Neulich, beim Bäcker

„Und was kostet der Kirschplunder mit einem Kaffee?“
Der Bäckereifachverkäufer lächelt die alte Dame vor ihm gequält an.
„Das gleiche wie der Puddingplunder. Ein Euro fünfzig. Das ist das Angebot. Ein Teilchen und eine Tasse Kaffee. Für einsfünfzig.“
Die ca. Mittfünfzigerin blickt sich suchend in der Auslage um. Sie wird flankiert von einer älteren Dame um die 70 zur Rechten und einer Teenagerin zur Linken.
„Und was kostet die Streuselplunder mit einem Kaffee?“
„Einsfünfzig.“
„Und wenn wir das einzeln nehmen?“
„Dann bezahlen Sie mehr.“
„Soso“, sagt die Frau. Plötzlich hellt sich ihre Miene auf. „Dann ist zusammen ja billiger.“

Oh. Mein. Gott. sagt die Stimme in meinem Hinterkopf in bestem Higgins-Tonfall. Ich beruhige mich damit, dass ich hier ein wissenschaftliches Experiment durchführe. Teilnehmende Beobachtung: Werden drei Generationen einer Plunderliebenden Familie es schaffen eine Bestellung aufzugeben ohne den Verkäufer den Wahnsinn zu treiben? Bis zu meinem Termin sind ja noch 10 Minuten. Bis dahin werden die wohl fertig werden und ich kann mir ein Brötchen kaufen, mir hängt der Magen in den Kniekehlen.

„Ja. Ist ein Angebot. Das ist preiswerter“, sagt der junge Verkäufer. Vielleicht ist er auch Auszubildener, jedenfalls noch nicht lange genug dabei um sich keine Mühe mehr zu geben oder die Preise im Kopf zu haben.
„Und wenn wir… Einen Plunder nehmen und noch einen Kirschplunder und dazu drei Kaffee?“
Ich rolle mit den Augen, der Verkäufer tippt und rechnet und nennt einen Betrag.
„Und wenn wir…“, setzt die Frau an und zusselt an dem Goldkettchen an ihrer Brille rum, „…nur einen Puddingplunder nehmen und dazu drei Kaffee?“
Ich starre an die Decke, der Verkäufer hantiert mit dem Kassenschlüssel um die letzte Eingabe zu stornieren und tippt und rechnet und nennt einen Betrag.

„Ich will aber keinen Kaffee, dann kannich nich schlafen“, meldet sich die alte Dame in den Siebzigern zu Wort, „Oder wollt ihr mich umbringen?“
Da spricht der Frust, die alte Dame ist bestimmt Insassin Gast des Altersheims der Seniorenresidenz nebenan und wird von Tochter und Enkelin ausgeführt. Wahrscheinlich hat sie Geburtstag oder so.

Die Fünfzigerin hat wohl jetzt das billigste Angebot ermittelt und legt fest, das zwei Teilchen und drei Heißgetränke im Budget sind und geordert werden dürfen.
„Mutti, was willste denn?“
„Was gibt es denn?“
„Das da“, deutet die Muttitochter in Richtung Auslage.
„Was isn das?“, fragt Mutti
„Teilchen“, mischt sich die Teenagerin ein
„Was ist denn das da für eins?“, will Mutti wissen
Vor einer Minute haben sie es noch gewust, aber nun glotzen alle drei den Bäckereifachsazubi an, der gerade verträumt auf die Brüste der Tochtertochter starrt.

„Äh. Puddingplunder“
„Und das?“
„Kirschplunder.“
„Und das?“

Higgins tobt in meinem Hinterkopf herum und brüllt: OH. MEIN. GOTT. Wie lange wollen Sie sich das noch antun? Higgins ist auch dann höflich un siezt micb wenn er wütend ist. Ich wippe auf den Zehenspitzen hin und her. Noch fünf Minuten bis zum Termin.

„Und das?“
„Das ist eine Cremetorte“
„Die will ich“, raunzt Mutti.
„Aber Mutti, das ist kein Teilchen. Das Angebot gilt nur für Teilchen“, sagt die Mittfünfzigerin vorwurfsvoll und wendet sich an den Verkäufer. „Wir nehmen eine Puddingschnecke und einen Kirschplunder. Und dazu zwei Kaffe und einen… haben sie auch entkoffeinierten? Ja? Dann zwei Kaffee und einen entkoffeinierten und wie ich gesagt habe: dazu halt den Kirschplunder und den Streuseltaler da.“
Jetzt wird die Teenagerin laut und nöhlt „Du hast aber eben nicht Streuseltaler gesagt. Und ich will auch einen entkoffeinierten“.

Der Verkäufer stellt die erste Tasse Kaffee unter die Maschine. Ich habe zu viel Erfahrung mit sowas um die nicht zu erkennen: Eine Franke-Bremer ohne Servierstation. Toller Kaffee, aber langsam wie Sau, die Dinger. Ein Albtraum, wenn eine Busladung Koffeinabhängiger vor der Tür steht. Ich blicke auf die Uhr. Noch drei Minuten.

„Können wir auch ein Messerchen haben?“, will die Goldkettchenbrille wissen.
„Was?“ fragt der Verkäufer, dessen Blick beim Umdrehen zufällig schon wieder ins Dekolletäterä der Teenietussi fällt.
„Ein Messerchen, damit wir den Plunder teilen können, sonst schaffen wir das ja gar nicht.“
„Ich schaff das“, mufft Mutti, die offensichtlich keine Angst vor Plundern hat.
„Ach Mutti!“

Nun gut, der Kaffee läuft, das Messerchen wird besorgt, die Herde zieht zwei Meter nach rechts und stellt sich Lippenleckend zur Tablettausgabe. Endlich geht es hier mal signifikant voran. Mutti schnappt sich einen ganzen Plunder und rennt damit los in Richtung Terasse, das Dekolleté hinterher, und die Goldmuttitochter zählt schonmal die Centstücke auf den Tresen. Kann ja nicht mehr lange dauern hier. Ich krieg noch mein Brötchen.

„Entschuldigen Sie, die Damen“, unterbricht der Bäckerstift meine hoffnungsvollen Fantasien, „Ich habe nur noch Pulver für einen Entkoffeinierten.“
Ich reisse die Augen auf und gucke entsetzt. Plötzlich taucht Magnum in meinem Hinterkopf auf. Er hebt die Hände, senkt das Haupt entschuldigend Richtung Higgins und sagt den berühmten Satz Ich weiß was sie jetzt denken. Und sie haben recht.

Und schon brüllt es quer durch den Laden „Muuuutti! Was willst Du nochmal trinken?“
Zack, stehen alle drei Weiber wieder am Tresen. „Und wenn wie einen Kakao dazu nehmen“ „Das ginge auch“ „Ich will keinen Kakao, wollt ihr mich umbringen?“ „Menno, dann trink ich halt normalen Kaffee“ „Und wenn wir….“

Ich kann nicht mehr. Es bricht aus mir heraus. Ich kann den Lachanfall nicht mehr zurückhalten und pruste laut los. Die drei Generationen drehen sich um und glotzen mich mit erblich bedingter Dumpfbackigkeit an. Die kapieren überhaupt nicht, was sie hier seit geschlagenenen 10 Minuten abziehen. Ich glotze debil zurück und sage breit grinsend: „Wissens was? Lassen Sie sich doch einfach noch ein wenig Zeit. Solche Entscheidungen sollte man nicht überstürzen.“ Dann drehe ich mich um und verlasse den Laden.
Hinter mir knödelt die mittlere Generation in einem Korkenzieherton aus Nörgel und Missbilligung „Ja, wollten sie was Einzelnes bestellen??“
Ja, nee. Jetzt nicht mehr. Zwar kein Brötchen bekommen, aber dafür kostenlos beim Improtheater dabei gewesen. Oder durch ein dunkles Portal temporär in die 60er-Jahre-Spießbürgerwelt Welt von Loriot gerutscht. Ist ja auch was.

Kategorien: Gnadenloses Leben | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Neulich, beim Bäcker

  1. solche Szenen gibt es bei uns regelmäßig Samstag Vormittags beim Bäcker auf dem OBI Parkplatz. ich mache mir seit längerer Zeit Freitag Abends ein Brot und nehme das Samstag mit zur Arbeit.

    und ich möchte auflösen: du hast Hunger.
    🙂

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  2. graval

    Ganz genial. Warum passiert das immer dir? 😀 Ich krieg immer die Leute die Monologe auf dem Bahnhof abziehen, aber die sind nicht so lustig wie deine 😛 😉

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  3. Oha, das klingt nach dem grenzdebilen Ostviertel mit seinem erhöhten Gerontenanteil. Wärste mal zum Re.WE umme Ecke gegangen. :mrgreen:

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  4. zimtapfel

    Man könnte meinen, solche Figuren lauern dir auf. 😀

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  5. Danke, dass ihr soooo laaaaange Beiträge überhaupt lest. Ich glaube ja nicht, dass die mir auflauern. Ich glaube, diese Doofheit gibt es überall. Man muss sie bloß aufschreiben.

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  6. Was heißt hier ‚…überhaupt lest…‘. So etwas muss gelesen werden. Pflicht. :mrgreen:

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  7. graval

    Wollte ich auch gerade anmerken 😉

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