Assassins Creed II Tour (7): Florenz!


Im Januar 2010 spielte Herr Silencer „Assassins Creed II“, dessen Handlung im Italien der Renaissance angesiedelt ist. Er verstieg sich daraufhin in die fixe Idee, etwas zu tun, was vor ihm noch niemand gemacht hatte: Die Orte im Spiel mit eigenen Augen zu sehen, zu erleben und mit der Spielumsetzung zu vergleichen.
Und so begab es sich, dass er sich mit Kollege Modnerd im September 2010 aufmachte, um diese Orte zu besuchen. Dies ist das Reisetagebuch der Assassins Creed II Tour.

Archiv:
Prolog
AC2-Tourtagebuch (1): Schotten, BHs und ein Alptraum
AC2-Tourtagebuch (2): Kein Frühstück in Mailand
AC2-Tourtagebuch (3): Palmen, Meer und fünf Länder
AC2-Tourtagebuch (4): Wer ist Oggi? Und was macht er in der Toskana?
AC2-Tourtagebuch (5): San Gimignano: Biss zur schwarzen Katze
AC2-Tourtagebuch (6): Monteriggioni, Schabracken und rasende Stachelschweine

Tag 5
Ort Loro Ciufenna, Florenz, Bologna, Budrio
Zeit 8.15 Uhr
Hotel Sport
Schlüssel des Tages

Strecke ca. 200 km


Karte: Google Maps

Zustand Eddi Eingestaubt, Beule in der Tür, NASS
Wort des Tages Nogarole Rocca

Das ist ja hier kein Urlaub, sondern eine Forschungsreise mit massiert wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse. Das sage ich mir zumindest, um – gefühlt viel zu früh – aus dem Bett zu kommen. Bei dem Gedanken an unser heutiges Ziel fällt das Aufstehen leicht: Es wird nach Florenz gehen! Die Wiege der Renaissance! Der Stadt, die heute noch einen eigenen Rettungsdienst für Leute hat, die in der Stadt mit synaptischem Overload zusammenbrechen, weil die viele Schönheit ihnen das Hirn überlastet hat!

Das Frühstück ist denkwürdig: Zum einen ist, nur für uns, in der Bar des Fox´s Inn ein Tischchen gedeckt. Zum anderen gibt es nur Prosciutto Crudo (roher Schinken, Spezialität des Dorfes) auf süßen Brötchen – die Ialiener können Frühstück echt nicht. Es is seltsam, in der alten, dunklen Bar, die ganz aus Eichenholz gemacht ist, zu frühstücken. Mittlerweile gibt es das Fox´s Inn schon nicht mehr. Schade.

Danach geht es sofort los. Der Weg nach Florenz fährt sich weg wie nichts, und schon eine Stunde später kurven wir über den Piazzale Michelangelo. Das ist ein großer Parkplatz auf einem der Berge über Florenz, den uns ein Bekannter als Geheimtip empfohlen hat – angeblich kann man da super parken. Stimmt auch, nur leider wissen das zwei Millionen anderer Leute auch. Aber: An der Strasse „Viale Michelangiolo“, die den Berg hinab führt, kann man ebenfalls parken. Dort gibt es mehr als genug Platz, und es kostet nicht mal was. Wir lassen Edi dort zurück und machen uns zu Fuß auf den Weg.

Der erste Ausblick haut mich schier aus den Socken: Im Tal liegt Florenz, hingestreckt wie gemalt, und es ist wunderschön. Der mächtige Dom dominiert das Stadtbild.

Einen schnellen Abstieg ist schon der Ponte Vecchio, die berühmte Brücke über den Arno, zu sehen. Links und rechts des Fußweges sind Ladengeschäfte direkt auf die Brücke gebaut, was aus der Ferne den Eindruck erweckt, als wäre da ein Haus quer über dem Fluss liegen. Hier bietet sich auch schon der erste Vergleich mit Assassins Creed II an: Der Ponte Vecchio ist auch im Spiel enthalten – hier prügelt sich der junge Ezio Auditore mit Vieri Pazzi, und hier ist auch der Ort, an dem er sich heimlich mit Giovanni d´Medici trifft und an dem später das Fegefeuer der Eitelkeiten tobt.

Dieser Bolzenschneider hinter einem Stand auf dem Ponte Vecchio fiel mir auf. Ich wunderte mich, was der da wohl macht. Die Erklärung fand ich ein Jahr später, beim Stöbern in der Assassins Creed Datenbank.

Wie heute an jeder Dorfbrücke, schwören sich natürlich auch auf der zweitberühmtesten Brücke Europas Teenies ihre ewige Liebe, ketten ein Vorhängeschloss ans Geländer und werfen den Schlüssel in den Fluss. Was sie nicht wissen: Die Händler (und wenn nicht die, dann die Polizei) kneifen jeden Abend alle Schlösser wieder ab. Soviel zum Aspekt der Ewigkeit, bei aller Liebe.

Fegefeuer der Eitelkeiten: Der Mönch Savonarola herrschte kurze Zeit über Florenz und ordnete die Verbrennung von allen Gegenständen an, die der Eitelkeit der Mensche vorschub hießen. Bücher, Gemälde, Möbel und Kleider. Wie Savonarola das gemacht hat, weiß bis heute niemand. Im Spiel nutzte er dafür den "Edenapfel", ein Artefakt zur Gedankenkontrolle.

Zum Glück sind die finsteren Zeiten der Ignoranz und irgendwelcher Fegefeuer vorbei. Heute präsentiert sich Florenz verführerisch und lockt mit Kunst, Kultur und – süßen Verführungen:

Mit dieser betörenden Kombination ist die Stadt natürlich ein bevorzugtes Ziel von Touristen. Im Juli und August, während Städte wie Pisa quasi entvölkert in der Sommerhitze einstauben und die Einwohner am Strand liegen, bekommt man in Florenz kein Bein auf den Boden. Am Besten besucht man die Stadt in der Nachsaison, im September oder Oktober. Dann sind Menschenmassen und Klima erträglich, und auch die Wartezeiten in Museen und Kirchen halten sich in Grenzen.

Nur ein paar Schritte vom Ponte Vecchio liegt das Rathaus, der Palazzo degli Signoria. Die Signori waren der Stadtrat. In AC2 haben der Platz und das Rathaus eine wichtige Rolle. Zunächst wird Ezios Familie im Turm des Rathauses eingesperrt, und er muss des Nachts an der Außenwand hochklettern um sie zu sehen. Am nächsten Tag wird er dann Zeuge, wie sein Vater und seine Brüder auf dem Platz aufgeknüpft werden. Dieses traumatische Erlebnis und der Wunsch nach Rache sind es, die Ezio die in den nächsten 30 Jahren antreiben werden und ihn erst die Pazzi-Verschwörung aufdecken lässt und ihn schließlich in eine Konfrontation mit den Borgia und dem Vatikan führt.

Entsprechend seiner Bedeutung ist der Platz und das Rathaus auch im Spiel sehr detailgetreu, wenn auch stark verkleinert, modelliert. Und tatsächlich befinden sich im Turm zwei kleine Zellen. Eine davon war beheimatete lange Zeit Cosimo die Medici.

Die Loggia dei Lanzi ist ein Bogengebilde, in dem früher die Signori, der Stadtrat, eingeschworen wurde. Als die Medici die Macht übernahmen, bauten Sie einen Balkon oben drauf, von dem aus sie auf die demokratisch gewählten Volksvertreter heruntersahen. Auf diese Weise machten sie gleich mal klar, wie die Rangfolge wirklich aussah.

Noch ein Stückchen hinter dem Rathausplatz liegt der Dom mit der berühmten Kuppel. Hundert Jahre hatte der Dom kein Dach, weil niemand wusste, wie man eine so große Kuppel bauen kann. Bis ein junger Konstrukteur namens Brunelleschi die zündende Idee hatte: Eine selbsttragende Ziegelkuppel, die vom Gewicht der Ampel an der Spitze zusammengehalten wird. Brunelleschi war übrigens nicht nur ein genialer Baumeister, sondern auch ein Spassvogel. Er ersann einen so überzeugenden Prank, dass er bei einem seiner Opfer eine Persönlichkeitsspaltung hervorrief. Nunja.

Der Dom ist übrigens dreckig. Grund: Fußgängerzonen hält man in Italien für etwas, das nur anderen passiert. Erst vor zwei Jahren konnte ein neuer Bürgermeister eine Autofreie Innenstadt in Florenz durchsetzen. Bis dahin schlugen sich Abgase und Dreck auf den Kunstwerken nieder. Überhaupt habe ich Florenz als recht dreckige, übel riechende und dunkle Stadt erlebt. Lediglich die Pracht der Bauwerke macht das wieder wett.

Wie alle anderen Landmarks auch, ist der Dom wunderbar detailliert modelliert. Lediglich im Maßstab ist er verkleinert, was aber erstaunlicherweise im Spiel nicht auffällt – es wirkt alles absolut „echt“. Da ist sie wieder, die Kunst, ein GEFÜHL künstlich rüberzubringen. Die Orte fühlen sich echt an und besitzen die Ausstrahlung des Originals.

Im Jahr 1476, in dem Assassins Creed in Florenz spielt, war die Fassade des Doms noch nicht fertig:

Der Campanile, der freistehende Glockenturm:

Zwanzig Minuten vom Dom entfernt liegt das Ospedale degli Innocenti, dem ersten Waisenhaus mit Babyklappe der Welt. In dem Innenhof muss Ezio in der Episode „Fegefeuer der Eitelkeiten“ einen verrückten Pestarzt zur Räson bringen.

Nicht weit davon: Santa Croce, die größte Franziskanerkirche der Welt. Normalerweise blieben Franziskaner am Rande von Siedlungen und lebten in bescheidenen Klöstern, nur hier ist es mit ihnen durchgegangen. Die Kirche hat übrigens keinen Glockenturm. Der Bau wurde zwar im 16. Jahrhundert begonnen, aber nie beendet, 350 Jahre später warf man die Reste Weg und machte irgendwas Hübsches daraus.

Der Rückweg führt am Palazzo Pitti vorbei, der Ort, an dem Savonarola im Spiel in seinem eigenen Fegefeuer landen wird, nachdem Ezio in der Quelle seiner Macht beraubt hat. Auch hier wieder: Alles stimmt bis in die Details, nur der Maßstab ist verkleinert.

Maßstäblich ist auch die ganze Stadt im Spiel stark verkleinert. Das Grundlayout stimmt in ungefähr, aber vieles befindet sich nicht am rechten Platz, und bis auf die Landmarks stimmen auch die Gebäude nicht. Echt anfühlen tut es sich aber dennoch.

In Italien gibt es die kleinsten und gelbsten Autos

Am Rande der Strada Michelangelo nehmen wir auf einer Bank einen Salat mit Pecorino ein, als plötzlich der Himmel aufbricht und ein Platzregen niedergeht. Hastig wirft Modnerd unsere Sachen ins Auto – darunter leider auch eine offene 1,5 Liter Flasche mit Wasser, so dass Edi nun von Innen und Außen nass ist.

Du machst was verkehrt

Der Ärger ist vergessen, als wir kurze Zeit später durch Bologna fahren, die Stadt der Arkaden. Als Uni-Angestellten gruselt es Modnerd, wenn er Bologna nur hört, aber ich find´s gut.

Hier gibt es auch einen Club der Freidenker, dessen Logo verdächtig nach einer Assassinengilde aussieht:

In der Nähe von Bologna, in Budrio, wird das Nachtlager aufgeschlagen. Dort gibt es in der Osteria „La Caponata“ einen hervorragenden Wein mit dem Namen Petali die Violia – Veilchenblüte. Ein Sangiovese die Romagna – köstlich. Etwas weniger köstlich, aber originell ist die Pizza Spiclio mit Pommes und Hackfleisch:

Am nächsten Tag wird uns unser Weg am Gardasee entlang führen bis nach Selvino, den kleinen Bergort, in dem ich Caro Emerald an dem denkwürdigen Abend in McKeowns Irish Pub kennenlernen werde, was in der Folge zu noch viel denkwürdigeren Begegnungen führen wird. Und dann, dann sind die 6 Tage voller Abenteuer auch schon wieder vorbei. Modnerd und mir kommt es so vor, als wären wir drei volle Wochen auf Tour gewesen, so viel haben wir erlebt, gesehen und gelernt.

Schön war´s, toll war´s und für mich ist klar: Das war nicht das letzte Mal, das ich in Italien gewesen bin. Zumal Assassins Creed noch an anderen Orten spielt, die wir diesmal nicht besuchen konnten.
Die Assassins Creed Tour wird eine Fortsetzung finden. Diese erste Tour hat mir aber schon eine vollkommen neue Welt eröffnet, Einblicke in ein anderes Land, eine andere Kultur und in die Geschichte unseres Kontinents eröffnet. Ich verstehe nun historische Zusammenhänge und habe die Orte besucht, an denen Geschichte geschrieben wurde. Bemerkenswerte Leistung für ein Videospiel, oder?

Kategorien: Assassins Creed, Assassins Creed Touren | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Assassins Creed II Tour (7): Florenz!

  1. Toll, jetzt will ich nach Florenz… :-/

    Schöner Reisebericht, vielen Dank! (trotzdem 😉 )

    Gefällt mir

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