Motorradreise 2012, Tag 3: Risotto alla Giulia

Herr Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Dritter Tag, zweite Etappe: Über die Alpen!

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3. Juni 2012, München, Bayern
JETZT GEHT´s LO-HOoooS!
Nach einem weiteren Frühstück Deluxe packe ich meine sieben Sachen und belade das Motorrad. Frau B.s Wohnung hat eine Wendeltreppe, die zu einem geheimen Privatzugang zur Tiefgarage unter dem Mehrparteienhaus führt. So habe ich mir immer gewünscht zu wohnen, denn das Ganze hat was von geheimer Bathöhle. In selbiger steht die Kawasaki seit Freitagabend sicher und trocken.

Die ZZR stand sicher und trocken in der Bathöhle unter dem Manor.

Pünktlich zur geplanten Abreise fängt es natürlich wieder an zu regnen und wird kalt. Kalt ist nicht gut, denn dann verschluckt sich das Motorrad in den ersten Minuten leicht und geht wieder aus, was in Anbetracht der wirklich STEILEN Rampe aus der Tiefgarage heraus überaus ungünstig wäre. Der Albtraum eines jeden Motorradfahrers: Zu langsam werden und am Berg umfallen. Oder noch schlimmer: In einer Kehre am Berg umfallen. Uah, gruselig. Lösung heute: Ich lasse die Maschine in der Tiefgarage eine Minute warmlaufen. Das ist zwar ökologisch bah, aber alles ist besser als Umfallen und sich überschlagend die Rampe runterpoltern. Das sind auch wieder so Probleme, die Autofahrern nie in den Sinn kämen.

Mensch und Maschine machen sich Startklar. Der Warpantrieb glüht auch schon.

Das Regenradar zeigt ein Unwetter im Anmarsch während es vor Ort mal mehr, mal weniger regnet. Regenkombi oder nicht? Ich entscheide mich dagegen, in der Hoffnung, dass ich dem RICHTIG schlechten Wetter davonfahren kann. In den Bergen ist ja eh immer alles anders. Ich verabschiede mich von meinen Gastgebern, schwinge mich auf die Kawa und schieße mit heulendem Motor die steile Rampe hinauf und hinaus in den strömenden Regen.

Innerhalb weniger Minuten ist die äußere Schicht meiner Textilkombi durchnässt, aber die eingearbeitete Membran hält die Feuchtigkeit von den inneren Schichten und von mir weg. Motorradbekleidung erfüllt viele Funktionen, neben Wind und Wetter soll sie den Fahrer auch bei Stürzen schützen und trotzdem angenehm zu tragen sein. Das sind ziemlich hohe Anforderungen.

Ich habe mich für einen Anzug entschieden, der Außen aus abriebfesten Cordura besteht und zusätzlich an sturzgefährdeten Stellen mit Wildleder verstärkt ist, darunter eine wasserdichte Membran eingearbeitet hat und darunter ein leichtes Innenfutter und ein Meshgewebe, damit die Klamotten nicht am Körper kleben wenn ich schwitze. Im Winter kann man noch ein Thermofutter einknöpfen, aber das liegt zu Hause, ich habe mir erlaubt optimistisch zu sein. Dennoch fühlt sich er Motorradanzug so an, gerade in Kombination mit den schweren Stiefeln und Handschuhen, als würde ich eine Rüstung tragen. Das Gefühl wird noch verstärkt, wenn sich der Außenstoff mit Wasser vollgesogen hat. Und ja, es IST gerade naß. Das Visier meines Helms ist doppelt, so dass es nicht beschlagen kann, aber an jeder Ampel, wenn kein Fahrtwind da ist, beschlägt meine Brille. Im Halbblindflug geht es über die Straßen von München. Es ist Sonntag und kurz vor 10, da ist nicht viel los. Vermutlich hocken alle Bayern jetzt in der Kirche und danken Gott für die CSU oder so.

Ich lasse München und den Münchner Speckgürtel und den Speckgürtel des Münchner Speckgürtels hinter mir und fahre an Wegweisern für Orte vorbei, die ich sonst nur aus den Medien kenne. Oberammergau (Festpiele!), Bad Tölz (Dieser Krimi mit dem dicken Mann), Wildbad Kreuth (CSU Klausurtagung), usw.
Hinter Wolfratshausen (K-Frage-Frühstück!) reisst plötzlich die Wolkendecke auf.

Es hört auf zu regnen, die Sonne komme raus, und im nu ist meine Kombi wieder trocken und ich freue mich wie ein Kind darüber, in der Ferne die ersten Ausläufer der Alpen zu sehen! So große Berge haben für mich immer etwas majestätisches und ehrfurchtgebietenes, aber auch eine Schönheit, deren Faszination ich mich nicht entziehen kann. Schnell bin ich an der Grenze nach Österreich. Dort muss ich mich über meine Landsleute nicht wenig amüsieren. Eine Tankstelle hat entlang der Strasse über zig Kilometer Schilder aufgestellt: ACHTUNG! LETZTE TANKSTELLE VOR DER GRENZE!!!

Tatsächlich hat sich, vor dieser letzten Tankstelle auf deutschem Boden, eine Schlange aus Dutzenden von deutschen Fahrzeugen gebildet, Motorradfahrern aus den NRW genauso wie Wohmobilen aus Norddeutschland. Sie stehen bis auf die Strasse hinaus. Denken die alle, Österreich sei ein Entwicklungsland, in dem es keine Tankstellen gibt? Das Gegenteil ist der Fall, Freunde von mir behaupten felsenfest, der österreichische Sprit sei besser als der Deutsche, weil man damit sparsamer fahre.

Ich zirkele am Stau vor der LETZTEN TANKSTELLE vorbei, quere die Grenze und tanke im nächsten Ort für 20 Cent weniger pro Liter. Durch große Täler geht es weiter über die Landstraße in Richtung Innsbruck. Die Strasse ist breit und es ist wenig los, so habe ich Gelegenheit die Landschaft zu genießen. Die schwankt zwischen atemberaubend und kitschig. Kitschig, weil es hier tatsächlich so aussieht, als hätte ein Grafikdesigner den Auftrag bekommen, für eine Schmelzkäseverpackung eine typische Alpenlandschaft mit satten Wiesen, Blümchen, Hütten und glücklichen Kühen zu gestalten. Genau das hat der Designer dann gemacht, dabei aber alles um den Faktor hundert übertrieben: Alles ist ein wenig zu schön, zu glücklich und zu farbig. Aber so sieht es hier nunmal aus. Fast erwarte ich, dass ich den Bärenmarke-Bären vor einer Milka-Kuh über die Wiese springen zu sehen.

Der Idyll-Kitsch wechselt sich ab mit tollen Ausblicken auf die Berge, Brücken über hellblauen, reissenden Bergflüssen und sanft geschwungenen Passtrassen an steilen Felswänden. Herrlich. Die Kawa schnurrt über den Asphalt, ich gucke mir die Augen aus, und schneller als gedacht sind wir in Innsbruck. Da schon seit Wochen an der Federgabel der Kawa eine Mautplakette klebt, die ab heute gültig ist, brauche ich mir keine Gedanken darüber zu machen, ob ich Autobahn oder Landstrasse fahre. Das Navi leitet mich auf dem direkten Weg über die Europabrücke, und DORT haut es mich fast aus dem Sattel. Wörtlich.

Die Europabrücke war mit 190 Metern Höhe und einer Länge von 820 Metern lange Zeit die höchste Brücke Europas. Eigentlich war sie beim Bau der Brennerautobahn nicht vorgesehen, aber die Bürger eines Ortes in der Nähe forderten vehement, dass die Autobahn näher an ihrem Dorf vorbeiführen sollte, damit sie davon wirtschaftlich profitieren würden. So kam es, dass in den 60ern die Brücke über das Wipptal gebaut wurde.

Europabrücke bei Innsbruck. CC WikiCommons, rhilber

Wie hoch 190 Meter sein können, lässt die Windgeschwindigkeit erahnen. Die Windböen sind so heftig, dass ich Mühe habe, die Kawasaki auf Spur zu halten. Zum Glück sind am Sonntag keine LKW unterwegs, aber schon die Windschatten der Wohnmobile auf der rechten Spur sorgen dafür, dass beim ein- und ausfahren aus diesen Windlücken heftige Schläge kommen. Die Vollverkleidung des Motorrads und die Koffer bieten eine große Angriffsfläche, und als sei das noch nicht genug, schlägt es mir den Helm nach links und rechts, als ob mich jemand schubst. Ich ziehe den Kopf ein, beiße die Zähne zusammen und fahre möglichst vorsichtig und mit großem Abstand zu Leitplanken und anderen Fahrzeugen, damit ich nicht dagegen gedrückt werde. 820 Meter können ganz schön lang werden, aber irgendwann ist auch das geschafft.

Ich bin froh, dass ich mich gegen die alte Brennerstrasse entschieden habe – das würde länger dauern, und ich habe gestern Abend erst gesehen, dass ich heute bis 17 Uhr in der Herberge sein soll – das ist weniger als 5 Stunden hin. Weiter geht es über diverse Fernstrassen und durch Mautstationen bis zum Brenner. Hier gibt es mittlerweile sog. Videomautstationen: Man kann vorher über das Internet die Benutzung der Brennerautobahn buchen und gibt dabei sein Kennzeichen an. Dann fährt man nur noch in eine Kontrollschleuse, eine Kamera erfasst das Kennzeichen und öffnet die Schranke.

Super Sache – aber leider guckt die Kamera von vorn, und dort haben Motorräder kein Nummernschild. Also muss ich an einen Schalter fahren, aber nachdem das vorher ausgedruckte Videomauticket der Betreibergesellschaft ASFINAG eingescannt ist, kann ich sofort weiterfahren. Das ist sehr bequem und willkommen, denn als Motorradfahrer hält man den Verkehr an solchen Schaltern sowieso ganz schön auf. Während Autos im Sekundentakt durchfahren, muss man als Mopped an den Schalter rollen, die Handschuhe ausfummeln, nach dem Geld kramen – das ganze meist mit durchgefrorenen und steifen Fingern. Dann muss man es schaffen, während man die schwere Maschine auf einem Bein balanciert, Geld oder Kreditkarte durchs Schalterfenster zu reichen ohne umzufallen. Und wenn alles geklappt hat und die Schranke offen ist, muss man erst die Handschuhe wieder anziehen (und oft noch unter Jacke/Regenkombi fummeln). Erschwert wird das Ganze oft noch durch Regen und – insbesondere am Brenner – durch Öl(!), dass aus Autos gelaufen ist und sich in den ausgefahrenen Fahrspuren sammelt. Genau in einer solchen Spur steht man dann als Motorrad, mit beiden Reifen. Frei nach dem Motto: „Sie baden gerade Ihre Füße drin“.

Egal, weiter geht es, die Berge wieder hinab. Etwa 30 Minuten später und damit 2,5 Stunden nach meiner Abfahrt aus München quere ich die Grenze. Ganz unspektakulär ist das, lediglich ein Schild mit dem Europazeichen kündet davon, dass ich jetzt über italienischen Asphalt rolle. Nur als ich durch den Ort Brennero fahre habe ich ein komisches Gefühl. All das, was ich jetzt von der Schnellstrasse aus sehe, die Kirchen, Betriebe und die Bahnstrecke, haben das Wiesel und ich zuletzt vor vier Monaten aus dem Zug gesehen. Es war nachts, Schneeflocken tanzten durch die Luft, und wir waren auf dem Weg nach Venedig.

Die Autobahn 22 führt an Sterzing vorbei und wird bei Brixen zur A13. Hier ziehe ich ein Ticket an einer Mautstation und fahre weiter. Ich könnte jetzt auf eine der schöneren Regionalstrassen fahren, aber erstens geht es heute nicht um Schönheit, sondern darum, Kilometer zu machen, und zweitens gerate ich mitten im Trentino, hinter Bozen, in einen freundlichen Sommersturm.

Freundlich deswegen, weil es nicht regnet – aber der Wind drückt Büsche auf den Boden, reisst an den Bäumen und schaukelt in den Weinstöcken. Da ist es mir lieber, ich habe eine breite Autobahn als eine schmale Landstrasse – denke ich noch so bei mir, als mich prompt eine Windböe just in dem Moment erwischt, als ich zum Überholen ausscheren will. Das Motorrad bekommt mehr Schwung als beabsichtigt, und nur durch ein reflexhaftes Reinwerfen gegen die Schwenkbewegung kann ich gerade noch verhindern, dass die Maschine in die Mittelleitplanke rauscht. Das sieht vermutlich äußerst wackelig aus, und ist scheiß gefährlich, hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte einen Abflug gemacht oder zumindest eine Seite der Kawa rasiert.

Die Maschine wird ordentlich durchgeschüttelt, mir reisst es den Helm von links nach rechts und ich stelle mir vor, wie das Wiesel im Topase grün um die Nase wird. Dann kommen wir richtig in der Lombardei an, der Sturm flaut ab, und es wird etwas ruhiger.

Wolken hängen an den Bergen und Felswänden des Trentino.

110, 130, 110… italienische Autobahn fahren ist entspannt, aber irgendwie auch langweilig, und wird auch dadurch nicht besser, dass dicke Audi- und BMW-SUVs der Meinung sind, Motorräder bräuchten keinen Platz zum Fahren. Dennoch fährt man hier zivilisierter als in München. Mit Ausnahme der Fahrzeuge mit einem „M“ im deutschen Kennzeichen.

Hinter dem Brenner schwitze ich mich fast tot. Durch die breiten, dicht bewaldeten Bergtäler weht ein warmer Wind, und die Sonne brennt vom Himmel. Ich steuere einen Rasthof an, der merkwürdigerweise voller Inder ist. Ich betanke die Kawa, suche mir ein ruhiges Plätzchen und entledige mich des Pullovers, wechsele auf leichte Sommerhandschuhe und öffne die Belüftungen der Kombi. An Armen, Brust und Oberschenkeln hat der Anzug Reißverschlüsse. Sobald die offen sind, strömt der Fahrtwind zwischen Außenmaterial und der inneren und Membran des Anzugs. Als ich das Topase öffne, um mir einen Apfel und einen Schluck Wasser zu genehmigen, gnatzt mich ein bratziges Wiesel an.

D´ös Wiasl ist bratzig, auf einem Parkplatz voller Inder.

Es ist sauer, weil wir so schnell durch das Land durchgefahren sind, dass es durch die Besuche bei Kalesco und Rufus so kennen und schätzen gelernt hat. Die Laune „D´ös Wiasls“, wie es sich in Österreich nennt, bessert sich aber schlagartig, als es den warmen Wind im Fell spürt.

Weiter geht es über die Autobahn, am Gardasee entlang (den man von dort aus leider nicht sehen kann). Die Lüftung des Anzugs bringt merklich was. Er kühlt sich ab, ohne das es zieht.

Der Agriturismo, unsere heutige Herberge, liegt 25 Km nördlich von Mantua, im Örtchen Volta Mantovana („Mal n´en kleines Mantua“). Als ich den steinige Feldweg zum Gebäudekomplex entlangeiere und stürmt mir bereits eine junge Frau entgegen und weist mir den Weg. Ihr Name ist Chiara, eine quirlige, aufgeweckte junge Frau, die keinen Moment still zu stehen scheint. Noch bevor ich den Helm abgenommen habe, mit einem Schwall italienischer Komplimente überschüttet. Die gelten leider nicht mir, sondern dem Motorrad, aber meine Sympathien hat Chiara damit trotzdem sofort erobert.

Das Wiesel blickt zufrieden über die Kiwiplantage des Agriturismo. Der Transit über die Alpen ist geschafft – wird sind in Italien!

Nach der Registrierungsprozedur zeigt sie mir den ehemaligen Bauernhof.

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Chiaras Geschichte
Familie Castello bewirtschaftet das Gut vor den Toren des Ortes Volta Mantovana seit Generationen. Als mit dem Anbau von Wein kein Geld mehr zu machen war, musste sie sich etwas anderes einfallen lassen. Seit einigen Jahren bauen sie nun Bio-Kiwis an. Das läuft im milden Klima der Lombardei ganz gut, die Kiwis werden – kein Witz! – bis nach Neuseeland exportiert.

Irgendwann hatte Chiaras Papa dann eine Vision, oder zumindest stelle ich mir das so vor. Es muss so ähnlich gewesen sein wie in dem Film „Feld der Träume“, in dem der Protagonist plötzlich auch so eine Stimme hört, die ihm einflüstert „Wenn Du es baust, werden sie kommen“.

Chiaras Vater begann zu bauen. In jeder freien Minute riss er die Erde des Hofes auf, verlegte Leitungen, sägte Bretter und schleppte Steine . Er ist nämlich ein begeisterter Wohnmobilbesitzer und war urplötzlich der Meinung, dass hier, mitten in der Lombardei, ein Stellplatz für Wohnmobile fehlen würde. Chiara sollte sich keine Sorgen machen, die würden schon kommen, wenn er nur baute. Und bauen würde er, und wen die Wohnmobile kämen, dann müsse sie, Chiara, sich lediglich um das „Innere“ kümmern.

Drei Jahre später steht auf dem Gelände es Bauernhofs ein neues Wirtschaftsgebäude mit Duschen, Frühstücksraum, Büro und einer überdachten Außenküche mit Sitzplätzen und Grill. Das Dach des Wirtschaftsgebäudes ist eine große, überdachte Terrasse. Dort stehen Tischkicker und andere Spielgeräte und Sofas, von denen man einen herrlichen Blick über die Kiwifelder hat. Dort, wo die alte Scheune stand, ist jetzt eine planierte Fläche mit 12 Säulen für Strom- und Wasseranschlüsse von Wohnmobilen und Wohnwagen. Auch eine Zeltwiese und einen Außenpool gibt es, und ein Anbau an den alten Bauernhof beherbergt drei Gästezimmer mit Doppelbetten, Flat-TVs und riesigen Bädern. WLAN gibt es genauso wie Klimaanlagen. Chiaras Vater hat gebaut. Nun ist sie an der Reihe, mit dem „Kleinkram im Inneren“, wie ihr Vater so schön sagt.

Der Pool.

Der Kleinkram beinhaltet Werbung, Websitenbetreuung, dauerndes checken der Onlinebuchungsplattformen, Gästempfang, Rezeption, Concierge, Zimmermädchen, Reinigungsfrau und Buchhaltung. Kleinkram, halt, Chiaras Tag beginnt früh am Morgen und endet spät in der Nacht, Zeit für Hobby bleibt da nicht.
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Chiara zeigt mir mein Zimmer. Geräumig, eingerichtet mit neuen Möbeln und einem schmiedeeisernen Doppelbett. Auf dem Tisch klebt der Code für´s kostenlose WLAN. Ich trage meine Koffer rein, halte mich aber gar nicht weiter auf. Ich bin todmüde, aber der pralle Sonnenschein verführt zu Aktivitäten, besonders wenn man die letzten nur Regen gesehen hat. Ich will wieder auf die Strasse und Dinge sehen!

Wenig später summt die Kawa über die Landstrasse und schiesst durch eine grosse Ebene mit Feldern und Seen, die im Licht der Abendsonne glitzern. Das Navi im Helm weist die Richtung nach Mantua. Die Stadt liegt wirklich interessant: Nach einer Seite von einer Hügelkette von der Ebene abgeschirmt, ist Mantua auf drei Seiten von Wasser umgeben. Nicht einfach nur einem Wassergraben, sondern richtig breiten Seen, so dass man fast glauben könnte, das Mantua eine Insel ist. War es auch mal, ist aber lange her:

Eine lange Brücke verbindet das Festland mit der Inselstadt. Das Motorrad lasse ich hinter der Brücke auf einem Parkplatz stehen und gehe zu Fuss weiter. Hinter der ersten Häuserzeile liegt ein großer Park. Er wirkt wie ausgestorben. Ich gehe weiter, durch menschenleere Strassen. Die Hitze des Abends steht in den engen Strassen. Kaum zu glauben, dass ich noch heute morgen im verregneten München gefroren habe.

Ich finde einen großen Platz, der mit der Mutter aller Kopfsteinpflaster bedeckt ist. Knubbelige Natursteine machen den Platz zur Todesfalle für Stöckelschuhe. Auch hier ist erstaunlich wenig los, nur in einer Ecke gibt es ein belebtes Strassencafé.

Die Mutter aller Kopfsteinpflaster

Ich wage einen Blick durch einen Torbogen in einem der Gebäude – und finde einen jener magischen Momente, für die ich das Reisen so liebe. Der Torbogen gibt einen kreisrunden Park frei, der an allen Seiten durch Wohnhäuser begrenzt ist. Der Boden des „Piazza Lega Lombarda“ ist mit Kies bedeckt, und große Kastanien wachsen an der Außenseite und spenden Schatten. In der Mitte des Parks, genau im Zentrum des Kreises, steht ein bestimmt 10 Meter hoher… ja, was eigentlich? Baum? Busch? Keine Ahnung:


(Falls jemand weiß, was das ist, bitte in die Kommentare). Egal was es ist: Das Ding duftet. Und wie. Ein süßlicher un intensiver Geruch, aber keiner, der in der Nase klebt. Im Gegenteil: Äußerst angenehm! Ich setze mich auf eine Parkbank und genieße den Duft. Mal ehrlich: Wie oft hat man das schon? Sich irgendwo hinsetzen und die Aussicht genießen, klar. Aber den Duft eines Ortes genießen? Zehn Minuten lang schnüffele ich mich fast besoffen. Dann treibt es mich weiter, ich will Dinge sehen!

Die nächste Besonderheit, auf die ich in Mantova stoße, ist eine Chiesa Rotunda – eine kreisrunde, kleine Kirche. Als Taufkirche oder Kapelle kenne ich sowas, aber freistehend?

Eine reine Rundkirche ist sehr, sehr selten, und bis zu diesem Moment wusste ich gar nicht, dass es das überhaupt gibt. Das Innere ist schlicht, aber die Kombination aus eng, rund und hoch und der Mangel an Fenstern vermittelt schon ein ganz besonderes Gefühl. Ich bin keine normale Kirche, scheint das Bauwerk zu wispern, Ich bin ein Schutz. Ich umgebe Dich auf allen Seiten mit meinen dicken Mauern, bin nur für Dich hier, um Dich zu schützen.

Ich habe jetzt den belebten Teil der Stadt gefunden. Viele Familien sind unterwegs. Die Kinder spielen auf den Plätzen fangen oder Ballspiele, die Erwachsenen genießen den warmen Sonntagabend bei entspannten Gesprächen in den Strassencafés und auf den Stufen der Pallazi und Kirchen. Ich bahne mir einen Weg durch die obligatorischen Panflötenindianer und suche mir einen Strassenplatz in einem Restaurant, das mit einer Spezialität der Region wirbt: Risotto alla Pilota bzw. Risotto alla Mantova.

Was kaum jemand weiß: Norditalien ist das größte Reisanbaugebiet Europas. Wasser liefern die Alpen mehr als genug, und damit wird in den weiten Ebenen von Piemont und Lombardei Risottoreis angebaut. Mein Mahl besteht nur aus Risottoreis mit ganz leicht angebratenem, also fast rohem, Hack. Das Wasser, das ich dazu bestellt hatte, ist Leitungswasser, dass das Restaurant in eine Plastikflasche von Evian umgefüllt hat.

Das Essen haut mich nicht vom Hocker, wohl aber die Bedienung: Sie gehört zu den schönsten Frauen, die ich jemals gesehen habe. Ich bekomme kaum den Blick los von diesem unglaublich interessanten Gesicht. Neben dem hohen Wangenknochen und einem strahlenden Lächeln ist es vor allem der Kontrast der knallig grünen Augen mit ihrer tiefschwarzen Haut, die einen Ton wie Zartbitterschokolade hat. Was für eine ungewöhnliche Kombination – egal ob natürlich oder Kontaktlinsen, ein Hingucker ist das allemal. Wie eine Erscheinung schwebt die Schöne mit den ausladenden Hüften zwischen den Tischen umher und wirkt mit ihrer lockeren und freundlichen Art und in ihrem weißen Minikleid, das sie ohne Kellnerinschürze trägt, eher wie die charmante Gastgeberin einer Cocktailparty als wie eine Kellnerin.

Faszinierend. Ich trinke mein Wasser langsam aus, um noch ein paar Blicke auf diese faszinierende Frau zu erhaschen. Das mag komisch klingen, aber ich treffe nicht jeden Tag auf Menschen, die ich spontan als „wunderschön“ klassifiziere. Ich nutze die Gelegenheit und schreibe die bisherigen Reiseerlebnisse in das kleine, ledergebundene Buch, dass ich im Februar bei Stefano in der Barbaria delle Tole in Venedig gekauft habe.

Mantova ist faszinierend. Hier muss ich irgendwann noch einmal herkommen. Innerhalb einer Stunde habe ich hier schon drei Dinge entdeckt, die ich vorher so noch nie erlebt habe: Duft, interessante Architektur und wunderschöne Frau. Ach ja, und das Risotto.

Wenig später rauscht die Kawa im Licht der untergehenden Sonne durch die Landschaft. Auf dem Bauernhof angekommen, folgt ein kurzer Wortwechsel mit Chiara. Der ist uns beiden peinlich, weil wir nicht mal im Ansatz verstehen, was der/die andere sagt. Ich nehme eine lange Dusche in dem nagelneuen Bad und setze mich danach noch nach draußen in die offene Küche, die Chiaras Papa für die Camper gebaut hat.

Dort schreibe ich Tagebuch, bis mir die Augen zufallen.

Das letzte, was ich an diesem Tag mache, ist das Zusammenlegen der Regenkombi. Ich verschnüre sie mit Packriemen zu einem festen, kleinen Paket. „Dich brauche ich jetzt nicht mehr“, flüstere ich mit einem zufriedenen Lächeln. Jetzt bin ich in Italien, der Transit über die Alpen geschafft und das Wetter spitze. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht mal im Ansatz, was noch auf mich zukommen wird.

Im nächsten Teil: Tauchfahrt im Erdbebengebiet und Pinocchio in Rimino

Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Motorradreise 2012, Tag 3: Risotto alla Giulia

  1. Das ist ein Rhododendron, der schon geblüht hat. Hoffe ich zumindest. Meine zweite Wahl wäre der Kirschlorbeer gewesen. 😉 Aber ich glaube schon es ist ein Rhodo.

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  2. Kenny

    Wow, toll geschrieben. Da ich die Gegend recht gut kenne, fühle ich mich gerade so als ob ich für 10 Minuten in Italien gewesen wäre.

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  3. Queen: Dankeschön! Ich hatte Rhododendron schon vermutet, das dann aber verworfen, weil ich dachte, die könnten keine 10 Meter hoch werden.

    Kenny: Fernweh? 🙂

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  4. Doch, doch. Die können sogar im richtig warmen Klima bis zu 30 m hoch werden, haben tiefrote Blüten, und ist die Nationalpflanze von Nepal. Allerdings sind diese nicht winterhart. Aber das nur so nebenbei. Ich liebe Rhododendren. Die haben wirklich einen sehr intensiven Duft. Und wenn die so richtig in Blüte stehen, dann sind die Dinger echt eine Wucht.

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  5. Kenny

    Fernweh? Und ob. Sind zwar grad erst aus dem Urlaub gekommen, aber nach dem Urlaub ist ja vor dem Urlaub 🙂

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