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Motorradreise 2013 (2): Brettljause, Schilcher & Buschenschank

21 Dez

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Am zweiten Tag der LANGEN Reise flüchten die beiden aus dem abgesoffenen Passau nach Österreich, treffen dort ebenso interessante wie liebe Leute und lernen skurrile Begriffe.

Montag, 03. Juni 2013, Passau

Um 07.30 Uhr klingelt der Wecker, aber da bin ich schon lange wach. Dieses Phänomen kenne ich schon vom vergangenen Jahr. Durch die vielen Eindrücke, die es tagsüber gesammelt hat, ist das Hirn so voll, dass es nachts wie wild träumen muss, um alles Erlebte sortieren und wegspeichern zu können. Wenn es damit durch ist, powered es sofort wieder alle Systeme hoch. Das ist irgendeine Art von archaischem Notmmodus, in dem es insbesondere in den ersten Tagen einer Motorradreise verfällt. Das hat mir den unruhigen Schlaf und ein frühes Erwachen beschert. Ab 08.00 gibt es Frühstück in der Gaststube des Hofs, und als die Kirchturmuhr schlägt bin ich bereits geduscht, alle Sachen sind wieder gepackt, und die Kawasaki steht in Startposition.

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Es regnet gerade nur noch so Mittel, aber in Passau ist Land unter. Alle öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen, auch Kindergärten, Schulen und die Uni. Strom, Telefon und Wasserversorgung sind in weiten Teilen der Region ausgefallen. Nur irgendein realitätsferner Schulleiter lässt Abiturprüfungen schreiben. Eine Frechheit.

Ich bin der einzige Gast der an diesem Morgen in der Gaststube frühstückt. Herr König, der Wirt, legt mir die Passauer Zeitung hin, auf deren Titelseite Bilder des Untergangs zu sehen sind. Allerdings ist das Wasser jetzt noch wesentlich höher als auf diesen Aufnahmen.

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„Wenn Sie jetzt von hier nach, sagen wir mal, Passau Innenstadt wollten, was normal so 4 Kilometer weg ist“, sagt Herr König in tiefstem Niederbayrisch, das schriftlich wiederzugeben ich nicht in der Lage bin, „Dann müssten Sie jetzt einen Umweg von 30 Kilometern fahren, bis Sie eine intakte Brücke finden.“

Das sind ja schöne Aussichten. Herr Schäfer ist ein Bär von einem Mann. Vom Äußeren her Grizzly-, vom Gemüt her eher Paddington-Bär: Ein zurückhaltender Mann, der nicht stören möchte. Deshalb steht er fünf Meter weit weg. Offensichtlich regen ihn die Nachrichten aber so auf, dass er reden möchte. Unterhaltungen über Distanz sind aber unbequem. Nur weil ich ihn ausdrücklich bitte mir Gesellschaft zu leisten, holt Herr König schliesslich seine Kaffeetasse und setzt sich zu mir an den Tisch. Passau, so sagt er, ist durch seine Lage schon im Dreieck zwischen Donau und Inn immer schon besondern hochwassergefährdet gewesen. Aber so etwas wie jetzt, das hat noch niemand hier erlebt.

Die Stadt hat Notfallpläne bis zu einem Pegel von 10 Metern über Normal, aber in der letzten Nacht, da sei das Wasser bis an die Marke von 12,90 Meter gestiegen. Im ganzen Landkreis gäbe es Überflutungen und unterspülte Strassen, bei denen nun die Fahrbahndecken einbrechen. Ich solle doch bitte vorsichtig fahren, wenn ich mich jetzt wieder auf den Weg mache. Oder, sagt Herr Schäfer, ich solle mir überlegen ob ich nicht noch hier bleiben möchte, er hat noch ein Zimmer frei. Aus seinen Augen spricht echte Besorgnis, nicht der Wunsch nach Umsatz.

Den Aufenthalt kann und will ich mir aber nicht leisten. Zum einen würde ein verlängerter Aufenthalt in Passau nichts besser machen, sondern nur die Reisepläne komplett durcheinander bringen, zum anderen habe ich den starken Drang hier zu verschwinden. Ich will hier weg und dem kalten, nassen Wetter entfliehen, vielleicht ist es woanders wärmer und vielleicht sogar sonnig, und da will ich hin.

Das Wiesel sieht das ähnlich, es hat sich schon freiwillig in seine wasserdichte Hülle eingemummelt und schlägt den Deckel des Topase hinter sich zu. Von draußen, aus Richtung Passau, ist das langgezogene Heulen von Feuerwehrsirenen zu hören.

Ich trage die Koffer zum Motorrad, dann verpacke ich mich noch selbst in die Regenkombi. Gerade mal 8 Grad sind es, dazu der Regen und der Nebel. Temperaturen die weder ich noch das Motorrad mögen. Ich verzichte darauf die Maschine warmlaufen zu lassen und fahre aus dem Stand los, was sich sofort rächt.

Der Gasthof liegt am Fuß eines steilen Berghangs. Es kommt, wie es kommen muss: Der hochgezüchtete Motor der Kawasaki nimmt bei der Kälte das Gas nicht richtig an und verschluckt sich, und so ruckelt und bockt die Maschine erst und geht dann mitten auf der steilen und abschüssigen Bergstrasse aus, nicht ohne vorher noch einmal einen Satz zu machen, der uns beinahe zu Fall bringt. Ich fluche vor mich hin, denn es ist jetzt gar nicht so einfach die voll beladene Maschine am Berg und mit einem Fuß zu balancieren, während der andere die Bremse tritt. Zudem beschlägt zwar nicht das Helmvisier, dass kann es gar nicht, aber die Brille UNTER dem Helm ist voller Dampf. Ich bin also fast blind, wie ich da mitten im Regen stehe, auf einem Fuß kippelnd, während ich versuche mit der linken Hand die richtige Chokeeinstellung zu finden, während die rechte auf den Starter drückt. Die Kawasaki orgelt einen Moment vor sich hin, dann spuckt sie und springt wieder an. Ich bleibe noch eine Minute am Berg stehen und lasse den Motor warmlaufen, bevor ich den Versuch unternehme anzufahren. Wieder bockt die Maschine, aber diesmal geht sie nicht aus, und als wir das Ortsschild passieren, zieht sie bereits richtig.

Die Fahrt geht durch Waldstücke, in denen der Regen Blätter von den Bäumen gefetzt hat, die nun die Fahrbahn mit einem glitschigen Teppich belegen. Außerhalb des Waldes ist es nur minimal besser, an vielen Stellen hat der Regen Felder und Berghänge ausgespült. An manchen Stellen ist die Strasse unter dem Schlamm und den Steinen nur zu erahnen.

Die Autobahn ist ganz in der Nähe, und kurze Zeit später zieht die Kawasaki mit 120 eine Spur durch den Nieselregen. Auf der Autobahn ist nicht viel los, und ich bin froh, das die Wahrscheinlichkeit von Schlammüberspülungen, abgerutschten Hängen und umgestürzten Bäumen signifikant geringer ist als auf der Landstrasse.

Heutige Route: Von Passau nach Graz und noch ein Stückchen weiter. Insgesamt ca. 370 Kilometer.

Heutige Route: Von Passau nach Graz und noch ein Stückchen weiter. Insgesamt ca. 370 Kilometer.

Nach knapp 30 Kilometern führt die Autobahn über den Inn und damit über die Grenze nach Österreich. Das ich in einem anderen Land bin ist allerdings nur an den langen Schlangen deutscher Autos an den Tankstellen des Grenzorts Suben zu merken. Kurz hinter der Grenze lässt auch der Regen nach, und stellenweise ist die Strasse sogar trocken. Weiter geht es nach Südosten, und als ich nach 100 Kilometern die ersten Ausläufer der Alpen erreiche ist der Himmel nur noch bedeckt und die Temperaturen sind merklich höher als in Deutschland.

In einem Ort mit einem lustigen Namen mache ich kurz Pause und entledige mich der Regenkombi.

„Herr Geheimrat, welchen Namen soll die neue Siedlung tragen?“ – „Mir do´egal, nennen sie Sie von mir aus Heinz oder Erwin oder…“

"Herr Geheimrat, welchen Namen soll die neue Siedlung tragen?" - "Mir do´egal, nennen sie Sie einfach Heinz oder Erwin oder..."

„Herr Geheimrat, welchen Namen soll die neue Siedlung tragen?“ – „Mir do´egal, nennen sie Sie einfach Heinz oder Erwin oder…“


Dann geht es weiter durch die niederösterreichischen Kalkalpen, auf einer Landstraße parallel zur Pyhrnautobahn. Für deren mautpflichtige Tunnel habe ich zwar bereits ein Ticket im Topcase und an der Gabel des Motorrads klebt die österreichische Mautvignette, die sich heute Morgen aktiviert hat, aber ich habe keine Lust auf Autobahn.

Schön grün in Klaus.

Schön grün in Klaus.

Die Landstrasse fährt sich herrlich. In weiten Schwüngen zieht sie sich durchs Pyhrntal, und an diesem Morgen ist wenig los. Das Landstraße evtl. eine doofe Idee war, geht mir erst auf, als ich ein Schild „Pyhrnpass“ sehe. Klar, muss ja einen Grund gehabt haben, dass hier ein Tunnel gebaut wurde. Wo es einen Tunnel gibt, gibt es auch einen Pass, und auf den steuere ich gerade zu. Ich krame in meinem Gedächtnis herum wie hoch der Pyhrnpass wohl sein mag, finde aber keine Antwort. Dabei wäre das nicht unwichtig, denn die Pässe sind in diesem fürchterlich kalten Jahr ein echtes Problem. Auf einem anderen Pass auf meiner Route, dem „Gaberl„, ist letzte Woche Schnee gefallen. Im Juni! Soll ich es jetzt wagen den Pyhrnpass in Angriff zu nehmen und zu riskieren, wegen einer Schneedecke umkehren zu müssen? Oder soll ich besser jetzt schon zurückfahren zur Autobahn? Unentschlossen halte ich an und konsultiere das Navigationsgerät. Hm. Zurück zur Autobahn würde bedeuten, mehr als 30 Kilometer zurück zu fahren. Ach, was soll´s, ich wage das jetzt. Kurzentschlossen klappe ich das Visier des Helms runter und fahre weiter, in die Berge hinein.

Kurve um Kurve schraubt sich die alte Passstraße die dicht bewaldeten Berghänge entlang. Mit jeder Biegung wird es kälter. Ich kann dabei zusehen, wie die Temperatur fällt. 15 Grad zeigte das Thermometer am Fuß des Berges an, jetzt, 5 Minuten und etliche Höhenmeter später, sind es noch 9. Dann acht Grad. Eine Kurve später noch sieben Grad. Mit leichter Genugtuung stelle ich fest, dass mir das Kurvenfahren wieder leicht von der Hand geht. Ich hatte in diesem Jahr bislang wenig Gelegenheit das Motorradfahren zu üben, und am ersten Tag fühlte sich noch sehr fremd an. Aber jetzt ist mir die Maschine wieder vertraut und steuert sich wie eine Verlängerung meiner Selbst.
Sechs Grad.

Wenn ich Spaß am Fahren habe wird das Wiesel im Topcase grün um die Nase.

Wenn ich Spaß am Fahren habe wird das Wiesel im Topcase grün um die Nase.

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Ich wedele durch die Kurven und genieße die Freude am Fahren. Bei 4 Grad und 945 Metern überquert die Kawasaki die Bergkuppe mit dem, ziemlich unspektakulären, Pass.

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Höher geht es jetzt nicht mehr. Schwein gehabt, kein Schnee! Oberösterreich habe ich gerade verlassen, vor mir liegt ausgebreitet das Pyhrntal und öffnet einen weiten Blick auf die Steiermark. Über der Landschaft hängen dichte Wolken, aber hier und da bricht die Sonne durch und zaubert goldene Tupfer in die Landschaft.

Auf der steiermärkischen Seite zieht sich die Passstrasse mit nur leichtem Gefälle und in weiten Schwüngen ins Tal hinab. An einigen Stellen strömen Bäche von Regenwasser aus den Wälder rechts der Strasse und fliessen links auf die Felder im Tal. Die Wasserflächen glitzern im Sonnenlicht, und mit dem Motorrad da durchzufahren ist fast so schön wie für kleine Kinder das Hopsen durch Pfützen.

Der Pyhrn-Priel, so heisst die Gegend hier, ist schön und abwechslungsreich – die Täler sind betupft mit kleinen Dörfern, die oft nur aus wenigen Häusern bestehen. Stets als Kontrast dazu gibt es große Berge, zu allen Seiten. Ich mag Berge, und diese Landschaft gefällt mir ausgesprochen gut. Die Landstrasse ist gut ausgebaut und leer, und schhlängelt sich mal links, mal rechts der Autobahn, die auf Stelzen mitten im Tal steht. Es macht Spass, durch die Steiermark zu cruisen. Und ich hätte nie gedacht, dass ich Steiermark und cruisen mal in einem Satz schreiben würde.

Das erste Mal auf dieser Fahrt schalte ich die Bordkamera ein. Leider beschlägt sofort das wasserdichte Gehäuse, in dem sie steckt. Ich demontiere es und lasse die kleine Kamera einfach mal ungeschützt mitlaufen. Über die leere Landstrasse zu gleiten hat fast was meditatives:

Drei Stunden später, es ist mittlerweile nach der Mittagszeit, öffnet sich das Tal, durch das ich gerade fahre, zum Grazer Becken. Graz ist die Hauptstadt der Steiermark und mit 265.000 Einwohnern auch nicht ganz klein. Ich fahre mitten in die Stadt hinein und stelle die Kawasaki in einer kopfsteingepflasterten Gasse am Fuße des Schlossbergs ab. Ein wenig Bewegung tut gut nach der Fahrt, und vom Schlossberg aus hat man einen tollen Blick über die Stadt.

Weg den Schlossberg hoch.

Weg den Schlossberg hoch.

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Skurrile Gebäude. HIer: Das Kunstmuseum. Sieht aus wie ein gestrandetes Meerestier.

Skurrile Gebäude. Hier: Das Kunstmuseum. Sieht aus wie ein gestrandetes Meerestier.

Ich raste ein wenig, während das Wiesel Faxen vor dem Grazer Uhrenturm macht, einem skurrilen Bauwerk, das mitten aus einer Festungsmauer herausragt.

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Seit 1560 gibt es den Uhrenturm in dieser Form. Zu der Zeit war es üblich, das Uhren nur einen einzigen, großen Zeiger hatten. Als der Grazer Uhrenturm mit einem weiteren Zeiger für die Minuten nachgerüstet wurde, machte man den kleiner als den Stundenzeiger – genau andersrum, wie es normalerweise bei Uhren der Fall ist.

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Als die 650 Jahre alte Turmuhr drei Mal schlägt raffe ich mich wieder auf. Das hier ist Graz, die Stadt von Kalesco! Wer Kalesco nicht kennt: Sie ist diejenige, die hinter dem Blog „Home is where the Heart is“ steckt. Ein Telefonat und eine kurze Fahrt durch den Stadtverkehr später stehe ich vor dem Gebäude, in dem Kalesco arbeitet, und kurz darauf in ihrem Büro. Allein das Schild an der Wand ist ein mehr als eindeutiger Hinweis darauf, wer hier arbeitet.

Kalesco zu beschreiben, ohne das es sich nach Übertreibung anhört, ist übrigens nicht ganz einfach. Wissenschaftlerin, Weltreisende, Organisationsgenie, Bastlerin, Abenteuerin – all das ist Kalesco, und dabei auch noch charmant, liebenswürdig, aufmerksam, hoch intelligent UND clever. Eine Kombination, die man so nicht allzu oft findet, und das macht sie zu einem der faszinierendsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Wer Kalesco zu seinem Freundeskreis zählen darf, kann sich wirklich glücklich schätzen. So wie das Wiesel, zum Beispiel, das gerade schon wieder Faxen macht. Es mag Kalesco sehr und durfte mit ihr schon nach San Francisco, Las Vegas und zum Grand Canyon reisen.

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Auch ich freue mich, sie endlich wieder zu sehen – unser erstes Treffen fand vor Jahren am Rande einer Messe statt und war viel zu kurz. Die Begrüßung ist herzlich, obwohl das Wiesel und ich gerade mitten in den Arbeitstag reinplatzen. Dann kommt auch noch Rufus um die Ecke – noch jemand, mit dem das Wiesel schon einmal unterwegs war, den ich aber nur virtuell, aus seinem Blog, kenne.

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Zu Dritt trinken wir einen Kaffee und quatschen drauflos, als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen. Was auch in gewisser Weise stimmt, blogtechnisch kennen wir uns seit 2008, und Internetjahre zählen ja mindestens siebenfach, also kennen wir uns schon 35 Jahre. Äh. Oder so.

Plötzlich entwickelt Rufus hektische Aktivität: Er hat in letzter Minute gemerkt, dass er vor lauter Pause machen beinahe den Feierabend verpasst hätte. Puh, gerade noch rechtzeitig! Auch Kalesco packt langsam zusammen und steigt in ihr kleines Schwarzes.
Auto.

Das steuert sie, nach der Warnung, das wir uns bestimmt verlieren werden, ebenso geschickt wie geschwind durch den Grazer Feierabendverkehr, der sich immer mal wieder staut. Die silberne Kawasaki schafft es trotz aller Ampeln, Baustellen und komischer Abbiegespuren an dem schwarzen Astra dranzubleiben. Was auch gut ist – das Navi sagt in meinem Helm einen anderen Weg an als den, den Kalesco gerade nimmt. Über eine Autobahn geht es aus der Stadt hinaus und über Landstrassen durch Täler und Dörfer nach Westen. Rund 50 Kilometer vor Graz, in einem schmalen Tal, ist Kalesco zu Hause. „Und wenn Du denkst die Strasse geht nicht mehr weiter und Du hast das ist das Ende des Tals erreicht – dann ist es nur noch ein Stück“, hatte sie mir sinngemäß mit auf den Weg gegeben, und tatsächlich ist die Gegend genauso abgelegen wie sie schön und romantisch ist. Mir gefällt das alles auf Anhieb. Hier ist es grün, die Landschaft ist groß, und die nächsten Häuser stehen ein ganzes Stück weg. Hier hat man Platz und Raum, das mag ich.

Ein ganzes Haus für sich zu haben, wie es bei Kalesco der Fall ist, hat unübersehbare Vorteile. Vor allem hat man viel Platz, was für mich gleichbedeutend mit Luxus und überaus angenehm ist. Außerdem hat es bei diesem speziellen Haus den Vorteil, dass es ein separates Gästezimmer gibt, dass ich nun in Beschlag nehmen darf. Allerdings nicht für lange, denn Kalesco hat mit einem schelmischen Lächeln angekündigt, dass für heute ja noch eine Brettljause beim Buschenschank anstünde – wohl wissend, dass ich keinen Ahnung haben werde, was mit diesen österreichischen Spezialausdrücken gemeint sein könnte. Und als sie dann noch meint, ich müsse einen Schilcher probieren, stimme ich dem einfach mal zu ohne den blassesten Schimmer zu haben was sie meint. Vielleicht ist Schilcher ja was zu essen, und nicht der steiermärkische Begriff für „Ringkampf gegen den Dorfschläger“ oder „freihändiger Bungeesprung vom nächsten Berggipfel“.

Kalesco fährt, und das mit einer Souveränität und Geschwindigkeit, die von jahrelanger Übung auf schmalen Bergstrassen künden. Im Ernst, ich könnte mein Auto nicht so flott um die engen Kurven und über die steilen Strassen lenken, die gefühlt kaum breiter sind als der Wagen. Aber meine Gastgeberin jagt ihren Astra vollkommen entspannt durch die Wälder und über die Berge. Ich genieße die Fahrt und die großartige Landschaft und die Plauderei. Nach rund 30 Minuten kommen wir auf einer Anhöhe an. Zwei Häuser und einige Scheunen und Ställe stehen hier, zusammengewürfelt zu einem Gehöft. Der Blick über die Landschaft ist großartig.

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An der Wand eines Gebäudes, das weder Wohn- noch Wirtschaftsgebäude ist, entdecke ich eine Aufschrift:

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Hier ist also der Buschenschank. Aber was genau ist das? Findet hier ein ritueller Tanz steiermärkischer Buam statt? Ist es eine Gärtnerei die Büsche verkauft?

Als wir das Gebäude betreten bin ich erst einmal verblüfft, weil es sich um eine Art Gewölbekeller handelt, aber über der Erde, der zudem Innen viel größer ist als Außen – bis mit auffällt, dass das lediglich eine optische Täuschung ist. An der Rückseite des Raumes befindet sich eine wandfüllende Malerei, die perspektivisch korrekt endlose Reihen von Weinfässern vortäuscht. In Wirklichkeit ist das Gewölbe nicht besonders groß, vielleicht ein halbes Dutzend Tische mit schlichten Holzbänken finden hier Platz.

Die Gaststube ist bereits gut gefüllt. An den meisten Tischen wird gerade Abendbrot verzehrt, manche Gruppen sitzen über einem Bier zusammen, und in einer Ecke kloppen knorrige Rentner Karten.

Umsichtig wie Kalesco ist hat sie einen Tisch reserviert. Davon weiß der mild verwirrte Wirt nichts, aber zufällig ist trotzdem einer frei. Kurz darauf treffen Freunde von Kalesco ein, die alle guter Dinge sind und freundliche Nachsicht mit mir komischen Deutschen haben, der ihre Sprache nicht spricht. Sie geben sich redlich Mühe langsam und deutlich zu sprechen, und dem meisten kann ich sogar folgen.

Ein Buschenschank, so lerne ich später, ist ein Betrieb in dem ein Landwirt seine Erzeugnisse ausschenkt – also Fleisch, Wurst, Brot und Wein. Also genau das, was zu einer zünftigen Brotzeit, hier auch als Brettljause genannt, dazugehört. Dieser spezielle Buschenschank bietet zudem noch Schilcher an. Das ist ein Roséwein aus der Rebsorte Blauer Wildacher, und Schilcher gibt es nur hier, in der Steiermark. Der Name leitet sich von „schillern“ ab, denn erst schillert der Wein so schön rot, nach einigen Gläsern davon schillert alles.

„Pass bloss auf mit dem, der haut rein“, werde ich sinngemäß gewarnt. Achje, ein Roséwein, wie schlimm kann der schon sein? Ich bestelle eine klassische Brettljause und einen Schoppen Schilcher von der starken Sorte. Wenn ich schon mal in der Steiermark bin, dann auch richtig! „Mach unbedingt ein Bild von der Brettljause“, sagt Kalesco, „das muss alles dokumentiert werden und später ins Blog!“

DamundHerrn, hier ist sie, die BRETTLJAUSE des BUSCHENSCHANKS Lärchegg-Schölzer :

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Ich bin erst ein wenig mißtrauisch, weil einiges auf dem Brett merkwürdig aussieht. Aber ich probiere alles und muss zugeben, dass ich noch nie eine so geschmacksintensive und leckere Brotzeit genossen habe. Frisches, im Haus gebackenes Brot. Wurst und Schmalz aus eigener Schlachtung. Selbstzubereitete Merettichmischung. Und erst der Schilcher! Köstlich, wirklich. In der Steiermark versteht man was von gutem Essen, und der Wein ist exquisit und… haut rein. Am Ende merke ich die Wirkung wirklich deutlich. Das Wiesel anscheinend nicht. Wo hat das gelernt so zu trinken?

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Der Schilcher in Kombination mit der Müdigkeit von der langen Fahrt sorgen dafür, dass ich schneller schillere als mir lieb ist. Heftiger schillert nur der Wirt, der offensichtlich jeden ausgeschenkten Schilcher durch persönliche Verkostung qualitätssichert. Er schwankt ganz heftig, aber das verstehe ich, wie soll man auch aufrecht laufen, wenn sich der Raum so komisch dreht. Das Wiesel scheint von der Karusellfahrenden Umgebung nichts mitzubekommen, es hat offensichtlich großen Spaß und tanzt einen Charleston auf dem Tisch, womit es alle Anwesenden unterhält.

Ich bin ganz froh, als Kalesco das Wiesel und mich gen Heimat fährt. Dort falle ich ihns Bett, denke noch „hoffentlich gibt DAS keinen Kater“ und bin sofort eingeschlafen. Das hier wird der einzige Tag sein, an dem ich Abends kein Tagebuch mehr schreibe – weil ich zu rein gar nichts mehr in der Lage bin.
Schillernd in der Steiermark.
Gnihihi.
*Hicks*

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4 Kommentare

Verfasst von - 21. Dezember 2013 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Motorradreise 2013 (2): Brettljause, Schilcher & Buschenschank

  1. kalesco

    21. Dezember 2013 at 07:53

    Ich bin ein bisschen rot geworden beim Lesen ^^
    Danke für deinen Besuch und den schönen Eintrag! – vielleicht sollte man den für die Tourismuswerbung verwenden…
    Schön dass es dir so gut gefallen hat und dass du geschillert hast habe ich gar nicht gemerkt.

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  2. Modnerd

    21. Dezember 2013 at 10:04

    Ich gestehe ganz leise, dass mir das Motorradgeräusch am Anfang eine kleine Gänsehaut verpasst hat. Tolles Sounddesign, oder so…

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  3. Silencer

    21. Dezember 2013 at 16:18

    Kalesco: Es war einfach super und Du die perfekte Gastgeberin. Und keine Bange, mit ging es gut. Noch ein SChilcher hätte mich allerdings aus der Bahn gehauen.

    Modnerd: Ich hatte angenommen die Passage würdest Du hassen, wegen der Wind- und Vibrationsgeräusche 🙂

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  4. Rufus

    21. Dezember 2013 at 16:21

    Schönes Bild von Herz-Jesu, aber dass Du in einer Buschenschank ein Bier gesehen hast, verwundert mich schon etwas…

    Übrigens, dass Dir der Schilcher auch etwas gemundet hat, freut mich – gibt ja nicht sehr viele Anhänger davon. 😉

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