Bahn, wie lange denn noch?

Im Zug.
Ich arbeite konzentriert an Fuddelkram, als Gesprächsfetzen mein Ohr erreichen.

Mann: „Ich hoffe, ich habe jetzt kein Problem – die Karte für das Onlineticket liegt zu Hause auf dem Schreibtisch“

Och, nicht SCHON wieder. Ziehe ich das irgendwie an? Ich sehe mich um: Ein Mann in den Fünfzigern, vor ihm steht der Zugbegleiter. Daumen in den Hosenbund gehakt, Fahrkartendrucker lässig am Gürtel, Kaugummikauend.

Zugbegleiter: „Sie HABEN ein Problem.“
Mann: „Aber ich habe meinen Personalausweis dabei“

Wir wissen alle, wie es weitergeht, daher nur die Highlights des Gesprächs:

Zugbegleiter: „EC-Karte?“
Mann: „Ja!“
Zugbegleiter: „Nehm´wa nicht. Kreditkarte?“

Haha, denke ich, der Standardwitz. Bekommt man wahrscheinlich auf der Zugbegleiterschule beigebracht.

Mann: „Das IST doch die Karte, die auf dem Schreibtisch liegt“
Zugbegleiter: „Dann müssen´se trotzdem en neues Ticket kaufen.“
Mann: „Komplett neu kaufen? Und was ist mit meinem Online-Ticket?“
Zugbegleiter: „Es gibt da so´ne Hotline, da rufen´se an. Vielleicht können die das abchecken oder umtauschen oder sowas.“
Mann: „Dann geben Sie mir bitte mal die Nummer von der Hotline“
Zugbegleiter (empört): „ja, die weiß ICH doch nicht!“

Klar, ist ja auch eine Zumutung, sich mal die Nummern von Servicecentern zu merken. Im Ernst: Davon gibt es zu viele bei der Bahn. Allein schon zwei für den Kartenservice, eins für Leute mit Bahncard, eins für Leute ohne. Aber aufschreiben und einstecken könnte man sich die Nummern mal.

Mann: „Also, ich soll jetzt SO VIEL bezahlen?“
Zugbegleiter: „Yepp“
Mann: „Das mache ich nicht!“
Zugbegleiter: „Machen´se nicht.“
Mann: „Nee, mache ich nicht!“
Zugbegleiter: „Dann haben´se ein Problem“ (grabscht sich den Perso des Mannes, mit dem dieser immer noch rumgefuchtelt hat, dreht sich um und geht weg)

Eine Mitreisende zwei Reihen weiter reicht einen Zettel nach vorne, darauf die Telefonnummer der Hotline, die sie gerade im Internet recherchiert hat. Der Mann ruft dort sofort an. Er schildert seinen Fall. Diskutiert. Verhandelt. Erklärt. Beteuert. Leider ist ständig die Verbindung weg.
Währenddessen schleicht sich der Zugbegleiter ran und appliziert unauffällig einen Fahrpreisnacherhebungsbon auf den Tisch vor dem Mann.

Zugbegleiter: „Hier, ist gut jetzt?“
Mann: „An der nächsten Haltestelle telefoniere ich weiter mit der Hotline! Ich zahl das nicht!“
Zugbegleiter: „Nich´mein Problem. Nehmen´se jetzt das Ding hier?“
Mann: „Argh! Ich werde weiter telefonieren!“
Zugbegleiter: „Jahaha, machen´se man, aber nehmse das Ding hier. Damit ist die Sache für MICH erledigt.“

Bahn, wie lange soll das denn noch so weitergehen? Allein die Diskussionen zwischen Personal und Fahrgästen dürften so unglaublich viel Arbeitszeit kosten, dass es einfacher wäre Du würdest nachgeben und ENDLICH die Online-Authentifizierung über Personaldokumente ermöglichen!

Und wenn Du, Bahn, zukünftig statt Cowboys normale Menschen beschäftigen würdest wäre das auch nett. Aber wahrscheinlich ist das wie mit der US-Post. Wer seinen Bukowski kennt, weiß: Normale Leute bewerben sich da nicht mal.

Kategorien: Berufsleben, Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Bahn, wie lange denn noch?

  1. Das war aber wirklich ein Sonderexemplar von Zugbegleiter. Alle Achtung! Gebrauchtwagenhändler wäre wohl geeigneter für ihn.

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  2. Hach ja…

    In mein Blog hat sich heute jemand mit der schönen Google-Anfrage „wie schreibe ich ein widerrufsrecht für die dt bahn“ verlaufen. Man sieht: Die Kunden nehmen das Heft des Handelns langsam selbst in die Hand.

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  3. sowas ähnliches hatte ich auch mal. Mit Schaffnern kann man viel Spass haben. Vor allem mit den desinteressierten Vertretern ihrer Sorte.

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  4. auweiha … ich habe am WE meinen Geldbeutel mit Bahncard und EC-Card verloren und habe für übermorgen ein Ticket. Über die Hotline kam ich nicht durch und am Bahnhof haben sie heute gesagt, dass würde nur 7,50 € kosten.
    Weiß nicht ob ich das riskieren soll.

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  5. Ich würde es nicht riskieren. Vielleicht mal im Reisezentrum nachfragen, ob sich eine vorläufige Ersatzkarte ausstellen lässt. Ansonsten: Lass es lieber. Das hier: https://silencer137.wordpress.com/2008/08/30/bahn-du-bist-doof-ehrlich-jetzt/ hast Du bestimmt schon gelesen, oder?

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