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Huhus Geschichte (14)

10 Jan

Mittlerweile war es kurz vor Weihnachten. Das Haus war schon festlich geschmückt, und es roch sogar nach Keksen, die Silencer im Supermarkt gekauft und in der Mikrowelle warm gemacht hatte.

Huhu bewegte sich vorsichtig von einem Raum zum anderen, auf der Such nach dem anderen Pinguin. Der war allerdings wie vom Erdboden verschwunden, lediglich das Wiesel fand Huhu. Besser gesagt, dass Wiesel erschreckte Huhu, wieder einmal, als es aus einem Nikolausstiefel sprang, in dem es sich versteckt und ihm aufgelauert hatte. Huhu stolperte vor Schreck über seine eigene Füße, dann nahm er Reißaus, bevor das Wiesel mit Rangeln anfangen konnte.

Schließlich entdeckte er eine Spur aus Schokoladenkekskrümeln und Silberpapierfetzen. Im Flur standen Päckchen, die darauf warteten zur Post gebracht zu werden. Jedes von ihnen wies eine kaputte Ecke oder ein Loch in der Seite auf, und von dort führte die Krümelspur quer durch die Eingangshalle bis in das Wohnzimmer. Anscheinend, so kombinierte Huhu, hatte der andere die Weihnachtpäckchen heimlich aufgesägt und den Inhalt mitgenommen, und während er die Sore davon schleppte, hatte er bereits angefangen daran herumzuknabbern.

Huhu folgte der Spur ins Wohnzimmer, von dort durch das Esszimmer und weiter durch den kleinen Salon, das blaue Zimmer, das Atelier, das Labor, das Telefonzimmer, das grüne Zimmer und den großen Salon hinauf ins Pianozimmer, von dort weiter in die Bibliothek und das Arbeitszimmer und schließlich ins Blog. Hier verlor er die Spur kurz aus den Augen, weil er irrtümlicherweise angenommen hatte, dass sie in die Wohnung hinter den Kommentarkasten führen würde. Das stimmte aber nicht, und nach kurzer Suche entdeckte er, dass sie weiter den Flur entlanglief, der zur Beitragsebene führte. Huhu betrat das Stockwerk und sah sich vorsichtig um. Das Entwurfslager schien unberührt, genau wie der Raum mit den Zeitsteuerungen. Aber da! In der Tür zu einer der Beitragswerkstätten klemmte ein Schokoladenpapier. Huhu näherte sich vorsichtig der Tür, die nur angelehnt war. Dahinter befand sich einer der Räume, in der Blogbeiträge entstanden.

Die Werkstatt war ein großer Raum mit Neonleuchten, die von der hohen Decke hingen. Hier gab es die unterschiedlichsten Arten von Materialien und Werkzeugen. Garnstränge hingen von der Decke, in einer Ecke stapelte sich Holz und an einer Wand lehnten Metallplatten. Um dieses Rohmaterial zu Postings zu verarbeiten gab es etliche Werkzeuge und Maschinen, die je nach Art und Entstehung des Blogbeitrags zum Einsatz kamen. Manche Blogbeiträge wurden kunstvoll geklöppelt, wofür kostbares Seemansgarn zum Einsatz kam. Andere Postings wurden nur schnell zusammengezimmert, dafür verwendete Silencer in erster Linie Holz. Die Metallplatten waren für Beiträge mit harten Fakten und starken Argumenten gedacht und kamen dementsprechend sehr selten zum Einsatz – ein solcher Beitrag musste zeitintensiv zusammengeschraubt werden, was nicht oft gemacht wurde. Viel öfter wurden Fingerfarben benutzt, die eimerweise bereitstanden, und mit denen man schnell mal etwas einfach so hinschmieren konnte.

In der Mitte des Raums stand die zentrale Werkbank, auf der alle Beiträge, egal ob geklöppelt, geschraubt oder ausgefeilt, entstanden. Sie sah nicht aus wie eine klassische Werkbank, sondern eher wie ein sehr großer Tisch aus Metall. Die Arbeitsplatte war aus Glas, von unten beleuchtet und in der Höhe verstellbar. Am Rand war sie rundherum mit leicht geneigten Schaltflächen aus Glas versehen, mit denen man für jedes Blogobjekt Einstellungen vornehmen konnte.

Auf dem Rand dieser High-Tech-Werkbank, die gerade bis auf Hüfthöhe abgesenkt war, saß der andere Huhu und stopfte die geklaute Schokolade in sich hinein.

Huhu hatte das Gefühl als würde ein kaltes Gewicht seine Brust zusammenpressen. Er konnte vor Anspannung kaum atmen, aber dennoch ging er Schritt für Schritt auf den zweiten Pinguin zu. Der andere Huhu bemerkte ihn, sah ihn an und kniff die Augen zusammen. Es war das erste Mal, dass die beiden sich begegneten, und das erste Mal, dass der andere Huhu von der Existenz von Huhu erfuhr. Der andere legte den Kopf schief, als Huhu zögerlich und mit kleinen Schrittchen immer weiter auf ihn zugetrippelt kam, blieb aber ruhig sitzen.

Huhu streckte vorsichtig eine Flosse aus und näherte sich ein weiteres Stückchen. Würde etwas passieren, wenn er sein anderes Ich berührte? Würde es vielleicht eine physikalische Reaktion geben, als wenn Materie und Antimaterie kollidierten? Würde sich die Raumzeit zusammenfalten? Gäbe es eine Realitätsimplosion? Oder würde es vielleicht Blitzen und Qualmen und wenn sich der Rauch verzog, war er wieder eins?

Huhu nahm all seinen Mut zusammen, schloss die Augen und berührte sein anderes Ich.
Ein helles, glockenartiges Geräusch erklang, eine Art lautes „TING“.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 10. Januar 2014 in Huhu

 

3 Antworten zu “Huhus Geschichte (14)

  1. zimtapfel

    10. Januar 2014 at 19:28

    TING?

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  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    11. Januar 2014 at 18:21

    Natürlich „Ting“. Zugegeben, in Schriftsprache transkribiert sieht es etwas albern aus, aber so klingt es, wenn ein Pinguin seine Schattenseiten wieder integriert.

    Hachz 😀

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  3. zimtapfel

    12. Januar 2014 at 10:17

    Ich mein ja nur. Dies Ding, das ich vor Weihnachten aus einem Pappkarton fischte, das macht nämlich auch TING, wenn man es berührt. Ich vermutete größere Zusammenhänge… aber ich sollte mir wohl nicht immer zuviele Gedanken machen.

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