Motorradreise 2012, Tag 13: Ausgetrickst über die Alpen

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Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am dreizehnten Tag geht es durch das Aostatal und durch die Alpen bis in die Schweiz, und das Wiesel rockt Freddy Mercury.

Mittwoch, 13. Juni 2012, Albergo Firminio, Cavaglià, Piemont.

Ausgeruht ist mein zweiter Vorname, als ich an diesem Morgen über den matschigen LKW-Parkplatz zum Restaurant schlendere. Es ist kühl, und ich trage schon die komplette Motorradkombi inklusive der schweren Stiefel, die die Dielen im Vorraum des Lokals quietschen lassen.

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Das Restaurant ist ein typisch italienischer Gasthof: Vor dem eigentlichen Speiseraum liegt ein kleiner Vorraum mit einem Tresen, hinter dem eine monströse Espressomaschine schnauft. In einer kleinen Vitrine steht Gebäck- Im Vorraum befindet sich außerdem noch ein kleiner Tisch, an dem zwei Bauarbeiter Pause machen. Wie ein Profi stelle ich mich an den Tresen, bestelle ein Cornetto (nicht das Eis – hier heißen Croissants so!) und einen doppelten Espresso. Den trinke ich gemütlich weg, während hinter mir Fernfahrer hinaus- und hereinpoltern und sich darüber unterhalten, wie das Fußballspiel gestern gelaufen ist und wie die Gatta Nera in Mercato in Fiera ausgesehen hat.

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Als von meinem Espresso nur noch der Bodensatz übrig ist bekunde ich meinen Wunsch zu zahlen. Ich bin immer noch gespannt, was die für das opulente Mahl von gestern Abend aufrufen werden. Die Bedienung hinter dem Tresen erkenne ich als eine der Frauen wieder, die gestern Abend im Restaurant saßen und mit dem Kleinkind gespielt haben. Sie schlägt etwas in einem großen Buch nach, kramt in einer Zettelkiste, blättert wieder im Buch, ruft was in den Gastraum und erkundigt sich schließlich danach was ich gestern Abend wohl gegessen und getrunken habe. Ich gebe bereitwillig Auskunft und sehe vor meinen inneren Auge die Rechnung in unfassbare Höhen wachsen – immerhin war das Essen ein exzellentes, mehrgängiges Menü, von dem mir niemand verraten hat was es kostet. Dreißig Euro? Vierzig? In Italien ist man bereit, was für sein Essen zu bezahlen. Und dann noch der ausgezeichnete Wein dazu! Mehr als fünfzig Euro?“

Plötzlich rattert die Tresenkraft in unfassbarer Geschwindigkeit los „Rhababerrhababerpiccolominirabbelrabbelquarantaeuroperfavor“. Ich will wissen, ob ich das gerade richtig verstanden habe: 40 Euro? Für das Essen oder wie? „nononno, camera per una notte, prima colazione, menu, dolci e vino“, sagt die Bedienung.

Unfassbar.
Neunundzwanzig Euro hat allein die Übernachtung gekostet. Das kann doch nur ein Rechenfehler sein. Egal, ich zahle, verlasse das Restaurant und schwinge mich auf´s Motorrad, dass ich schon vor dem Frühstück fertig gepackt und hinter dem Blumenkübel hervorgeholt habe. Ich rolle vom Hof auf die Landstrasse in just dem Moment, als die Bedienung von gestern Abend in einem verbeulten Fiat auf das Gelände des Hotels einbiegt. Wenn das ein Rechenfehler war, dann wird die resolute Frau das merken. Nun, meine Mailadresse und Telefonnummer haben sie, wenn sie sich wirklich vertan haben, können sie mir das schreiben.

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Ich fahre auf die Alpen zu. Die wirken schon zum Greifen nahe, aber da lässt sich das Auge durch die schiere Größe der Berge täuschen. Dennoch werden die ausladenden Felder des Piemont schnell weniger und weichen ersten Hügeln, dann kleinen Bergen, und schließlich großen Bergketten. Trotz des strahlenden Sonnenschein wird es merklich kühler, und ich halte an un ziehe einen Rollkragenpullover unter die Motorradkombi und wechsele auf die dicken Handschuhe. Die breite Strasse zieht sich in Kurven durch merkwürdig ordentlich und aufgeräumt wirkende, grüne Täler mit schnuckigen Ortschaften. Die Häuser sind im typischen Alpenstil gehalten, Naturstein, Holz und granitgedeckte Dächer. Immer wieder sehe ich die Autobahn A5, fahre mal darunter hindurch und blicke mal von einem Bergrücken auf sie hinab.

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Ich folge der Landstrasse, die in ausladenden und herrlich zu fahrenden Schwüngen mal links, mal rechts vom Talgrund herummäandert und viel interessanter ist als die Autobahn, die sich schnurgerade durch die Täler fräst.

Nach knapp zwei Stunden riecht es plötzlich nach englischem Frühstück. Zumindest assoziiere ich den Geruch, der über dem Tal hängt, damit. Es ist der Duft von geräuchertem Schinken, was für mich immer ein wenig was von gebratenem Bacon hat. Das sind keine olfaktorischen Halluzinationen. Ich bin im Aostatal angekommen, hier gibt es unheimlich viele Fleischbetriebe und kleine Räuchereien.

Vier Viertausender stehen um das Aostatal herum. Den Mont Blanc im Norden kann ich nicht sehen, aber Monte Rosa, Matterhorn und Gran Paradiso lassen sich erahnen. Paradiesisch ist es hier wirklich, die Landschaft mit den grünen Nebentälern und den schroffen Felswänden haben etwas Erhabenes.

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In Aosta, dem Kernort der Region, stelle ich das Motorrad in einer Nebenstraße ab. Es hat angefangen zu Nieseln, aber das hält mich nicht davon ab, die Stadt zu erkunden. Die ist ein kleines Juwel. Das hier Geld sitzt, merkt man an jeder Ecke und den vielen, luxuriösen Details wie den geschmiedeten Strassenlampen und den gepflegten Häusern und Geschäften.

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Ich stelle mich an den Tresen einer Bar und trinke einen Espresso – im Stehen, damit spart man die Tischgebühr. Dann laufe ich weiter und gucke mir an, wie Archäologen in einer Stadtmauer arbeiten, die irgendwie mit einem Wohnhaus verschmolzen ist. Über der Grabungsstelle sind große Segel gespannt, die den Regen fernhalten.

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Nach einer Stunde habe ich genug vom puppenhaften Aosta gesehen. Ich ziehe mich warm an, klettere auf die Kawasaki und versuche Aosta zu verlassen. Das dauert ewig, weil vor mir drei Fahrschulwagen in einer merkwürdigen Polonäse hintereinander her fahren. Das ist wirklich eine Qual… alle fahren nicht schneller als 20 Stundenkilometer. Manchmal wird der vordere Wagen so langsam, dass einer der hinteren den Motor abwürgt. Richtiges Chaos bricht aus, als der vordere Wagen eine Ampel überfährt, die hinter ihm auf gelb springt. Der letzte Wagen legt eine Vollbremsung hin und bleibt mit abgewürgtem Motor stehen, während der Fahrer des mittleren Wagens nicht weiß, ob er anhalten oder weiterfahren soll, und sich dann für den goldenen Mittelweg entscheidet und einfach mitten auf der Kreuzung anhält. Ich halte Abstand und bin froh, als sich die Wege des schrägen Trios und mir trennen.

Ich fahre auf der SS27 nach Norden. Die breite, gut ausgebaute und teilweise vierspurige Strasse windet sich in weiten Kurven durch die Berge und macht rasch Höhe. Es wird merklich kälter, aber die jetzt wieder scheinende Sonne gleicht das gut aus. Auf besonders schattigen Abschnitten der Route werfe ich auch schon mal die Lenkerheizung der Kawasaki an. Meine Hände, besonders die rechte, sind eh total kaputt und schmerzen die ganze Zeit über, da müssen sie nicht auch noch frieren.

Großartiges Bergpanorama, tolle Strassen, blendendes Wetter, wenige Autos unterwegs – das Fahren macht Spass, und ich genieße das und die frische Bergluft in vollen Zügen.

Tag 13: Von Italien über die Berge, Aosta und  Montreux nach Bern.

Tag 13: Von Italien über die Berge, Aosta und Montreux nach Bern.

Je weiter ich in die Berge vordringe, desto schmaler und schlechter wird die Strasse. Überholen ist nun nicht mehr möglich, und das ist schade – nicht, weil ich jemanden vor mir hätte, sondern weil mir ein Wagen im Nacken sitzt, den ich gerne vorbeilassen würde. Teilweise bis auf weniger als einen Meter fährt eine dunkelblaue, getunte Nissan-Linousine hinter mir auf. Das macht das Fahren extrem unentspannt. War ja klar: Auf der Strasse ist kaum jemand unterwegs, aber der eine Fahrer hinter mir, der muss so eine motorradjagende Pimmelnase sein. Das der Zustand der Strasse immer schlechter wird, macht die Sache nicht einfacher. Der Winter was lang und hart, und an vielen Stellen sind Frostschäden in Form großer Schlaglöcher und zerkrümeltem Asphalt zurückgeblieben. Immer wieder muss ich links und rechts um solche Stellen herumfahren, während der Nissan wie ein Besenkter hinter mir herbrettert. Wenn es jetzt einen Parkplatz oder eine Spurverbreiterung gäbe, ich würde direkt anhalten, nur, um den Bekloppten vorbeizulassen.

Leider tut mir die Strasse den Gefallen nicht. Im Gegenteil bekommt sie einen schlimmen Anfall von Baustelle. Eine Spur wird mit einer neuen Asphaltdecke versehen, und über eine Ampelregelung und die Gegenspur wird man darum herum geführt. Die Ampel ist grün als ich in die Baustelle rausche, den Nissan immer am Heck.

Die Baustelle ist lang. Obwohl gerade nur auf den ersten hundert Metern gearbeitet wird, teilen Pylone die Fahrspuren auf mehreren Kilometern. Das Ende kann ich nicht sehen. Ich fahre brav auf der Spur, die normalerweise für den Gegenverkehr ist. Als ich um eine Kurve biege, sehe ich ein Schild. Keine Ahnung was für eines, es ist umgefallen und liegt mit der bedruckten Seite nach unten zwischen den Bauhütchen. Links sehe ich einen grauen Kasten.

Erst als ich daran vorbei bin, beginnt mein Hirn mit den bruchstückhaften Informationen herumzupuzzeln. War das Schild wohl wichtig? Und dieser graue Kasten… war das etwa die Ampel, die den Gegenverkehr aufhalten soll? Da stand kein Auto, aber hier ist halt gerade nicht viel los. War das Schild vielleicht das „Fahren sie jetzt wieder auf ihre Spur zurück“-Zeichen? Könnte sein. Ich gucke in den Rückspiegel. Der Nissan klebt immer noch an meinem Nummernschild. Er fährt so dicht auf, dass ich seine Motorhaube nicht sehen kann. Vermutlich hat der Fahrer nichts mitbekommen, weil er sich darauf konzentriert, so dicht wie möglich an mir dran zu bleiben. Immer noch teilen Pylone die Fahrspuren. Hätte ich die Spur wechseln müssen und bin nun vielleicht Geisterfahrer??

Lange muss ich nicht überlegen, die Antwort auf meine Frage nährt sich in Form eines beigen Opels. Ich bemerke den schon, als er noch mehrere hundert Meter weg ist. Die Strasse beschreibt mehre Kehren und führt am Berg hoch, so dass ich quasi nach rechts blicken muss, um den Opel zu sehen. Dabei bemerke ich, dass er ganz normal auf der rechten Spur fährt. Oder anders formuliert: Er ist zwar noch einige Kurven entfernt, aber er fährt frontal auf den Nissan und mich zu. Ich bleibe ruhig, fahre die Kurve, in der ich mich befinde, weit aus und lasse mich dann von der Schwung am Kurvenausgang über zwei Fahrspuren hinweg tragen. Die Kawasaki flutscht durch den Zwischenraum zwischen zwei Pylonen hindurch und ist wieder zurück auf der rechten Fahrbahn, während der Nissanfahrer mir irritiert hinterher sieht und weiter auf der linken, verkehrten Spur fährt. In genau diesem Moment kommt der Opel um die Kurve, sieht sich unvermittelt einem Geisterfahrer gegenüber und steigt voll in die Eisen.

Ich muss mich auf die nächste Kurve konzentrieren und kann nicht in den Rückspiegel sehen. Ich gehe davon aus, dass nicht passiert ist – der Abstand Opel zu Nissan war ausreichend groß und der Nissan hatte Platz zum Ausweichen, lediglich Hütchen musste er dafür ummfahren. Der Opelfahrer tut mir leid, aber dem Nissanfahrer gönne ich den Schreck. Als die Strasse gerade wird, blicke ich mehrfach in den Rückspiegel, aber vom Nissan sehe ich den Rest der Fahrt nichts mehr.
Ausgetrickst.

Links und rechts der Strasse wachsen Betonpfeiler aus dem Boden, die ein Dach tragen. Wenig später verschluckt mich der Berg. Ich bin in den großen Sankt Bernhard-Tunnel eingefahren. Der hat nur eine Röhre und stammt aus den 60ern, was man durchaus merkt. Nach drei Kilometern öffnet sich der Tunnel zu einer unterirdischen Halle mit LKW-Parkplätzen und mehreren Abfertigungsschaltern. Auch hier ist nichts los, und ich kann sofort an einen der Glaskästen rollen. Der Tunnel wird privat betrieben, deshalb muss man für die Benutzung extra bezahlen. Die Dame in dem Schalter tut mir ein wenig Leid. Hier unten arbeiten zu müssen ist bestimmt kein Vergnügen: Kein Sonneblicht, kalt, klamm, schlechte Luft, Abgase…

Nachdem ich mein Ticket habe rolle ich weiter zum… ZOLL! Kennt man ja als EU-Bürger fast nicht mehr, zumindest nicht an Grenzübergängen auf dem Landweg, aber ich verlasse ja gerade die europäische Union und fahre in die Schweiz, und die hält nicht nur an Zollkontrollen, sondern auch an albernen Einfuhrbeschränkungen fest. Das ist mir aber erst eingefallen, nachdem ich vor zwei Tagen in einem Supermarkt mit dem lustigen Namen „Gulliver“ in Villafranca d´Asti zwei Flaschen feinsten Grappa gekauft habe. Die hat sich die Freundin, die ich in der Schweiz besuchen werde, zum Geburstag gewünscht, und ich Doof habe natürlich nicht daran gedacht, dass sie nicht nur in einem anderen Land, sondern auch in einer anderen Welt lebt.

Ich schmuggele also gerade Alkohol. Die Zöllner werden nicht schlecht gucken, wenn sie das Topcase öffnen und feststellen, dass das die Wohnung eines Wiesels und zudem bis obenhin voll mit Alkohol ist. Oder noch schlimmer: Das Wiesel hat gelernt, wie man Flaschen öffnet, und ist selber bis oben hin voll Alkohol. Besser nicht darüber nachdenken! Ich bin ein wenig nervös, als ich im Schrittempo auf den Zollschalter zufahre. Der Zöllner sitzt hinter der Glasscheibe über irgendwelche Papiere gebeugt und schaut nicht auf, als ich vor seiner Scheibe halte. Respektvoll warte ich, die Kawasaki brummelt im Leerlauf vor sich hin. Der Zöllner rührt sich nicht. Ich warte noch etwas länger. Keine Bewegung. Vorsichtig balanciere ich das Motorrad mit einem Fuß aus, strecke den Arme in Richtung Zöllnerstillleben und klopfe an die Scheibe. Der Kopf des Mannes ruckt urplötzlich hoch und ein leicht verwirrtes Augenpaar sieht mich unter buschigen Brauen an. Der Zöllner glotzt erst mich, dann Motorrad an, macht eine tadelnde Kopfbewegung und winkt mich unwirsch durch. Dann zieht er sich seine Schirmmütze über die Augen, lehnt sich zurück und schläft weiter.

Ich kicke den ersten Gang rein, gebe Gas und rausche durch den Tunnel davon.

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Als ich wieder ans Tageslicht komme bin ich in der Schweiz. Bei einem kurzen Stop checke ich das Topcase. Der Grappa ist noch in den Flaschen, das Wiesel nüchtern. Es freut sich, an die frische Luft zu kommen und als ich eine Sekunde nicht hingucke, versucht es, mit der Kawasaki davon zu fahren.

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Zum Glück ist es nicht besonders gut im Motorradfahren, und so kann ich das übermütige Tier schnell wieder ins Topcase sperren und weiterfahren. In Kehren und Schleifen windet sich die Strasse ins Tal hinab, dann geht es durch die Täler Richtung Martigny, vorbei an Orten mit französischen Namen und tollen Bergaussichten. Leider kann ich nicht zum Fotografieren anhalten, weshalb es davon keine Bilder gibt. Ich brauche wirklich eine Kamera am Motorrad.

Dann öffnet sich das letzte Tal und vor mir liegt der Genfersee und daran die luxuriösen Häuser von Montreux. Hier geht es sehr beschaulich zu – nicht nur, weil die Einwohner Schweizer und damit von Natur aus etwas …, sagen wir mal: Ruhiger, sind, sondern weil das Durchschnittsalter der Einwohner gefühlt bei 85 liegt und alle Mercedes fahren. Im Schneckentempo geht es die Uferstrasse mit den berühmten Palmen entlang. Als das Navi verkündet, das ich mein Ziel erreicht habe, suche ich mir einen Parkplatz greife mir das Wiesel und ziehe zu Fuß weiter.

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Die Geschichte mit dem Rauch über dem See
Montreux ist als Musikstadt bekannt. Heute vor allem wegen dem Jazzfestival, das jedes Jahr die Stars der Szene und tausende Fans anlockt. In den Siebzigern war die Stadt als Arbeitsort sehr beliebt, die bekanntesten Musiker der Welt arbeiteten hier Tür an Tür in ihren Studios.

Im Dezember 1971 hielt Frank Zappa ein Konzert im Casino von Montreux, als dort ein Brand ausbrach und sich rasend schnell ausbreitete. Schnell war klar, dass vom Casino nichts mehr zu retten war. Die Flammen schlugen in den Nachthimmel und eine dicke Rauchsäule stand über der Stadt. Die evakuierten Konzertbesucher standen geschockt und verängstigt an der Uferpromenade. Nun, nicht alle waren geschockt. Zumindest eine kleine Gruppe junger Männer hatte ihren Spass. Sie waren in der Stadt, um am nächsten Tag gemeinsam mit den Rolling Stones ein neues Album aufzunehmen. In diesem Moment waren sie damit beschäftigt, einen fetten Joint kreisen zu lassen, zwischen dem brennenden Gebäude und dem See hin und her zu blicken und Sachen zu sagen wie „Ey, man, voll der Rauch über dem Wasser…“.

Am nächsten Tag schrieben sie das auf und machten Musik dazu.

We all came out to Montreux
On the Lake Geneva shoreline
To make records with a mobile
We didn’t have much time

Frank Zappa and the Mothers
Were at the best place around
But some stupid with a flare gun
Burned the place to the ground,

Smoke on the water
A fire in the sky
Smoke on the water

But burning down

They burned down the gambling house
It died with an awful sound

Und so kamen Deep Purple zu ihrem Welthit.
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Queen hatten über viele Jahre ihr eigenes Produktionsstudio hier, die Montreux Mountain Recording Studios. Seit seinem Tod steht hier das offizielle Freddy Mercury Memorial, eine überlebensgroße Statue des Sängers, die ihn in seiner typischen Rockpose zeigt.

Ich weiß, wie gerne das Wiesel Prominenten aus der Hose hängt – seitdem es mit Kay Ray auf der AIDA Cara aufgetreten ist, hat es gefallen daran gefunden und zuletzt hing es aus dem Schlüpper von Elvis. Aus Freddies Hose kann es allerdings nicht hängen, die sitzt nämlich angegossen. Also rocken die beiden eine Runde zusammen:

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Eine Plattform führt hinaus in den Genfer See. Dort halten sich nicht nur eine Gruppe von Senioren, sondern auch eine Horde Spatzen auf. Ich finde Spatzen ohnehin putzig, aber diese Exemplare hier haben etwas ganz besonderes gelernt, dass sogar das Wiesel in erstaunen versetzt: Sie können in der Luft stehen. Wirklich! Ich dachte, das können nur Kolibris, wenn sie Nektar aus Blütenkelchen saugen, aber diese Spatzen in Montreux können das auch. Sie heben ab und schweben danke hektischstem Flügelschlagen auf Kopfhöhe vor den Besuchern herum. Das ist ihre Art um Krümel zu betteln.

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An der Uferpromenade stehen allerlei merkwürdige Metallkonstruktionen herum, die ich auf dem Weg zurück zum Motorrad anschaue.

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Von Montreux aus geht es noch weiter nach Norden. Die Berge verschwinden, und die Landschaft sieht wieder nach Südniedersachsen aus: Weite Felder und spitzgiebelige Häuser. Langweilig.

Eine Stunde und einen heftigen Regenguß später liegt Bern vor mir. Hier wohnt eine gute Freundin. Schon vor acht Jahren ist sie von Deutschland an die Universität in Bern gegangen, und in der ganzen Zeit habe ich es nicht geschafft sie zu besuchen. Das ändere ich jetzt.

Als die Kawasaki durch eine baumüberhangende Gasse brummelt, steht meine Freundin schon am Ende der Strasse mitten auf selbiger und winkt aufgeregt. Ich kann kaum absteigen, als Anne mir schon um den Hals fällt. Wir haben uns ewig nicht gesehen, aber es ist so, als hätten wir uns gestern erst gesprochen, so gut verstehen wir uns. Mal abgesehen von den lustigen Schweizer Worten, die sich mittlerweile in ihren Wortschatz eingeschlichen haben. Anne wohnt in einer WG, die ein ganzes Haus, eine Art Stadtvilla, zur Verfügung hat. Ich parke die Kawasaki auf dem Schotterweg im Vorgarten, und gemeinsam tragen wir die Motorradkoffer ins Haus.

Eigentlich wollen wir heute Abend auf eine Party, aber wir sind beide nicht wirklich motiviert. Lange überlegen wir hin und her, so lange, dass sich am Ende das Weggehen nicht mehr lohnt. Stattdessen setzen uns in die riesige Küche und quatschen. Von Rotwein und dem geschmuggelten Geburtstagsgrappa befeuert erzählen wir uns, was in den letzten Jahren in unseren Leben passiert ist. Zwischendurch schauen immer wieder WG-Mitglieder vorbei, setzen sich dazu, trinken einen Grappa, plaudern ein wenig mit und verschwinden wieder. Diese Nacht könnte ewig so weitergehen.

Im nächsten Teil: Bär´n in Bern.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Motorradreise 2012, Tag 13: Ausgetrickst über die Alpen

  1. War ja traumhaft schönes Wetter 😛 Ich muss gestehen, in Montreux war ich noch nie, aber alleine, weil ich Queen liebe, müsste ich da mal hingehen.

    Hat das Wiesel die in Freddies Ärmel versteckten Lyrics zum nächsten Welthit eigentlich gefunden? 😉

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  2. Ja, hat es. Und sofort aufgefressen.

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  3. Hachz. Diese Geschichtchen in deiner Geschichte – hier jene über den Rauch – mag ich ja wahnsinnig gerne! Die sind unterhaltsam und lehrreich.
    Ich bin zwar wieder mal spät dran mit dem Hinterherlesen, aber ich lese die Berichte wirklich mit großem Vergnügen!

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  4. Oh, das freut mich, dass Du die magst. Ich bin immer wieder überrascht, wie mich solche Geschichten finden, das sind die Diamanten am Wegesrand.

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