Nun also auch der Bundeshotte. Oder: Was man über Ereignisse wie in Winnenden wissen sollte.

Bundespräsident Horst Köhler in einer Rede anlässlich der Trauerfeier in Winnenden:

Tun wir genug für den inneren Frieden bei uns, den Zusammenhalt? Wir haben uns auch alle selbst zu prüfen, was wir in Zukunft besser machen, welche Lehren wir aus dieser Tat ziehen müssen.

Zum Beispiel wissen wir doch schon lange, dass in ungezählten Filmen und Computerspielen extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen im Vordergrund stehen. Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet?

Ich finde jedenfalls: Dieser Art von „Marktentwicklung“ sollte Einhalt geboten werden.

Mir tun die Ohren weh, wenn ich sowas höre.
Was für eine Marktentwicklung? Was für gesunder Menschenverstand?
Mit dem „gesunden Menschenverstand“ kommt man auch an Stammtischen immer dann, wenn man keine vernünftigen Argumente hat. Oft liegt der „gesunde Menschenverstand“ aber meilenweit neben den Fakten.

Lange habe ich mich zurückgehalten, weil einfach schon so viel über die Ereignisse in Winnenden geschrieben wurde. Viel Richtiges wie viel Falsches. Nieman bestreitet die Tragik solcher Vorfälle, und das Leid der Angehörigen ist groß.

Nun sagt aber sogar der Bundeshotte so dummes, an Volksverdummung grenzendes Zeug, dass es mir reicht. Anscheinend ist es wichtig, dass bestimmte Dinge immer und immer wieder aufgeschrieben werden. Solange, bis der „gesunde Menschenverstand“ sie auch mal zur Kenntnis nimmt. Also schreibe ich sie hier noch einmal hin.

Amoklauf?
Zunächst einmal: Was in Winnenden passiert ist war kein Amoklauf. Es war das, was man einen erweiterten Suizid nennt. Ein Mensch bringt sich um und nimmt auf dem Weg dahin möglichst viele andere mit. Möglicherweise hatte der Täter nicht vor zu sterben, immerhin ist er noch geflüchtet – dann wäre es ein Massenmord. Natürlich ändert eine solche sprachliche Differenzierung an den eigentlichen Ereignissen nichts. Amoklauf hat mittlerweile eine ganz andere Konnotation als Mord oder Selbstmord. „Amoklauf“ wird mittlerweile fast als Synonym für ein überhöhtes Phänomen – unerklärlich, mystisch und irre – gebraucht, aber „erweiterter Suizid“ oder Massenmord“ nennen die Dinge beim Namen. Wenn man sich dem Thema sachlich nähern will, sollte man schon präzise sein.

Die Rolle der Medien
Alles andere als präzise waren die Medien, und hier sind in erster Linie TV und Print gemeint. Der Umgang dieser Medien mit den Ereignissen ist ein einziges Armutszeugnis, wie dieser Beitrag sehr gut darlegt. Die Berichterstattung war dermaßen sensationsgeil und distanzlos, dass man sich schon fragen muss: Haben diese Medien eigentlich noch ein Existenzrecht? Zugleich ein Beleg für die These, dass die berichterstattenden Medien eine Mitschuld an solchen Ereignissen tragen. Bei Suiziden wird nicht berichtet, um mögliche Nachahmer abzuhalten. Bei erweiterten Suiziden wird wird gnadenlos draufgehalten und allein durch die Masse an Beiträgen eine posthume Bühne und damit Projektionsfläche für Glorifizierungen geboten. Ein Konkurrenzverlierer, der mit seiner Tat tagelang alle Nachrichten dominiert? Das beflügelt die Fantasie von Nachahmern, und Beiträge wie dieser wirken fast wie eine Satire.

Waffenbesitz
Im, von mir sehr geschätzten, Film „Bowling for Columbine“ wird mit etlichen Urteilen des „gesunden Menschenverstandes“ aufgeräumt. Eigentlich sollte JEDER, der zu Winnenden den Schnabel aufmacht, den Film mindestens ein Mal gesehen haben. Eine der Kernaussagen: Solche Ereignisse passieren, weil die Täter an Waffen kommen. So lange Waffen verfügbar sind, werden sie mißbraucht. Auch für solche Taten.

Nun kommt man in Deutschland zum Glück nicht so einfach legal an Waffen, und ihr Besitz und ihre Verwendung ist mit Auflagen verbunden. Deren Einhaltung ist im eigenen Interesse der Waffenbesitzer, was einige aber anscheinend nicht ganz ernst nehmen.

Was spräche dagegen, die gesetzlichen Regelungen dahingehend zu erweitern, dass Waffen in den entsprechenden Lagereinrichtungen der Schützenvereine aufbewahrt werden müssen? Eine absurde Forderung? Ganz im Gegenteil. Sich illegal Waffen zu besorgen ist eine Sache. In allen erweiterten Suiziden in Deutschland kamen nur legale Waffen zum Einsatz. Weil sie verfügbar waren. Absurde Forderung? Nun, nicht weniger absurd als das

Verbot von „Killerspielen“
…das aktuell wieder gefordert wird. Niemand weiß, was ein Killerspiel eigentlich ist, aber alle reden darüber. Dieser Absatz wird ausführlicher, weil das ein Gebiet ist, auf dem ich mich recht gut auskenne. Das die meisten Diskutanten keine Ahnung vom Thema haben, macht die Sache nicht einfach. „Muss ich ein Baum sein, um für die Rettung des Regenwaldes einzutreten?“, fragte Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in einer Fernsehdebatte. Und redete weiter:

Es gibt Spiele, da fliehen Menschen vor Foltermaschinen, rufen halbnackt um Hilfe, und jetzt ist es Aufgabe des Spielers, zu töten – aber nicht die Angreifer, sondern die ihn um Hilfe anflehen. Je mehr Hilfesuchende er tötet, desto höher steigt er im Level, desto erfolgreicher ist er.

Der Name der Spiele war Herrn Bosbach gerade entfallen.
Ich bin Kenner der Materie und sage: So ein Spiel gibt es nicht, und wenn jemand solche Aussagen erfindet, frage ich mich schon, was das für ein Mensch ist, der sich so kranke Dinge zusammenfantasiert.
Selbst WENN es so ein Spiel gäbe – in Deutschland würde es auf dem Index landen.

Was gerne in den hitzigen Debatten unterschlagen wird:
Wir haben bereits Kennzeichnungspflichten und Prüforganisationen, die zum Schutze der Jugend arbeiten.

Wir haben die die freiwilligen Prüfgremien und Selbstkontrollen der Film- und Unterhaltungssoftwarebranche, die Altersfreigaben festlegen und bestimmen, ob Medien an Minderjährige verkauft werden dürfen.

Wir haben eine Bundesoberbehörde, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die dem medialen Jugendschutz verschrieben ist und den Handel mit Medien durcvh Indizierung einschränken kann.

Wir haben das Jugenschutzgesetz und das Strafgesetzbuch, wonach Medien mit bestimmten Inhalten von vornherein verboten sind (Inhalte wie Volksverhetzung, Anleitung zu Straftaten, Gewaltverherrlichung und -verharmlosung, Aufstachelung zum Rassenhass, usw).

All diese Instrumente sind vorhanden und funktionieren, so gut es möglich ist.
Interessierte Jugendliche werden IMMER Zugang zu, für sie nicht geeignete, Medien haben. Vor 20 Jahren haben wir Disketten auf dem Schulhof getauscht, heute gibt es das Internet als Quelle.

Viele der aktuellen Vorschläge zur Verschärfung dieser Gesetze laufen auf Zensur hinaus. Das ist etwas, dass man als Bürger in einer Demokratie nicht gut finden darf. Genausowenig wie den Aktionismus einer Kaufhauskette, alle „ab 18“ Medien aus den Regalen räumen lässt und dies als Jugenschutz verkauft. Bei Einhaltung bestehender Gesetze ist der Effekt gleich Null. Was wir hier erleben, ist vorauseilende Zensur. Auch das darf man nicht gut finden.

Aber was ist dann zu tun?

Die wirklichen Herausforderungen
Ein Punkt, der mir in all den Diskussionen immer wieder viel zu kurz kommt: Die Rolle der Eltern.
Jugendschutz kann nur dann etwas bringen, wenn Eltern sich auch dafür verantwortlich fühlen. Dazu gehört es auch, sich dafür zu interessieren, was Kind so guckt und spielt.

Sicher, dass ist aufwendig, und Lust haben darauf die wenigsten. Aber: Das gehört zu den Pflichten der Eltern. Keiner hat gesagt, dass Pflichten Spass machen müssen. Und wenn ich im Mädiamarkt höre, wie ein 10-Jähriger seiner Mutter sagt „Ich will das“ und sie daraufhin „Bioshock“ (frei ab 18) in den Einkaufskorb legt, ohne einmal auf die Hülle zu schauen, möchte ich die Frau gerne am Kragen packen und schütteln.

Leute, wenn ihr Kinder habt, tragt ihr Verantwortung! Ich weiß, dass das unpopulär ist – viele Eltern sind verweichlichte Hab-mich-Lieb-Menschen, die nach der Anerkennung durch ihre Kinder gieren und erwarten, dass Erziehung in der Schule stattfindet. Auch eine Art von Realitätsverleugnung und des Abschiebens von Verantwortung. Aber das sind die auschlagebenden Faktoren so eines erweiterten Suizids: Eine depressive Persönlichkeitsstruktur, kombiniert mit Agression und Vereinsamung. Meine Güte, wenn die eigenen Eltern sowas nicht bemerken – wer dann?

Die andere Herausforderung hängt eng mit den Eltern zusammen: Eine Umstrukturierung der Schule.
Früher sollte Schule Bildung vermitteln, heute wird erwartet, dass dort Erziehung stattfindet. Das kann nicht klappen.

Bedingt durch bildungspolitische Vorgaben erzeugt unser Schulsystem einen hohen Konkurrenzdruck. Dadurch werden auch Konkurrenzverlierer produziert – frustrierte, wenig selbstbewusste junge Menschen. Sind die Eltern keinen Ankerpunkt für diese Verlierer im Schulsystem, verlieren sie den Halt.

Tun wir genug für den inneren Frieden bei uns, den Zusammenhalt?, fragt Horst Köhler.
Nein, tun wir in der Schule gerade nicht. Und das ist politisch gewollt.
Einen sehr guten Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Freerk Huisken zum Thema kann man sich hier anhören.

Marktentwicklung?

Wir haben uns auch alle selbst zu prüfen, was wir in Zukunft besser machen, welche Lehren wir aus dieser Tat ziehen müssen.

Sehr richtig, Herr Köhler.
Jeder einzelne sollte sich das genau überlegen.
– Politiker sollten das Schulsystem reformieren und so etwas wie Schulpsychologen möglich machen.
– Die Medien sollten eingeschränkt über solche Ereignisse berichten. Die Veröffentlichung von Täterbildern oder konkrete Namensnennungen sollten unterbleiben.
– Eltern sollten ihre Pflichten wahrnehmen und sich wieder der Erziehung ihrer Kinder widmen.
– Waffenbesitzer sollten ihre Schränke abschliessen.

Aber das alles wird nicht auf breiter Front geschehen.
Nicht, wenn das Fordern von Verboten für Dinge, die einem unheimlich sind, weil man sie nicht kennt, viel einfacher ist.

Es gibt Lösungen. Aber die sind nicht so einfach.
Ich fürchte, auch der tragische Vorfall von Winnenden wird nicht reichen, um gesellschaftliche Veränderungen hervorzurufen.
Sagt mir mein gesunder Menschenverstand.

Nachtrag: Heute wurde der offene Brief der Familien der Opfer von Winnenden veröffentlicht. Darin werden gesellschaftliche Veränderungen gefordert, u.a. sinnvolle Dinge wie:

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.



Sehr gut.

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17 Gedanken zu „Nun also auch der Bundeshotte. Oder: Was man über Ereignisse wie in Winnenden wissen sollte.

  1. So umfassend wie Du es hier dargestellt hast, wäre jeder Kommentar nur die Wiederholung in Teilauszügen. Meinen Respekt und meine Anerkennung.

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  2. Danke. Ich bin mit dem Artikel nicht zufrieden, aber um ihn rund zu machen bräuchte es mehr Zeit. Und das MUSSTE jetzt mal raus.

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  3. Dieser Artikel bestätigt Ihren Blog-Untertitel: „Das relevanteste Blog der Welt“.
    Ein aktuelles Thema, dass so fundiert und objektiv dargestellt wird, ist im web 2.0 nirgendwo zu finden.
    Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen. Chapeau.

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  4. Danke für Deine Rundum-Perspektive. Über viele Themen (Medien, Waffen, Spiele) wurde bis jetzt endlos und im Kreis diskutiert, die meines Erachtens nach schlüsselwichtigen Größen wie Elternverantwortung und Erziehung wurden kaum beachtet, die Rolle der Schulen mit so absurden Vorschlägen wie Videoüberwachung oder Einlasskontrolle abgearbeitet. Das hier fehlte wirklich.

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  5. Nichts hinzuzufügen und danke, dass du das so treffend auf den Punkt gebracht hast.

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  6. Danke für den Beitrag. Da ich prinzipiell mein Denken nicht abstelle im Gegensatz zu den anderen Kommentaren hier doch noch ein paar Betrachtungen. Da ich die Debatte nicht zerfasern möchte poste ich das hier im Kommentar und nicht in meinem Blog, auch wenn es sehr umfänglich geworden ist:

    1) Anonymisierung der Täter
    Das wird derzeit sehr kontrovers diskutiert, hier hat ein Jura-Prof einen entsprechenden Vorstoß gewagt:
    http://blog.beck.de/2009/03/20/das-schulamokveroeffentlichungsgesetz-ein-vorschlag
    Affektiv möchte man zustimmen: ja, (medial!) erweiterter Suizid wird unattraktiver wenn die Täter nicht mehr bekannt sind. Amokläufer stellen sich wissentlich in eine Tradition von Vorgängern und versuchen vermutlich auch in einer virtuellen „Highscore“ der Opfer nach oben zu klettern. Aber:
    1a) wird man davon ausgehen müssen, dass die Namen letztlich doch bekannt werden. Per Definition sind unglaublich viele andere Personen (bei einer Schule ca. 1.000) beteiligt und es ist nahezu undenkbar, dass die Information nicht binnen weniger Tage das Internet durchdrungen hat. „Eingeweihte Kreise“ werden also immer Bescheid wissen und das steigert vielleicht sogar nur den „kultischen“ Ruhm.
    1b) ist es ein klarer Fall von Medienzensur, wie in den Kommentaren auf der Prof-Seite oben auch sichtbar diskutiert wird. Hier ist schon die Frage erlaubt ob nicht ein Übel zugunsten eines anderen ausgetauscht wird – „zum Wohle der Allgemeinheit“ und da sollte man immer sofort die Ohren spitzen.

    2) Greift mir Dein „die Eltern dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen“ zu kurz. Mit dem Argument „die müssen wissen was die Kinder sehen/spielen“ unterstützt Du ja gerade doch die These, dass entsprechende Medien eine Wirkung haben. Wäre auch nur ein Amoklauf verhindert worden, wenn es CounterStrike nicht geben würde? Ich GLAUBE nein. Wäre auch nur einer möglich gewesen wenn keine Waffen verfügbar gewesen wären? Ich WEIß: ja. Das führt zu

    3) Warum so vorsichtig mit der Forderung „(Schuss) Waffen nur in Sporteinrichtungen?“ Wenn man die Waffen vom Zugriff effektiv ausschließt, gibt es keine Amokläufe mehr – so einfach ist das. Niemand greift zum Küchenmesser – oder wird damit zumindest sonderlich erfolgreich sein. Es gibt kein nachvollziehbares Argument warum Schusswaffen privat gelagert werden sollen. Wenn es Sportgeräte sind, haben sie zu Hause aufgrund der Risiken nichts verloren sondern sind in den Sporteinrichtungen besser aufgehoben. Wenn man befürchtet, dass in den Schützenvereinen dann große „Arsenale“ von Schusswaffen entstehen, die wiederum Ziel etwa terroristischer Begehrlichkeiten werden, gibt es doch zwei Wege:
    3a) Wenn es wirklich um den „Sport“ geht, reichen Luftgewehre. Punkt. Niemand braucht mittlere und große Kaliber für den Sport des Zielens, der ruhigen Hand etc. Alles was über Luftgewehre hinausgeht ist schlicht eins: WAFFENFETISCH (siehe 4.)
    3b) Wenn aus nicht nachvollziehbaren Gründen 3a nicht umsetzbar ist, muss eben der Privatbesitz von größeren Waffen unterbunden werden, sprich in den Vereinen werden die Waffen geteilt. Das wird der Waffenlobby nicht gefallen, aber um die sollten wir aufhören uns zu kümmern.

    4) Die gewaltdurchsetzte Gesellschaft und der Waffenfetisch
    Um es auf eine kurze Formel zu bringen: den Kindern CounterStrike zu verbieten wird solange nichts bringen, wie Vattern nebenan den John Wayne Western laufen hat. Unsere Gesellschaft ist durchsättigt von (medialer) Gewalt. Man kann es Kubrick gar nicht hoch genug anrechnen, dass er als zentrales Motiv der „Menschwerdung“ in 2001 die Erfindung der Waffe ausstellt. Wir hatten den ganzen Diskurs doch schon in den 70ern: „Kriegsspielzeug raus aus den Kinderzimmern!“ Und mit was für einem Erfolg? Es werden 2009 immer noch Unmassen von Spielzeugpistolen verkauft, die Jugend freut sich über immer professionellere Varianten wie „Softair“ bei der AK47 nachgebaut werden (http://www.softairwelt.de/). Und werden sich denn wirklich all die besorgten Väter (und Mütter) ihren Western, ihren Krimi, ihren Actionfilm verbieten lassen? Entscheidend ist, dass unsere Gesellschaft noch immer dem Fetisch der Gewalt frönt, und der Unterschied zwischen einer Folge Tatort und einem Splatterfilm ist kleiner als der zwischen einer Folge Tatort und einer Folge Heidi. Wer verbietet denn endlich das „Räuber und Gendarm“ spielen unserer Kinder, das „Cowboy und Indianer“ spielen? Hier wird nicht abstrakt in einer zweidimensionalen Bildschirmwelt Jagd und Mord simuliert, sondern im realen Leben! Die Hetzjagd ist real, Deckung wird gesucht, Fluchtwege abgeschnitten. Warum schauen wir da weg, wo es viel direkter „eintrainiert“ wird, und das in einem Alter das noch viel prägender ist?

    5) Fazit
    Wenn wir Amokläufe oder (medial) erweiterten Suizid effektiv verhindern und bekämpfen wollen, müssen wir am Gewaltparadigma unserer Gesellschaft ansetzen – das Individuum, auch einzelne besorgte Eltern, haben hier m.E. keine reelle Chance. Was werden wir erst für Außenseiter produzieren, wenn unser Kind als einziges NICHT als Cowboy zu Fasching gehen darf, wenn es als einziger NICHT zu Hause CounterStrike spielt und sich dafür zu den Freunden stehlen muss. Es gibt nur zwei Alternativen:
    5a) wir schaffen es, Gewalt und Waffenfetisch grundsätzlich aus unserer Gesellschaft zu verbannen oder
    5b) wir müssen mit Amokläufen leben.
    Ich fürchte mit Kubrick, wir landen bei 5b.

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  7. Danke für den Kommentar, der einiges nochmal auf den Punkt bringt.
    Zu 2. noch eine Anmerkung: Mein Punkt zielt generell darauf ab, dass Eltern sich dafür interessieren sollen, was ihre Kinder so treiben. Auch im bereich Computerspiele. Mein Lieblingsbeispiel ist eines aus meinem Bekanntenkreis: Ein Jugendlicher, der 12 Stunden pro Tag WOW spielte und dadurch seinen Schulabschluss versiebte. Hat mit Gewaltwirkung erst mal nichts zu tun, wohl aber mit der Verantwortung der Eltern.

    Und natürlich sind nicht alle Inhalte für alle Altersgruppen geeignet. Der 10jährige, der Bioshock spielt, wird zumindest schlecht träumen. Das hätte Mutti durchaus verhindern können, wenn sie sich nur einen Pups interessieren würde.

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  8. Ok, aber ich finde ja vor allem die Frage interessant: WARUM genau zeigt der 10jährige auf Bioshock und sagt „das will ich haben?“
    Werfen wir eine Blick auf das Cover:

    Hier wird nicht gerade ein Teletubbie Spiel beworben, und ich bin mir nicht so sicher ob er wirklich Alpträume bekommen hat – wenn ja, vielleicht hat er genau das gesucht?

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  9. Die Frage finde ich nicht interessant. Auf dem Cover ist ein Typ in einem Anzug in Superheldenpose abgebildet. Welcher 10jährige findet Superhelden in Panzeranzügen nicht cool?

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  10. also erstmal einen Glückwunsch zu diesem Artikel.
    velleicht solltest du den allen Medien zur kostenlosen Verbreitung anbieten (wenn die denn nur etwas Interesse an einer vernünftigen Berichterstattung HÄTTEN)

    zum anderen: Eltern.
    mein Eindruck ist momentan eigentlich, dass sich die Rolle der Eltern auf die Schwangerschaft, Geburt und das erste Lebensjahr beschränkt.
    ab dem ersten Geburtstag wird gegen Stadt/ Land / Fluss geklagt dass keine Aufsichtseinrichtung zur Verfügung steht damit sich die gestressten Eltern wieder ihrem eigenen Leben widmen können.
    hallo, wenn jemand ein Kind in die Welt setzt dann sollen sie sich gefälligst auch drum kümmern. das ist KEINE Aufgabe von anderen Leuten. und um so ein Kind muss man sich auch die ersten 18 Jahre kümmern.
    sonst haltet es wie der Papst und hört auf zu poppen.

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  11. @silencer: also ich sehe da ein Monster mit scheinbar sechs Augen, einem Folter-/Tötungswerkzeug als Arm und einem Zombimädchen mit Drogenspritze im Hintergrund.

    Aber selbst wenn wir bei Deiner Definition bleiben: Superheld in Panzeranzug. Sind Superhelden pazifistisch, oder genauer: sieht dieser Superheld eher friedfertig oder gewaltbereit aus? Und wovor schützt ihn der „Panzer“ Anzug? braucht er den weil er durch blumige Wiesen wandelt?
    Der Punkt ist doch: dieses Cover straht Gewallt, Action und – für mich – Grusel aus.

    Wenn Du nun fragst „welcher 10jährige findet das NICHT cool“ ist das exakt der Punkt auf den ich hinaus will: wenn Gewalt und das „cool“ finden derselbigen selbst bei aufgeklärten Menschen wie uns als normal für 10jährige erachtet wird, dürfen wir uns über Amokläufe nicht wundern.

    Und genau diese Frage ist für mich der alles Entscheidende: ist die Faszination für Gewalt deterministisch im Menschen verankert und von uns nur flickenhaft domestizierbar (so etwa: Sofsky) oder doch anerzogen und durch die Gesellschaft, sprich Gesetze und Erziehung, „ausrottbar“.

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  12. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Gewalt ist ein Bestandteil der Evolution, den kriegt man nicht mit Wollen oder Erziehung gänzlich weg.
    Was sagt denn die Forschung dazu? Ich bin da nicht im Thema, Soziologie war nicht so meins.

    Die Debatte wird an dem Punkt aber ohnehin recht akademisch. Ich finde die Frage am interessantesten, was man realistisch tun kann. Du hast einige interessante Themen angeschnitten. Aufbewahrung von Waffen in Sportheimen halte ich für unrealistisch, sowas wird man nicht durchsetzen können. Die Debatte um die Medien ist da schon näher an der Umsetzbarkeit und die Frage spannenend: Würde es den Kulten etwas den Biden entziehen, wenn man Namen/Bilder des Täters nicht veröffentlicht? Ist das Zensur?

    Ich glaube, es ist keine – wenn die sich die Medien das als Leitlinie zu eigen machen und es nicht staatlich vorgeschrieben wird.

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  13. Ich denke auch, dass Gewaltspiele /-filme programmieren können. Es gibt eben einen großen Batzen Leerspreicher im Hirn, erst Recht bei Jugendlichen. Nun heißt das natürlich nicht, dass jeder Jugendliche oder Ex-Jugendliche gewaltbereit ist, aber diese Programmierung kann auch mal schnell mal Bugs im Prozess von Gewalt-Wahrnehmung hervorrufen. Muss ja nicht gleich aggressive Auswirkungen haben, sondern auch passive Teilnahmslosigkeit auf der anderen Seite.

    Ich halte weder was davon, alles der Politik („Reglementierung!“), Wirtschaft („Profitmacher!“) und Medien („Verrohung!“), noch allein die Last den Eltern zu übertragen. Doch der Schutz von Kindern vor dem Bombardement von Medien und Wirtschaft primär oder sekundär über Mitschüler wird immer schwieriger. Hier ist inzwischen mehr emotionale Erziehung der Eltern gefordert und Vorleben von sozialer Struktur als noch vor 15 Jahren, als irgendwie alles von selbst lief. Leider fehlt immer mehr die Fähigkeit dazu.

    Einschränkungen im Waffenzugang sind übrigens wie Schnupfenspray. Der Schnupfen bleibt. Wenn’s ersmal hilft, OK, ist aber nur Symptombekämpfung.

    Winnenden ist auch nur das geballte Beispiel, wenn Dutzende Opfer auf einmal zu beklagen sind. Was tagtäglich hinter Gardinen, auf Straßen oder Schulhöfen an erhöhter Gewaltbereitschaft passiert, braucht keine bessere Verriegelung von Waffenschränken.

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  14. Donky: In der Wirkungsforschung wird der Abstumpfungseffekt wohl mittlerweile als nachgewiesen angenommen. Verworfen wurde die Katharsistheorie – schade, war ich ein großer Fan von.

    „Emotionale Erziehung“ gefällt mir.

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  15. Bundeshorscht

    Ich finde den Artikel auch gut und denke ähnlich. Bin selber Computerspieler und trotz meiner 25 Jahre Erfahrung mit Spielen (bin 48 Jahre alt) wäre ich nicht in der Lage, eine Waffe zu entsichern und damit auch noch zielsicher zu treffen.

    Die sogenannten Amokläufer waren jeweils geübte Schützen (im real life) und sie haben sich aus dem Waffenschrank der Familie bedient, im Fall von Winnenden lagen gleich 5000 Schuss scharfe Munition griffbereit dazu.

    Die Politiker mit ihren „Killerspielen“ sind meist absolut ahnungslos und spielen gar nicht am Computer. Inzwischen wird ja selbst das harmlose World of Warcraft für bedrohlich gehalten.

    Fakt ist, dass Familienstrukturen zerfallen und dem Einzelnen eine schwer erträgliche Gleichgültigkeit entgegenschlägt. Das führt vermehrt eben auch zu solche traurigen Taten wie in Winnenden.

    Frage zum Schluss: wie kann es sein, dass der Täter mehrere Stunden lang herumlaufen konnte und nicht von der Polizei konsequent attackiert wurde?

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