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Umgelegt

22 Apr

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Ich habe ja bekanntermaßen vor überhaupt nichts Angst. Aber angenommen ich hätte Angst, zum Beispiel vor… nehmen wir mal was ganz Absurdes… angenommen ich hätte als Motorradfahrer Angst vor dem Fahren von Kurven. Was ja total beknackt wäre. Aber nur mal angenommen ich würde beim Anblick des Hinweisschilds „Kurvenreiche Strecke“ und beim Gedanken daran, das Motorrad in Schräglage bringen zu müssen, Schnappatmung und nasse Hände bekommen. Z.B. weil ich ständig denken würde, „jetzt rutschen mir die Reifen weg und gleich liege ich auf der Seite“. Vielleicht weil mir das im letzten Jahr mal passiert ist, und weil ich schon vorher Kurvenfahren nicht mochte, aber jetzt regelrecht Panik hätte sobald eine Kurve naht und ich durch die fast aufrecht durcheiere… Also, wenn es mir quasi so ginge, dass mich eine gaaanz leicht Schräglage von vielleicht 10 Grad schon an den Rand des Wahnsinns bringen würde – dann würde ich den Hintern hochkriegen und mich dieser Angst stellen. Also, dieser rein hypothetischen Angst. Zum Beispiel durch ein Schräglagentraining.

Obiges Beispiel ist natürlich vollkommen konstruiert, ich habe ja vor nichts Angst. Das Schräglagen- und Kurventraining habe ich trotzdem mitgemacht. Mitten im Siegerland, in Freudenberg, brüllt der Rennfahrer Peter Schoustall fast jeden Samstag und Sonntag Motorradfahrer und -fahrerinnen an. Fahrerinnen machen mittlerweile zwischen einem Viertel und der Hälfte der Teilnehmerzahl aus. Peter hat eine ebenso aufgedrehte und herzliche wie bestimmte Art an sich. Wenn er sich richtig in Rage gesteigert hat, klingt er wie Michael Mittermair. Es ist schon nicht unkomisch sich vorzustellen, dass der Comedian am Rande des Parkours steht und „Gucken! Gas! Jetzt WEG! Tiefer!“ brüllt. Zumindest so lange, wie man nicht selbst auf der GPZ 600 mit den Seitenauslegern sitzt und fährt, dann hat man nämlich keine Zeit mehr an was anderes zu denken als die nächste Kurve.

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Die Seitenausleger mit den Rollen markieren die maximale Schräglage des Übungsmotorrads. Kommt man mit dem Ausleger auf den Boden, bleiben nur noch wenige Zentimeter, bis einem die Reifenauflagefläche ausgeht. „Wir legen Euch um“ lautet das Motto von Peters Training, aber den Ausleger auf den Boden zu bringen hielt ich für vollkommen illusorisch. Und die Bilder auf der Seite von PS-Motorradtraining, bei denen jemand bei regennasser Fahrbahn eine unfassbare Schräglage einnahm, hielt ich für entweder a. gefaked oder b. den Typen auf den Bildern für irre.

Ich meine, die maximale Schräglage mit Rolle auf Boden ist SO:

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Das KANN man doch nicht fahren ohne wegzurutschen, ODER? Ich bin der totale Sicherheitsfahrer und hielt es für IRRSINN, was die Leute da mit diesem Ausleger machen. Mein Tagesziel bei dem Training war es, meine Blickführung in Kurven zu verbessern und vielleicht meine persönliche Wohlfühlschräglage um ein paar Grad zu steigern.

Also liess ich mich auch einen Samstag lang zunächst in Kurventheorie schulen und dann herzlich anbrüllen, mit einer kleinen Gruppe von sieben Gleichgesinnten quer durch alle Alters-, Erfahrungs- und Übungsstufen. Meinem Karma entsprechend war das Wetter mies, und so konnten wir gleich trainieren, wie das Fahren im Regen ist.

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Also fuhren wir Runde um Runde um Runde, meist im Regen. Jedesmal mit einer leicht veränderten Aufgabenstellung. Rund um Runde… Daneben Trainer Peter, der durch die Pfützen sprang, sich mal als Hinterniss präsentiere, mal provozierte, und immer klar macht was noch gehen würde und anfeuerte. So lange, bis es bei einer Rundfahrt bei mir plötzlich „KLONK“ machte. Ich hatte den Ausleger auf den Boden bekommen. Während auf der Fahrbahn das Wasser stand UND es gerade wie irre hagelte.

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Nun bin ich nicht nur Stolz wie Bolle, weil ich nun wirklich nicht erwartet hätte DAS hinzubekommen, Nein, ich kann auch Kurven richtig anfahren, traue mich spät einzulenken, komme in Kehren klar und weiß, was Motorradreifen an Schräglage wegstecken können. Natürlich sind es zwei verschiedene Dinge, auf einem Parkplatz Achten zu fahren und sich wirklich auf der Landstrasse bewegen. Aber das Erlernte kann ich jetzt Stück für Stück im Alltag anwenden und damit Stückchenweise besser werden. Jetzt, wo ich weiß, dass ich nicht sofort wegrutsche und Umfalle, wenn ich mich mal ein wenig in die Kurve lege. Also, rein hypothetisch gesprochen, wenn ich die Eingangs erwähnten Ängste gehabt hätte. Was ja nicht der Fall war. Ähm.

Sich einen Tag lang von Peter Schoustall trainieren lassen, auf diesem Parkplatz in Freudenberg, das sollte eigentlich Pflichtprogramm für jeden Biker sein. Das, was man dort lernt, vermittelt einem kein ADAC-Training der Welt.

 
7 Kommentare

Verfasst von - 22. April 2012 in Event, Gnadenloses Leben, Motorrad

 

7 Antworten zu “Umgelegt

  1. noch ein Markus

    23. April 2012 at 17:08

    du hast vielleicht ein gnadenlos mieses Karma aber dafür ein tolles Regenbogenfoto gemacht…
    :mrgreen:

    ich habe ja sehr hohen Respekt vor Motorradfahrern die auch bei Schnee und Regen gut mit Ihrem Mopped umgehen können, allerdings auch echten Hass auf die ganzen Idioten die an trockenen Sommerwochenenden hier das Bergische oder die Eifel mit Ihren unverschämten Verhalten und nicht vorhandenem Können unsicher machen.
    und persönlich bleibe ich lieber auf 4 Rädern unterwegs. (außer Fahrrad).

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  2. Silencer

    23. April 2012 at 18:07

    Diese Schwachmaten gehen mir auch auf den Nerv. Und es sind VIEL MEHR als ich immer gedacht hatte. Unser Trainer erzählte uns, dass er seine Knieschleifer (rund 20 Paar pro Jahr) bei ebay verhökert. Das heisst: Ganz viele Kaputte da draussen können GAR NIX und bestellen sich den abgeschliffenen Kram um damit anzugeben. Wie krank ist sowas?
    (Fun Fact am Rande: Mit Hanging off und Knieschleifen kommt man nicht so tief wie mit legen. Wahre Helden legen also!)

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  3. noch ein Markus

    24. April 2012 at 16:47

    äh? wie meinen?
    die fast-senkrecht-Fahrer kaufen sich gebraucht abgeschliffene Knieschonerdingens um damit beim Kaffee im nächsten Café anzugeben?
    faszinierend. :-/

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  4. Silencer

    24. April 2012 at 19:53

    Exakt, so ist es. Andere gehen mit der Schleifscheibe dran. Bescheuert, oder?

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  5. noch ein Markus

    25. April 2012 at 16:52

    kurz überlegen…
    ja, sehr bescheuert.

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  6. Christian

    7. April 2015 at 14:58

    Was kostet dein mal so ein Training bei dem Herrn ??

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  7. Silencer

    7. April 2015 at 16:56

    Steht auf der im Artikel verlinkten Website. Anfang 2015 liegen die Preise für das oben beschriebene A-Training bei 179,- Euro, für das B-Training (das ich im Herbst 2012 gleich auch noch gemacht habe) bei 159,- Euro pro Nase.

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