Neue Freunde

Neue Freunde

Nach einer ruhigen Nacht, wir hatten das Wiesel irgendwann auf ein Kissen in den Sessel verfrachtet, ging es am Sonntagmorgen zurĂŒck zum Flughafen. Wer jemals in Lissabon ĂŒber den Flughafen musste, der hatte hoffentlich gute Wanderschuhe an. Die Wege sind astronomisch. Unser Flieger ging natĂŒrlich vom letzten Gate, das Wiesel flitze vor, ließ sich aber nach der HĂ€lfte des Weges doch wieder tragen. Kleine WieselfĂŒĂŸe sind nichts fĂŒr lange Strecken.

bevorzugtes Transportmittel
Ui, ein großer Reiserucksack fĂŒr Menschen

Der Flug selbst verlief recht ereignislos. Wir hatten PlĂ€tze im Mittelteil und bis auf ein defektes Entertainmentsystem, es traf natĂŒrlich mich, lief alles reibungslos. Der Steward war sehr bemĂŒht und nett, das Essen war genießbar, es war genĂŒgend Beinfreiheit vorhanden, es gab nicht einmal Turbulenzen. Beim RĂŒckflug sollte das alles ganz anders sein, davon ahnten wir jetzt aber noch nichts.

6 1/2 Stunden spĂ€ter setzte die Maschine in Newark auf. Ein Regenbogen hieß uns Willkommen.

Ein gutes Omen?

Nun kam der Teil, auf den wir alle im Vorfeld etwas sorgenvoll geblickt hatten: die Einreisekontrolle. Über Einreisen in die USA hört man fast immer nur Schlimmes. “Die Beamten schicken einen direkt so wieder nach Hause” oder auch “die zerpflĂŒcken dich komplett bei der Einreise”… Wie wir erfahren durften alles nur GeschwĂ€tz. Es gibt eine ganz einfach Anleitung um da durch zu kommen. Be serious. Nimm das ganze ernst. Sei höflich, antworte ohne große Floskeln. Dann klappt es auch mit der Einreise. Vor uns in der Schlange warteten mit uns zusammen 3 Italiener. Die drei giggelten und lachten, der Officer im Glaskasten scheuchte sie sogar einmal zurĂŒck ĂŒber die gelbe Wartelinie. 2 von ihnen kamen durch, der dritte wurde recht unfreundlich in die Passkontrolle 2 geschickt. Da wird man dann zerpflĂŒckt. Als wir an der Reihe waren und mit mulmigem GefĂŒhl nach vorne traten, zeigte sich auf dem Gesicht des Beamten keinerlei Regung. Mit einem höflichen “Hello Sir” reichten wir ihm unsere Dokumente, die HandabdrĂŒcke der rechten und linken Hand wurden genommen, fĂŒr den Iris Scan einmal nett in die Kamera schauen, Stempel bekommen und schon waren wir durch. Keine Fragen, keine GefĂŒhlsregungen, ein rein mechanischer Ablauf. In Erinnerung daran bleibt, dass auf mein “Thank you Sir and have a nice day” sein linker Mundwinkel kurz nach oben zuckte. Der Typ im Glaskasten ist also auch nur ein Mensch. Wer ihn höflich und freundlich behandelt, hat nichts zu befĂŒrchten.

Vom Flughafen aus ging es per Shuttlebus zum Hotel. Ersteindruck: Groß. Und Chrom. Amerikaner scheinen wie Elstern zu sein. Hauptsache es glitzert und blinkt. Das gilt sowohl fĂŒr Autos wie auch fĂŒr HĂ€user.

Auf dem Weg in das Hotel fĂŒhlt sich der Deutsche Tourist gleich wie zu Hause
FĂŒr das Wiesel wurde das Hotel extra geflaggt

Unser kleiner Reisebegleiter, sichtlich erschöpft vom Flug, fiel als erstes ins Bett, zog sich die Fernbedienung ran und zappte durch gefĂŒhlt 1000 KanĂ€le. Als wir von der ersten Erkundungstour wieder kamen, schlief er tief und fest. Wiesel schnarchen!

So viele Programme…

Am nĂ€chsten Morgen ging es, nach dem schlechtesten HotelfrĂŒhstĂŒck aller Zeiten, zum Bahnhof und von da aus in die New Yorker Vorstadt, unser Wohnmobil erwartete uns. Vor Ort bekamen wir ein Schulungsvideo auf Deutsch zu sehen, eine Einweisung in alle GerĂ€te an Bord, ein paar gut gemeinte Sicherheitshinweise fĂŒr den amerikanischen Straßenverkehr und mit einem “Enjoy your trip” wurden wir ins Verkehrsgewusel entlassen.

Wiesel beim Bahnfahren
Da hinten, das isses!

Wir hatten uns entschieden so schnell wie möglich Richtung SĂŒden zu kommen. Die Fahrt verlief ereignislos, immer die Intertstate 95 runter, an Philladelphia vorbei bis in einen kleinen Nationalpark kurz vor Washington. Amerikanische Straßen fahren sich ĂŒbrigens wie ein Roman. Es ist unglaublich wie viel Schilder man an Straßen aufstellen kann. Einen Großteil könnte normalerweise eingespart werden, die meisten regeln SelbstverstĂ€ndlichkeiten. Alle paar Meilen stehen z.B. Schilder auf denen das herauswerfen von MĂŒll aus dem Fenster verboten ist oder vor jeder BrĂŒcke steht ein “Bridge icy before Road”… Ach neee, echt? Ernst machen die Amerikaner mit Geschwindigkeitsbegrenzungen vor Schulen. Zu bestimmten Zeiten blinken vor den Schulen gelbe Lampen und dann wird die Strafe fĂŒrs zu schnell fahren verdoppelt. Blöd wer sich blitzen lĂ€sst. FĂŒr uns ungewohnt, aber leicht zu erlernen, sind die Vorfahrtsregeln. Wo wir Rechts vor Links haben hat der Amerikaner Stoppschilder. Kommt man nun an eine Kreuzung mit 4 Stoppschildern halten alle an und derjenige der zuerst angehalten hat darf auch als erstes fahren. Das klappte immer problemlos. Schön und fĂŒr unsere Straßen wĂŒnschenswert sind die Ampelanlagen. Die stehen bzw. hĂ€ngen auf der anderen Kreuzungsseite und sind immer sehr gut einzusehen. Kein Kopfverrenken mehr um das GrĂŒn nicht zu verpassen.

Wir verbrachten jedenfalls unsere erste Nacht im RV (recreational vehicle = Wohnmobil) um am nĂ€chsten Morgen ausgeruht nach Washington aufbrechen zu können. Wir sind dann, hinterher muss ich sagen leicht blauĂ€ugig, mit dem RV in die City von Washington in der Hoffnung einen Parkplatz *kicher* zu finden. War ne doofe Idee. 2 Stunden und viele Runden durch die City fanden wir endlich einen Park & Ride Parkplatz. Runterkommen, Adrenalin verdauen und rein in den leeren Bus. Was wir nicht wussten war, dass der Bus die ganzen Afro – Amerikanischen Vororte abfuhr.

Wiesel im Bus nach Washington

Der Bus fĂŒllte sich also nach und nach und wir blieben die einzigen hellhĂ€utigen im Bus. Nun ist keiner von uns Kontaktscheu oder Fremdenfeindlich, ein komisches GefĂŒhl war es aber trotzdem. Dann passierte es. Eine Frau schaute uns an und fragte: “Ihr seid aber nicht von hier, oder?” Von da an war alles anders. Wir werden diese Fahrt nie vergessen. Die Menschen im Bus waren total neugierig, höflich und uns gegenĂŒber aufgeschlossen. Wir mussten die ganze Fahrt ĂŒber von Deutschland erzĂ€hlen, von unseren PlĂ€nen hier, vom Wiesel und und und. FĂŒr die Mitreisenden war es völlig fremd, dass 4 junge Leute den Weg aus Europa auf sich nehmen nur um Washington, ihre Heimatstadt zu besichtigen und dann auch noch in diesem Bus sitzen. Interessanterweise war dieses GesprĂ€ch kein Einzelfall, auf der RĂŒckfahrt, wir mussten ja wieder den gleichen Bus nehmen, passierte exakt das gleiche. Auf der Hinfahrt hieß unsere GesprĂ€chspartnerin Evelyn, auf der RĂŒckfahrt war es Anthony. Kein Vergleich zum Erlebnis in Lissabon.

Auch die schönste Fahrt geht nun einmal zu Ende und nach einem kurzen Gastspiel in der U-Bahn standen wir mitten in Washington DC. Die Stadt selbst hat ungefĂ€hr 600.000 Einwohner, die komplette Metropolregion liegt bei ~ 8 Millionen. Interessanterweise gibt es keine Wolkenkratzer. Schuld daran ist ein Gesetz aus den AnfĂ€ngen des 20. Jahrhunderts, welches verbietet, dass HĂ€user höher als die angrenzende Straße + 6.1 Meter ist… Keine Ahnung wer sich das hat einfallen lassen. Die HĂ€user die höher sind standen alle schon vor Verabschiedung des Gesetzes und das höchste ist wohl mit seinen knapp 170 Metern das Washington Monument. Der Marmorne Obelisk ist eigentlich von ĂŒberall aus sichtbar und ist als Denkmal fĂŒr George Washington gedacht. Die Bauzeit betrug 36 Jahre und es wurde im Dezember 1884 fertig gestellt. Leider ist die Besucherplattform seit 2011 gesperrt. Das Wiesel wollte aber trotzdem rauf und ließ sich nicht aufhalten. GenĂŒtzt hat es nix, bei dem Wetter war die Sicht von ganz oben ziemlich bescheiden…

ErwĂ€hnte ich eigentlich schon, dass Wiesel manchmal ziemlich verrĂŒckte Ideen haben? Nicht nur dass es auf das Washington Monument raufgelaufen ist, nein, es hat auch noch einen Sprung auf das Weiße Hause gewagt. Naja, zumindest fast gewagt, wir haben es im letzten Moment einfangen können. Wahrscheinlich wĂ€re die Auseinandersetzung mit dem Secret Service hinterher recht interessant geworden.

up up and away
White… Weasel House

Gerade zurĂŒck auf dem Boden flitzte der kleine auch schon wieder los und fand mitten im Park einen kleinen SpielgefĂ€hrten. Ich glaube zwar, dass das kleine Eichhörnchen sich mehr ĂŒber NĂŒsse gefreut hĂ€tte, den beiden beim Spielen zuzusehen hat aber unheimlich Spaß gemacht.

Neugierde beiderseits
Totaly cute

Von hier aus ging es nun auf direktem Wege in das nĂ€chste Museum, Herr Kenny hatte da noch eine Mission zu erledigen…

to be continued

12 Gedanken zu „Neue Freunde“

  1. Was fĂŒr ein cooles Abenteuer, habe mich beim Lesen total amĂŒsiert! Die freundliche Neugierde der Leute im Bus ist ja wirklich klasse. HĂ€tte ich nicht gedacht, dass das so lĂ€uft. Was war denn an dem FrĂŒhstĂŒck im Hotel so schlimm? Und das das Wiesel immer auf Dinge RAUF will hĂ€tte ich Dir sagen mĂŒssen. Was etwas nervt: Sobald es oben ist, wirft es einen Blick in die Runde und will SOFORT wieder runter. Aber mit Höhenangst hat das ja nichts zu tun, neinnein, Wiesel haben kein ja keine Höhenangst, nie.

  2. @ ssuchi: Jap, das steht auch noch auf meiner to do Liste. Wir sind auf der Tour kurzfristig auf die Route 66 gekommen, war schon ein komisches GefĂŒhl 🙂
    @ Wunderbare Welt: Ja, es war wunderschön. Der schönste Teil der Reise kommt am ĂŒbernĂ€chsten Samstag, da kommen richtig tolle Fotos, viel Natur und viel Wiesel.

    Die Fotos sind ĂŒbrigens fast alle Made by Frau Kenny, ich hab da kein HĂ€ndchen fĂŒr.

    @ Silencer: Man kann Wiesel auch in luftigen Höhen halten, du brauchst dafĂŒr nur reichlich Oreos 😉
    Und das FrĂŒhstĂŒck bestand nur aus Schleim mit Zimt und Zucker, fettigen Donuts, Cupcakes und vielen Variationen von sĂŒĂŸen Kalorien. Das waren wir zum Beginn der Reise nicht gewohnt, am Ende wĂ€re das kein Problem mehr gewesen.

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