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Motorradreise 2012, Tag 11: Friedhof, Flirtrennen und die Frau mit den Nüssen am Tag, den es nicht gibt

09 Feb

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Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am elften Tag geht es auf der Spur der Geschichte der Frau mit den Nüssen über Genua in den Piemont.

Montag, 11. Juni 2012, Locanda Lalla Norma e Nonno Puìn, Moconesì, Ligurien

Die Locanda Lalla Norma liegt so tief in den Bergen, dass es hier kein Internet, kein UMTS und kein Edge gibt, und selbst GPS-Geräte tun sich in den Tälern schwer. Dafür gibt es an diesem Morgen Regen. Die Wolken kuscheln sich immer noch an die grünen Berghänge und lassen gemütlich laufen: Es schüttet wie aus Eimern.

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Ich frage Oma Norma ob das jetzt so weiter geht. „Nein, nein“, lacht die kleine Frau, die irgendwie vogelartig wirkt, „nur heute, morgen wird es wieder gut!“ Ich verdrehe die Augen und seufze, denn das nützt mir natürlich gar nichts. Morgen um diese Zeit will ich hunderte Kilometer weg sein von Moconesì und der Locanda Lalla Norma.

Egal, erstmal gehe ich jetzt die Treppe zum Restaurant hinunter, wo das Frühstück serviert wird. Das hat seinen Namen auch verdient: Statt dem üblichen italienischen Cargokult gibt es hier Croissants, Weißbrot, Zwieback, Marmelade, Schinken, Käse und Joghurt. Dazu gibt es einen der besten Caffés, die ich je getrunken habe.

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Gutgelaunt packe ich nach dem Frühstück meine Sachen. Dabei lasse ich mir Zeit, denn ich habe es nun wirklich nicht eilig in das Mistwetter zu kommen. Auch, wenn der Regen langsam nachlässt. Heute ist Montag, und eigentlich hatte ich geplant 250 Kilometer weiter nordwestlich unterwegs zu sein. Das ich jetzt hier, in den Bergen, bin, habe ich einem irren Zufall zu verdanken. Kurz vor meiner Abreise habe ich noch ein ganz besonderes Ziel entdeckt, das ich gerne besuchen möchte. Ein Museum, in Turin. Das hat aber Montags geschlossen, und damit ich es besuchen kann, musste ich die Reise um einen vollen Tag verlängern. Eigentlich hätte diesen Tag, so wie er heute stattfindet, nicht geben sollen. Montag. Der Tag, den es nicht gibt. Aber sei´s drum, so kann ich mir wenigstens Genua, die alte Hafenstadt an der ligurischen Riviera, ausführlich ansehen.

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Nachdem ich die Koffer durch den strömenden Regen zum Motorrad getragen habe, verabschiede ich mich von meinen Gastgebern. Guido, der Glatzkopf, ist nach wie vor schüchtern-nett, aber Oma Norma bedankt sich überschwenglich und herzlich, weil ich so ein höflicher Gast war und versucht habe die Sprache meiner Gastgeber zu sprechen. Ich dürfe gerne nächstes Jahr wiederkommen. Das kann ich der lieben Vogeloma nicht versprechen, denn der Weg nach Moconesì ist wirklich schlimm.
Bei der Fahrt durch den Ort fällt mir die Kirche auf, deren Fenster eine ungewöhnliche Sternform haben.

Ungewöhnliche Fensterform. Und nein, so gut war das Wetter nicht. Das Bild ist von Streeview. Als ich dort war, hat es in Strömen geregnet.

Ungewöhnliche Fensterform. Und nein, so gut war das Wetter nicht. Das Bild ist von Streeview. Als ich dort war, hat es in Strömen geregnet.

Ich tanke direkt im Ort und steuere die Kawasaki danach auf die Landstrasse. Vor mir schleicht ein winziger Chevrolet Matiz mit Tempo 40 dahin. Für mich eine guter Grund langsam hinterher zu zockeln, denn bei dem Regen und den geflickten Strassen mag ich auch nicht schneller fahren. Zum Glück ist die Strasse nicht so schlimm wie gestern. Sie ist breiter, griffiger, besser ausgebaut und weniger… dreidimensional. Allerdings hat jemand auf der Ideallinie Öl verloren. In regelmäßigen Abständen schillert es bunt, noch ein Grund langsam und vorsichtig zu fahren. Ab und an winke ich drängelnde SUV vorbei, die dann hinter dem Matiz hängen bleiben und das kleine Autochen mit Kamikazeaktionen überholen. Die Strasse windet sich an den Bergen entlang. Die umliegenden Täler sind dicht bewaldet, vereinzelt hängen Nebelfelder und Wolken im Grün fest. Zusammen mit der Wärme und dem Regen hat die Szenerie etwas von Urwald.

Nach 10 Kilometern im Regen und unter einem bleigrauen Himmel zockelt der Matiz in einen Tunnel und ich hinterher. Es ist keine Todesfalle wie gestern, sondern ein langweiliger, neuer Tunnel nach EU Standard. Ich verabschiede mich in Gedanken vom Matiz, gebe Gas und mit einem kurzen Aufbrüllen ist die Kawasaki an ihm vorbei.

Nach mehr als drei Kilometern sehe ich endlich Licht am Ende des Tunnels – Sonnenlicht! Als das Motorrad aus dem Berg herausfährt, bleibt mir – wieder einmal- kurz der Atem weg. Unter einem wolkenlosen, blauen Himmel öffnet sich ein grünes Tal, und vor dem Hintergrund des Meeres liegt Genua im strahlenden Sonnenschein vor mir ausgebreitet. Ich fahre das Sonnenvisier runter, und mit einem lauten WOOOOOOOHOOOOOOO gebe ich der Kawasaki mit neuer Motivation die Sporen.

Reiseroute Tag 11: Von Moconesì über Genua durch den Piemont nach Cassine.

Reiseroute Tag 11: Von Moconesì über Genua durch den Piemont nach Cassine.

Die SS450, auf der ich gerade fahre, ist der große Zubringer zur Stadt und stellenweise mehrspurig. Obwohl es schon kurz vor Zehn ist, sind immer noch viele Pendler unterwegs, und der Verkehr wird dichter je näher ich der Stadt komme. Im Rückspiegel fällt mir ein Roller auf, der äußerst elegant um Autos herumkurvt, geschickt die Spuren wechselt und schnell vorankommt. Als mich die kleine Kiste überholt, sehe ich kurz rüber. Mit durchgedrücktem Rücken sitzt eine junge Frau im Hosenanzug hinter dem Lenker. Die Augen sind hinter einer riesigen Sonnenbrille verborgen und sie trägt knallrot leuchtenden Lippenstift. Während sie mich überholt, schaut sie kurz zu mir hinüber, lächelt und nickt mir zu. Dann gibt sie Gas und zieht davon.

Mir gefällt ihr zügiger Fahrstil, und so gebe ich ebenfalls Gas und hänge mich an sie ran. Wie ein Schatten folgt die massige Kawasaki der schlanken Vespa durch den Stadtverkehr, wechselt die Spuren, nutzt auch mal Abbiegespuren um schneller voranzukommen und mogelt sich so rasant schnell durch den Stadtverkehr. Kilometer um Kilometer zieht sich die Zubringerstrasse durchs Tal, immer an einem trockenen, mit Geröll bedeckten Bett eines Sturzbaches entlang. Die Vespa summt und kurvt durch den fliessenden Verkehr vorneweg, die Kawasaki taucht hinterher. Ein paar Mal versuche ich sie spielerisch auf Alternativrouten zu überholen – sie fährt rechts um eine Kolonne Autos herum, die Kawasaki wischt links vorbei und umgekehrt – aber jedesmal wenn wir gerade gleichauf sind, findet die Rollerfahrerin eine bessere Lücke und zieht wieder davon, und wenn das passiert, guckt sie kurz rüber und lacht. Es ist wie ein Spiel, wir spielen Fangen auf zwei Rädern, mitten im Stadtverkehr, und hinter dem Sonnenschutz des Helms grinse ich breit über diese Ausgelassenheit und Lebensfreude.

Die mehrspurige Strasse am trockenen Lauf eines Sturzbaches jagen Vespa und Kawasaki sich gegenseitig kilometerweit entlang.

Vespa und Kawasaki jagen sich gegenseitig die mehrspurige Strasse am trockenen Lauf eines Sturzbaches entlang.

Ich finde es äußerst schade als die Stimme des Navi im Helm ansagt, an der nächsten Kreuzung links abzubiegen, während ich schon sehe, dass die Vespa nach rechts blinkt. Nun stehen wir beide an einer Ampel, sie rechts, ich links, zwischen uns zwei Geradeausspuren.

Die Vespafahrerin sieht herüber und wirft mir eine Kusshand zu. In diesem Moment fängt das Navi an zu rechnen und verkündet dann: „Bitte biegen Sie JETZT rechts ab“. Hä? Ich blicke auf den Bildschirm und sehe exakt meine Position an der Kreuzung, und tatsächlich hat sich gerade die Wegstrecke geändert. Habe ich mit Gedankenkraft die Routenplanung geändert? Als die Ampel auf Grün umspringt gebe ich Gas, und das Maschine katapultiert aus dem Stand heraus los und saust mit radierendem Hinterrad um die Kurve, bevor jemand anders auch nur anfahren kann. Da jede Abbiegerspur getrennt geschaltet wird (darauf hatte ich natürlich vorher geachtet), und kein Gegenverkehr da ist, kann ich einfach nach rechts abbiegen und an der Rollerfahrerin vorbeiziehen, die mir ungläubig hinterher sieht.

Die Vespafahrerin bekommt unmittelbar danach Grün und hängt sich nun ihrerseits an mein Heck. Allerdings nicht lange, als wir über eine Brücke fahren, überholt sie mich schon wieder mit einem breiten Lächeln, winkt kurz herüber und setzt sich vor mich. Noch ein paar Strassen geht das so, dann trennt das Navi uns endgültig. Die Rollerfahrerin verschwindet im Gewirr der Nebenstrassen, während ich die Hauptstrasse hinunterrollen soll. Bye, Rollergirl, das hat Spaß gemacht.

Merkwürdig… so hatte ich mir diesen Teil der Route nicht vorgestellt. Auf Google Maps sah das hier irgendwie anders aus. Als das Navi verkündet „Sie haben ihr Ziel erreicht“, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Ich befinde mich mitten in einem Wohn- und Geschäftsviertel, müsste aber Gebäude aus dem 19. Jahrhundert um mich herum haben. Ich kurve ziellos in der Gegend herum und halte einige Strassen weiter vor einem Bürohaus. Ich klappe den Helm auf, ziehe das iPhone aus der Jacke und blicke mich um. Mein Blick trifft den einer jungen Frau mit Hosenanzug und knallrotem Lippenstift, die gerade dabei ist ein Bürohaus zu betreten. Sie sieht mich irritiert an und verschwindet schnell durch die Glastür.
Ich muss grinsen. Ich hoffe, ich habe ihr keine Angst gemacht und sie denkt nun, ich wäre ein irrer Stalker, der sie verfolgt, weiß wo sie arbeitet und vielleicht auch noch wo sie wohnt… ein kleines, leicht angeflirtetes Rennen im Berufsverkehr ist eine Sache, Stalking etwas anderes.

Ich blicke wieder auf´s iPhone und gehe online. Egal ob das jetzt Roaminggebühren kostet, ich muss wissen wo ich bin und wo ich hin muss, und das Navi ist gerade keine Hilfe. Schnell finde ich heraus, dass mein Ziel drei Kilometer die Hauptstrasse herunter liegt, das finde ich auch ohne Navi. Mit Problemen bei der Fahrt durch Genua hatte ich gerechnet, aber nicht, das die so früh beginnen. Die Stadt liegt nämlich teilweise übereinander. Die Hafenanlagen und die Altstadt liegen im Tal am Meer, aber ein Teil der Stadt ist in und auf die umliegenden Berge gebaut, und die vielen, kleinen Gassen sind durch ein komplexes System aus Tunnel und Brücken miteinander verbunden. So kommt es, dass es keine genaue 2D-Karte von Genua gibt. Dazu ist die Stadt zu dreidimensional, was Navis, so hörte ich zumindest, oft aus dem Tritt und verirrte Fahrer zur Verzweifelung bringt.

Aber so weit ist es noch nicht. Ich stecke das iPhone weg, klappe den Helm wieder zu und fädele mich in den fliessenden Verkehr ein, was in Italien ein Kinderspiel ist, weil die Leute aufeinander achten und einen auch wirklich reinlassen, wenn man nur entschlossen genug ist und diese Absicht auch mitteilt.

Wenige Minuten später habe ich mein Ziel gefunden. Der Platz davor ist total überlaufen. Blumen- und Kerzenlädchen stehen dicht an dicht, ihre Besitzer sitzen davor und dösen in der Sonne. Der kleine Parkplatz ist vollkommen überfüllt, weshalb ich das Motorrad schräg auf eine Ecke neben Müllcontainer parken muss.

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Ich hänge mir die Motorradjacke über die Schulter, bahne mir einen Weg vorbei an einer wild gestikulierenden Gruppe schwarz gekleideter Frauen und mache mich auf Entdeckungstour durch Staglieno.

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Die Geschichte von Staglieno
Staglieno ist der Name eines Stadtteils von Genua, wird aber gemeinhin synonym für den Monumentalfriedhof verwendet, der sich dort befindet. Diesen Friedhof ist einer der schönsten der Welt, man nennt ihn in einem Atemzug mit dem Wiener Stadtfriedhof, den Cimetere Montparnasse und Pére Lachaise in Paris und dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Dabei ist er weniger für die internationalen Berühmtheiten bekannt. Davon liegen hier nicht viele, allenfalls B-Promis wie die Frau von Oscar Wilde. Nein, Staglieno ist bekannt für seine ganz besondere Art der Grabgestaltung.

Der Friedhof sollte durch seine Gestaltung und Größe den Rang Genuas als eine bedeutende und reiche Handelsstadt wiederspiegeln, weshalb das Gelände schon früh als pompöse Nekropole, eine Stadt der Toten, angelegt wurde. Es sollte ein Ort sein, an dem Reiche Leute gerne begraben würdem. Als der Friedhof 1851 eröffnet wurde, bestand er aus einem großen, rechteckigen Bau mit Kolonnaden (Laubengängen), in deren Wänden sich Grabnischen befanden. Genau gegenüber des Haupteingangs erhob sich ein Pantheon. Schon wenige Jahrzehnte später wurde der Friedhof nach Norden vergrößert, und bis 1950 kontinuierlich ausgebaut. Heut ist der Monumentalfriedhof mehr als ein Quadratkilometer groß, damit füllt er eine ganzes Tal und die umliegenden Berghänge. Das ursprüngliche Gebäude ist nun nur noch der Eingang zum Tal der Toten, an dessen Grund sich Grabfelder hinziehen, während in die Berghänge Galerien, Kapellen und Grüfte eingelassen sind. Die Anlage ist so groß, dass dort eine eigene Buslinie verkehrt.

Womit bei der Eröffnung von Staglieno niemand gerechnet hat, war eine komische Eigenart der reichen Genuesen. Man kann heute nicht mehr wirklich sagen, wer damit zuerst angefangen hat, Tatsache ist, das es bald alle machten: Man stellte sich auf seinem Grab selbst dar.

Das hört sich erstmal nicht nach etwas Besonderem an. Zu allen Zeiten war die Gestaltung des Grabes Ausdruck von Stand und Status des Verstorbenen. So, wie man es in Genua tat, ist es aber einzigartig. Die reichen Genuesen ließen detailgetreue Statuen von sich anfertigen, und zwar wie sie in jungen Jahren einmal ausgesehen hatten.

Der Gedanke dahinter: Man wollte den Menschen und sein Leben in allen Facetten darstellen und feiern. Daher wird die Schönheit der Verstorbenen als junge Menschen dargestellt, und zwar oft nackt. Das macht Staglieno absurderweise zu einem Friedhof mit hohem Sexappeal. Gelegentlich werden die schönen Toten in spielerischer Umarmung mit Symbolen des Todes oder des Übergangs portraitiert. Manchmal erzählt der Grabschmuck eine ganze Geschichte. Da begibt sich die Verstorbene in die Umarmung eines Engels, der sie durch eine Tür führt. Oder eine Frau liegt auf ihrem Sarkophag, als würde sie ein Sonnenbad nehmen. Oder ein Soldat sinkt, tödlich getroffen, zu Boden, wo schon verhüllte Gestalten darauf warten ihn aufzufangen.

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Bei den Grabbauten versuchten sich die Reichen gegenseitig zu übertrumpfen, was dazu führte, dass bald die besten Bildhauer Italiens für Genuesen arbeiteten, die nach ihrem Tod etwas besonderes hinterlassen wollten.

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Ich streife durch die Kolonnaden und komme aus dem Staunen nicht heraus. Zu einer Seite sind die Kolonnaden offen und bilden Arkaden, die geschlossene Seite ist in große Grabnischen eingeteilt. Jede Grabnische ist verziert mit einer szenischen Darstellung von Leben, Tod, Trauer oder Übergang, manchmal zeigt sie auch Situationen aus dem Leben des Verstorbenen – oder sogar eine Warnung.

Die jungen, halbnackten Wesen stehen im krassen Kontrast zu den Bilder und Fotos, die vor den Gräbern angebracht sind und zeigen, wie sie im hohen Alter ausgesehen haben.

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Staglieno ist ein riesiges Freiluftmuseum mit den ausdrucksvollsten Werken naturalistischer Bildhauerei die ich je gesehen habe. Hemingway bezeichnete Staglieno einst als Weltwunder, und verdammt, er hat recht! Die Kapellen sind beeindruckend, genau wie die endlosen Gänge mit den Urnennischen und Grabtafeln. An jeder Wand befinden sich neun oder zehn Nischen übereinander. Hier und da stehen große Leitern in den leeren Gängen. Besucher der Gräber können die Leitern bis zu ihrer Grabnische rollen und dann hinaufklettern, um Blumen in kleinen Vasen, die an der Grabplatte angebracht sind, zu hinterlassen.

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Das subtropische Klima hat den Bauten zugesetzt, und überall erzeugt blätternde Farbe einen Eindruck von romantischem Verfall. Ich bin auf der Suche nach einem ganz speziellen Grabmal, und das hier zu finden ist nicht einfach. ein einhalb Stunden bin ich schon unterwegs, ohne eine Spur, ohne einen Wegweiser zu finden oder einen Menschen, den ich fragen könnte.

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Es ist heiß, und als ich schwitzend einen Bergkamm erklimme, von der aus man über das ganze Tal sehen kann, treffe ich zum ersten Mal seit zwei Stunden auf lebendige Menschen. Gärtner, die hier oben Pause machen. „Scusi, d´ove e la statuetta de la Donna con le noche?“, frage ich. Die Arbeiter lachen und deuten zum Taleingang. „Die Dame mit den Nüssen? Die ist nicht hier. Die ist ganz woanders. Geh zurück zum Eingang und frag da noch einmal.“

Zurück zum Eingang? Das kann nicht sein. Vermutlich haben die mich veralbert oder falsch verstanden. Egal, ich habe ohnehin keine andere Wahl, also marschiere ich durch das Tal zurück zum Eingangsgebäude mit den Kolonnaden. Dort entdecke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Bislang war ich hier unterwegs:

Gut zu erkennen: Eingangsgebäude, die großen Galerien, die Bauten in den Berghängen und die Eisenbahnbrücke über das Tal.

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Aber: Was ich für das alte Eingangsgebäude gehalten habe, war nur eine Nebenhalle. Das eigentliche Hauptgebäude ist ein Stück östlich und nur durch einen kleinen Durchgang zu betreten, ein Loch in einer riesigen Mauer. Und wenn man dann drin ist, ist Staglieno ganz plötzlich sehr viel größer:

Bislang war ich nur im roten Bereich unterwegs. Aber der eigentliche Monumentalfriedhof ist das Gelände rechts daneben! Quelle: Bing Maps

Rot ist der Bereich, in dem ich bis dahin unterwegs war. Dabei war mein eigentliches Ziel das gigantische Feld rechts daneben. Ich blicke auf die Uhr. Noch habe ich Zeit, aber ich sollte die Dame mit den Nüssen besser innerhalb der nächsten Stunde finden. Ich habe leider viel Zeit damit verplempert das Tal mit den „Neubauten“ hoch und runter zu laufen, aber hier, in den Kolonnaden des alten Gebäudes von 1851, da geht es bildhauerisch erst richtig ab. Das Gelände besteht aus einem großen Grabfeld, an dem nach Norden hin das Pantheon liegt. In die anderen Richtungen laufen Kolonnaden um das Gelände.

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Die Gänge sind endlos, und ein Grab ist prachtvoller und die Darstellung ergreifender als das nächste. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und mache ein Foto nach dem nächsten. Eine Galerie mit 100 der besten Bilder ist ausgelagert in einen eigenen Blogpost. Hier nur eine Auswahl:

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Es ist merkwürdig, die weiten Straßen der Grabanlage entlangzuschlendern, während die Wände von Leben und Tod erzählen. ich fühle mich wie ein Astronaut, der einen fremden Planeten betritt. Einen Planeten der Toten. In meiner Motorradpanzerung mit dicken Stiefeln stapfe ich halb, halb schwebe ich durch die Galerien und lausche den Echos der Vergangenheit.

Hier spricht ein Engel mit der Seele eines Verstorbenen, dort führen gütige Figuren einen jungen Mann ins Licht. Daneben steht eine Grabpyramide, deren Tür einen Spalt weit geöffnet ist, so das die Lebenden einen Blick hineinwerfen können, auch, wenn sie nur Dunkelheit sehen. Ein paar Grabmäler weiter sitzt ein Mann in seinem Sessel, versunken in Gedanken, die er nicht mit seinen Besuchern teilt. Im Gegenüber findet eine Frau ihren Weg aus einem dunklen Wald, und mit skeptischen Gesichtsausdruck überschreitet sie die Grenze zwischen dem Grab und der Welt der Lebenden.

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Die Atmosphäre hier ist geisterhaft. Die Gänge und Arkaden verfallen langsam, was einen morbiden Charme hat. Dazu kommt noch, das ich fast ganz allein hier bin. Manchmal sehe ich am Ende eines Ganges, hunderte Meter entfernt eine Bewegung, aber andere Menschen treffe ich nicht, während ich Kilometer um Kilometer durch die Hallen wandele. In den 1880er Jahren kam Friedrich Nietzsche oft hierher und wandelte stundenlange durch die endlosen Gänge, vertieft in philosophische Diskussionen mit seinem Freund Paul Rèe. Und auch Mark Twain schwärmte von der Atmosphäre auf Staglieno.

Noch etwas ist merkwürdig: Manche der weißen Marmorstatuen sind mit Bohnerwachs geschwärzt. Auf dieser Schicht hat sich Staub abgesetzt. Fotografiert man eine solche Statue mit Blitz, hat das einen geisterhaften Effekt: Durch den, im Blitz aufleuchtenden, Staub sieht man auf dem Foto das Negativ der Statue!

Ohne Blitz:

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Mit Blitz:

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Plötzlich steht ein Mann vor mir. Er murmelt etwas uns bekreuzigt sich, dann wirft er mir einen bösen Blick zu. „Entschuldigen Sie, wo ist die Staue der Frau mit den…“ Er sieht mich an, reißt die Augen auf, schüttelt zornig den Kopf, bekreuzigt sich und stolpert hastig davon, während er sich immer wieder umsieht.

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Ich wandere weiter die Gänge entlang. Immer wieder gerate ich ins Staunen, mit welcher Hingabe und Liebe zum Detail die Grabdarstellungen in Szene gesetzt sind. Die Güte in der Körperhaltung einer Frau. Die Dynamik und Kraft eines Engels im Flug. Das steinerne Abbild eines Mannes, der am Grab seiner Frau steht – aufrecht, im besten Anzug und mit pomadisierten Haaren, in den Augen einen herzerreissenden Ausdruck tiefster Trauer.

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Plötzlich bleibt mir fast das Herz stehen. Vor mir steht ein Sarkophag mit ägyptisch anmutenden Verzierungen. Auf dem Sarkophag liegt ein weiblicher Engel, die Flügel ausgebreitet, einen Arm zu über das Gesicht gelegt. Ich kann es nicht glauben. Ein Bild dieses Engels hingt fast 10 Jahre in meiner Wohnung, direkt über meinem Bett! Und zwar EXAKT dieses Engels! Es handelt sich dabei um ein Poster eines Covers der Band Joy Division mit dem Titel Love will tear us apart, das ich von einst von einer großen Liebe geschenkt bekam:

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Ein wunderschönes Motiv, ich liebe das Bild. Für mich ist dieser müde Engel der Inbegriff von Trauer und verlorener Liebe. Und hier, auf dieser Reise, mitten in der subtropischen Schwüle von Genua, stehe ich plötzlich vor dem echten Engel! Wieder so einer der magischen Momente, die man nicht planen kann.

Ich schnappe mir eine der hohen Leitern und fotografiere den Engel von oben.

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Wahnsinn, das dieses Meisterwerk hier, in Genua, ist… und ich jetzt davor stehe. Ich habe „meinen“ Engel hier, am Ende der Welt, gefunden. Ich bin ganz verzaubert und kann mich kaum losreissen.

Jetzt muss ich aber dringend weiter nach der Frau mit den Nüssen suchen.

Inzwischen bin ich jede Kolonnade und das Pantheon abgelaufen, ohne eine Menschenseele zu sehen. Auf gut Glück laufe ich in eines der Grabfelder hinein und treffe tatsächlich wenige Minuten später auf einen Gärtner. Er kann mir den Weg zur Frau mit den Nüssen weisen, und kurz darauf habe ich sie tatsächlich gefunden. Versteckt steht sie, die Frau mit den Nüssen, in einer Ecke eines Bogengangs. „Du hast mich ganz schön suchen lassen, altes Mädchen“, denke ich, während ich sie bewundere.

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Die Geschichte von Caterina Campodonico, der venditrice di noccioline
Caterina Campodonico war besessen vom Monumentalfriedhof Staglieno. Genauso wie die vieler anderer Genuesen drehten sich auch die meisten ihrer Gedanken um ihr Grab. Den besten Bildhauer wollte sie engagieren, und ihr Grab sollte eines der schönsten auf Staglieno werden. Das Problem: Caterina war nicht reich, sie war bettelarm. Jeder in der Stadt kannte die alte Frau, die bei Wind und Wetter an ihrer Strassenecke stand und an Schnüren aufgezogene Nüsse und selbstgemachte Brezeln verkaufte.

Deshalb staunte der Bildhauer Lorenzo Orenga nicht schlecht, als Caterina Campodonico eines Tages seine Werkstatt betrat, einen großen Sack Geld auf seinen Schreibtisch legte und eine lebensgroße Statue beauftragte. Er nahm sie zunächst nicht Ernst, weil eine arme Nußverkäuferin, selbst wenn sie sich eine Statue leisten konnte, dennoch NIE ein Grab auf dem Monumentalfriedhof bekommen würde.

Caterina Campodonico aber marschierte zum Friedhofsamt und verteilte mehrere, nicht unwesentliche Geldbeträge unter den dortigen Verwaltungsangestellten, die darüber zu entscheiden hatten, wer auf Staglieno beigesetzt werden durfte – in der Regel nur Verstorbene aus wohlhabenden Familien.

Anscheinend hatte die Frau ihr ganzes Leben lang jede Lira zurückgelegt, nur um sich den Traum eines Grabs auf Staglieno zu erfüllen. Die Statue wurde noch zu ihren Lebzeiten fertig und zeigt sie, wie sie wirklich war: Als alte Frau, mit Nussketten in den Händen. Sie starb 1881, seitdem ist ihr Grab eines der meistbesuchten des Friedhofs.

Im Sockel findet sich die Inschrift:

Bei Wind und Sonne und Wasser wie aus Eimern habe ich Nußketten und Brezeln an den Denkmälern von Aquasanta ihrer Gnade in San Cipriano verkauft um Brot im Alter zu haben. Mein weniges Geld habe ich gespart als ich noch lebte. Ich bin wahrhaft Caterina Campodonico, genannt die Dörflerin, aus Portoriana. 1881. Du, der du an meinem Grab vorbei kommst, bete, ich bitte dich, für meinen Frieden.
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Mission erfüllt. Zufrieden gehe ich zum Ausgang und verlasse die atmosphärische Zeitblase, in der sich Staglieno befindet. Dort sehe ich den Mann wieder, der mich irre anstarrt, den Kopf schüttelt, sich bekreuzigt und mich fassungslos noch wenig mehr anstarrt. Es ist total absurd. Der stiert mich an, als wäre ich der Antichrist. Abrupt reiße ich die Arme in die Luft und mache mit raushängender Zunge und zuckendem Kopf „arararararar“. Er stiert mich am, reisst dann ebenfalls die Arme in die Höhe und rennt unter „arararara“-Geräuschen davon.

Genua ist eng bebaut, und vor allem gibt es viel zu wenig Parkplätze. Ich habe mir vor der Abfahrt einen übers Internet gebucht. Dort sah die Garage aus wie ein unterirdisches Parkhaus, aber als ich die Kawasaki die viel zu steile Rampe aus Kopfsteinpflaster hinabbalanciere, sehe ich, dass es in Wirklichkeit nur eine kleine Werkstatt mit vielleicht zehn Stellplätzen sind, auf denen jetzt schon 12 Autos dicht an dicht stehen. Ein junger, braungebrannter Mann bedeutet mir, die Kawasaki auf eine schiefe Fläche direkt vor eine Wand zu stellen. Ich folge seinen Handzeichen, und als das Motorrad steht, hängt der Seitenständer weit in der Luft. „Na und“, lacht der Mann, „hast doch noch einen Haupständer!“ Das stimmt zwar, aber so bepackt wie die Kawasaki ist, und gegen eine Steigung, bekomme ich die da nicht drauf. „Dann fass mal mit an“, sage ich. Der braungebrannte zieht am Topcase, ich stelle mich auf das Pedal des Haupständers, und langsam hebt sich das Motorrad, bis der Vorderreifen in der Luft hängt und die Maschine sicher auf den beiden Metallfüßen in ihrer Mitte ruht. Ich verstaue den Helm im Topcase und mache mich auf den Weg.

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Den Parkplatz habe ich ausgesucht, weil er in der Nähe des Hafens und der Altstadt liegt. Zunächst muss ich unter der fürchterlichen Hochbrücke Alda Moro hindurch, die vor den alten Hafenhäusern langführt. Dieser Moloch von Sopraelevata war mal als Provisorium gedacht, um die kollabierte Stadt vom Durchgangsverkehr zu befreien, nun wird man die Monsterverschandelung nicht mehr los. Wenn man auf der Hochstrasse lang fährt, hat man einen guten Ausblick auf die Stadt und den Hafen.

Im Hafen gibt es heute keinen Schatten, aber viel zu sehen. Hier legen riesige Kreuzfahrtschiffe an, und im Hafenbecken dümpelt ein Schiff aus Roman Polanskis Fim „Piraten!“

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Direkt daneben ist das zweitgrößte Aquarium Europas, was ich aber wegen Eintrittspreisen von über 30 Euro pro Karte nicht besuche.

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Stattdessen bewundere ich ein Stück Regenwald in einer Biosphärenkugel.

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Auch Toll: Der Bigo, eine art achtarmiger Kran mit Gondeln an den Auslegern. Man kann sich darin hochziehen lassen und den Hafen von oben ansehen.

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Früher hatte Genua einen echt schlimmen Ruf als heruntergekommene, schmuddelige Hafenstadt mit hoher Kriminalität. Das änderte sich 1992, als dort die Weltausstellung stattfand. In deren Vorfeld hat Stararchitekt Renzo Moro das gesamte Hafenviertel umgestaltet, und so kann ich heute beruhigt unter Palmen und zwischen gediegenen Restaurants dahinflanieren.

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Eigentlich könnte ich hier mal ein Stück Foccacia probieren. Foccaccia ist ein duftig weicher Teigfladen, der mit Salz und Rosmarin bestreut ist. Ich habe mal versucht selbst welche zu backen, nach einem angeblichen Genueser Originalrezept, aber dabei ist nur ein knüppelhartes, salziges Etwas rausgekommen. Das war eine riesen Entäuschung, seitdem habe ich es nicht noch einmal probiert. In einer Bäckerei kaufe ich ein Stück Foccaccia. Hmmm… original aus Genua! Wie toll es doch ist, Spezialitäten am Ort ihrer Entstehung probieren zu können! Ich nehme einen großen Bissen… uns spucke ihn fast wieder aus. Ich habe den Mund voller knüppelhartem Krümelkram, der total versalzen schmeckt. Ok, vielleicht habe ich damals doch alles richtig gemacht, und in Genua mag man das so. Ich mag das nicht, und entsorge den Salztrümmer unauffällig in einem Mülleimer.

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Am Hafen entlang ziehen sich skurrile Kunst- und Strassenkunstprojekte.

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Vom Hafenviertel gehe ich in Richtung der Innenstadt. Sehr eng und planlos gebaut stehen die alten, hohen Häuser beieinander. Manchmal so eng, dass die Sonne nicht in die verwinkelten Gassen kommt.

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Die Innenstadt selbst ist pompös. Der Piazza de Ferrari mit seinem riesigen Wasserspiel macht echt was her. Hier stand die erste Bank Europas (die nach 605 Jahren in 2012 Konkurs anmelden musste), die Banca San Giorgio. Die Banca San Giorgio war die erste organisierte Bank der Welt, gegründet unter anderem von der Genueser Familie Grimaldi. Die Bank, von der Niccolò Macchiavelli meinte, sie habe Genua größer gemacht als die Republik Venedig, einst so mächtig, dass ihr Korsika und die Krim gehörten, und nahezu alle Fürstenhäuser Europas Schulden bei ihr hatten. Folgerichtig liquidierte Napoleon 1807 das Bankhaus, schlicht, weil dessen Einfluss im Schatten der Macht zu groß war.

Der Piazza de Ferrari war das Zentrum der reichen Seerepublik Genua, von wo aus Krieg gegen Vendig geührt wurde. Von hier aus startete der berühmteste Sohn der Stadt, Christopher Columbus, sein Abenteuer, kurz danach führte Admiral Andrea Doria die Republik zu großer Macht und Reichtum. Unter ihm wurde auch die Altstadt neu vermessen und mit Prachtbauten der bedeutensten Zeitgenössischen Baumeister vollgestellt. Auch heute noch ist diese Pracht zu bewundern.

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Genua hat die größte Altstadt Europas, aber die ganz abzulaufen schaffe ich heute nicht mehr. Es sind mehr als 30 Grad in der sengenden Sonne, und ich laufe -wie immer- in Stiefeln und Motorradklamotten durch die Gegend.

Ich schlendere zurück zur Garage und bin froh, als ich die Kawa aus ihrer Nische gewuchtet und ohne Umfaller die steile Rampe hochgefahren habe. Die Kurven und Kehren der Bergaltstadt sind auch nicht ohne, aber zum Glück ist das Navi zuverlässig und rechnet uns einen Weg aus der Stadt hinaus. Allerdings rechnet es mal wieder direkt über die nächste Bergkette – enge, geflickte Strassen, die sich absonderlich und steil an den Berghängen entlangfressen. Ich werde zunehmend gereizter und fluche laut. Das hier ist der gleiche Mist wie gestern der Höllentrip nach Moconesì, nur das es heute trocken ist!

Als ich das nächste mal dazu komme einen Blick in die Landschaft zu werfen, ist Genua unter mir verschwunden und nur noch Berge sind zu sehen. Ganz dicht über mir ziehen Wolken dahin, und mir ist, als bräuchte ich nur die Hand auszustrecken um sie zu berühren.

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Über die Berge führt mich mein Weg nach Norden. Irgendwann werden die fiesen Kurven und Kehren weniger, dann taucht die Strasse in ein Tal ab, das so tief und eng ist, dass mein GPS-Tracker aus dem Tritt kommt und den Rest der Fahrt nur noch Blödsinn aufzeichnet. Dann weichen die Berge zurück, und die Ebenen des Piemont mit den großen Reisfeldern liegen vor mir.

Ich fahre nach Alessandria, rolle einmal durch die Stadt, weiß aber nicht so genau was ich da soll. Die Stadt ist nicht wirklich schön, aber bekannt für Borsalinohüte und Umberto Eco. Der ist nicht zu Hause, und so fahre ich eine gemütliche Schleife in Richtung Cassine, einem kleinen Dorf mit einem Gasthaus, in dem ich heute übernachten werden. Ich finde „La Chicca B&B“ auf Anhieb und bin angenehm überascht, als sich das Tor öffnet, als die Kawasaki darauf zurollt. Marusca, die Wirtin, hat mich kommen sehen und geöffnet. Dahinter findet sich ein großer Garten, in dem es auch einige Stellplätze gibt.

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Ich parke das Motorrad und werde herzlich von der rothaarigen Italienerin begrüßt, dann auf mein Zimmer geführt. Das ist urig: La Chicca ist ein altes Bauernhaus, das gerade renoviert wird. Aus den Wänden ziehen sich die Balken unter dem Dach entlang, und die Betten, Schränke und Waschkommode scheinen aus dem 18. Jahrhundert zu stammen.

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Zum Glück ist das Badezimmer hochmodern. Nach einer ausgiebigen Dusche werfe ich mich in Hemd und Jeans und erkunde den Ort. Ich habe einen Türöffner bekommen, mit dem ich jederzeit das große Metalltor öffnen kann.

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Viel zu sehen gibt in Cassine nicht. Mittelpunkt des Ortes ist ein moderner, aber leerer Marktplatz. Darum herum laufen zwei Haupstrassen mit einer Tankstelle, einem Restaurant und ein paar Lädchen. Ich kaufe ein paar Sachen im winzigen Supermercato, dann mache ich mich auf die Suche nach etwas zu essen.

Weil Montag ist, der Tag, den es nicht gibt, haben die Restaurants geschlossen. Nur ein Dönerladen hat offen. Hier mache ich ich es mir an einem Bistrotisch bequem und bestelle ein Perona. Der Wind spielt im Streifenvorhang an der Tür, und während ich der Bedienung dabei zu sehe, wie sie mein Essen zubereitet, hüllt mich plötzlich ein warmes und entspanntes Gefühl von Kopf bis Fuß ein. Urlaub. Das hier ist… Urlaub.
Ich esse die erste Pizza seitdem ich in Italien bin, in diesem winzigen, türkischen Laden, und fühle mich ganz… Urlaub. Vielleicht, weil ich denke, dass nach dem Stadtverkehr in Genua die größten Herausforderungen der Reise gemeistert sind.
Ich Narr.

Lesen sie im nächsten Teil: Im Reich des irren Architekten.

——

Mein Dank geht an Laura und Stefan aus Genua, die mich mit ihrer Seite http://www.insidertipps-italien.com/ auf Genua gebracht und mir viele nützliche Tips zu Italien im allgemeinen gegeben haben.

 
10 Kommentare

Verfasst von - 9. Februar 2013 in Motorrad, Reisen

 

10 Antworten zu “Motorradreise 2012, Tag 11: Friedhof, Flirtrennen und die Frau mit den Nüssen am Tag, den es nicht gibt

  1. Broken Spirits

    9. Februar 2013 at 13:45

    Wenn ich mal meinen Friedhofsurlaub mache, kommt der mit auf die Ziele 🙂

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  2. Silencer

    9. Februar 2013 at 23:50

    Ich wusste, das dir das gefällt 🙂

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  3. noch ein Markus

    10. Februar 2013 at 13:23

    der Friedhof ist das einzig schöne und positive was ich noch von Genua in Erinnerung habe. ansonsten empfand ich das einfach als dreckige und laute Stadt.

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  4. Silencer

    10. Februar 2013 at 22:28

    Markus: Liegst du auch nicht verkehrt mit.

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  5. zimtapfel

    10. Februar 2013 at 22:54

    Ich bin ja bei deinen Bildern jedes Mal aufs neue überrascht, wie unglaublich Grün und üppig Italien hier daherkommt. In meiner Vorstellung ist es dort viel trockener. Aber ok, du warst natürlich auch sehr früh im Sommer dort. Trotzdem, immer wieder: Wahnsinn, was für ein üppiges Grün!
    Der Friedhof ist der Hammer! Hier in Hamburg haben wir ja den Ohlsdorfer Friedhof, der laut einer Bekannten der größte nichtmilitärische Friedhof Europas sein soll. Daran kommen mir allerdings gerade leichte Zweifel…

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  6. Silencer

    10. Februar 2013 at 22:59

    Zimt: der Süden ist auch viel trockener. Der Norden ist schon sehr Grün, aber beim Betrachten im Nachhinein habe ich auch gedacht: vielleicht muss ich mal die Sättigung runterdrehen, das sieht schon sehr krass aus.

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  7. Katja

    23. Februar 2013 at 18:48

    Ich glaube, ich wäre spätestens nach dem Friedhof völlig reizüberflutet gewesen und für den Rest des Tages zu nicht mehr viel zu gebrauchen. Tolle Fotos und Eindrücke mal wieder! 🙂

    Columbus ist übrigens in Spanien gestartet, genauer in Palos de la Frontera in der Nähe von Huelva.

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  8. Silencer

    24. Februar 2013 at 14:34

    Uh, das stimmt natürlich. Was ich ausdrücken wollte war: Hier startete er, wenn auch erst einmal auf die Suche nach Geldgebern 🙂

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  9. Pingback: Erholungszeit

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