Motorradreise 2012, Tag 4: Der Rubicon ist überschritten

Herr Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am vierten Tag geht von Mantua nach Rimini, durch ein Gebiet, das eine Woche zuvor von einem Erdbeben schwer beschädigt wurde.

4. Juni 2012, Volta Mantovana, Lombardei

Um kurz nach Sieben Uhr wache ich vom Geräusch des Winds auf, der in den Kiwifeldern vor dem Fenster meiner Unterkunft rauscht. Denke ich zumindest. Bis mir auffällt, dass es sich merkwürdig anhört. Mit einem feuchten Unterton. Hat der Wind Flatterschiß? Ich wälze mich aus dem Bett und öffne die Fensterläden. Dann falle ich vom Glauben ab. Draußen geht gerade die Welt unter.

Starkregen rauscht vom Himmel herab. Der Hof steht unter Wasser, die Kawasaki steht schief in einer Schlammkuhle. Was habe ich eigentlich getan, dass mich das schlechte Wetter so gern hat, dass es mir sogar über die Alpen folgt?? Mißmutig werfe ich mich in Zivilklamotten und stapfe durch die Wassermassen zum Frühstücksraum. Chiara hat bereits typisch italienisches Frühstück bereitgestellt: Extra für mich gebackener, sehr leckerer Topfkuchen, Ananassaft und Caffé (was Espresso bedeutet). Ich bin der einzige Gast heute morgen, und Chiara hat Redebürfnis.

Leider spricht sie schlechter englisch als ich italienisch, und als ich meinen zuvor auswendig gelernten Standardsatz „es Tut mir leid, mein Italienisch ist schlecht. Ich versuche es zu lernen, aber erst seit einem halben Jahr, mir fehlen noch viele Worte“ aufsage, entgegnet sie forsch: „Ach, Du willst italienisch lernen? Na, dann bin ich ab jetzt Deine Lehrerin!“. Und lehren tut sie mich, fortan. Alles was ich sage verbessert sie sofort, fragt mich Dinge, korrigiert die Antworten. Auch wenn es anstrengend ist: So lernt man eine Sprache am schnellsten. Und Chiara ist eine strenge, aber gute Lehrerin – die mich auch noch lehrt, als ich schon lange aus Volta Mantovana abgereist bin. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland nimmt sie per Mail Kontakt auf, und heute skypen wir fast jeden Tag.

Reisestrecke Tag 4: 275 Kilometer.

Reisestrecke Tag 4: 275 Kilometer.

Ob das Erdbeben in der letzten Woche zu spüren war, möchte ich von ihr wissen. „Ja, alles hat gewackelt und die Gläser haben gescheppert. Aber passiert ist nichts.“ Hat sie deswegen Gäste verloren? „Si!“ Chiara schnaubt erbost. „Gäste aus Neapel. Italiener! Die sollten doch wissen, dass das Erdbeben in Modena war! Das ist fast 70 Kilometer entfernt!“ Siebzig Kilometer sind für ein Erdbeben aber nicht viel, oder? „Ach was, Papperlapapp! Außerdem ist es schon eine Woche her. Ich will auch gar nicht mehr darüber reden. Was ist eigentlich mit diesem Wetter los? Solche Wolken habe ich hier noch nicht gesehen.“
Solche Wolken kenne ich zur genüge. Das ist ein Wetter, dass sich gerade einregnet. Das wird jetzt anfangen zu pladdern und stundenlang nicht mehr aufhören.
Ich trinke meinen Caffé aus und gehe zurück zum Haupthaus, mache mich fertig und packe seufzend die Regenkombi wieder aus.

20 Minuten später bin ich wieder als Astronautenbär verkleidet und stehe im strömenden Regen im Schlamm, um die Koffer an die Kawasaki zu klippen. Ich verabschiede mich von Chiara, dann manövriere ich vorsichtig durch den mit Steinen durchsetzten Matsch, der vorher mal ein Feldweg war. Jetzt bloss nicht wegrutschen – wenn ich das Motorrad in diesem Schlamm auf die Seite lege, bekomme ich es nie wieder aufgerichtet.

Ich atme tief durch, als ich die befestige Strasse erreiche. Ein Fehler, denn sofort beschlägt die Brille. Das nächste Problem: Ich komme nicht aus Volta Mantovana heraus. Das Städtchen besteht aus einem Gewirr von Einbahnstraßen, die das Navi nicht als solche kennt, und die Alternativroute ist mit einer Straßensperre versehen. Als ich auf gut Glück eine Strasse nehme, die mir in die richtige Richtung zu führen scheint, stehe ich nach 5 Kilometer im Schlamm eines Weinbergs. Während meiner Odyssee legt das Wetter richtig los: Es regnet in Strömen und wird dabei so dunkel, dass ich tatsächlich die Scheinwerfer brauche um überhaupt was sehen zu können.

Irgendwann finde ich tatsächlich einen Ausgang aus Volta Mantovana, fahre dafür aber in die verkehrte Richtung. Egal! Das Navi wird es schon richten! Gen Norden, Richtung Valeggio sul Mincio, fahre ich durch die grünen Hügel der Lombardei, vorbei an und mitten durch Ruinen aus römischen Zeiten. Die Landschaft muss unheimlich schön sein – leider sehe ich davon nichts, der Regen ist so stark, dass ich nur wenig mehr als hundert Meter sehen kann.

Durch Ruinen geht es in die verkehrte Richtung. Das Bild ist an einem trockenerem Tag entstanden und von radosny67

Ich bin so froh, mir vor der Abreise noch diese Regenkombi und die schweren Stiefel gekauft zu haben! Beides hält absolut dicht.

Im Regen zu fahren ist oft nicht einfach. Mann muss schon sehr aufpassen, weil die Bremswege sich irre verlängern, Kurven schwieriger zu nehmen und Schlaglöcher nicht sofort zu erkennen sind. Außerdem regnet es so stark, dass die Strasse an vielen Stellen überspült ist. Die Gräben stehen bis oben hin voll, und immer wieder fluten Schlammbäche über die Strassen.

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Die Geschichte mit dem Erdbeben
Ich fahre Richtung Ferrara durch die Emilia-Romagna, genau durch das Gebiet, dass seit dem 29. Mai von heftigen Erdbeben ist. Ich weiß, dass hier viel zerstört wurde und es die Menschen z.T. schwer getroffen hat. Viele leben hier von der Herstellung von Aceto Balsamico Riserva und Parmesano. Insbesondere von den lange gelagerten Varianten leben die Familienbetriebe hier. Nun sind viele Keller, Fässer und Regale, die es für Essig und Käse braucht, bei dem Beben zerstört worden. Gerade die Holzfässer für den Aceto brauchen Jahrzehnte, um die nötigen Geschmacksstoffe mitzubringen. In Kürze wird es keinen Aceto Riserva, der nmindestens 25 Jahre lagern muss, mehr geben. Die wenigen Vorräte werden unbezahlbar sein, und bis es wieder welchen gibt, werden die Menschen tot sein, die wussten wie er wirklich in der Endstufe schmecken muss. Eine Tragödie.
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Sehen tue ich davon freilich nichts, während ich durch die überfluteten Strassen cruise. Das Navi hat kleine Landstrassen gerechnet, und so gleitet die Kawa durch die weiten Felder der Po-Ebene (wer jetzt kichert ist immer noch in der Pubertät!). Verkehr gibt es hier nicht in nennenswertem Umfang. Ab und an begegnet mit ein Fiat, ansonsten ist die Strasse menschenleer. Allein mit mir und meinen Gedanken und der Strasse unter den Rädern vergesse ich den Regen, der auf den Helm trommelt. Ich gleite über die sanft geschwungenen Strassen, mal links, mal rechts, bewundere die kleinen Siedlungen und Gehöfte am Wegesrand mit ihren Kunstvollen Verzierungen und den kleinen Gärten, quere Kanäle und kreuze über Brücken.

Als ich mich Ferrara nähere, wird es langsam heller. Als ich die Stadtgrenze passiere, hört es auf zu regnen. Sollte ich tatsächlich Glück haben? Ich fahre ein McDonalds an, stelle die Maschine ab und schütte das Wasser aus der Aussentasche der Regenkombi. McDonalds sind immer praktisch. Es gibt Parkplätze, Toiletten, oft WLAN und leidlich gutes McFlurry mit Pistazien, dass so giftgrün ist, dass ich ihm zutraue, dass es im Dunkeln leuchtet. Nach Eis ist mir aber gerade nicht.

Ich trinke den schlechtesten und teuersten Caffé der ganzen Reise, dann schwinge ich mich wieder auf das Motorrad. Regentropfen zischen auf dem heissen Auspuff, denn es beginnt gerade zu regnen. Offensichtlich bin ich dem schlechten Wetter gerade mal für 10 Minuten entkommen.

Weiter geht es gen Stadtzentrum. Ich habe auf Satellitenbildern der Stadt ein Gebäude entdeckt, dass bemerkenswert zu sein scheint – das möchte ich mir ansehen. Das Navi habe ich bereits zu Hause auf einen Parkplatz programmiert, der motorradgeeignet und in der Nähe ist. Schöne, neue Internetwelt.

IMG_0658

Diese Art Planung brauche ich übrigens, einfach so ins Blaue zu fahren ist bei Reisen in dem Maßstab nicht meins. Mit den Koffern links und rechts ist die Kawa fast so breit wie ein Fiat, mindestens aber wie ein Piaggio. Damit kann ich nicht einfach überall parken.

Der Parkplatz liegt genau dort wo er sollte, er ist groß und viel frei. Womit ich nicht gerechnet habe sind die beiden Nigerianer, die sich als Parkeinweiser betätigen. Eigentlich vollkommen sinnlos: Sie springen vor die hereinfahrenden Autos und leiten sie zu freien Stellplätzen. Auf einem Parkplatz, den man gut überschauen kann und auf den vielleicht 50 Autos passen. Mich winken Sie auf eine Restfläche, so ein Dreieck, wo kein Auto draufpasst. Naja, mir soll´s recht sein, fahre ich halt da hin. Ich werde begrüsst mit „Buongiorno, Ah, guten-Morgen-der-Herr, how are you, pardon?“ Ich drücke dem aufdringlichen Sprachwunder 50 Cent in die Hand und wende mich dann dem Parkscheinautomaten zu, denn das die beiden keine „Offiziellen“ sind, ist klar. Das hier ist nur eine andere Form des Bettelns für einen „Service“ den keiner will oder braucht. Als ich beim Automaten ankomme und gerade eine Münze aus der regennassen Kombi fummele, protestieren die beiden Dienstleister hinter mir auf´s Lauteste: „No! No!, Monsieur, my friend, is FREE PARKING. A qui, tutto è gratis!“ Ich glaube das ja nicht, aber die beiden sind so aufgeregt, dass sie mir vermutlich an die Gurgel gehen, wenn ich dich Münzen in den Automaten stecke. Egal.

Ich schlage mich vom Parkplatz aus in die Gassen von Ferrara, und schon nach der zweiten Ecke habe ich mich verlaufen. Das bekomme ich auch im kleinsten Ort hin. Ich kann nichts dafür, das ist meine geheime Superkraft, die kann ich nicht bändigen. Nach wie vor regnet es in Strömen. Dichter Regen fällt in die engen Gassen zwischen den beigefarbenen Backsteinhäusern der Renaissancealtstadt.

Savonarola, der irre Mönch, hat hier ein Standbild. Ich vermute, dass nach dem die Spielfigur in Assassins Creed modelliert wurde.

Zwar habe ich noch die Regenkombi an, aber die hat keine Kapuze, und so läuft mir das Wasser über den Schädel und in den Kragen. Auch die Brille ist voll Tropfen. Der Stadtplan, den ich mir vor der Reise ausgedruckt hatte, ist vollkommen durchnässt. Dann, plötzlich, sehe ich durch einen Torbogen eines der touristischen Must-Sees der Stadt: Eine Treppe.

Keine Ahnung was daran so toll ist, aber zumindest weiß ich nun wieder wo ich bin. Ich schlendere als Astronautenbär zwischen den Leuten hindurch, die zusammengekrümmt unter ihren Regenschirmen an mit vorbeihasten. Dann liegt es vor mir, das Gebäude, dass mein Interesse auf den Satellitenbildern geweckt hat: Eine Wasserburg, mitten in der Stadt. Das Castello Estenese, Sitz der Familie d´Este. Lucrezia Borgia hat hier mal gewohnt, in Ferrara wurde Sie tatsächlich als ehrbare Frau geachtet.

Das Bauwerk ist wirklich beeindruckend:

Ich laufe einmal drum herum, dann reicht es mir. Von Außen nass vom Regen, von Innen vom Schweiß, da muss eine Runde reichen. Zumal die Burg sowieso nicht für den Publikumsverkehr geöffnet ist. Also zurück zum Parkplatz. Auf dem Weg dorthin sehe ich ein elektronisches Schild: „Parcheggio Gratuito“ – kostenloser Parkplatz. Sowas, dann hatten die beiden Parkeinweiser doch recht – anscheinend kostet der Parkplatz nur in der Touristensaison was, aber niemand macht sich die Mühe, darauf an den Parkautomaten hin zu weisen. Wer etwas bezahlt, ist selbst schuld. Als ich wieder beim Parkplatz ankomme, sehe ich zwei Dinge: 1. Mein Motorrad, 2. Eine Frau im Hosenanzug, die die beiden Parkwächter anblafft und schnurstracks zum Automaten rennt und Münzen einwirft. Die Beiden stehen da mit den Händen in den Hosentaschen, sehen ihr zu wie sie Geld zum Fenster rausschmeisst und grinsen. Anscheinend wird man nur von ihnen auf das kostenlose Parken hingewiesen, wenn man nett zu ihnen ist.

Ich bedanke mich bei den Beiden mit weiteren 50 Cent (Das Parkticket wäre dreimal so teuer gewesen) und verabschiede mich dann. Ich höre noch „Arrividerci, my friend, willkommen-auf-wiedersehen-au-revoir!“

Das navigieren im Stadtverkehr ist nicht ganz einfach, weil mir die Sicht fehlt. Sowohl Brille als auch Helmvisier sind voller Regen, innen wie außen. Ich blicke also durch vier Schichten Wassertropfen, und wenn ich zu langsam fahre oder an einer Ampel halte, beschlägt die Brille, bis ich nichts mehr sehe. Für mich sieht die Strasse gerade ungefähr so aus, nur nicht so deutlich:

Ein Horror. Viel geht in Ferrara gerade sowieso nicht, überall ist Stau, und als ich endlich aus der Stadt herausbin und die Kawa wieder über die Landstrasse schnurrt, bin ich heilfroh.

Das nächste Ziel ist Ravenna. Das liegt von Ferrara nur eine Stunde entfernt, an der Küste. Warum ich da hinwill? Die Gründe sind etwas doof: Zum einen Stand ein Stadteil von Ravenna Pate für den Hafen von Forlí in „Assassins Creed II“, zum anderen… weil ich den Namen schön finde. Raaa-wennnn-aaaa. Hach.

Leider präsentiert sich die Stadt mit dem schönen Namen ziemlich miesepetrig, als Labyrinth aus Baustellen und Einbahnstrassen und Staus und Regen. Regen Regen Regen. Das Navi schickt mich im Kreis herum, immer wieder komme ich an den gleichen Staustellen und Baustellen vorbei, und folge Umleitungen die wieder zurück zum Start führen. Irgendwann bin ich so genervt, dass ich einfach stur in eine Richtung fahre und plötzlich – bin ich dort, wo ich hinwollte: An der alten Burg am Hafen. Davor, das haben mit Satellitenbilder verraten, gibt es einen Parkplatz.

Ravennas Burg. Unspektakuläre Reste in einem dreckigen Park.

Was die Luftaufnahmen nicht verraten haben: Der Parkplatz liegt tiefer als die Umgebung und ist nur über einen schmalen, steilen Steinweg erreichbar. Der nun natürlich schlammig ist. Vorsichtig balanciere ich das schwere und voll bepackte Motorrad das Gefälle hinunter, das zu einer Seite keine Leitplanke oder ähnliches hat. Hier später wieder rauf zu kommen wird auch noch ein Vergnügen. Unten angekommen stelle ich das Motorrad erst einmal ab. Es hat aufgehört zu regnen, und die Kawasaki ist, durch den fehlenden Fahrtwind in der Stadt, sehr heiß geworden. Der Lüfter summt vor sich hin, während ich einen Apfel verspeise und einen Schluck Wasser trinke und mich umsehe. Viel zu sehen gibt es nicht. Von der Burg steht nur noch das Kellergeschoss, dahinter liegt ein schlecht gepflegter Park. Vom Hafen ist nur eine Betonwand zu sehen. Gerade als ich beschließe, dass ich lieber weiter will, fängt es wieder an zu regnen. Ich schwinge mich auf die Maschine, programmiere den schnellsten Kurs aus der Stadt und mache mich vom Acker. Die Kawa klettert den steilen Weg ohne Mucken hoch, und das einfädeln in den dichten Verkehr aus der steilen Ausfahrt ist zum Glück auch kein Problem, weil ECHT ALLE AUFPASSEN. Ja, noch ein Lob für die italienischen Autofahrer.

Zum Glück muss ich nicht noch einmal durch das Labyrinth der Stadt, das Navi hat eine Umgehungsstrasse gerechnet, die kurze Zeit später wieder in die kleinen, geschwungenen Landstrasse übergeht, die ich so gerne mag. Die könnte ich ewig fahren, auch im Regen, aber nach 40 Minuten ist die Fahrt schon wieder vorbei: Ich bin in Forlí, der Stadt Caterina Sforzas.

Ich parke an der Rocca di Ravaldinho, der Festung inmitten der Stadt, und bin überrascht, dass die Burg mittlerweile ein Gefängnis ist. Das ist das zweite Mal, das ich sowas sehe – in Volterra ist die alte Medici-Festung ein Staatsgefängnis.

Die Wachposten sind nicht zu sehen, aber ich vermute, dass man mich über die Kameras an den Außenwänden im Auge behält, wie ich in voller Montur knipsend um die Festung laufe. Mein Interesse ist natürlich rein forschender Art: In Assassins Creed II spielt die Festung und Caterina Sforza eine bedeutende Rolle. Da Kapitel des Spiels geht auf eine wahre Begebenheit zurück.

Um Caterina, die starke Frau, die die Stadt im Alleingang Unabhängig hielt und die sogar den Borghia trotzte, gefügig zu bekommen, entführte man ihre Kinder. Der Sage nach waren die Entführer vor den Toren der Festung und drohten damit, die Kinder umzubringen, wenn Caterina die Stadt Forlì nicht übergeben würde. Da stieg Caterina Sforza auf die Burgmauern, hob ihre Röcke, reckte den verblüfften Belagerern ihre entblößte Vagina entgegen und brüllte: „Seht ihr das? Behaltet die Blagen, ICH HABE HIER ALLES WAS ICH BRAUCHE UM NOCH MEHR KINDER ZU MACHEN!“

Auf diesem Tor zog Caterina angeblich blank.

Ist natürlich nur eine Anekdote, niemand weiß, ob die Geschichte stimmt. Aber ob sie wahr ist oder nicht, sie sagt alles über Caterina was man wissen muss: Eine strake Frau, die für ihre Stadt alles getan hat. 1503 wurde sie von Cesare und Lucrezia Borgia gefangen genommen und in die Engelsburg verschleppt, wo sie von den Geistlichen solange mißhandelt und vergewaltigt wurde, bis sich ihr starker Geist in einer Ecke ihres Kopfes verbarrikadierte und sie katatonisch wurde. 1509 starb sie.

Borghia-Wappen in der Festungsmauer. Symbol des Triumphes der Spanier.

Nach der schlimmen Geschichte hier was Schönes: Ein Bild der ZZR in voller Reisekonfiguration mitten in Forlì.

Nachdem ich einmal um die Festung herumgelaufen bin, schaue ich noch in die angrenzenden Viertel. Ich tue Forlì schon als hässlich ab, ab ich plötzlich auf einem wundeschönen Marktplatz stehe.

Forlì kann auch schön.

Keine Ahnung was es bedeuten soll, aber es sieht cool aus.

Da beginnt es plötzlich zu regnen. Ich gehe zurück zur Kawasaki, und weiter geht es zum Endpunkt der heutigen Reise: Belinea-Iglesia Marina. Das ist ein kleiner Ort unmittelbar vor Rimini, und – was mir später erst auffällt – zufällig der Ort, in dem ein Flüßchen mit dem schönen Namen Rubicon fliesst. Den Rubicon überschreite bzw. überfahre ich, als ich in die Stadt rolle.

Die „Albergo Pozzi“ finde ich auf Anhieb, Google sei dank. Ich habe das kleine Hotel ausgesucht, weil es sowohl günstig ist, als auch einen Parkplatz hat, der geeignet für das Motorrad. Google Streetview ist ein Segen. Da Italien komplett drin ist, gucke ich mir potentielle Unterkünfte immer vorab dort an. Das ist wichtig, denn zum einen sind Parkplätze in Italien Mangelware, und ich möchte das Motorrad nicht drei Kilometer weit weg parken müssen, zum anderen nützt mir bspw. ein Strassenparkplatz an einer starken Steigung gar nichts – auch dort kann ein Motorrad nicht gut parken. Aber hier ist alles gut, ich rolle auf den Parkplatz, stelle den Motor aus und schwinge meine müden Knochen aus dem Sattel. Kaum berühren die Stiefel den Boden, als ein alter Mann wie aus dem Nichts neben mir auftaucht. Rentner können sowas. Jeder kennt das vom Einparken: Wenn man irgendwo in eine Parkplücke will und vor- und zurückzirkelt und eh schon ganz aufgeregt ist, weil es einfach nicht klappen will und man schon nicht mehr weiß, ob man das andere Auto jetzt schonn touchiert oder doch noch Platz hat – dann materialisiert sich plötzlich aus dem Nichts so ein Rentermännlein, steht neben der Parklücke und beobachtet die hilflosen Einparkversuche mit Argusaugen. Vielleicht hat es etwas mit den braunen Cordhüten und dem Spazierstock zu tun, die die Renter immer tragen. Vielleicht sind sie Time Lords. Man weiß es nicht.

Das spezielle Exemplar neben meinem Ellenbogen ist auch komplett in braun gewandet. Braune Hose, braunes Jacket, Hut und Gehstock. Er legt den Kopf schief und fragt: „Sei ospite d´albergo?“ „Si…“, antworte ich, und kann gar nicht weiterreden, als es schon aus ihm herausbricht „Ah, Tedesco! Deutsche!“.
Verdammt. Wie hat er das nach nur einer Silbe, nach diesem einzigen „Si“ herausbekommen? Dabei bin ich doch so stolz auf meine Aussprache!
„Andiamo, Andiamo!“, sagt das Männlein und bedeutet mir, ihm zu folgen. Ich soll hier wohl nicht parken. Er humpelt über den Parkplatz und deutet auf einen Baum. „No Piove – Keine Regen!“ Ich seufze. Ich will heute eigentlich keinen Meter mehr fahren. Die Kawa steht gut, dort wo sie steht, und ich habe keine Lust jetzt wieder aufzusteigen, den Helm aufzusetzen, den Motor anzulassen, Rückwärts die Fuhre aus dem Kies zu schieben, zu wenden und dann vor den Baum zu fahren, zumal da nur kosmetisch weniger Regen fällt. Aber der Opa lässt nicht locker, er winkt und ruft und schließlich erfülle ich ihm seinen Wunsch, damit die liebe Seele Ruh´ hat.

Kaum stehe ich unter dem Baum, zuppelt der Cordmann an mir rum. „Andiamo!“ Was will er denn jetzt?!?
Er deutet auf einen Weg neben dem Baum. Ach, DA soll ich langfahren? Aber das ist ein Fußweg, und dort geht es vom Hotelparkplatz weg… Na gut. Mal gucken was er will. Ich schiebe das Motorrad wieder aus dem Kiesbett, lasse den Motor an und rolle im Schritttempo hinter dem Hütchenmann her, vom Parkplatz runter, einen Fußweg entlang. Der Opa biegt plötzlich in die Einfahrt eines Wohnhauses ab. Dort steht, neben jeder Menge Müll, ein kleiner, dreirädriger Piaggo mit Ladefläche. Opa mustert die Kawa, dann den Piaggo, dann greift er ins Innere des Wägelchens und schiebt ihn ein paar Meter nach vorn. Dann deutet er auf den Parkplatz und ruft „A qui! Keine Regen! Gutt!!“

Jetzt verstehe ich. Im ersten Stock befindet sich ein Balkon, der über die Einfahrt ragt und den Regen abhält. Der kleine Cordopa hat meinem Motorrad gerade einen trockenen Stellplatz verschafft. Ich will mich überschwenglich bei ihm bedanken, aber er lächelt nur ein klein wenig und als ich vom Motorrad abgestigen bin, da ist er schon wieder verschwunden.

Ich klippe die Koffer ab und stapfe durch den immer noch strömenden Regen zum Hotel. Ein kleiner, zweigeschossiger Bau, der sehr nach 80ern aussieht, aber frisch gestrichen und mit einem Restaurant im Erdgeschoss. Einem Fischrestaurant. Ich mag keinen Fisch.

An der Rezeption werde ich sofort mit Vornamen begrüßt und von Paola lautstark und herzlich willkommen geheißen. Paola ist eine drahtige Vierzigjährige mit rotem Haar. Die effizienten Bewegungen und ihre Art, in wenigen Sätzen alle wichtigen Informationen unterzubringen, verraten, dass Sie die Chefin des Hotels ist. Sie spricht fließendes englisch, und als sie meinen Pass sieht, wechselt sie nahtlos ins deutsche. Wow. Was für ein Kontrast zur Gastgeberin von gestern.

Ist aber klar, wir sind hier in der Region von Rimini, hier lebt alles von Touristen. Gerade die Deutschen liebten früher diese Region, und vermutlich ist Paola im Hotel großgeworden. Ob das Cordmännlein zum Hotel gehört, frage ich sie. Als ich ihren irritierten Blick sehe, erkläre ich ihr, was gerade draußen passiert ist. Daraufhin bricht sie in Gelächter aus. „Das war mein Vater! Der LIEBT Motorräder, vermutlich ist er den Rest des Abends damit beschäftigt, Dein Motorrad anzuhimmeln“. Jetzt muss ich auch grinsen. Zum Abschluss der Registrierung bitte ich das Sprachwunder hinter dem Tresen noch, mit mir bitte, wenn möglich, bein einfachen Sachen italienisch zu sprechen. Ich möchte es ja lernen, und das wird nichts, wenn ich immer wieder den Rückfall ins bequeme englisch oder deutsch nehme.
Paola mustert mich kurz und meint nur: „Hm. Okay.“

Für den Superduperpreis des Zimmers muss ich damit leben, dass direkt rechts neben dem Fenster die Klimaanlage rauscht. Damit habe ich kein Problem, Ohrenstöpsel gehören zu meiner Grundausstattung, aber ein Problem habe ich mit dem Luftabzug links neben dem kleinen Balkon: Der führt offensichtlich Abluft aus der Küche des Restaurants im Erdgeschoss, und verdammt, es ist ein Fischrestaurant. Stinkt wie Hulle. Würg.

Totmüde wie ich bin, hänge ich Regenkombi, Motorradanzug, Handschuhe, Stiefel, Helm und alles andere zum Trocknen auf alle Möbelstücke in Reichweite. Auf dem Balkon gibt es auch eine kleine Wäscheleine, aber ich möchte nicht, dass meine Sachen nach Fisch riechen. Das Wiesel, das sich im trockenen, warmen Topcase durch die Gegend hat kutschieren lassen, lässt sich auch mal wieder blicken – und tut so wehleidig, als ob es die ganze Strecke von der Lombardei bis nach Rimini geschwommen wäre.

Als alles weggehängt, trockengelegt und geputzt ist, nehme ich eine lange, heisse Dusche. Danach liege ich zwanzig Minuten auf dem Bett rum, bis mich eine Unruhe packt – ich will den Ort erkunden. In Zivilklamotten bin ich wenige Minuten später auf der Strasse.

Es regnet nicht mehr, und der Himmel klart auf. Bellaria Inglesia Marina scheint aus seelenlosen Betonbauten zu bestehen – denke ich solange, bis ich auf die Promenade parallel zum Strand treffe. Die Einkaufstrasse beherbergt zahlreiche, schön Lädchen und wird aufgelockert durch kleine Plätze, an denen auf Leinwänden gemeinsam Sport geschaut wird, Konzerte stattfinden oder einfach nur gesessen und die Abendluft genossen wird.

„Il tuo negozio è belissima! Posso fotografare?“, frage ich die Besitzerin Lädchens, das in der Dämmerung wundervoll warm leuchtet und duftet. „Grazie! Certo! Vorrei un fotografia con pinocchio?“ und schon sitze ich neben einem lebens-(SIC!)großen Holzkasper vor einem Lädchen mit Holzspielzeug, und werden von zwei kicherenden Fünfzigerinnen fotografiert.

Ich spaziere noch ein wenig den Strand entlang und genieße die Weite des Meeres und die untergehende Sonne. Als die Schatten länger und länger werden, kehre ich ins Hotel zurück.

Paolo hat die Rezeption mit der Bar getauscht und serviert abwechselnd Wein und Espresso an Gäste. Ich habe eine komplizierte Frage, ob ich jetzt noch was zu essen bekomme und ob ich das gleich zahlen soll oder ob das auf die Rechnung vom Zimmer gehen kann. Weil mir zu viele Worte fehlen, frage ich auf Englisch. Paola, das Sprachwunder, mustert mich, zieht die eine Augenbraue hoch und antwortet „Scusi, Signore. Non parlare l´inglese. Solo posso paralare l´italiano.“ Ja, sicher. Jetzt will sie es wirklich wissen und tut so, als verstünde sie kein deutsch oder englisch. Man sollte sich immer genau überlegen was man sich wünscht, ich hatte ja drum gebeten, nach Möglichkeit italienisch zu sprechen. Ich radebreche los, und tatsächlich nickt sie irgendwann lachend. „Wenn Du noch was essen willst, dann schnell. Alle anderen haben schon gegessen, und wir wollen abräumen. In Italien essen wir pünktlich.“

Jetzt muss ich loslachen. Pünktlich? Italien? Seit wann das denn?? Aber erstmal gibt es Abendessen. Ich wähle Fisch, weil das ja hier die Reise der Herausforderungen und Überwindungen ist. Das Menü hat 5 Gänge, und endlich verstehe ich das Konzept – in Italien werden die Gänge nämlich superschnell hintereinanderweg serviert und gehen einer in den anderen über. Das nervt nicht so wie in Frankreich, wo alles Stunden dauert und man lange Pausen zwischen den Gängen hat. Aber hier? Ganz wunderbar, stört überhaupt nicht, dass Gemüse und Fisch nacheinander kommen.

Deckengemälde im Gästeraum der Albergo Pozzi.

Den Fisch mag ich sogar, aber die Gräten und Stacheln am Rand nerven. Ich werde mit Fisch nie warm werden, unser Verhältnis ist genauso kalt wie der Rotwein, den ich zum Essen trinke. Es gibt eine Weinflatrate – an der Bar kann man sich ein Glas und einen kleinen oder großen Krug nehmen, und aus Hähnen entweder Wasser, Limo, Weiß- oder Rotwein zapfen. Alles aus der gleichen Kühlung. Der Rotwein ist überaus gut, und macht die Strapazen der heutigen Tauchfahrt schnell vergessen.

Blick auf das Wohnhaus des Cordopas, wo heute Nacht die Kawa schläft.

Auf dem Zimmer schreibe ich noch Tagebuch, dann falle ich sofort ins Koma.

Im nächsten Teil: WERWÖLFE!

Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Motorradreise 2012, Tag 4: Der Rubicon ist überschritten

  1. sagte ich schon mal das mir deine Reiseberichte gefallen? ne? tun sie.
    warum gleich fährst du freiwillig mit ohne Dach durch italienischen Regen?
    🙂

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  2. Dankeschön! Es freut mich, das den langen Kram überhaupt wer liest. Und nein, bis zu der Reise wusste ich nicht, dass es in Italien auch regnen kann…

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  3. Ich glaube, ich sagte es zwar schonmal, aber das kann man ja durchaus auch häufiger: Mir gefallen die auch! Sehr.
    Ich hinke dann zwar beim Lesen etwas hinterher, weil sich’s eben nicht mal fix in 3 Minuten runterlesen lässt, aber ich freue mich jetzt schon seit ein paar Tagen, dass alles an Feiertagsstress und -getrödel so langsam rum sind und ich endlich Zeit finde, die letzten Teile, die du schon veröffentlicht hast, nachzulesen. 🙂

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  4. Dankeschön, das freut mich zu hören! (demnächst wird es auch richtig spannend, versprochen)

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