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Motorradreise 2013 (6): Das Schlimmste und das Beste

18 Jan

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Am sechsten Tag der LANGEN Reise geraten die beiden in Bergnot, fahren durch die Hölle und streicheln Wolken.

Freitag, 07. Juni 2013, Agriturismo La Vecchia Fontana, Roccafinadamo, Region Abruzzo, Italien

Ich bin mir ganz sicher: Falls Navigationsgeräte eine gute Seele haben, dann steckt die in der Ladehalterung. Das bedeutet: Alles Gute, das jemals in meinem TomTom gesteckt hat, muss zusammen mit seinem Ladegerät gestorben sein. Was übrig ist, ist von Dämonen besessen und versucht mich zu töten. Was heute passiert, ist kein Spiel mehr. Heute gerate ich in Lebensgefahr und verliere um ein Haar das Motorrad.

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Dabei fängt der Tag noch gut an – ich wache gegen 05.30 Uhr auf, geweckt vom zweitskurrilsten Tierruf, den ich bislang gehört habe. Irgendwo auf dem Gelände verbirgt sich ein Viech, das ein Geräusch macht, als würde eine erkältete Micky Maus starke Schmrezen wehklagen. Immer wieder schallt ein nasales, langezogenes „Auuuuuuu“ über das Gut „La Vecchia Fontana“. Was das wohl sei, hatte ich Mauro schon am Abend zuvor gefragt. „Un Pavone“, ein Pfau. Also werde ich heute Morgen wohl von einem Pfau geweckt und von dem Morgenlicht, das schon durch die Vorhänge scheint.

Nach einem italienischen Frühstück schaue ich mir noch ein wenig Flora und Fauna der Vecchia Fontana an und entdecke dabei Mutter und Kind Esel und ein Pony, dass freundlich grüßt.

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Dann belade ich das Motorrad und stecke das, an der Steckdose aufgeladene, Navigationsgerät in die defekte Ladehalterung im Cockpit. Der Akku wird nun für sechs Stunden durchhalten, für die heutige Etappe sollte das reichen. Dann kontrolliere ich nochmal die Maschine und verabschiede mich schließlich von Gastgeberin Monia, die noch vor mir den Hof verlässt um zur Arbeit zu fahren. Neben dem kleinen Landwirtschaftsbetrieb und den Gästezimmern haben Monia und Mauro noch andere Jobs.

Die Zufahrtsstrasse zu dem kleinen Agritursimo ist stellenweise sehr steil, und an einer Stelle ist die Straße sogar überspült worden und besteht nun nur noch aus Sand. Mir ist nicht wohl dabei, und ich hoffe, dass ich heil da raus komme. Ich lasse die Kawasaki lange warmlaufen, denn wenn sie auf dem steilen und versetzen Ausfahrtsstück bockt und ausgeht, so wie neulich in Passau, dann fallen wir um. Das wäre wenig erstrebenswert, zumal in dieser menschenleeren Region die nächste helfende Hand weit weg sein kann.

Aber alle Sorgen sind unbegründet, im ersten Gang meistert die Renaissance die Steigung ohne Probleme, und kurz darauf stehen wir im warmen Sonnenlicht auf der Straße von Rocca Finadamo. Ich hatte eigentlich erwartet das es nun ins Tal geht, aber das Navi scheint einen besseren Weg zu kennen. Es führt mich auf eine Nebenstrasse, die schnell wieder kaum mehr als ein einspuriger, geteerter Feldweg ist, der sich in Kurven durch die Berge schlängelt. Nunja, mir soll´s recht sein. Bergfahren schreckt mich nicht mehr. So reiht sich Kurve an Kurve und Kehre an Kehre, und ich habe alle Hände voll mit konzentriertem Fahren zu tun und kaum Zeit die großartige Aussicht zu genießen.

An einem kleinen Gehöft komme ich an einer Baustelle vorbei – Zeichen der Zivilisation, denke ich bei mir, sicher kommt gleich eine größere Straße. Leider ist das Gegenteil der Fall. Immer höher in die Berge führt mich das Navigationsgerät, und immer enger wird die Straße. Mir kommt das Ganze ein wenig komisch vor, aber hey, was soll schon passieren? Immerhin ist das TomTom ein spezielles Gerät für Motorräder. Man kann die Art der Straßen auswählen, die in die Routenberechnung einbezogen werden sollen, und mein Navi ist auf „NIEMALS UNBEFESTIGTE STRASSEN BENUTZEN“ eingestellt.

Etwas angesäuert bin ich denn auch, als die letzten Teerflicken in der Schlaglochpiste verschwinden und vor mir ein Schotterweg liegt, der hinter einer Biegung verschwindet. Schotter, ausgerechnet. Naja, immerhin ist das noch halbwegs befestigt, und das ist bestimmt nur ein Stück, hinter der Biegung wird das besser, rede ich mir ein. Kurz entschlossen gebe ich Gas und fahre behutsam den Schotterweg entlang.

Schotter, aber immerhin gut fahrbar: Der harmlose Anfang eines Höllenritts.

Schotter, aber immerhin gut fahrbar: Der harmlose Anfang eines Höllenritts.

Leider wird es hinter der Biegung nicht besser, im Gegenteil. Der Schotterweg wird ganz eng und hat plötzlich eine nicht unerhebliche Steigung, und ich kann nicht überschauen wie lange das weitergeht. Vorsichtig fahre ich weiter, leise fluchend, aber auch mit einem winzig kleinen Bisschen Spaß an der Sache. So kann ich wenigstens mal Fahren auf Schotter üben… Das erfordert zwar viel Konzentration, aber es geht.

Wenige Wegbiegungen später ist es dann nicht mehr nur Schotter, der mir das Leben schwer macht. Der Weg (eine Strasse ist das schon lange nicht mehr) ist stellweise mit Gras überwachsen und besteht nur noch aus zwei Spurrillen aus Steinen. Manche der Steine sind so spitz, dass Sie problemlos einen Reifen punktieren könnten. Andere sind flach wie Bachkiesel. Dazu kommt, dass der Weg nun nicht nur eine Steigung hat, sondern auch Längsgefälle zur Talseite. Unschön. Freiwillig würde ich das niemals fahren. Aber Umdrehen kann ich jezt nicht mehr, dazu ist hier alles zu eng. Und jetzt einen Kilometer rückwärts über Schotter rollen, da habe ich auch keine Lust drauf. Also Zähne zusammengebissen und durch, schlimmer kann es ja kaum noch werden, oder?

Vorsichtig fahre ich weiter, im ersten Gang. Steine springen mit lauten „PLONK“-Geräuschen unter den Reifen weg, und ich hoffe, dass mir eine Reifenpanne hier oben erspart bleibt. Zwar habe ich gleich zwei Reparaturkits an Bord, aber um die zu benutzen, müsste ich die Maschine abstellen können, und dazu ist der Untergrund hier zu uneben und der Weg zu schmal.

Vor dem grandiosen Panorama der Abruzzen, für das ich gerade kein Auge mehr habe, klettert die Renaissance Meter um Meter den Bergweg hinauf. Ich bin hochkonzentriert und achte darauf, genau das richtige Verhältnis aus Vortrieb und Gleichgewicht zu finden. Ich bin nämlich mittlerweile der Überzeugung das der Grund für den Sturz auf Schotter im vergangenen Jahr schlicht mangelnder Schwung war.

Nach etwa einem Kilometer ist der Spuk zu Ende. Der Weg wird wieder breiter und eben, und neben einer Scheune verläuft ein geteerter Weg. Ich stelle den Motor aus, der durch den fehlenden Fahrtwind viel heißer gelaufen ist als normal, klappe den Helm auf und atme tief durch.
Einmal, zweimal, oft.

Ich zittere vor Anstrengung und Konzentration. Was für ein Mist, gut dass das vorbei ist. Dann blicke ich nach vorne, und mir fällt die Kinnlade herunter. Was ich aus dem Augenwinkel für eine Scheune gehalten habe, ich nur eine Ruine. Das war mal eine Scheune, muss aber schon seit Jahrzehnten verfallen. Und was nach Strasse aussah… mir bleibt die Luft weg. Was ich aus der Ferne für hellen Asphalt hielt ist in Wahrheit… NEIN!
Das.

KANN.

Nicht.

SEIN!!

Ich schließe die Augen und atme tief durch, dann sehe ich nochmal hin. Fünfzig Meter vor mir befindet sich eine Ansammlung von Findlingen. Die meisten sind kopfgroß, manche kleiner, viele noch größer. Sie liegen übereinandergetürmt den Berg hinauf, wie eine Treppe. Ich weiß, was das ist. Das ist kein Weg. Das ist ein Sturzbachbett, durch das Schmelz- und Regenwasser ins Tal plätschern. Vielleicht wird das im Sommer auch als Wanderweg genutzt, aber für Fahrzeuge ist das hier nicht gemacht. Ich blicke mich um, aber einen anderen Weg gibt es nicht. Dann blicke ich auf´s Navi, dass tatsächlich dieses… Ding… vor mir als Strasse kennzeichnet. In dem Moment wird mir klar, dass mein Navigationsgerät versucht mich umzubringen.

Ich habe keine andere Wahl. Der Weg ist zu schmal zum Wenden. Rückwärts fahren geht auch nicht. Also muss ich da hoch. Ich klappe den Helm zu und gebe Gas. Der Vorderreifen des Motorrads bekommt Kontakt mit dem, in einem Winkel von vielleicht 30 Grad ansteigenden, Steinhaufen. Ich gebe Gas, der Heckantrieb schiebt vorwärts, und erst langsam, dann schneller beginnt das Motorrad die Wand aus Findlingen hinaufzuklettern. Ich bleibe im Sattel sitzen, kozentriere mich ganz auf das Gleichgewicht und das Gas und behalte beide Füße auf den Rasten. Wenn ich jetzt ins Kippen komme, hilft auch das Abstützen mit einem Bein nichts mehr – das Motorrad wird einfach umfallen, und auf dieser unebenen und steilen Fläche besteht keine Chance, dass ich es jemals halten oder allein wieder aufrichten werde können.

Die Felssammlung zieht sich um eine langgestreckte Kurve. Ich fluche noch mehr und steuere das Motorrad von Findling zu Findling. Verdammt, dass hier wäre selbst mit einem Geländemotorrad eine Herausforderung, und die Renaissance ist eine Sportmaschine! Ihr Kühler hat einen riesigen Spoiler, der die Luft hereinsaugt und der nur knapp über der Strasse hängt. Wenn das Ding an einem Fels hängen bleibt, wird es sofort brechen, und mit ihm wird die ganze vordere und untere Verkleidung in Stücke gerissen.

Sieht von oben so harmlos aus: Drei Kilometer Hölle.

Sieht von oben so harmlos aus: Drei Kilometer Hölle.

Gut, dass ich in diesem Moment daran nicht denke – ich bin zu beschäftigt. Wie durch ein Wunder setzt der Spoiler auch nicht auf, lediglich an der Seite des Motors kratzt ein Fels entlang – und genau dort befinden sich seit neustem die Motorprotektoren, die das abfangen.

Als es wieder um eine Kurve geht, denke ich nur noch: Bitte, KEINE STEINE MEHR. Mein Wunsch wird erhört: Die großen Steigung ist vorüber, die Findlinge verschwinden. Stattdessen ist ein Stück Hang in das Felsbett gerutscht und hat alles in eine Schlammfläche verwandelt.

Ich bin an einem Punkt angekommen, in dem ich etwas entwickelt habe, dass Terry Pratchett mal „Second Thoughts“ genannt hat. Während ich mich mit dem aktuellen Problem beschäftige, gleichzeitig „You must be kiddin´me“ denke und abschätze, wie ich wohl fahren muss um DA durch zu kommen, lehnt sich ein kleiner Teil meines Bewusstseins zurück, glotzt auf die Leinwand in meinem Kopf, holt das Popcorn raus und denkt sich: „Na, mal gucken wie er da durch kommt“. Das sind die Zweiten Gedanken, die die ersten Gedanken beobachten und kommentieren. Und sie genießen eine gute Show.

Ich habe keine Wahl, gebe Gas, achte darauf das die Drehzahl nicht zu niedrig ist und halte auf das Schlammfeld zu. Das Vorderrad taucht schmatzend in die Masse ein, und der Schwung trägt das Motorrad ein Stück weiter, dann wird es langsamer. Ich gebe mehr Gas, aber das führt dazu, dass das Hinterrad ausbricht und das Heck der Maschine, das mit drei Koffern beschwert ist, ausbricht und uns fast umreist. Ich dosiere etwas feiner und bin froh, als der Hinterreifen nach einiger Wühlerei auf Stein stösst, greift und vorwärts schiebt.

Man trete eine Schritt zurück und betrachte das Gesamtkunstwerk, kommentieren die Zweiten Gedanken. Stellen wir uns vor, wir wären ein Bergbauer in den Abruzzen. wir gucken jeden Tag nach unseren Schafen, oben, auf der Bergwiese, dort, wo der Sturzbach ist. Und eines Tages, da trauen wir unseren Augen nicht. Eines Tage versucht ein Typ, der total irre sein muss, mit einem Sportmotorrad den Berg hinaufzufahren…

Das Heck bricht nach links und rechts aus, aber ich kann das Gleichgewicht halten. Matter of fact: Wenn ich hier stürze, liegt die Maschine fest. Bis ich Hilfe geholt habe, für mehrere Stunden. Wenn ich das Motorrad nicht verlieren will, muss ich weiter und kann mir keinen Fehler erlauben.

Mit einem letzten Gasstoß ist die Kawasaki wieder frei. Ich halte an und blicke zurück auf das Schlammfeld. Was für eine Prüfung! Ich wollte schon immer mal lernen, in so schwierigem Gelände zu fahren – aber doch nicht so! Ich hatte als Vorbereitung auf diese Reise tatsächlich ein Endurotraining im April gebucht. Dummerweise wurde das auf Juli verschoben, so dass ich bislang null Erfahrung mit Motorradfahren im Gelände habe. Das alles hier, das wäre schon für eine Enduro hart – das dieser Scheiss mit der Renaissance überhaupt möglich ist, hätte ich nie gedacht. Auf sowas bin ich nicht vorbereitet. Was aber nicht heisst, dass Du nicht bereit dafür bist, sagen die Zweiten Gedanken. Die haben gut reden, die müssen ja auch nicht fahren.

En Blick nach vorne zeigt wieder Findlinge und große Steine. Nun gut, immer noch besser als Schlamm. Zumindest fast, denn in der Felsoberfläche gibt es tiefe Mulden, in denen Regenwasser und Schlick steht. Um eine komme ich nicht herum und muss direkt hindurch, ohne zu wissen wie tief sie ist. Das Vorderrad versinkt bis zu Radnabe im Wasser. durch den plötzlichen Wiederstand droht die ZZR zu kippen. Ich gebe Gas, und die Maschine taucht auch mit dem Hinterrad ein. Wasser spült durch den Frontspoiler und über meine Stiefel. Dampf steigt links und rechts auf, als das Wasser an die heißen Auspuffrohre kommt. Ich wackele hin und her um das Gleichgewicht zu halten und muss tierisch aufpassen, um nicht zu langsam zu werden. Im Hinterzimmer meines Kopfkinos legen die Zweiten Gedanken Popcorn nach und beugen sich in ihren Sesseln gespannt nach vorne. Sie sind der Meinung, dass es keine Alternative gibt als das jetzt zu schaffen. Scheitern ist keine Option.

Langsam hebt sich das Vorderrad wieder aus dem Wasser, das Hinterrad folgt, und weiter geht es über die Felsen. Was kommt wohl jetzt? Ah, das nächste Level kombiniert bekannte Elemente zu einem neuen Schwierigkeitsgrad: Jetzt gibt es Steine UND Kurven. Ein Motorrad muss in die Schräglage gehen um Kurven fahren zu können, alternativ und bei niedrigeren Geschwindigkeiten muss man mit dem Lenker rumkippeln oder mit Stützgas fahren. Beim Stützgas gibt man gleichzeitg mit der Hand Gas und steht mit dem Fuß auf der Hinterradbremse. Durch die Kreiselkräfte kann man damit sehr langsam fahren, ohne zu Kippeln und umzufallen. Genau das mache ich jetzt, um durch eine Findlingübersäte Kurve zu kommen, die sich in einer schlimmeren Steigung als zuvor den Berg hochzieht.

Immer schlimmer wird der Weg, immer steiler zieht er sich den Berghang hinauf.

Immer schlimmer wird der Weg, immer steiler zieht er sich den Berghang hinauf.

Als der Weg wieder geradeaus führt, ist er plötzlich matschig. Aus einem Loch in der Bergwand sprudelt Wasser wie aus einem Feuerwehrschlauch, schiesst zu einem Teil direkt über den Rand des „Wegs“ und kommt mir zum anderen Teil entgegen. Ich kämpfe mich weiter, und langsam sieht die Findlingsansammlung wieder mehr nach Weg aus, ich meine sogar Spurrillen erkennen zu können. Das hier wäre selbst zu Fuß eine Herausforderung, mit einem Motorrad ist es schlicht unvorstellbar. Für einen Cross-Champion, vielleicht, aber das ich das fahren könnte hätte ich bislang nicht gedacht.

Endlich hege ich Hoffnung – ein Stück weiter vorn, inmitten von Bäumen und Büschen, sehe ich rotes Band, das in Italien für Baustellen verwendet wird. Baustelle heisst, dass da gebaut wird, oder? Bauen ist ein Zeichen von Zivilisation, richtig? Zivilisation bedeutet, dass da ein richtiger Weg ist, oder?
Oder???

Leider falsch gedacht. Das rote Bauband markiert – einen Erdrutsch! Ein Teil des „Wegs“ ist auf einer Länge von vielleicht vier Metern abgestürzt, einfach den Berg hinabgerutscht. Rechts von mir ist die Bergwand, an der ein kleiner Rest Weg übrig ist. Eigentlich ist es kein Weg, eher handelt es sich um einen Vorsprung, vielleicht einen knappen Meter breit, mehr ist nicht übrig. Links geht es senkrecht den grasbewachsenen Berg hinab. Ungefähr fünfzig Meter tief kann ich blicken, dann versperren mir Büsche die Sicht.
Die Renaissance ist mit Koffern rund 1,50 Breit, 75 Zentimeter zu jeder Seite des Hinterrads. Das heisst: Ich muss den 1 Meter breiten Weg ganz nah am Abgrund entlangfahren, weil ich sonst mit dem Seitenkoffer an der Felswand hängen bleibe. Wenn die weiche Kante wegbricht oder das Motorrad kippt, dann ist der Sturz den Berg hinab unausweichlich. Bei einem Sturz wäre das Motorrad in jedem Fall ein Totalverlust, und ich würde es vielleicht auch nicht überleben.
Ich stehe unentschlossen vor dem abgerutschten Stück Weg und weiß nicht weiter. Was soll ich tun? was KANN ich tun?

Mögliche Optionen wären: Ich könnte die Bergwacht rufen. Oder die Feuerwehr. Wird zwar schwer denen zu erklären wo ich bin, aber vielleicht kann ich aus dem Navi die Position ermitteln… der Gedanke erledigt sich dann aber schnell, denn als ich das Telefon aus der Tasche ziehe, sehe ich, dass es hier oben, in dieser gottverlassenen Region, überhaupt keinen Empfang gibt. Immerhin, ich hätte das ernsthaft als Option in Betracht gezogen mich hier retten zu lassen.

Ich könnte das Motorrad gegen den Hang lehnen und zu Fuß losgehen und gucken ob ich einen Bauern finde. Und dann hoffen, dass dem was einfällt. Obwohl…. Nein, zum Absteigen vom Motorrad reicht der Platz auch nicht.

Plötzlich ist mir vollkommen klar: Das Motorrad und ich sind nun mehr als jemals zuvor miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. Wir kommen hier entweder gemeinsam weiter – oder gar nicht. Wenn ich nun weiterfahre, werden wir entweder beide hier raus kommen – oder wir werden beide abstürzen. Selbst wenn es mir gelingen sollte den Absturz zu überstehen, das Motorrad wird verloren sein. Das hier ist kein Spiel mehr. Diese Region ist so abgelegen, dass mich hier nie jemand finden wird, wenn jetzt etwas passiert.

Die Entscheidung ist klar. Jetzt denke nicht lange nach, ich bin ohnehin schon so fokussiert und konzentiert, dass ich mich nicht mehr zusammenreißen muss. Ich setze den Vorderreifen präzise auf den Rand des Abbruchs, um den maximalen Spielraum für das breite Heck des Motorrads rauszuholen, gebe Gas und fahre zügig an der Erdkante entlang. Ich denke nicht daran, dass unter meinem linken Stiefel 50 Meter Luft sind. Ich sehe nur auf die andere Seite. Ich empfinde keine Furcht, nur Anspannung. Anspannung ist die einzige Emotion, die ich seit einer Stunde spüre. Exakt auf Maß passiert die Machine den Abgrund und kommt auf der anderen Seite an, wo der „Weg“ wieder ganz ist. Hier besteht er aus kleineren Steinen und wäre sogar angenehm zu fahren, wenn mir nicht immer noch Wasser entgegenspülen würde, und wenn nicht immer noch eine mörderische Steigung anliegen würde. Der Motor des Motorrads, dafür gemacht bei 12.000 Touren über Sportstrecken zu jagen und dabei mit Luft gekühlt zu werden, ist so heiß, dass der Kühler dauernd läuft.

Mein Bewusstsein hat sich mittlerweile zu den Zweiten Gedanken auf den Logenplatz verzogen und frisst denen das Popcorn weg. Ich sehe mir quasi selbst dabei zu, wie ich mit dem Berg kämpfe. Ich denke nicht mehr und fluche nicht vor mich hin, ich bin nur noch pure Konzentration auf den jeweils nächsten Meter Weg. Ich habe mich damit abgefunden dass das hier so bald nicht aufhört und immer weiter geht, und jedes bißchen Selbstmitleid, jede Wut auf die Situation und jeder andere Gedanke Verschwendung von Konzentration ist. Am Rande nehme ich zur Kenntnis, dass das Navi einen neuen Horror anzeigt. Ich kann die Steigung mit den Findlingen, Steinen und Felsen fahren, aber was ich nicht kann, ist auf der Stelle wenden. Und in 100 Metern Entfernung zeigt das Display eine 180 Grad Kehre mit einem Radius von einem Meter an. Dort werde ich stürzen, da bin ich mir sicher, aber bis dahin werde ich kämpfen. Meter für Meter. Stück für Stück.

Im langen Winter zwischen 2012 und 2013, während ich die Ausrüstung für die Renaissance baute und die LANGE Reise plante, wurde das Bedürfnis nach Motorradabenteuern irgewann so groß, dass ich mir „A long way round“ zulegte. Das ist eine Reisedokumentation, die im Film festgehalten hat, was Ewan McGregor und Charley Boormann alles wiederfahren ist, während sie einmal auf Motorrädern um die Erde gefahren sind. Ein irrer Trip. Was mir noch am Besten in Erinnerung geblieben ist: Wie die beiden durch die Mongolei fahren, wo es keine Strassen, sondern nur eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern von der Größe von Bombentrichtern gibt. Stunde um Stunde fahren die beiden die Strecke, zwischenzeitlich stürzen sie immer wieder und als alle fix und fertig sind, sehen sie plötzlich….

Da ist sie, die Kehre. Exakt dort, wo das Navi sie anzeigt. Der Winkel ist viel zu stark, dass ist nicht machbar auf dieser Findlingsstrecke. Und plötzlich…

…das hinter der nächsten Ecke eine asphaltierte Strasse ist.
„TARMACK!“, rief Boormann aus, stieg von seiner BMW und warf sich auf den Asphalt und herzte diesen mit Küssen.

„Asphalt!“ denke ich, und kann diese unerwartete Rettung nicht fassen. Gerade als ich dachte, dass jetzt alles vorbei wäre, wird der Weg plötzlich breiter, und was auf dem Navi wie eine Spitzkehre aussah, ist in Wirklichkeit – die Einmündung auf eine Bergstraße! Eine richtige, asphaltierte Bergstraße!!! Ich lenke die Kawasaki auf den Asphalt, steige ab und untersuche die Renaissance auf Schäden. Im unteren Spoiler hat sich eine Menge Schlamm und Steinchen angesammelt, über den Ölkühler zieht sich eine Dreckspur und im Schutzgitter davor stecken Dutzende Steine. Das Kennzeichen ist so verdreckt, dass es kaum noch entzifferbar ist, und hinter den Crashpads an den Seiten der Maschine hängen Grasbüschel. Sonst scheint nichts passiert zu sein.

Grasbüschel an den Crashpads, Steine und Schlamm im Spoiler. Sonst ist nichts passiert.

Grasbüschel an den Crashpads, Steine und Schlamm im Spoiler. Sonst ist nichts passiert.

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So sahen die weniger steinigen Teile des Wegs aus.

So sahen die weniger steinigen Teile des Wegs aus. Nur steiler.

Hier noch ein 3D-Bilder der Contrada Scorranesi, wie der Höllenweg sich nennt. Er war übrigens, habe ich später rausbekommen, tatsächlich mal ein fahrbarer Schotterweg. Starke Regenfälle im ersten Halbjahr 2013 haben aber viel Wegmaterial weggewaschen, so dass über weite Strecken nur die Findlinge aus dem Unterbau übrig geblieben sind.

Contrada sorranesi

Nichts passiert…
Oh, obwohl… Das Wiesel ist sauer. Im Topcase hat sich eine der Wasserflaschen hat sich aus der Verankerung gerissen, und anscheinend ist ein wenig Wasser ausgelaufen und hat das Wiesel naß gemacht.
Nunja. Die schlechte Laune des Wiesels kann meine Erleichterung darüber, dass wird diese VERFICKTE SCHEISSE überlebt haben, nicht schmälern. Ich sperre das Topcase und fahre ohne große Pause weiter, dankbar für den Asphalt unter den Rädern. Nie wieder werde ich mich über Schlaglöcher beschweren, denn ein Schlagloch bedeutet, dass noch ein wenig Straße drumrum ist.

Nach dem ersten Versuch startet das Navi gleich einen zweiten um mich zu töten. Ich muss ein Stück zurückfahren, um zu verstehen, wohin es mich lotsen will:

Das hier verzeichnet das TomTom als fahrbare Strasse.

Das hier verzeichnet das TomTom als fahrbare Strasse.

Navikunst.

Navikunst.

Nee, SO NICHT. Ich schaltet das Tomtom des Todes ab und montiere die kleine Kamera auf die Nase des Motorrads, um zumindest jetzt zu dokumentieren, wie übel selbst die bessere Straßen hier oben sind. Dann orientiere mich anhand meines Instinkts, und tatsächlich finde ich den richtigen Wegweiser, der auf mein Ziel weist UND auf eine asphaltierte Strasse zeigt.

Die Renaissance schwingt durch steile Serpentinen in einem dichten Wald. Höher und höher geht es, und die Temperatur fällt so schnell, wie der Höhenmesser steigt. Auf 1.600 Metern und bei 14 Grad zieht plötzlich dichter Nebel auf. So scheint es zumindest. Schnell wird mir klar, dass das kein Nebel ist, sondern Wolken, die hier am Berg hängen. So dicht über der Strasse und durchflutet von Sonnenlicht wirken sie aber mehr wie ein goldender Schleier, der aber schnell durchfahren ist. Ich amüsiere mich noch über eine Kuhherde, und nach ein paar Biegungen mit Schotter und Baumresten durchstosse ich die Baumgrenze und bin plötzlich auf einem Hochplateau, auf dem nur noch Gräser wachsen. Ganz friedlich liegt die Landschaft in einer weiten Ebene da. Die Wolken ziehen rasend schnell darüber hinweg, und die Straße zieht sich schnurgerade aus.

Das folgende Video startet kurz nachdem ich wieder auf der Strasse angekommen war und zeigt zu Beginn wie schlecht und eng manche Straßen in den Abruzzen sind und danach, wie ich plötzlich auf das Hochplateau stoße.

Von dort aus geht es nach Castel del Monte. Diesen Ort wollte ich kennen lernen, seitdem ich „The American“ mit George Clooney gesehen habe. In Castel del Monte wurden auch noch ganz andere Filme gedreht – einer meiner Lieblinge ist auch darunter, „Der Tag des Falken“ mit der jungen Michelle Pfeiffer.

Castel del Monte, ein winziges Bergnest...

Castel del Monte, ein winziges Bergnest…

...in dem schon über 30 große Filme gedreht wurden.

…in dem schon über 30 große Filme gedreht wurden.

Der Ort atmet Geschichte, wie fast alles in Italien, und ich klettere durch die Treppen und Gassen des Dörfchens.

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Clooneys Versteck aus „The American“ finde ich nicht, vermutlich war das woandes oder eine Kulisse. Ich steige wieder auf die Kawasaki, aber nicht, ohne vorher die Bordkamera anzuwerfen. Denn nun kommt der Grund, weshalb ich die LANGE REISE überhaupt mache.

Hinter Castel del Monte geht es die Berge hinauf, auf einer breiten, gut ausgebauten Strasse. Von hier hat man einen wundervollen Ausblick. Ich bin nicht gut im schätzen von Entfernungen, aber von hier kann man mindestens 50 Kilometer in die umliegenden Täler schauen.

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Manchmal, wenn ich viel Langweile habe, dann mache ich Google Maps auf, gucke mir Satellitenbilder von Landschaften an und zoome dann rein, bis das Streetview-Foto erscheint. So auch Ende letzten Jahres, als ich eine Strasse mitten in den Bergen entdeckte. Es sah so aus als würde die durch eine Wiese führen. Auf Streetview fand ich mich dann aber plötzlich ein einer bizarren Mondlandschaft wieder, die mich spontan faszinierte.

Faszinierende Mondlandschaft: Diese Hochebene will ich in echt sehen!

Faszinierende Mondlandschaft: Die SS17 auf Streetview. Diese Hochebene will ich in echt sehen!

Da wollte ich hin! Jede Reise hat einen Kristallisationspunkt, um den herum sich alles andere entwickelt. Die LANGE Reise hat kein wirkliches Ziel, es ist eine Rundfahrt, bei der jeder Tag ein neues Abenteuer an einem anderen Ort ist, aber der Kristallisationspunkt der LANGEN Reise ist dieses Stück Straße, das ich unbedingt fahren will. Es ist gerade mal 10 Kilometer lang, aber das muss ich sehen.

Ich überhole ein Auto mit Karlsruher Kennzeichen, das auf der Strasse dahinschleicht, und gebe richtig Gas – die Strasse ist breit, übersichtlich und leer, und es macht einfach Spass durch die Kurven zu fegen. Bis ein Moment kommt, der mich schier überwältigt. Die Kurvenstrecke geht über in DIE STRAßE, und ich muss erst einmal anhalten und durchatmen und mir klar machen, dass ich jetzt wirklich hier bin und gleich die Ebene sehen werde, die ich nur von Streetview kenne. Als mein Puls sich beruhigt hat, starte ich das Motorrad und fahre los.

Hochebene auf 1.600 Metern, umgeben von Bergspitzen.

Hochebene auf 1.600 Metern, umgeben von Bergspitzen.

Die Landschaft sieht ganz anders aus als auf den Streetview-Bildern, aber nicht weniger großartig. Vor allem ist sie abwechslungsreich. Zunächst öffnet sich die Hochebene wie ein weites Tal, in dem nur gelbliche Grasbüschel wachsen und die Strasse schnurgerade bis zum Horizont zu verlaufen scheint. Am Ende der langen Gerade gibt es ein paar Kurven, die Strasse führt von einer Hocheben zu einer zweiten, und plötzlich hat sich alles geändert: Links und Rechts erheben sich plötzlich Steinwälle. Aber nicht lange, und als der Blick wieder frei ist, sieht die Landschaft so aus wie in Schottland: Sanfte Hügel mit Grünem, saftigen Gras. Kühe weiden hier oben und stehen gelegentlich auf der Straße herum. Dunkle Wolken hängen an den Berghängen in der Nähe, so dicht, dass man nur die Hand auszustrekcen braucht, um sie zu streicheln. Als die Sonne in den Wolken verschwindet wird es kalt und beginnt zu nieseln. Zugleich ändert sich die Landschaft noch einmal, die Strasse führt jetzt an Berghängen entlang und erlaubt malerische Blicke in tiefe Täler.

Das folgende Video gibt die Eindrücke von der Fahrt in komprimierter Form gut wieder. Zuerst ist der Weg bis zur Hochebene anstrengend und erfordert Konzentration. Dann, nach der Pause zum Durchatmen, entfaltet sich plötzlich die Straße unter dem Motorrad und mir, und wir rollen dahin, von einer beeindruckenden Szenerie zur nächsten.

Als ich wieder unter die Baumgrenze komme bin ich traurig, dass das Vergnügen ein so kurzes war. Ich bin extra langsam gefahren, aber auch die schönste Strasse hat ein Ende. Die Rumbummelei war schön, nun muss ich mich beeilen, wenn ich noch vor dem Mittag tanken will. Ich gebe der Kawasaki die Sporen und heize ins Tal hinab. Heute gewinne ich den Wettlauf gegen die Zeit. Drei Minuten vor 12 Uhr (und damit vor der dreistündigen Mittagspause) entdecke ich eine Tankstelle. Der Tank war nahezu leer, aber nun kann ich beruhigt weiter fahren. Naja, zumindest in Hinblick auf das Benzin kann ich beruhigt sein. Mittlerweile mache ich mir riesige Sorgen um mein Vorderrad, denn seit der Eskapade am Morgen ist das Quietschen am Vorderrad viel schlimmer geworden. Hat die Strecke über die Felsen dem Radlager den Rest gegeben?

Es geht nach Westen, durch L´Aquila. Das ist die Stadt, die 2009 bei einem heftigen Erdbeben stark beschädigt wurde. 15.000 Gebäude wurden beschädigt, 300 Menschen starben in der Nacht des Bebens. In Teilen ist die schwer beschädigte Altstadt auch heute noch nicht betretbar.

Hinter L´Aquila halte ich auf einer einsamen Landstrasse an. Das Quietschen vom Vorderrad macht mich irre, und ich MUSS jetzt wissen warum es so klingt, als ob ich alle paar Meter eine Maus überfahre.

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Sorgfältig untersuche ich die Achse und die Gabel, rüttele mal hier und klopfe mal da und befühle das Gehäuse des Radlagers. Alles fest, nichts heißgelaufen. Als ich schon aufgeben will, fällt mein Blick auf die Welle des Tachgebers. Die hängt in einer Plastikhalterung, die merkwürdig zerschraddelt aussieht. Tatsächlich, die Welle hat sich bereits halb durch die Halterung gescheuert. Und dabei macht sie Quietschgeräusche! Ich klebe ein Kaugummi zwischen Welle und Halterung, und schlagartig ist das Quietschen weg. Heureka, wenn doch alles so einfach zu lösen wäre.

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Ich steuere weiter ins Landesinnere, durch die Berge und raus aus den Marken, hinein in die Region Umbrien. Gegen 15.00 Uhr komme ich in Marmore an, das ist ein kleiner Ort direkt hinter der ehemaligen Industriestadt Terni. Ich stelle das Motorrad auf einem großen Parkplatz ab, auf dem ein paar Katzen in der Sonne dösen, und gehe zu Fuß weiter.

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Jetzt habe ich eine Verabredung mit einem Wasserfall. Ich bin allerdings etwas zu früh, deshalb ist er ist noch nicht da. Lediglich ein kleines Rinnsal tröpfelt die Klippen hinab.

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Ich setze mich auf eine Steinbank in den Schatten unter ein paar Bäumen und warte. Es ist warm, und hier sind nur wenige Touristen unterwegs. Fast dämmere ich ein, als mich eine Sirene aus der Döserei hochschrecken lässt. Drei Mal tönt sie, im Abstand von je fünf Minuten, und um Punkt 16.00 Uhr erscheint der Wasserfall zu unserer Verabredung.

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Die Geschichte des Wasserfalls Cascata delle Marmore
Es war einmal ein Schäfern mit Namen Velino, der sich unsterblich in die Nymphe Nera verliebte. Sie erwiderte seine Liebe, aber weil Nymphen die Liebe zu Menschen verboten war, wurde sie zur Strafe von der Göttin Juno in einen Fluss verwandelt. Velino, zu Tode betrübt, stürzte sich von einem Felsen hinab in den Fluss, um wieder mit Nera vereint zu sein. Er ertrank, und von der Stelle, von der er sprang, entsprang ein Wasserfall. So geht zumindest die Sage. Tatsächlich ist der Cassata di Marmore der höchste, künstliche Wasserfall Europas. Er wurde von den Römern 290 v.C. angelegt, um ein Tal zu entwässern. Aus 165 Metern stürzt das Wasser in das Flussbett der Nera.

2.250 Jahre später hatte sich in der Nähe die Stadt Terni zu einem Industriestandort mit riesigem Energiebedarf entwickelt, und so baute man in der Nähe ein Wasserkraftwerk und lenkte den Fluss dahin um. Der Wasserfall versiegte. Einige Jahrzehnte später spielte Industrie keine große Rolle mehr, aber der Tourismus gewann an Bedeutung, und der schön gelegene Wasserfall ist eine Attraktion. Das Problem: Gänzlich verzichten konnte man auf das Wasserkraftwerk nicht. Und so kam es zu einem Kompromiss, der zu einem Wasserfall mit Öffnungszeiten führte. Zwei Mal pro Tag wird der Wasserfall für Touristen angestellt. Den Rest der Zeit ist er nahezu trocken, und das Wasser wird zur Energieerzeugung genutzt.
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Was ich bislang noch nicht wusste: Wenn das Wiesel EXTREM glücklich ist, dann schießt ein Regenbogen aus seiner Nase!

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Am Rand des Wasserfalls kann man einen steilen und schlammigen Weg ins Tal hinabklettern. Das muss ich natürlich machen, und so anstrengend Ab- und wieder Aufstieg sind, die bizarren Felsformationen lohnen es allemal. Richtig verwunschen sieht das hier aus.

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Auf halben Weg gibt es einen Tunnel. Hier kann man unter dem Wasserfall durchlaufen und auf der anderen Seite von Innen sehen – dabei wird man aber ordentlich geduscht, deshalb lasse ich das.

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Am Fuß der Schlucht lässt sich der Wasserfall in seiner ganzen Pracht bewundern. Ein Wasserschleier liegt über allem, um am Rande des unteren Beckens steht eine Bank mit einem in Stein gehauenen Buch und einem Mantel. Es ist ein Denkmal zu Ehren von Lord Byron, dem viktorianischen Dichter, der angeblich oft Stunden auf einer Bank an dieser Stelle saß, weil er den Wasserfall für das Schönste Ding auf der Welt hielt.

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Der Aufstieg zurück auf den Rand der Schlucht ist eine Qual. Der Weg ist steil wie eine Treppe, oft matschig, und die Temperatur nähert sich der Marke von 30 Grad. Ich bin froh, als ich das Motorrad erreiche und einen Schluck Wasser aus der Feldflasche nehmen kann.

Tour des Tages: Rund 265 Kilometer.

Tour des Tages: Rund 265 Kilometer.

Mittlerweile ist es kurz vor 18 Uhr, aber jetzt habe ich es nicht mehr weit. Von Terni geht es zu einem Ort mit dem schönen Namen Amelia, und dann noch etwas weiter die Landstrasse entlang bis zu einer Kreuzung. Von hier, so habe ich mir vorher auf Streetview angeschaut, geht ein kleiner Weg ab und verschwindet im Wald. Es ist ein Schotterweg mit leichter Steigung, aber nach dem Erlebnis heute morgen kann ich darüber nur milde Lächeln. Nach einer kurzen Fahrt durch den Wald komme führt der Weg durch einen Weinberg, dann an einer Scheune vorbei und schliesslich zu meinem Tagesziel: Das Gehöft Piana delle Selve, die Waldebene.

Nach kurzer Konfusion und einem unverständlichen Gesprächsversuch mir einem Erntehelfer begrüßt mich grummelnd Claudio, der Hausherr. Er ist etwas kleiner als ich, hat aber einen ordentlichen Leibesumfang und eine wilde Rastamähne mit dazu passendem Vollbart. An seinen Unterarmen ziehen sich Tätowierungen entlang, und als wir uns die Hand geben, greife ich an einer Stelle ins Leere – Claudio hat keinen Daumen an der rechten Hand.
Er zeigt mir mein Zimmer und ist sofort wieder verschwunden. Ich stelle die Koffer ab, entledige mich der Motorradklamotten und lasse mich rückwärts auf´s Bett fallen. Der kalte Fliesenboden fühlt sich SO gut unter den Fußsohlen an. Diesen Moment der Ruhe und Entspannung hatte ich mir heute Morgen, beim Kampf in den Bergen herbeigesehnt, und zwischenzeitlich fast nicht geglaubt, ihn unversehrt zu erleben.

Eine Dusche später gehe ich auf Erkundungstour durchs Haus und stelle fest, dass es im Erdgeschoß eine kleine Osteria gibt, in die allabendlich Bewohner aus der Umgebung einkehren. Claudio, jetzt weniger grummelig und viel gesprächiger, stellt mir einen Tisch auf die Veranda vor dem Haus. Es ist herrlich – ein sanfter Wind lässt die Stöcke des Weinbergs schaukeln, die Sonne geht langsam unter, der Hofkater beäugt mich misstrauisch, und der hausgemachte Wein trägt auch zur Entspannung bei.

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In meinem Leichtsinn bestelle ich ein Menu und muss feststellen, dass hier in solchen Mengen aufgefahren wird, dass ich gerade mal die Hälfte schaffe.
Außerdem wollte ich mal mutig sein und habe was bestellt, was ich nicht kannte und das sich als …Leber herausstellte. Das eine Ding, dass bei mir sofort Brechreiz auslöst.

Nur die Vorspeise.

Nur die Vorspeise.

Speisekarte. WAS es gibt, das erzählt einem Claudio. Oder er stellt eine Tafel mit den Gerichten des Tages vor den Tisch.

Speisekarte. WAS es gibt, das erzählt einem Claudio. Oder er stellt eine Tafel mit den Gerichten des Tages vor den Tisch.

Als die Sonne untergegangen ist, wird es schnell sehr kalt. Durch die gut gefüllte Gaststube gehe ich auf mein Zimmer, schreibe noch ein wenig Tagebuch und kann dann gut schlafen. Der Tag heute hat wirklich das Schlimmste (Rumgekraxel am Berg) und das Beste (die Hochebene!) gesehen.

Im nächsten Teil: Das kleinste Theater der Welt und die Unterwelt von Narnia!

——————

Bonusmaterial: Wer will, kann die Fahrt von Castel del Monte über die Hochebene (fast) ungeschnitten sehen. Aber Achtung, der Ton ist original und das ganze fast eine Stunde lang.

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9 Kommentare

Verfasst von - 18. Januar 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

9 Antworten zu “Motorradreise 2013 (6): Das Schlimmste und das Beste

  1. ckater

    18. Januar 2014 at 10:29

    Ich wurde ja schon geteasert und es wurde nicht zu viel versprochen: Dieser Beitrag ist tatsächlich der spannendste und zugleich schönste. Mit Abstand. Ich empfand extreme Spannung (habe ich selten) und hatte eine Gänsehaut (habe ich noch seltener).

    Während der ersten Hälfte war ich froh, dass wir alle wissen, dass es dich noch gibt. Und trotzdem war es spannend, ich musste Passagen mehrfach lesen um meine Vorstellung von dem Weg aufzubauen.

    Das zweier Video war dann der Gänsehaut-Punkt: Großartiger Schnitt auf die Musik, tolle Gesamtkomposition. Höhepunkt: Anhalten, Fahrradfahrer passieren lassen, einmal (!) Atmen und weiter.

    Am Ende eines Beitrages, am Samstag morgen, wenn noch Kaffee da ist aber kein Text mehr, fühle ich mittlerweile immer etwas leer. So wie am Ende einer tollen Serienfolge. Gut, dass noch viele Folgen kommen…

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  2. Rufus

    18. Januar 2014 at 12:11

    Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter. Und würden sich die Leute nicht alle so gegen das Google-Auto wehren, hättest vorher einfach die Streetview der „schönen Straßen“ durchgehen können 😉

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  3. Silencer

    18. Januar 2014 at 12:51

    Modnerd: Danke!! So ein Lob aus dem Mund eines Profis, das macht nicht unerheblich stolz.

    Rufus: Streetview ist in Italien kein Problem und für nahezu jede Straße Verfügbar. Für diesen Weg natürlich nicht – man sieht, bis wohin das Google-Auto gekommen ist, bis der Fahrer dann den Rückwärtsgang eingelegt hat 🙂

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  4. kalesco

    21. Januar 2014 at 12:43

    Unglaublich! Hut ab vor soviel Mut … oder Todesverachtung. bin mir nicht sicher 😉
    Das war nicht schön zu lesen, gar nicht. Da schaue ich doch lieber solchen Aktionen auf DVD zu.
    Schön dass du noch da bist!!

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  5. Silencer

    21. Januar 2014 at 17:42

    Kalesco: Wie beschrieben – keine andere Wahl. Freiwillig mache ich das auch nicht noch einmal 🙂

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  6. Mic

    1. Februar 2014 at 16:56

    Sehr packend geschrieben! Ich muss ja gestehen, dass ich bei der Beschreibung des Höllenritts meine nicht vorhandenen Fingernägel angeknabbert habe. Ich glaube, ich wäre nach so einem Erlebnis einfach umgekehrt und nach Hause gefahren …

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  7. Silencer

    1. Februar 2014 at 21:42

    Danke für das Lob, Mic! Das freut und motiviert!

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  8. Katja

    13. September 2014 at 21:45

    Uffff! Ich hab mich hier beim Lesen schon ein bisschen in die Tastatur verkrallt und war heilfroh, zu wissen, dass du da wieder rausgekommen bist. Unheimlich spannend erzählt und ich bin froh, dass hinterher noch sowas Schönes passiert ist und vor allem auch, dass du diese Dinge, in der Reihenfolge erlebt hast und nicht umgekehrt.

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  9. Silencer

    20. September 2014 at 13:44

    🙂

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