Hände des Grauens, Platz 3: Die Dermatologin

Manchmal muss man sich in die Hände anderer Menschen begeben, denen man dann temporär hilflos ausgeliefert ist. Dazu gehören Friseure, aber auch Ärzte jeglicher Art.

Manchmal sind das die weichen Hände von umsichtigen, professionellen Menschen.

Manchmal sind es Hände des Grauens.

Platz 3 meiner persönlichen Hände-des-Grauens-Liste belegt Die Dermataologin.
Es begab sich zu einer Zeit, als ich neu in der großen Stadt war. Wenn einem ein Ortswechsel passiert, geht die Sucherei los: Wo finde ich einen vernünftigen Bäcker/Zahnarzt/Optiker – oder, in meinem Fall, einen Hautarzt. Den brauche ich zur Kontrolle eines Muttermals auf dem Rücken. Nach kurzer Umfrage unter Bekannten hatte ich einen gefunden: Dr. Kleubler wurde empfohlen. Der erste Termin verlief nach meinem Geschmack: Kurz das Hemd gelüpft, Dr. Kleubler wirft einen genauen Blick, meint das alles OK ist, und wieder raus aus der Praxis.

Beim zweiten Termin erwartete mich jedoch nicht Dr. Kleubler, sondern eine Frau in einem weißen Kittel. Als ich ins Arztzimmer eintrat, saß dort eine nicht unattraktive, aber für meinen Geschmack zu aufgedonnerte, graublonde Mittvierzigerin mit zu viel Goldschmuck, grell lackierten Fingernägeln und übergeschlagenen Beinen auf dem Tisch und tat so, als ob sie meine Akte studierte. Sie blickte auf.

„So, sie sind also Herr Silencer. Was führt sie zu mir?“
„Äh, also, eigentlich wollte ich zu Dr. ….“
„Ich weiß. Er ist gerade nicht da. Ich vertrete ihn“, erwiderte sie.
„Ah, OK. Ich bin wegen einer Nävuskontrolle hier.“
„Gut, gut. Dann machen sie sich doch schonmal frei.“
„Das ist nicht nötig, ich muss nur mal kurz das Hemd lupfen und…“
„Na, na, wer ist denn hier Arzt? Ziehen sie das Hemd ganz aus“, sagte sie bestimmt.

Widerwillig machte ich mich obenrum nackig. Sie stolzierte in enger werdenden Kreisen um mich herum und musterte mich dabei von oben bis unten. Ich kam mir dabei vor wie ein Savannenviech, dass von einer Löwin umkreist wird.

Plötzlich spürte ich, wie die grellen Fingernägel meine Schultern entlangfuhren. Was ich merkwürdig fand, denn die zu kontrollierende Stelle befand sich dreißig Zentimeter tiefer. Ich hörte ihre Stimme ganz nah an meinem Ohr: „Oder ist ihnen das etwa unangenehm?“
„Ehrlich gesagt: Ja. Und es ist kalt hier“, sagte ich.
„Entspannen sie sich“, hauchte sie und fuhr mit ihrem Fingernagel meine Wirbelsäule hinab. Was unangenehm war. „Oh, was haben wir denn da?“
Mir wurde das langsam zu doof. „Vermutlich haben sie den Nävus entdeckt. Wegen dem bin ich hier, den sollen sie sich ansehen!“

„Hm“, machte sie, und nochmal „Hm.“
Sie stand immer noch hinter mir, ihre kalten Hände umfassten meine Hüfte, mit den Daumen und drückte sie mal hier, mal da. Fühlte sich eher wie eine unkoordinierte Massage an als eine Untersuchung.

„Da kann ich jetzt so gar nichts zu sagen, weil ich nicht weiß wie es vorher aussah. Haben sie vielleicht ein Foto dabei?“, fragte sie, plötzlich kühl und distanziert, aber ohne ihre Hände von meinem Körper zu nehmen.
„Wie soll ich bitte selbst meinen Rücken fotografieren? In der immer gleichen Position und Beleuchtung? Wird das nicht bei Bedarf hier gemacht?“ Ich wurde langsam sauer.

„Sind sie etwa nervös?“, fragte die bekittelte Frau, gegen die ich inzwischen den Verdacht hegte, gar keine Ärztin zu sein, mit leicht spöttischem Tonfall. „Das brauchen Sie nicht zu sein. Und jetzt legen Sie bitte die restliche Kleidung ab.“

„WIE BITTE?“, entfuhr es mir.
„Ich würde sie gerne auf weitere Muttermale untersuchen. Vielleicht haben sie Nävi an Stellen, von denen sie nichts wissen?“
„Danke! Ich kenne all meine Stellen! Da ist nichts zum Untersuchen! Wenn soweit alles OK ist, werde ich jetzt gehen“, stotterte ich und wand mich wieder in mein T-Shirt. Nur noch raus hier – allein der Gedanke, dass die grellen Fingernägel anderen Stellen erkunden würden, ließ mich schaudern.

„Na gut, wie sie möchten“, sagte sie und liess ein Lächeln um die überschminkten Lippen spielen, „Eins noch…“
„WAS?!“
„Sie haben ihr Hemd verkehrt rum an“
„So trage ich das manchmal!“, rief ich verzweifelt.
„Auch, wenn der Schnippel vorne rausguckt?“
„Errrrrh“

Ich floh aus der Praxis. Wirklich. Ich war froh diesem Weib entkommen zu sein und frage mich bis heute, was das eigentlich für eine Nummer war. Seitdem war ich nicht mehr bei einem Hautarzt (nicht gut, ich weiß), aber die Praxis von Dr. Kleubler gab es danach nicht mehr. Sie sei umgezogen, hiess es. Im Telefonbuch stand sie allerdings nicht mehr. Meine Theorie: Dr. Kleubler wurde von einem Sukkubus mit Affinität zu Doktorspielen gefressen. Und dessen lackierten Klauen konnte ich gerade noch entrinnen.

Kategorien: Historisches | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Hände des Grauens, Platz 3: Die Dermatologin

  1. Das ist Platz 3?? Was kommt denn da noch?
    Das war keine Ärztin, beim besten Willen nicht (Allein schon lange Fingernägel sind das Unhygienischste, was es bei Dermatologen geben kann.)

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  2. Dir ist aber schon klar, dass Du mit Deinem Platz 3 relevante vorpupertäre Phantasieen schürst? 🙂

    Wie Donky wage ich kaum an Platz 2 oder gar 1 zu denken. 😉

    Wann sagst Du geht es weiter? */me legt schon mal Popcorn und Cola bereit*

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  3. Donky: Die Fingernägel waren nicht lang, nur grell.

    Rüdiger: HICH bin doch nicht für das verantwortlich, was meine Leser sich an Kontext zusammenfantasieren… 🙂

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  4. 😆 Das waren wohl Doktorspiele der Sprechstundenhilfe 😀 Dafür bezahlen andere Männer viel Geld 😀

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  5. Kurze, grelle Fingernägel. Wird ja immer skurriler…

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  6. und Hemd falsch herum … tsts …. von wegen zusammenreimen

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  7. Ach komm, das ist doch nicht wirklich passiert. Du hast das Ganze geträumt, frei erfunden oder die Szene in einer typisch deutschen Fernsehkomödie gesehen. Sag‘, ich hab‘ doch Recht, oda?! *plötzlichschauerüberrückenläuft*

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