Ich will Europa!


Initiative „Ich will Europa!“ – Klick führt zur Seite.

Ich habe Europa noch bewusst erlebt, als es Grenzen hatte, verschiedene Währungen nötig waren und es keine Freizügigkeit gab. Es war… fürchterlich. An den Grenzen stand man stundenlang wegen Zollkonrollen im Stau, man brauchte Reisepässe und musste D-Mark gegen Spielgeld und beim Einkaufen dauernd Kopfrechnen wieviel der Warenwert denn nun in „echtem“ Geld kostet. Schlimm.

Heute ist alles gut, man kann ohne Kontrollen überall hinfahren, überall mit echtem Geld bezahlen, und so insgesamt begreife ich mich inzwischen eher als Europäer als als Deutscher. Das entspricht der politischen Realität: Die wichtigen Entscheidungsbereiche sind mittlerweile auf die Ebene der Europäischen Union übergegangen, die Nationalstaaten haben viele Befugnisse abgegeben. Und Bundesländer, die kleinsten Teile des über- und verkommenen Konzepts des Binnenföderalismus haben im Europa des Jahres 2012 gar nichts mehr zu melden, so sehr sie sich die Situation auch schönlügen möchten. Und das, man kann es gar nicht genug lobpreisen, ist verdammt noch mal gut so. Das Europa von heute, so zerstritten es sich auch darstellt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger, harter Arbeit und gewachsenem Vertrauen. Europa ist wunderschön, es ist filigran, und ich bin äußerst stolz auf die Leistungen, die nötig waren, dieses Gebilde zu schaffen.

Deshalb finde ich es auch nachgerade un-er-träglich, wie deutsche Politiker, allen voran die üblichen Verdächtigen der FDP, der CSU und die Bundesregierung, gerade die Belastbarkeit von Europa testen. Wieviel halten die Beziehungen de Mitgliedstaaten wohl aus, wieviel kann man pöbeln, drohen, verhöhnen und ungefragt arrogante Ratschläge verteilen, nach dem Motto: Deutschland setzt die Maßstäbe, an denen sich alle anderen messen müssen. Das ist natürlich nicht nur Quatsch, sondern nachgerade gefährlich. Außerdem kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere politische Führungsriege eine EINMALIGE Gelegenheit verpasst hat. Deutschland hätte in der Krise durch gezielte und sofortige Taten dafür sorgen können, dass es nun als gütiger Hegemon darstehen würde. Deutschland könnte jetzt Nukleus eines starken Europas sein und die Geschicke maßgeblich lenken, während andere Länder stolz darauf wären, in der EU zu sein.

Wenn, ja wenn die Merkelmannschaft hier in interstellarem Umfang verkackt hätte. Kann man leider nicht anders nennen. Erst monatelanges Zaudern, dann der Versuch mit Kleingeld aus der Portokasse Politik zu machen, schlußendlich noch Profilierungsversuche auf Kosten der Krisenländer. Bravourös. Kein Wunder, dass wir dafür von allen gehasst werden und Deutschland zunehmend isoliert darsteht. Aber es wird noch schlimmer: Merkel, Kauder und Rösler treiben Keile zwischen die Länder und gucken mal, wie lange es dauert, bis die ersten tatsächlich austreten.

Früher, als ich noch jung und naiv war, hätte ich dahinter Kalkül und einen Plan vermutet. Heute weiß ich: Nee, die sind wirklich so doof. Beispiele für diese spezielle Art von kurzsichtiger Dummheit von Politikern gibt es in der jüngeren Geschichte viele – man erinnere sich, wie die FDP durch Unwissenheit in Tateinheit mit Profilierungssucht den Landtag in NRW kaputtgespielt und damit ein Jahr Stillstand im Land ausgelöst hat. Kommentar damals war „Ups, wie, das war jetzt ernst?“. Es ist wirklich so: Manche Politiker spielen ohne Sinn und Verstand rum, und wenn was kaputt geht, Ups, waren es die anderen.

Ich bin mit diesen Gedanken nicht allein, und tatsächlich gibt es eine Initiative „ICH WILL EUROPA„, die darlegt, wie Menschen heute Europa erleben und warum es wichtig ist. Die Intention könnte sein damit ein Zeichen zu setzen und den Dobrinths dieser Welt zu sagen: „Halt´s Maul Idiot! NIEMAND ist auf Deiner Seite! WIR wollen die europäische Einheit, und für uns ist Europa…“ und dann an den Einzelbeispielen festgemacht, wie großartig Europa ist und wie weit wir gekommen sind, in den letzten Jahrzehnten. Das meine Begeisterung für die Initiative etwas gedämpft ist, liegt daran, dass man sich die Bundesnasen an Bord geholt hat, was die Intention der Initiative untergräbt. Schirmherr ist der Bundesgauck, aber der ist harmlos. Was mich richtig ärgert: Es gibtt ein Grußwort von -ausgerechnet!- Angela Merkel. LOLWUT? Die Frau, deren Hinhaltetaktik, Knauserigkeit und Führungsschwäche wir viel von der Unruhe in Europa zu verdanken, die, gegen deren Politik hier ein Zeichen gesetzt werden sollte, gerade DIE grüßt freundlich von der Pro-Europa-Seite? Das ist mir zuviel Kuscheligkeit. Das setzt quasi nahtlos das Desaster von Familenministerin Schröder fort, die Mißstände anprangert und dann schulterzuckend weggeht, weil sie nicht kapiert, dass exakt SIE die einzige Person ist, die etwas ändern könnte, wenn sie nur mal ihren Job täte. Genauso könnte Merkel auf einen Streich die Europainitiative überflüssig machen, wenn sie in deren Sinne (und mit gesundem Menschenverstand) handeln würde. Aber Moment, was grüßt das Merkel eigentlich?

Sie schreibt:

„(…) ich finde es bemerkenswert, dass sich die Stiftungen zu diesem Zweck zusammengetan haben.
Ihr Engagement für Europa ist gerade besonders wertvoll. Deshalb danke ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Initiative und wünsche der Kampagne viel Erfolg“

Das klingt wie: „Was sie sagen ist sehr interessant, ich will sie nicht länger aufhalten, vielen Dank, für die Zukunft alles Gute, machen Sie bitte die Tür von draußen zu.“. Aktiv etwas für Europa tun, dass fällt dem Bundeskanzler Frau Merkel wohl nicht ein. Ist ja auch ein absurder Gedanke, gerade für Kohls Mäddsche. Töchter rebellieren halt irgendwann gegen ihre Eltern.

Kategorien: Betrachtung | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Ich will Europa!

  1. Pingback: Leseempfehlung: Ich will Europa « mittenmank

  2. Demokrat

    kotz

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  3. nokkenny

    Wenn ich jetzt den Artikel im Kommentar like, zählt dann der Kommentar (dislike) oder der like? Oder explodiert die WordPressengine gefangen in einer immer wieder kehrenden Schleife?

    Wenn es dich nicht stört, dann würde ich gern noch auf einen tollen Gedankenansatz des Postillion verweisen:

    http://www.der-postillon.com/2012/08/csu-generalsekretar-alexander-dobrindt.html

    Und falls noch jemaneden meine Meinung interessiert, mein like hättest du für den Artikel bekommen. Ohne Europa würden wir, trotz der aktuellen Schwierigkeiten ganz schön dumm da stehen und zwar sowohl wirtschaftlich, wie auch kulturell.

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  4. Hahaha: Like & Comment = Boom.
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    Nee, im Ernst, im Zweifel ziehe ich Kommentare IMMER vor.

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