Motorradreise 2012, Tag 14: Wiesel und Bär´n in Bern

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Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am vierzehnten Tag: Bern. Einfach nur Bern.

Mittwoch, 14. Juni 2012, Bern, Schweiz.

Nach laaaaaangem Ausschlafen wälze ich mich langsam von der Matratze hoch. Meine Güte, nicht nur mein Handgelenk schmerzt irrsinnig, der ganze Körper tut weh. Das wird mir jetzt erst richtig bewusst. Die Etappe seit Siena war anstrengend, aber ich habe das die ganze Zeit nicht gemerkt. Bis jetzt. Mit einer Körperhaltung wie Quasimodo schleppe ich mich ins Bad und bin kurz irritiert von der schieren Anzahl der dort aufgebauten Schampoos und Pflegeprodukte, bis mir wieder einfällt, dass ich ja in einem WG-Haus bin und das Bad auf dieser Etage von drei Personen benutzt wird. Weiblichen. Personen.

Als ich die Treppe herunterwanke, wirbelt Anne bereits durch die Küche. Sie hat frisches Müsli angerührt, der Kaffee brodelt auf dem Herd und eine Riesenzahl an feinstem Käse wartet darauf, im Jugendstil-Speisezimmer der Stadtvilla verspeist zu werden.

In der Schweiz gehen die Uhren anders. Man nimmt sich für alles viel Zeit, auch für´s Essen. Das sollte von guter Qualität sein, Einkaufen beim Discounter ist verpönt. Zwar gibt es einen Aldi in Bern, aber dort, so erzählt Anne, kaufen nur die zugezogenen Deutschen, und werden dafür von den Schweizern verachtet.

Zur Mittagszeit spazieren wir durch die Altstadt von Bern. Bern ist nicht die größte Stadt der Schweiz, aber de Facto die Bundeshauptstadt. Dabei ist sie mit 126.000 Einwohnerinnen viel kleiner als, sagen wir mal, Bonn. Die Altstadt liegt auf einer Anhöhe, die nach drei Seiten vom Fluß Aare begrenzt wird, der in einem Einschnitt rund 50 Meter unter der Stadt fließt.


Altstadt in der Aareschlaufe.
CC Bild: AmStutzmarco

So eine Position lässt sich ideal verteidigen, und dass das ein wichtiger Faktor für die Standortwahl war, legen Stiche aus dem 17. Jahrhundert nahe, die nach der offenen Seite schwere Festungsanlagen zeigen.

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Auf dem Bundesplatz bleibt Anne stehen und deutet auf ein prächtiges Gebäude. „Siehst Du das? Das ist das Bundesgebäude. Hier ist das politische Zentrum der Schweiz. Und nun sieh Dich um.“ Ich bin verwirrt, tue aber wie geheißen. Mir fällt nichts auf.
Anne stupst mich an. „Sieh Dich mal genau um. Was siehst Du?“

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„Fußgänger, einen Brunne, die Strassenbahn, einen Harley Davidson-Shop, die Schweizer Nationalbank, die Valiantbank, die BEKB-Bank, Pagliuca Finance, Credit Suisse, die Coop Bank, die Schweizer Kantonalbank, die Notenstein Privatbank, ….“, Jetzt weiß ich, worauf Anne hinaus will. Sie lächelt. „Alle großen Banken haben ihren Hauptsitz hier, in Bern. Nicht in Zürich, das drei Mal so groß ist und eine bessere Infrastruktur hat, sondern hier, in Bern, an DIESEM Platz. Wenn Du jemals Zweifel gehabt hast, wer die Politik der Schweiz macht: Jetzt weißt Du es.“

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Wir schlendern weiter, durch die Altstadt, über eine Brücke und einen Berg hinauf. Hier ist der Bärengraben, ein abgetrennter Uferbereich der Aare, an dessen Böschung Bären gehalten werden. Bären sind ja das Wappenzeichen von Bern, warum man den auf dem Wappen mit raushängendem Schniepel zeigt, bleibt aber das Geheimnis der helvetischen Heraldiker. Ich meine, klar wäre es eine Demonstration der Macht, ein möglichst großes Genital zumindest auf dem Wappen vor sich herzutragen, aber erstens war das nicht üblich, und zweitens hätte man das Piephähnchen dann doch ein wenig größer machen müssen.

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Über der Uferböschung ist noch der alte Bärenzwinger zu sehen, ein Steinloch im Boden. Die armen Bären früherer Zeiten müssen darin echt gelitten haben. Heute haben die Bären immerhin ein großes, natürliches Gebiet, in dem sie sich bewegen können. Wenn sie denn wollen, denn in der Schweiz sind auch die Bären gemütlich:

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Das ist übrigens eine Bärenmama. Die hat zwei Bärenkinder, die in der Nähe herumtollen.

Bern hat übrigens nicht nur den Bären als Haustier, sondern gleich drei Viecher: Den Bären, das Sparschwein (vermutlich wegen der ganzen Banken), und an diesem Tag: Das Wiesel.

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Das Stadtbild wird geprägt von der Aare, die an diesem Tag blau leuchtet. In der darf man schwimmen, immer und überall. Manche Leute benutzen den Fluss auch als persönliches Transportmittel, springen einfach irgendwo von einer Brücke, lassen sich Flussabwärts treiben und klettern dann irgendwo wieder aus dem Wasser und ziehen trockene Klamotten aus ihrem wasserdichten Rucksack an. Es gibt viele Stege und Treppen an den Ufern, manche sogar mit Duschen daran.

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Vom Rosengarten aus hat man einen tollen Ausblick über die Stadt und auf den Hausberg, den Gurten. Auch ansonsten gibt es viel zu sehen, an diesem Tag Mitte Juni. Neben vielen bunten Rosen ist das u.a. auch eine Cheerleadergruppe, die einem flachen Seerosenbecken von einem Fotografen geknipst wird. Thema des Fotoshootings ist offensichtlich, sich in möglichst verdrehten Posen naßzuspritzen. Mit Rücksicht auf mich (ich denke an die Haue, die ich von Anne beziehen würde) knipse ich nur die Blumen, nicht die halbnackten und nassen Cheerleaderinnen.

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Sehr schön ist auch ein Skulpturengarten in der Nähe.

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Anne und ich wandern am Ufer der Aare entlang, reden als hätten wir uns acht Jahre nicht gesehen, tratschen über alte Freunde und tragen mental alte Feinde zu Grabe. Es ist mehr als 25 Grad warm, und der Tag ist entspannt.

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Manche der Brücken sind von wahrhaft gigantischen Ausmaßen. Man beachte die Häuser neben den Pfeilern, um einen Eindruck von der Größe dieser Dinger zu bekommen:

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Zwischendurch wäre mir mal nach einem Kaffee gewesen, aber die Schweizer machen unmißverständlich klar, was es hier nicht gibt:

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Komisches Konzept, damit zu werben, was man alles NICHT Verkauft. Nunja.

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Die Altstadt von Bern ist übrigens etwas ganz besonderes: Die blitzsauberen und ordentlichen Strassen verlaufen nur von Ost nach West. Von Norden nach Süden gibt es winzig kleine und enge Gassen, die die Strassen miteina
nder verbinden.

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Gesäumt werden die Strassen von liebenswert-skurrilen Geschäften, vom Knopfgeschäft bis zum Scherzartikellädchen, wo Notfallschnurrbärte vom Kaliber Magnum oder Anklippbare VoKuHiLa-Extensions angeboten werden.

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Zum Abendessen suchen wir uns ein kleines Restaurant. Es ist gar nicht so einfach einen Platz zu bekommen, denn es ist irgendein Fußball Großereignis, und alle Berner sitzen in den Restaurants und gucken Fußball. Während wir unser Abendessen teilnehmen, kommt ein Demonstrationszug vorbeigezogen. Eine Demo gegen Rechts, sehr begrüßenswert, natürlich. Allerdings ist die Art der Durchführung merkwürdig. Mehrere Hundert Leute ziehen durch die Innenstadt und tragen Transparente und Plakate. Dazu murmeln sie freundlich, Ja, wirklich: Normalerweise gehört es zu einer guten Demo, dass laut Sätze skandiert werden. Aber die Schweizer murmeln nur vor sich hin. Vermutlich, damit sie niemanden beim Fußballgucken belästigen. Was für ein höfliches Volk.

An dieser Stelle sei übrigens mal angemerkt, dass die Lohnniveaus (und die Lebenshaltungskosten) zwischen der Schweiz und dem Rest des Kontinents so stark differieren, dass man sich als Europäer mit gruseln abwenden möchte, so absurd hoch sind die Preise im Land der Eidgenossen. Ein kleines, nicht ausschweifendes Abendessen für zwei Personen und ein Kaffee hinterher fängt mal locker bei umgerechnet 90 Euro an – dafür geht man in Deutschland zwei Mal fein Essen. Eigentlich müsste man in der Schweiz arbeiten und in Deutschland leben, das wäre die Ideale Kombination. Tatsächlich gibt es gerade in Bern und Zürich sehr viele Deutsche – mittlerweile so viele, dass sich einige Schweizer schon vor Überfremdung fürchten, auch wenn die Deutschen oft nur so minderwertige Jobs wie Arzt oder Anwalt machen und so nicht die Arbeitsplätze guter, schweizer Banker bedrohen. Aber ich schweife ab…

Auf dem Heimweg begegnen wir noch etwas ganz Besonderem: Leute, die aufgereiht in einem Schaufenster sitzen. Das, so erläutert Anne, ist die neueste Attraktion der Stadt: Ein Theaterstück, bei dem das Publikum in einem Schaufenster sitzt und damit selbst zum Kunstwerk für die Passanten wird. Echt Crazy, die Schweizer.

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Der Rest des Abends ist unspektakulär, aber schon. Ich möchte die geneigte Leserschaft nicht mit langweiligen Einzelheiten nerven, darum schließe ich an dieser Stelle das Reisetagebuch. Für heute.

Im nächsten Teil: Herrn Owley treffen.

4 Gedanken zu “Motorradreise 2012, Tag 14: Wiesel und Bär´n in Bern

  1. Huch. Jetzt wird das Tagebuch erst richtig spannend.

    Und natürlich hast du (mal wieder?) viele interessante Details und Eigenheiten entlarvt. So sind wir Helveten eben – freundlich und zurückhaltend. Aber voller Fremdenhass 😛

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  2. Tse tse tse, was sind das nur für Frauen, die den Männern durch ihr bloses sein in Furcht versetzen können. Diese unterschwellig vermittelte Eifersucht auf das eigene Geschlecht entzweit doch eher als es verbindet. Ne ne ne. Ich glaube nein ich weiß! das ich dich eher verprügelt hätte, wenn du die Damen NICHT fotografiert hättest. Es gibt doch nichts schöneres, als der menschlichen Spezies beim spielen zu zusehen. Is wie im Zoo oder so 😀 Nun ja seis drum, aber der Bericht ist sehr schön und hat ja schon fast zum selber hinfahren eingeladen.

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