Retro-Netzbuch

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Das da oben, das ist mein aktuelles Reisetagebuch. Es stammt aus einer kleinen Werkstatt in der Nähe von Florenz, gekauft habe ich es in Siena. Es ist nicht besonderes, es besteht einfach nur aus grob beschnittenen Lederstücken, die um einen Papierblock geklebt sind. Aber ich Ich liebe den Einband, die Farbe und wie er sich anfühlt, und ich mag den Verschluss mit dem Lederband, mit dem man auch einen Stift befestigen kann.

***

Dieser Artikel entsteht auf einem Netbook. Das ist eine dieser Geräteklassen, an die ich nicht geglaubt habe und die ausserdem vom Aussterben bedroht sind. Vor vier Jahren kamen die in Mode. Kleine, billige Klapprechner mit wenig Ausstattung und kaum Leistung, aber gut genug um mal schnell was zu tippen oder Mails abzurufen. Kann man nur wenig mit machen, aber dafür sind sie klein, leicht und billig.

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Ich befand die damals als nichts Halbes und nichts Ganzes, und nachdem für ein paar Jahre jeder Hersteller so ein Netbook im Programm hatte, gibt es heute nur noch wenige Modelle. Sagte ich jeder Hersteller hatte die im Programm? Nun, jeder Hersteller ausser Apple, die zeigten sich von Geräten in der Preisklasse von 300 Euro und darunter eher irritiert. Und das zu Recht, den für den Preis KANN man die Fertigungsqualität von Apple nicht erreichen. Stattdessen konzentrierte sich Apple auf das iPad, genau jener Gerätegattung, die letztlich den Netbooks als ultramobile Lösung den Gahr aus machte.

„Warum fängst Du dann jetzt mit diesem Netbook-Quatsch an sondern kaufst Dir nicht ENDLICH mal ein iPad??“, höre ich die Apple-Fanboys schon sagen. Ganz einfach: Tablets sind toll zum Konsumieren von Texten, Bildern und Filmen. Ich brauche das Ding aber zur Produktion von Texten, und Tippen ohne Tastatur ist nichts für mich. Und außerdem: Wenn so ein anonymes und billiges Plaste-Netbook abhanden kommt, gestohlen wird oder kaputt geht, dann ist das was anderes, als wenn ein personalisiertes iPad verlustig geht, sowohl ideell als auch finanziell. Das unten-rechts-Modell eines Netbooks ist für 299 Euro zu haben, unten-rechts bei Apple kostet mindestens doppelt so viel.

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Warum habe ich nun doch plötzlich ein Netbook, wenn ich die Geräteklasse bisher immer abgelehnt habe? Die Antwort ist einfach: Für Unterwegs und auf Reisen.

Ich hatte mich ja lange entschieden dagegen gewehrt einen Computer mit auf Reisen zu nehmen. Der Urlaub sollte rechnerfreie Zeit sein. Aber nach genauer Überlegung gibt es drei gute Gründe, mich von dem Vorsatz zu verabschieden:

1. Ich brauche gerade EWIG, um meine handschriftlichen Aufzeichnungen zu entziffern und in lesbare Texte zu verwandeln. So schön mein ledergebundes Reisetagebuch auch ist, es ist auch einer der Gründe, weshalb ich mit der Aufarbeitung der Reiseberichte nicht hinterherkomme. Praktisch wäre es, gleich am Abend eines Reisetags tippen zu können.

2. Wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin, zeichnet das Daten auf – bislang Position, Geschwindigkeit, Höhe und Richtung. Demnächst kommen noch viel mehr Daten in HD dazu, was eine Menge Speicherplatz braucht. So viele SD-Klasse10-Karten kann ich gar nicht kaufen, wie ich vermutlich brauchen werde. Ohne allzu große Übertreibung kann man sagen: Das Netbook wird als abkoppelbarer Bordrechner ein neuer Bestandteil der Kawasaki.

3. Ich schleppe jetzt schon zwei Geräte mit herum, die gar keine Knöpfe mehr haben sondern sich nur über eine Weboberfläche konfigurieren lassen, die sich aber dooferweise mit einem Smartphone nicht bedienen lässt (Ranz, ich weiß).

Wir fassen zusammen: Es werden viel Speicher und ein SD-Kartenleser und usb GEBRAUCHT, das ganze soll stabil und günstig sein.

Was bleibt da? Ein Tablet? Zu empfindlich, zu schwer, zu teuer, zu wenig Speicher. Ein Notebook? Zu groß. Also bin ich jetzt tatsächlich bei einem Netbook gelandet, ein Acer Aspire One. Ein Ausstellungsgerät, gebraucht und sehr günstig gekauft, ungefähr doppelt so groß und so schwer wie mein Notizbuch.

Und, was soll ich sagen?
Es ist eine Qual. Ich bin sonst die Qualität eines MacBook Pro gewöhnt, und dagegen ist das kleine Plastikrechnerchen wirklich ein Spielzeug: Die Tastatur treibt mich mit ihrer billigen Glitschigkeit in den Wahnsinn, das Touchpad funktioniert beim Scrollen nicht für 5 Cent, der Lüfter faucht mich alle paar Minuten ohne Grund an, das Display spiegelt krebserregend und Windows 7 Starter mit nur 768 MB Hauptspeicher ist quälend langsam.

Naja, war, denn nach zwanzig Minuten in meinem Besitz wurden 4GB Hauptspeicher installiert. Dafür muss man „nur“ die Tastatur aushebeln, Schrauben lösen, das Bodenblech durchstoßen… ach lassen wir das. Und am Ende nutzt das dumme Windows Starter dann doch nur zwei GB, man muss ein Upgrade kaufen, wenn das Betriebssystem mehr Speicher nutzen soll. Das Display zeigt wenigstens „kleine“ HD-Auflösung von 1280 mal 720 Pixeln auf 10,1 Zoll an, was nicht schlecht, aber natürlich weit von was vernünftig Ansehbaren oder gar Retina-Auflösung entfernt ist.

Aber dennoch habe ich gerade eine tierische Freude an dem kleinen Teil. Das mit dem Tippen auf der wurstigen Tastatur kriege ich schon irgendwann noch hin, und ein anderes Betriebssystem ist schnell installiert. Und für Blogeinträge von unterwegs reicht es schon lange. Und was die von mir so geliebte Lederhaptik meines originalen Reisetagebuchs angeht… da konnte mir eine kleine Lederwerkstatt aus Wismar weiterhelfen:

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Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Retro-Netzbuch

  1. Die nächste Geräteklasse, die benötigt wird – auch von mir – sind die sogenanten MMBB (Multimedia-Blogbooks)

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  2. Guter Name! Multimedia darf man ja seit 1999 nicht mehr sagen, aber Blogbook statt Netbook finde ich schön!

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  3. mittenmank

    Das ist was für meinen Mann. Der hat einen Acer und die Ledertasche oben interessiert ihn sicherlich. Ich zeig’s ihm mal eben.

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  4. Sei froh dass du den Arbeitsspeicher überhaupt erweitern kannst. Je moderner die Geräteklasse, desto weniger Anpassungsmöglichkeiten (ich sag nur: verklebte Akkus). Ich hasse diese schmeiß-weg-kauf-neu-Politik der Hersteller.

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  5. Achja: Microsoft Surface? *kicher*

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  6. Ich kann das Nutzungsszenario schon gut verstehen. Mir wäre na in Sachen OS und Gerätequalität zu viele Kompromisse dabei – gerade wenn es ums Tippen geht, will man eine brauchbare Tastatur. Hier würde man mit einem iPad natürlich auch was bauen können, etwa so was hier wird gerade viel gerühmt http://www.amazon.de/dp/B007Y6GE80/ref=asc_df_B007Y6GE8011621044?smid=A3JWKAKR8XB7XF&tag=googledeprodu-21&linkCode=asn&creative=22494&creativeASIN=B007Y6GE80

    Der Vorteil eines iPad ist eben, dass man mit den Apps noch 30 fantastillionen anderer Use-Cases abdecken kann.

    „Von oben“ kann man sich dem Thema auch nähern – dann landet man beim MacBook Air 11″, dem zweiten Sargnagel der Netbooks. Das ist ein krass cooles Gerät, aber auch hier ist das „was ist wenns geklaut wird“ Argument recht schlagend.

    Und beide Wege sind natürlich deutlich teurer. Aber wie gesagt: man kommt in ein Alter, wo man nicht mehr so gern halbgare Kompromisse eingeht…

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  7. Ich bleibe altmodisch. Wenn ich wieder demnächst in den indischen Dschungel reise, brauche ich mir mit meinem billigen Notizbuch keine Gedanken über Stromversorgung und Internetverbindung machen. Da nehme ich den Mehraufwand für die anschließende Aufarbeitung mit asiatischer Gelassenheit in Kauf. 😉

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  8. Mittenmank: Die ist aus ganz weichem und stark riechendem Ziegenleder aus Marokko, siehe http://www.gusti-leder.de

    Stefan: Surface…ohohoh. Ich berichte hier in Kürze von meinem Abenteuer im Windows8-Land.

    Ralf: Stimmt, Ipad kann noch 100 Millionen andere Dinge. Brauche ich aber ja in dem Fall nicht, das Szenario ist klar begrenzt. MacBook Air hat sogar zwei Nachteile: Teuer und zu wenig Speicher. Seitdem man nur noch dieses SSD-Kram bekommt, ist man doch recht schnell am Ende der Fahnenstange angekommen… oder gibt´s das optional noch mit Festplatte?
    Das man irgendwann keine Kompromisse mehr eingehen mag, stimmt schon. Muss man halt abwägen, wo man die Schwerpunkte setzt und was einem wichtig ist.

    Raven: Ja, in einer solchen Umgebung würde ich das Ding auch zu Hause lassen. Da schlägt einfach nichts das klassische Notizbuch!

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  9. ssuchi

    Tja, wirf einfach das Windoof runter und ein ubuntu drauf. Das läuft auch mit 2GB schon fluffig und deckt deine Anwendungsszenarien problemlos ab. Hat sich auf meinem schlechter ausgestatteten eeePC seit langem bewährt für WWW, Mail, Forenbeiträge schreiben und Bilder von A nach B transportieren…

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  10. SSuchi: Hätte ich fast gemacht. Nun habe ich eine ziemlich gute Lösung gefunden, mit der auch Geo-Client und TomTom-Navi laufen. Das ist ein willkommener Bonus, der mich vom Ubuntu-Test abhält.

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