Rapture gab es wirklich: Die Pullman Company Town

Bioshock im echten Leben?
Das Spiel Bioshock erzählt eine ungewöhnliche Geschichte: Der Industrielle Andre Ryan gründet eine eigene, abgeschottete Stadt. Die soll ein Hort der Freiheit und des Lebens sein, wird für die Bewohner aber zur Hölle, weil der Erbauer der Stadt über die Jahre auch die Menschen als sein Eigentum zu betrachten beginnt. Eines Tage taucht ein Untergrundführer auf, dem sich die Bewohner der Stadt schnell anschließen. Schließlich eskaliert alles in einem großen Aufstand, der letztlich zum Tod Ryans und dem Ende der Stadt Rapture führt.

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Die Geschichte dieser fiktiven Stadt ist spannend, aber eben nur das: Fiktion.
Dachte ich zumindest. Tatsächlich ist aber der Großteil der Story wirklich passiert. Natürlich nicht auf dem Meeresgrund, und Little Sisters kamen auch nicht vor, aber tatsächlich hat schon einmal ein Industrieller eine eigene Stadt errichtet. Seine Geschichte ging ähnlich schlimm aus wie die von Bioshock. Der folgende Text ist SEHR lang, aber ich hatte bei der Recherche das Gefühl auf einen Goldbrocken im Schlamm der Geschichte gestossen zu sein. Ein Brocken, der eine Dokumentation verdient.

Die Geschichte des George M. Pullman
Erfinder, Visionär, Industrieller und letztlich Haßobjekt – so kann man das Leben von George Pullman zusammenfassen. Mr. Pullman wurde 1831 in New York geboren. Irgendwann verschlug es ihn nach Chicago, wo gerade der Bär in der Matschepampe steppte. Die Stadt versank im Schlamm und den Fäkalien der Einwohner. Wegen des schlammigen Untergrunds konnten keine unterirdischen Abwasserkanäle gebaut werden. Also ummauerte man die Strassen und legte Platten drüber, über die dann die Pferdekarren fuhren. Schon war der Kanal fertig, die Strasse 3 Meter höher, und aus dem Erdgeschoss eines Gebäudes war ein Keller geworden. Das gefiel vielen Hausbesitzern nicht, und jetzt kam Pullmans große Stunde. Er adaptierte eine Technik, die schon sein Vater zum Versetzen von Häusern angewandt hatte, um damit die Geschäftshäuser in Chicago anzuheben und ihnen ein neues Fundament zu verpassen.

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Reich wurde er damit nicht, aber zumindest berühmt. Das half ihm in den Folgejahren, als er mit knappen 30 Jahren als Goldhändler arbeitete. Das mehrte seinen Wohlstand und erlaubte es ihm seiner Leidenschaft, dem Erfinden, nachzugehen. Er erfand in der Zeit u.a. den Pullman-Schlafwagen. Einen Eisenbahnwaggon, in dem man während der Fahrt so bequem nächtigen konnte, hatte es bis dahin in dieser Form noch nicht gegeben. Die Eisenbahngesellschaften zeigten sich begeistert, kauften den Wagen aber nicht er war fünf Mal so teuer wie ein normaler Wagen.

Dann landete Pullman einen PR-Stunt: Er transportierte die Leiche Abraham Lincolns in einem seiner „Sleeper“. Ab dem Moment verkauften sich die Dinger wie geschnitten Brot. Durch geschickte Firmenzukäufe wurde aus der Pullman Company ein riesiges Unternehmen, dessen Fokus auf Wagen und Dienstleistungen für die Eisenbahn lag.

Pullmans Stadt: Company Town
Nach Außen versuchte Pullman seine Geschäftsmodelle mit Philanthropie zu verbinden. 1870 war sein Unternehmen dasjenige, das die meisten Afrikaner beschäftigte – sie erbrachten Dienste wie z.B. Näharbeiten in den Pullman-Waggons. Um seine Farbikarbeiter zu binden und damit langfristig besser qualifizieren zu können, kaufte Pullman 16 Quadratkilometer Land südlich von Chicago, heuerte Architekten an und ließ dort innerhalb weniger Jahre eine ästhetisch ansprechende Stadt aus dem Boden stampfen. Sie verfügte über Häuser und Wohnungen für die Arbeiter, eigene Hotels, Kirchen, Geschäfte, Parks und künstliche Seen. Die „Pullman Company Town“ wurde als Sensation gefeiert und landesweit bewundert.

Ansicht der Stadt mit dem Arcadia-Park im Vordergrund. So heisst auch das hydroponische Viertel in der fiktiven Stadt Rapture im Spiel Bioshock.

Ansicht der Stadt mit dem Arcadia-Park im Vordergrund. So heisst auch das hydroponische Viertel in der fiktiven Stadt Rapture im Spiel Bioshock.

Pullman glaubte, dass durch die relative Abgeschiedenheit der Stadt in seinen Augen subversive Elemente wie Gewerkschaftler oder politisch Aktive fernbleiben würden. Seine Arbeiter würden dadurch keine Flausen in den Kopf gesetzt bekommen und mit ihrem Leben zufriedener sein. Und zufriedene Arbeiter sind produktiver. Soweit der Plan. Netter Nebeneffekt: Die Arbeiter konnten nur in Geschäften einkaufen, die Pullman betrieb. Das Geld, dass sie bei ihm verdienten, gaben sie bei ih wieder aus. Eine geniale Idee – mit seinem Mammutprojekt hatte Pullman auf allen Seiten gewonnen: Er hielt seine qualifizieren Arbeiter, hatte keine Personalprobleme, keine Probleme mit Gewerkschaften und verdiente am Ende sogar Geld mit der Stadt.

Er sah sich dabei selbst als ein gütiger Vater, der seinen Schäfchen Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf gab. Tatsächlich führte er sich im Laufe der Zeit immer mehr auf wie ein Despot. Pullman verbot Versammlungen, unabhängige Zeitungen und die meisten Religionen, weshalb die Kirchen leer standen. Später durchstreiften von ihm zusammengestellte Gruppen von Inspektoren die Stadt und drangen willkürlich in die Wohnungen der Arbeiter ein. Entsprach deren Zustand nicht Pullmans Vorstellungen von Sauberkeit, verloren die Bewohner ihren Job und mussten innerhalb von 10 Tagen die Stadt verlassen. Pullman besass die Stadt, und er herrschte über ihre Einwohner.

Leben wie ein König: Innenansicht der Pullman-Residenz

Leben wie ein König: Innenansicht der Pullman-Residenz

Überliefert ist diese Aussage eines Arbeiters der Company Town:

We are born in a Pullman house, fed from the Pullman shops, taught in the Pullman school, catechized in the Pullman Church, and when we die we shall go to the Pullman Hell.

Der Niedergang
Zur Hölle ging die Stadt, als die Gewinne der Pullman Palace Car Company zurück gingen. Die Nachfrage war eingebrochen. Pullman entliess viele Arbeiter, dem Rest kürzte er den Lohn um 25 Prozent. Die Mieten und Preise für Lebensmittel liess er aber auf dem alten Niveau. Kritiker wurden sofort entlassen. Das führte 1894 zu Ereignissen, die als Pullman-Streik in die Geschichte eingingen. Im ganzen Land weigerten sich Bahnbedienstete Züge abzufertigen, die einen Pullman-Schlafwagen angehängt hatten. Auch die Arbeiter in der Stadt streikten zunächst, rebellierten dann und zogen schließlich plündernd durch die Stadt.

Gegen den Willen des Gouverneurs von Illinois entsandte Präsident Cleveland Truppen in die Stadt um die Aufstände niederzuschlagen. Im Anschluss wurde eine Untersuchung eingeleitet, die zu dem Ergebnis kam, das Pullmans durch sein Verhalten Mitschuld an den Aufständen trug.
1897 starb Pullman im Alter von 66 Jahren. Die Erben fürchteten (vermutlich zu recht) das haßerfüllte Arbeiter sich der Leiche vergehen könnten. Der Sarg wurde daher verschweißt, in Teerpappe und Asphalt eingehüllt und dann in einen zimmergroßen Betonblock, verstärkt mit Eisenbahnschienen, eingelassen.

Ambrose Bierce bemerkte dazu:

„It is clear the family in their bereavement was making sure the sonofabitch wasn’t going to get up and come back.“

Ein Jahr später wurde das Unternehmen enteignet und die Pullman Company Town von Chicago eingemeindet.

George Mortimer Pullman und seine Company Town sind ein faszinierendes Stück amerikanischer Geschichte.

Weiterführende Infos gibt es im Virtuellen Pullman-Museum

Kategorien: Ganz Kurz, Historisches | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Rapture gab es wirklich: Die Pullman Company Town

  1. Interessante Lektüre zum Freitagabend. John Katzenbach hat in seinem Roman „Das Rätsel“ ein ähnliches Szenario, eines unanhängigen Staates, verarbeitet. Im übrigen auch ein spannender Roman für die derzeitigen Strandtemperaturen.

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