Motorradreise 2012, Tag 6: Landschaft, Brüste und der Nabel der Welt

Herr Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am sechsten Tag wird Landschaft bewundert, Einsamkeit schätzen gelernt und Kunst besucht.

Mittwoch, 6. Juni 2012, Casa Brescia, Siena

in Italien hat man das Konzept Frühstück nie verstanden, wohl aber, dass man Gästen morgens irgendwas hinstellen muss. Daraus entwickelte sich ein eigentümlicher Cargo-Kult, bei dem etwas imitiert wird, was nicht verstanden wurde. So kommt es, dass ich zum Frühstück an meinem Platz Kekse, Fruchtsaft, eine Orange und ein Viertel Topfkuchen vorfinde. Stefano tut alles, damit seine Gäste zufrieden sind. Im Frühstücksraum des Casa Brescia plaudert er munterer drauf los, als ich es morgens je sein werde, kocht ständig frischen Caffé und gibt Reisetips.

Ich schlinge den Kuchen herunter, denn ich sterbe fast vor Hunger. Kein Wunder, nach den anstrengenden Tagen und der Belastung durch Anzug und Hitze. Nach drei Caffé und der Empfehlung von Stefano, doch den Ort Bagno Vignoni zu besuchen, werfe ich mich in Montur und ab geht es auf die Kawasaki und die Straße.

Gegen 9:30 Uhr tanke ich bei der Tankstelle um die Ecke und lerne von einem netten alten Benzinaio dort, das „volltanken, bitte“ auf italienisch „Pieno“ heißt. Das Navi hat Superstrada gerechnet, eine mehrspurige Quasiautobahn, aber mautfrei.

Schnurgerade kann man darauf durch die Landschaft ziehen, und vor zwei Wochen hätte ich auf Nachfrage diese Art Strasse mit Sicherheit als Präferenz angegeben. Jetzt schalte ich das TomTom auf Abenteuermodus, schieße eine Ausfahrtsrampe hinauf und wedele wenig später durch die Kurven der kleinen Landstrasse der Crete Sienese, der Gegend südlich von Siena.

Wieder und wieder entfahren mir unter dem Helm Rufe der Begeisterung und ich muss anhalten und fotografieren, weil die Landschaft so großartig ist.

Ständig ertappe ich mich dabei, wie ich mit gerade mal 70 Stundenkilometern dahinrolle, einfach um viel sehen zu können. Ich liebe es, allein unterwegs zu sein, stelle ich fest. Es gibt ja Menschen, die können das nicht, die brauchen Reisegesellschaft. Ich war mir im Vorfeld sicher, dass ich es aushalten würde, lange allein unterwegs zu sein, aber ich hatte mir nicht träumen lassen, dass es SO großartig wäre. Ich kann langsam fahren, anhalten, auch mal Gas geben wie ich will, niemand meckert und ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben. Allein und ohne Verpflichtungen – herrlich! Und das allerbeste: Ich muss die Strasse fast mit niemandem teilen. Ich bin nahezu allein unterwegs.

Eine Stunde später bin ich in Montepulciano. Die Stadt nistet auf einem Berg wie ein überfülltes Vogelnest. Überall herrscht Parkverbot, und wo es Parkplätze gibt, sind die nur für Autos und für Motorräder explizit verboten. So werden wir nicht warm. Großartige Stadt, mit ihren ganzen schiefen Winkeln und Gassen, aber so nicht.

Ich fahre weiter nach Pienza, der „Idealstadt der Renaissance“. Die wird so genannt, weil 1459 einer der Söhne der Stadt Papst wurde. Pius der II. benannte den Ort in Pienza um und fing an, ihn nach den Idealvorstellungen der Renaissance umbauen zu lassen.

Pius der II. sinniert über Idealvorstellungen.

Leider starb der Papst recht bald, woraufhin nicht weitergebaut wurde. Was fertig wurde ist durchaus interessant, wie z.B. der zentrale Platz des Ortes mit dem Dom:

Zentraler Platz in Pienza: Die umliegenden Gebäude sind alle etwas aus der Flucht gedreht, was ihn perspektivisch größer scheinen lässt.

Im Dom gibt es übrigens eine besonders widerliche Abscheulichkeit zu sehen:

Nein, nicht das deutsch-gotische Gewölbe, das Pius II. unbedingt haben wollte, weil er viele Jahre in Deutschland gearbeitet hatte und den Einfluss des Lichts bei gotischer Bauweise auf den Glauben der Menschen lobte, sondern das hier:

Das ist „Mariäs Himmelfahrt“ von Il Vecchietta. BItte mal genau ansehen: Was machen die da wohl, Hm?

Dieses „Meisterwerk der Frührenaissance“ zeigt Pius, wie er die die abgeschnittenen Brüste der heiligen Agata segnet. IGITT!! Wie widerlich und pervers ist das denn? Wie krank sind manche „Geistliche“ blos, um sich so einen Folterporn malen zu lassen? Uäh. Schnell raus da.

Peccorinikäselaibe.

Ich hatte über Pienza viel gelesen, und es mir nach der Lektüre… viel größer vorgestellt. Es braucht kaum 2 Minuten, um die Altstadt von Nord nach Süd zu queren. Nach Süden heraus bietet sich ein toller Ausblick auf den höchsten Berg der Region, den Monte Amiato.

Als Motorrad sollte man übrigens an der Ecke SS146/Via Enzo Mangiavacchi parken, genau vor der Fußgängerzone und dem Park sind Zweiradparkplätze. Die hatte ich nicht gefunden, genau wie ich nun den Weg aus Pienza heraus nicht mehr finde. Das Navi rechnet hartnäckig die alte Festungsmauer, über die ein Fußweg führt, als Landstrasse.

Das ich dort nicht lang fahren will, ignoriert es. Nach 10 Minuten im Gassengewirr und zwei zentimetergenauen Wendemanövern habe ich die Nase voll. „Bitte wenden! Bitte wenden sie JETZT!“ insistiert das TomTom in meinem Helm, aber nun bin ich mit ignorieren an der Reihe, kappe die Audioverbindung und fahre einfach irgendwo lang, bis ich aus dem Ort raus bin.

Weil ich ohnehin in der Nähe bin, folge ich dem Rat meines Gastgebers und fahre nach Bagno Vignoni, im Valle Luce, dem Tal des Lichts.

Dort angekommen stelle ich die ZZR ab und verstaue den Helm im Topcase. Etwas weiter die Strasse runter steht eine ganze Gruppe von Motorradfahrern. Ich beachte die nicht, trinke noch einen Schluck Wasser aus der Feldflasche und bin gerade dabei, das Navi von seiner Halterung im Cockpit abzuziehen, als ich sehe, wie einer von denen auf mich zukommt. Waah, das letzte was ich hier will ist von einrm Deppen angelabert werden, der Benzin reden will.

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht, aber fast. Der Typ steht da in einer kreischbunten Rennkombi, die um den Äquator herum mächtig spannt. Er stellt sich als Heinz aus Stuttgart vor, und ich verdrehe innerlich die Augen. NIRGENDS ist man vor den Schwaben sicher! Heinz-aus-Stuttgart ist Mitte 40 und mit Leuten aus München und Rom unterwegs. Er kann es nicht fassen, dass ich den ganzen Weg von Deutschland hierher gefahren bin. Er habe sich ja ein Motorrad in Italien geliehen, andere aus seiner Gruppe sind mit dem Zug angereist oder haben das Mopped auf dem Anhänger hergeschleppt, erzählt er. Ja, klar, und dann schieben sie ihre Frauen zum Shoppen oder an den Strand ab und heizen wie die Schweine durch die Toskana, versuchen verzweifelt gegen die Midlifecrisis anzurasen, die alten Säcke. Ich wünsche ihm eine gute Fahrt und mache mich aus dem Staub.

Der Ort ist winzig. Eigentlich besteht er nur aus dem großen Badebecken über der Heißquelle, drum herum 10 Häuser, das war´s. Sieht toll aus, aber wie die amerikanische Oma mit den Modelmaßen und den großen Silikonbrüsten anmerkt: Man hat alles schnell gesehen. Nur das Wiesel könnte stundenang hier verweilen und in der Sonne liegen.

Ich sehe das ja eher wie die Barbie von 1948, und 20 Minuten später durchschneidet die Kawa die heiße Luft über den Bergstrassen. Jede Menge Kurven und Kehren, aber weniger schön als gestern.

Der Weg führt nach Montalcino. Kennt man auch als Name auf Weinflaschen, aber genau wie in Montepulciano finde ich auch hier keinen Parkplatz, denn es handelt sich wieder um ein Bergnest mit engen Gassen und unmöglichen Steigungen. Darauf habe ich keine Lust, und so fahre direkt weiter nach Seggiano, einem winzigen Nest mit einer großen Besonderheit.

Kurz hinter Montalcino gibt es, äh, Parkplätze.

Erst verfahre ich mich dort. Und als ich vor einer Kirche stehen bleibe, höre ich, wie eine Frau in der Nähe mit ihrem Hund auf Deutsch redet: „Guck Dir das an, jetzt kommen die hier schon mit den Moppeds angefahren, das wollen wir nicht, nicht wahr, Schätzelchen?“

Trotz dieser Schrulligkeit weist mir die Dame, nach dem Schreck das ich so verstehe, den Weg zum Giardano Spoerri. In der Toskana ist es nämlich Mode, dass man als Künstler irgendwo ein Stück Land kauft, dort jede Menge Zeugs in die Landschaft stellt und dann Eintritt dafür nimmt. Nikki de Saint Phalle hat das gemacht, und der Schweizer Daniel Spoerri hat es ihr in Selveggio gleich getan. Der 1930 geborene Spoerri ist ohnehin ein ganz umtriebiger. Er gründete in Frankfurt das gemeinnützige Institut für Selbstentleibung, später wurde er mit „Fallenbildern“ berühmt – das sind Bilder, in der ein Stück Realität gefangen ist. Später wurden das Fallenskulpturen, so wie hier:

Der Tisch ist Teil eines Zimmers, in dem Spoerri mal gewohnt hat. Es ist komplett als Bronzeskulptur nachgebildet und steht mitten im Wald:

Aber nicht nur Herr Spoerri hat Dinge in die Hügel der Toskana gestellt. Mehr als 40 Künstler haben insgesamt 184 Kunstwerke aufgebaut, darunter „Tag des Zorns“ von Olivier Estoppey, die mich sehr berührt hat. Ganz viele Gänse laufen vor unheimlichen, 3,50 Meter hohen Trommlern davon. Bis auf eine Gans, die hält eine kleine Figur fest umschlungen, versteckt hinter einem Baum. Das Gesamtbild lässt mich gruseln.

Das Wiesel gruselt sich natürlich gar nicht, es hängt lieber eine Runde ab und chillt in der fast 30 Grad heißen Landschaft rum.

Und auch sonst gibt es jede Menge cooles Zeug zu entdecken, wie diese Leserin, die ganz in ihre Geschichte versponnen ist:

Oder diese Installation aus neun Einhornschädeln, die den Namen „Nabel der Welt“ trägt:

Man sagt, wenn man ganz genau hinsieht, kann man erkennen, was der Mittelpunkt der Welt ist, um den sich das Universum dreht:

Nach eineinhalb Stunden in der Hitze der Landschaft kippe ich fast aus den Latschen vor Flüssigkeitsverlust. Immerhin renne ich in den klobigen Motorradstiefeln und der dicken Anzughose durch die Gegend, während die Sonne niederbrennt. Ich gehe zurück zur Kawa, sitze ein wenig im Schatten bis der Brummschädel nachgelassen hat und mache mich dann auf den Weg zurück nach Siena.

Fahrtstrecke, ca. 200 Kilometer.

In Siena parke ich wieder in der Viale dei Mille am Stadion, dann schlendere ich durch die Stadt und gönne mir ein Eis. Dabei komme ich nicht nur an lustig konstruierten Strassencafés vorbei…

…sondern auch an Nachwuchstrommlern, die für den berühmten Palio (das Pferderennen auf dem Campo) üben und damit eine ganze Nachbarschaft terrorisieren.

Das hier dürfte der wohl am wenigsten benutze Raum in der ganzen Stadt sein. Immerhin hat statistisch jeder Italiener zwei Telefoninos, „Telefönchen“, wie Mobiltelefone hier genannt werden.

Auch am Dom schlendern Wiesel und ich vorbei…

In diesem Café hinter dem Dom haben Modnerd und ich vor zwei Jahren einen Regenguß ausgesessen. Und hey, das offene WLAN im Haus gegenüber gibt es immer noch!

Mein Blick fällt auf die Tafel einer Weinschule. Hier kann man Seminare belegen und alles über Wein lernen. Eines Tage, nehme ich mir vor, irgendwann, wenn ich nicht fahren muss, werde ich so ein Seminar besuchen. (Nachtrag: Vier Monate später habe ich diesen Gedanken in die Tat umgesetzt und habe in der Filiale der Weinschule in Florenz ein Seminar besucht)

Ich nutze die Gelegenheit und kaufe in der Stadt Äpfel, Wasser und eine Flasche Wein. Als die Schatten länger werden, fahre ich zurück zum Casa Brescia. Stefano hat die Kawasaki schon von weitem gehört und öffnet das elektrische Tor. Ich rolle in die Einfahrt, wende die ZZR im Kiesbett und parke sie neben dem Haus auf der Steinplatte, die wie dafür gemacht ist.

Im Zimmer schäle ich mich aus den schweißdurchweichten Klamotten und dusche erstmal, dann gehe ich ein wenig über die Hügelkette spazieren und fotografiere noch ein wenig.

Über den blühenden Wiesen und gegen den milden Abendhimmel hebt sich Siena ab.

Wieder zurück beim Haus treffe ich Stefano, der die Einfahrt harkt. Er hört Musik über ein Android-Tablet und vertreibt sich die Zeit, weil er noch auf Gäste wartet. Eigentlich empfängt er nur zwischen 15 und 17 Uhr Gäste, aber diese haben sich wohl verfahren und kommen später.

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Stefanos Geschichte

Das Leben als Pensionswirt ist nicht einfach. Ständig, so erzählt Stefano, muss man die Buchungsplattformen im Netz im Auge behalten, Mailkontakt mit ankommenden Gästen halten, sich um Versorgung kümmern, Zimmer machen, Mahlzeiten bereiten… der schlacksige Mittzwanziger macht das alles allein, was nicht einfach ist. Beim Casa Brescia handelt es sich um das Haus seiner Oma, die aber schon länger nicht mehr lebt. Der Rest der Familie lebt am Gardasee, gut 350 Kilometer entfernt. Alle in der Familie sind Akademiker. Nur Stefano nicht, der hat mal dies angefangen, dann mal jenes sein gelassen. Als ihn seine Eltern vor die Wahl stellten, endlich ein Ziel im Leben finden oder zu Hause rausfliegen, kam Stefano die Idee, aus der Haushälfte, die er geerbt hat, eine Pension zu machen. Durch die viele Arbeit hat er aber keine Zeit in Siena auszugehen und mal Leute kennenzulernen, weshalb er nicht nur ohne Familie in Siena ist, sondern auch niemanden sonst kennt. Ein hartes Leben.
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Während die Sonne versinkt und es dunkel wird, hänge ich noch meinen Gedanken nach. Soll ich das Morgen wirklich durchziehen? Die Mail klang so schroff… und ich fürchte, trotz aller Proben und Herausforderungen, die diese Reise ja haben SOLL: Bei dieser Nummer habe ich mich übernommen. Aber jetzt absagen? Hm.
Ich ziehe das jetzt durch. Auch, wenn ich dafür um 5.30 Uhr aufstehen muss!

Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Motorradreise 2012, Tag 6: Landschaft, Brüste und der Nabel der Welt

  1. zimtapfel

    Oarrrr! Noch so ein mieser Cliffhanger! Warte nur bis ich vorbeikomme!

    (Von den Peccorinolaibern so zwei oder drei als kleines Mitbringsel, da hätt ich mich ja drüber gefreut. Nur so als Tipp. 😉 )

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  2. Du magst Peccorini? Dann habe ich was ganz besonderes für Dich. Nächste Woche.

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