Auf Butterfahrt beim Zahnarzt

Herr Silencer hatte ein Erlebnis beim Zahnarzt das er unbedingt mitteilen muss. Dabei geht es um marode Zähne, marode Gesundheitswesen und Nuffelmuffen. Am Ende kommt der Autor zu einer erstaunlichen, ja lebensverändernden Einsicht. Aber bis dahin wird keiner lesen, denn der Text ist viel zu lang und sollte von Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne nicht angeguckt werden. Ach, am besten guckt niemand den Text an, in seinen Lücken hängen noch Speisereste.

„Aha. Hm-Hm. 7.1 C, 7.2 C“, murmelt der Zahnarzt vor sich hin, während er mit Spiegel und Haken in meinem Mund rumstochert. Es ist das erste Mal das ich in dieser Praxis bin. Mich plagen stechende Zahnschmerzen in einem Backenzahn, fühlt sich nach einem Loch an.

Den neuen Zahnarzt habe ich aus Faulheit gewählt. Er hat seine Praxis quasi im Nachbarhaus. Das ist bequem, und auch wenn Zahnarztauswahl gemeinhin als Vertrauenssache gilt. Zahnärztewahlen sind etwas sehr intimes, aber witzigerweise weniger intim als die Wahl anderer Fachärzte. Mich hat noch niemand gefragt, ob ich einen guten Proktologen kenne. Die sucht man wohl eher über´s Telefonbuch, als jemand anders wissen zu lassen, das man da Hinten/Untenrum beschwerden hat.

Aber bei Zahnärzten sieht das anderes aus. Sucht man einen Zahnarzt, dann fragt man im Bekanntenkreis rum und lässt sich Empfehlungen geben. Witzigerweise hat fast jeder Bekannte den „besten Zahnarzt der Stadt“ und weiß dafür drei „Pfuscher, die überhaupt keine Ahnung haben“ – wobei der gleiche Arzt, je nachdem wen man fragt, mal in die eine und mal in die andere Kategorie fällt.

Zahnarztwahl ist also Vertrauenssache. Aber warum nur? Das fragte ich mich, als ich meinen neuen Arzt nach der Entfernung auswählte. Immerhin ist es letztlich zum großen Teil Handwerk, und das muss jeder Zahnarzt beherrschen. Der Leistungskatalog und die Vergütung wird von den Krankenkassen vorgegeben. Müsste es nicht eine Niveauangleichung gegeben haben, die Zahnärzte letztlich… austauschbar macht? Hat in unserem Gesundheitssystem so etwas wie „Vertrauen“ noch einen Platz und, falls ja, noch Berechtigung, oder ist das ein überholtes Konzept?

„8.1 ist da. Ansonsten sind die dritten Molaren noch nicht durchgebrochen“
„Wai i kai´e ha´e“, stosse ich hervor
„Wie bitte?“, fragt der Arzt und zieht seine Werkzeuge aus meinem Mund.
„Weil ich keine weiteren Weisheitszähne habe. Ich habe nur den einen“, sage ich etwas deutlicher.
„Das kann gar nicht sein, das sollten wir röntgen. Das wollte ich eigentlich vermeiden, ich möchte eigentlich nur Dinge machen, die wirklich notwendig sind“, erwidert der Arzt.
„Das hört sich gut an.“
„Und bei Ihnen ist eine ganze Menge zu machen“, sagt er ernst.
Jetzt ist es an mir, laut „Wie BITTE?“ zu sagen.

Ich bin nicht ganz unstolz auf meine Zähne. Trotz jahrelanger Raucherei und fortgesetzten Kaffeekonsums sind sie nicht verfärbt, Zahnstein ist gänzlich unbekannt und gegen die Karies putze ich zwei, manchmal dreimal am Tag an und verwende bei Bedarf Zahnseide. Abgesehen von Füllungen in den Backenzähnen, die noch aus jungen Jahren stammen und immer wieder Einfallstor für kleinere Löcher sind, ist mein Gebiß in einem guten Zustand. Dachte ich. Bis jetzt.

Pinguine sehen Dich an. (Selbstgemaltes) Bild unter der Decke der *guten* Zahnarztpraxis.

„Ja, sehen sie“, fährt der neue Zahnarzt fort, „Sie haben Karies hier, hier und hier. Hier beginnt was. Und dort liegt ein Zahnhals frei, das kann zu Parodontose führen.

Hä? Ich habe den ganzen Mund voller Karies? Wie konnte denn das passieren?!? Gut, ich war jetzt schon drei Jahre nicht mehr zur Kontrolle, aber…

„Und hier, da habe ich was entdeckt, gucken sie mal selbst, nehmen sie mal den Spiegel, ich zeige ihnen das, damit sie es auch glauben“, spricht der Arzt und drückt mir einen Handspiegel in selbige. Gemeinsam gucken wir einen Zahn an, den er von hinten beleuchtet und der daraufhin fast transparent scheint. „Sehen sie das? Das dunkle da im Zahninneren? Das ist unter einer Kunststofffüllung. Das ist eine riesige Karies. Oder, haha, die Reste einer alten Füllung. Nee, im Ernst, das wird es kaum sein. Das ist Karies. Riesig. Haben sie da keine Schmerzen? Nein? Wahrscheinlich ist die Wurzel schon tot. Muss trotzdem die ganze Füllung raus.“

OMG. Die Kunststofffüllung hatte mein letzter Arzt gemacht. Den hielt ich für ganz fähig, wie konnte der nur so rumpfuschen?

Moment mal… „Ich zeige ihnen das Mal, damit sie´s selbst sehen…“ Das habe ich zuletzt in einer Autowerkstatt gehört. Danach hatte der Techniker auf eine Irgendwas an der Radaufhängung gedeutet und gesagt: „Die Hinterachsbuchsen sind so runter, mit denen kann ich sie gar nicht vom Hof lassen. Die müssen gemacht werden. Wenn sie das nicht machen, fahren sie auf eigene Verantwortung. Eigentlich müsste ich den Wagen stilllegen.“

Ich als Laie sehe da halt dann dieses Dings, diese Nuffelmuffen-or-whatnot, das ist schwarz, und wenn der Mann-der-Ahnung-hat mich vor dem sicheren Tod durch Nuffelmuffenabnutzung retten kann, dann muss ich ihm doch dankbar sein und ihm sofort die 800 Euro dafür geben, oder? Oder?

„Und hier oben, unter den Amalagamfüllungen, sieht es nicht besser aus. Da fehlt auch ein Stück. Nehmen wir auch raus. Problem dabei: Die Füllung ist groß, das kriegen wir nicht neu verfüllt. Aber da stellen wir bei der Krankenkasse einen schönen Antrag, und dann bezahlen die eine Krone.“

WAASSSSS???? Brüllt es innerlich in mir. Eine KRONE??? Ey, bis eben waren meine Zähne noch IN ORDNUNG! DAS KANN DOCH GAR NICHT SEIN!!!

Bei den Schnuffelmuffen war ich ähnlich geschockt. Aber bei der Werkstatt gehören schocken und Verunsicherung der Kunden auch zur Verkaufsstrategie. Fear Sells. Einem geschockten Kunden fällt dann evtl. auch nicht auf, dass solche Lappalien wie „Wischwasser aufgefüllt“ und „Wunderbaum ausgetauscht“ mit je 20 Euro auf der Rechnung auftauchen.

„Jetzt macht ihnen unsere Andrea noch den Zahnstein weg, poliert die Zähne und dann machen wir mal schön Termine für eine Füllungstherapie. Und wegen der Kronen unten und oben machen sie sich mal keine Sorgen.“
„Moment“. unterbreche ich den Redeschwall, „Wieso Krone unten? Sie haben nur was von oben gesagt!“
„Tja“, meint der Arzt, „Unten muss aber auch. Ist besser.“
„Aber Zahnsteinentfernung brauche ich nicht, ich habe keinen Zahnstein. Und Zahnpolitur kostet doch extra, das will ich auch gerade nicht.“

Der Arzt guckt mich schief an und rückt auf seinem Rollschemel wieder näher.
„Sie haben da aber Beläge, das muss sein. Und wo wir gerade dabei sind, hier, in diesem geschützten Raum: Ihre Zahnzwischenräume sind dort zu groß. Da sollte man was machen. Da setzen sich Speisereste rein, und das riecht man. Auch wenn sich noch niemand getraut hat Ihnen das zu sagen, aber ich bin ja ihr Arzt: Sie haben Mundgeruch. Am beste wäre es, den Zahn dort zu entfernen und einen Ersatz anzustreben. Machen Sie sich keine Gedanken, zahlt zum Großteil die Kasse.“

Als ob es dadurch besser würde. Kostenexplosion im Gesundheitswesen, anyone? Als Kassenpatient kriegt man ja leider nie mit, was die Schergen Dottores so alles bei den Kassen abrechnen. Wären Ärzte Autowerkstätten, würde sie mit Sicherheit auch die Kalibrierung des Fluxkompensators auf die Rechnung setzen.

Wenig später, in Ruhe und zu Hause, geht mir das Gespräch noch einmal durch den Kopf. Ich bin niedergeschlagen, weil mein Mund offensichtlich eine Ruine ist und ich größere Beträge in die Sanierung stecken darf. Im Laufe des Abends kommt Verärgerung hinzu. Verärgerung über meine eigene Hilflosigkeit gegenüber diesem Zahnarzt. Ich bin in einer Situation, in der ich vollkommen seiner Expertise ausgeliefert bin. Ich kann nicht selbst einschätzen was nötig ist und was nicht. Ich kann nicht bewerten oder beurteilen was er mir erzählt.

Diese Hilflosigkeit ist ungewohnt und sehr unangenehm. Ich bin es gewohnt, mich, im Zweifel über das Internet, binnen Minuten in ein Gebiet einzulesen, um anschliessend Zusammenhänge zumindest zu verstehen, wenn nicht bewerten zu können. Hier geht das nicht. Ich muss das Urteil des Arztes hinnehmen und alles glauben was er mir erzählt. Ich muss es ihm abkaufen, auch wenn seine einzige Begründung „weil es sein muss“ ist, ein rotziges Pendant zum noch rotzigeren „Darum“. Wir müssen das machen, aus Gründen.

Ich habe keine Ahnung von der Materie, jemand, der es gut mit mir meint und dem ich vertrauen MUSS sagt mir, was ich kaufen soll – ich beginne zu ahnen, wie sich Senioren auf einer Butterfahrt fühlen, wenn die Lamadecken mit den kreislaufanregenden Erdmagneten zu Fantasiepreisen feilgeboten werden. Wenn man die nicht kauft stirbt man ja quasi nächste Woche. Sagt der Gerd, und dem muss ich vertrauen, weil der mir ja das Mittagessen und die Busfahrt spendiert hat. Wie kann man so jemandem nicht vertrauen?

Meine eigene Unfähigkeit, in dieser Situation zu agieren und das diffuse Gefühl, dass der Arzt seine Vertrauensstellung ausnutzt („Karies! Füllungstherapie! Kronen!“) machen mich wütend. Ich beschliesse, am nächsten Tag zu meinem Stammzahnarzt zu gehen. Bei der Sache mit den Hinterachsbuchsen bin ich am nächsten Tag auch, verunsichert und nervös wegen des Gedankens, dass das Auto ein Schrotthaufen ist und Horrorsummen kosten wird, in meine Stammwerkstatt gefahren, um eine zweite Meinung einzuholen.

„Aha. Hm-Hm. 7.1 OB, 7.2 OB“, murmelt der Zahnarzt vor sich hin, während er mit Spiegel und Haken in meinem Mund rumstochert. Er ist sehr jung, frisch von der Uni, ich habe ihn in der Praxis noch nie gesehen. Er spricht sehr technisch und distanziert, gibt sich aber sichtbar Mühe und will alles korrekt machen. „Nein, ich kann nichts finden. Alles ohne Befund. Die schmerzende Stelle ist nicht kariös, und auch sonst sieht alles wirklich gut aus. Vielleicht sind sie wetterfühlig geworden?“
„Und was ist mit dem dunklen Fleck da unter der Kunststofffüllung?“, frage ich vorsichtig, um sicherzugehen das er nichts übersehen hat.

„Da hatten Sie mal eine Amalgamfüllung, die ist zwar raus, hat aber an der Stelle den Zahn verfärbt.“
„Und was ist mit der großen Füllung da oben?“, frage ich weiter. Er prüft nochmal nach. „Die ist vollkommen OK. Keine Beläge, keine Undichtigkeiten, alles in Ordnung.“
„Und was ist mit den Zahnzwischenräumen dort oben?“
„Was soll damit denn sein? Die sind zwar größer als sie sein könnten, aber da hängen doch keine Speisereste oder sowas drin. Das ist alles gut geputzt, alles andere würde man sehen. Und, hihi, riechen. Aber da ist nichts, wirklich.“

INTERESSANT.

Vergleichen wir nochmal: Der neue Zahnarzt hat allerorten Karies diagnostiziert und versucht mir Zahnreinigung, Zahnpolitur, eine Füllungstherapie inkl. Kronen zu verkaufen und, als ich mich unwillig zeigte, mir Mundgeruch vorgeworfen und die Entfernung gesunder Zähne angeraten.

Der andere Zahnarzt, obwohl mir nicht persönlich nicht bekannt, konnte nichts feststellen.

Zahnarztwahl IST also noch Vertrauenssache. Das die Kosten im Gesundheitswesen von Jahr zu Jahr steigen, ist wohl auch zum Gutteil der Tatsache geschuldet, dass manche Ärzte eine geradezu widerwärtige Selbstbedienungsmentalität zu Lasten der Patienten und Kassen an den Tag legen. Vertrauen ist also heutzutage nicht obsolet, sondern nahezu unabdingbar.

Ohne Vertrauen funktioniert das ganze System nicht, und da man Menschen nicht vertrauen kann, ist genau das der Fall: Das Gesundheitssystem geht den Bach runter, weil es auf Vertrauen und Selbstverpflichtung und hippokratischen Eiden und der Ehre der Ärzte aufgebaut ist. Das ist ein Fehler in der Grundarchitektur, und den müsste man mal angehen. Nochmal zum Mitschreiben: Unser Gesundheitssystem hat einen inhärenten Konstruktionsfehler: Es basiert auf Vertrauen, was aber nicht gerechtfertigt ist.

Das persönliche Sparsamkeit nicht honoriert wird, wenn man als Patient unsinnige Dinge nicht machen lässt, ist klar: Keiner, ausser dem Arzt selbst, kann wirklich sagen was sinnig ist und was nicht.

Bei den Nuffelmuffen am Auto war es übrigens ähnlich. Die Vertragswerkstatt guckte nach der Horrordiagnose genau hin und sagte, nach eingehender Untersuchung: „Keine Panik. Die Hinterachsbuchsen sind vollkommen OK, die halten noch mindestens fünfzigtausend Kilometer.

Kategorien: Betrachtung, Gnadenloses Leben, Historisches, Rant | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Auf Butterfahrt beim Zahnarzt

  1. ohne Worte.

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  2. ja, faszinierend.
    ich bin da ja oldschool und gehe seit ~25-30 Jahren in die gleiche Praxis, wo allerdings vor ~15-18 Jahren der Arzt gewechselt hat.

    gooooogle hat übrigens für ‚Nuffelmuffen‘ hier nur einen diesen Treffer, für ‚Schnuffelmuffen‘ gibt es allerdings schon drei …
    🙂

    dazu fallen mir 2 Überschriften der Welt online heute ein, da stand untereinander ‚jeder 3. Bundesbürger geht nicht zum Zahnarzt‘ und darunter ‚irgedwas höchste Krankenkassenausgaben ever‘, so in der Art, das fand ich wohl lustig.
    🙂

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  3. Tja, in Österreich siehst keinen Cent für Kronen und ähnliches, aber wir zahlen (selbst) gerne für Dinge die wir nicht wissen…

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  4. Umf. Naja, bei uns gibt es fast nichts dazu, es sei denn, Du hast eine Zusatzversicherung.

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  5. Gusteau

    Deswegen gehe ich immer noch zu meinem Zahndoctore auch wenn es eine Stunde Fahrt einfach bedeutet; aber ich habe viel zu viel Anngst, was ein Neuer alles an „Bedarf“ entdecken würde

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