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Puppenjournalismus

25 Nov

Berlin: Fernsehgeräte der Marke „LG“ mit einem Internet-Anschluss haben Informationen über die Sehgewohnheiten der Nutzer an einen Server des Herstellers gesendet. Das hat der südkoreanische Elektronikkonzern eingeräumt. Die Daten können dazu verwendet werden, personalisierte Werbung auf dem Smart-TV zu ermöglichen. Das Unternehmen betonte, es habe sich nicht um personenbezogene Daten, sondern um Informationen zum Sehverhalten gehandelt. „LG“ will nun möglichst schnell eine aktualisierte Software-Version zur Verfügung stellen, die das Problem behebt.

(NDR Info, Nachrichten vom 22.11.13, 8.45 Uhr)

Oh wie ich es HASSE wenn die Nachrichten einfach die Pressemitteilungen nachplappern! Was der Kollege Redakteur in dieser nur mild umformulierten Pressemitteilung tut ist nichts anderes, als sie wie eine Sprechpuppe zu verhalten. Jemand anders sagt vor, er wiederholt es, mit nur homöopathischen Abweichungen.

Zu den Fakten: Was ist passiert? LG produziert „Smart TVs“, die einen Internetanschluss haben. Die Geräte empfangen darüber nicht nur Informationen wie Programmführer oder ähnliches, sie senden auch – und zwar was gerade geschaut wurde, wie lange, wann umgeschaltet wurde und wohin. Werden zugespielte Medien wiedergegeben, werden deren Namen und Format nach LG gemeldet. Der Nutzer, der das Verhalten des TVs entdeckte, testete mit einer Datei mit dem Namen „Midgetporn“, weil ihm gleich noch eine zusätzliche Dimension klar wurde: Natürlich wird auch nach außen weitergemeldet, wenn Nutzer sich Pornos oder sonstwas angucken.

Was will LG mit solchen Daten? Sie werten sie aus. Um auf der Bedienoberfläche des Fernsehers Werbung anzuzeigen. Im Ernst! Man gibt viel Geld für einen Fernseher aus, und der Hersteller schnüffelt einen damit aus, um mit WERBUNG ein zweites Mal an den Nutzern zu verdienen! Guckt jemand dauernd National Geographic, werden ihm Reisen angeboten. Sieht jemand regelmäßig Top Gear, dann Werbung für Autos. So ungefähr muss es laufen.

Im obigen Fall ist nun besonders ärgerlich, dass mit einem so sensiblen Thema so lax umgegangen wird. Mit nur zwei Minuten Recherche und der Investition von einmal kurz nachdenken kann man nämlich

1. zu dem Schluss kommen, dass der Satz von den „Wir übertragen keine personenbezogenenen Daten“ einen feuchten Pups wert ist. Alle modernen Geräte erfordern ein Nutzerkonto mit persönlicher Registrierung und ermöglichen mithin aus den übertragenen Daten eben doch Verknüpfungen zum einzelnen Zuschauer oder zumindest Haushalt ermöglichen.

2. Der Satz „aktualisierte Softwarefassung, die das Problem behebt“ vollkommener Schwachsinn ist, weil er impliziert, dass der Fernseher durch einen unbeabsichtigten Fehler oder ein Versehen in ein Schnüffelinstrument verwandelt wurde. Stattdessen war das pure Absicht, und jetzt, wo LG mit der Hand in der Keksdose erwischt wurde, werfen die Nebelkerzen.

Was lernen wir daraus?
1. Im journalistischen Tagesgeschäft haben unsere Gatekeeper weder Zeit noch Muße aus Fakten oder Pressemitteilungen eine Nachricht zu machen, in der die Inhalte stimmen und evtl. für zwei Cent auf Implikationen hingewiesen wird. (OK, DAS ist nicht neu.) und

2. Stelle Dir kein Gerät ins Wohnzimmer, was nach Außen kommunizieren kann. Letzteres wird sich im Laufe der Zeit kaum vermeiden lassen, aber man muss ja nicht jede neue Technik sofort umarmen. Natürlich kommuniziert selbst eine netzverbundene, 8 Jahre alte Spielkonsole schon mit dem Hersteller des gerade im Laufwerk liegenden Spiels. Allerdings werden dabei nur Telemetriedaten übertragen, was für mich OK ist.

Das heisst aber noch lange nicht, dass ich mir einen skyepfähigen Fernseher mit Mikro und Kamera ins Wohnzimmer stelle. Oder eine XBOX ONE, deren Sensoren Gesichtsregungen erkennen können sollen und deren Kamera angeblich durch Kleidung hindurch die Genitalien ablichten kann. Wer weiß, wohin diese Daten übertragen werden…

 
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Verfasst von - 25. November 2013 in Medienschau

 

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