Bei der Arbeit, vor der Kamera (II)

[Fortsetzung von dem hier]

Richtig unangenehm brachte sich die Videoüberwachung ca. ein Jahr später wieder in Erinnerung.

Wie schon erzählt gehörte ich zum Management. Teilzeit. Die Coolen & Guten, Fast & Furious, the Best of the Best, Blabla.
Es gab aber auch Leute, die das hauptberuflich machten. Wenn man den Job jeden Tag macht ist man irgendwann weder cool noch gut, sondern brennt in der Dienstleistungshölle einfach nur noch langsam aus.

Dann fängt man an komische Sachen zu machen. Wie mein Management-Kollege (Vollzeit) Frank. Eigentlich ein ganz lieber und guter Mann.
Frank hatte herausgefunden wie das Aufzeichnungskistchen zu bedienen war. Und wie man Aufzeichnungen auf DVDs brennt. Und wie man sich die dann später zu Hause angucken konnte.

Ich erwischte ihn eines Nachts im Büro des Chefs, zudem wir alle einen Schlüssel hatten, als er an der Aufzeichnungsanlage herumspielte. Zur Rede gestellt, wurde er ganz aufgeregt: Bei der Kollegin A., da fehlten doch neulich 10 Euro in der Kasse! Klar, vielleicht einfach verkehrt rausgegeben, aber das war schon das zweite Mal in drei Monaten, und immerhin wüsste man ja das die immer nur Party machen würde und daher immer knapp bei Kasse wäre…

…da läge es doch quasi auf der Hand…

…und das wollte er nun beweisen.

Seinen bisherigen Fund spielte er gleich vor: wie die Kollegin Geld von einem Gast entgegennimmt, den Schein auf die Kassenlade legt, Wechselgeld rausgibt…
– und dann zoomte Frank ran und aktivierte die Einzelbildschaltung. Vor und zurück, vor und zurück. Man sah nicht, dass der Schein wirklich verstaut wurde. Auf einem Bild hatte A. ihn in der Hand, auf dem nächsten war die Kassenlade zu.

Was mich nicht wirklich wunderte, denn eine geübte und schnelle Kassenkraft wie A. machte das alles in Bruchteilen einer Sekunde, während die Kamera nur ein Bild pro Sekunde speicherte.

Ich war gleichermaßen entsetzt und wütend. Anscheinend machte Frank das schon seit Monaten. Er sah sich die Aufzeichnungen seiner Kollegen, darunter auch Freunde, und Mitarbeiter an. Heimlich.

Und nun war er sich sicher einem ganz großen Ding auf der Spur zu sein. Das Frank aus dem Osten kam fordert dumme Witze geradezu heraus, ist aber nur eine Anekdote am Rande. Auch wenn ich kurz im Zweifel war, ob dieses Blockwartverhalten nicht doch eine Frage der Herkunft ist.

Die Nacht wurde noch sehr lang. Ich versuchte ihm ganz ruhig deutlich zu machen, dass meiner Meinung nach sein Verhalten intolerabel war. Und das ich niemandem davon erzählen würde, wenn er damit sofort aufhörte.

Er willigte widerstrebend ein.

Als ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, führte mich mein Weg am Büro von Chef vorbei. Durch die halboffene Tür sah ich den Überwachungsmonitor. Darauf ein bekanntes Standbild, das vor und zurück zuckte, vor und zurück.

Vor dem Monitor Frank und Chef. Beide sichtlich erregt. Wenige Minuten später wurde Kollegin A. einbestellt. Zu einem langen Gespräch. NATÜRLICH waren die Aufzeichnungen weniger als eine Luftnummer, weil in dem schwarz-weißen, ruckeligen Pixelschlamm nichts zu erkennen war.

Es gab keine stichhaltigen Beweise, ja nicht mal einen begründeten Verdacht das A. Diebstahl begangen hatte. Sie war eine verdammt gute Kassenkraft, ihr passierten nur sehr selten Fehler. Aber selbst die Besten haben irgendwann mal eine Kassendifferenz, SOWAS KOMMT EINFACH VOR wenn man Tag für Tag zu den unmöglichsten Tag- und Nachtzeiten 700 Gäste abfertigt.

Trotzdem fand dieses Gespräch statt. Mit einem abwechselnd drohenden wie verständnisvollen Chef, einem vor Stolz berstenden Frank und, im Hintergrund, scharz-weißem Geruckel in einer Endlosschleife.

A. verliess das Büro unter Tränen.
Ich ging mit Wut im Bauch hinein und führte ein sehr heftiges Gespräch.
Es nützte nichts. Man hatte sie ja nicht formell beschuldigt, sondern sich nur mal erkundigt. Man hatte sich nichts vorzuwerfen, sondern erfüllte nur seine Pflicht. Mit Sorgfalt. Immerhin konnte A. ja nur eine produktive Mitarbeiterin sein, wenn auch ihr Privatleben in Ordnung war, oder?

A. arbeitete noch zwei Tage, sichtlich bedrückt. Dann war sie drei Wochen krankgeschrieben und reichte schließlich die Kündigung ein.

Videoüberwachung.
Für mehr Sicherheit und Produktivität am Arbeitsplatz.
„Sollen sie mich doch überwachen, ich habe nichts zu verbergen.“
Wie naiv.

Kategorien: Berufsleben, Historisches | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Bei der Arbeit, vor der Kamera (II)

  1. Puh. Harter Tobak. Das sowas wirklich passiert, kann man sich vielleicht denken, aber irgendwie ist das ganzt weit weg. Bis man soetwas liest.
    Schlimm. Und Traurig.

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  2. Und Frank? Wurde der nicht gefeuert für seine nächtliche Stasi-Aktion?

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  3. Nein, im Gegenteil: er wurde für seine Aufmerksamkeit gelobt. Das Verhalten der A. nach dem Gespräch wurde hinter vorgehaltener Hand sogar als Beweis dafür gesehen, dass Frank richtig lag. Das häte natürlich nie jemand offiziell zugegeben. Trotzdem war Frank wochenlang Liebling von Chef. Uh.

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