin und fertig. Ich trete vor die Tür meines Zimmers, die in den Frühstücksraum mündet. Giovanella hat hier Erstaunliches angerichtet, neben allen möglichen Frühstückszutaten gibt es schön angerichtetes Obst.

Sie begrüßt mich strahlend. „Caffé Americano, oder? Und möchtest Du ein Ei? Deutsche wollen immer Ei, ja?“ Ich muss lachen.

Tatsächlich ist das seltsame Frühstücksverhalten der Deutschen für Gastgeber immer ein Riesenproblem auf Bewertungsportalen. Man kann deutschen Gästen besten Service bieten und ihnen ein blitzblankes fünf-Sterne Zimmer mit Riesenbad und allem Schisselaweng hinstellen, wenn das Frühstück nicht so ist wie zu Hause, hagelt es negative Bewertungen.

Ich wehre ab, „Nein, danke, bitte nur ein Caffé Doppio“. Giovanella lächelt und dreht sich um. Als sie in der Küche verschwindet, murmelt sie „Heilige Mutter Gottes, ein Vernünftiger“.

Ich sitze am Frühstückstisch und zerpflücke dabei frischen Brioche mit den Fingern, um mir dann die einzelnen Brocken in den Mund zu stecken. So frühstückt man in Italien. Süß, zerpflückt und dazu Caffé. Vor der bodentiefen Fensterfront zieht Nebel durch den Korkeichenhain.

Kurze Zeit später schultere ich den Rucksack und trete hinaus in die kühle Morgenluft.

Als ich in den Cinquecento steige, fällt mir was ein. Ich bin schon den fünften Tag mit der Kiste unterwegs, zusammen haben wir jetzt schon über 1.000 Kilometer abgespult. Eigentlich bräuchte der mal einen Spitznamen. Zum Glück benamsen sich italienische Autos von selbst. Der erste Mietwagen von Modnernd und mir hatte das Kennzeichen Ed-I. Eddi! Und der hier:

FL-O. Floh! Das passt sogar zu seiner Größe!

Der Floh kurvt um die Giulietta der anderen Gäste behände herum, dann steuere ich ihn durch den Korkeichenwald und hinaus auf die Landstraße.

Der Morgenverkehr in Tempio Pausiana ist dicht und schnell, aber alle fahren routiniert. Berufsverkehr, die Leute machen das jeden Tag. Ich muss nur so tun, als sei ich ein Pendler auf dem Weg zur Arbeit, also schlecht gelaunt gucken und einfach Gas geben, und komme gut durch.

Wenige Kilometer vor dem Ortsschild scheint die Morgensonne durch das Tal des Mondes, das Valle della Luna. Die bizarren Gebirgszüge geben einen deutlichen Hinweis, woher der Name komme.

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Impressionen eines Wochenendes (26): Fahrsicherheitstraining, Umfaller, GPS Rollover & Fulda

Lose Impressionen eines Wochendendes: Am freien Freitag die V-Strom gewartet. Alles durchgecheckt, eingestellt, was man halt so macht. Dazu gehört auch: Neue Leuchtmittel für die Scheinwerfer der Dicken. Von Night Racern 50 (angeblich 50 Prozent heller als normales H4-Licht) nun auf die Night Racer 110. Die haben nicht so eine lange Lebensdauer, mal gucken, wie lange die in der Praxis halten. Ist auch egal, wenn ein Scheinwerfer ausfällt. Die V-Strom hat von allem zwei. Montiert wurden sie bei 55.200 Kilometern.

Night Racer 50
Night Racer 110

Schön zu sehen: Die 110er sind von der Farbtemperatur merklich kühler. Das fällt eher auf. Sie sind auch deutlich heller, das kommt aber auf den Bildern nicht rüber.

Was bei meiner V-Strom am beschissensten einzustellen ist, ist die Uhrzeit. Dafür muss man die Knöppsche im Cockpit gleichzeitig drücken und 10 Sekunden halten, und wenn dann Dienstag, Vollmond und Ostwind ist UND man den Ententanz singt, dann kommt man in den Einstellmodus. Schaffe ich erstaunlicherweise nie. Jeder Knopf für sich funktioniert perfekt, aber beide zusammen lassen sich nicht drücken.

Alternative: Batterie ab. Klemmt man die wieder an, startet die Uhr bei 01:00 Uhr. Dooferweise Ante Meridiem, AM.
Also mitten in der Nacht aufgestanden, in die Garage geschlichen, Strom ab, um 1:00 Uhr Strom dran, Uhr geht richtig, fertig.

Am Samstag, während sich die ganze Welt und ihre Mudder in Super- und Baumärkten gegenseitig auf den Sacque ging, dödelte ich bei bestem Wetter die B27 runter in den Spessart. Genauer: Nach Gründau. Das liegt bei Lieblos. In der Nähe von Linsengericht. Das liegt hinter Hosenfeld-Schlitz. Ich muss schon wieder grinsen, wenn ich nur an diese seltsamen Ortsnamen denke.

In Bad Orb, mitten im Spessart, mit Freunden getroffen. Nett gespeist, Spaß gehabt. Am Ostersonntag um unmenschliche 06:30 Uhr aufgestanden, Kaffee reingeschüttet und zu viert nach Lieblos (gnihihihi) gefahren.

In Gründau-Lieblos liegt ein großes Fahrsicherheitszentrum des ADAC. Hier war ich schon drei oder vier Mal, aber noch nie mit der V-Strom. Das letzte Training hatte ich 2017 im Juli. Zu dem Zeitpunkt besaß ich die Barocca gerade vier Monate, aber zwei davon stand sie schon wieder in der Werkstatt, weil sie auf dem Weg in den Süden von einem Auto abgeschossen worden war.

Nun also das erste Mal Bremsübungen mit ABS und Schrägfahrten mit einem tiefergelegten Mopped. Bei bestem Wetter, die Temperaturen stiegen von 5 Grad am Morgen auf über 20 am Vormittag.

Erkenntnisse:
1. ABS ist genau so, wie ich es erwartet habe. Völlig geil. Nie wieder ein Motorrad ohne.
2. Die große V-Strom lässt sich leichter durch Lagsamkeitsparcours oder Slaloms fahren als die kleinere ZZR 600.
3. Die Kurventauglichkeit ist durch die Tieferlegung MASSIV eingeschränkt. (Oder ich bin einfach viel besser im Schräglagen fahren geworden, kann auch sein).

Angeblich sind das ja nur 3 Zentimeter, aber die machen, dass die Kiste gefühlt sehr schnell mit dem Seitenständer oder dem Auspuff aufsetzt. Wäre ich nicht schon zwei Mal auf Sommerreise und in Summe fast 20.000 Kilometer mit der Kiste unterwegs gewesen, ich würde jetzt wirklich zweifeln, ob die Tieferlegung richtig war. Egal. Spätestens, wenn ich die Frau Strom das nächste Mal rückwärts aus tiefem Schotter schieben muss, werde ich wieder feststellen, dass es durchaus richtig war sie abzusenken. Es geht nichts darüber, mit beiden Füßen an den Boden zu kommen. Apropos:

Bonuserkenntnis:

Meine neu gekauften Daytonas sind zu eng. Nach dem ganzen Tag auf dem Platz waren die Füße geschwollen und schmerzten. Viel Geld ausgegeben für The Stiefel to End all Stiefel, und nun das. Sehr ärgerlich. Im Geschäft passten sie nicht nur, sondern hatten sogar Luft für dicke Socken. Aber bei warmem Wetter müssten sie eine Nummer Größer oder breiter sein. Vielleicht auch höher. Mal gucken. Ach, ich hasse Schuhe kaufen. Was anderes: Braucht hier jemand Touring Stars GTX in 41?

Schmerzende Füße, durch von 24 Grad in praller Sonne und 8 Stunden durchgehender Konzentration – daran lag es wohl, dass ich BEIM LETZTEN STOP DES TAGES den Seitenständer nicht erwischt habe, während ich die V-Strom schon in einer fließenden Bewegung auf die Seite senkte. Und plopp, lag sie da. Scheiße. Das ist mir schon ewig nicht mehr passiert. Am Mopped ist nichts passiert, für solche Situationen hat sie ja nun mal den Sturzbügel. Aber gute Laune macht das nicht, zumal ich mir beim wieder Aufrichten was im Rücken gezerrt habe. Grrrrh. Ein beschissener Abschluss eines ansonsten sehr erfolgreichen Trainingstages. Aufheben wollte ich nämlich nicht trainieren.

Auf dem Rückweg dann viel Zeit gelassen und Fulda besucht. Toller Barockdom. Barock, wie erinnern uns, ist das mit den fetten Kinderengeln und dem Zuckerguß überall.

Orangerie und Stadttor auch hübsch, aber alles gerade Baustelle.

Alles in allem eine sehr gute Art, das Wochenende zu verbringen. Zu Hause dann festgestellt, dass der Triprecorder, der BT 747, Opfer des GPS-Rollovers geworden ist. Er loggt noch, aber die Daten sind alle kaputt. Goodbye, kleiner Logger, du warst mir seit 2012 ein treuer Begleiter.

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Reisetagebuch Sardinien (5): Lost Places: Troposcatter

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist Montag, der 22. Oktober 2018. Das hier ist Teil zwei eines langen Tages. Zurück zum ersten Teil.

Nach einer halben Stunde Mittagsdöserei am Straßenrand bin ich wieder etwas fitter. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und fahre weiter.

Hier im Norden ist Sardinien grüner, die Hänge sind mit Bäumen bewachsen. Das gibt eine Ahnung davon, wie die Insel früher mal aussah, bevor Römer und andere das Holz hier weggeplündert haben.

Eroberer kamen im Laufe der Jahrhunderte immer nach Sardinien, und jedes Mal nahmen sie der Insel etwas. Das Holz. Die Bodenschätze. Dabei hatten die Einheimischen hier schon gelernt, mit der Natur in Einklang zu leben. Das beweist die Korkeichenproduktion, was man sich am Besten im Bergort in Calangianus ansehen kann. Hier steht das Korkmuseum.

Ich bin der einzige Gast, und eine freundliche Dame namens Antonella führt mich durch die Ausstellungsräume und zeigt mir, wir Korken geschnitzt werden.

Moment, was? Ich habe immer gedacht, das Kork ein besonders leichtes Holz ist, das geschreddert und dann zu Flaschenkorken gepresst wird. Nein, lacht Antonella und klärt mich auf.

Kork ist die Rinde von besonderen Eichen, den Korkeichen. Die wachsen hier überall im Nordwesten von Sardinien. Es dauert 25-30 Jahre, bis eine Korkeiche ausreichend groß und die Rinde dick genug ist, bis sie zum ersten Mal geerntet werden kann. Dabei wird die Rinde vom Baum geschält und verarbeitet.


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Gegen Topcaseschusseligkeit: Verliersicherer Schlüsselbund

Ganze Schlüsselbunde verlieren mittels Topcaseschusseligkeit ist ein beliebter Sport: Topcase aufschließen, Rumfuddeln, Topcase zumachen, Schlüsselbund am Deckel vergessen, losfahren.

Zack, feddich: Schlüsselbund weg.

Geht ganz leicht, hat gerade erst wieder jemand aus meinem Bekanntenkreis geschafft. Der kleine Moment der Schusseligkeit bringt einem dann wahlweise stundenlanges Abfahren des zurückgelegten Wegs in der Hoffnung den Schlüsselbund wiederzufinden, oder jede Menge Lauferei um Ersatz zu beschaffen.

Ich habe das natürlich auch schon geschafft, und nachdem ich 25 Kilometer in der Dämmerung nach den absenten Schließeisen gesucht hatte, schwor ich mir: Das passiert mir nie wieder.

Deswegen habe ich mir einen Schlüsselbund gebastelt, mit dem das Verlieren durch Topcaseschusseligkeit völlig ausgeschlossen ist. Das hier ist mein Motorradschlüsselbund:

Das Besondere: Der ist teilbar, Topcaseschlüssel und Zündschlüssel lassen sich einfach per Druck auf einen Federstift abklippen. So einen teilbaren Schlüsselring gibts überall, auch bei den üblichen Motorradfachhandelsketten, für ca. 2 Euro.

Und das ist schon der ganze Trick. Den Topcaseschlüssel an den Zündschlüssel, und schon ist es nicht mehr möglich loszufahren, während noch was im Topcaseschloss hängt. So einfach kann es sein.

Der eigentliche Schlüsselbund hat dann noch einen neongelben Schnippel Gurtband dran.

Die Idee dahinter: Fällt mir der Schlüsselbund aus der Tasche, ist er einfacher zu finden. Selbst wenn er ins Gras fällt, sieht man ihn noch:

Zumindest ist die Idee sinnvoll, ich hoffe nur, sie muss sich nie in der Praxis bewähren. Denn Schlüssel verlieren ist und bleibt: Riesenmist.

Bild: Kika
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Die Wahrheit über Notre Dame

Ich war echt erschrocken, als vorgestern die ersten Bilder der brennenden Kirche Notre Dame durch Twitter liefen. In der Kirche hatte ich seltsame und tolle Erlebnisse und interessante Begnungen, ich bin ihr auf´s Dach gestiegen und habe lange die Innenausstattung bewundert.

Gestern und heute beherrscht das Feuer alle Schlagzeilen, die Welt (oder zumindest die Medien) scheinen kollektiv im Schockzustand. Ich bin nur heilfroh, dass das kein religiös motivierter Anschlag war – sonst wäre das ein zweites 9/11 gewesen.

So sehr sich jetzt auch alle freuen, dass die Fassade noch steht, der wahre Schatz von Notre Dame sind für mich die Fenster. Meine Güte, sind diese Fenster schön. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass im Jahr 1250 Handwerker sowas hier konnten:

Die Dinger sind echt mehr als 750 Jahre alt! Nach der Blaupause der Fensterrosen von Notre Dame entstanden praktisch alle anderen Kathedralenfenster in Europa.

Der nun eingestürzte Mittelturm ist dagegen ist ziemlich egal. Die Wahrheit ist: Der gehörte gar nicht originär zur Kirche, sondern war praktisch ein Fake. Genauso wie die Gargoyles, die tatsächlich erst nach einer Renovierung im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden – von einem Mann, der den Auftrag historische Bauwerke zu restaurieren immer mißinterpretierte als „Bau einfach was Du willst“.

Die Rede ist von Eugene Violet Le-Duc. Wenn man zu dem sagte: „Hier, kaputtes Bauwerk, erhalte mal die Bausubstanz“ kam bei ihm an „Hier, das Bauwerk da, das würde mit zusätzlichen Türmchen, einem absurden Dach und jede Menge Fabelwesen an der Fassade viel besser aussehen. Und wo Du gerade dabei bist, NOCH schöner wäre es, wenn Deine Visage mindestens 8 Mal in der Fassade verewigt wäre.“

Die ganze Geschichte von dem marodierenden Restaurator und Notre Dame habe ich schon mal im „Reisetagebuch: Paris“ aufgeschrieben. Hier ist der Text nochmal in Auszügen:
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Kategorien: Betrachtung, Historische Anekdoten | Hinterlasse einen Kommentar

Review: Nolan N100-5 mit N-Com B901L

Nolan hat 2018 einen neuen Tourenklapphelm rausgebracht, den N100-5. Dazu passend: Das B901L, die nächster Iteration des Kommunikationslösung mit Rücklicht im Helm. Ich habe mir beides im August vergangenen Jahres zugelegt und eine Meinung dazu.

Was jeder von einem Helm erwarten kann:

  1. Sicherheit
  2. Bequemer Sitz

Was ich persönlich noch möchte:

  1. Klappmechanismus
  2. Pinlock-Visier
  3. Sonnenblende
  4. Bluetooth
  5. möglichst leise

Bei Klapphelmen gelten allgemein die teureren Helme der Firma Schuberth als Referenz. Leider habe ich keinen Schuberth-Kopf, die Dinger passen mir einfach nicht. Perfekt passen dagegen die Helme der italienischen Traditionsfirma Nolan. So landete ich 2012 bei einem N90, einem günstigen Klapphelm, der aber eigentlich für die Stadt und nicht für Touren gemacht ist. 2016 waren dessen Visierdichtungen hinüber, und so gesellte Sich ein N104 Tourenhelm der zweiten Generation, der N104 Evo mit einem B5L N-Com, dazu (Review dazu hier). Fortan nutzte ich den N90 für kurze Strecken, den N104 für Reisen.

Richtig warm geworden bin ich mit dem N104 aber nie. Das liegt nicht nur an dem gewöhnungsbedürftigen Design der Front, mit dem der Helm irgendwie aussieht wie ein Fisch, der bekifft vor sich hin grinst.

Vor allem mag ich den N104 deswegen nur so mittel, weil ich gerne mit leicht offenem Visier fahre. Das geht mit dem N104 ab einer bestimmten Geschwindigkeit schlicht nicht. Dessen Visier ist nämlich riesig und rund und instabil. Ab ca. 80 km/h beginnt es zu schwingen. Dann wird die Sicht so verzerrt, dass man es komplett schließen muss. Macht man das nicht, schlägt es irgendwann mit einem Knall von alleine zu.

Nolan hat den N104 seit 2012 in drei Revisionen angeboten (Original, Evo und Absolute), wobei bei jeder Iteration die Schalldämpfung verbessert wurde. Anfang 2018 kam nun der echte Nachfolger des 104, der N100-5. Wieder ein Tourenklapphelm, aber in neuem Design, mit neuer Technik und vor allem, so Hersteller und Fachpresse: Noch leiser! Aber: Stimmt das?
(Hinweis: Wenn in Überschriften von Zeitungsartikeln Fragen gestellt werden, lautet die Antwort in 99 Prozent aller Fälle: Nein. Hier verhält es sich ähnlich.)

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Reisetagebuch Sardinien (4): Lost Places found

Korsika!

Herbstreise nach Sardinien. Heute finde ich einen Toilettenbaum und gerate an Orte, die in der Zeit verloren gegangen sind.

Montag, 22. Oktober 2018, Agriturismo Salmarina
Ich werde früh wach, weil mir der unangenehme Geruch von Mörtel in die Nase steigt. Das Zimmer auf dem Agriturismo Salmaria ist groß und der Bau neu, aber irgendwas riecht hier ganz eklig nach nassem Mauerwerk. Ich schlafe wieder ein, nur um kurz darauf von einem lauten Geräusch geweckt zu werden. Ich muss im Schlaf gepupst haben, und das hat in dem großen, leeren Raum wie ein Donnerschlag wiedergehallt und mich geweckt. Die Vorstellung ist so absurd, dass ich lachen muss. Von dem Lachflash werde ich endgültig wach. Na, dann kann ich auch aufstehen.

Ich schwinge mich aus dem Bett und versuche die wirren Träume abzuschütteln. Zum Glück habe ich nicht von der Arbeit geträumt, nur von einer Ex-Freundin. Aber warum? Was wollte mir das Hirn damit sagen? Egal. Die Traumfetzen wehen davon, und schon im Bad weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich ging.

Ich gehe zum Haupthaus hinüber. Nemo, ein großer, alter Schäferhund, guckt mir träge nach. Kein Schweinshund, wie Zeus gestern.

Im Erdgeschoss des Haupthauses befindet sich der Frühstücksraum. Wieder fallen mir die Augen raus ob dieser Pracht. Sardisches Frühstück unterscheidet sich definitiv von Kontinentalitalienischem.

Zwei große Tische biegen sich unter der Last von fünfzehn(!) verschiedenen Kuchen und Torten, Tellern mit gekochten und gebratenen Eiern, Schüsseln mit Schinken und Speck und Salami und und Filata-Käse (Cargocult: Kein Brot oder Brötchen zum Darauflegen in Sicht) und aufgeschnittenen Melonen und Ananas. Dazu gibt es eine Auswahl von sieben verschiedenen Säften und natürlich alle Kaffeespezialitäten, die Italien zu bieten hat. Wahnsinn. Vor allem, weil das hier kein Luxushotel ist, sondern eigentlich „nur“ ein Bauern- und Ferienhof.

„Silencer, che cosa da bere, Silencer?“, fragt Aneta auf ihre merkwürdige Art, während ich immer noch mit hängendem Unterkiefer vor den überladenen Tischen stehe. „Prendo un Doppio, per favore“, antwortet mein interner Anrufbeantworter. „Silencer, Café Lungho, Silencer?“ Nun wecken die Ohren den Rest des Hirns aus der Paralyse. Ich drehe mich um, blicke ihr direkt in die Augen und sage „Aneta, no, Aneta“. Sie lacht und verschwindet hinter einer monströsen Kaffeemaschine.

Die 15 Kuchen sind nicht ganz alleine nur für mich. Gestern Nacht sind noch ein halbes Dutzend Autos gekommen, eine Hochzeitsgesellschaft und zwei niederländische Studentinnen.

Nach dem Frühstück mache ich den Fiat startbereit, dann geht es los. Nicht lange und nicht weit, schon nach einer halben Stunde bin ich am Capo d´Orso, dem Cap des Bären.

Bild: Google Earth 2019

Den Namen trägt es seit Urzeiten wegen des riesigen Felsens auf dem Cap, dem Roccia dell´Orso, der tatsächlich wie ein Bär geformt ist. Auf diesem Bild sieht man ihn, oben links auf dem Felsen:

Den Bären kenen die Menschen hier seit ewigen Zeiten. Ganz früher verehrten sie ihn als Gott, dann nutzen sie ihn als Navigationspunkt, und heute ist er eine Touristenattraktion.

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