Man zahlt nur zweimal oder: die Miet-Ursula

Ursula ist eine Bekannte. Sie sagt gern und oft den Satz: „Für Scheisse zahlt man immer zweimal“.
Das ist nicht besonders fein ausgedrückt, aber es trifft die Sache im Kern.

Es trifft auf die Billig-Cappucinomaschine zu, die nach der zweiten Benutzung nur noch asthmatisch röchelt, ebenso wie auf das Autobahn-Teilstück, dass hauptsächlich aus Hühnerdreck gebaut wurde und deshalb nach drei Jahren ausgebaggert und durch was Vernünftiges ersetzt werden muss.
Aber die Wahl fiel halt auf die „wirtschaftlich günstigsten“ Anbieter.

Bei Ausschreibungen ist es besonders nervig, wenn der Preis das einzige Kriterium ist.
Da steckt man, als seriöses Unternehmen, viel Zeit und damit auch Geld in Gespräche für eine vernünftige Konzeption, häkelt liebevoll in nächtelanger Kleinarbeit ein ausführliches, modulares Angebot-deluxe-mit-Sahne-und-Cocktailkirsche-obendrauf um die wirklich anspruchsvollen Anforderungen des potentiellen Auftraggebers zu erfüllen. Dann schickt man das Ganze in fünffacher Ausfertigung in doppeltem Umschlag per Kurier, um bloß die Ausschreibungsfrist einzuhalten. Mit dem guten Gefühl, fachmännische Arbeit zu einem seriös kalkulierten Preis angeboten zu haben.

Und dann?
Dann sitzen die Damen und Herren bei der Angebotsöffnung am runden Tisch, gucken die Eingänge durch und entscheiden sich letzlich doch für den Schrauber-Michel aus dem eigenen Dorf, der in seinem, mit Kaffeeflecken durchsetzten und nach Nikotin müffelnden, Angebot Dinge versprochen hat, die nicht mal ein Raketenforscher umsetzen könnte.
Zu einem unglaublich niedrigen Fantasiepreis. Klar ist der wirtschaftlich günstig. Weil der Schrauber-Michel eine One-Man-Show ist, nur Nachts programmiert und tagsüber Fleischereifachverkäufer ist.
Aber, ach, den kennt man halt. Der hat doch schon zwei Webseiten als Referenz im Netz, so schön mit Web 2.Dingens, bunt und flashig. Das mit der Einbindung der Katalogisierungsdatenbanken, dem internen Dokumentenmanagment und dem Abgleich mit dem Exc.hange-Server wird er sicherlich auch irgendwie hingefuckelt bekommen.

Dem ist natürlich nicht so, und ein Jahr später muss jemand anders die Ruine beseitigen, die der Schrauber-Michel hinterlassen hat. Am Ende zahlt der Kunde doppelt, aber man hat sich ja nicht vorzuwerfen, weil man ja, huh, den wirtschaftlich günstigsten Anbieter gewählt hat.
Nunja.

Manchmal wünsche ich mir, dass in exakt dem Moment, in dem der Erste aus der Entscheiderrunde das Angebot vom Schraubermichel länger als fünf Sekunden anguckt, Ursula hinter der Tür hervorgesprungen kommt, ihm mit einem Gummihuhn auf den Kopf haut und brüllt:
„Für Scheisse zahlt man immer zwei Mal!“

Das wär` noch Mal ne Geschäftsidee.
Rent-an-Ursula.
Die kann das Angebot direkt vorbeibringen und so lange neben den Leuten stehen bleiben, bis der Auswahlprozess nach vernünftigen Kriterien durchgezogen wurde.
Wenn unser Angebot dann nicht gewinnt, war es eben nicht gut genug.
Damit kann ich leben.
Mit dem Schrauber-Michel nicht.

Kategorien: Berufsleben, Gnadenloses Leben, Hass | Schlagwörter: , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Man zahlt nur zweimal oder: die Miet-Ursula

  1. fischtante

    Hy!

    Du hast recht – egal ob Software oder Zooladen. Im kaufmännischen Bereich hat man immer ähnliche Probleme, wenns um Beratung, Preise und die lieben Kunden geht.
    Vielleicht sind wir beide in Wahrheit auch schwierige Kunden – du im Zooladen, ich wenns um Software geht 🙂

    LG
    Fischtante

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  2. Silencer

    Ach, ich glaube nicht das wir SO schwierige Kunden sind.
    Wenn man mal begriffen und verinnerlicht hat, das gute Arbeit/Services/Qualität Ihren Preis hat, drückt man sich nicht so schnell davor den zu zahlen.

    Ich persönlich gehe auch nicht zum kleinen Elektrofachhändler, lasse mich dort stundenlang beraten und bestelle mir am Ende den Plasmafernseher doch im Internet.

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  3. Pingback: Webdesignkunden im Alltag « Non-Stop Action from a different Perspective

  4. Strickanleitungen kostenlos

    Das kenn ich ^^

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