Test & Meinung Kindle Paperwhite

Ich gebe es zu: ICH LIEBE ES ZU LESEN!
Was sich gut trifft, denn in meinem Job muss ich das sehr häufig tun. Auch in meiner Freizeit lese ich gerne. Hey, ich bin der, der in zwei Wochen Urlaub sieben dicke Wälzer durchliest.So nebenbei, während ich eigentlich von morgens bis abends was anderes mache. Allerdings nur, wenn Platz für das Transportmedium der Texte ist. Denn was ich am Lesen nicht mehr mag sind – die Bücher. Hört sich merkwürdig an, aber nicht erst seitdem ich in 2011 gleich zwei Mal umgezogen bin und dabei 30 Kisten mit Büchern und DVDS schleppen musste ist mir aufgefallen, dass die Dinger tierisch (Wohn-)raum wegnehmen, viel wiegen und heute oft (zumindest die letzten Britischen, die ich in der Hand hatte) billig produziert sind. Besonders das Gewichtsproblem ist zuletzt der springende Punkt gewesen. Gerade beim Verreisen mit dem Motorrad zählt jedes Gramm, was dazu führte, dass ich bei meinen letzten Urlaubsfahrten nix zu lesen dabei hatte.

Daher liebäuglte ich schon lange mit einem elektronischem Lesegerät. Ein iPad oder anderer Tabletcomputer kam nicht in Frage. Zum einen sind die Dinger zu schwer, zum anderen brauchen sie ständig Strom. Und zum Dritten: Dort ist die Ablenkung durchs Internet wieder nur einen Klick weit weg.

So dumm sich das anhört: Im letzten Jahr habe ich so viel gelesen wie nie zuvor in meinem Leben, gleichzeitig aber in zwölf Monaten nicht ein Buch durch bekommen, weil ich ständig im Internet auf Nachrichtenseiten, Blogs und Twitter rumlese. Daher wollte ich nun ein Lesegerät, dass mich nicht ablenkt, wirklich nur Text anzeigen kann, klein und leicht ist und eine lange Batterielaufzeit hat.

Als Amazon vor einigen Wochen den Kindle Paperwhite vorstellte, bin ich schwach geworden. Seit heute wird der eReader in Deutschland ausgeliefert, und ich habe als einer der Ersten einen bekommen. Das ist mein erster eReader, weshalb ich keine Vergleiche ziehen und unvorbelastet an die Sache rangehen kann. Unvorbelastet ist übrigens ganz oft der Euphemismus für „habe keinen Bock gehabt zu recherchieren oder mich vorzubereiten“. Hier aber nicht 😉

Die Verpackung macht schon von aussen was her, auf matt lackierter Pappe ist hochglänzend der Smile aufgedruckt:

Bei der Verpackung hat man von Apple gelernt, beim Aufklappen grinst einen die Neuerwerbung direkt an.

Der Kindle Paperwhite besitzt nur eine Taste, an der Unterseite des Geräts, die dem Einschalten dient.

Das Gerät liegt gut in der Hand und ist mit etwas mehr als 200 Gramm ungefähr so schwer wie zwei Tafeln Schokolade. Das kann man stundenlang mit einer Hand halten, ohne das einem (wie bei Geräten der iPad-Klasse, die fast drei Mal so schwer sind) der Daumen abfällt.

Die Größe ist ebenfalls angenehm, mit 17 Zentimetern Höhe und 11 Zentimetern Breite hat es Taschenbuchformat. Mit nur 0,9 Zentimetern Dicke ist es allerdings wesentlich flacher.

Die Rückseite ist gummiert, was ein versehentliches Wegrutschen erschwert. Allerdings sieht man Hautfett und Schmutz sehr deutlich, und durch die Gummierung kann man das nicht mal leicht abwischen. Nach dreimal in die Hand nehmen (gewaschene Hände, nicht schwitzend) sieht der Kindle so aus als sei eine Horde Affen darübergetobt:

Sofort nach dem Einschalten durchläuft man ein Minimalsetup. Dabei ist der Kindle bereits auf das eigene Amazon-Konto eingestellt, wenn man ihn nicht explizit als Geschenk gekauft hat. Darauf muss man unbedingt achten, denn wenn man einen auf sich eingestellten Kindle verschenkt/verkauft und die andere Person den mit nutzt, kann das ein Verstoss gegen Amazons Nutzerbedingungen sein, was im schlimmsten Fall zur Sperrung des eigenen Accounts und dem Entzug der Nutzungsrechte an den gekauften Büchern führen kann!

In meinem Fall ist auch was schief gelaufen – nach der Bestätigung, dass ich es bin, und der WLAN-Einrichtung, hatte ich nur Zugriff auf den amerikanischen Store. Grund: Ich hatte mir mal die Kindle-App auf´s iPhone gezogen, die hatte das mitgebracht. Da ich sie nie genutzt habe, war mir das egal – nun war aber offensichtlich mein Kindle-Konto in den USA, mein neuer Kindle-Leser damit verdongelt, und damit kam ich nicht an deutsche Bücher ran. Eine einfache Länderumstellung gibt es nicht – man kann nicht wählen, ob man bei Amazon-co.uk, -.com, -.de oder -.fr einkaufen will. Obwohl der Netzaccount für all diese Seiten funktioniert, ist es beim Kindle nicht erwünscht, ausserhalb der eigenen Region zu shoppen. Dementsprechend schwer macht man die Änderung der Landeseinstellung.

Die deutsche Amazon-Hilfeseite hilft hier nicht wirklich weiter. Die Lösung, um am Kindle die Landeseinstellung des Stores zu ändern: Mit dem neuen Kindle online gehen und mit dem eigen Account anmelden. Dann im Internet auf die amerikanische Amazon-Seite gehen. Einloggen, auf „Mein Konto“ und dort auf „mein Kindle“ gehen. Dort bekommt man das Angebot, den Kindle-Account von Amazon.com nach Amazon.de zu überführen. Das ist mit einem Klick erledigt, dann dauert es noch eine halbe Stunde und der Account ist überführt und der Store auf dem Kindle-Leser geändert. Gekaufte Inhalte gehen beim Zusammenführen nicht verloren.

Aber zurück zum Gerät. Der Kindlestore ist darauf superprominent präsent. Bücher lassen sich mit einem Klick kaufen und sind wenige Sekunden später verfügbar. Letztlich ist so ein Reader eben Point of Sale, ein Zugangspunkt zum Verkaufsbiotop des Anbieters. Man holt sich den Verkäufer bzw. das Geldgrab ins Wohnzimmer, und das schlägt sich bei Amazon fairerweise im Preis nieder. Mein Kindle Paperwhite (nur WLAN, kein 3G) kostet lediglich 130 Euro, ohne Paperwhite kostet der Kindle 80 Euro. Im Vergleich zu anderen Readern ist das ein Witz.

„Paperwhite“ bezieht sich übrigens auf das Display. EReader haben kein leuchtendes LCD-Display, sondern e-Tinte. Solche Tintendisplays sind schwarzweiß, leuchten nicht und bauen das Bild sehr langsam auf. Der Vorteil: Sie brauchen nur Strom um eine neue Seite zu generieren, zwischen dem „Umblättern“ nicht. Mein Kindle soll bis zu acht Wochen mit einer Batterieladung halten, wenn man jeden Tag vier Stunden liest. Ich bin gespannt ob das stimmt, denn anders als andere Kindles hat der Paperwhite eben doch eine Beleuchtung. Die besteht aus vier LEDs am unteren Rand und einer lichtleitenden Zwischenfolie.

In Kombination mit dem matten, nicht reflektierenden Bildschirm kann man damit im Dunkeln oder auch in hellem Sonnenlicht lesen. Gerade dieses Feature fehlte bei den Vorgängerversionen, und das hatte mich immer vom Kauf abgehalten. Die einzige Möglichkeit, einen der alten Kindles zu beleuchten, war, eine Hülle mit Taschenlamope oben dran zu verwenden. Das ist beim Paperwhite nicht nötig, allerdings ist die Beleuchtung bei weitem nicht so gut und gleichmäßig wie Amazon-Chef Jeff Bezos in der Keynote behauptete. Zum einen ist sie am unteren Rand eben doch ungleichmäßig und fleckig, was mich durchaus stört. Und anders als Amazon in einer Stellungnahme behauptet, tritt der Effekt nicht nur in bestimmten Beleuchtungsszenarien auf, sondern ist immer da – mal mehr, mal weniger.

…zum anderen ist die ansonsten sehr scharfe e-Tintenschrift durch die Lichtleitfolie etwas unscharf. Nicht viel, aber wenn man gedruckten Text oder ein Retina-Display gewohnt ist, muss man konstatieren: In der Liga spielt der Kindle nicht mit. So schlimm wie auf dem Bild ist es aber auch nicht.

Nur Symbolbild – das wirkliche Schriftbild ist wesentlich schärfer als dieses Foto.

Die Benutzerführung des Kindle ist nur so mittel. Es gibt wenige Schaltflächen, und dummerweise ändert sich deren dahinterliegenden Funktionen zum Teil je nach Kontext. Beispiel: Die Menü-Taste zeigt den Punkt „Einstellungen“ nur auf dem Homescreen, sonst aber nicht. Das erzeugt Inkonsistenz und bei mir Frust, weil ich das Gefühl habe, das Gerät verbirgt ständig was vor mir. Das und wie man ein Passwort einstellen kann, habe ich erst nach mehreren erfolglosen Versuchen rausgefunden. Benutzerfreundlich geht anders.

Zum Lesen selbst kann man verschiedene Schriftarten und Größen sowie Zeilenabstände einstellen. Silbentrennung kennt der Kindle merkwürdigerweise nicht, hier flattert der Text mit dem Arsch im Wind.

Die Option, sich wie beim Vorgängermodell den Text vorlesen zu lassen, gibt es nicht mehr. Angeblich um Gewicht für Kopfhörerbuchse zu sparen, ich vermute aber eher Lizenzprobleme mit Hörbuchherstellern.

Der einzige Anschluss ist eine USB-Buchse. Ein USB-Kabel liegt bei, ein Netzteil nicht. Mit dem Kabel lässt sich der Kindle an einen Computer anstecken, wo er als USB-Laufwerk angezeigt wird. So kann man sehr einfach PDFs oder eigene eBooks auf das Gerät kopieren. PDFs lesen macht aber keinen Spass, trotz des Multitouchbildschirms. Ständig ist man nur am Zoomen und Scrollen, und wegen der trägen eTinte ist das Pain-in-the-Ass. Durch die Verwendung des Kindle am PC oder MAC kann man auch seine gekauften Bücher sichern, was sinnvoll ist. Amazon erlaubt allerdings auch das nochmalige Herunterladen, in der hauseigenen Cloud sind alle Einkäufe gesichert. Wenn das Lesegerät kaputt geht oder gestohlen wird, sind damit wenigstens die Bücher noch da.

Ausser PDF und Kindleformat zeigt das Gerät noch Mobi, TXT, PCR, Worddokumente und Bilder an. DRM-geschützte Apple-Bücher aber nicht. Hier werde ich noch ein wenig Recherche betreiben müssen.

Um den Ersteindruck abzuschliessen: Nettes Gerät mit gefälligem Format, das in Details wie Materialwahl, Nutzerführung, Beleuchtung und Silbentrennung noch viel Spielraum nach oben hat. Das verdirbt mir aber die Freude nicht im geringsten. Ich freue mich darauf, dass ich jetzt auf Reisen gehen und eine ganze Bibliothek dabeihaben kann, ohne Kiloweise Bücher mitschleppen zu müssen.

Wer Fragen hat, kann die natürlich gerne in den Kommentaren stellen.

3 Gedanken zu “Test & Meinung Kindle Paperwhite

  1. Ja, ist alles ganz nett und ich nutze auch einen Kindle, aber was mich bei den Kindle eBooks extrem nervt, ist der unterirdisch grottenschlechte Schriftsatz. Damit meine ich, wie der Text eingetippt worden ist und auf der Seite erscheint. Ständig falsche und variierende Zeichensetzung. (Die Unterscheidung zwischen Bindestrich und Gedankenstrich gibt es anscheinend nicht mehr und wird wohl per Random ausgewählt. Ganz schlimm war es bei einem Werk, wo sie anscheinend im Vorlagenskript (Word Dokument) die Silbentrennung vergessen haben. Im Kindle zeigte der Romantext in fast jedem Satz Wörter mit einem Trennstrich dazwischen. Lesbarkeit und Lesefluss? Fehlanzeige. Da hilft dann auch die Auswählbarkeit der Schriftgröße nix. Ich bin jedenfalls schon wieder arg geneigt, die Papierform vorzuziehen. Da gibt es auch noch anständige Silbentrennung. *groll*

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  2. Ich habe bisher nur wegen Urlaubslektüre überhaupt über einen E-Reader nachgedacht. Aber so ressourcenschonend die ETinte sein mag: ich hab das mal im Laden ausprobiert und fand den langsamen Seitenaufbau schon da sehr anstrengend. Langsamer als in einem Buch blättern sollte es für mich nicht sein.

    Ich habe bisher mit dem Kindchen Fire geliebäugelt, da man mit dem im Urlaub ja auch noch anderes Entertainment nutzen könnte.

    Ha, und die Bilder von den Fingerabdrücken finde ich ja schon gruselig.

    Aber als nächstes muss ich mir sowieso erst mal ein neues Telefon kaufen, und da es dann wohl ein Smartphone werden wird, muss ich mich da auch noch entscheiden.

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  3. Raven: Boah, das ist ja Murks. Sowas würde ich gleich wieder zurückgeben, das ist ja nicht lesbar! Habe ich allerdings bisher noch nicht gehabt (ich besitze ein paar iBooks auf dem Telefon).

    WdW: Das Umblättern geht hier superschnell (gefühlt kleiner einer zehntelsekunde), aber wenn man scroll, zoomt oder PDF verschiebt, dann ist das -gerade wenn man verzögerungsfreie kapazitive Displays wie im iPhone gewohnt ist- laaaaahm.

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