Frau Jäger (4)

Am Montag vergangener Woche stand sie mal wieder vor meinem Schreibtisch.
„Herr Silencer, da geht was nicht! Mit diesem Monitor kann ich nicht arbeiten! Das war am Freitag schon ganz schlimm, und über das Wochenende war der Computer aus, aber es ist immer noch nicht besser, und..“
„Werfen wir mal einen Blick darauf“, sagte ich, und folgte Frau Jäger eine Etage tiefer.
Ich warf einen Blick auf ihren Monitor: Streifen und Artefakte zierten den Windows-Anmeldebildschirm. Frau Jäger setzte gerade zu einer neuen Tirade an: „Das ist doch eine Unverschämtheit, sowas, wer soll denn so arbeiten? Können…“

„Ich kann das erklären“, sagte ich und nahm ihr damit die Luft aus den Segeln. Sowas mochte sie gar nicht. „Mit ihrem Monitor ist alles in Ordnung, aber die Grafikkarte in ihrem PC ist defekt. Wir haben oben welche auf Vorrat, ich tausche ihnen die gleich aus.“
„Was?“, herrschte sie.
„Da. Im PC. Ist was kaputt. Und das ersetzen wir jetzt.“
„Sie wollen mich wohl veralbern? Der PC steht doch unter dem Tisch, aber diese Streifen sind auf dem Monitor! Auf dem Monitor! Der steht AUF dem Schreibtisch! Der ist kaputt.“ Sie verschränkte die Arme und schob das Kinn vor.
„Wie sie meinen, Frau Jäger. Holen sie mir bitte einen Schraubendreher, ich sehe was ich tun kann“, antwortete ich.

Während die Jäger durch das ganze Büro klabauterte und ihre Kolleginnen mit „Schraubenzieher? WO??“ anherrschte, holte ich die neue Grafikkarte und geeignetes Werkzeug. Bis die Jäger endlich mit einem gammeligen Handgriff ohne Steckeinsatz ankam, lief der Rechner schon wieder. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

„Oh, sie haben die Streifen ja schon wegbekommen!“, stellte Frau Jäger fest, „haben sie den Monitor repariert?“
„Äh. Ja.“
„Sehr schön. Nun, dann kann ich ja weitermachen“, sagte sie spitz. Dann ließ sie plötzlich die Schultern hängen und murmelte „obwohl das ja auch egal ist. Ich habe morgen meinen letzten Tag hier. Ich habe die Kündigung bekommen. Nach 38 Jahren! Stellen sie sich das mal vor! Nach 38 Jahren! Und dann erfahre ich das in meinem Urlaub, von einer Mitarbeiterin, hintenrum!“

Ich sah sie an. Sie sah nicht so niedergeschlagen aus wie ich es erwartet hätte. Ich dachte immer, dass das Büro ihr Leben war.

„Das tut mir Leid, Frau Jäger“, sagte ich, „Dann wünsche ich ihnen schon mal alles gute für die Zukunft.“
„Oh, wir sehen uns bestimmt noch mal! Ich bekomme jetzt nämlich auch privat einen Computer! Und bis der geht, kann ich noch den im Büro nutzen.“
Oh mein Gott, dachte ich, die arme Sau, die dann den Support für den Privat-PC machen muss, tut mir jetzt schon leid.

Wie verabschiedeten uns kurz und förmlich.
Zwei Tage später traf ich Herrn Plusch. Mehr oder weniger zufällig kam die Sprache auf Frau Jäger. Herr Plusch wiegte den Kopf, stopfte sich seine Pfeife und sagte „Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte.“ Wenn Plusch so begann, brauchte man sich für die nächste halbe Stunde nichts vornehmen.

Herr Plusch erzählte die Geschichte einer jungen Frau, die als 18-jähriges Mädel von einem gewissen Dr. Saba als Bürokraft eingestellt wurde.

Dr. Saba war einer von zwei Chefs, die das Unternehmen leiteten.
Das Mädchen, das natürlich Frau Jäger war, vergötterte ihn. Sie kam morgens freiwillig eher zur Arbeit, damit ein Gedeck mit heißem Kaffee und, von ihr selbst gebackenen, Keksen bereitstand wenn er anfing. Abends blieb sie, bis er auch er Feierabend machte. Dr. Saba war der Mittelpunkt von Frau Jägers, sonst nicht sehr erfülltem, Leben. Sie hatte nie geheiratet und sogar Verehrer auf ihre gewohnt schroffe Art abgewiesen. Vielleicht hatte sie sich für Dr. Saba aufgespart, wer weiß das schon.

Sie hatte es nur zähneknirschend ertragen, als er seine Jugendliebe heiratete. Dr. Saba hat wahrscheinlich nie etwas von Frau Jägers romantischen Gefühlen mitbekommen. Er mochte sie, und hätte er gewusst, dass es ihr das Herz brach, hätte er sie nicht losgeschickt um am Hochzeitstag Blumen für seine Frau zu holen.

Aber Frau Jägers Treue zu ihm war groß. Auch in späteren Jahren hätte man sie in der Gegenwart von Dr. Saba fast nicht erkannt: Die Mundwinkel waren nicht auf Merkel-Niveau nach unten verzogen. Sie brüllte nicht; sie flötete.

Leider ist Dr. Saba im vergangenen Jahr verstorben. Seitdem ging es auch mit Frau Jäger bergab. Sicher, sie regte sich immer noch auf, wurde immer noch laut und ausfallend, aber irgendwie schien ihr der Spass an der Sache abhanden gekommen zu sein. Sie war nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache, und das war ihr anzumerken.

Arbeitstechnisch lief es nicht viel besser. Sie hatte nur für Dr. Saba geschrieben und weigerte sich, für jemanden anders kontinuierlich Büroarbeiten zu erledigen. Der verbliebene Chef hatte sie trotzdem im Betrieb behalten, einfach weil sie zum Inventar gehörte. Das ging nun aus finanziellen Gründen nicht mehr, deshalb hatte man ein Gespräch mit ihr geführt und sie gebeten sich zu entscheiden: entweder für jemanden anders das Sekretariat machen oder sich nach einem neuen Job umsehen. Sie hatte die letzere Option gewählt, versüsst mit einer Abfindung in Höhe von sechs Monatsgehältern. So viel also zu „hintenrum von der Kündigung erfahren“. Das sie mit Mitte 50 noch irgendwo anders eine Stelle bekommt, ist so gut wie ausgeschlossen.

„Sie hat sich ganz bewusst und freiwillig entschieden aufzuhören“, beendete Plusch die Geschichte, „Und vielleicht, nur ganz vielleicht, entdeckt sie jetzt, in diesem Alter, dass es auch eine Welt ausserhalb der Büroräume gibt. Wie sagt man: Besser spät als nie.“

„Das würde ich ihr wünschen“, sagte ich.
„Allerdings sagt man auch, dass Menschen sich nicht ändern“, meinte Plusch und klopfte seine Pfeife aus, „So wie ich die Jäger kenne, wird ihre neue Lieblingsbeschäftigung wahrscheinlich darin bestehen, die Enten im Park mit Steinen zu bewerfen.“
„Nun, dabei ist sie wenigstens an der frischen Luft“, erwiderte ich.
Wir lächelten nicht, während wir diese Scherze machen.

Denn auch wenn uns Frau Jäger jahrelang beschimpft und genervt hatte: eigentlich ist ihre Geschichte eine sehr traurige. Und ich fürchte, dort draußen gibt es noch sehr viele Frau Jägers.

Kategorien: Berufsleben, Historisches | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Frau Jäger (4)

  1. Sag‘ nicht, das war die letzte Frau-Jäger-Geschichte …

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  2. 😦 Irgendwie traurig und rührend und … ach, einfach schlimm, wenn Menschen sich ihr Leben so gründlich selbst ruinieren.

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  3. katha

    Sie hat nie ne Email von mir aufgemacht und immerzu gesagt, die kämen nicht an…pah…vielleicht geht das ja jetzt. Grmpf.

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  4. Sie kennen Frau Jäger, Katha?

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  5. katha

    Ich nehme es fast an, aber lange nicht in dem Maße wie Herr Silencer.

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