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Motorradreise 2013 (4): Der mit der appen Nase

04 Jan

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Am vierten Tag der LANGEN Reise geht es stundenlang im Kreis, dann tief in die Berge. Das Navi startet seinen ersten Mordversuch. Und es quietscht immer noch.

Mittwoch, 05. Juni 2013, Bagio Callalta, Region Veneto, Italien

Die Sonne filtert durch die Vorhänge und taucht das Eckzimmer der Villa Maria Luigia in goldenes Morgenlicht. Es ist erst sechs Uhr, aber entgegen meiner sonstigen Gewohnheit verdunkle ich das Zimmer nicht und schlafe noch einmal weiter, sondern dämmere im sanften Licht und in den weichen Laken des Betts wie in einem goldenen, warmen Kokon vor mich hin. Gegen Viertel vor Sieben klingelt der Wecker, um Sieben sitze ich am Frühstückstisch. Sara schaut unsicher und fragt auf italienisch „Möchtest du süßes Frühstück oder dieses…. Salatfrühstück?“ Ich muss lachen und erwidere, dass ich sehr gut mit italienischem Frühstück klarkomme. Sie wirkt erleichtert. Wie so viele Italienierinnen und Italiener verwirrt sie die Idee eines Kontinentaleuropäischen Frühstücks. Sie fährt daraufhin warme Cornetti (Croissants), gefüllt mit Aprikosenkonfitüre auf. Dazu gibt es Kekse und Joghurt, eine Banane und – natürlich- Espresso, der hier einfach Caffé heisst.

Nachdem ich das Mahl im Gastraum beendet habe, schlendere ich auf die Terasse vor dem Haus und finde Sara an eine Säule der Villa gelehnt. Sie blickt hinaus in den Garten und ist in Gedanken versunken. Mir fällt der Löwe von San Marco, das venzianische Wappentier, auf, der auf einer Platte der Hausmauer zu erkennen ist.

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Wie alt das Haus ist, möchte ich wissen. Bei Jahreszahlen habe ich Verständnisprobleme, aber Saras Antwort verstehe ich sofort. Mehr als 400 Jahre ist das Haus alt. Es wurde, so erzählt sie, als Landhaus venezianischer Offiziere gebaut und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sara und ihr Mann Francesco haben die Villa gekauft, als sie nur wenig mehr als eine Ruine an der vielbefahrenen Landstrasse war, und alles mit viel Mühe ausgebaut.

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Sara und Francesco

Sara und Francesco

Ich bewundere das Ergebnis und sage das auch und meine es ernst. Sara freut sich sichtlich und öffnet mir eine verborgene Tür zu dem Platz, wo die Renaissance parkt. „Und nicht vergessen, nächstes Mal nimmst du gleich den direkten Weg, nicht wieder Schotter fahren. Du hast hier immer einen Privatparkplatz!“ mahnt sie.

Die Kawasaki in Startposition auf dem Fußweg durch den Ziergarten

Die Kawasaki in Startposition auf dem Fußweg durch den Ziergarten

Ich trage die Koffer zur Kawasaki und schiebe sie in Startposition. Wenn ich genau den Fußweg der Villa entlangfahre, habe ich bis zur Strasse etwas weniger als 5 Meter meines Erzfeindes Ghiaia – Schotter – vor mir, und das in einer gerade Linie. Das scheint machbar, und kurze Zeit später läuft der Motor der Renaissance warm, dann holpern wir über den Kies, und während eine winkende und „Buon Viaggio“ rufende Sara im Rückspiegel kleiner wird, biege ich auf die Fernsstrasse ab und bin fort.

Bzw. mitten im Berufverkehr, der sich nach Padua hineinwälzt. Mehr als eine Stunde brauche ich für die knapp 50 Kilometer, dann stehe ich vor einem Ducatiladen, der laut Internet authorisierter TomTom Premium-Reseller-Verkaufsmeister-Dingsbums-mit-Auszeichnung ist.

Völlig ohne schlechtes Gewissen fahre ich meine völlig verdreckte Japanerin mitten vor den Haupteingang des noblen Geschäfts. In den Schaufenstern stehen glänzende und überaus teure, italienische Maschinen. Das ganze Geschäft wirkt mehr wie eine Nobelboutique als ein Motorradladen.

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Drinnen springt mir ein agiler Mittdreißiger in Jeans und Hemd entgegen, Typ Macher-und-Verkäufer. Ich halte ihm mein TomTom unter die Nase und radebreche, dass die Halterung kaputt ist und ob ich hier wohl eine neue bekomme. Er guckt das Teil an als hätte er sowas noch nie im Leben gesehen, und fragt, ob ich sicher bin, dass es die Ladeeinheit einzeln gibt. Ja, bin ich. Ob ich sicher bin, dass das kaputt ist. Ja, bin ich. Nee, sagt er, sowas habe er nicht, Scusi, Navigatore di TomTom verkaufe man nur im Komplettpaket und im übrigen, ob ich denn auch eine Ducati besitzen würde, dass da draußen sei ja eine Kawasaki.

Ja, stimmt, sage ich. Eine Kawasaki auf einer großen Reise durch Italien, und wenn die Reise nicht zu Ende sein soll, brauche ich seine Hilfe, auch wenn ich nur Deutscher bin und die verkehrte Marke fahre. Wenn er mir nicht hilft werde ich nie erfahren wie großartig Italien ist, mit all seiner Kultur und Geschichte und dem guten Essen und der schönen Sprache…. Die Nummer zieht immer, sogar bei römischen Taxifahrern. Er seufzt und führt mich in sein Büro. In der gepflegten Designer-Hochglanz-Athmosphäre werden sonst neue Ducatibesitzer gebacken, jetzt wirft Giuseppe, so heisst der Nobelverkäufer, Google an. Wenig später hat er meine Ladehalterung im Onlineshop von TomTom gefunden und verkündet stolz: „Die gibt es einzeln!“ – „Si, ma dove in Padova??“, frage ich, ja, aber wo in Padua kann ich die kaufen?

Er überlegt, und trommelt dabei mit den Fingern auf dem Schreibtisch herum, dann brüllt er zu seinem Kollegen im nächsten Büro: „Weisst Du, wer hier TomTom verkauft?“ Ein dünner Nickelbrillenträger, der exakt aussieht wie Will Tanner aus Alf, kommt mit hängenden Schultern hereingeschlufft. „Äh, ja… Wir?!“, sagt er. „Nein!“, fährt Giuseppe in an, „So richtig! Mit Ersatzteilen!“

Mr.Tanner grübelt, dann wechseln Sie einige Sätze in Schnellfeueritalienisch, dann greift Giuseppe zum Telefon und führt zwei schnelle Gespräche. Das Ergebnis höre ich schon am Tonfall. „Scusi“, sagt er dann. „Ich habe bei zwei Werkstätten hier nachgefragt, auch die verkaufen nur Kompletteinheiten.“ Er überlegt, dann springt er zu seiner Vitrine und zieht ein Navikomplettpaket heraus. „Wenn das passt“, sagt er, „dann kriegst Du die hier und das Ding tausche ich bei TomTom um!“ Was für ein Wechsel – vor ein paar Minuten wollte er nichtmal mit mir reden, nun setzt er Himmel und Hölle in Bewegung um mir zu helfen. Leider gibt es vom TomTom-Motorradnavi seit letzten Monat eine neue Version, und nur die hat er da. Er öffnet einen Karton, wühlt in den Teilen herum bis er die Ladeschale gefunden hat, reisst die Schutzfolie ab und vergleicht sie mit meiner. Leider hat TomTom in diesem Jahr das erste Mal in Form des „Urban Riders“ geändert. Die 2013er-Version hat mehr Pins als die alte… das wird nicht passen.

Er hält inne. „Moment – ich habe einen wirklich guten Elektriker im Keller. Komm mit!“ Eine erstaunliche Wandlung. Vor 10 Minuten wollte er nicht mit mir reden, weil ich die verkehrte Marke fahre, jetzt telefoniert er für mich quer durch die Stadt, packt Neuware aus und lässt Techniker Blicke werfen. Nicht schlecht. Leichen werden die dort unten kaum haben, also folge ich eine Treppe hinab ins Untergeschoss, in dem die Werkstatt liegt. Ein schlaksiger Techniker mit fusseligem Blondbart steht im Blaumann an einer Bühne und schraubt an einer Ducati herum. Das Ganze hier sieht weniger nach Werkstatt als viel mehr nach Operationssaal aus.

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Giuseppe erklärt in Schnellfeueritalienisch, das der Deutsche ein kaputtes Navi hat und er die Halterung reparieren soll. Der Fusselbart dreht das besagte Teil in Händen und studiert es lange, dann erläutert er bedächtig, dass das nicht geht. Kaputt ist kaputt bei den Teilen. Dann sieht er mich an und fragt, ob ich sicher bin, dass das Teil kaputt ist, und nicht etwa die Stromversorgung. Ich zucke mit den Schultern und versuche zu erklären, dass ich so sicher bin wie ich sein kann, mit den Mitteln, die mir unterwegs zur Verfügung stehen. Giuseppe meint, es wäre ärgerlich, wenn ich ein Ersatzteil kaufe und dann liegt es an was anderem. Das wenigste, was sie für mich tun könnten, wäre, mal das Bordnetz der Kawasaki zu prüfen.

Eine Minute später stehen wir zu dritt um die Kawasaki herum, Fusselbart steckt Stecknadeln in den winzigen Stecker des von mir gebastelten Bypasses und liest 13,5 Volt ab. Perfekt – also funktioniert meine Bastelei. „Die Ladehalterung ist kaputt“, sagt Fusselbart. Jetzt habe ich also auch die Meinung eines Spezialexperten.

Ich verabschiede mich von den Beiden und bedanke mich für ihre Bemühungen. Giuseppe nennt mir eine Adresse und mein, da gäbe es „Mediward“, und vielleicht könnten die helfen. Nun, „Mediaward“ heißt eigentlich Mediworld und ist – Mediamarkt. Bis auf den Namen exakt wie in Deutschland. Die konnten mir NOCH NIE helfen, und so ist es auch diesmal. Regalweise TomTom-Kram, aber nicht für´s Motorrad.

Noch einen anderen Laden habe ich mir im Internet rausgesucht, aber auch dort habe ich kein Glück. Man sagt mir aber, ich solle es bei Beps.it probieren, dem italienischen Äquivalent zu Autoteile Unger in Kombination mit Louis. Das klingt gut, und so fahre ich zu genannten Adresse – nur, um mich mitten in einem Gewerbegebiet wiederzufinden, wo in der Morgenhitze LKW-Fahrer ihre Ladung löschen. Aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Über den Router des Motorrads gehe ich ins Internet und habe schon bald die korrekte Adresse des Geschäfts. Leider winkt man dort ab. Tomtom? Nein, aber ein nettes Garmin könne man mir verkaufen. Meine Fresse. Noch einmal konsultiere ich das Internet. Louis, den deutschen Motorradausstatter, gibt es in Italien leider nicht. Die südlichste Filiale die die haben wäre… in Graz gewesen, wo ich mich gestern noch aufgehalten habe. Verdammt!

Ich gebe auf. Die Rumjuckelei hat schon mehrere Stunden gedauert und viel Naviakku gefressen, und das ausgerechnet heute, wo ich noch eine der längsten Etappen vor mir habe. Ich fahre aus dem Gewerbegebiet heraus und in die Altstadt und sehe mir Padua an, wie es früher war. Hier befindet sich ein Skulpturengarten, der Dom und eine Kirche, alles im unverwechselbaren venezianischen Stil. Ist ja auch nicht weit weg, Venedig. Gerade mal 40 Kilometer trennen die beiden Städte, und es gibt einen Pendelzug. Wenn man Venedig günstig erleben möchte, übernachtet man in Padua, wo die Hotelzimmer nur ein Drittel der Preise von Venedig kosten, und fährt mit dem Zug in die Lagunenstadt.

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Der Dom von Padua ist berühmt, wird aber leider gerade renoviert. Nur im Modell lässt sich erkennen wie ungewöhnlich der Bau ist.

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Die Architektur in Padua ist eindeutig venezianisch geprägt und hat teilweise skurrile Auswüchse. Die Gebäude sind wirklich interessant.

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Die Atmosphäre in der Stadt ist locker und beschaulich, und es ist so sonnig und warm, dass die ersten im Park in der Sonne liegen. Mir fällt das besonders auf, einfach weil ich vor gerade mal zwei Tagen noch bei einstelligen Temperaturen vor mich hingefroren habe.

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Vor dem Dom kann man Gebetskerzen kaufen. Je größer, desto wirkungsvoller:

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Ich besuche eine kostenlose Ausstellung. Ausstellungen und Museen sind die Freunde von Reisenden, wenn es um Bedürfnisse geht, denn wo Ausstellung, da sind auch Toiletten. Dann kaufe ich ein wenig Proviant in Form von frischen Äpfeln auf einem Markt und verlasse kurz darauf Padua Richtung Süden.

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Die Fahrt ist langweilig. Also wirklich laaaaaaaaaaaaaaaangweilig. Stun-den-lang geht es durch das Flachland, erst des Veneto und dann der Emilia-Romagna, vorbei an Ravenna und Forlì. Die Landstraße führt manchmal durch schöne Gebiete, mit Feldern aus wogendem Gras auf der einen Seite und dem Meer auf der anderen Seite, aber das ist die Ausnahme. Die meiste Zeit geht es durch immer gleich aussehende, endlose Gewerbegebiete, deren runtergekommene Gebäude aufgereiht an der Landstrasse stehen. Oder es geht durch dreckige Alleen. Links Bäume, rechts Gebüsch, vor mir ein LKW, in der Luft Staub und Abgase. Dazu kommt, dass die Strassen gemein schlecht sind. Immer wieder gibt es riesige Abschnitte, in denen der Asphalt zentimetertief weggebröckelt ist, und auf denen das Motorrad wie auf einer Rüttelplatte durchgeschüttelt wird, während mir Teerstücke von vorausfahrenden Wagen um die Ohren fliegen. Ich fluche das erste Mal auf der Reise so richtig laut, denn diese Tortur hat das arme Fahrwerk nicht verdient.

Sieht reizvoll aus, ist aber langweiliger Schrunz und lässt sich schlecht fahren. Vonm Padua nach Rimini.

Sieht reizvoll aus, ist aber langweiliger Schrunz und lässt sich schlecht fahren. Von Padua nach Rimini.

Mehr als 150 ereignislose Kilometer fahre ich hinter wechselnden Lastwagen her durch das platte Ödland. Beim horizontalen Gewerbe am Seitenstreifen ist die Mittagsschicht zum Dienst angetreten und steht lustlos an Kreuzungen herum. Ich bin froh, als ich endlich den Rubikon überschreite und an Belaria-Iglesia Marina vorbeikomme, einem Vorort von Rimini, in dem ich im vergangenen Jahr gut bei einem Cordhütchenopa und seiner Familie untergekommen bin. In Rimini biege ich ab gen San Marino. Ich möchte noch einmal die Strasse fahren, die im letzten Jahr so perfekt MEINE Strasse war, dass es wie ein Lied schien.

Allerdings möchte ich heute nicht nach San Marino, und so fahre ich um den Monte Titano herum und durch die Felderlandschaft, die jetzt noch in Blüte steht. Vor genau einem Jahr war hier schon das Getreide geerntet worden. Auf dem Parkplatz eines privaten Flugzeugmuseums halt ich an und mache ein paar Bilder. Diese Landschaft hier erzeugt immer wieder das Gefühl von Großartigkeit. Offen, weite Sicht… genau das Gegenteil von dem, was ich normalerweise habe. Den Großteil des Jahres verbringe ich meine Zeit mit dem Starren auf Bildschirme, einen halben Meter vor mir. Der Blick über Dutzende Kilometer, der sich hier bietet, wirkt gegen diese Einengung befreiend.

Der Monte Titano mit San Marino auf der Spitze.

Der Monte Titano mit San Marino auf der Spitze.

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Ich finde nicht exakt meine Strasse wieder, aber die Fahrt durch das Flusstal des Fiume Marecchia ist schön, und die bizarren Felsen sind viel interessanter als das platte Land von eben. Bei Novafeltria will ich eigentlich tanken und dann abbiegen in Richtung Urbino, aber beides macht Probleme. Die Tankstellen sind nur „Superself“, also mit Selbstbedinung und Bezahlung per italienischer Bankkarte, die ich nicht habe, und das Navr rechnet anders als ich will. Mit nur zwei Litern Reserve finde ich schließlich doch noch eine Tankgelegenheit an der ein Benzinaio, ein Tankwart, Dienst tut, und der mir das Motorrad expertenmäßig bis zum Stehkragen volltankt.

Danach führt mich das TomTom immer höher in die Berge, und das auch noch gefühlt in die verkehrte Richtung. Aus Asphalt wird Kopfsteinpflaster, aus Kopfsteinpflaster wird Bröckel, aus Bröckel wird… Schotter. Nee, SO NICHT! Ich will das TomTom zur Rede stellen, aber das sucht sich exakt diesen Moment aus um zu verrecken.
Der Akku ist leer.

Vermutlich hat es mich in die Wildnis geführt damit ich hier mit ihm sterbe. Aber so nicht! Jetzt tritt Plan B in Kraft. Per Bluetooth stelle ich eine Verbindung zwischen dem Helm und dem iPhone her und starte die Navigon-App. Die Sprachansagen im Helm sind klar und präzise, aber da das Telefon in meiner Jackentasche steckt, muss ich auf Visualisierung verzichten und mich nur nach der Ansage richten.

Es ist gar nicht so leicht, wieder von da weg zu kommen, wo mich das Tomtom ausgesetzt hat. Ich muss durch den Ort Località Le Porte, der in den Hang gebaut ist. Dort ist die Dorfstrasse ungelogen so steil, dass ich Angst habe, dass das Motorrad hinten abhebt und sich überschlägt, wenn ich die Vorderradbremse zu stark betätige. Ich schätze das Gefälle auf gut über 20 Prozent. Da geht mir dann doch die Muffe, vor allem, als es so aussieht, als ob die Strasse an einer Hauswand endet, es nicht mehr weitergeht und ich kopfüber mit Motorrad im Steilhang hänge. Wenden kommt hier überhaupt nicht in Frage, aber zum Glück endet die Strasse doch nicht an der Mauer, sondern knickt im letzten Moment um 120 Grad ab und führt wieder bergauf. Langsam und vorsichtig taste ich mich voran, und irgendwann hat das Navigon die Misere des Tomtom gelöst und wir sind wieder auf einer vernünftigen Straße und wieder in die richtige Richtung unterwegs.

Schön zu sehen: Die absolut überfüssige Schleife, in die das TomTom hineingeführt hat. Mitten im Nirgendwo.

Schön zu sehen: Die absolut überfüssige Schleife, in die das TomTom hineingeführt hat. Mitten im Nirgendwo.

Relativ zumindest. Über winzige Bergstrassen geht es nach Süden. Die Wege winden sich in Kurven und Serpentinen durch die bewaldete Berglandschaft. Mittlerweile habe ich die Emiglia-Romana hinter mir gelassen und bin in der Region Marche oder, eingedeutscht, in den Marken. Trotz der vielen Schlaglöcher, und obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon seit 10 Stunden auf dem Motorrad sitze, macht das Fahren einen Heidenspass. Allerdings sitzt mit die Uhr im Nacken. Ich spüre eine warme Stelle am Herzen, und das ist nicht meine Begeisterung für die Landschaft, sondern das iPhone, das durch GPS-Ortung und Bluetooth-Verbindung richtig warm wird und den Akku rapide leert. Ich muss mich beeilen, sonst stehe ich bald ganz ohne Navi da. Karten habe ich nicht dabei – wozu auch, manche meiner Unterkünfte sind so winzig und abgelegen, die findet man auf keiner Karte.

Links rechts, hoch, runter – wer Kurvenfahren üben will, soll in die Marken kommen. Nach einer kleinen Ewigkeit erreiche ich Urbino. Hier werfe aber nur einen kurzen Blick auf den Dom und steige dann die steile Straße wieder hinauf.

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Stadt im Hang. Urbino ist anstrengend.

Stadt im Hang. Urbino ist anstrengend.

Das Bergnest Urbino ist heute bekannt für seine internationale Universität. Außerdem kennt man es als Geburtstadt von Raffael, der hier genügend zelebriert wird. Und die Stadt ist STEIL. Ehrlich, die Wege sind überaus anstrengend.

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Ich habe es ein wenig eilig, deshalb werfe ich nur einen Blick in die Runde und laufe dann zurück zum Motorrad. Ich vergesse sogar, dass ich ein Eis in @Nerys Lieblingsgelateria essen wollte. Zumindest habe ich eine Karten vom Herzog gekauft, dessen Portrait ich neulich noch in den Uffizien in Florenz im Original sehen konnte. Das Bild hatte mich so beeindruckt, dass ich wissen wollte, woher der Mann kam. Nur deswegen bin ich in Urbino.

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DIE GESCHICHTE VOM HERZOG mit der appen Nase

Das Portrait eines Mannes im Profil, der irgendwie schräg wirkt und in dessen Nase ein Stück zu fehlen scheint, ist ein weltberühmtes Renaissancekunstwerk. Es handelt sich dabei um das Bild von Federico da Montefeltro, der im fünfzehnten Jahrhundert Herzog von Urbino war und zugleich eine der interssantesten und prägendsten Personen seiner Zeit.

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Im Nebenberuf war er einer der erfolgreichsten Condottieri Italiens. Condottieri waren Anführer privater Söldnerarmeen. Insbesondere die reichen Handelsfamilien aus den Stadtstaaten wie Florenz und Venedig, die selbst nur kleine Armeen hatten, heuerten Söldner an, um sich und ihre Besitztümer zu schützen. Die Söldner waren berüchtigt für ihre Grausamkeit und die Tatsache, dass ihre Loyalität mit dem Geldbeutel schwang. Gegen ein besseres Angebot wechselten sie die Seiten – gelegentlich sogar während einer Schlacht.
Federico da Montefeltro wurde unehelich geboren, und in seiner Kindheit tauschte ihn sein Vater als Geisel ein, um mit dem politischen Gegner einen Frieden auszuhandeln. Wenn das schon eine harte Schule war, wurde es später nicht besser. Federico schloss sich Söldnern an und wurde Anführer eines kleinen Heeres. Als dann sein Halbbruder, der Herzog von Urbino war, unter mystiösen Umständen ermodet wurde, nahm er dessen Platz ein. Bei einem Ritterturnier drang die Lanze eines Gegners durch den Sehschlitz seines Helms, riss ein Stück aus der Nasenwurzel und zerstörte sein rechtes Auge. Deshalb guckt er auf dem Bild plan nach links, und deshalb sieht seine Nase so komisch aus. DEN gut Aussehen zu lassen muss eine Herausforderung für den Maler gewesen sein.

Federico lavierte immer zwischen den großen Kräften, kämpfte mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Wohl auch, weil er sich seine Auftraggeber so geschickt wählte, gewann er fast alle Kämpfe. Von denen die er verlor, behaupteten seine Anhänger dennoch, er habe sie gewonnen. Damit erwarb er den Ruf unbesiegbar zu sein. Montefeltro war eine DER Schlüsselfiguren der Renaissance. Er verwüstete Volterra für die Medici, war tief in die Pazzi-Verschwärung verstrickt (und vielleicht sogar deren Auftraggeber) und war eines der Vorbilder für Machiavellis „Prinz“. Er war ein brutaler und gewalttätiger Taktiker. Umso erstaunlicher, dass er den enormen Reichtum, der ihm seine Tätigkeit einbrachte, in Kunst und Architektur investierte und Urbino zum bewunderten Musenhof umbaute.
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Vierzig Minuten von der Bergstadt enfernt liegt Rio di Salsa, und dort der „Agri Rio“. Das ist ein großer Bauernhof am Rand des Ortes. Alles moderne Gebäude, mit einem Gästehaus und zwei Restaurants. Ich habe den Agriturismo wegen der Abgeschiedenheit und dem Riesenparkplatz ausgesucht. Der ist leer – der Empfang auch. Aber dann findet sich noch eine Angestellte, die „der Signora“ Bescheid sagen wird. Wie sich herausstellt ist meine Reservierung ist verschütt gegangen. Die Signora, die Wirtin, ist schon ein älteres Semester und hat einen Nachbarsjungen engagiert, der für sie „dieses Internet“ macht, d.h. Zimmer bei Booking.com einstellt und die eintrudelnden Reservierungen ausdruckt und ihr rüberbringt. Ich habe schon im vergangenen Dezember reserviert, weswegen meine Reservierung wohl mit dem Ordner 2012 ins Archiv gewandert ist. Wir radebrechen freundlich vor uns hin, dann sind alle Formalitäten erledigt.

Gebäude des Agri Rio.

Gebäude des Agri Rio.

Ich beziehe ein Dreibettzimmer, dass ich für mich allein habe. Nur ein anderes Zimmer ist belegt, und beim Abendessen sehe ich die anderen Gäste. Ein älteres Ehepaar, dessen Sprache ich erst nicht zuordnen kann, bis ich merke, dass es Östereicher sein müssen.

Der Agri Rio hat zwei Restaurants. Eines serviert ausschließlich Fisch aus der eigenen Zucht und den Flüssen des Umlands. Das ist nichts für mich, deshalb bin ich im anderen. Nach Saras Feinschmeckermenü gestern speise ich auch am heutigen Abend fürstlich. Es gibt Ravioli mit Tomaten, danach paniertes Nackensteak und dazu einen schweren Hauswein.

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Nach dem Essen checke ich noch einmal das Motorrad, kann aber wieder nicht rausfinden woher das Quietschen am Vorderrad kommt. Das Achsgehäuse wird nicht heiß, aber das will nicht heißen – es kann trotzdem das Radlager sein. Ansonsten ist alles OK, Luftdruck und Ölsstand stimmen, und die Kette ist auch OK. Die hätte bei dem Regenwetter sicherlich ziemlich gelitten, aber das automatische Kettenschmiersystem hat sie gut geölt gehalten und damit geschützt.

Um 21 Uhr bin ich auf dem Zimmer und kümmere mich noch zwei Stunden um die Ausrüstung und schreibe Tagebuch. Mein Nacken tut weh, die Beinmuskeln schmerzen und ich fühle mich wie gerädert, aber das ich auch kein Wunder. Insgesamt war ich heute fast 12 Stunden im Sattel. Die tolle Fahrt war das wert, aber noch sehr viel länger kann ich sowas nicht machen. In Kürze brauche ich mal ein wenig Pause, denn das war jetzt der vierte Tag in Folge auf der Straße, und insgesamt habe ich schon 2.000 Kilometer zurückgelegt.

Unter der Dusche denke ich über die Situation mit dem Navi nach. Das ist kein Fall für meinen Supportengel daheim oder etwas, worum sich einer der Fixer kümmern müsste. Fixer meint übrigens Leute, die im Notfall Dinge in Ordnung bringen und helfen können, die eben Dinge fixen im Sinne von „in Ordnung bringen“. Nein, die sind für ECHTE Notfälle. Ich denke ich weiß, was ich tun werde. Dafür schreibe ich erst einmal eine Mail. Da der Agri Rio kein WLAN hat, bin ich mal wieder über meinen eigenen, kleinen Router froh.

Gesamtstrecke des Tages: Insgesamt rund 400 Kilometer.

Gesamtstrecke des Tages: Insgesamt rund 400 Kilometer.

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6 Kommentare

Verfasst von - 4. Januar 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

6 Antworten zu “Motorradreise 2013 (4): Der mit der appen Nase

  1. zimtapfel

    4. Januar 2014 at 00:39

    Willy Tanners Brüder sind überall. Ein anderer von ihnen war der Vater meiner allerersten englischen Gastfamilie.

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  2. Leandrah

    4. Januar 2014 at 12:42

    Kann es sein das Du zu Italien auch eine gewisse Verbundenheit empfindest.

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  3. Silencer

    4. Januar 2014 at 18:56

    Zimt: Au Weia. Wie hast Du Dich denn gefühlt, so als ALF?

    Leandrah: Nein, das täuscht, das behaupte ich nur bei römischen Taxifahrern und Paduanischen Motorradhändlern 🙂

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  4. Rufus

    4. Januar 2014 at 21:14

    Ist Alf ein sehr sehr weitschichtig Verwandter vom Wiesel?

    Beim Rubikon wäre ich übrigens vorsichtig – das hat schon mal für wen nicht sehr gut geendet… 😉

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  5. Leandrah

    5. Januar 2014 at 10:58

    zu deiner wie nanntest Du es, langweiligen und nicht ereignislosen Strecke.Sei froh darüber denn deine Augen müssen unglaublich viel abspeichern, wenn sie nur Reizen ausgesetzt sind, vergeht die Wahrnehmung für neue Momentaufnahmen. Diese können erst wieder regristriert werden wenn das Auge die Muße hatte sich zu erholen.

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  6. Silencer

    6. Januar 2014 at 15:35

    Rufus: Mich schreckt da nix, ich habe den Rubikon schon einmal überquert 🙂

    Leandrah: Das stimmt. In dem Fall war aber das Kolonnefahren sehr viel anstrengender, weil man immer darauf achten musste, ob der Vordermann bremst oder nicht. Und dann noch links und rechts Langeweile… da pennt man ein.

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