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Reisetagebuch Rom 2013 (4): Unter dem Vatikan

09 Nov

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Herr Silencer war im Oktober 2013 in Rom und dem Vatikanstaat unterwegs. Und darunter, ein Anblick, den die wenigsten Menschen zu sehen bekommen.

September 2011, TRIER
„Weissu, und dann sachst Du der Wache, du willst zum deutschen Friedhof!“, sagt mein angetrunkenes Gegenüber und sieht für einem Moment so aus, als ob er von seinem Barhocker rutscht. Würde mich jetzt auch nicht wundern, so schnell wie sich der Raum gerade dreht. Ist sowas überhaupt erlaubt? Das kann doch nicht gesund sein, es sollte ein Tempolimit für Kneipen geben. Aus Protest bestelle ich noch ein Löwenbier.

Vom Deutschen Friedhof habe ich schonmal gehört, das ist ein kleiner Friedhof auf dem Gelände des Vatikan, ein paar hundert Meter hinter dem schwer bewachten heiligen Tor. Egal wie gut alles abgeschirmt ist, die Schweizer Garde ist gehalten Deutsche hindurchzulassen, die behaupten dort den Ahnen gedenken zu wollen. Ist eine alte Bulle oder sowas.

„Uuuund dann“, sagt er und lässt den Zeigefinger durch die stickige Luft der Studentenkneipe rotieren, „uuuund dann gehst Du auf den Deutschen Friedhof abba dann!!!“, er guckt durchdringend an meinem rechten Ohr vorbei und verharrt in der Pose. Ich sehe kurz hinter mich, dann fuchtele dann mit der Hand vor seinem Gesicht rum und mache fragende Zeichen. Das bringt wieder Bewegung in das Stillleben vor mir, und mit dramatisch gesenkter Stimme flüstert er „Dann…Mussu ganz schnell losrennen und wennu durch das Eisentor kommst gleich rechts in die Tür rein“.

Er guckt mich stolz an und nimmt noch einen Schluck von seinem Lokalgebräu.
„Und dann?“, frage ich.

„Wie, und dann?“ fragt mein Gegenüber und schwankt bedrohlich auf seinem Barhocker hin und her.

„Achsso, ja, dann bist Du innem Büro. Dann hassu es praktisch geschafft. Dann mussu dich nur noch auf den Boden werfen und behaupten, Du hättest Deinen Glauben verloren und könntest Gott nur wiederfinden, wenn sie dich da rein lassen. Immer wieder sagen dassu da rein musst. Ganz laut.“
„Und das funktioniert?!“, will ich wissen. „Ja, irgendwann holen die einen Übersetzer.“ Und DANN?“
„Wenn der kommt und alles übersetzt hat und du immer wieder unter Tränen sagst dassu da rein musst, dann lassen die dich da auch rein.“
„Wo rein jetzt genau?“, interessiert mich dann doch.

„In“, erwidert mein Gegenüber und piekt mir mit dem Finger in den Arm, was ihn fast aus dem Gleichgewicht bringt, „In die GEHEIME STADT UNTER DEM VATIKAN!!“.

Montag, 21. Oktober 2013, ROM
Diese Erzählung aus der Kneipe in Trier hat mich nicht losgelassen. Nun bin ich nicht so der melodramatische Hit-and-Run-Mensch, weshalb ich ein wenig Recherche betrieb. Die ergab:
1. Unter dem Vatikan gibt es wirklich eine Nekropole, und die ist nicht geheim.
2. Dort soll das Grab des Apostels Petrus liegen.
3. Nur wenigen Menschen (im Vergleich zu den Millionen, die pro Jahr den Vatikan besuchen) ist der Zutritt erlaubt.
4. Man kann beantragen dort herum geführt zu werden.

Also setzte ich mich im Februar diesen Jahres hin und schrieb eine freundliche Mail an das Ufficio Scavi, das Ausgrabungsbüro des Vatikans. Das ist keine Geheimorganisation, im Gegenteil. Sie haben sogar eine Website und organisieren die Führungen in die Nekropole. Über eine Website die aussieht, als wäre sie durch ein Zeitloch aus den 90ern hierher gefallen, animierte GIFs inklusive.

Website des Ufficio Scavi, auch in Deutsch erhältlich.

Im Sommer kam dann, und zwar exakt an dem Tag, an dem ich eigentlich mit dem Motorrad los auf DIE LANGE REISE hätte starten wollen, kam die Bestätigung, dass man mein Gesuch geprüft hätte und bereit wäre, mir am 21. Oktober um 09.15 Uhr für eineinhalb Stunden Zugang zur vatikanischen Unterwelt und zum Petrusgrab zu gewähren. Ich müsste das nur innerhalb der nächsten sieben Tage bestätigen. Und wie ich das bestätigte! Glückes Geschick – hätte ich wie geplant zu meiner Sommertour aufbrechen können, wäre die Einladung verfallen. Aber so konnte ich um diesen Termin herum die Herbstreise nach Rom planen, ein Appartment buchen und mir ein Rahmenprogramm ausdenken. Die Einladung unter den Vatikan ist der Mittelpunkt meiner Romreise.

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Es ist noch früh an diesem Morgen und der Petersplatz noch fast leer, als ich auf das heilige Tor zusteuere, dass sich hinter der linken Kolonnadenreihe und am Ende der Strasse Via Paolo IV befindet.

1. Sicherheitskontrolle durch die Schweizer Garde, 2. Lage des Ausgrabungsbüros.

1. Sicherheitskontrolle durch die Schweizer Garde, 2. Lage des Ausgrabungsbüros.

Die Schweizer Gardisten erklären mir freundlich, dass ich erst zehn Minuten vor dem Besuchstermin auf das Gelände darf, um meine ausgedruckte Reservierungsbestätigung im Ufficio Scavi gegen ein Ticket einzutauschen.

Zeit genug um erst einmal den Sicherheitscheck ein einem Container neben dem Tor zu durchlaufen. Der geht schnell, denn mitnehmen darf man ohnhin nichts. Das Ufficio Scavi weist eindrücklich darauf hin, dass Rucksäcke und sperrige Taschen oder Kameras nicht erlaubt sind. Wer trotzdem damit auftaucht, darf nicht an der Führung teilnehmen und wieder nach Hause gehen.

Dann heisst es warten. Dabei lerne ich andere kennen, die auch den 09.15 Termin haben. Amerikaner, natürlich. Ein älteres Ehepaar aus Austin. Beide sehen genau so aus, wie man sich Salt & Earth von Texas vorstellt. Er braungebrannt, mit Cap, Sonnenbrille und schmalen Lippen. Ein harter Hund, den man sich direkt so auf einem Trecker auf einer Farm vorstellen kann. Sie sieht aus wie eine Barbara, Hausfrau und stolze Oma, die bestimmt den ganzen Tag Apfelkuchen backt. Dazu kommt noch eine Janet aus Michigan, hypernervös und aufgekratzt, aber sehr gebildet und so neugierig, dass sie mir sofort auf den Wecker fällt.

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Zusammen mit noch einigen anderen betreten wir um kurz nach neun das Gelände des Vatikan, kommen zu einem Eisentor und von dort zum Büro, wo hinter einem polierten Holztresen ein gelangweilter Pförtner sitzt. Dort gibt es auch Bücher und Postkarten über die Nekropole. Wenn man die haben will, sollte man sie JETZT kaufen, denn man kommt nicht mehr zurück in dieses Ufficio.

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Das weiß ich natürlich nicht, als Danielle uns abholt. Danielle ist Altertumsforscherin und spezialisiert auf Iconografie, d.h. sie versucht, wie dieser Prof in den Büchern von Dan Brown, Symbole zu deuten. Sie führt uns in einen Ausstellungsraum und zeigt uns anhand Modellen, wie das Gelände ausgesehen hat, bevor der Petersdom dort stand. Ich erkenne die alte Peterskirche und muss schmunzeln – exakt so wurde das Gelände in „Assassins Creed Brotherhood“ rekonstruiert, sogar der Pinienzapfen ist da wo er im Spiel war. Bilder darf man hier leider nirgendwo machen, weshalb es von den folgenden eineinhalb Stunden keine Fotos gibt.

Danielle führt unsere Gruppe einen verputzen Gang hinab und durch mehrere codegesicherte, luftdichte Schiebetüren aus Panzerglas, in die das Zeichen des Vatikans eingeätzt ist und die fauchend auseinanderfahren, wenn unsere Führerin einen Code eingibt und mit einer Karte davor herumwedelt. Tief hinab geht es, unter den Petersdom. Der steht genau dort, wo früher eine Strasse aus Rom hinausführte. Da Bestattungen in römischen Städten untersagt waren, standen an den Zufahrtsstrassen die Nekropolen der Verstorbenen. Ganz früher war der Vatikan ein Hügel, und um die großen Kirchen zu bauen, wurde die Strasse mitsamt Nekropole aufgefüllt.

Braun war der ursprüngliche Hügel mit der Strasse und der Nekropole. Dann wurde so viel aufgeschüttet, das am Ende alles ebenerdig war. Auf der grünen Ebene steht heute der Petersdom. Bild: CC, Pietro Zander; Fabbrica di San Pietro (Hrsg.): The Necropolis under St. Peter's Basilica in the Vatican.2010, ISBN 978-88-7369-081-8.

Braun war der ursprüngliche Hügel mit der Strasse und der Nekropole. Dann wurde so viel aufgeschüttet, das am Ende alles ebenerdig war. Auf der grünen Ebene steht heute der Petersdom. Bild: CC, Pietro Zander; Fabbrica di San Pietro (Hrsg.): The Necropolis under St. Peter’s Basilica in the Vatican.2010, ISBN 978-88-7369-081-8.

Hört sich alles sehr spannend an, was dann aber kommt, ist es leider nicht. Wir stehen in den, sehr gut erhaltenen, Überresten einige Mausoleen. Um uns herum sind Backsteinmauern, Mauergräber und Öffnungen in Beisetzungsräume, in denen zum Teil noch Graböffnungen und Malereien erkennbar sind. Über uns Beleuchtungsleisten mit LED-Spots, unter unseren Füßen betonhart verdichtetet Erde. Das ganze Areal ist erstaunlich klein, die Gänge sind oft nur wenige Meter lang, bevor es wieder eine Treppe hochgeht oder um eine Abzweigung herum. Dennoch ist es faszinierend, viele Meter unter der Erde an einer jahrtausendealten Straßenfeont entlangzulaufen.

Leider ist Danielle keine gute Führerin und erzählt uns relativ unzusammenhängend entweder Details, die schon Fachwissen benötigen, oder Allgemeinsätze, die man sich auch sparen könnte. Interessant wäre z.B., warum es hier, ein Dutzend Meter unter der Erdoberfläche, viel wärmer ist als oben, und fürchterlich feucht und stickig noch dazu. „Das liegt an dem komischen Klima hier unten“, antwortet Danielle. Aha. Dafür lamentiert sie lang und breit über eine Marmorwand, von der Sie allerdings vergessen hat zu erwähnen, warum die jetzt wichtig ist und wo sie sich befindet, denn sehen können wir die nicht.

Schade, dass Danielle die Geschichte nicht gut rüberbringt. Dabei ist sie durchaus spannend. Der Sage nach ist die alte Peterskirche, und später dann der Petersdom, an der Stelle errichtet worden, wo Petrus bestattet wurde. Im Laufe der Zeit gab es aber ernsthafte Zweifel von vorlauten Wissenschaftlern, die es schon in Frage stellten, ob Petrus es überhaupt bis nach Rom geschafft hätte. Um dem zu begegnen, buddelten handverlesende Geistliche mit leichtem archäologischen Einschlag ab 1940 unter dem Petersdom herum. 1948 stellte sich dann Papst Pius der Zwölfte hin und erklärte die Zweifelei für beendet, da man ganz klar das Grab des Apostelfürsten gefunden habe. Unter dem Petersdom hatte man eine rote Mauer gefunden, darin eine Nische mit einem Giebel gefunden, eine sogenannte Ädikula. An einer Wand fand sich ein Grafitto eingeritzt, das „Petrus“ heissen könnte. Und in der Ädikula habe man Knochen gefunden. Dass es mehr waren als in einem normalen, menschlichen Skelett vorkamen, erklärte der Vatikan damit, dass Petrus halt ein „robuster, alter Mann“ gewesen sei. Als echte Archäologen darauf hinwiesen, dass Knochen in einer Nekropole nicht sooooo ungewöhnlich seien, reagierte der Vatikan verschnupft und meinte, man müsse schon ein wenig Vertrauen haben und einfach man GLAUBEN, und nicht immer alles wissenschaftlich klären wollen.

Die Lage der roten Mauer und der Ädikula unter dem Vatikan, überlagert von einer Zeichnung des Circus, der sich hier auch mal befand.

Die Lage der roten Mauer und der Ädikula unter dem Vatikan, überlagert von einer Zeichnung des Circus, der sich hier auch mal befand. Quelle: PM Perspektive, 2010.

Die Zweifel wurden aber immer lauter und die Fachwelt war sich einig, das es sich hier bestenfalls um einen Ort handelte, an dem Petrus schon früh verehrt wurde. Für ein Grab gab es aber keinen wirklichen Beweis.Irgendwann glaubte nicht mal mehr das eigene Grabungsteam des Vatikan daran, dass sie wirklich die Knochen Petri gefunden hatten, zumal sich zwischenzeitlich rausgestellt hatte, dass ein Teil der überflüssigen Knochen des „robusten alten Mannes“ einer Frau gehört hatten.

Auftritt Margherita Guarducci, Professorin für Altertumskunde. Sie stellte sich 1965 mit Segen des Vatikans vor die staunende Weltpresse und tat kund, dass man 1940 in der Tat NICHT die Knochen Petri gefunden hatte. Aber jetzt, JETZT habe SIE die echten Knochen gefunden. Bei Nachgrabungen hatte sie in der Nische ein kleines Loch mit einem Marmorfach gefunden. Darin seien Knochen gewesen, aber bei der ersten Grabung hätten die Arbeiter sie umgebettet. Seitdem lagen sie in einem Kasten in einem Lagerraum. Nun hätte Guarducci die Knochen wiederentdeckt und untersucht, und sei zu folgenden Ergebnissen gekommen: Es seien die Knochen eines Mannes aus dem 1. oder 2. Jahrhundert, sie hätten in der Marmornische gelegen und eines der Grafitti könnte „PETR ENI“, also „Petrus ist hierin“ heissen. Und es sei roter Stoff daran gefunden worden. Roter Stoff? Daraus schloss die Professorin messerscharf, dass niemand anders als Kaiser Konstantin die Gebeine umgebettet haben konnte. Zwar trug zu der Zeit nahezu jeder römische Bürger roten Stoff, aber hey, die Professorin GLAUBTE halt. Der neue Papst, Paul der sechste, nahm ihre Aussagen gerne an und verkündete, dass „Die Reliquien des heiligen Petrus in einer Weise identifiziert worden seien, die wir als überzeugend annehmen können.“

Der Vatikan hat stets seine eigenen Leute losgeschickt mit der klaren Vorgabe, was es zu finden galt. Das keiner der Funde einer wissenschaftlichen Untersuchung standhält, muss man halt durch Glauben ausgleichen.

Die einzelnen Gebäude der Metropole und ihre Lage unter dem Petersdom. Pietro Zander; Fabbrica di San Pietro (Hrsg.): The Necropolis under St. Peter's Basilica in the Vatican.2010, ISBN 978-88-7369-081-8.

Die einzelnen Gebäude der Metropole und ihre Lage unter dem Petersdom. Pietro Zander; Fabbrica di San Pietro (Hrsg.): The Necropolis under St. Peter’s Basilica in the Vatican.2010, ISBN 978-88-7369-081-8.

Von alledem erzählt uns Danielle natürlich nichts, als wir nach 90 Minuten vor dem stehen, was die katholische Kirche befohlen hat, was das Grab des ersten Jüngers Christus sein soll. Ein kleines Loch in einer Wand, in dem man 159 Knochen gefunden hat. Davon soll die Hälfte Petrus gehören. Da sei man zu 90 Prozent sicher, sagt Danielle. Eigentlich sei jeder Katholik zu 100 Prozent sicher, aber man sage halt 90 Prozent, wegen Rücksicht auf die Zweifler. Und Agnostiker sollten sowieso nach Hause gehen.

Das tun wir dann auch ganz schnell, denn hier endet die Führung. Das „Petrusgrab“ liegt hinter einer unterirdischen Kapelle, in die der Papst an Petrus Geburtstag betet und früher Verstoßene um Wiederaufnahme in die katholische Kirche betteln durften. Alles ist reich verziert und bunt bemalt, der Reichtum trieft aus jeder Pore der dekorierten Wände.

Der Gang zur Kapelle öffnet sich und führt durch eine Absperrung und unsere Gruppe läuft in den Gewölben mit den Papstgräbern auseinander. Die sind wieder öffentlich zugänglich, und dementsprechend viele Menschen schieben sich hier durch. Ich lasse mich von der Menge nach oben spülen und komme aus einem Seitengang an der rechten Seite der Basilika heraus.

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Hier ist auch die Warteschlange, die sich an einer Stelle in die Besucher, die zur Kuppel wollen und die, die in die Basilika wollen, aufteilt. Da ich schon hinter den Sicherheitsschleusen bin, lasse ich mich in die Basilika hineintreiben und genieße noch einmal die Großartigkeit dieses Bauwerks. Diesmal bin ich auf seine Größe und seinen Prunk vorbereitet, so dass es mir nicht, wie beim ersten Besuch, die Sinne überlädt.

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Sagen Sie es mit mir gemeinsam: BER-NI-NI.

Sagen Sie es mit mir gemeinsam: BER-NI-NI.

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Sagen Sie es mit mir gemeinsam: BER-NI-NI.

Sagen Sie es mit mir gemeinsam: BER-NI-NI.

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Nach dem Vatikan geht es einmal umme Ecke, denn da liegen die vatikanischen Museen. Die beherbergen alles, was die Kirche so in den letzten Jahrtausenden rund um die Welt zusammengeklaut oder geschenkt bekommen hat.

Haha, ein Joke vor den Mauern des Vatikan.

Haha, ein Joke vor den Mauern des Vatikan.

Die Warteschlange ist an diesem Montag Mittag nur ca. einen Kilometer lang, daran merkt man die Nebensaison. Im Sommer sind es auch schonmal zwei und mehr Kilometer, obwohl pro Minute 40 Menschen in das Museum eingelassen werden.

Als wäre es nicht schlimm genug, stundenlang in der Sonne inmitten hunderter schwitzender und maulender Leute anzustehen, sind alle paar Meter noch Strassenmusiker in der Schlange stationiert und fideln, tröten und akkordeonen aufs Schrägste vor sich hin. ich wundere mich, dass denen noch keiner aufs Maul gehauen hat.

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Stundenlanges Schlangestehen in der prallen Sonne, inmitten anderer Leute und genervt von Musikanten, das wäre für mich die persönliche Hölle. Aber glücklicherweise genieße ich auch hier Privilegien. Ich spaziere an der Schlange vorbei und gehe direkt zum Haupteingang. Dort sind noch zwei weitere Einlässe: In der Mitte für Besucher mit Onlinereservierung, rechts für reservierte Gruppen. Mein Beleg der Onlinereservierung wird von einem freundlichen Mitarbeiter mit einem Handscanner gepüft, dann darf ich ohne weitere Wartezeit eintreten. Die Schlangesteher werfen mir neidische Blicke zu.

In der Lobby des Museum ignoriere ich die verstopften Ticketschalter und gehe direkt nach links zur „Cassa Online“. Dort schreckt ein gelangweilter Angstellter aus seinem Dämmerschlaf hoch und tauscht meinen Ausdruck gegen ein Ticket, und schwuppdiwupp bin ich drin.

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Die nächsten vier Stunden, und so lange sollte man sich Zeit nehmen, schiebe ich mich durch die diversen Museen des Vatikans. Insgesamt sind es 13 einzelne Museen, die alle im Apostolischen Palast untergebracht sind. Das 500 Jahre alte Gebäude ist eines der größten Bauwerke der Welt: Soweit bekannt, gibt es hier 1.400 Räume mit einer Grundfläche von 55.000 Quadratmetern. Die Vatikanischen Museen gehen zurück auf eine Sammlung von Papst Julius dem zweiten, der sie 1508 anlegte.

Die Besucherroute, die man nicht verlassen, sondern nur abkürzen kann, führt ausgeklügelt durch die verschiedensten Räume. Nur: Sehen kann man kaum wirklich was. Dazu sind, zumindest in der Mittags- und Nachmittagszeit, zu viele Menschen unterwegs. Man steht dicht an dicht und schiebt sich im Gänsemarsch vorwärts.

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Stehenbleiben und mal eine Plakette lesen ist kaum möglich, und auch den Audioguide kann man sich sparen. Der ist erstens schlecht (wie bei Danielle: entweder zu detailliert oder zu allgemein, aber nie spannend), und außerdem hat man eh nie Gelegenheit das genau zu studieren, was der Guide erklärt, weil man schon woanders hin geschoben wurde. Nee, nicht schön, und angesichts der irren Exponate wirklich schade.

Ein ganzer Raum nur gefüllt mir  Tierstatuen.

Ein ganzer Raum nur gefüllt mir Tierstatuen.

Was man nicht klauen konnte, baute man nach: Kuppel des Pantheon in einem Nebentrakt des apostolischen Palasts.

Was man nicht klauen konnte, baute man nach: Kuppel des Pantheon in einem Nebentrakt des apostolischen Palasts.

Das berühmte WTF?!?-Bodenmosaik.

Das berühmte WTF?!?-Bodenmosaik.

Nein, keine Frau mit einem Dutzend Brüsten. Das sollen wohl Trauben sein.

Nein, keine Frau mit einem Dutzend Brüsten. Das sollen wohl Trauben sein. Wir Frau Zimt richtig anmerkt ist das Artemis, und das sollen Stierhoden sein. Wegen der Fruchtbarkeit. Oder doch Brüste. De Fachwelt ist sich da nicht einig. Für letzteres spricht, dass es die Statue auch als Brunnen gibt, und aus der Spitze jedes dieser… Dinger sprudelt eine Fontäne. Hey, ICH habe mir das NICHT ausgedacht!

Blick aus dem Apostolischen Palast über Rom.

Blick aus dem Apostolischen Palast über Rom.

Der heilige Tortenheber.

Der heilige Tortenheber.

Ein Highlight des Rundgangs sind Raffaels Stanzen. „Stanzen“ kommt von Stanza, dem italienischen Wort für Zimmer. Raffael hat im Auftrag eines Papstes Zimmer bemalt, und das so klasse, dass die Bilder auch nach 500 Jahren noch wirken. Lediglich Muskulatur kann Raffael nicht wirklich gut. Wie sein Zeitgenosse Leonardo da Vinci schon spöttisch anmerkte, sieht die Anatomie mancher Personen auf seinen Gemälden aus wie „Ein Sack voller Walnüsse“.

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Trotzdem habe ich mehrere Aha-Erlebnisse. Das eine ist die Sixtinische Kapelle, die wirklich umwerfend schön ist. Kaum zu glauben, dass die jemand ausgestaltet hat, der zuvor kaum gemalt hatte und das auch nicht wollte. Trotz allem Gejammers hat Michelangelo letztlich die Decke der Kapelle allein bemalt, stehend, jahrelang. Darauf hatte er überhaupt keine Lust, er wollte lieber Bildhauern. Malen lag ihm nicht, und weil er zunächst die verkehrten Farben und Techniken verwendete, waren seine ersten Bilder nach dem ersten Winter zur Unkenntlichkeit verblasst. Das war nicht so schlimm, denn mit den Maßstäben hatte er sich ohnehin so verhauen, dass die Figuren vom Boden aus total mißgestaltet aussahen. Also begann er 1509 von vorn, unter lautem Jammern und Fluchen. In einem Brief beschrieb er die harte Arbeit sehr bildich:

„Zum Himmel zeigt mein Bart, am Buckel kracht der Schädel mir
Wie vom Harpyienschrei krampft sich die Brust
Der Farben Sudelei tropft aus dem Pinsel auf die Wange sacht
Wenn vorn am Leib die Haut herunterhängt
spannt sie im Rücken Schmerzhaft sich und heiß
Wie Syrer ihre krummen Bogen binden“

Letztlich schuf er aber dennoch ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Als ich in der Kapelle stehe und mit dem kleinen Monokular, das ich immer mit mir rumtrage, in ähnlicher Haltung wie Michelangelo die Deckengemälde ansehe, bleibt mir manchmal schier der Atem stehen, so schön und farbenfroh sind die berühmten Fresken in Natura.

Die Aufteilung der Bilder unter der Decke:

Layout der Sixtinischen Kapelle. Bild von TTAYLOR, CC-By-SA

Layout der Sixtinischen Kapelle. Bild von TTAYLOR, CC-By-SA

Die anderen Erlebnisse waren unter anderem in der Sektion mit den historischen Landkarten, wo ich erfolgreich Städte raten konnte, und in den Innenhöfen der Museen, wo ich den Pinienzapfen aus St. Peter entdeckte und einen goldenen Apfel!

Diese Stadt zu erraten ist einfach. Aber im Kartengang sind auf hundert Metern Wände und Decken mit Karten aller Regionen und wichtigen Städte Italiens gemalt.

Diese Stadt zu erraten ist einfach. Aber im Kartengang sind auf hundert Metern Wände und Decken mit Karten aller Regionen und wichtigen Städte Italiens gemalt.

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Ja, auch HUHU! (Keine Ahnung was Oma Barbie wollte.)

Ja, auch HUHU! (Keine Ahnung was Oma Barbie wollte.)

Parkplatz im Vatikan. Rechts die Feuerwehr des Staates.

Parkplatz im Vatikan. Rechts die Feuerwehr des Staates.

Nach so viel Kultur, einem Besuch des vatikanischen Postamts und dem Beschreiten des berühmten Treppenhauses fahre ich das erste Mal U-Bahn. Es gibt nur zwei U-Bahn-Linien in Rom. Eine dritte ist seit Jahrzehnten im Bau, kommt aber nicht voran, weil alle naselang Archeologen im Baugrund tote Römer finden. Römer in Rom. Welch Überraschung.

Modell des Vatikan.

Modell des Vatikan.

Ich fahre bis zum Bahnhof Termini und schaue dabei auf die Uhr, wie lange die Bahn braucht. Das ist wichtig für morgen. Dann steige ich um in die Gegenrichtung und fahre zurück Richtung Vatikan. Die U-Bahn bringt mich fast bis nach Hause, und auf dem Weg zum Appartment gehe ich noch ein wenig einkaufen. Nicht shoppen, sondern einkaufen. Ich liebe es durch Supermärkte, oder überhaupt Geschäfte, im Ausland zu streifen. Zu sehen, was es an nationalen oder lokalen Besonderheiten gibt. Einfach zwischen den Regalen rumlaufen und schauen, wie sich das Sortiment unterscheidet.

Da der die wichtigen Märkte unter ein paar großen, multinationalen Konzernen aufgeteilt ist, gleichen sich die Produktpaletten leider immer weiter an – in einem italienischen Supermarkt sieht das Körperpflegeregal genauso aus wie in einem deutschen. Die Marken sind identisch: Nivea, Axe… sogar Badedass gibt es. Letzere ist inzwischen auch eine internationale Marke, vermutlich mit Ausnahme von England.

Diesmal nicht besonders aussagekräftig, wegen der vielen Reflexionen im Museum, mangelndem GPS-Empfang unter der Erde und U-Bahnfahrten.

Diesmal nicht besonders aussagekräftig, wegen der vielen Reflexionen im Museum, mangelndem GPS-Empfang unter der Erde und U-Bahnfahrten.

Ich kaufe Gewürz, Pan di stelle – La Meringua (Ein weicher Sternchenkeks-Kuchenriegel, vergleichbar mit YES, aber mit Sternchen!) und ein paar Äpfel, dann kehre ich zurück ins Appartment, in dem mich das Wiesel erwartet. Es hatte keine Lust auf Kultur und hat den Tag mit der Jagd auf Staubmäuse verbracht. Das soll es für heute gewesen sein. Ich muss das kaputte Knie schonen, dass mittlerweile schon beim Treppensteigen protestiert, und außerdem früh ins Bett. Denn auch wenn heute der Kern der Romreise war, morgen steht das große Abenteuer an.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 9. November 2013 in Reisen, Wiesel

 

6 Antworten zu “Reisetagebuch Rom 2013 (4): Unter dem Vatikan

  1. zimtapfel

    9. November 2013 at 07:36

    „Das sollen wohl Trauben sein.“

    Stierhoden. Meines Wissens.

    Gefällt mir

     
  2. Silencer

    9. November 2013 at 11:58

    Von der Form her könnte das vermutlich hinkommen. Weisst Du da näheres? Wer das ist und warum sie mit Stiertestikeln behängt ist?

    Gefällt mir

     
  3. Silencer

    9. November 2013 at 12:15

    Ah, schon gefunden. Artemis also. Entweder Stierhoden oder doch Brüste, man weiß es nicht genau.

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  4. noch ein Markus

    9. November 2013 at 15:03

    spannend!

    was ist das denn für eine goldene Kugel die du da fotografiert hast?

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  5. Katja

    10. November 2013 at 19:10

    Ernsthaft, ich habe noch nie irgendwo mal einen spannenden Audioguide erwischt und mittlerweile verzichte ich an den meisten Stellen ganz darauf. Wieso zur Hölle knallen die einen lieber mit dutzenden von Namen und Daten voll, die man sich ohnehin nicht länger als 20 Sekunden merken kann, anstatt die spannenden und interessanten Geschichten zu erzählen, die es todsicher überall gäbe, wenn man nicht so datenfixiert wäre?
    Und wieder: mit großer Begeisterung gelesen und an den passenden Stellen laut ‚Ber-ni-ni‘ gejubelt!
    Danke für’s Erzählen! 🙂

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  6. Silencer

    11. November 2013 at 18:32

    Markus: Das ist eine modernes Kunstwerk, dass in einem der Innenhöfe rumsteht. „Sphere Within Sphere“ von Arnaldo Pomodoro. Ich finde es sehr interessant.
    Katja: Danke und: Dochdoch, es gibt auch gute Audioguides, die besser sind als so manche Fremdenführer.

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