CeBit 2010: Bilanz

„Und auf diesem Bildschirm können Sie auf einem Tacho die Performance ihres Unternehmens ablesen. Wenn Sie es genauer wollen, schalten sie um auf die Ampelansicht. Die sagt ihnen, ob alles OK ist.“ Die Präsentatorin lächelt ins Publikum. Anstatt ob dieses offensichtlichen Bullshits mit matschigem Obst oder zumindest zweifelnden Nachfragen zu werfen, verfällt die Menge der versammelten Businesskasper in verzücktes Raunen. Einer fragt, ab wann man das Wunderding kaufen kann. Am liebsten möchte er es wohl gleich mitnehmen. Kritische Nachfragen ob der Sinnhaftigkeit solch hoch aggregierter Daten gibt es überhaupt keine. Warum auch, wenn alles so schön bunt ist.

Ich wende mich mit Grauen ab. Früher brauchten Manager noch Excellisten mit Fantasiezahlen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Heute reichen dreifarbige Ampeln und Geschwindigkeitsanzeigen, um ein Unternehmen leiten zu dürfen. Diese Form der hoch aggregierten Dummheit ist leider symptomatisch für die einst bedeutendste Computermesse der Welt.
Willkommen auf der CeBit 2010.

Auch in diesem Jahr ist die CeBit wieder kleiner, aber nicht feiner geworden. Der Schrumpf ist beachtlich und an allen Ecken zu merken. Ganze Hallen auf dem Messegelände in Hannover bleiben geschlossen, die Gänge sind breiter, die Relaxzonen größer. Es sind schon wieder weniger Aussteller, und die, die gekommen sind, haben kleinere und weniger aufwendige Stände. Hübsche Hostessen gibt es nur noch am Stand der Bundesdruckerei, aber die machen sich ihr Geld ja auch selbst. Ansonsten ist überall zu spüren, dass viele Stände gefördert wurden und jeder Aussteller 1.000 Freikarten verschenken durfte.

Natürlich hat auch die CeBit, genau wie jede andere große Messe, mit der Diversifizierung der Messelandschaft und mit den modernen Zeiten zu kämpfen. Für jede Sparte gibt es heute eine Spezialmesse, mit der ein bestimmtes IT-Branchensegment seine Zielgruppe besser erreicht. Früher war die CeBit der wunderbare Hier-Gibts-Alles-Marktplatz, heute gehen die Leute die Schuhe brauchen, lieber gezielt ins Schuhgeschäft. Früher war eine Messe der Ort, an dem Innovationen vorgestellt, bestaunt und diskutiert wurden, heute passiert Produktkommunikation und -diskussion über das Internet.
Dennoch könnte es der CeBit heute besser gehen, wenn Sie nicht ihre treuesten Unterstützer mit voller Absicht vergrault hätte.

Selbst Google leistet sich nur einen kleinen Stand. Im Bild: Street View Fahrzeug (nach dem Besuch von ostfriesischen Hausbesitzern)

„Dieses Linux, das ist jetzt ja auch voll am kommen, oder?“ „Echt?“ – So unterhalten sich zwei Anzugträger inmitten des Open Source Forums. Der Fortgang des Gesprächs bestätigt den Eindruck, dass die beiden keine Ahnung haben, wo und warum sie gerade sind. Und da liegt das eigentliche Dilemma der Cebit: Die Messeleitung hat es erfolgreich geschafft, ihre Fans zu vergraulen, und nur das behalten, was ihr vor dem Platzen der ersten Dotcom-Blase erstrebenswert schien: Die Anzugträger, vulgo: Das Business. Zumindest in der Theorie.

Ende der 90er herrschte Goldgräberstimmung in der IT-Landschaft. Das Internet setzte sich durch, täglich gab es neue Anwendungsideen, Venturekapital sprudelte. Die Cebit war die wichtigste Computermesse der Welt und platzte aus allen Nähten, sowohl was Aussteller- als auch Besucherzahlen anging. Alle kamen nach Hannover, um zu Staunen und Wunder anzusehen. Be there or be square.

Und dann passierte etwas, das ich bis heute nicht ganz verstanden habe. Die Messeleitung war plötzlich der Meinung, dass Endkunden Bäh seien und nicht auf die CeBit gehören würden, dort mache man schliesslich BIG BUSINESS. Also wurden die Consumerprodukte, und mit Ihnen ein Großteil des Innovations-/Staun-/Wunder-Faktors in einen eigene Messe ausgelagert. Die „CeBit Home“ fand nur zwei Mal statt, mit mäßigem Erfolg, dann war sie Geschichte. Endkunden waren dadurch auf der originalen CeBit aber nicht wieder besser gelitten, im Gegenteil. Das BIG BUSINESS sollte ja unter sich bleiben.

Die Jeans- und Pullitragenden Admins, die neue Server angucken, aber nicht sofort tausend Stück davon kaufen wollten, waren nicht gerne gesehen. Genausowenig wie die Nerds, Geeks und Leute, die einfach zum Staunen kamen. Dummerweise besteht der deutsche IT-Mittelstand, traditionell die weitaus größte Ausstellergruppe der CeBit, zum Großteil aus kleinen und mittleren Firmen, die von genau solchen pullitragenden EDVlern betrieben werden und die ganz genau wissen, wie wichtig so ein Publikum und Mundpropaganda für´s Geschäft ist.

Diskriminierend: Menschen mit nur einem Bein dürfen sich auf dem Skywalk nicht locker ans Geländer lehnen.

Leider ignorierte die Messeleitung diese Stimmen, vermutlich weil deutscher Mittelstand nicht unter ihre Definition von BIG BUSINESS fiel. Klar, der deutsche Mittelstand sorgt für 70% der Wertschöpfung im Lande, aber was ist das schon gegen das Prestige der großen Konzerne. Damit hatte man erfolgreich dafür gesorgt, dass die Endkunden vergrault waren und der Mittelstand als Ausstellergruppe erodierte. Andere Messen, wie die IFA, die Systems, Zukunft Personal oder GamesCon klaubten begierig die Brocken auf, die von der CeBit verschmäht wurden. Erstaunlicherweise schien man sich bei der Messeleitung auch noch dafür auf die Schultern zu klopfen, dass man mit den, über Jahrzehnte erarbeiteten, Werten so herumaste.

Heute sitzt man nun Hannover, im nieseligen Märzwetter, und bläst Trübsal. Jedes Jahr kommen weniger Aussteller und weniger Besucher. Die großen Konzerne bleiben mittlerweile ganz weg oder schicken nur noch die Praktikanten oder die dritte Garde des Verkaufs. Die drehen dem Publikum den Rücken zu und spielen am Ausstellungsrechner Farmville. Im besten Fall sammeln sie Visitenkarten ein um sie später an die, leider nicht anwesenden, wichtigen Leute von der BIG BUSINESS-Abteilung weiterleiten. Dazwischen tummeln sich die Anzugträger, die von Technik wenig bis überhaupt keine Ahnung haben, und di sich darüber freuen, dass eine Ampel ihnen sagt, dass alles gut ist.

Kategorien: Berufsleben, Betrachtung | Schlagwörter: , , , | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „CeBit 2010: Bilanz

  1. Danke! Das und Ähnliches ist der Grund, warum ich bereits seit Jahren nicht mehr auf der CeBIT war.

    Davon abgesehen: Sofern sich eine Unternehmensleitung ihre Bodenhaftung einigermaßen bewahrt hat, bedienen sie sich eines kompetenten (Pulli)Mitarbeiters, der das Know How im Hinblick auf Technik und Anwendung bereits mitbringt, statt selbst im Anzug über die CeBIT zu rennen. Insofern dürfte a) die Zahl der Anzugträger ebenfalls abnehmen und b) bald gar keiner mehr die CeBIT besuchen.

    Schade. Wieder einmal wurde eine regelrechte „Institution“ gezielt hingerichtet. Sowas passiert eben, wenn Menschen, die nie „an der Front“ waren über Dinge entscheiden, die sie aufgrund mangelnder Erfahrung gar nicht beurteilen können. Auf diejenigen, die es könnten, will keiner hören. Warum auch? Sie könnten ja recht haben …

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  2. Eine Messe, die das Heilsversprechen des digitalen Lebens predigt und gleichzeitig alles in die Offline-Welt holt, müsste eigentlich ob des grotesken Paradoxons implodieren.

    Und die Verantwortlichen sollten vor lauter Dummheit explodieren: Ausgerechnet bei der CeBIT exorbitante Nutzungspreise für WLan zu verlangen ist wirklich selten bescheuert. Wer aber Karten verschenkt, weil sonst keiner kommen will, muss eben Geld über andere Wege reinbringen. Viele machen das beispielsweise über kostenpflichtige Garderoben… oder sie sind die CeBIT und verlangen 35 Euro für vier Stunden Wifi-Zugang.

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  3. äh, das heißt ich käme da gar nicht drauf?
    gut, mittlerweile kommt jeder auf alle Messen, aber theoretisch sollte ich da gar nicht hinkommen, oder wie?

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  4. Skriptum: Herzlich willkommen hier im Blog. Du hast recht, wäre die Ausrichtung der Cebit eine andere, man müsste die Techniker hinschicken.

    Wortkomplex: Die teuren WLAN-Preise waren mit gar nicht aufgefallen, aber das sind echt Fantasiezahlen.

    Markus: Klar kommst Du rein. Es gab aber Zeiten, in denen Du als Normalsterblicher sehr genau zu spüren bekommen hast, das Du nicht erwünscht bist.

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  5. Also mein Eindruck hat sich auch diesmal wieder bestätigt: Es lohnt nicht die CeBit zu besuchen. Die lästigen Termine mit den Beratern/Verkäufern kann man auch am Telefon abfummeln.

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  6. seit dem Versuch die Heimanwender mal mit der Cebit Home aus den hallen zu fegen und dem Scheitern dieses Versuchs ist die Cebit ein wenig in Kopflosigkeit versunken. Man versucht immer wieder den Spagat zwischen großer Messe und Entertainment für den Heimanwender. Das gelingt in den letzten Jahren immer weniger. Wahrscheinlich auch, weil nicht immer alle ein gleiches Verständnis von ihrer Kundengruppe haben.

    Vor ein paar Jahren war ich selbst mal dort tätig und sprach mit einem Standbetreiber für eine Virenschutzsoftware. Dieser erwiederte auf die Frage, warum man denn so ein Brimborium um den „kleinen Mann“ mache mit Shows und so weiter, dass man nur dadurch den wirklichen Investoren gegenüber was in der Hand hat. Wir haben den Käufer für uns eingenommen, nun hol du lieber Investor den Käufer für uns im Shop ab.

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  7. Daniel: Das stimmt. Persönliche Termine, Videokonferenz, whatever – alles einfacher als ein Messebesuch. Und effizienter.

    Schonzeit: Das würde meinen Eindruck bestätigen, dass die CeBit am Interesse des Mittelstands vorbeilaboriert. Danke für diese Erfahrung aus erster Hand!

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