Glasig gestiert

Herr Silencer, der sich selbst für einen begnadeten Dienstleister hält, regt sich unnötigerweise mal wieder über Knallchargen im falschen Job auf.

Die Saison beginnt, und für mich ist es an der Zeit mal die fast 20 Jahre alten Motorradhandschuhe gegen etwas Neueres auszutauschen. Zudem steht der Kauf von Sommerstiefeln und einer neuen Jacke an. Kurz: Ich muss Geld ausgeben. Nun bin ich nicht gerade mit Geldscheinen winkend zur Tür der örtlichen Polo-Filiale reingerauscht, habe aber den Wunsch nach neuen Dingen recht deutlich an den Mitarbeiter kommuniziert, der mich nach der Frage „Was können wir´n Dir… Ihnen Gutes tun?“ leicht glasig anstiert.

Das folgende Gespräch ist leicht surreal.

Ich gucke an dem Mitarbeiter hoch, der gute eineinhalb Köpfe ist als ich. „Ich suche Handschuhe für die Übergangszeit. Sowas wie das Modell Satu von Held, die würde ich gerne mal anprobieren.“
„Satu“, sagt der Mann. „Ist nen gutes Modell.“
Pause. Glasiges Stieren. Pause.

Ich (Handbewegung in Richtung der 5 unsortierten Regalmeter Handschuhe): „Ja, und… finde ich die hier auch irgendwo?“
„Nee. Hamwer nicht da.“
Pause. Glasiges Stieren.
Ein *guter* Verkäufer hätte gemerkt, dass ich bereit bin Geld auszugeben, mich gefragt was mich an dem Modell interessiert und dann die Gelegenheit genutzt mir was Ähnliches zu empfehlen. Der Typ vor mir nicht. Der stiert mich nur an.
Aber ich kenne das aus dieser Filiale schon. Die haben ganz viel. Nicht.
Und das Personal ist nicht dumm, der typ vor mir schon gar nicht, er gibt sich nur keinerlei Mühe.

Ich *Seufz*: „OK, dann brauche ich leichte Tourenstiefel, gute Lüftung ist wichtig, Membran muss nicht sein. Ich würde gerne mal die „Airvent“ von Drive anprobieren.“
Pause. Glasiges Stieren.
Hat der sich schon in den Ruhezustand begeben? „Und?! Finde ich die hier irgendwo?“
„Nee. Hamwer nicht da.“

Nee, so nicht, Freund. Ich war gestern schon mal hier und WEIß das ihr den habt! Allerdings hatte ich ihn nur in Größe 38 gesehen.
Ich: „Aber da drüben steht er doch“
Mitarbeiter: „Ach. Ja.“
„Habt ihr den auch in vernünftigen Größen?“
„Nee, hamwer nicht. Müssen wa bestellen.“

„Wenn´s den überhaupt noch gibt, det issen Auslaufmodell!“, keift es urplötzlich quer durch den Laden. Eine Verkäuferkollegin hat sich eingemischt, war aber nicht bereit sich dafür zu uns zu bewegen. Also brüllt sie durch die halbe Halle.
Ich brülle zurück „Echt?! Im Katalog für dieses Jahr ist der aber normal drin“
Jetzt dreht sich der Stierer um und geht weg.
WTF? Schmollt er jetzt, weil ich Mutti Widerworte gegeben habe?

Wenige Minuten und angestrengtes Seitenumblättern dröhnt es: „Wo wollense denn den gesehen haben?“

Das ist der Moment, in dem ich endgültig vom Glauben abfalle. Die beiden Verkaufsdarsteller könnten die Zeit nutzen mir teure Dinge zu verhökern, stattdessen wollen sie mir beweisen das ich falsch liege und versuchen mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Un-fass-bar.

Zum Glück finden die beiden schnell andere Beschäftigungen. Mutti guckt an der Kasse in krasser Konzertlaustärke Germanys next Topmodel, der Stierer frisst mitten im Laden eine gigantische McDonaldstüte leer. Ich weiß, dass die letzten Stunden am langen Donnerstag langweilig sind, aber die könnte man schneller rumkriegen, wenn man z.B. Ordnung in diesen Wühltisch von Laden bringen würde. Gefühlt sieben Achtel der Topseller sind entweder nicht vorhanden oder nur noch in den Größen XS und XXXXL vorrätig und über fünf Regale verteilt. Kann man natürlich als Mitarbeiter nicht wissen, wenn man nie Ordnung macht und nicht ins Warenwirtschaftssystem guckt. Und die Regale sehen ja so hübsch voll aus, wenn sie zugestopft sind mit Mumpitz in Größe Bumsfallera.

Einen letzten Versuch unternehme ich noch: „Ich brauche noch zwei teilbare Schlüsselringe“, sage ich dem Stierer. Der stellt seinen Milchshake in die Auslage und guckt dullig. „1780 Stück. Soviel hat die Zentrale am Lager. Reicht das?“
Jetzt mache ich eine Pause. Was will der von mir?
„Aber hier“, fährt er fort, „hamwer keine. Kommen Donnerstag. Nächste Woche.“

Ja, nee, lass mal. Bis dahin habe ich die schon dreimal woanders gekauft. Zum Beispiel bei der Konkurrenz. Die ist zwar 45 Km entfernt, aber die haben alles da, eine kompetente Beratung und ein funktionierendes Personalsystem.

Im Rausgehen fällt mit ein Schild auf: „Wir wollen DICH als 400 Euro Kraft“
Ich muss Schmunzeln. Man merkt schon, wann ein Laden nur noch mit Geringverdienern läuft und zudem die Leute schlecht ausgewählt sind. Dienstleistung kann man oder kann man nicht, das kann man nicht lernen.
Es hat einen Grund, warum Polo gerade Insolvenz anmelden musste. Er sitzt zwischen Regalen voller XS-Handschuhe, frisst Pommes und stiert leicht glasig vor sich hin.

Kategorien: Gnadenloses Leben, Rant | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Glasig gestiert

  1. zimtapfel

    Juhuu…

    Und selbst wenn du mit Geldscheinen wedelnd zur Tür reingekommen wärst – die Reaktion wäre wahrscheinlich gewesen: „Nu machense hier mal nicht so ’nen Wind!“

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  2. Pi (3,14159...)

    Es wird zwar immer wieder bedauert – und dem will ich auch gar nicht widersprechen – dass Personen mit niedrigen bis keinen Bildungsabschlüssen immer weniger Jobs bekommen. Aber gerade an solchen Erlebnisen merkt man – polemisch ausgedrückt – warum „der halt nur Verkäufer geworden ist“.

    Das soll jetzt nicht heißen, dass nur Personen mit Abitur aufwärts wissen, wie man sich benimmt, aber es macht doch etwas aus, ob ein Mensch gebildet ist oder nicht.

    Andererseits muss ich im Gegensatz zu Scilencer sagen: Doch, ein Mindestmaß an „Benimm“ kann man lernen! Es kann vielleicht nicht jeder der erfolgreichste Verkäufer werden, aber sich bemühen und tatsächlich höflich und zuvorkommend sein, das kann jeder lernen.

    Was übrigens manchmal (keine Ahnung wie das bei Polo ist) hilft, ist, sich über die Mitarbeiter einer Filiale beschweren. Wir hatten mal änlich glasig stierende Verkäuferinen in einer Bäckereifiliale; glasig stierend und absichtlich schwer von Begriff bis etwa 19h, dann aber auf einmal sehr geschäftig mit Aufräumen und Saubermachen (Tut mir leid, wir machen um 8 zu, deswegen ist die Kaffemaschine schon sauber“) und um eher dreiviertel 8 als 8 schon am Gehen – der Freund wartet schon mit laufendem Motor drausen.

    Jednefalls hat ein Chef der Kette sich extra bei uns entschuldigt für das mehrfach erlebte Fehlverhalten – und auf einmal sind die Mitarbeiter der Filiale die Freundlichkeit in Person (und Kaffe gibt es auch noch 5 vor 8).

    In diesem Sinne: gute Besserung!

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  3. Zimt: Ja, vermutlich.

    Pi: Ach, ich glaube nicht mal das der Mann dumm war – den Eindruck machte er nicht, und vermutlich studiert er hauptberuflich Medizin, um sich auf Hirnchirurgie zu spezialisieren. Er gab sich nur schlicht keine Mühe. Kein Herzblut für den Job, das Gehalt kommt ja unabhängig vom Erfolg…

    Ich habe selbst lange genug in Jobs gearbeitet, auf die allgemein herabgesehen wird – die Nachtschichten bei McDonalds haben mich durch´s Studium gebracht. Ich war stolz darauf, einen besseren Job als die Vollzeitmitarbeiter zu machen. Es stimmt, Benimm kann man lernen – aber das gespür dafür, was der Kunde/Gast gerade möchte oder braucht und wie man dafür sorgt, ihm ein gutes Gefühl zu verschaffen, dass kann man nicht lernen, und das meine ich mit „guter Dienstleister“.

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  4. sehr schön.
    Fachhandel vom Feinsten.
    ääääh, warum gehst du da hin?

    *grrr*

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  5. sefie

    Oh ja, lieber Silencer, Da hast du wirklich mal Recht. Gerade bei McD sind oftmals die Studi-Aushilfen sehr viel engagierter und motivierter als die Vollzeitler, die das Doppelte verdienen.

    Und genau solche Kollegen wie Mr.Milchshake sind es, die einen Kunden langfristig vergraueln können… Da sprichst du mir aus der Seele.

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  6. Markus: Ich kaufe gerne im Fachhandel. Blumen, z.B. Die kauft man genauso wenig bei Lüdl wie Motorradsachen. Leider ist o.g. Fachgeschäft das einzige in unserer kleinen Stadt.

    Sefie: Ich habe ja jahrelang bei McDonalds gedient, und ich war stolz darauf besser zu sein als die Vollzeitler. Musste man auch, um wenigstens als gleichberechtigt innerhalb der Crew wahrgenommen zu werden – bei „nur“ gleicher Leistung wäre über das faule Studentenpack geschimpft worden 🙂

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