Frau Jäger (3)

Manche Menschen werden mit Solarenergie betrieben, andere mit Kaffee, wieder andere tragen einfach die Sonne im Herzen.
Frau Jägers Antriebsquelle war Zorn. Purer, lodernder Zorn, gespeist aus dem Haß auf ihre Mitmenschen.

Sie hatte ihren Zorn auf so hohem Niveau kultiviert, dass sie ihn wie einen sengenden Laserstrahl einsetzen konnte. Alle paar Wochen fanden sich meine Mitarbeiter und ich, die wir uns um die EDV im Büro von Frau Jäger kümmerten, im Fokus dieses Zorns wieder.
Wie Ameisen unter einem Brennglas.
Allerdings wie gut gepanzerte Ameisen, denn wie man mit Frau Jäger umgehen musste, dass hatte uns Herr Plusch beigebracht.

Da unsere Firma nur eine Etage über dem Büro, in dem die Jäger arbeitete, liegt, brauchte sie nur die Treppe raufzustürzen, wenn ihr danach war, jemanden für irgendwas mit dem Rechner zusammenhängendes zu beschimpfen.

Alle paar Wochen stand Sie dann schnaubend in unseren Räumen und hielt schäumende Reden über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und die Boshaftigkeit von Männern und Computern im Speziellen, immer gefolgt von ihrem Lieblingssatz „Können Sie mir das mal erklären?!“

„Mein Word braucht zehn Minuten zum Starten! ZEHN MI-NU-TEN! Unproduktive Zeit! Jeden Tag! Wollen sie unsere Firma in den Ruin treiben? Können Sie mir das mal erklären?!“

In der Tat brauchte das Schreibprogramm rund sieben Minuten vom Start bis zur Ausführung. Alle üblichen Windows-Tuningkniffe brachten nichts. Der Rechner war rasend schnell, nur Word bewegte sich mit der Geschwindigkeit von Jabba dem Hutten. Wir standen vor einem Rätsel. Sowas war uns noch nicht untergekommen.

„Können sie mir das mal ERKLÄREN?“
Nun, Erklärungen gab es fast immer, wenn sie sich auch nicht auf den ersten Blick offenbarten. Ein zickiger PC ist eine Sache, aber man muss neben der Hardware und der Software auch immer, zumindest aus den Augenwinkeln, einen Blick auf die Wetware haben, die den Rechner bedient.

Die Lösung kam erst ans Licht, als unser Cheftechniker Frau Jäger bat, ihm zu zeigen, wie sie das Programm benutzt. Sie guckte ihn an, als hätte er einen Vogel, machte dann aber mit. Ihre Arbeitweise war die einer normalen Nutzerin – nicht wirklich Word-konform, aber schließlich weiß NIEMAND wie man Word korrekt bedient. Bis es ans Speichern eines Briefes ging. Hier offenbarte sich die Fehlerquelle: Frau Jäger speicherte JEDES Schriftstück nicht als einzelnes Dokument (.doc-Datei) ab, sondern als Dokumentenvorlage, die in Word normal.dot genannt wird. Die ist normalerweise winzig, enthält Standard-Schriftarten und wird bei jedem Start von Word geladen. Bei Frau Jäger hatte die riesige Ausmaße angenommen, weil sie Hunderte von Briefen enthielt. Dementsprechend lange brauchte das Ding um geladen zu werden.

Keine Ahnung wie sie mal darauf gekommen war, alles als .dot zu speichern, davon abbringen liess sie sich auf jeden Fall nicht mehr. Auch eine Erklärung in der Form „Frau Jäger, machen Sie das nicht, das ist BÖSE“ brachte nichts.

Alle paar Monate wieder stand sie schnaubend im Raum und verlangte, dass wir ihr Word schneller machen sollten.

Es endete damit, dass meine Techniker ein Skript schrieben, dass automatisch die Dokumentenvorlage löschte und das Original wieder herstellte. Die Software war so designt, dass auch Frau Jäger sie bedienen konnte: Ein riesiger, roter Knopf auf ihrem Desktop, mit der Aufschrift „Hier zweimal Klicken wenn Word langsam ist.“ Das funktionierte ganz gut, auch wenn sich Frau Jäger zwischendurch beschwerte, weil der Knopf auf den Rechner der Kollegin zwei Zimmer weiter keine Wirkung hatte.

Mein persönliches Highlight war ein anderes Erlebnis mit Frau Jäger. Mittlerweile kannte ich sie seit drei Jahren, war also ruhiger geworden im Umgang mit dem Raubtier.

„Mein Computer geht immer wieder aus, KÖNNEN SIE MIR DAS MAL ERKLÄREN?“
„Sicher, wenn ich ihn mir mal angucken darf.“
Wir gingen in ihr Büro. Mittlerweile hatte sie mitbekommen, dass wir Workflow-Analysen betrieben und schilderte ohne Nachfrage was sie getan hatte:
„Ich drücke IMMER hier, diesen Knopf. Und dann geht der Computer an! Aber jetzt nicht mehr! Der geht immer aus! Dabei habe ich die letzten Male sogar den Knopf festgehalten! Können sie mir DAS mal erklären? Sehen sie nur!“
Sie griff unter den Schreibtisch. Der Rechner begann zu arbeiten. Ich zählte im Geiste mit: 21-22-23-24
Der Rechner ging aus.
„Frau Jäger“, sagte ich, „ich benötige etwas Margarine“.
Sie glotzte mich an.
Ich sagte: „Ja, was jetzt? Wollen sie heute noch arbeiten? Oder ihre Firma in den Ruin treiben?“
Sie eilte von dannen.

Tatsächlich hatte sie einfach nur den Einschaltknopf mit Gewalt so tief ins Gehäuse des Rechners geprügelt, dass er sich verkeilt hatte. Wenn man bei einen PC einschaltet und den „Power“-Knopf festhält, geht er nach vier Sekunden wieder aus. Etwas Margarine, in Ermangelung anderer Schmierstoffe, zwischen den zerfledderten Einschaltknopf und dessen Führung geschmiert, und schon flutschte der Knopf nach Betätigung wieder heraus.

Alles lief wie, nun, geschmiert.
Frau Jäger fixierte mich. Mit heruntergzogenen Mundwinkeln. Aber zumindest war ihr Zorn-Laser abgeschaltet. Sie verstand nicht was da geschehen war – offensichtlich hatte gerade jemand ihren Computer mit Margarine repariert.

„Können sie mir das mal erklären?“
„Nein“, antwortete ich todernst, „Das ist ein Berufgeheimnis.“

Fortan verbreitete Frau Jäger die Legende vom Silencer, der mittels Frühstücksacessoires, praktisch durch Magie, kranke Rechner wieder laufend machen konnte.

Ihre Kolleginnen sagten dazu nichts und vollführten hinter ihrem Rücken kreisende Bewegungen des Zeigefingers an der Schläfe. Meinen Kollegen vergaß ich davon zu erzählen. Der nächste Techniker, der sich einige Wochen später um einen ausgefallenen Lüfter kümmern sollte, muss geguckt haben wie eine Eule, als Frau Jäger ihn fragte, ob er wohl Margarine benötigte. Oder echte Butter, damit müsste es ja noch besser gehen.

Kategorien: Berufsleben, Historisches | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Frau Jäger (3)

  1. zimtapfel

    Ja, mit guter Butter wäre das bestimmt noch viel besser gegangen! Wenn mein Rechner irgendwann mal wieder zicken sollte, dann reibe ich ihn einfach rundum mit guter Butter ein. So!

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  2. 😆 Ich lach mich schlapp.

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  3. Der Gatte hat soeben beantragt, den Link in die Firma gemailt zu bekommen, damit er ihn seinen Kollegen weiterreichen kann – wir haben gebrüllt vor Lachen. Wie gesagt: Wenn Frau Jäger verfilmt wird: Ich will die Rolle. Unbedingt!

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  4. Ab auf die Besetzungscouch,k Frau Dr. Bustä 😆

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  5. Niemand will Frau Jäger sein, glaubt mir.
    Wartet auf den letztem Teil der Jäger-Antologie.

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  6. Oooch… letzter Teil kommt bald? Wie schade!

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  7. so nett es sich auch hier liest, Menschen wie Frau Jäger können extrem nervig werden/sein.

    Aber sie ist schon eine extra Marke.

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  8. Klasse, so entstehen Mythen. Für eine nicht funktionierende Tastatur empfehle ich Buchstabensuppe.

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