Euroumstellung (II)

[Fortsetzung von dem hier]

Nachdem sich alle von dem Anblick des riesigen Lochs in der Decke und dem Krater im Fußboden erholt hatten, ging das Tagesgeschäft los.

Der Neujahrstag verlief ohne besondere Vorkommnisse.
D-Mark annehmen, in einen verplombten Zylinder schmeissen, Euros aus der Kassenschublade rausgeben – kein Problem für unsere fähigen Kassenkräfte. Die Abrechnung der Einnahmen und das Verbuchen dauerte länger als sonst, stellte sich aber nicht als schwierig heraus. Was sahen die Euromünzen damals unecht aus, so frisch und funkelnd! Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Alles lief wie geschmiert. Keiner von uns ahnte, was unser Maximo Lider aus diesem guten Start machen würde…

Es waren unglaubliche Kleingeldmengen an alter Währung zu entsorgen. Mehr als erwartet. Wir fuhren mindestens viermalmal täglich zur Bank (einen Abholservice gab es damals aus Kostengründen nicht) und schleppten uns an tausenden Kilo Münzen krumm und buckelig. Im Ernst. Wenn man es nicht gewohnt ist, geht man am Abend eines solchen Tages doch sehr gebückt. Weil man sich vor Rückenschmerzen kaum rühren kann.

Kleine Anekdote am Rande: ca. 5 Tage nach dem Start der Währungsumstellung stand urplötzlich eine keifende Frau südeuropäischer Herkunft im Laden und beschimpfte uns aufs Übelste. Wie sich herausstellte, war es die Ehefrau eines Mitarbeiters, den wir immer mit zur Münzgeldentsorgung nahmen.

Frisch verheiratet wollte sie unbedingt und am besten sofort ein Kind. Aber zur günstigsten Zeit des Monats war ihr Mann nicht in der Lage seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wegen Rückenschmerzen. Und nun würde ihre Blutlinie aussterben, und wir wären Schuld.
Soviel zum Sex, zurück zur Geschichte:

Die landesweite Umstellung von der einen auf die andere Währung verlief, wie wir alle wissen, reibungslos und sehr schnell. Es waren insgesamt nur drei Tage, bis genauso viel Euromünzen reinkamen wie rausgingen. Während in unserem Laden noch die, von Chef gehorteten, Kleingeldbestände aus jeder Ecke quollen.

Wohin damit?
Normalerweise hätte man das ganze Zeug während der Öffnungszeiten zur Bank geschlürt und dort eingezahlt. Aber das war Chef das zu peinlich, weil er im Vorfeld bei eben jener Bank ein Mordstheater gemacht hatte, um drei Mal mehr Münzgeld zu bekommen als uns eigentlich zugeteilt war (und nötig gewesen wäre). Und nach dem Aufstand jetzt die Münzen zurückbringen – da hätte ja so ausgesehen als ob er falsch gelegen hätte!

Also fasste er einen brillianten Plan.
Er zog mir zwei Mitarbeiter aus dem laufenden Betrieb meiner Nachtschicht ab und ließ sie die frischen Geldpakete öffnen, Hunderte von Münzrollen auspacken und den prägefrischen Inhalt in Geldbomben verfrachten.

Geldbomben sind Metallkassetten von ca. 25 x 15 x 10 cm Größe. Da packen Geschäfte Ihre Einnahmen rein, um sie nicht über Nacht in der Firma lagern zu müssen. Dafür gibt es außen an Bankgebäuden einen Nachtresor, für den Geschäftskunden einen Schlüssel haben. Man öffnet den Tresor, steckt die Bomben in eine Klappe, drückt diese nach oben und Schwupp! ist das Geld sicher im Inneren der Bank. Dafür bekommt man eine leere Bombe zurück.

Chef arbeitete fieberhaft in dieser Nacht. Während die Mitarbeiter blutige Hände vom Münzenauswickeln bekamen, fuhr er selbst Ladung um Ladung an Bomben zur Bank und verklappte sie in den Nachttresor. Ich fand das mehr als seltsam, kannte aber die Hintergründe (s.o.) und kümmerte mich, da eine Diskussion eh´ zwecklos gewesen wäre, um meinen eigenen Kram. Igrendwann will man ja auch mal nach Hause.

Von den Folgen dieser Nacht & Nebel-Aktion hörte ich einige Tage später.

Woran Chef keinen Gedanken verschwendet hatte: Bomben, die man in den Nachtresor einwirft, fallen durch einen Schacht senkrecht ein Stockwerk tief nach unten in den Keller der Bank, werden von einer Mechanik aufgefangen und weiter in einen Stahlschrank transportiert.

Normalerweise packte man in Geldbomben nur Scheine und max. 5 Mark in Kleingeld. Das wog ungefähr 500 Gramm
Eine komplett mit Münzen gefüllte Bomben wiegt rund 5 Kilogramm.
Und dann wird Physik grausam: Beim Fall aus rund 5 Meter Höhe schlagen solche Moppeds sogar Löcher in Beton.

Und genau das passierte.

Die ersten der Mörderbomben, die Chef abwarf, konnten noch normal verarbeitet werden. Dem konzentrierten Bombenhagel hatte die Mechanik aber nichts entgegenzusetzen.

Während Chef ein Stockwerk höher föhlich ein Geschoß nach dem nächsten lud, wurden im Keller Stück für Stück zuerst die Auffangpolster zerstört, dann die Transportmechanik. Bis praktisch die gesamte Nachttresoranlage kaputtgerammelt war. Nachdem alles in Trümmern lag, schlugen die Bomben zunächst Löcher in den Fussboden der Bank und verkeilten sich dann im Fallschacht, bis auch die Einwurfmechanik hinüber war.

Chef wunderte sich aber nicht mal über die ungewöhnlichen Geräusche. Im Gegenteil: er regte sich darüber auf, dass der Nachtresor wohl voll sei, „weil die Idioten auf der Bank vergessen haben ihn am Samstag zu leeren“.

Die Bankangestellten haben sich dann sehr gefreut, als sie am nächsten Morgen das Chaos vorfanden. Der Schaden war hoch fünfstellig, der Nachtresor tagelang außer Betrieb, und unser Restaurant bekam ein absolutes Verbot für die Einzahlung von Münzen in Bomben.

So war das damals, bei der Euroumstellung 2002.
Man kann tatsächlich mit Münzgeld Gebäude einreissen, wenn man sich dumm genug anstellt.
So komische Geschichten kann man nicht erfinden, die passieren einfach.

Kategorien: Berufsleben, Historisches | Schlagwörter: , , | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Euroumstellung (II)

  1. TRÄNEN GELACHT.

    bitte schreibe irgendwann einen Roman. Bitte genau so.

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  2. das ist wirklich herrlich. Und ich sag noch, dass die beste Slapstick Einlage immer noch die aus dem wahren leben ist.

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  3. Wenn Doofheit teuer wird…

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  4. rstockm

    Würde mich hier CK anschließen: das ist das Lustigste was ich seit langem gelesen habe.
    Wunderbar ist zudem, das dahinter ein paar unbequeme Wahrheiten verborgen sind – zum Thema Krisenmanagement. Ich habe es X-Mal erlebt das Leute aus dem mittleren Management einen Fehler begehen, und dann auf Teufel komm raus versuchen es zu vertuschen, unter aufwendung offensichtlich absurder Aktionen und Argumente, hauptsache es MERKT KEINER. Das Gegenteil passiert natürlich regelmäßig, und der Text illustriert genau das.
    Es gibt eine wunderbare Geschichte von Kishon: „Bienstock, der Verantwortliche“. Herr Bienstock wird binnen weniger Wochen Mnisterpräsident von Israel, weil er nur noch sagt „ich übernehme die volle Verantwortung“. Das irritiert und beeindrckt dermaßen, das er eine Karriere sondersgleichen hinlegt.
    So muss man es machen.

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  5. …und das Beste: es kam Sex drin vor!
    Naja, nicht wirklich, nur das Thema.
    Trotzdem Danke der Blumen.

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  6. ich kann nicht mehr….

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  7. wahnsinn *lol*

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