Der Kleingeldrücken

„DA KÖNNEN SIE MAL SEHEN WAS FÜR EIN SCHLECHTER MENSCH DER IST! IMMER DIE RENTNER!“
brüllt mich der weißhaarige Mann Anfang Siebzig an. Eigentlich will er ja den Mittsiebziger hinter mir anbrüllen, aber da ich mich weigere zur Seite zu treten, bekomme ich halt die volle Lautstärke und den Tröpfchenregen ab.

Was ist geschehen? Ich habe mich versehentlich in den Supermarkt der Irren verlaufen. Einer dieser Supermärkte, die sich einen Bioanstrich geben und die doch nur Lifestyle sind. In denen alles Bio und damit gefühlt doppelt so teuer ist. Einer dieser Märkte, in denen bevorzugt junge Mittelstandsfamilien einkaufen, weil sie so gerne ein bisschen Alternativ wären, dabei im Kern aber doch nur Passatgfahrer sind. Einer jener Märkte, in denen man drei Lebensmittel in den Korb legt und 40 Euro los ist. Die Dinger meide ich normalerweise. Heute wollte ich nur ein paar Brötchen kaufen, kurz vor Feierabend. Und bin nicht nur in einenSchnickisupermarkt, sondern auch gleich noch mitten unter Bescheuerte geraten.

Zwei Kassen waren offen. Das ich an der mit den Komikern stand, merkte ich schon sehr bald. Zwei Plätze vor mir in der Schlange stand einer dieser schizophrenen Mittelstands-Öko-Väter. Kein Geld für den Friseur ausgeben, aber kilometerweit mit der A-Klasse zum Biomarkt fahren. Jederzeit bereit sein die Windeln auszukochen, während Mama eine Cocktailparty mitnimmt. Alles mit Jan-Luka ausdiskutieren wollen, aber abdrehen wenn der Dreijährige die vorgegebene Meinung nicht akzeptiert. So einer. Und genau dieses Bio-Weichei guckte in die Runde der Mitansteher, als Jan-Niklas aus den Tiefen des Einkaufswagen-Autos verkündete „Hupä geht nicht, Ssseisse!“. Der Biovater grinste daraufhin, fragte den Opa hinter ihm: „Haben sie auch einen Dreijährigen mit Tourette-Syndrom“? und sah beifallheischend in die Runde.

Meine Mundwinkel verzogen sich vor Ekel. Das Witzchen war nicht nur 1. doof und 2. hat es der Opa gar nicht verstanden, sondern es war 3. auch noch total unangebracht. Denn Opa hat eine Enkelin im Schlepptau, vielleicht acht Jahre alt. Nicht mit Tourette-, sondern mit Down-Syndrom. Oder Trisomie, wie man heute sagt.

„WAS SAGT ER?“, brülllt Opa den Lockenkopf-Vater an. Der wiederholt sein Witzchen, was es nicht lustiger macht. Der weißhaarige Großvater, versteht immer noch nicht, fühlt sich aber genötigt was zu erwidern „Naja, Hauptsache er ist munter, nicht wahr.“ Der Biovater hatte mittlerweile die Enkelin gesehen und wünschte sich offensichtlich nur noch ein Erdloch zum drin versinken.

Nun ist der Großvater an der Kasse, die von einer jungen Azubine besetzt ist. Er ist bestimmt 1,80 groß und ein Bär von einem Kerl, trägt einen ledernen Trachtenjanker und kauft eine große Anzahl an Zierkürbissen. Irgendwie vermittelt er mir den Eindruck, dass etwas mit ihm nicht ganz stimmt. Vielleicht ist es die Art wie er guckt, oder wie er das speckige Portemonnaie in den Händen dreht, die mich vermuten lassen, dass sein Geist an den Rändern langsam von einer beginnenden Demenz angenagt wird. Irgendwie… will ich mich nur von ihm fernhalten, da ist was nicht ganz koscher.

Wenige Sekunden später wird der Eindruck bestätigt. Auf die Frage, ob er vielleicht 30 Cent klein hat um seine 8 Euro irgendwas zu bezahlen, fragt der Lederjanker in ohrenbetäubender Lautstärke: „Brauchen Sie Kleingeld?“

Die Auszubildene an der Kasse nickt und sagt höflich: „Kleingeld kann ich immer brauchen“.
Argh! Kind! Ich verdrehe innerlich die Augen. Jede Kassenkraft mit Erfahrung weiß: Es mag ja stimmen, das man immer Kleingeld brauchen kann, aber alten Leuten gegenüber sagt man das nicht! Weil die einem sonst die Centstücke einzeln vorzählen und zu jedem noch die Lebensgeschichte parat haben! Wenn man bei alten Leuten auf die Frage „Brauchen sie Kleingeld?“ mit „Ja“ antwortet, braucht man sich bis zum Feierabend nichts mehr vorzunehmen. Und so ganz nebenbei verärgert man ALLE Kunden die sonst noch so an der Kasse anstehen.

So auch jetzt.
„Machen sie mal die Hände so“ spricht er, und schüttet einfach den gesamten Inhalt seines Geldbeutels in die Hände der Kassenkraft. Ein riesiger Haufen. Das Mädchen an der Kasse schluckt, schüttet den Berg auf das Kassenband und fängt tapfer, aber langsam an zu zählen. Münze um Münze klaubt sie einzeln vom Gummiband. Die größten sind 20-Centstücke, aber die sind selten. Fast alles ist Kupfergeld, 1-, 2- und 5-Centstücke. Acht Euro und nen Keks da rauszuzählen dauert ewig.

Nach Minuten schiebt die Azubi den Resthaufen wieder auf Opa zu und sagt dumpf „Danke und schönen Abend noch.“ Der Opa grinst breit, als hinter mir eine Stimme ertönt: „EIGENTLICH müssten SIE sich bei UNS bedanken.“

Opas Grinsen gefriert, sein Kopf zuckt herum. Irnzwie erinnert er gerade an einen Weißkopfadler. Auch ich blicke mich um. Hinter mir steht ein Mann, der ebenso alt sein muss wie der Lederjanker. Er trägt eine grisselgraue Strickweste und ein Pilotenbrillenimitat, wie es zuletzt in den 80ern Mode war. Er hat ein Brot auf dem Kassenband liegen und bringt mimisch zum Ausdruck, dass er sauer ist. Und akustisch auch: „Sie müssten sich bei uns bedanken, das wir hier so eine Geduld haben“, fährt er die Kassenkraft an. Und an den Lederjanker gerichtet: „Was Sie hier machen ist eine Schweinerei, jawoll.“

Dem Kleingeldopa schwillt von jetzt auf gleich der Kamm „ICH habe der jungen Frau hier geholfen, weil die hatte kein Kleingeld mehr!“, brüllt er. Auch der Brotopa fährt die Lautstärke hoch „Hörense doch auf, das ist doch unanständig was sie da machen! Und wir warten hier bis zum Sankt Nimmerleinstag.“

Der Lederjanker macht einen Satz auf den Brotmann zu. Dummer- oder glücklicherweise stehe ich genau dazwischen und gehe demonstrativ nicht aus dem Weg, sondern blockiere denselben.
„DA KÖNNEN SIE MAL SEHEN WAS FÜR EIN SCHLECHTER MENSCH DER IST! IMMER DIE RENTNER!“ spuckt der Münzenmann „HABEN AM MEISTEN ZEIT UND SIND NUR AM MECKERN“
Jetzt legt der Brotmann so richtig los, ich bin allerdings nicht ganz sicher in welcher Realität er sich gerade befindet: „SO WELCHE WIE EUCH, DIE MÜSSEN ERSTMAL DAHIN KOMMEN WO WIR SIND! SOWAS UNANSTÄNDIGES! WIR HABEN NACH DEM KRIEG ALLES AUFGEBAUT“.

Oh Mann. Wo soll denn das jetzt bitte hingehen? Die beiden Knacker stehen sich gegenüber und brüllen sich an. Ich stehe dazwischen und meine zu spüren, wie mir von vorne und hinten die Speicheltröpfchen um die Ohren fliegen. Die Azubine sitzt mit großen Augen daneben und guckt von einem zum anderen.
In dem Moment habe ich ein Bild von einer Horde Affen vor Augen, in der sich die Silberrücken aufgepumpt haben und sich aus Imponiergehabe anbrüllen. Wobei der Kleingeldrücken jetzt richtig aggressiv wird und schlagende Handbewegungen in Richtung Brotrücken macht. Mir reicht´s jetzt entgültig, ich habe 12 Stunden gearbeitet, ein Schlafdefizit, leichte Kopfschmerzen und Hunger. Was ich nicht habe, ist Lust, mir diesen Kindergartenscheiss von zwei senilen Senioren bieten zu lassen. Und überhaupt, auch bei den Primaten haben die jüngeren und stärkeren Männchen irgendwann das sagen.

Ich hole tief Luft und donnere: „Meine Herren! Ich will jetzt hier augenblicklich Ruhe haben. Wir haben doch alle Feierabend und Zeit, oder? Und die Sache ist durch, also MACHEN WIR JETZT ENDLICH WEITER. ODER SONST.“
Stille.
Der Brotopa guckt runter auf sein Brot.
Der Münzjanker funkelt den Brotopa böse, eine Ader pocht an seiner Schläfe. Er holt tief Luft, aber ich schneide ihm das Wort ab. „Kümmern Sie sich bitte um ihre Enkeltochter!“
Er sieht sich um und merkt, das die kleine fassungslos und mit Tränen in den Augen hinter ihm steht. Sie versteht offensichtlich nicht, warum ihr Opa gerade so böse ist. Der rafft seine Zierkürbisse zusammen, greift sich die Hand der Enkelin und verlässt unter lauten Schnauben den Laden. „So einer wie der…“ murmelt es hinter meinem Rücken und verstummt dann, als der Brotmann merkt, dass ich mich nicht mit ihm gemein machen will. Natürlich hat er im Kern recht – das mit dem Münzberg war schon dreist. Aber es bringt nichts, sich deswegen mit einem debil wirkenden Menschen anzulegen. Und schon gar nicht auf eine solche Art und Weise.

Ich wünsche der Kassenkraft einen schönen Feierabend. Sie lächelt mit dem Mund, ihren Augen sehe ich an, dass sie die Nummer sehr erschreckt hat. Gewöhn dich besser an solche Situationen und leg Dir schon mal passende Sätze dafür zurecht, denk ich mir. Denn sowas wird immer wieder passieren.
Es ist schon erstaunlich, wie schnell alte Herrschaften auf´s übelste ausfallend werden können. Natürlich können das alle anderen Altersgruppen auch, aber bei unseren Senioren erstaunt mich das doch immer wieder auf´s Neue.

Kategorien: Gnadenloses Leben | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Der Kleingeldrücken

  1. Man sucht den Kopf zum Umschalten, weg vom Trash-TV. Wilde Sache das.

    OT: Wir sollten ein Kassenblog erwägen. 😉

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  2. *Knopf *sry

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  3. Kassenblog, oh ja! Ich hatte da in den letzten Tagen noch zwei solcher Geschichten.

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  4. Oha, Altersstarrsinn gepaart mit Demenz… eine unheilige Allianz. Die werden dann wirklich unberechenbar. 😦

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  5. graval

    Wie ein klischeehafter Sketch. Wäre es nmicht von dir, ich würde die Wahrheit anzweifeln ^^ 🙂

    Mein Neffe und ich (vorallem aber er) wurden gerade eben von der älteren Nachbarin, die auch eher verbittert rüberkommt, angebauzt, weil wir sie wegen einem Fussball aufm Balkon beim Nachrichtenschauen störten… :/ Soll vorkommen 😉

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  6. Wenn die nur könnten, wie sie wollten…
    Gut geschlichtet!

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  7. An manchen Tagen haben sie alle, alle, alle Ausgang…

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  8. Hab selbst mal ein halbes Jahr als Kassierer gejobt, da kann man viele lustige Geschichten erzählen. Zum Beispiel wie ein 80 Jährige mir ihre Nummer für gemeinsame Stündchen geben wollte oder ein Verrückter Drogensüchtiger unserem Security-Mann ne Spritze in den Arm gerammt hat. Jaja, kassieren ist lustig. Möchten sie eine Tüte dazu?

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  9. Olli: DAS Buch muss ich auch noch lesen. Ich habe selbst meine Zeit an der Kasse hinter mir, zum Glück ist mir aber nie sowas schlimmes passiert wie dem Securityman. bei Dir.

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