Wohnzimmerkrokodile

Herr Silencer war schon wieder „auf´m Amt“. Dabei ist ihm was aufgefallen.

Kürzlich unterhielt ich mich mit jemandem, der bei der Stadt beschäftigt ist. Wie viele Beschäftigte im Öffentlichen Dienst hat er im Laufe der Jahre die Kunst des Jammerns zur Perfektion entwickelt. Wer will es ihm verdenken, berechtigte Gründe gibt es viele. An diesem Abend aber jammerte er über mangelnden Respekt der Bürgerinnen und Bürgern gegenüber Personen seiner Profession. Ich verbiss mir einen Wortbeitrag zu diesem Thema, habe ich doch eine dezidierte Meinung dazu. Die durch den heutigen Besuch des hiesigen Rathauses mal wieder bestärkt wurde.

Respekt, das muss deutlich vorangestellt werden, muss man sich verdienen. Das Verdienen von Respekt wird durch die Erscheinung entscheidend mitgeprägt. In früheren Zeiten wusste man das. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass der Herr Amtsrat aus einem gestärkten Kragen heraus und über den Rand eines erhöht aufgebauten Schreibtisches auf die Bürger herabsah, bevor er sie mit gewählten Worten ansprach – allein die Aufmachung der Amtsstube sollte Respekt einflößen. Und das funktionierte.

Irgendwann im Laufe der Zeit muss dieses Wissen wohl verloren gegangen sein. Ich komme gerade aus dem Rathaus, wo ich meine Lizenz habe umschreiben lassen, und bin doch einigermaßen erschüttert. Der Grund dafür ist der mangelnde Respekt – der Angestellten und Beamten gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern.

Es fängt bei Kleidung und Aufmachung an – die Hälfte der herumschluffenden und -lungernden Personen in den Gängen hätte ich von Aussehen und Kleidung nicht von den Gestalten unterscheiden können, die vor dem Tresen der Bahnhofskneipe leben. Einzig die Akten oder große Brötchentüten, die sie mit sich herumtrugen, verrieten das sichere Arbeitsverhältnis auf meine Kosten.

Wirkliche Abgründe tun sich beim Betreten der ehemaligen Amtsstube auf. Plötzlich steht man nicht mehr auf einem nüchternen Gang im Stile des Béton brûte, sondern mitten in subtropischen Gefilden. Könnte man jedenfalls meinen, nach einem Blick auf die Vegetation: Mannshohe Benjamini und riesige Palmen geben sich ein Stelldichein mit langen Reihen von Blümchen und Kakteen. Inmitten dieser grünen Hölle hockt die Beamtin oder der Verwaltungsfachangestellte und guckt gleichzeitig ausdruckslos und gereizt, wie ein Krokodil, da man beim Mittagsschlaf stört.

Besonders schön sind die Großraumbüros, wo einen bis zu drei Krokodile anglotzen und dasjenige, das zuerst zuckt, verliert. Es wird nicht zur Handtasche, aber die Chancen stehen gut, dass der Eindringling das Zucken als freundlichen Gruß und Aufforderung zum Nähertreten fehlinterpretiert und dann Arbeit ansteht.

Begibt man sich in die Tiefe der grünen Hölle, nimmt man man als Besucher noch mehr Details war. Das im Hintergrund Formatradio dudelt, zum Beispiel. Oder das jeder eine „lustige“ Bürotasse vor sich stehen hat und mit der rechten Hand auf einem Mauspad mit Familienfoto herumgleitet. Überhaupt: Schreibtischschmuck. Insbesondere der Flachbildschirm hat darunter zu leiden. Er ist nicht nur von einer Bazillion Schlümpfe, tanzenden Hippos und pupsenden Pingus aus dem Überraschungsei umstellt, sondern auch flächendeckend bis zur letzten Lüftungsöffnung beklebt. Zum Teil mit gelben Klebezetteln („KENNWORT VON OLAF: BergKarpfen. ACHTUNG, GEHEIM!!!!! „), zum weitaus größten Teil aber mit Postkarten und Fotos. Neben Ansichtskarten aus fernen Ländern sind es überwiegend „lustige“ Karten, vorzugsweise geflügelorientiert, auf denen sich Hühner für Adler halten oder Küken verkünden, das sie Karate können. Direkt daneben hängt die ganze Familien auf zwei Dutzend Einzelfotos, von den Kindern und dem Ehegespons über Urlaubsbilder bis hin zu Aufnahmen von Uroma und ihrem offenen Bein.

Das sind offenbar die kleinen Fundstücke, die hier präsentiert werden, sozusagen das Treibgut an den Gestaden des Bürostrandes. RICHTIG schlimm wird es, wenn die Insassen der Anstalt zielgerichtet dekorieren. Dann hockt die Mittvierzigerin vor einer Wand, die einer Fototapete gleicht, von der herab Robert Pattison und dieser Werwolfjunge halbnackt und lüstern in die Kamera starren. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass auch im Rathaus noch keine Gleichbehandlung der Geschlechter erfolgt. Zum Glück, denn wenn die Dame ein mittvierzigjähriger, übergewichtiger und ungepflegter KERL wäre, der sich sein Büro mit den Fotos halb nackter und lüstern schauender Teenagerinnen tapeziert – man kann sich ausmalen, was dann passieren würde.

Ich könnte noch stundenlang weiter über Mülleimer mit der Aufschrift „Datenmüll“ oder Schminkspiegel an der Bürowand schreiben, worauf ich hinaus will ist aber Folgendes: NIEMAND, der einen Arbeitsplatz, der Laufkundschaft mit sich bringt, wie sein Wohnzimmer einrichtet und dann auch noch angepisst ist, das fremde Leute selbiges betreten, hat Respekt verdient. Denkt eigentlich KEINER von der Bande darüber nach, was für eine Wirkung das auf die Bürgerinnen und Bürger hat, wenn Sie ein KFZ anmelden wollen und plötzlich knietief in Kuschelbären stehen?

Selbst wenn man auf Lebenszeit verbeamtet ist, heisst das nicht, dass man seine Arbeitsstelle so einrichten darf, als ob man bis zum Ende seines Lebens da wohnen würde. Es gibt Dinge, die sollten einfach selbstverständlich sei: Jeder Azubi im Metallgewerke lernt, wie wichtig es ist, seinen Arbeitsplatz sauber zu halten. Und der Öffentliche Dienst bekommt das nicht hin?

Aber vielleicht interpretiere ich das ja auch alles falsch. Vielleicht sind die lustigen Karten, Tassen, Masuspads, Überraschungseifiguren, Topfpflanzen, Poster, Porzellanfigürchen, Scherzartikel und Werbekalender, mit denen die Schreibtische ausstaffiert sind, in Wahrheit kleine Gaben von Bittstellern. Kleine Opfer, damit irgendwelche Vorgänge bearbeitet werden. Vielleicht ist es üblich, solchen Kram vor den Schreibtischen der Macht abzulegen, um Wohlwollen bei den Krokodilen zu beschwören, und ich habe von diesem Ritus bislang nur nichts mitbekommen. Das würde zumindest einiges erklären.

Die Erklärung, warum ich den Insassen des Rathauses keinen Respekt entgegen bringen kann, liegt jedenfalls auf der Hand bzw. auf deren Schreibtisch. Wie kann ich jemanden ernst nehmen, der mich aus einem Wald von Schnickschnack böse anstarrt, aus einer „Ich bin 40, bitte helfen sie mir über die Strasse“-Tasse nippt und auf Bildern an der Wand halbnackt auf einer Strandparty herumhüpft? Eben.

Kategorien: Betrachtung | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Wohnzimmerkrokodile

  1. zimtapfel

    Ganz genau.
    Hättste dich dem Schreibtisch gesenkten Hauptes und mit beiden Armen voller lustiger Karten, Tassen, Mauspads, Überraschungseifiguren, Topfpflanzen, Poster, Porzellanfigürchen, Scherzartikel und Werbekalender genähert, um diese Ladung ehrerbietigst dort abzulegen, dich in gebückter Haltung rückwärts ein paar Schritte zurückgezogen und auf Ansprache durch das amtierende Krokodil gewartet, wäre dein Anliegen zwar mit herablassender Freundlichkeit aber doch umso umgehender bearbeitet worden.
    Fürs näxte Mal weisste Bescheid!

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  2. Ich war heute auch auf dem Amt. Konnte aber nix dergleichen entdecken. Vielleicht konnte ich auch einfach nicht schnell genug gucken, weil die von mir abzuholenden Unterlagen schon bereitlagen und ich nur noch Perso zeigen und 10 Euro abgeben musste. Da war der Amtsbesuch nach 3 Minuten erledigt. Wow!

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  3. haha, sehr schön!
    da macht das zum-Amt-laufen doch doppelt Spaß!
    😀

    bei uns ist die Führerschein- und KFZ-Zulassungsstelle eigentlich das einzige Amt was noch von den Bürgern betreten wird, alles andere fand in Bürgerbüros in den einzelnen Ortsteilen statt. und weil die zu teuer und aufgelöst wurden, werden Anträge für neue Ausweise zum Beispiel und alles andere mögliche bei uns heute in Bankfilialen in den einzelnen Ortsteilen bearbeitet.
    da kommt dann 2-3x die Woche für 2 Stunden ein Beamtenmensch mit seiner mobilen Ausrüstung hin und dann kann man da alles mögliche beantragen oder was auch immer. Abholen muss man sich einen neuen Ausweis zum Beispiel dann aber trotzdem in der nächsten Stadt im Rathaus, weil alles andere wäre zu einfach. so kommt es dann daß der entsprechende Amtsarbeitsplatz wohl sauber und aufgeräumt ist, weil ja nur teilweise von Beamten besetzt, dafür aber JEDER der da irgendetwas möchte von dem zuständigen Bankmitarbeiter zugelabert wird von wegen Geldanlage, neuem tollen Konto usw….

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  4. Zimt: Achsogehtdas! Danke der Aufklärung!

    St3fan: Schnelle Wahrnehmung kann man trainieren. Ich empfehle die Rezeption des aktuell im Kino laufenden „Sherlock Holmes 2“: „Ich sehe ALLES“

    Markus: Ich bin nach der Schilderung nicht ganz sicher ob ich das jetzt gut oder schlecht finde mit den Außendienstlern. Wie hat sich das denn nach Deiner Einschätzung bewährt? Und: Wieviele Sparkonten hast Du jetzt?

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