Frau Jäger (1)

Frau Jäger ist ca. Mitte 50, Typ alleinstehend-mit-Katze. Sie ist der Meinung, dass die Welt im Allgemeinen und Computer im Speziellen ihr nur Böses wollen. Um dem zuvorzukommen. begegnet Sie der Welt im Allgemeinen und Computern im Speziellen bestenfalls argwöhnisch, meistens sogar grantig bis unverschämt. Sie kann sich das leisten, meint sie. Ihre Position beschreibt sie als „Bürovorsteherin“. Zwar ist der Rest der Welt anderer Meinung – Frau Jäger ist genauso Sekretärin wie alle anderen auch, nur schon seit 38 Jahren im Betrieb – aber das stört Frau Jäger nicht. Sie benimmt sich im Büro wie die Herzkönigin aus Alice im Wunderland.

Besagtes Büro befindet sich eine Etage unter unserem Unternehmen, und obwohl wir eigentlich Software programmieren, helfen wir in der EDV des Büros aus. Wir werden immer um Rat gefragt wenn der Server hängt, Softwareupdates anstehen oder Word mal wieder nicht will. Wir machen das gerne, schließlich ist gute Nachbarschaft wichtig, und auch wenn Netzwerk-, Hardware- und Office-Support nicht unsere Kernkompetenz darstellt, können wir das. Ausserdem macht auch Kleinvieh Mist, und wenn man für einen Kundenbesuch nur eine Etage tiefer gehen muss – warum nicht.

Frau Jäger sorgt regelmäßig für Aufträge. Als ich hier anfing, sangen mir die Alten schon von den „Legenden der Jägerin“.
Eines der Highlights war „Frau Jäger und das ZIP-Lauferk“, eine Geschichte, die ich nur erzählt bekam.

Zip-Laufwerke waren Ende der Neunziger in Mode, als Disketten zu klein wurden und USB-Sticks noch nicht in Sicht waren. Man steckte die ZIP-Laufwerke, wie heute externe Festplatten, an den Rechner an, legte eine große ZIP-Diskette ein und speicherte Daten darauf. Eines schönen Tages hatte man auch Frau Jäger so ein Kästchen auf den Rechner gestellt, damit sie Datensicherung machen konnte. Noch am selben Tag kam sie wutentbrannt in unser Büro gestürmt, da unsere Leute damals für die Installation der ZIP-Drives zuständig waren.

„WIE! STELLEN! SIE! SICH! DAS! VOR??? Können Sie mir das mal erklären?!“, herrschte sie die Anwesenden, die zwei Jahre später meine Kollegen werden sollten, an. Sie erntete verständnislose Blicke und wurde daraufhin noch wütender: „Versuchen Sie mich umzubringen? Dann machen sie das nicht besonders geschickt! Los, kommen sie mit, kommen sie SOFORT mit.“

Sie schnappte sich unseren Chefentwickler, der auch der Hardwarefrickler vor dem Herrn ist, und schleifte ihn in eine Etage tiefer. Sie stellte ihn mitten in den Raum, in dem sich ihr Schreibtisch befand und legte wieder los: „Na? Na? Können sie mir das erklären?“

„Was genau meinen sie?“, fragte unser Mitarbeiter.
„Mann, merken Sie das denn nicht? Sind sie beschränkt? ES ZIEHT!“
„Äh…“
„Und das, seitdem sie dieses Dingsda an meinen Rechner gemacht haben! Da zieht es draus! Ich hole mir ja den Tod mit diesem Dings!“, kobelte Frau Jäger, offensichtlich wirklich besorgt um ihre Gesundheit.
„Frau Jäger“, sprach unser Techniker mit ruhiger Stimme, „in diesem Dings gibt es NICHTS, das Luft macht. Kein Lüfter. Ausserdem ist das Gerät, genau wie ihr PC, ausgeschaltet. Wo soll denn da Zugluft herkommen?“

„NA-AUS-DEM-ZIP-DINGS, das sage ich ihnen doch die ganze Zeit! Erzählen sie mir nichts, ich merke doch, wenn es irgendwo zieht!“, schnaubte die Jäger.
„Frau Jäger, das ist physikalisch unmöglich. Es tut mir Leid, aber ich kann nichts für sie tun.“ Mit diesen Worten zog unser Mann ab, nicht ohne das ihm die Jäger hinterherbrüllte „Ausreden! Nichts als Ausreden für Unfähigkeit!“.

Die Firma von Frau Jäger und wir haben den gleichen Kontierer: Herrn Plusch. Ein feiner Mann, ein echter und gewitzter Gentlemen, dem der Schalk aus den Augen blitzt. Kurze Zeit nach dem Vorfall mit der Zugluft aus dem ausgeschalteten ZIP-Laufwerk kam Herr Plusch bei uns vorbei, und konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Er war zuvor bei der Jäger gewesen, und die hatte sich lautstark bei ihm darüber ausgelassen, dass unfähige Computerleute sie mittels kleinen Kästchen und Zugluft umbringen wollten. Herr Plusch, sehr erfahren im Umgang mit Computern und Frau Jäger, hatte sich jegliches Grinsen im Gespräch mit ihr verkniffen. Er hatte sich ihre Klagen angehört. Ihre Vorhaltungen. Ihre Verschwörungstheorien.

Dann hatte er sie ernst angeblickt und sinngemäß gesagt: „Frau Jäger, dass haben wir gleich. Die jungen Leute von oben wissen das wohl nicht, aber es gibt eine einfache Lösung für das Problem mit der Zugluft.“

Sprachs, ging zum PC, drehte das ZIP-Laufwerk um 90 Grad und sagte: „So, jetzt pustet es in die andere Richtung“
Frau Jäger beäugte das mißtrauisch.
Dann schlich sie um ihren Schreibtisch.
Nahm Platz. Stand wieder auf.
Ging in die Mitte des Raumes.
Stellte sich neben das Fenster.
Herr Plusch sah gespannt zu und wartete nur auf eine Standpauke, weil sie ja sicherlich merken würde, dass er sie auf den Arm nahm.

Frau Jäger lugte skeptisch um die Eingangstür. Schließlich drehte sie sich zu Plusch um. Ihre Miene entspannte sich etwas, die Mundwinkel hoben sich um 5mm – das Jäger-Äquivalent zu einem herzhaften Strahlen.
„Jetzt ist der Zug sogar ganz weg. Gut gemacht, Plusch. Warum wissen diese angeblichen Computerexperten eine Etage höher sowas nicht?“
„Nun, Frau Jäger“, antwortete Plusch mit einer angedeuteten Verbeugung, „manchmal braucht es einfach Erfahrung im Umgang mit gewissen Dingen, und Erfahrung ist dem Alter vorbehalten.“

Mit diesen Worten verliess er die Jägerin, stürzte die Treppe zu unserer Firma hoch, schloss sorgfältig die Tür, bat meine Kollegen in die Kaffeeküche – Und lachte laut los.

Kategorien: Gnadenloses Leben, Historisches | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Frau Jäger (1)

  1. zimtapfel

    Wundervoll! Und das hinter der Überschrift eine geklammerte 1 steht, macht Appetit auf mehr. Großen Appetit! 😀

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  2. Herr Plusch ist ja ein echter Schlingel – sehr sympathisch.

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  3. In der Medizin nennt man das Placebo-Effekt 😉

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  4. Ja, stimmt, Placebo-Effekt gegen Phantomschmerzen.

    Und Herr Plusch ist in der Tat großartig. Habe viel von ihm gelernt. Wenn ich in seinem Alter, wenn ich mal so viel Mist mitgemacht habe, auch so einen Humor habe – dann kann ich beruhigt dahingehen.

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  5. Ein Hoch auf Herrn Plusch! Und ich hoffe da kommen noch mehr Jägergeschichten 😀

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