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Huhus Geschichte (15)

12 Jan

Ein helles Geräusch erklang, eine Art lautes „TING“.
Huhu öffnete ein Auge und blinzelte vorsichtig.
Der andere Huhu sprang von der Werkbank und eilte zu einer Mikrowelle, deren Timer soeben auf Null gesprungen war. Normalerweise wurde die hier in der Beitragswerkstatt benutzt, um Standpunkte vorsichtig im Wasserbad zu erwärmen bis sie aufgeweicht waren. Nun öffnete der andere Pinguin das Haushaltsgerät und nahm eine Schale heraus, dann kam er wieder zu Huhu gewatschelt und stellte sie vor ihm auf der leuchtenden Tischplatte der High-Tech-Werkbank ab. In der Schale war geschmolzene Schokolade. Jetzt hielt er ihm ein Stück Keks hin. Schokoladenfondue?! Tatsächlich, der andere Pinguin hatte Schokoladenfondue gemacht.

Huhu versuchte trotzdem noch einmal, ob sich nicht in richtig was in Richtung Raumzeitexplosion, Quantenfaltung oder ähnlichem ereignen wollte, und tippte dem anderen Pinguin noch einmal, und diesmal fester, auf den Bauch. Der sah in irritiert an, dann piekte er Huhu mit Schwung ins Auge. Huhu taumelte zurück und presste eine Flosse auf die schmerzende Stelle. Der andere widmete sich wieder hingebungsvoll dem Verzehr von Keksstückchen mit heißer Schokoladensoße.

Huhu hatte gehofft, dass es einen hellen Lichtblitz geben würden, und vielleicht einen Knall und Rauch, und wenn der sich wieder legte, dann wäre aus zwei halben Huhus wieder ein ganzer geworden, oder so. Vermutlich geschah das sowas aber nur im Märchen. Er blickte den anderen an. Dem war offensichtlich piepegal, dass es ihn zweimal gab, oder das er nur eine Hälfte war.

Huhu konnte es nicht fassen. Offensichtlich hatte es den anderen Huhu nur für eine Sekunde irritiert, dass er sich selbst gegenüberstand. Dann hatte er es einfach akzeptiert und ihm Schokoladenfondue angeboten. Unglaublich. Die Entdeckung, dass es ihn, Huhu, zweimal gab, hatte ihn, Huhu, komplett aus der Bahn geworfen und ihn in tiefe Grübeleien, Zweifel und schlaflose Nächte gestürzt! Fast bewunderte er die Fähigkeit des anderen durchs Leben zu gehen und Dinge einfach gegeben hinzunehmen, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Das machte bestimmt einiges einfacher.

Tatsächlich war der andere Pinguin vollkommen unbekümmert. Er nahm sich was er wollte, tat wonach ihm war und scherte sich um nichts. Ihm ging es gut damit. Wie sollte Huhu im klarmachen, dass das alles hier nicht richtig war? Er seufzte. In dem Moment hörte er hinter sich ein leises Kichern. Oh nein, dachte er, bitte, NICHT jetzt!

Aber es war zu spät. Das Wiesel kam aus seinem Versteck hinter der großen Fräse, die dem Drechseln von Formulierungen diente, hervorgeschnellt und sprang die beiden Huhus an. Nun passierten mehrere Sachen gleichzeitig: Huhu hob die Arme zum Schutz vor´s Gesicht, während der andere Huhu seinen Keks fallen ließ und in Kampfstellung ging. Beides nützte ihnen nichts, denn das Wiesel prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen die beiden Pinguine und riss sie um. Sie fielen rücklinks auf die Werkbank, während das Wiesel von seinem eigenen Schwung weiter getragen wurde und über die beiden hinwegrollte, wobei ihm die Schale mit der warmen Schokolade um die Ohren flog. Damit hatte es anscheinend nicht gerechnet, und sein eleganter Sprung verwandelte sich in ein unkontrolliertes Gezappel. Es versuchte sich festzuhalten, aber seine Pfoten kratzten über die glatte Fläche der Arbeitsplatte ohne Halt zu finden, und so schlidderte es, eine Schokoladenspur hinter sich her ziehend, über den Tisch, rutschte über den Rand und schlug außer Sichtweite mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.

Das Ganze hatte nur Bruchteile von Sekunden gedauert. Huhu war leicht benommen. Er blickte zu dem anderen Pinguin, der neben ihm auf der Werkbank auf dem Rücken lag und ebenfalls noch verdutzt schien, dann verdrehte er den Kopf und blickte in die Richtung, in die das fliegende Wiesel aus seinem Blickfeld verschwunden war.

Am Rand des Arbeitstisches erschien eine Wieselnase. Anscheinend hatten der fehlgeschlagene Rangelversuch, der schokoladenbehaftete Flug über die Werkbank und der Aufschlag auf dem Boden das Wiesel gründlich aus dem Konzept gebracht, denn es blickte sich verwirrt und ruckartig um, dann versuchte es mit fahrigen Bewegungen wieder auf die Arbeitsplatte zu klettern. Das war nicht ganz einfach. Der Rand der gläsernen Fläche war mit kleinen Touchscreens gespickt. Alles glatte Oberflächen, von denen nun zu allem Überfluss die warme Schokolade des Fondues tropfte… Das Wiesel rutschte ab und fasste schnell mit der zweiten Pfoten nach, die aber auch wegglitschte. Es versuchte sich am Rand des Tisches festzukrallen und hochzuziehen, wobei es auf allerhand Knöpfe kam und Schaltflächen aktivierte.

Huhu konnte nicht sehen was passierte. Er versuchte sich gerade aufzurichten, als sein ganzer Körper zu kribbeln begann. Er streckte eine Flosse aus und betrachte sie. Kleine, statische Entladungen ließen sein Fell abstehen. Dann nahm die Intensität der Entladungen schlagartig zu, und ein blauer Schimmer und kleine Blitze zuckten über ihn hinweg. Huhu sah zu dem anderen Pinguin hinüber, über dessen Körper ebenfalls Blitze glitten, und der plötzlich von Innen heraus zu leuchten schien. Das Licht wurde immer heller, bis es so strahlte, dass nichts in der Umgebung mehr Schatten warf. Alles verschwand in einem blendenden Weiß, und dann… faltete sich die Raumzeit zusammen. Sie drehte sich um sich selbst und verschwand in einem korkenzieherförmigen Strudel, der immer kleiner und kleiner wurde. Es gab eine Implosion, als der Lichtstrudel in sich zusammenfiel und nichts hinterliess als ein kleines Rauchwölkchen.

Huhu wedelte den Rauch mit einer Flosse zur Seite und blickte sich um. Er lag auf der großen Werkbank in der Beitragswerkstatt. Aber warum? Wie war er hierher gekommen? Seine Ohren taten ein wenig weh, aber ansonsten ging es ihm gut. Er fühlte sich sogar hervorragend. Er rappelte sich auf watschelte zum Wiesel hinüber, dass sich am Rand des Arbeitstisches festklammerte. Huhu schob es sachte von den Revisionskontrollen weg, an denen es sich festhielt. Die Beitragswerkbank hatte ein eigenes Versionskontrollsystem. Dessen Regler stand nun auf "Juni 2013", dahinter blinkte die Meldung "Ältere Version dieses Objekts wiederhergestellt".

Huhu wusste nicht genau was passiert war, weder warum er auf der Werkbank zu sich gekommen war, noch warum hier alles voller Schokoladensauce war. Das letzte, woran er sich deutlich erinnern konnte, war, dass er Einkaufen gewesen war und dann Fischstäbchen gegessen hatte. Danach war alles… undeutlich. Merkwürdige Bilder von schreienden Würfeln, kleinen Pinguinen mit einer großen Packung Fischstäbchen, Sternchenkeksen in Büchern und einem Müllsack huschten durch sein Gedächtnis und verblassten dann, so wie Erinnerungen an einen Traum verblassen, kurz nachdem man aufgewacht ist.

Huhu sah das Wiesel an, dass ihn freundlich angrinste und sich Schokolade von der Nase leckte. Der Pinguin schaltete den Arbeitstisch ab und blickte sich um. Wie sah es hier bloß aus? Als hätte seit Monate niemand mehr saubergemacht. Überall lagen Worthülsen herum und was sonst bei der Erstellung von Blogeinträgen noch so an Abfall anfiel. Huhu strich dem Wiesel übers Fell und seufzte. Hier gab es viel Aufräumarbeit für ihn zu tun.

Epilog
Der Zustand des Blogs war nicht das einzige, was Huhu in der nächsten Zeit überraschte. Als er das Haus betrat, nahm er verwundert die Weihnachtsdekoration zur Kenntnis. Zunächst dachte er, dass Silencer jetzt komplett abgedreht sein musste, wenn er mitten im Juni einen Weihnachtsbaum aufstellte. Dann bemerkte er, dass es tatsächlich schon Dezember war. Irgendwie waren ihm sechs Monate abhanden gekommen, an die er keine wirkliche Erinnerung mehr hatte. Außerdem entdeckte er, dass jemand überall Süßigkeiten und Fischstäbchen versteckt hatte. Das irritierte ihn aber nicht lange, denn er hatte genug damit zu tun das Blog wieder auf Vordermann zu bringen. In den ersten Tagen hatte er noch merkwürdige Träume, in denen er sich selbst beobachtete und nach denen er sich schlecht fühlte, aber auch die hörten bald auf.

Silencer hatte von all dem nichts mitbekommen. Er hatte sich gewundert, dass Huhu im Spätsommer verschwunden und im Herbst wieder aufgetaucht war, und hatte am Rande bemerkt, dass sich der Blogpinguin ein wenig merkwürdig verhalten hatte. Aber darüber hatte er sich nie groß Gedanken gemacht.

Das Wiesel war ein wenig traurig, dass Huhu seit neuestem wieder nicht mehr rangeln wollte. Die Rangelei hatte ihm gefallen. Andererseits war es froh, dass es mit Huhu alles wieder in Ordnung war, es nicht mehr am Schwanz gezogen wurde und es endlich wieder Sternchenkekse gab. Sternchenkekse, hm! Es knabberte Sternchenkekse bis es Bauchschmerzen hatte, dann zog es sich in seine Kiste unter dem Schreibtisch zurück und lächelte zufrieden. Jetzt, wo alles wieder richtig war, konnte es endlich beruhigt Winterschlaf halten. Es rollte sich in seinem Nest aus alten Landkarten zusammen und schlief ein.
Ob es die ganze Aktion in der Beitragswerkstatt wohl geplant hatte? Das werden wir wohl nie erfahren.

– ENDE –

 
3 Kommentare

Verfasst von - 12. Januar 2014 in Huhu

 

3 Antworten zu “Huhus Geschichte (15)

  1. Die Wunderbare Welt des Wissens

    12. Januar 2014 at 20:07

    Wir lernen:
    1) Wiesel und Schokolade lösen ALLE Probleme.
    2) Silencer ist manchmal etwas unaufmerksam.
    3) Es macht doch nicht TING, wenn ..(S. Kommentar bei Teil 14)
    4) Wir werden nie erfahren, warum DER ANDERE in der Schweiz war, wie er dorthin und wieder zurück gelangte, warum er Schokofondue mit Pinguinen teilt, aber Fischstäbchen nicht (meine Prioritäten wären andere 😉 )
    5) Das Wiesel kichert (meins nicht, interessant)
    6) Silencer könnte Romane schreiben, Huhu sie redigieren.

    Danke!

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  2. Die Wunderbare Welt des Wissens

    15. Januar 2014 at 21:31

    Ich möchte hier dezent verpönen, dass außer mir niemand dieses wunderbare Happy End einer nervenzerfetzend spannenden Geschichte kommentiert hat.

    WWiesel und ich sind jedenfalls sehr glücklich. Danke.

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  3. Silencer

    15. Januar 2014 at 23:03

    Danke, WdW. Ich weiß, das sehr zu schätzen. Ich weiß auch, dass einige, die hier nie kommentieren, die Geschichte mit großer Spannung verfolgt haben. Deshalb ist das Schweigen durchaus OK, Es gibt zumindest keinen Aufschrei der Empörung, d.h. die Narrative sind wieder in Ordnung.

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