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Ladies Night (ThOP 2014)

19 Jan

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Das Göttinger Theater im OP, kurz ThOP, ist eine wirklich experimentierfreudige Gruppe. Gerne wird bei den Produktionen des Theaters die Grenze zwischen Stück und Realität verwischt. So gab es schon bei „Survivor“ virale Aktionen, die so taten, als käme der Protagonist des Stücks tatsächlich für einen Vortrag in die Stadt. Auch bei der aktuellen Produktion, „Ladys Night“, weiß man schnell nicht mehr, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Das fängt schon bei der Gestaltung der Poster an, die das Publikum nachhaltig verwirrt. Macht das ThOP jetzt wirklich eine Ladys Night mit nackten Kerlen? Oder geht es um ein Stück namens „Ladys Night“, in dem nackte Kerle vorkommen? Und wenn in dem Stück nackte Kerle vorkommen, sind die dann ganz nackt? Das sind wichtige Fragen, und um die beantworten zu können, führen pro Abend hunderte von Frauen Feldrecherche vor Ort durch. „Ladys Night“ ist permanent ausverkauft und macht das ThOP so voll wie selten. Dabei ist das Publikum tatsächlich überwiegend weiblich, am Abend meines Besuchs lag das Verhältnis bei ungefähr 7:1.

Die Geschichte von „Ladys Night“ ist schnell erzählt: Ein Ort wird von der Rezession gebeutelt. Sechs arbeitslose Männer überlegen sich, dass sie mit einer Stripshow Geld verdienen könnten. Also strippen sie, obwohl sie nicht dem Chippendaleschen Schönheitsideal entsprechen. Erst pellen sie sich ungelenk und ahnungslos aus den Klamotten, dann mit grandiosem Erfolg. Ob sie dabei ganz nackt sind oder doch nur ein Bißchen? Auch wenn die Worte nicht ausgesprochen werden, stehen sie im Raum wie ein schlecht getarnter Elefant: Ganz oder Gar nicht! Denn wer es noch nicht erkannt hat: Auf genau dem Film basiert das Stück (Und der Film basierte auf einem Stück, gab das aber nicht zu).

Vermutlich weil die Vorlage so bekannt ist, hält sich das Drehbuch auch nicht lange mit Kleinigkeiten auf und setzt darauf, dass die Zuschauenden fehlende Elemente aus dem Gedächtnis ergänzen oder die Lücken ignorieren. Eine lange Exposition gibt es nicht, zum Umfeld wird kaum ein Wort verloren und (viel zu) schnell ist die Idee der Stripshow da. Ebenso schnell werden die Plotpoints der Geschichte abgeholpert: Selbstzweifel eines Protagonisten? Check. Trainerin, die alle auf Vordermann bringt? Check. Haarwitze? Check.

Diese Fahrigkeit des Drehbuchs ist ein wenig schade, denn so kommt der Geschichte ein wesentlicher Handlungsstrang abhanden: Die Unsicherheit, wie das Ganze bei den anderen Einwohnern ankommt. Es wird nie in Frage gestellt, ob das Vorhaben überhaupt gelingen kann. Vom ersten Moment scheint festzustehen, dass die Show der Amateurstripper ein Erfolg wird und die Stadt sie bewundert, wenn sie es nur durchziehen. Lediglich auf den Aspekt der Überwindung wird eingegangen, durch das temporäre Zieren der Hauptdarsteller. Auch hier mischen sich wieder die Ebenen, denn es muss auch den Darstellern des ThOP nicht leicht gefallen sein, sich im Stück so darzustellen und im wahrsten Wortsinn die Hosen runter zu lassen.

Tatsächlich ist das Stück vor allem wegen der Darsteller ein Erlebnis. Sie sind glaubhaft gecastet und spielen gut, aber am meisten Respekt muss man ihnen für den Mut zollen, sich gänzlich nackt zu präsentieren. Zudem wartet die Produktion immer wieder mit feinen Details und lustigen Einfällen auf, vom perfekten Mann („Ein Bassspielender Mönch mit Haus auf Hawaii“) bis hin zu einem kompletten Auto (!) auf der Bühne.

Die Geschichte rotiert tatsächlich auch nur um die Tanz- und Stripszenen, und auch hier werden wieder die Ebenen gemischt – denn tatsächlich ist ein Großteil des Publikums genau an denen unverhohlen und am meisten interessiert. Man stelle sich das mal umgekehrt vor: Ein Stück mit dem Namen „Männernacht“, das mit einem Dekolleté beworben wird und Brüste in Aussicht stellt. Was gäbe es da für Proteste! Anders herum ist es aber erlaubt, und so wurde an diesem Abend das Stück „Ladys Night“ zur realen Ladys Night für mindestens 200 proseccogefüllte Frauen. Die hatten ihren Spass und forderten laut „Zugabe“ nach dem letzten Strip. Die dann aber dankenswerter Weise nicht kam.

Zusammengefasst: Trotz Handlungshüpfern und merkwürdiger Schwerpunktsetzung: Wer die Gelegenheit hat, sollte sich das Stück im ThOP ansehen. Auch wenn er, wie ich, männlichen Geschlechts ist und, wie ich, die Vorlage unkomisch fand: In „Ladys Night“ können auch Männer ihren Spass haben.

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Ladys Night
Theater im OP
Noch bis 01.02.14 (allerdings ausverkauft, Karten nur noch an der Abendkasse)

 
2 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2014 in review

 

2 Antworten zu “Ladies Night (ThOP 2014)

  1. Leandrah

    21. Januar 2014 at 12:16

    ich finde es echt mutig sich einer Zuschauer Schar nackt zu präsentieren . Irgendwer hat mal gesagt wenn du auf einer Bühne stehst und musst eine Rede halten, du aber noch nie vor so einer Menge Leute standest dann hilft nur eins , schließe kurz die Augen öffne sie langsam wieder so wie ein Vorhang aufgeht und stell dir das Publikum nackt vor.Dann ist die Nervosität weg.

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  2. Silencer

    21. Januar 2014 at 17:41

    Funktioniert bei mir nicht. Ich habe immer Lampenfieber, bekomme es dann aber doch immer gut hin frei zu sprechen.

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