Motorradreise 2012, Tage 15: Owley und die Ölmühle

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Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am fünfzehnten Tag treffen das Wiesel und ich Herrn Owley, es geht zurück nach Deutschland und ich probiere berühmten Krustenbraten.

Mittwoch, 15. Juni 2012, Bern, Schweiz.

Weder Anne noch ich mögen lange Abschiede. Eine feste Umarmung, ein Kuß auf die Wange und ein „Und nicht wieder acht Jahre warten!“, dann drehe ich mich um und steige ich auf die Kawasaki. Während ich die Allee hinunterrolle, sehe ich im Rückspiegel wie mir Anne hinterherwinkt, bis ich um die Kurve am Ende der Strasse verschwinde.

Der heutige Weg führt mich raus aus Bern und über die Autobahn nach Zürich. Autobahn in der Schweiz kostet Geld, man muss eine Plakette haben. Die habe ich schon in Deutschland beim ADAC gekauft. Anders als das Österreichische „Pickerl“ muss die Schweizer Plakette nicht sichtbar am Motorrad befestigt sein, nur an einem Teil, das sich nicht ohne weiteres vom Motorrad lösen lässt. Folgerichtig mache ich es wie die Schweizer und habe meine Plakette unter der Sitzbank auf den Rahmen geklebt. Touristen erkennt man daran, dass die ihre Plakette mitten auf den Tank kleben. Dort bekommt man sie nie wieder ohne Gewalt oder ohne Rückstände ab. Ich könnte auch Landstrasse fahren, aber das würde recht lange dauern, und heute kommt es darauf an, Kilometer zu machen. Zum einen, weil die Etappe mit 450 Kilometern recht lang ist, zum anderen, weil ich rechtzeitig zu einer weiteren Verabredung kommen muss.

Im Vorfeld hatte ich nämlich ein Treffen mit dem legendären Owley ausgemacht. Wer ihn nicht kennt: Das ist dieser begnadete Blogschreiber, der höchst gekonnt und mit großem Wissen Filme rezensiert und auch ansonsten kreativ gut drauf ist.

Von Bern nach Zürich.

Von Bern nach Zürich.

Owley wohnt in der Nähe von Zürich, will sich aber unbedingt mitten in der Stadt treffen. Mir soll es recht sein, ich war noch nie in Zürich. Treffpunkt ist der Bellevueplatz, ein Verkehrsknotenpunkt in der Nähe des Zürichsees. Der Verkehr, der sich unter der sengenden Sonne durch die Strassen schiebt, ist dicht und je näher es auf das Stadtzentrum zugeht, desto zähflüssiger wird alles. Schließlich finde ich aber doch zum Ufer des Zürichsees und sogar den Bellevueplatz. Was ich nicht finde ist ein Parkplatz. Jede motorradgeeignete Ecke ist drei Mal zugeparkt und echte Parklücken, in die ich mit den breiten Heckkoffern reinkäme, gibt es gar nicht. Kreuz und quer kurve ich durch das Viertel südlich des Bellevueplatz, durch Gassen und Geschäftsstrassen.

Endlich entdecke ich eine halblegale Parklücke, bei der das Motorrad zur Hälfte auf dem Bürgersteig stehen würde. Wenn die Parkraumbewirtschaftung hier einigermaßen gnädig ist, passt das so. Bevor ich absteige, frage ich eine Passantin, wie streng hier kontrolliert wird. Sie sieht mich mit schreckgeweiteten Augen an und stammelt „Das kann ich ihnen nicht verbindlich sagen“, dann drückt sie ihre Handtasche an die Brust und eilt davon. Seltsam. Aber ich gehe lieber kein Risiko ein.

Fünf Minuten später habe ich eine neue Parkmöglichkeit gefunden, quer in einer Autoparklücke. Leider ist die Parkuhr schon belegt, so dass ich quasi schwarz da drin stehen würde. „Entschuldigen sie, wird hier oft kontrolliert?“, frage ich einen Autofahrer, der gerade von seinem Fahrzeug weg geht. Er sieht mich an, guckt auf Parklücke stehe und sagt „Ich bin nicht qualifiziert ihnen dazu Auskunft zu geben“ und geht weiter.

Was ist bloss mit den Leuten hier nicht in Ordnung? Ich meine, man WEISS doch einfach wie die Knöllchenverteiler im allgemeinen an einem Ort so drauf sind, gerade wenn man in der Stadt wohnt. Ist ja nicht so, als ob ich von den beiden Passanten eine rechtlich verbindliche Auskunft mit Gewährleistung hätte haben wollen.

Ich seufze und starte erneut das Motorrad.
Unter einer Hochbrücke, rund einen halben Kilometer vom Bellevueplatz entfernt, finde ich endlich eine freie Stelle auf einer nicht bewirtschafteten Fläche. Die ist zwar abschüssig und fast auf allen Seiten von hohen Bordsteinen umgeben, aber ich habe jetzt einfach keine Lust mehr weiter zu suchen. Es ist tierisch heiß, und in den Straßen der Stadt steht die Hitze. In dieser Suppe will ich nicht noch länger rumkurven. Ich schließe den Helm ein, locke das Wiesel aus dem Topcase in den Rucksack und mache mich auf den Weg.

Bevor ich Leute treffe, die ich nur über das Internet kenne, bin ich immer ein wenig nervös. Wie sind die im echten Leben? Theorien der Identitätskonstruktion besagen, dass sich manche Menschen im Internet vollkommen neue Persönlichkeiten zulegen bzw. Splitter ihrer Persönlichkeit ausleben, die sie im Alltagsleben nie zeigen. Was also, wenn man sich zwar im Blog gut versteht und stundenlang Kommentare austauschen kann, sich aber im echten nicht zu sagen hat oder feststellt, dass das Gegenüber ein Stinkstiefel ist, mit dem man am Liebsten nie wieder was zu tun haben möchte?

Zum Glück habe ich sowas noch nie erlebt. Ich habe schon einen ganze Reihe von Bloggerinnen und Bloggern getroffen, und bislang war es immer so, dass wir uns auf Anhieb sympathisch fanden und mehr als genug Gesprächsttoff hatten. Und genauso ist es zum Glück auch mit Owley. Blogtechnisch kennen wir uns schon ewig, seit unseren Anfängen. Und als wir uns jetzt, im echten Leben, das erste Mal treffen, ist es, als wären wir Freunde, die sich einfach ewig nicht gesehen haben, die aber auf der Stelle mehr als genug Gesprächsthemen haben. Wir wandern durch die Strassen von Zürich, quatschen über Gott und die Welt und Bond-Filme und Banken und wasweißich.

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Das Wiesel freut sich ein Loch in den Bauch, denn bei Owley wurde es 2009 nicht nur außerordentlich eindrucksvoll bespasst, nein, es bekam auch eine Comicversion seiner selbst, ein eigenes Buch „Wiesels Reisebuch“), eine eigene Süßigkeit („Wieselzungen aus Vollmilchschokolade“) und ein, gnihihi, Sackmesser spendiert. Da das Wiesel seine Sympathien zwar erratisch, mutmaßlich aber im Zusammenhang mit materiellen Beschenkungen vergibt, mag es Owley besonders gern.

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Wir schlendern durch einen Stadtteil von Zürichs der urgemütlich wirkt. Die kopfsteingepflasterten Gassen sind eng und gesäumt mit skurrilen, kleinen Geschäften. Die gedrungen Steinhäuser liegen in der Sonne, und über allem liegt eine entspannte, lockere Atmosphäre.

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Die Zürcher nennen jede Kirche gerne „Münster“, und so bewundere ich der Reihe nach das Großmünster und das Fraumünster, in letzterem besonders die knallbunten Fenster von Marc Chagall.

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Selbstverständlich darf auch ein kurzer Blick auf´s Bankenviertel nicht fehlen, genauso wie ein kleiner Spaziergang am Ufer des Zürichsees. Eines muss man Zürich ja lassen: Beeindruckende Kulisse kann man hier. Die Stadt im Rücken, den See vor Augen und dahinter die prächtigen Berge, das hat schon einen sehr hohen Wow-Faktor.

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So schön das alles ist, es hilft nichts, ich habe heute noch einen langen Weg vor mir und muss mich von Owley verabschieden. Das Wiesel sieht das natürlich überhaupt nicht ein. Es klettert auf Owley herum, lässt sich streicheln und will sich gar nicht mehr von ihm trennen. Vermutlich möchte es am Liebsten in der Schweiz leben: Bespasst werden, Schokolade futtern und ansonsten abhängen und den lieben langen Tag schön neutral sein. So würde das dem Wiesel gefallen.

Umgekehrt mag sich auch Owley nicht vom Wiesel trennen. Gutes Zureden hilft nicht, sie sehen nicht ein, dass sie nun schon wieder Abschied nehmen sollen. Zunächst ist es ganz niedlich, wie sich die beiden melodramatisch und unter Tränen aneinanderklammern. Ganz fest drückt Owley das Wiesel an sich und schreit immer wieder „Nein, nein, es muss hier bleiben! Hier!“. Das Wiesel kratzt und faucht in meine Richtung und versucht sich in Owley Tasche zu verstecken. Ich seufze. Das ich so plötzlich der Böse bin, hätte ich nun nicht erwartet. Umgekehrt werde ich aber auch das Wiesel nicht bei Owley in der Schweiz lassen. Wenn zwei solcher Mengen an kreativer (Owley) und krimineller (Wiesel) Energie aufeinanderstossen, ergibt das schnell eine kritische Masse, und dann kann WER WEIß WAS passieren.

Ich rede auf die beiden ein und mache beruhigende Pinguingeräusche. Was bei Huhu immer funktioniert, geht hier vollends daneben. Das Wiesel fällt auf den Trick nicht herein und stupst Owley an, der daraufhin unvermittelt ein Lichtschwert aus der Tasche zieht und in den Angriff übergeht. Ich ducke mich zur Seite, Owley springt samt Wiesel an mir vorbei und verschwindet um die Ecke. Für einen Moment stehe ich fassungslos in der Gegend herum. Dieser Moment reicht den beiden Renegaten jedoch, um einen neuen Angriff zu starten.

Erst bebt die Erde, dann bröckelt Putz von den umliegenden Gebäuden, und schließlich fällt ein riesiger Schatten auf die Uferpromenade. Es ist Owley, der in der Kanzel eines humanoiden Kampfroboters sitzt. Keine Ahnung wo er den so schnell her hat. Mehr als zwanzig Meter ist das Ungetüm hoch, läuft auf zwei Beinen, hat zwei lange Arme mit Kampfgreifern und auf den Schultern sind Maschinenkanonen und Raketenwerfer befestigt. Mit einem der Greifer schwenkt der Roboter ein riesiges Schwert. Der „Kopf“ der Maschine ist die Kommandozentrale, in deren Kanzel Owley hockt und diabolisch grinst. Auf einer Schulter des Roboters hockt das Wiesel, von wo aus es mit rot glühenden Augen Zombies beschwört. Anscheinend ist seine dunkle Seite wieder durchgebrochen, vermutlich beeinflusst es Owley mit Gedankentricks.

Owley am Steuer eines 20 Meter hohen Kampfroboters, auf dessen Schulter das Wiesel hockt und Zombies beschwört. Ilustration: Owley himself.

Owley am Steuer eines 20 Meter hohen Kampfroboters, auf dessen Schulter das Wiesel hockt und Zombies beschwört. Ich hatte leider keine Zeit ein Foto zu machen. Ilustration: Owley himself. Was beweist, dass die Geschichte wahr ist.

Ich fluche durch zusammengebissene Zähne und stelle meinen Motorradanzug von „maximaler Panzerung“ auf „maximale Geschwindigkeit“ um. Das Gewebe wird spürbar leichter und beweglicher, und dann renne ich los und zwischen den Beinen des Kampfroboters hindurch. Das war auch höchste Zeit, den Owley feuert die Bordkanonen auf die Stelle ab, an der ich gerade noch gestanden habe. Mehrere Salven großkalibriger Geschosse fressen sich durch das Pflaster der Straße und die angrenzenden Gebäude. Steinsplitter spritzen durch die Luft, Menschen schreien und bringen sich in Sicherheit, der Verkehr ist vollkommen zum erliegen gekommen. Die Uferstrasse gleicht einem Schlachtfeld. Aus dem See schleppen sich klatschnasse Zombies an Land, die das Nekromantenwiesel beschworen hat, und von denen Owley etliche versehentlich gleich wieder zersiebt. Irgendwo explodiert ein Clown.

Owley schwenkt den turmhohen Kampfroboter herum und steuert erneut auf mich zu, wobei er Dutzende der Zombies unter den PKW-großen Metallfüßen des Roboters zerquetscht. Er hat mich genau im Visier. Ich weiß, dass dies meine letzten Sekunden sind, wenn jetzt nicht ein Wunder passiert.

Plötzlich ist alle in ein strahlendes Licht getaucht. Geblendet sehe ich zum Himmel, aus dessen leuchtendem Blau ein Raumschiff hinabsinkt. Es leuchtet von innen heraus und schwebt, begleitet von spährischen Klängen, langsam herab, bis es in knapp zehn Metern über dem Boden verharrt, genau zwischen dem Kampfroboter und mir. Das singende, leuchtende Schiff, das da so freidlich in der Luft steht, ist so ziemlich das Schönste, was ich mir jemals zusammenfantasiert habe.
Ich bin beeindruckt.

Owley nicht.
Er feuert eine kleine Rakete aus dem Handgelenkwerfer des Kampfroboters ab. Das UFO wird in Tausend Stücke zerrissen. Die Trümmerteile sausen wie Schrapnelle durch die Luft und zerfetzen die letzten Zombies. Das Wiesel ist sauer und lässt Owley das auch wissen, der ist allerdings schon wieder damit beschäftigt mich zu jagen.

Pech für ihn: Das kurze Intermezzo hat ausgereicht, damit ich mit dem iPhone die Schwachstelle des Kampfroboters finden konnte. Ja, es gibt für ALLES eine App. Ich nehme das Neongelbe Spiralkabel des Bremsscheibenschlosses aus meiner Anzugtasche und kneife die Augen zusammen. Jetzt komme ich, mein Freund!

Ich wirbele das Kabel ein paar Male aus dem Handgelenk um Schwung zu holen, dann werfe ich ein Ende hoch in die Luft. Im Flug klappt der kleine Magnethaken an der Spitze auseinander und bleibt mit einem PLONK an der Schulter des Roboters hängen. Owley wirbelt herum, aber es ist zu spät. Das Kabel zieht sich blitzschnell wieder zusammen und reisst mich mit sich. Während der Kampfroboter um sich schlagend auf der Uferpromenade steht, werde ich an seiner Vorderseite emporkatapultiert, unter dem wirbelnden Schwertarm hindurch bis kurz unter die Kommandokanzel. Mit einer Hand klammere ich mich dort fest, während ich mit der anderen weit aushole. Mein Arm schwingt herum, und dann ramme ich meinen ausgestreckten Zeigefinger tief in die Nase des Kampfroboters.

Eigentlich ist es keine echte Nase, nur eine kleine Ventilationsöffnung unterhalb der Kanzel, aber laut Kampfroboterneutralisierungsapp ist dort ein Not-Aus-schalter verbaut. Keine Ahnung warum, aber es gab schon schlimmere Fehlkonstuktionen. Der Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Der Roboter gibt ein lautes Summgeräusch von sich als sein Reaktor herunterfährt, dann sinkt er in sich zusammen. Die Kanzel klappt zurück und Owley springt heraus, das Wiesel an sich gepresst.

Ich strecke ihn mit einem gezielten Schwinger nieder und winde das Wiesel, dass sich mit Zähnen und Klauen wehrt, aus seinen verkrampften Fingern. Schnell stopfe ich das renitente Tier in den Rucksack und gebe Fersengeld. Um den bewusstlosen Owley hat sich schon eine kleine Menschenmenge gebildet. Die Schweizer bewerfen ihn mit Geldscheinen, vermutlich, weil sie sein herumliegen-und-Boden-vollbluten mit einer Streetartperformance verwechseln. Vielleicht ist Geld aber auch tatsächlich der Lebenssaft der Schweizer, und was ich hier beobachte, sind Maßnahmen zur Ersten Hilfe, ich weiß es nicht.

Alles in allem war das ein sehr schöner Vormittag. Owley ist ein netter Kerl, und für die Sache mit der zerstörten Uferpromenade kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Solche Wirkung hat das Wiesel manchmal auf Menschen.

Kurze Zeit später sitze ich wieder auf dem Motorrad, dass ich vorsichtig von seinem Parkplatz unter der Brücker heruntermanövriere und über eine Fußgängerampel zurück auf die Straße lenke. Es dauert seine Zeit, bis ich aus dem Speckgürtel des Speckgürtels von Zürich heraus bin, dann geht es über die Autobahn Richtung Deutschland. Die Höchstgeschwindigkeit auf Schweizer Autobahnen beträgt übrigens 120, und man sollte sich wirklich besser daran halten. Schon Verstöße zwischen 1 und 5 km/h zu viel werden geahndet, und das sehr saftig. Bereits 6-10 Km/h mehr werden mit 100 Euro belegt, ab 20 Sachen zu viel gibt es mal locker 200 Euro und eine Anzeige. Bei deutlichen Geschwindigkeitsübertretungen passt sich das Bußgeld dem Einkommen des Rasrs an – hier können Gutverdiener schnell fünstellige Summen loswerden!

Aber 120 fährt hier ohnehin kaum jemand. Erstaunlicherweise fahren nur wenige Fahrzeuge auf der linken Spur die erlaubten 120 Km/h. Die meisten sind langsamer unterwegs. Damit ist die Überholspur aus deutscher Sicht eine Bummelsput. Und wem selbst das zu langsam ist, der fährt rechts – hier wird mit 80 bis 100 dahingeschlichen, und so verkrampf, wie manche der Fahrer dabei aussehen, ist ihnen auch das schon zu schnell und aufregend. Tatsächlich begegne ich auf der ganzen Strecke nur einen Bekloppten, der wie ein Irrer rast und, als er mich rechts überholt, mir den erigierten Mittelfinger entgegenstreckt. Aber der verrückte ist kein Schweizer – es ist ein Deutscher, mit Münchner Kennzeichen. Was natürlich meine Meinung über Münchner sofort bestätigt.

Von Zürich nach Deutschland.

Von Zürich nach Deutschland.

Bei Winterthur fahre ich hinter einem Pickup her, der Kartons geladen hat. Offene Kartons. In hohem Bogen fliegt dort Verpackungsmaterial heraus. Mir fliegen Folienbeutel, Luftpolsterfolie und Styrolstücke um die Ohren, und auch die Kartons selbst sind kurz vor dem Abflug. Nicht ganz ungefährlich, weswegen ich kurz Gas gebe und mich neben den Pickup setze. Mit Zeichen versuche ich dem weißbärtigen Fahrer die Situation klar zu machen, was er aber irgendwie mißdeutet und mir lustige Zeichen signalisiert, die ich nicht mal im Ansatz deuten kann. Vermutlich Schweizer Beleidigungen, sowas wie „Deine Mudder hat nur festverzinsliche Wertpapiere“ oder so.

Die Grenze nach Deutschland ist schnell überquert, und wäre nicht das Grenzschild gewesen, am Verhalten der Autofahrer hätte ich den Länderwechsel auf jeden Fall gemerkt. Eben noch fuhren alle ganz normal, jetzt wird gerast, gedrängelt und mit der Lichthupe genötigt wo es geht. Von einem Moment auf den nächsten ist aus dem fliessenden Strassenverkehr ein Kriegsschauplatz geworden. Willkommen in Deutschland, das ist der German Dream of Autobahn.

An Orten mit so erotischen Namen wie Villingen-Schwennigen, Rottweil und Reutlingen arbeite ich mich durch Baden-Württemberg gen Norden vor. Bei Sindelfingen werden die Schwaben gemütlich und produzieren eine Stunde Stau, und als ich endlich an Stuttgart, einer meiner Lieblingstädte auf der Kann-ich-nicht-leiden-Liste, vorbei bin, atme ich auf und will erstmal einen Parkplatz ansteuern. Mein Handgelenk bringt mich um, und nach 350 Kilometern Autobahn tut mir auch der Hintern weh. Leider ist der angesteuerte Rasthof voller deutscher Urlauber, die IHR GUTES RECHT durchsetzen, und zwar alle auf einmal. Was dazu führt, dass man auf den Autohof drauf, aber nicht mehr runterkommt, weil eine unfassbar dumme Familie ihre dämliche Passatschleuder in der Ausfahrt geparkt und zum Essen gegangen ist. Mehr als 40 Minuten stehe ich im Stau und in der prallen Sonne auf diesem Parkplatz, um mich fluchende LKW-Fahrer, hupende Autos und Schwaben, die schon mal mit Häuslebauen anfangen. Wi-der-lich. Meine Landsleute gehen mir jetzt schon auf den Saque, und ich bin froh, dass ich heute nicht noch weiter 550 Kilometer unterwegs sein muss.

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Mein heutiges Ziel liegt hinter Oberderdingen, einem winzigen Ort 50 Kilometer östlich von Karslruhe. Muss man nicht kennen. Ein sehr ländliches Gebiet, und ich bin froh, als ich von der Autobahn runter kann und auf der Landstraße über die Dörfer rolle.

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Der Landgasthof „Ölmühle“ liegt mitten im Grünen und ist nur über eine winzig schmale Strasse zu erreichen. Ich parke die Kawasaki unter Birken, die den Vorplatz säumen, und werde dabei von drei Generationen der Inhaberfamilie Fitterling begrüsst. Herr Fitterling Senior ist ein massiger Mann, der genausogut Landwirt sein könnte. Er betreibt den Gasthof und zeigt mir das kleine, aber fein ausgestattete Fremdenzimmer, erklärt den Fernseher („Heijo, den kriegen die Leut´ s sonst ni o“). Die Fitterlings sind ausgezeichnete Gastgeber. Die „Ölmühle“ ist die erste Unterbringung die ich erlebe, in der Gästen neben dem üblichen Duschgel auch Zahnbürste, Zahnpasta und Rasierzeug bereitgestellt wird. Zwar ist die Einrichtung der Ölmühle nicht die neueste, aber das Bett ist gut und alles sehr sauber.

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Im Erdgeschoß gibt es ein Restaurant, in dem ich mich nach einer ausgiebigen Dusche an einen Außentisch setze. Heute ist wieder Fußball, und ich bin der einzige Gast. Ich beschließe, den in der Karte als „Heidis berühmten Krustenbraten“ auf Berühmtheit zu testen, einfach weil ich noch nie Krustenbraten gegegssen habe. Dazu möchte ich ein Schöppsche vom hier angebauten Lemberger. Das gefällt Herrn Fitterling, und weil er sowieso nichts zu tun hat, setzt er sich zu mir und wir unterhalten uns, bis der Krustenbraten samt Heidi eintrifft. Zu dritt sitzen wir in der untergehenden Junisonne und plaudern. Das ist nett, und ich genieße diesen letzten Abend in vollen Zügen. Morgen wird alles vorbei sein.

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Als ich mich auf mein Zimmer zurückziehe fallen mir zwei Dinge auf: Zum einen das Wiesel, das Owley schon wieder völlig vergessen hat, ganz friedlich auf dem Bett herumspringt und mit seinem Kuschelball spielt, zum anderen ein Zettel mit einem Gastaufnahmevertrag, der an der Innenseite der Tür des Kleiderschranks angepinnt ist.

Im Schwäbischen hat alles sei ordnung: Rechte und Pflichten aus dem Gastaufnahmevertrag. Hängt so im Schrank der Ölmühle.

Im Schwäbischen hat alles sei Ordnung: Rechte und Pflichten aus dem Gastaufnahmevertrag. Hängt so im Schrank der Ölmühle.

Ich muss grinsen. Diese Schwaben. Muss ja alles seine Ordnung haben.

Lesen Sie Morgen: Das Ende einer Reise.

Tagesetappe: Von Bern über Zürich und Winterthur bis nach Karlsruhe, ca. 450 Kilometer.

Tagesetappe: Von Bern über Zürich und Winterthur bis nach Karlsruhe, ca. 450 Kilometer.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Motorradreise 2012, Tage 15: Owley und die Ölmühle

  1. Huch. Ich war ja gespannt, ob du das Zombiedebakel erwähnen wirst, oder nicht. Jetzt stehe ich voll schlecht da, so als krimineller Roboterzerstörer. Danke auch.

    Und wenn ich an den sehr schön geschriebenen Artikel noch zwei Verbesserungen, bzw. eigentlich nur eine anbringen darf: „Züricher“ ist nicht. Das heisst „Zürcher“, im Falle des Sees sogar „Zürich“, wie in „Zürichsee“. So bitte, und nicht anders. Das ist ja zum sich schämen. 😀

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  2. Zu 5b) Ich hoffe, das Zimmer hat Ihnen vergeben, sonst ist es sicher teuer geworden 😀

    Dann noch die Frage: Was ist ein Kuschelbaal?

    Und *Korinthenkackermodus ein * Das Wiesel sitzt auf der Zeichnung ja wohl nicht auf der Schulter *Korinthenkackermodus aus*

    @ Owley: als hätten wir das nicht alle längst gewusst 😉

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  3. Owley: Du konntest ja nix dafür. Und weglassen konnte ich die Episode nicht, hier wird ALLES korrekt wiedergegeben. Die Zürcher sind korrigiert. Bei uns gibt es eine Dosenfabrik mit dem Namen.

    WdW: Ball. Kuschelball. Ein Kuschelbaal ist vermutlich ein uralter Gott, der gut drauf ist 😀
    Und: Sie haben den Vertrag wirklich gelesen, hihi.

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  4. ach IHR wart das die letzten Sommer da so ein Chaos veranstaltet habt.
    hätte ich mir auch denken können. 🙂

    der Gasthof da sieht sehr gemütlich aus, Krustenbraten kenne ich bis heute nicht und Stuttgart ist
    als motorisierter Mensch eine Will-ich-nicht-haben-Stadt.
    du hast mal wieder Recht.

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  5. Auch von mir noch mal ein Riesen-Kudos: Ich habe jetzes Wort gelesen und genossen! Weiter so! Unter anderem habe ich endlich einmal verstanden, was den Reiz des Motorradfahrens ausmacht. Und ein bisschen bin ich neidisch. Auf den Motorradführerschein und die Erlebnisse an den Orten, die uns zusammen noch nicht zugänglich waren, damals.
    Am Schluß eine ganz dicke Bitte: Mehr davon. Nicht ganz uneigenützig hoffe ich nicht nur auf die lange Reise, sondern auch auf Berichte von der Reise in das ANDERE LAND – muss ja nicht unbedingt so episch sein…

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  6. Ach menno.. eigentlich sollte der letzte Kommentar an den Epilog… Naja, ändert nichts am Inhalt.

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  7. Modnerd. Danke! Und: Ja, das wird kommen. Auf jeden Fall. Der Samstag-Morgen-Platz ist auf längere Zeit ausgebucht.

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  8. Ich weiss zwar nicht, ob ich auf Berichte über das gleiche ‚andere Land‘ hoffe und warte wie Modnerd, freu mich aber direkt, wenn es mit der Reiselektüre weitergeht.

    Das ist übrigens wieder mal typisch, die Kampfroboter-Schwachstellen-App gibt es natürlich nicht für Androidgeräte.

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