AC2-Tourtagebuch: San Gimignano – Biss zur Schwarzen Katze

Im Januar 2010 spielte Herr Silencer das Spiel „Assassins Creed II“, dessen Handlung im Italien der Renaissance angesiedelt ist. Schlimm: Er entwickelte die fixe Idee, die Orte im Spiel mit eigenen Augen sehen und erleben zu wollen.
Und so begab es sich, dass er sich mit Kollege Modnerd im September 2010 aufmachte, um die Orte in ACII zu besuchen. Dies ist das Reisetagebuch der Assassins Creed II Tour.

Tag 2
Ort Parrana di San Giusta, Volterra, San Gimignano, Colle di Val d´Elsa
Zeit 8.15 Uhr
Hotel Cristall
Schlüssel des Tages
Strecke ca. 110 km Karte: Google Maps
Zustand Eddi Eingestaubt, Beule in der Tür
Wort des Tages Longinotti

Nach einem kurzen Frühstück verlassen wir die bergigen Hügel um San Giusta. Dazu muss ich Kletterfähigkeiten beweisen: Das stählerne Tor des „Le Grazie“ Anwesens weigert sich, den in der Lichtschranke rumstehenden, staubigen kleinen Fiat durchzulassen. Also ab über die Mauer und von der anderen Seite gegengetreten, zack, ist unser kleiner Edi in die Freiheit der toskanischen Hügel entlassen.

Heute beginnt der wirklich spannende Teil der Reise; wir werden einen der Orte besuchen, die im Spiel „Assassins Creed II“ vorkommen: <San Gimignano. Aber bevor es soweit ist, holpern Modnerd und ich über schmale Landstrassen, an verdorrten Sonneblumenfeldern und brachliegende Äckern vorbei. Der Weg schraubt sich immer weiter in die Höhe, bis er auf einem Hochplateau in Volterra mündet.

Volterra ist ein faszinierender Ort. Die uralte Etruskerstadt liegt taktisch hervorragend auf ihrem Bergrücken, mit einem großartigen Blick über die umliegenden Ländereien. Schon vor 1.600 Jahren war sie von einer gewaltigen, fast 8 Kilometer langen Mauer umgeben, in deren Inneren über 25.000 Menschen lebten. Eine echte, befestigte Metropole. Genützt hat es freilich nichts, die Römer haben sie trotzdem eingenommen.

Heute wirkt die Stadt durch ihre engen, tiefen Gassen, in die wenig Sonne dringt, recht düster.
Vielleicht mit ein Grund, weshalb Teile der „Twilight“-Bücher hier spielen.

Die Volteraner sind übrigens ziemlich angenervt von dem Twilight-Kram. Zum einen wegen der vielen pubertierenden Mädchen. Die stürmen in Horden die Stadt und fragen jeden, der nicht bei drei versteckt ist, WO denn jetzt der Brunnen auf dem Piaza dei Priori ist, durch dessen sprudelnde Fontänen Bella in Zeitlupe in die Arme von Edward stolperte. Wenn sie dann erfahren das es den gar nicht gbt, Stephanie Meyer den Brunnen zusammenfantasiert hat und überhaupt noch nie in Volterra war, dann sind die kleinen Mädchen fassungslos. Das die Stephenie Meyer so hemmungslos lügt! aber zum Glück nur was Brunnen angeht, so lange das mit den Vampiren stimmt, ist noch alles in Ordnung.

Zum anderen ist Volterra verärgert, weil die Twilight-Filme nicht in Volterra, sondern im, weit südlich gelegenen, Montepulciano gedreht wurden. Wohl, weil Montepulciano glaubhaft darlegen konnte, dass es mehr nach Volterra aussieht als das echte Volterra. Wie in dem alten Sketch, in dem der Filmemacher erklärt, dass man beim Film Pferde weißgefleckt anmalt, wenn man Kühe filmen muss, weil echte Kühe im Film zu wenig nach Kuh aussehen. Er sagt allerdings nicht, was man anmalen muss, wenn man Pferde filmen will.



Sei es drum, Volterra ist trotzdem eine wunderbares, mittelalterliches Städtchen, durch das sich, ein Stück Pizza in der Hand, wunderbar bummeln und gucken lässt. In kleinen Werkstätten arbeiten die Alabasterschleifer vor sich hin, bis zum letzten Flimmerhärchen in weißem Staub, und schaffen grazile Kunstwerke.

Das Rathaus ist das älteste in der Toskana. Es wurde im 13. Jahrhundert erichtet und diente als Vorbild für alle anderen, auch das berümhmte Rathaus am Campo in Siena oder dem Palazzo Vecchio in Florenz.

Von einer Mauer herab kann man in eine römisches Theater blicken. Oder was halt davon übrg ist.

Moment… kommt mir das nicht bekannt vor?

Tatsächlich, in Assassins Creed II finden sich ganz ähnliche Ruinen, im Spiel allerdings neben San Gimignano verortet. Dort gibt es alledings in der Realität keine solche Stätte, so dass es durchaus sein kann, dass die Spieldesigner das von Volterra als Vorbild genommen haben.

Italienische Behörden sind übrigens durchaus praktisch veranlagt. Was macht man mit einer Medici-Festung in einer ummauerten Stadt mit Meilenweit überschaubarem Land drum rum? Na klar: Man baut einen Park.

Und dann macht man aus der Festung ein Hochsicherheitsgefängnis.

Von Volterra aus geht es weiter nach Westen, und eine kurze Fahrt später stehen wir vor den Toren von San Gimignano. Hier deckt im Spiel der junge Ezio Auditore die Pazzi-Verschwörung zum Sturz der Medici aufdeckt und den Hinweis erhält, dass die eigentlichen Drahtzieher des Komplotts in Venedig zu finden sind.

San Gimignano macht im Spiel viel Spass, weil es jede Menge hohe Türme zum Erklettern und entdecken gibt. Diese „Geschlechtertürme“ sind es, die dem Ort den Spitznamen „Manhattan des Mittelalters“ eingebracht haben. Zwar stehen heute nur noch 15 der einst 72 Türme, dennoch ist die Silhouette der Stadt beeindruckend.


(c) Kevin Poh, CC-Lizenz, Flickr

Zum Vergleich: Die Stadt im Videospiel

Das die Stadt so in die Höhe wuchs, hat viel mit Eitelkeit zu tun. Statt bequemer Villen baute sich jede reiche Familie der Stadt hatten einen Turm, und war stets bemüht den höher zu bauen als alle anderen. Und so wuchs die Stadt immer weiter, bis eines Tages von offizieller Seite verfügt wurde, dass kein Turm eines der Adelsgeschlechter höher sein durfte als der Torre Grossa, der Turm des Rathauses. Ist ja auch logisch. Wenn man sein Ding den „großen Turm“ nennt, obwohl er gar nicht der größte ist, macht man sich lächerlich. Die Familien wurden daraufhin spitzfindig. Manche bauten allen Ernstes bis auf weige Zentimeter an die Höhe des Torre Grossa heran und pflanzten DANN einen Baum auf die Spitze des Turms. Das war nicht verboten, und -ZACK- hatte die Familie wieder den Längsten.

Als ich das Stadttor von san Gimignano durchschreite packt mich eine kribbelige Aufregung. Deswegen bin ich überhaupt nach Italien gefahren, um die Orte des Spiels mit der Relaität zu vergleichen. Und nun setzte ich tatsächlich meinen Fuss auf den Boden einer stadt, die ich virtuell schon so oft durchstreift habe. In deren Gassen ich in den Nächten Schwertkämpe ausgefochten und über deren Dächer ich geklettert bin. Da, die Ecke dort kenne ich doch!

Ach nein, das sah im Spiel anders aus. Aber diese Gasse hier… Oder der Turm dort…
Plötzlich geht mir auf, dass die Designer des Spiels etwas ganz kunstvolles geschafft haben. Sie haben das Aussehen und wie die Stadt sich anfühlt übertragen bekommen OHNE alles Zentimeterweise nachzubauen. Das San Gimignano im Spiel ist, die Strassen verlaufen anders, und bis auf einzelne Gebäude und die generelle Form des Ortes stimmt kaum etwas. Und dennoch würde selbst jemand, der das echte San Gimignano kennt, nach einem Blick auf das Spiel sofort sagen: Das muss es sein.

So sieht es dort aus.
Stimmung und Gefühl zu übertragen – das ist die Hohe Kunst.

Eine ansteigende Strasse muss man hochlaufen, wenn man den Ort durch das Haupttor betritt. Teile und Versatzstücke der Häuserfronten finden sich im Spiel wieder.

Diese Ecke hier z.B. beherbergt im Game den Schneider, bei dem man seine Kleidung in den Farben „Ebony“ und „Ivory“ färben lassen kann, was prompt das Achievment „Perfect Harmony“ auslöst. Netter Gag.

Ebenfalls gut wieder zu erkennen: Die Kirche und das Rathaus.

Am historischen Marktplatz man das zweitbeste Eis von ganz Italien geniessen.

Aber Vorsicht: Danach hat man klebrige Finger, weil es schneller schmilzt als man gucken kann, und es gibt Meilenweit nur eine einzige, schmuddelige Waschgelegenheit. Sehr unangenehm.

Ein genauerer Blick auf die Geschlechtertürme, auf denen man im Spiel so hervorragend rumklettern kann.

Der Torre Grossa, der große Turm.

Ezio führt im Licht der aufgehenden Sonne einen Sprung vom Torre Grossa aus:

Torre dei Salvucci, die „Twin Towers“:

Torre del Diavolo:

In Assassins Creed II geht es auch darum, die Grüfte von Vorfahren zu finden und dort geheime Siegel zu bergen. Eines dieser Assassinengräber liegt verborgen in einer Passage unterhalb des Torre Grossa. Um Zugang zu erlangen, muss man einen geheimen Schalter drücken.

In der Realität findet sich der Gang so ähnlich wieder:

Und an der Stelle, wo der geheime Türöffner im Spiel sitzt,

sieht es so aus:

Fazit: Ja, man erkennt die Stadt absolut wieder. Das liegt aber in erster Linie an der Art der Bauwerke, den Farben den „Landmarks“, jener markanten Bauwerke, sind wirklich SEHR exakt nachgebaut wurden. Ansonsten stimmt wenig – die Strassen verlaufen grob ähnlich, sind aber mal breiter, mal schmaler, je nachdem wie es dem Spielspass beim Freerunning dienlich ist. Trotzdem: Es ist schon erhebend, spo durch die Stadt zu laufen. Als ob man selbst in einer sehr detaillierten Animus-Simulation ist.

Nachdem wir sang Gimignano bis zur Erschöpfung erkundet haben, geht es weiter nach Colle de Val d´Elsa. Die „Hügel am Tal der Elsa“ sind sprichwörtlich. Die Stadt ist in zwei Teile zersägt. Die Altstadt liegt auf einem Berg, die Neustadt an dessen Fuß. Beide Stadteile sind über einen Aufzug miteinander verbunden, dessen untere Station im Berg liegt und die man durch einen schön ausgeleuchteten Stollen erreicht.

Dann rumpelt und pumpelt man ganz langsam im Aufzug hundert Meter in einem Schacht herum, in dem das Kondenswasser (hoffentlich!) von der Decke tropft, bis man in einem Glaskasten in der Altstadt herauskommt.


Durchaus nett anzuschauen ist die Glasbläserkunst, die hier allerorten – und manchmal auch im Vorgarten – betrieben wird.

Man glaubt übrigens gar nicht, wie schwer es ist, den Wunsch, einen Korkenzieher zu erstehen, zu vermitteln, wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Irgendwann hat aber doch einer der zahnlosen Geronten im Hier-Gibts-Alles-Laden verstanden ws wir wollen, und verhökert uns für unfassbare 10 Euro einen Billigöffner im Wert von 50 Cent. Hinter dem Tresen läuft eine komische Show im Fernsehen, bei dem halb nackte Mädels um eine Frau im Latexkostüm herumtanzen. Sie faucht und macht kratzende Handbewegungen, und während ihr fast links und rechts die Brüste aus dem Plastiklaibchen fallen, wird dazu „Gatta Nera“ – Schwarze Katze – eingeblendet. Seriously, Italia: WTF? Das würde bei uns erst ab 23 Uhr gezeigt.

Im winzigen Innhof des Sporthotels „Cristall“ gießen Herr Modnerd und ich uns erstmal gepflegt einen echten San Gimignano hinter die Binde, starren in den Nachthimmel über der Toskana und planen jobtechnisch „The Next Big Thing“.

Erkenntnis des Tages
Was man über italienische Gepflogenheiten wissen sollte, aber in keinem Reiseführer steht.
Heute: Schnüre über Betten
Irgendwo im Hotelzimmer gibt es einen Schalter mit einer Schnur. Wenn man daran rumzuppelt, passiert meist gar nichts: Kein Licht geht an, keine Hupe ertönt, kein Vorhang hebt sich. Im besten Fall! Im schlimmsten (was eigentlich der Normalfall sein sollte) kommt der Portier angerannt oder ds Telefon klingelt, und man wird nach seinem Befinden befragt. Bei den Schnurschalter handelt es sich, zumindest in vielen Hotels, um Notfallklingeln. In einigen der von uns besuchten Hotel waren die allerdings mit Klebeband verklebt, abgeschnitten und unser anfängliches Gezappel wurde weitgehend ignoriert. Vermutlich begegnen italienische Portiers dem Notfallgeläut mit stoischer Gleichgültigkeit, weil sie um den Spieltrieb deutscher Tourist wissen.

Archiv:
Prolog
AC2-Tourtagebuch (1): Schotten, BHs und ein Alptraum
AC2-Tourtagebuch (2): Kein Frühstück in Mailand
AC2-Tourtagebuch (3): Palmen, Meer und fünf Länder
AC2-Tourtagebuch (4): Wer ist Oggi? Und was macht er in der Toskana?

Kategorien: Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

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