Scharzfeld (2012)

„Das ist keine normale Höhle… das ist eine Falle! Und… ein Friedhof.“

Der Schweiß läuft mir den Rücken hinab während ich durch den Wald renne. Die dicke Motoradkombi mit den vielen Protektoren und die schweren Lederstiefel machen die Fortbewegung ohnehin nicht einfach, aber darin zu laufen ist eine Qual. Der Waldboden federt unter meinen schweren Sätzen, was mich noch mehr wie ein Astronaut auf dem Mond fühlen lässt. Jetzt bloss nicht schlappmachen, so kurz vor dem Ziel. Ich bleibe mit einem Fuß an einer Baumwurzel hängen, stolpere vorwärts, fange mich wieder und hetze fluchend den Waldweg entlang.

Otto von Guericke lebte Anfang des 17. Jahrhunderts. Bekannt wurde er als Erfinder der Vakuumtechnik – sein Kabinettstück waren die metallenen Kugelhälften, die durch ein Vakuum zusammengehalten wurden. Acht Pferde schafften es nicht, die Kugeln auseinander zu reißen. Er war Jurist, Naturwissenschaftler, Physiker, Erfinder und Bürgermeister von Magdeburg. Und er glaubte an Einhörner.

Da, eine Kreuzung. Links? Rechts? Wegweiser gibt es in beide Richtungen, ein Rundweg, offensichtlich, aber in welcher Richtung ist es von hier kürzer? Ich will nach rechts abbiegen, da fällt mir ein, dass mein erster, spontaner Impuls bei Wegfindungsentscheidungen meist der verkehrte ist, drehe mich nach links und sprinte weiter. Ich kürze den Weg durchs Unterholz ab, rutsche eine kleine Böschung in einen Hohlweg hinunter und setze über einen Findling hinweg, der mitten im Weg liegt. Warum musste es auch so knapp werden? Hätte ich mir doch denken können, dass das hier ein Spiel um Minuten wird.

Gottfried Wilhelm Leibniz war vieles: Mathematiker, Physiker, Biologe, Politiker, Diplomat, Historiker und Bibliothekar. Er lebte in der Zeit der Aufklärung und galt als einer ihrer größten Denker. Er hinterfragte, stellte Theorien auf und ist einer der Gründerväter der modernen Wissenschaft. Er stritt sich in den 1660er Jahren mit Isaac Newton darum, wer von beiden die Infinitesimalrechnung als erster entdeckt hatte, baute Rechenmaschinen, entwarf U-Boote, beschrieb das Dualsystem, revolutionierte den Bergbau. Nach ihm sind heute noch Universitäten und Bibliotheken benannt. Und er glaubte an Einhörner.

Durch die Bäume sehe ich das Dach einer tiefergelegenen Hütte. Das muss es sein! Halb renne, halb stolpere ich aus dem Wald hinaus und einen Abhang voller Staub und Geröll hinunter, komme in einer kleinen Staubwolke zum Stehen und blicke mich um. Anscheinend hat es noch nicht begonnen. Ein Blick auf die Uhr: Zwei Minuten vor der vollen Stunde. Sehr gut, das hat gerade noch so gepasst.

Dabei hatte der Tag so gemütlich angefangen, mit einem Kaffee aus der Gutgehtagtasse und der Überlegung, was ich wohl mit dem Schlunztag anfangen könnte, wo doch meine geplante Wochendbeschäftigung im Hermesdepot herumlag. Und plötzlich so: Einhornhöhle. Ich könnte mir die 60 Km entfernte Einhornhöhle ansehen. Das will ich schon ganz lange mal machen, warum also nicht heute? Also auf die Kawasaki geschwungen und los.

Die Höhle liegt in Scharzfeld, neben Herzberg, im Westharz. Bis dahin geht es durch die Ebenen des Harzvorlandes mit seinen herbstlich umgepflügten Feldern. Leider waren viele Sonntagsfahrer und eine Strassensperre ein wenig zeitverzögernd, weswegen zwischenzeitlich alles in Stress ausartete und ich fast zu spät zur Führung gekommen wäre. Deshalb war am Ende der Sprint vom Besucherparkplatz durch den Wald bis zum Höhleneingang nötig.

Vor dem Eingang zur Höhle steht bereits der Führer, neben einem riesigen Holzbau des Einhornskeletts. Er geleitet eine kleine Gruppe von 10 Personen ins Innere des Bergs und spricht mit getragener Stimme und gewählten Worten, als ob er auf einer Theaterbühne steht. Die Karsthöhle, so erfahren wir, ist durch Korrosion durch Kohlensäure entstanden – quasi Lochfrass im Fels. Das ist vor Ewigkeiten passiert, die Höhle existiert schon sehr, sehr lange und ist nie in Vergessenheit geraten. Im Gegenteil: Sie war immer bekannt und zeitweise sogar en vogue und hatte, so lange die Menschheit existiert, viele Besucher. Etliche hinterließen Graffitti. Es ist merkwürdig, an der Höhlenwand ein „ich war hier“ zu lesen und zu wissen, dass hier jemand aus dem Jahr 1541 herüberruft. Die englischen Könige vom Haus Hannover kamen in die Höhle um Partys zu feiern, und jeder wichtige Gelehrte der Geschichte war mindestens einmal in der Einhornhöhle. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz.

So interessiert, belesen und brilliant Leibniz war: Er war auch besessen von Einhörnern. Er glaubte fest an sie und wollte unbedingt beweisen, dass die einmal existiert hatten. War nicht schon von Julius Cäsar bekannt, dass er auch zermahlene Einhornknochen in Wasser, die sogenannte Einhornmilch, gegen jede Art von Leiden schwor? War nicht aus dem Mittelalter die sagenhafte Wirkung des Einhornblutes, das sind zerstoßene Einhornknochen mit Rotwein, auf die Manneskraft überliefert? Und hatte nicht Otto von Guericke, der anerkannte Wissenschaftler, darüber geschrieben, dass man im Harz Knochen gefunden habe, die eindeutig Einhornknochen sein mussten?

Das alles hatte Leibniz´ Interesse bis ins manische gesteigert. Er wollte unbedingt als der Entdecker des Einhorns in die Geschichte eingehen. In der Höhle in Scharzfeld gab es ein riesige Anzahl von Knochen, und Leibniz arbeitete wie ein Bessessener, um aus Knochenfragmenten ein Einhorn zusammenzusetzen. „Leider“, so sagt der Höhlenführer, „arbeitete Leibniz an einem Puzzle, ohne das Bild zu kennen.“ Er schraubte hier einen Knochen an und schraubte da einen Knochen dran, ergänzte das Ganze mit Mutmaßungen, und heraus kam ein merkwürdiges Tier mit nur zwei Beinen. Leibniz hatte dafür eine Erklärung: Damit sich sein Einhorn fortbewegen konnte, hatte es einen spitz zulaufenden Schwanz, an dessen Ende sich ein Rad(!) befand.

Zeichnung von Leibniz in seinem Buch „Protagaea“: Rekonstruktion eines Einhorn mit zwei Beinen und einem Rad am Schwanz.

Aus heutiger Sicht mag man sich darüber kaputt lachen, dass brilliante Wissenschaftler wie Guericke und Leibniz an Einhörner auf Rädern glaubten, aber das passt in die Zeit der Aufklärung – alles war möglich, es gab keine Denkverbote aber alles musste kritisch hinterfragt, analysiert und bewiesen werden. Leibniz kann man nur vorwerfen, dass sein Glaube seine Analysefähigkeit so weit verbog, dass er ein halbes Tier auf Rädern für plausibel hielt.

In Wirklichkeit hatte Leibniz vier gleiche Oberschenkel und einen Stoßzahn eines Mammuts an einen Höhlenbärenschädel montiert, das Rad im Schwanz war der Atlaswirbel aus der Wirbelsäule eines Großtieres. So absurd und bizarr das Leibnizsche Tier auf Rädern auch war: Seitdem hat die Höhle ihren Namen weg.

„Dabei ist es nahezu unmöglich, aus der Vielzahl der Knochen etwas zu restaurieren“, sagt unser Führer. Über die Jahrzehntausende lebten und verendeten hier nämlich Millionen von Tieren. Die Höhle war der Wohnort für Raubtiere, wie riesige Raubkatzen oder drei Meter große Höhlenbären, die hier lebten, ihre Opfer zerrissen und deren Knochen zernagten und zerbrachen und schließlich selbst verendeten. Dazu kamen die Löcher in der Höhlendecke, durch die immer wieder Tiere durch aus dem Wald darüber in den Tod stürzten.

Der natürliche Eingang der Höhle: Ein Loch im Waldboden, durch das immer wieder Tiere in den Tod stürzen. CC-SA, Wikicommons, Michael Fiegle

„Diese Höhle“, spricht bedeutungsschwer der Höhlenführer, „Ist keine normale Höhle… Sie ist eine Falle. Und ein Friedhof. Die gesamte Menschheitsgeschichte liegt hier begraben.“ Damit hat er, auch wenn es etwas pathetisch ausgedrückt ist, recht. Was sich heute oberflächlich (sic) als fester, lehmiger Höhlenboden präsentiert, sind in Wirklichkeit 15 Meter voller Tier- und Planzenreste. Und da die Höhle schon von Neanderthalern bewohnt war, finden sich auch Werkzeuge und Reste dieser Bewohner, aus allen Zeitaltern. Mit anderen Worten: Die Höhle ist fast bis unters Dach voll mit Tierleichen und Müll. 15 Meter hoch übereinandergestapelte Geschichte der Welt.

Ausserdem war sie Kult und Begräbnisstätte für die Menschen die dort lebten, und wenn man im „Leibnizsaal“ der Höhle steht, versteht man auch warum. Von dort blickt man auf Sonnenlicht, dass durch einen Einbruch in der Höhlendecke scheint und auf einen Kegel aus herabgefallenen Laub, Knochen und Müll fällt. Darüber schwebt ein feiner Nebel, durch den die Lichstrahlen bläulich hindurchfiltern. Die „blaue Grotte“ hat etwas Unwirkliches und Magisches:

Alle Rechte: Gesellschaft Unicornu fossile e.V., Bild aus dem Pressebereich von Einhornhoehle.de

Der Nebel kommt durch den Temperaturunterschied: Die Grotte ist ganzjährig der kälteste Ort Norddeutschlands, weil hier die Luft mit einer Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent verdunstet und dadurch der Umgebung Wärme entzieht.

Wenn man hier steht, in diesem uralten und kalten Friedhof, kann man fast glauben, dass im nächsten Moment ein Einhorn in dem Sonnenstrahl im Nebel auftaucht.


Mehr Infos: http://www.einhornhoehle.de
Di-So 10-17 Uhr, Führungen zur vollen Stunde, Erwachsene 7,50 Euro
Leider herrscht strengstes Fotoverbot in der Höhle.
Einhornhöhle in der NDR-Mediathek

Sicher, Sportmotorrad mit Topcase sieht doof aus, aber es ist sooo praktisch, den Helm und das Geraffel bei Ausflügen zu Fuß nicht mitschleppen zu müssen.

Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Scharzfeld (2012)

  1. Wie interessant! Und sehr kurios, was Mensch zu glauben bereit ist, wenn er nach einer Bestätigung seines Glaubens sucht. Einhörner mit Rädern im Schwanz… Hast du zufällig auch erfahren, wo das heutzutage ja recht einheitliche pferdeähnliche Bild herkommt, das wir von Einhörnern haben? Leibniz Vorstellung weicht ja doch sehr von dieser eher eleganten Version ab.

    Ohne das irgendwie gemein zu meinen, freut es mich ja, dass deine Wochenendbeschäftigung im Hermesdepot lag und du stattdessen so spannende Dinge erzählst. 🙂

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  2. tatsächlich spannend!
    Einhörner im Harz 🙂

    das mit dem DVD Pack bist du selbst schuld.
    Hermes!?! pfft.

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  3. Dankesehr!

    Katja: Ich kenne nur die Version, dass die Beschreibungen von Nashörnern oder anderen Viechern („besitzt ein Horn und rennt so schnell wie ein Pferd“) fehlinterpretiert wurden und daraus das mystische Pferd mit dem Horn wurde. Aber ganz sicher ist da niemand, glaube ich.

    Markus: Für Hermes kann ich nichts, habe ich mir nicht ausgesucht, zumindest ist die Paketbotin nett 🙂

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  4. huangpo

    Aaah, sehr interesante Bildungsreise. Da wollte ich schon immer mal hin.
    Hatte mal zu Uni-Zeiten einen Höhlenbärenzahn aus dieser Höhle zur Untersuchung. Spannend, wo Herr Silencer so alles hin abtaucht!

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  5. Kann ich nur empfehlen, den Besuch. Ist auch eine nette Moppedstrecke.

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